29.08.2010

Zum Vorlesen. Wie Poli lernt, endlich mal ein Tor zu schießen

Seine Mutter steht in seinem Zimmer und ruft: „Poli, aufstehen! Der Tag hat begonnen!“ Poli will aber nicht aufstehen und tut so, als ob er noch schläft. Er hält seine Augen fest geschlossen. Er hatte gerade einen Traum. Ein Mann hat ihm gezeigt, wie man den Ball am besten ins Tor schießen kann. Und das war ihm im Moment am allerwichtigsten, wie man ein Tor macht. Jetzt aufzustehen, seine Zähne zu putzen, runter zu gehen und ein Brot zu essen, dazu hat Poli gar keine Lust. Seine Mutter lässt aber nicht locker. Sie zieht die warme Decke von seinem Bett und sagt: „Hopla Poli, komm, dein Vater wartet schon!“

Poli hasst es, wenn seine Mutter ihn weckt. Sie macht das jeden Morgen so. Sie will immer Zähne putzen, runter gehen und Brot essen. Und dann mit dem Fahrrad in den Kindergarten fahren. Auch wenn es regnet oder schneit. Und Poli hasst es, wenn er im Regen Fahrrad fahren muss, weil er dann nass wird. Seiner Mutter ist das egal. Sie sagt dann: „Poli, manchmal ist es eben so, dass man nass werden muss!“ Poli sieht das aber anders. Er meint, wenn es regnet, dann kann er doch einfach zu Hause bleiben, oder?

Noch hält er seine Augen geschlossen. Der Mann mit dem Ball ist noch immer da. Er schaut lachend auf Poli und fragt: „Na, was machen wir jetzt? Hören wir auf?“ Und bevor seine Mutter weiterredet, sagt er zu dem Mann noch schnell: „Bitte, bitte, bitte, komm morgen wieder, dann können wir weiter machen!“ „Gut“, sagt der Mann, „dann bis morgen. Ich bringe den Ball mit.“

Poli dreht sich um und öffnet seine Augen. Seine Mutter schiebt gerade die Gardinen zur Seite und öffnet das Fenster. Poli spürt die kalte Luft auf seiner Haut. Er hasst kalte Luft, vor allem früh am Morgen. Langsam bewegt er sich zum Rand seines Bettes, lässt seine nackten Füße runter fallen und streckt seine Beine aus. Jetzt steht er. „Komm“, sagt seine Mutter, „wir haben nicht viel Zeit“. Der Mann mit dem Fußball ist aber noch immer nicht verschwunden. Er steht jetzt neben dem Kleiderschrank und sagt: „Also, bis morgen!“

„Ja, bis morgen“, antwortet Poli. „Was sagst du?“, fragt seine Mutter. „Nichts“, sagt Poli. Er schaut auf den Stuhl neben dem Schrank. Dort hat seine Mutter seine Kleider bereit gelegt. Ganz unten seine rote Hose, darauf sein blaues Shirt mit den springenden Delphinen, dann seine Unterhose, seine roten Socken und ganz oben seine schwarzen Schuhe. Er liebt seine schwarzen Schuhe, weil er damit ganz gut Fußball spielen kann. Er hasst es aber seine Kleider anzuziehen: erst die Unterhose, dann die Socken, dann das Shirt mit den Delphinen, dann seine Hose und dann seine Schuhe.

Der Mann mit dem Ball ist jetzt verschwunden. Poli fühlt sich ein bisschen alleine. „Ich will die Delphine nicht“, sagt er zu seiner Mutter. „Nein?“, antwortet sie, „und warum nicht? Deine Tante hat das Shirt für dich aus Griechenland mitgebracht!“ Aber Poli mag heute die Delphine nicht, und seine Tante und Griechenland sowieso nicht. In einem blauen Shirt mit Delphinen aus Griechenland werden keine Tore geschossen. Und ganz sicher nicht, wenn auch noch seine Tante dabei ist.

„Dein Vater wartet noch immer“, sagt seine Mutter. Poli geht jetzt ins Badezimmer, wo die Zahnbürste wartet. Sie steht in einem Glas und riecht nach Pfefferminz. Neben dem Glas liegt eine Tube Zahnpasta. Auch sie riecht nach Pfefferminz. Alles im Badezimmer riecht nach Pfefferminz. Und Poli hasst heute den Geruch von Pfefferminz. Wie soll man mit dem Geruch von Pfefferminz in seiner Nase ein Tor schießen?

Seine Mutter steht neben Poli und schaut zu. „Ich bin gespannt“, sagt sie. Poli weiß ganz genau, was seine Mutter damit meint. Wenn sie sagt, dass sie gespannt ist, muss Poli aufpassen. Er klettert auf den Hocker, will mit seiner rechten Hand nach der Zahnpasta greifen und hört schon, dass er falsch liegt. „Nein Poli“, sagt seine Mutter, „die Zahnpasta kannst du am besten in deiner linken Hand nehmen. Die rechte Hand ist für die Bürste. Das weißt du doch schon? Gestern hast du es richtig gemacht.“

Gestern? Gestern hat Poli Fußball gespielt. Mit Bruno und Vanessa und Kevin und Daniel. Und beinah hat Poli ein Tor geschossen! Poli erinnert sich noch deutlich daran. Daniel hatte den Ball von links gespielt. Vanessa stand im Tor. Und Poli hatte geschossen, mit seinem schwarzen linken Schuh. Oder mit dem rechten Schuh? Und den Ball voll getroffen. Pöff hatte der Ball gesagt. Richtig pöff! Vanessa hat den Ball leider mit ihrer linken Hand gestoppt. Oder war es mit ihrer rechten Hand? Und Bruno hatte gesagt: „Poh, poh, das war beinah ein Tor!“

Poli steht auf dem Hocker. In seiner linken Hand hält er die Tube Zahnpasta, in seiner rechten Hand die Bürste. In den Spiegel kann er nicht schauen, weil er zu klein ist. Das macht ihm aber nichts. Er weiß doch, dass im Spiegel der Mann mit dem Ball wartet. „Ja, morgen“, sagt er, „morgen machen wir weiter“. „Was meinst du?“ fragt seine Mutter. „Nichts“, sagt Poli. Und er versucht die blaue Pasta auf die Bürste zu kriegen. Es gelingt! „Gut so“, sagt seine Mutter, „ein bisschen weniger hätte allerdings auch gereicht“.

22.08.2010

Angelo Poliziano. Brief an seinen Freund Pico della Mirandola

Salve! Heute war ich im Garten unterhalb von Montepulciano, wo ich als Kind immer wieder gespielt habe. Weil ich schon so lange aus meiner Heimatstadt weg bin, und die Menschen mich nicht erkennen, konnte ich ungestört umher gehen. Es war heiß, unter dem Schatten der Obstbäume war es aber kühl. Die Erinnerungen die auftauchten, bestätigten mir nochmals, was ich schon wusste: ich lebte als Kind in einem Traum. So ist es lieber Freund: alles was ich in meinem Leben gedacht und geschrieben habe, ist eine Verarbeitung dieser kindlichen Träume. Ich habe nie etwas gedacht, was ich als Kind nicht schon geträumt hatte.

Am späten Nachmittag habe ich mich an die Stelle gewagt, wo damals der Leichnam meines Vaters gefunden wurde. Die kennst die Geschichte: er wurde – ich war zehn Jahre alt – wegen seiner Beziehung zu den Medicis in Firenze umgebracht. Wo seine Feinde ihn ermordet haben, ist nicht bekannt, die Stelle wo sie seinen Leichnam entsorgt haben, aber schon. Sie haben ihn unten bei der Stadtmauer in eine Quelle geworfen, gerade dort, wo ich als Kind immer wieder vorbei kam, wenn ich nach Hause wollte.

Ich hatte heute den Mut, mir die Stelle anzuschauen. Sie sah verlassen aus. Über dem quadratischen Loch, etwa zwei Mal zwei Meter, wachsen Buchse, die wie Arkaden über dem regungslosen Wasser stehen und es bedecken. Ich weiß noch, dass ich damals als Kind am Abend in das tiefe und dunkle Wasser schaute, um die ersten Sterne gespiegelt zu sehen. Heute wurde nichts gespiegelt – als ich mich nach vorne beugte – auch nicht mein Gesicht. Mir schien es so zu sein, dass die Quelle ihre Augen definitiv verschlossen hatte.

Du weißt, wie es damals weiter gegangen ist. Ich wurde nach Firenze geschickt und in der Familie von Lorenzo de Medici aufgenommen. Dort lernte ich die griechische Sprache kennen und übersetzte schon als Jugendlicher Fragmente aus den Werken von Homer. Marsilio Ficino und Christopher Landino wurden meine Lehrer. Sie führten mich in die Philosophie der Antike ein – vor allem in die Denkweise Platons, obwohl ich innerlich eher bei Aristoteles zu Hause war. Später wurde ich beauftragt, die Erziehung von Giulio, Piero und Giovanni, den Söhnen von Lorenzo und Clarissa, in die Hand zu nehmen.

Ich habe damals die schrecklichen Ereignisse mit meinem Vater schnell vergessen, so, als ob sie gar nicht zu meinem Leben gehörten. Sein Tod wurde in mir zu einem Loch, das zugewachsen ist. Im Nachhinein muss ich aber feststellen, dass dieses Loch mein ganzes weiteres Leben, mein Denken und mein Dichten grundsätzlich bestimmt hat. Alleine meine Neigung zum aristotelischen Denken und meine Abwehr gegen die im Träumen verankerte Sichtweise von Platon – ach, wie sehr hat Marsilio sich immer wieder geärgert! – lag in der Tatsache begründet, dass für mich der Schreck des Todes immer und überall lauert. Ist Aristoteles letztendlich nicht der große Philosoph des Todes?

Ich wollte nie ein Philosoph sein. Ich wollte mich, ohne es zu wissen, durch den Tod meines Vaters zu den Träumen meiner Kindheit zurück arbeiten, aber so, dass die poetischen Bilder rückwärts durch das Nadelöhr des Todes reifen konnten. Ich wollte, lieber Pico, als Dichter die Träume meiner Jugend im Lichte des Todes überprüfen. Und so verstand ich auch die Werke Homers: sie stellen die Frage der Katastrophe. Wenn Troja gefallen ist und die Helden tot sind, welche Bedeutung haben die Ereignisse dann im Nachhinein?

Als ich heute am frühen Abend an dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin, vorbei ging und das Fenster meines Schlafzimmers sah, brach mein Herz. Jeden Morgen hing ich damals aufgeregt aus dem Fenster, danach verlangend, mich in den Tag hinein zu begeben. Wie unschuldig, hoffnungsvoll und unbefangen sind wir als Kinder! Und wie weit entfernen wir uns als Erwachsene von dieser spontanen Freude? Liegt in dieser Frage nicht die eigentliche Aufgabe der Poesie und der Philosophie: Was sagt die Kindheit eigentlich über die Natur des Menschen aus? Welche Bedeutung-für-sich, ich meine: nicht nur als „Vorbereitung“, sondern als „Zustand“, hat die Kindheit zwischen Geburt und Tod? Oder anders gesagt: was aus der Kindheit ist deutlich stärker als der Tod?

Ich war noch in Gedanken versunken, als die Seitentür des Hauses sich öffnete, dort, wo damals das Getreide in den Speicher gebracht wurde. Eine alte Frau erschien, ich erkannt sie sofort als unsere Köchin. Verwirrt drehte ich mich um, machte ein paar Schritte und hörte sie dann sagen: „Angelo? Angelo? Bist du es?“ Ich wendete mich zu ihr und sagte: „Ja, Lucia, ich bin es...“ Sie kam auf mich zu, schaute mir in die Augen und sagte: „Ja, du bist es! Ich sehe es in deinen traurigen Augen.“ Und sie wies auf die alte Bank an der anderen Seite der Straße und sagte: „Komm, erzähl mir von Firenze!“

15.08.2010

Integration (3). Über Albertus Magnus und ein strahlendes Herz in Köln

In Köln gibt es eine Handvoll Leute, die ganz vorsichtig, so wie man das zurzeit ganz bescheiden macht, auf die natürlich unwahrscheinliche Möglichkeit schauen, ein „anthroposophisches“ Zentrum zu eröffnen. Die Urheberin der noch-nicht-oder-vielleicht-doch Initiative ist Anne Marisch, meine Kollegin im Seminar für Waldorfpädagogik. Sie wird in ein paar Jahren in Rente gehen, meint jedoch, dass für die Stadt Köln „noch mal etwas Gutes getan werden könnte“. Und damit ist die Frage gestellt: was gäbe es Gutes für die Metropole am Rhein?

Erst hat Anne Marisch gezögert, mir dann aber doch erlaubt, von ihrer Idee zu berichten. Es gibt Vorbilder: Basel-Mitte in Basel, Forum Kreuzberg in Berlin, Forum Drei in Stuttgart... So eine Einrichtung fehlt in Köln. Aus irgendeinem Grund ist die Präsenz der Anthroposophie in Köln immer mehr oder weniger versteckt geblieben, ich meine: es gibt natürlich eine Menge anthroposophischer Initiativen und Einrichtungen, wie Waldorfschulen, Waldorfkindergärten, zwei Gemeinden der Christengemeinschaft, Ärzte und Therapeuten, ein Seminar für Waldorfpädagogik, eine Buchhandlung und ein Bildungswerk, ein für alle Kölner erkennbarer und streitbarer „Kulturort“ ist in der Stadt aber nie entstanden.

Die Rheinmetropole wird noch immer stark von der Katholischen Kirche geprägt. Direkt an der großen Kathedrale befindet sich das Domforum, ein Ort der Katholiken, in dem die aktuellen Themen des Lebens in der Großstadt energisch angesprochen und diskutiert werden. Obwohl die geistige Führung in Köln, der Bischof und sein Stab also, eher dogmatisch orientiert sind, lebt im Domforum manchmal ein sprühender Geist, offen für die Fragen der Zeit. In Köln ist katholische Kirche nicht immer gleich katholische Kirche.

Ohne Weiteres einfach ein „anthroposophisches“ Zentrum zu eröffnen, würde allerdings nicht funktionieren. Mir scheint die Zeit längst vorbei zu sein, in der die Anthroposophie-als-Weltanschauung in der Öffentlichkeit eine Wirkung hat. Nein, ein anthroposophisches Zentrum in Köln müsste eine erkennbare und spezifische Idee ausstrahlen, eine Sichtweise auf das Leben in der Stadt, die von allen Einwohnern sofort verstanden wird. Mir scheint diesbezüglich die Idee der Integration eine fruchtbare Quelle zu sein.

Es ist schon erstaunlich zu sehen, wie wenig Anthroposophen sich in den öffentlichen Diskurs über die Fragen der Integration einbringen. Integration ist ein dringendes Thema in ganz vielen Bereichen des Lebens: im sozialen Leben, in der Pädagogik und der Bildung, im Bereich des Rechts, in der Religion, in der Wirtschaft... Und die anthroposophische Art des Erkennens wäre wohl im Stande, auf die Fragen der Integration ein neues Licht zu werfen.

Ein Ort der Integration könnte eine Werkstatt des Schicksals sein. Man könnte sich zum Beispiel Kurse vorstellen, in denen die Biographien der Menschen im Lichte der Begegnung mit der (deutschen) Leitkultur angeschaut werden. Eine Frage an dieser Stelle wäre: warum sucht ein Mensch aus der Türkei das Leben in Deutschland? In welcher innerlichen und äußerlichen Lage befindet sich ein Mensch aus Iran, der sich vielleicht eher Perser nennt? Und umgekehrt: was bedeutet die Präsenz der Türken und Perser für Menschen, die in Deutschland aufgewachsen sind?

Auch könnte man sich einen Rechtsbeistand vorstellen, um Menschen in Bezug auf die oft schwierigen Migrationsregeln zu beraten. Die juristische Beratung könnte sich mit der oben genannten biographischen Frage verbinden: sehr oft verstecken sich hinter rein sachlichen Problemen noch andere Fragestellungen, die eher sozialer oder kultureller Natur sind. Mit rechtlichen Fragen geht manchmal eine soziale Isolierung einher, die im Rahmen eines Ortes des Schicksals aufgehoben werden könnte.

Ein Ort der Integration wäre ein Ort der Begegnung. Schriftsteller, Musiker, Wissenschaftler, Aktivisten und Vertreter der Religionen könnten eingeladen werden, um über brennende Themen zu sprechen: alles zwischen Burka-ja-oder-nein und die unterschiedlichen spirituellen oder gerade-nicht-spirituellen Weltbilder könnten in Vorlesungen, Podiumsgesprächen oder Workshops verarbeitet werden. Mich würde dabei vor allem auch interessieren, welchen Stellenwert das esoterisch-spirituelle Denken in den unterschiedlichen Religionen hat und wie der Weg der Verinnerlichung gedacht und praktiziert wird.

Ein wichtiges Feld würde die Pädagogik ausmachen. Die Waldorfpädagogik ist im „christlichen“ Diskurs in Europa entstanden und dort eingebunden, befindet sich allerdings glücklicher Weise weltweit in einer spannenden Lage: wie verbindet sich die christliche Tradition mit den islamischen, hinduistischen, buddhistischen und indianischen (wie in den Anden) Traditionen? Der eigentliche Diskurs ist längst eine integrative Angelegenheit geworden, ist aber in europäischen Städten wie in Köln noch nicht wirklich angekommen.

Das Seminar für Waldorfpädagogik in Köln hatte im Laufe der letzten Jahre mit Menschen aus Peru, Kuba, der Türkei, Iran, Japan, Südkorea und den slawischen Ländern zu tun. Und immer wieder tauchten dadurch interessante Fragen auf: wie verhalten sich die alten Weisheiten von Zarathustra, die noch immer in Persien/Iran lebendig sind, zu den spirituellen Inhalten des esoterischen Christentums? Oder wie steht es diesbezüglich mit den mythischen Vorstellungen aus den Anden (wie in meinem Buch „Armut als Schicksal“ beschrieben)? Wenn die Anthroposophie sich als ein Angebot für die ganze Menschheit versteht, müssten die unterschiedlichen Traditionen integriert werden.

Was wird aus Köln? Der spirituelle Forscher Marko Pogacnik meint, dass sich in Köln zurzeit ein neues „Herz-Chakra“ in der Erde öffnet. Und ich glaube, dass das stimmt: etwas in Köln fängt an zu leuchten – ich werde vielleicht irgendwann in den nächsten Wochen versuchen, das zu beschreiben... Das Herz ist überhaupt das Organ-der-Integration. Mit einer Variation auf eine bekannte Aussage des Kölner Helden Albertus Magnus: „Das Herz ist so groß, das alles hinein passt“.

08.08.2010

Integration (2). Abgründe und Schatten in der deutschen Leitkultur

Das Empfinden, dass man nicht in Deutschland, Russland, Afghanistan, Japan oder Bolivien geboren worden ist, sondern auf einem Planeten namens Erde, irgendwo und irgendwann, könnte man mit den Worten Rudolf Steiners als „michaelisch“ bezeichnen. Den Erzengel Michael, der unterwegs ist um zu einer höheren Stufe in den göttlichen Hierarchien aufzusteigen, zu den Archai, könnte man auch den Begleiter der Mondialisierung nennen. In seiner Welt gibt es keine Völker und Nationalitäten mehr, nur noch Individuen, die sich im Spiegel der ganzen Menschheit sehen wollen.

Den Spiegel findet man überall. Man braucht nicht in die Ferne zu reisen, um dem Fremden zu begegnen. In jeder Großstadt ist die ganze Welt vertreten. In meinem kleinen Viertel in Köln, in Anlehnung an Paris liebevoll „Kwartier Latäng“ genannt, trifft man Menschen aus Iran, dem Irak, Ägypten, Polen, Rumänien, der Türkei, Italien, Thailand, Argentinien, Peru und natürlich aus Holland... Mondialisierung heißt, dass die ganze Menschheit an jedem Fleck der Erde kulturell vertreten sein möchte.

Was ist das für eine Tätigkeit, in den Spiegel der Menschheit zu schauen? Integration beinhaltet weitaus mehr, als sich an die Werte und Gepflogenheiten einer dominanten Kultur – man spricht wohl von Leitkultur – anzupassen. Das Lernen einer Sprache, in Deutschland Deutsch, in Frankreich Französisch, in Amerika Englisch, ist eine notwendige Voraussetzung für eine Annäherung an die jeweilige Leitkultur. Deutsch als Fremdsprache zu sprechen und zu schreiben ist allerdings mehr als eine rein sprachliche Angelegenheit – es bedeutet ein Eintauchen in eine bestimmte Art und Weise auf das Leben und die Welt zu schauen.

Die deutsche Leitkultur spiegelt ein paar große Aspekte des Mensch-Seins. Ich bin nicht im Stande die Sichtweisen dieser Kultur adäquat zu beschreiben, dazu braucht man Erkenntnisse, die ich nicht habe. Was mir allerdings immer wieder an der deutschen Leitkultur auffällt, ist erstens eine intime Beziehung zu Begriffen. In Deutschland, wesentlich stärker als in Spanien oder England, werden Begriffe bis zu Ende gedacht. Zu den Deutschen scheinen mir die Neigung und die Fähigkeit zu gehören, Gedanken klar zu formulieren und von der Sphäre des Traumhaften zu befreien. Begriffe müssen „genau“ sein, fast „juristisch“ abgeklärt. Die eher intuitive Art und Weise auf Gedanken hinzuweisen, wie die Engländer das machen („Well, you know what I mean, don´t you?“), ist für manche Deutsche unerträglich.

Zweitens fällt mir immer wieder auf, dass die Deutschen – anders als zum Beispiel die Franzosen –Begriffe nicht als persönliche Schöpfungen verstehen. In der deutschen Leitkultur haben Ideen eigentlich keinen Autor und werden auch nicht als Schmuckstücke verstanden, mit denen man die eigene Persönlichkeit ziert. Begriffe sind quasi objektive Gegebenheiten, die frei im Raum schweben und nicht an Personen gebunden sind. Ich habe öfters bemerkt, dass dies für manche Deutsche so selbstverständlich ist, dass sie nicht einmal verstehen, was ich hier meine.

Drittens umfasst die deutsche Leitkultur einerseits die höchsten Ideale (Friedrich Schiller ist diesbezüglich das große Vorbild), andererseits die Banalität des Bösen (Hannah Arendt). Nicht, dass die Deutschen die enorme Spannweite auch immer denken könnten, nein, ich würde sagen: in gewissem Sinne gerade noch immer nicht, aber FÜHLEN können sie sie allerdings. Mit diesem Fühlen geht ein Ernst einher, der auf einer Ehrfurcht vor den Höhen und Tiefen („Stirb' und Werde“) des Lebens beruht. Manchmal wirkt der Ernst wie eine unterschwellige Schwere, die nicht locker lässt.

Integration fängt mit Begegnung an, und zwar mit einer, die von mir aus gewollt wird. Erst wenn ich bereit bin, mich im Antlitz des anderen Menschen zu ändern, oder vielleicht besser gesagt: zu vervollständigen, findet Integration statt. Die Sache ist nicht nur, dass ich mich in eine fremde Kultur integriere, sondern vor allem auch, dass ich dem Fremden in mir einen Platz gebe. Letztendlich findet Integration in mir statt. Diesbezüglich scheint es mir allerdings so zu sein, dass der oben erwähnte Ernst der Deutschen manchen Fremdlingen richtig Schwierigkeiten bereitet.

Türken, Perser, Latinos, ja, auch die Holländer, ärgern sich manchmal an der – als peinlich erlebten – pünktlichen Genauigkeit der Deutschen. Und sie können manchmal die unterschwellige Schwere nicht nachvollziehen, das Misstrauen, die Distanz... Sie klagen zum Beispiel darüber, dass die Reisenden in den deutschen Zügen kaum mit einander plaudern: jeder verbirgt sich hinter seinem Laptop oder seiner Zeitung. Solange man allerdings als Fremdling vor dem Schatten des Ernstes stehen bleibt und sich nicht auf das Wesentliche einlässt, wird man nicht nur ausgeladen, sondern man lädt sich auch selber aus.

Es scheint mir schon zu stimmen, dass die Deutschen sich seit dem Holocaust selber nicht mehr verstehen. Aber sie fühlen umso mehr. Im Lichte der Integration ist ein ganz bestimmter Gedanke entscheidend, nämlich dieser: der Ernst der Deutschen, inklusive ihrer Schatten, betrifft eine Angelegenheit, die alle Menschen auf dem Planeten namens Erde angehen: die Empfindung, dass das Leben Abgründe kennt. Sich in die deutsche Leitkultur hinein zu begeben, bedeutet auch, sich auf diese Abgründe einzulassen. Um es mit Rudolf Steiner zu sagen: in einer michaelischen Kultur schaut man dem Drachen, der aus dem Abgrund aufsteigt, voll bewusst in die Augen.

01.08.2010

Integration (1). Über den Diskurs zwischen Islam und Christentum

Mit Integration ist ein Geschehen gemeint, das sich weltweit vollzieht. Überall in der ganzen Welt gibt es kleinere Völker, Gruppen von Menschen und auch individuelle Personen, die sich mit einer vor Ort herrschenden dominanten Kultur und einem ihnen fremden Lebensstil abzufinden haben. Manchmal integrieren die kleineren Einheiten sich gerade nicht, sie zeigen Berührungsängste und haben die Neigung sich abzuschotten, meistens aber finden sie eine Balance zwischen Eigenheit und Gemeinsamkeit. Das gegenseitige Suchen nach dieser Balance könnte man Integration nennen.

Integration ist eine uralte Angelegenheit. In allen großen, ehemaligen, kulturellen und wirtschaftlichen Zentren dieser Welt – Uruk, Persepolis, Athen, Damaskus, Bagdad, Rom, Toledo, Paris, New York, Singapur – lag und liegt das spannende Vibrieren-in-die-Zukunft-hinein in der Tatsache, dass unterschiedliche Kulturen sich trafen und treffen. Alleine Europa ist vom Zusammenkommen unterschiedlicher Kulturen geprägt, die in einem Blogtext vollständig aufzulisten nicht möglich wäre.

Aus europäischer Sicht hat die Integration zwei Achsen. Die erste bewegt sich zwischen Ost und West, die zweite verbindet Nord und Süd. Die Ost-West Achse ist die ältere, sie ist schon in der Antike klar zu erkennen (Athen und Persepolis) und hat zum Beispiel zu den Eroberungszügen von Alexander dem Großen geführt. Zurzeit erleben wir eine Ausweitung dieser Achse: auch China – seit dem Besuch von Richard Nixon in Peking 1972 – lässt mittlerweile lautstark von sich hören. (Interessant ist übrigens, wie ich schon in meinem Blog über Singapur geschrieben habe, dass diese Achse sich verdoppelt hat: sie läuft einerseits noch immer über Europa, andererseits allerdings über den Stillen Ozean, anders gesagt: ohne die Beteiligung Europas.)

Die Nord-Süd Achse ist grob mit dem Stichwort Kolonialisierung anzudeuten. Wie Eduardo Galeano in seinem Buch „Die offenen Adern Lateinamerikas“ deutlich gemacht hat, ist sie zu einer Beziehung zwischen Tätern und Opfern geworden. Was wir in Europa Aufklärung und Modernisierung nennen, ist mit den südamerikanischen Bodenschätzen (Gold, Silber, Wald) finanziert worden. Und wer sich zum Beispiel in Spanien auskennt, wo Millionen Immigranten aus den südamerikanischen Ländern leben, weiß, dass die Beziehungen noch immer peinlich asymmetrisch sind.

Die Integration findet ihren Grund in dem Umstand, dass die Zeit schon längst vorbei ist, in der man in Holland, Italien, Peru, Irak oder Indien geboren wird – denn man wird heute auf einem Planeten namens Erde geboren. Die (historische) Einteilung der Nationalstaaten als Rechtsprinzip stimmt mit dem allgemeinen Empfinden nicht mehr überein – auch eine Sache des Rechts! – dass jede Person frei sein müsste, genau dort zu leben, wo sie leben möchte. Moderne Biographien halten sich in ihrer Entfaltung nicht unbedingt an Landesgrenzen, die in der Vergangenheit immer wieder umkämpft worden sind. (Auch interessant: Gerade um Grenzen hat es oft Streit gegeben.) Das Recht hat einen Pferdefuß: es kommt mit dem freien Geist nicht mit.

Nun wird meistens gemeint, dass sich Nationalstaaten hauptsächlich aus wirtschaftlichen Gründen gegen Fremdlinge abschotten. Die westlichen Länder, so heißt es (und das meint auch Galeano), verteidigen ihren Reichtum gegen die Armut in östlichen und südlichen Ländern. Natürlich spielen wirtschaftliche Interessen eine große Rolle, entscheidend scheinen sie mir allerdings nicht zu sein. Ich glaube eher, dass die Abschottung in einer Angst vor anderen „Epistemen“, das heißt: vor anderen „Wahrheits- und Erkenntnissystemen“ begründet liegt. In westlichen Ländern fühlen sich manche Menschen in ihren intellektuellen, religiösen und moralischen Sichtweisen auf das Leben und die Welt bedroht.

Wenn zurzeit in der Öffentlichkeit Frankreichs, Belgiens, Hollands und Deutschlands von Integration gesprochen wird, handelt es sich allerdings immer um ganz bestimmte Gruppen von Menschen, vor allem um Türken, Kurden, Marokkaner (in Holland) und um Araber. Mit Persern, Indern, Afrikanern, Chinesen oder Brasilianern scheint niemand ein Problem zu haben. Dieser Umstand beinhaltet natürlich erst einmal eine sehr gute Nachricht: ganz viel Integration macht offenbar auch Spaß. Die Frage ist allerdings, warum gerade Türken und Araber ins Visier gekommen sind. Welche „Aussagen“ machen sie über das Leben und die Welt, die gerade in so genannten aufgeklärten Ländern so viele Schwierigkeiten erzeugen? Dürfte man nicht meinen, dass gerade die aufgeklärten Kulturen im Stande sein müssten, das Fremde in sich aufzunehmen oder zumindest frei im Raum stehen zu lassen?

Vor dreißig Jahren lernte ich Hamadi kennen, einen liberalen Muslim aus Tunesien, der in Amsterdam lebte. Mit seiner holländischen Frau Eva hatte er zwei Kinder aus seinem Heimatland adoptiert. Die Gespräche, die wir damals über den Islam und das „freie“ Leben in Amsterdam führten, waren richtig verzwickt. Wahrheiten prallten auf einander, Widersprüche gab es bei ihm und bei mir an allen Ecken. Und auch wenn Hamadi liberal war, vertrat er eine Sichtweise, die ich nur schwer akzeptieren konnte.

Er meinte, dass die Menschen im Westen nur wirtschaftlich orientiert seien. Die Holländer nannte er „Kaufleute“, die in ihren Beziehungen zu anderen Völkern nur einen ökonomischen Mehrwert sähen, letztendlich um die eigenen „modernen Gelüste“ ausleben zu können. Die Holländer hätten Gott längst verloren, auch wenn sie vielleicht am Sonntag brav in die Kirche gingen. „Der aufgeklärte Protestantismus“, so meinte Hamadi, „ist die teuflische Kunst Lust und Moral bequem zu trennen“. Ich musste einräumen, dass ich gegen diese Sichtweise nichts einzuwenden hatte.

Umgekehrt fand ich allerdings seinen Gott SEHR streng. Allah überlässt die Moral nicht der freien Entscheidung der Einzelnen, bestimmt was Männer, vor allem auch Frauen und Kinder sollen oder gerade nicht sollen, und schreibt genau wie im Alten Testament vor, was richtig und falsch ist. „Der Islam“, meinte ich, „hat ein Problem mit dem, was wir im Westen zu Recht hoch halten: der Möglichkeit frei und unbefangen zu denken“. Um sich von den Vorschriften im Islam zu befreien, muss man nicht nur liberal, sondern SEHR liberal sein.

Im Diskurs zwischen Islam und Christentum scheint es mir um die sich spiegelnden Fragen zu gehen: muss man, wie Friedrich Nietzsche, Gott in sich selber töten (oder „einfrieren“ - der protestantische Gott ist bekanntlich ein kalter Gott!), um aufgeklärt und frei von Ihm zu sein? Und kann man umgekehrt eine Beziehung zu Gott (zu Allah) haben, ohne Seine schriftlichen Festlegungen ins Zentrum seines Denkens zu stellen? Beide Fragen scheinen mir richtig zu sein. Und beide Fragen bewegen sich in den Herzen beider Kulturen, die übrigens – mit dem Judentum – einen gemeinsamen Ursprung haben.

24.07.2010

Dankbar Fragmentarisches. Über eine Reformschule in Utrecht

Weil ich damals als Schüler als hoffnungsloser Fall eingestuft wurde, untersuchte mich ein Psychologe. Er öffnete mit zwei wunderbaren Vorschlägen auf einmal in meinem Leben einen unerwarteten Raum. Erstens meinte er, dass ich in eine Reformschule geschickt werden solle, weil eine „normale“ Schule mir offensichtlich zu langweilig sei. Zweitens meinte er, dass ich mich mit dem Gedanken anfreunden solle, Journalist zu werden. Journalisten, so meinte er, seien ja immer unterwegs, irgendwie ungebunden und irgendwie doch nützlich. „Das Einzige was ihr Sohn kann“, so sagte er meinem Vater, „ist schreiben. Alles andere liegt außerhalb seiner Möglichkeiten“.

Irgendwie ungebunden und irgendwie doch nützlich... Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass diese Worte mich bis zum heutigen Tag begleiten... Das Gefühl, in nichts Normales hinein zu passen und doch auf eine unbestimmte Art und Weise mitmachen zu können, ist einer der Grundempfindungen meines Lebens. Und gerade diese Grundstimmung herrschte in der „Openbare IVO-School“, einer Reformschule in Utrecht, die von dem ehemaligen Journalisten Tjeerd de Boorder geleitet wurde. In dieser Schule hatten sich etwa zweihundert Lehrer und Schüler zusammengefunden, die irgendwie komplett daneben und doch irgendwie komplett mittendrin waren. Die Schule war eine Werkstatt des Ungewöhnlichen.

Tjeerd de Boorder war ein Phänomen. Es konnte geschehen, nein: Es geschah tatsächlich immer wieder, dass er auf einmal alle Schüler und Lehrer in die Turnhalle rief, um unter Tränen ein Gedicht von Goethe oder Schiller vorzutragen, immer ein deutsches Gedicht... Er stand da ganz vorne, brauchte gar nicht um Stille zu bitten und fing gerührt und getragen an mit: „Wer reitet so spät durch Nacht und Wind“, und als er beim letzten Satz angekommen war: „Das Kind war tot“, hatte sich eine sentimentale Betroffenheit unter allen Zuhörern breit gemacht. Tjeerd de Boorder schaffte es, mit einem Gedicht ein Ereignis zu erzeugen.

Einmal, seine Frau hatte Geburtstag, schickte er zwei ältere Schüler mit seinem schwarzen Mercedes in die Stadt, um zweihundert kleine Torten - gefüllt mit Schlagsahne - zu kaufen, die er dann in der Turnhalle persönlich verteilte. Nach dem Genuss der Torte hielt er eine kleine Rede über seine Frau, die auch Lehrerin an der Schule war, allerdings eine nicht so ganz beliebte. Ich kann mich an seine genauen Worte leider nicht mehr erinnern, weiß aber noch, dass ich für eine Weile seine Frau wieder ein bisschen mochte. Es war Tjeerd de Boorder richtig ein Anliegen: wir hatten einander zu mögen und zu respektieren.

An dieser Schule bekamen nicht nur Gedichte einen besonderen Platz, sondern auch Musik, Malen, Geschichte, Politik und Demokratie. Die Lehrer waren fast alle heftig links, pazifistisch, anarchistisch... Sie waren keine pädagogischen „Funktionäre“, sondern engagierte Persönlichkeiten, die so richtig etwas mit den Schülern und überhaupt der ganzen Welt vorhatten. Neben Tjeerd de Boorder ist noch der Maler, Dichter und Buchautor Hugo Wormgoor zu erwähnen, ein kleiner Mann mit einem langen Bart, der (damals noch) rauchte wie ein Schornstein und sich während seines Unterrichts mit allem Möglichen und Unmöglichen beschäftigte: Mathematik, Mythologie, Spiritualität, Sprache, Sterne und Planeten. Egal was geschah, malen oder nicht malen, Hugo Wormgoor erzählte uns quasi nebenbei von Sachen, wovon wir nicht einmal wussten, dass es sie überhaupt gab.

Innerhalb von wenigen Wochen hatte ich auf einmal mehr als zwanzig „Freunde“ um mich herum. Ich war in einem Flechtwerk von auffälligen Zeitgenossen angekommen, die alle von sich aus ihr eigenes Ding machten: ehrgeizig Hockey spielen, Gedichte und Lieder schreiben, E-Gitarren bauen und spielen, Schlagzeug spielen, Skulpturen aus Kupfer gießen, große Wandbilder malen (zum Beispiel in den Jazz-Kellern in der Innenstadt) oder gerade kleine Miniaturen, Verstärker und sonstige soundmachines bauen, mit 16-Millimeter-Kameras Filme drehen (die nie zu Ende gedreht wurden), Trips nach Drenthe machen, um die Hünengräben zu fotografieren, Bücher lesen... In der Schule von Tjeerd de Boorder stellte ich für mich fest, dass das Leben dadurch Schwung kriegt, dass man aktiv ist und gemeinsam etwas unternimmt. Was bisher in meinem Leben eine strikt geheime Tätigkeit war, nämlich: von mir aus etwas „kreieren“, wurde auf einmal eine öffentliche und kollektive Angelegenheit.

Die Freunde und Freundinnen hatten Eigennamen, die ich vom ersten Tag an innerlich greifen konnte. Ihre Namen – Lodewijk, Rob, Theo, Annette, Ina, Max, Paulus – gehörten zu mir, genau wie mein eigener Name, der erst durch die Namen meiner Kameraden und Freunde wirklich ein Name wurde. In der Bekanntschaft mit den Mitschülern wachte ich auf eine neue Art und Weise zu mir auf, ich bemerkte, dass ich „Jelle“ bin, eine vielschichtige Person, die kaleidoskopisch in den Spiegeln der anderen in Erscheinung tritt. Ich war ein Eigenname, das heißt: Kern und Peripherie zu gleich – ich nannte mich selbst so und wurde von anderen um mich herum auch so genannt und gemeint. Ich war aus einer Isolierung befreit und bis in mein Innerstes berührt worden.

17.07.2010

Sammy heute zu Samuel. Über die neuen Sternenwege

Lieber Samuel, es geschah auf einmal. Entscheidend war die Erkenntnis: unsere Gefängnisse bauen wir selbst. Erwartungen, Enttäuschungen, Überzeugungen haben immer zwei Gesichter: sie bewegen uns oder sie fixieren uns. Ohne Erwartungen läuft nichts, ja wir sind nicht einmal unterwegs, gleichzeitig aber schränken sie die Fülle der Erscheinungen auf Eindeutiges ein. Ein guter Freund von dir hat es einmal so gesagt: Wenn man unbedingt meint, Santiago de Compostella erreichen zu müssen, findet man den Gral nicht; aber ohne ein erkennbares Ziel würde man auch sich nie auf den Weg begeben...

Samuel, dein Freund ist schon vor längerem gestorben. Er hat hier oben gerade eine große Arbeit angefangen, er versucht die irdischen Bedingungen der Sternenwege auszuweiten, das heißt: sie bis in die Herzen der Großstädte zu verlegen, dort, wo die Schicksale der Menschen vibrieren. Er sagt, dass die Wanderwege nicht mehr von Nord nach Süd und dann von Ost nach West gehen, sondern von unten nach oben. Er meint: Schaue auf die Sterne und bleibe wo du BIST.

Samuel, du sitzt mit deinem Laptop an deinem Gartentisch und schreibst. Du hörst wie die Züge vorbei fahren. Hier oben sind die Züge da unten nur ganz schwer wahrzunehmen, sie sehen wie ein Vakuum aus, in das Menschen hineingehen und verschwinden, um irgendwo anders wieder aufzutauchen. Ja, die Menschen selber können wir immer noch spüren, versunken in sich selbst, ohne wirklich bei sich zu sein. Sie scheinen unterwegs zu sein, ohne unterwegs zu sein.

Ich bewege mich auf dich zu. Auf einmal stellte ich fest bereits unterwegs zu sein. Ich bin natürlich noch immer der Junge, der im Wohnzimmer seiner Eltern stecken geblieben ist, damals, als mir die Welt nach meiner Krankheit leer und öde schien, als ich die Haut meines Vaters nicht ertragen konnte, weil sie so fremd und aufdringlich war... Es macht keinen Sinn, so zu tun, als ob man auf einmal ein anderer Mensch werden könne, eine Neugeburt-ohne-Vergangenheit. Wenn man das versucht, baut man ein neues Gefängnis, das aus neuen unerfüllbaren Erwartungen besteht.

Man kann aber die Zukunft in seiner Vergangenheit zulassen. Als ich auf einmal unterwegs zu dir war – es geschah einfach – verwandelte sich das Wohnzimmer meiner Eltern in einen Ort, in dem einmal etwas geschehen war, in ein Denkmal einer spezifischen Vergangenheit, die sich allerdings neu arrangieren wollte. So ist das mit Denkmalen: sie rechnen mit der Zukunft. Weißt du warum Züge nie zum Denkmal werden können? Weil sie nicht auf die Zukunft ausgerichtet sind. Du wirst vielleicht sagen, dass Züge immer unterwegs sind – ich sage dir: Züge kommen nie vom Fleck.

Dein Freund arbeitet hier oben daran, dass die irdischen Wanderwege wieder als Sternenwege erkannt werden können. Von Sternen gibt es, wie du weißt, eine ganze Menge. Sie sind nicht nur vielfältig, sondern sie machen die unendliche Vielfältigkeit aus. Die Sterne SIND die Vielfalt. Mit den Sternen ist es so: man kann von einzelnen Sternen reden, ihnen einen Namen oder eine Nummer geben, sie eben in einem Raum, der allerdings nicht existiert, lokalisieren. Und man kann die Sterne auch in Paaren und Konstellationen darstellen, in Bildern also, die auf große und unbegreifliche Zusammenhänge hinweisen, die man spüren, aber eigentlich nicht verstehen kann.

Was jedoch bleibt, ist die erschütternde Tatsache, dass die Vielfalt die Auswahl überragt. Die Vielfalt der Sterne ist nicht klein zu kriegen, nicht einzuordnen, nicht in eine Historie einzubetten, nicht einer Weltanschauung oder einer Ideologie zu unterwerfen. Alle menschlichen Ansprüche können deswegen nur Angebote sein, dass heißt: offene Vorschläge von unten nach oben. Und es ist deinem Freund klar geworden: nur das Herz des Menschen kennt sich mit der Vielfalt aus, ist deswegen im Stande, der Weite gerecht zu werden.

Die neuen Sternenwege machen aus kleinen Orten große Orte. Die neuen Orte entstehen allerdings nur dann, wenn sich Menschen von unten auf den Weg nach oben begeben, also bleiben wo sie SIND. Ja, natürlich, lieber Samuel, es bleibt erlaubt sich ein neues Fahrrad zu kaufen, mit dem Auto nach Santiago zu fahren (wie dein Freund das damals gemacht hat, als er noch lebte – er wollte nicht zu Fuß) oder mit dem Zug nach Tintagel. Die neuen Orte liegen allerdings auf einer unsichtbaren Ebene, die nicht mit physischen Vehikeln zu erreichen ist. Sie befinden sich dort, wohin die Nähe zur Welt uns führt.

Ich bin fast bei dir angekommen. Dein Garten, deine Wohnung und deine Stadt machen einen kleinen Ort aus, der groß genug ist, um das Wohnzimmer meiner Eltern zu umfassen. Und noch wichtiger: Bei dir werden meine Eltern zu deinen Eltern, und ich werde zu dir. Wollen wir der Vielfalt der Sterne diese winzig-kleine Konstellation als Angebot machen? Vielleicht sind eben die Sterne überrascht, weil sie damit nicht rechnen konnten. So ist es doch mit Sternen: sie rechnen mit allem und damit mit nichts?

11.07.2010

Über den Ball als Geliebte

Spanien ist also Weltmeister geworden, verdient würde ich sagen. Die spanische Mannschaft ist wie eine Harmonika, die von zwei unsichtbaren Händen manchmal zart, manchmal wild, dann wieder cool oder verärgert bespielt wird. Die Mannschaft dehnt sich aus, zieht sich zusammen, neigt sich in die Länge, neigt sich in die Breite... Und der Ball ist eine gemeinsame und geteilte Geliebte, die gezielt dorthin gebracht werden soll, wo sie unbedingt hin soll, nämlich ins Tor der Gegner, das im Grunde genommen ein Bett ist.

Ich mag die spanische Mannschaft sehr. Aber auch die Deutschen haben mir Spaß gemacht. Podolski, Schweinsteiger, Özil, Müller und Klose haben über Wochen überzeugend bewiesen, eine intime Beziehung zum Ball zu haben. Vor allem Özil hat mich diesbezüglich beeindruckt. Wenn er den Ball an seinen Füßen hat, scheint das Ding sich in ein empfindsames Sinnesorgan zu verwandeln, so etwas wie ein rundum nacktes Auge, das gleichzeitig auf alle Mitspieler schaut und dem türkisch-deutschen Spieler telepathisch mitteilt, wohin der nächste Pass soll.

Und dann Klose... Jemand aus der deutschen Abwehr hat den Ball wild und weit nach vorne geschossen, einfach um vom feindlichen Druck befreit zu werden. Der Ball ist also unbestimmt unterwegs, dreht sich hoch oben in der Luft verunsichert um die eigene Achse, weiß also nicht so ganz genau, was das alles soll, kann sich dann nicht länger da oben halten und senkt sich alsdann in einer nicht nachvollziehbaren Kurve genau an die Stelle, an der sich gerade der rechte Fuß von Klose befindet. Dieser Fuß küsst den Ball, macht dann eine winzig kleine Bewegung, eine zarte Drehung, die eher wie eine Liebkosung ist, und bringt das runde Ding wieder zu sich selbst und damit ins Spiel.

Wunderschön... Es gibt allerdings noch ein paar Fußballspieler mehr, die es zu würdigen gilt. Leider hat Messi aus Argentinien seine Liebe zum Ball in den letzten Wochen kaum zeigen können. Der Grund ist ziemlich einfach: seine Gegner hatten so viel Angst vor ihm, dass er von mindestens vier stämmigen Kerlen andauernd überwacht wurde. Er konnte nirgends hin, nicht in den Osten, nicht in den Westen, nicht in den Süden, nicht in den Norden. Und als er etwas dazwischen ausprobieren wollte, etwa NNW, stand da ein fünfter Kleiderschrank. Schade, schade, weil Messi ohne Zweifel der rührendste Fußballspieler der Welt ist. Sein Trainer Maradonna nennt ihn „mein Maradonna“, aber er hat sich auf der taktischen Ebene leider nichts einfallen lassen, um seinen Augapfel aus seiner unmöglichen Lage zu befreien. (Er hätte ihn zum Beispiel nicht als Stürmer, sondern als Rechtsverteidiger aufstellen können. Wäre genial gewesen...)

Dann Arjen Robben. Der Holländer spielt wie der Teufel mit seinem ganzen Körper, wie Gott mit seiner Stirn. Robben treibt auf rechts nach vorne, nimmt den Ball mit seinem ganzen Körper mit, als ob das Ding wie ein Testikel an seinem Bauch baumelt, dreht nach rechts, dreht dann nach links, hält kurz inne, und alle Mitspieler und Zuschauer wissen: jetzt wird es geschehen! In der teuflischen Verwirrung entsteht bei den Gegnern ein kurzes Staunen, fußball-technisch heißt das „Lücke“, und in diese Lücke schickt Robben mit seinem mächtigen linken Bein die Kugel, die rechts oben im Tor landet, dort, wo die Hände des staunenden Torwarts gerade nicht hinreichen. So macht Robben das. Und seine Stirn? Davon hat er ganz viel, wie ein Flachland, das sich vertikal aufgerichtet hat. Wenn er den Ball ins Tor köpft, meint man, dass er den Ball dorthin GEDACHT hat.

Diego Forlán aus Uruguay. Er hat das erste Gegentor gegen die Holländer unerwartet-aber-sehr-elegant ins Netz gebracht. Forlán sieht ein bisschen aus wie ein Popsänger, der kurzfristig zu einer Party eingeladen worden ist, nicht so genau wusste, was er zu erwarten hatte, schnell seine Haare mit einem Haarband mehr oder weniger in Ordnung brachte und sich jetzt ohne Bedenken ins Feiern stürzt. Im herzlichen Ausnutzen von gebotenen Gelegenheiten ist Forlán ein Meister: er weiß eigentlich von nichts, ist an nichts beteiligt, schon gar nicht an solchen lästigen Vorgängen wie „Vorbereitungen“ und „Aufbau“ und „Aufräumen“, führt das Fest allerdings zu einem unvergesslichen Höhepunkt. Er macht das Fest zu einem Fest, weil er sich zu etwas eingeladen fühlt, was über das Fest hinaus geht.

Carles Puyol. Von dem Spieler aus Barcelona wird gesagt, dass er vielleicht nicht so ganz viel Talent hat, allerdings im Stande sei, eine ganze Mannschaft zusammen zu halten (als ob das kein Talent wäre). Als Fußballer scheint er mir reiner Wille zu sein. Meistens steht er ganz hinten, überblickt das ganze Spiel, greift aggressiv-aber-fair ein, schmeißt sich sozusagen in bedrohliche Situationen und löst sie mit Kraft und Intelligenz auf... Recht schön ist Puyol allerdings, wenn er in der Luft schwebt, was er oft und gerne auf unerklärliche Art und Weise macht: er sieht den Ball von rechts oben kommen, macht ein paar Schritte um Fahrt zu kriegen, löst sich rätselhaft ohne Flügel vom Erdboden, drängt mit seinem Kopf nach vorne, trifft die Kugel (ich meine eigentlich: er begegnet ihr) und hilft ihr gezielt ins Bett. Die deutschen Fans verstehen was ich meine...

05.07.2010

Samuel heute zu Sammy. Über die Stadt und Ballad in plain D

Lieber Sammy, es ist noch früh, die Strahlen der Sonne haben allerdings die höchsten Stockwerke der Häuser an der Eisenbahn schon erreicht. Sie leuchten auf, wie die Stirnen griechischer Philosophen. Als ich vor zehn Minuten in den Garten ging, um nach den Rosen zu sehen, war der Fuchs da. Er stand beim Teich, schaute mit seinem spitzen Blick kurz auf mich, und verschwand, erst hinter seinem Schwanz, dann mit seinem Schwanz zwischen den Brennnesseln. Er versteht noch immer nicht, dass er vor mir keine Angst zu haben braucht. Ich weiß leider nicht, wie ich die Kluft zwischen seiner Welt und meiner Welt überbrücken kann.

Die Stadt ist vom Sommer überflutet worden. Sogar die Geräusche der Züge klingen anders, als ob die Wärme von gestern, die die Nacht nicht vertrieben hat, das Reiben von Eisen auf Eisen sanft einbettet und in meinen Ohren verschmelzen lässt. Gerade kommt ein Güterzug vorbei, langsam, und wie es mir vorkommt: ohne ein Ziel, so, als ob Rotterdam oder Antwerpen oder Hamburg in der Hitze sowieso nicht zu lokalisieren sind. Wenn es warm ist, scheinen Ziele zu verschwinden. Füchse haben davon allerdings offenbar kein Wissen, sie bleiben immer wach.

Lieber Sammy, ich habe es schon verstanden: du bist unterwegs zu mir. Die Stirnen der Häuser denken an dich, die Züge bringen einen Hauch von dir, die Lücken in den Vierteln flüstern von dir... Und vor allem die Vögel: sie berichten davon, dass du im Kommen bist, dass du dich von deinem Schreck losgelöst hast, nicht länger im Wohnzimmer deiner Eltern verbleibst, sondern in Luftbewegungen schwebst, nein, nicht frei „from the chains of the skyway“, sondern gerade von deren ziellosen Schwingungen getragen.

Die Stadt ist eine vibrierende Schale. In ihrem Herzen quillt eine goldene Kraft, die aus dem Inneren der Erde heraufkommt, sich durch Tiefgaragen hocharbeitet, die großen Frauen der Geschichte in sich aufnimmt und ihnen endlich die richtigen Rollen gestattet, die Toten zum aktuellen Leben erweckt, die Lebenden auf den wahren Tod vorbereitet... Ich habe es schon verstanden: es ist diese Kraft, die dich sucht, dich von deiner Vergangenheit befreien will, dich anzieht – und umgekehrt: es ist dieser Zauber, den du suchst, den du in deinem Schweben da oben vor Augen hast.

Deine Reise geht erst ostwärts und dann südwärts. Von dir aus gesehen sieht der große Fluss wie eine Ader für ganz Deutschland aus, die immer noch mächtige Intuitionen herunter holt und gegen den Wasserstrom über die vielen Nebenflüsse bis in die Großstädte und in die Kleinstädte und in die Dörfer und in die Weiler bringt, ja, weit an der Stadt vorbei, wo ich lebe (und der Fuchs) und wo die Menschen warten, ohne es zu wissen. Ostwärts gehen bedeutet für dich: von links nach rechts schreiben. Für mich bedeutet es allerdings, dass ich wieder lernen muss, von rechts nach links zu lesen. Und ich räume ein, dass dies mir manchmal nicht leicht fällt.

Die Stadt erwartet dich. Manchmal leuchtet die Wiese in meinem Garten auf einmal ein bisschen auf, als ob sie im Kleinen macht, was im Großen geschieht: ein Aufwachen im Warten, dass aber kein Warten mehr ist, sondern ein Ankommen-im-Kommen. Irgendwie scheinen Wiesen, auch wenn sie klein sind, an großen Ereignissen beteiligt zu sein – sie können leuchten, auch wenn die Sonne sich hinter den Wolken verbirgt. Alles was sich zur Schale neigt, offenbart was Schale ist: aufnehmen und weiter schenken wollen. (Wenn eine Amsel morgens früh auf der Wiese hin und her hüpft – ja, um Würmer zu suchen – betont sie nur, dass die Wiese eine Schale ist.)

Ich warte auf dich. Im Garten unter dem Efeu, direkt neben der Hausmauer wartet bereits eine kleine Bank, die nie benutzt wird, weil sie für dich und für mich gemeint ist. So wird das mit uns sein: wir werden nebeneinander sitzen, nicht einander gegenüber, weil wir nur so gleichzeitig schreiben und lesen können, von rechts nach links. Und ich werde dir von den großen Songs erzählen, die ich kennen gelernt habe, nachdem wir uns damals getrennt haben. Das erste Lied wird sein: Ballad in plain D. Ich werde es für dich auf der Gitarre spielen, gleichzeitig von links nach rechts und von rechts nach links. Ich bin schon dabei, das Lied zu üben.

30.06.2010

Noch eine Initiation. Über Erotik und Nähe als Raum geistiger Natur

Nicht lange nach meiner Erfahrung mit Katharina, ich war vierzehn Jahre alt geworden, traf ich mich mit Myriam. Ich weiß nicht mehr, wie ich sie kennen gelernt, auch nicht, warum ich sie bald wieder aus den Augen verloren habe. Vage erinnere ich mich, dass wir auf der Veluwe, nördlich von Arnhem, mit dem Fahrrad herum gefahren sind. Auf einer Lichtung im Wald hatten wir uns auf den Boden gesetzt, sie saß mit ihrem Rücken gegen einen Baumstamm, ich an ihren Füßen. Myriam war schüchtern: statt etwas in die Hand zu nehmen, wartete sie auf die Dinge, die kommen sollten, wollten. Mit ihren dunklen Augen schaute sie verunsichert auf mich und lächelte verlegen.

Auch ich war unentschlossen. Ich fühlte mich zu Myriam hingezogen, spürte das Verlangen, ihren Körper zu berühren, ihr rundes Gesicht, ihre halblangen dunkel glänzenden Haare, ihre Arme und Beine, ihre Lippen... Aber im Grunde genommen war ich verwirrt, nicht handlungsfähig, weil ihre Präsenz mich überwältigte. Vor allem überforderte mich die Tatsache komplett, dass ich irgendwie wusste, dass sie von mir berührt werden wollte. Myriam überstrahlte meine Souveränität, ihre Nähe kam mir zu nahe, ich konnte ihre Bereitschaft nicht „denken“, weil etwas in mir sagte: „Du darfst ihre Schönheit gar nicht berühren“.

Wir saßen da und waren verwirrt. Irgendwann schaffte Myriam es, meine Hand in ihre Hand zu nehmen, fast, als ob sie nebenbei ein Blatt vom Boden nahm und anfing es sanft zu streicheln. Ich spürte die weiche Innenseiten ihrer Finger auf meiner Haut, und hatte sofort das Gefühl, nur noch Hand zu sein. Wir beiden schauten auf unsere Hände, sagten nichts – und langsam wurde es mir möglich, so dabei zu sein, dass ich ihre Bewegungen erwidern konnte. Wir waren für eine Weile in die kleine-große Welt unserer Hände versunken, alles andere war verschwunden. Wir teilten was da mit unseren Händen geschah, befanden uns in einem gemeinsamen Erleben, das sich zwischen uns ereignete.

Ich hatte nicht länger das Gefühl: hier bin ich und dort ist Myriam. Wir schauten nicht mehr aufeinander, sondern waren über unsere Hände irgendwo gemeinsam eingetroffen, wo sie und ich nicht mehr so klar zu trennen sind. Und obwohl ihre Präsenz fast noch überwältigender geworden war, saß Myriam nicht länger als ein strahlendes Gegenüber vor mir: ich schien in mir einen Raum zu haben, in den ich sie in ihrer Größe aufnehmen und einen Platz geben konnte. Und als ich mir nach einer Weile zutraute, Myriam in die Augen zu schauen, traf ich auf einen Blick, der mich aufnahm, den ich aufnehmen konnte. Stärker noch als die Hände schienen unsere Blicke eine Innenwelt zu stiften, die wir betreten konnten.

Von diesem Moment an lief alles von alleine. Irgendetwas in ihr und irgendetwas in mir wussten spontan wo es lang ging. Wir brauchten uns nichts zu überlegen, Verwirrungen und Verunsicherungen gab es gar nicht mehr, es gab nur noch die Berührungen mit den Händen und Lippen, die suchenden und öffnenden Bewegungen, den Atem, die Gerüche...

Erotik schaltet das Denken aus. Sie weckt eine spontane und fließende Handlungsfähigkeit, die nicht von bewussten Überlegungen und Entscheidungen geprägt wird. Was richtig oder falsch in einer erotischen Beziehung oder in einem erotischen Geschehen ist, wird direkt über Gefühle erkennbar – und die Handlung erfolgt sofort aus dem aktuellen Gefühl heraus. Ist man einmal über die Grenze der eigenen körperlichen und seelischen Haut gegangen, befindet man sich quasi frei in einem Bereich, wo die führenden „Prinzipien“ die des unbefangenen und fühlbaren Tastens, des Lauschens und des Berührens sind. In der Erotik begegnen und vermischen sich zwei Menschen vor allem als fühlende Wesen, die ohne Gedanken auskommen können.

Genau wie das Denken wird auch das Wollen in der Erotik zurückgestellt. Um an dieser Stelle einen Begriff von Georg Kühlewind zu verwenden: der harte Wille verschwindet und macht Platz für den „sanften Willen“, der ein Wille ist, der sich von Gefühlen leiten lässt. Man könnte es auch so sagen: in der Erotik opfern die gedanklichen Vorstellungen und der strebende Wille sich in das Meer der sich ständig verwandelnden Gefühle hinein und lassen sich von den hin und her gehenden Strömungen führen. Das Wollen und das Denken stehen sich in der Erotik – und damit auch in der Nähe – nicht als zwei Polaritäten gegenüber, sondern verschmelzen in der Einbettung der Gefühle. Eros kreiert einen Raum der Nähe, der Begegnung, der Verschmelzung, der Berührung...

21.06.2010

Eine Initiation. Über Treue und die Illusion der Nähe

Es war Hochsommer und ich war tagtäglich mit meinem Kameraden Dirk unterwegs. Er hatte ein altes Fahrrad-mit-Motor gekauft, „geregelt“, wie er es gerne ausdrückte, mit dem wir begeistert über die sonnigen Arnheimer Alleen tuckerten. Das Vehikel war ein richtiger Hybrid, gleichzeitig Motorrad und Fahrrad, und wenn der Weg in die Höhe ging, musste man kräftig strampeln. Das Ding nannte sich „Vélosolex“, verkürzt „Solex“ – normalerweise sah man auf den Straßen nur ältere Herren damit, die alle Zeit der Welt hatten. Wie unsere Helden aus Liverpool trugen wir Bluejeans, weiße Hemden und dazu noch die entscheidenden schwarzen Westen, die Dirk aus dem Kleiderschrank seines Vater, der Pfarrer war, „geregelt“ hatte.

Eines Tages hatten wir vor, an Häusern vorbei zu fahren, in denen Mädchen unserer Schule wohnten. Dirk hatte eine Art Fahrplan aufgestellt: ein paar Adressen aufgeschrieben und eine Reihenfolge bestimmt. Als er sie mir zeigte und ich sofort sah, dass ein bestimmtes Mädchen fehlte, stand ich vor einem dicken Problem: sollte und wollte ich Dirk darüber informieren, dass ich mittlerweile kräftige Gefühle gerade für das fehlende Mädchen entwickelt hatte, im Grunde genommen fortwährend an sie dachte? Und sollte und wollte ich eigentlich an ihrem Haus vorbei fahren?

Ich nenne sie Katharina. Sie hatte lange rötlich-blonde Haare, war groß aber gehalten, schien nie lachen und reden zu müssen und schaute mit ihren grauen Augen aufmerksam, aber auch ein bisschen traurig, auf das Getümmel um sie herum. Sie hatte eine Busenfreundin, Andrea, die nie von ihrer Seite wich, klein und schmal war, und für die beiden das Wort führte. Katharina war bestimmt ein Jahr älter als ich und wohnte oben auf dem Hügel Monnikenhuizen, wo ehedem – wie ich wusste – die Zisterzienser Mönche gelebt hatten. Irgendwie schien mir Katharina eine heilige Frau zu sein.

Es war schon einige Wochen her, dass Katharina in mir angekommen war. Ohne ein Wort mit ihr oder ihrer Freundin Andrea gewechselt zu haben, hatte ich sie in meine Phantasien einbezogen. Meine Gefühle für Katharina waren von Verehrung und Bewunderung geprägt: ich war mir sicher, dass sich hinter ihrer Schweigsamkeit eine unermessliche Tiefe mit großen Geheimnissen befand, die irgendwie mit „Heilen“ zu tun hatte. Und ich fand Katharina fast unerträglich schön: ich musste immer in ihr Gesicht blicken, und auf ihre Haare und Kleider, die frei hinter ihr her flatterten, wenn sie Fahrrad fuhr. Sie war allerdings unerreichbar und irgendwie war das auch gut so.

Ich teilte Dirk nur halbwegs meine Gefühle für Katharina mit. „Dann fahren wir sofort nach Monnikenhuizen“ meinte er entschieden. Als wir oben angekommen waren und die richtige Straße gefunden hatten, fuhren wir langsam an der Wohnung ihrer Familie vorbei. Die Fassade war hell weiß gefärbt, die Fenster spiegelten das Sonnenlicht, die Haustür war zu, sehr zu, und im Inneren des Hauses schien sich nichts zu bewegen, vor allem Katharina nicht. Mir war das Unternehmen mittlerweile sehr unangenehm geworden und ich wollte sofort weiter fahren. Dirk ließ allerdings nicht locker, kehrte das Vehikel am Ende der Straße um und fuhr ein zweites Mal an der Wohnung vorbei. „Mal schauen, was geschieht“, rief er laut.

Eine Solex mit zwei Jungs in weißen Hemden und schwarzen Westen war Anfang der sechziger Jahre in der gehobenen Stille von Monnikenhuizen eine bemerkenswerte Erscheinung. Als wir das dritte Mal durch die Straße fuhren, wurden hier und da Türen geöffnet und es kamen neugierige oder verärgerte Leute aus ihren Wohnungen. Und katastrophal genug: auch Katharina erschien, mit ihrer Mutter... Sie erkannte uns sofort, sagte etwas zu ihrer Mutter, drehte sich um und verschwand. Ihre Mutter kam allerdings auf uns zu und sagte freundlich aber entschlossen: „Geht doch lieber weg, ihr habt hier doch nichts zu suchen, oder?“

Ich war erschüttert und von einer beißenden Scham erfüllt. Als ich abends in meinem Zimmer auf der Fensterbank saß und die Amsel singen hörte, stellte ich fest: Katharina war tatsächlich verschwunden. Sie war nicht mehr in mir vorhanden, hatte sich gegen mich entschieden, ich war mir sicher, dass das geschehen war, weil ich mit meinem Freund Dirk und der komischen Solex und meiner schwarzen Weste die Sphäre ihrer Heiligkeit verletzt hatte. Ich war untreu gewesen. Und dabei ist es auch geblieben: seitdem war ich in Katharinas grauen Augen nur noch Luft. Sie hat mir nie mehr den geringsten Hinweis gegeben, dass ich für sie überhaupt noch existiere oder eben existiert hatte.

Im Nachhinein kann ich leider nicht einmal sagen, ob es überhaupt etwas Gemeinsames zwischen mir und Katharina gegeben hat. War die stille Nähe, die ich in mir spürte, nur eine phantasierte Vorstellung in mir, die sich ohne ihre Beteiligung in mir gebildet hatte? War sie in mir einfach ein Gespenst, eine Projektion, die alles über mich und meine Sehnsüchte, und gar nichts über sie aussagte? War die gespürte Nähe wirklich Nähe, ohne eine Illusion der Nähe? Wie gerne hätte ich auch heute noch, eine Antwort auf diese Frage! (Ich habe in späteren Jahren tatsächlich versucht Kontakt zu ihr aufzunehmen, konnte aber keine Spur von ihr finden.)

Diese Initiation betraf die Treue. Auch wenn die innere Nähe zu Katharina auf einer Illusion beruhte, was ich leider nicht mehr herausfinden kann, bleibt die Tatsache, dass die Aktion mit der Solex über eine Grenze führte, die ich – so wie ich Katharina für mich verstand – gerade zu beachten hatte. Einer heiligen Frau nähert man sich auf diese Art und Weise nicht. Entscheidend war der Moment, dass sie mich vor der Wohnung erkannte, ihrer Mutter etwas sagte und sich ohne die geringste Zögerung umdrehte und verschwand. Die Souveränität ihres Verschwindens war der harte Kern des Ereignisses. Und übrigens: nicht lange nach dem Geschehen auf dem Hügel von Monnikenhuizen erfuhr ich per Zufall, dass Katharina fest vorhatte, Krankenschwester zu werden – etwas mit dem Heilen war also dran.

14.06.2010

Tastende Sätze. Über die Nähe zwischen zwei Menschen

Nähe bedeutet: nah sein. Wenn es allerdings um die Nähe zwischen zwei Menschen geht, ist damit nicht unbedingt ein räumliches Dicht-bei-einander-sein gemeint. Nähe kann es auch zwischen zwei Menschen geben, die geographisch oder eben zeitlich weit voneinander entfernt sind. Nähe ist ein innerer Zustand, der zwar stark von einer körperlichen Begegnung bestimmt sein kann, trotzdem darüber hinaus geht.

Mehr noch als an die Züge seines Gesichtes oder den Klang seiner Stimme, kann ich mich an die Nähe, die mein Großvater mütterlicherseits mir immer wieder entgegen brachte, erinnern. Eigentlich ist es an dieser Stelle auch nicht richtig von „erinnern“ zu sprechen, es ist eher so, dass die damals erlebte Nähe, noch immer in mir vorhanden ist, wie eine Stimmung, in die ich bis zum heutigen Tag eintreten kann. Und außerdem ist es nicht richtig zu sagen, dass mein Großvater mir diese Nähe entgegen gebracht hätte: Sie entstand zwischen uns, ging aus uns beiden hervor und lebte zwischen uns..

Durch dieses Gespür, das ich heute noch hervorrufen kann, lebt mein Großvater irgendwie noch immer weiter. Wäre ich ein Maler, könnte ich seine seelischen Farben hervorzaubern; und wäre ich ein Musiker, könnte ich seine Melodien spielen. Vor allem steigt sein Geruch – diese unbeschreibliche Mischung aus Schweiß, Atem, Tabak und ich weiß nicht was – in dieser Stimmung auf, wie aus einem alten Koffer, der geöffnet wird. Durch die Nähe lebt eine Vergangenheit bis in die Gegenwart weiter, aber nicht als Vorstellung, sondern als Gefühl.

Nähe ist ein Zustand, der bewahrt und trägt, in seinem Beginn und in seiner ersten Wirkung aber eine Öffnung hervorruft. Wenn mein Großvater mir etwas über die Rosen in seinem Garten erzählte und dabei seine Hand auf meinen Arm legte, war es, als ob seine Haut und meine Haut auf einmal nicht mehr Häute waren, keine abgrenzenden Flächen mehr, sondern sich in vibrierende Räumlichkeiten verwandelte und warme Zwischenräume erzeugte, in denen sich etwas von meinem Großvater und etwas von mir vermischte und EINE gespürte Wirklichkeit kreierte. Diese Nähe öffnet einen Raum zwischen zwei Menschen, „zwischen uns“, und ermöglicht Empfindungen, die ohne sie verschlossen bleiben.

Manchmal sind es körperliche Berührungen, die Nähe erzeugen. Das Urbild der Nähe ist vielleicht die Vorstellung einer Mutter mit ihrem Kind in den Armen. Das kleine Kind ist in der Wärme der Mutter aufgenommen, wird von ihren sanften Bewegungen und vertrauten Gerüchen umflutet, befindet sich in einer Art hautlosem Zustand, einer Fortsetzung der Gebärmutter außerhalb des mütterlichen Körpers. Die Erfahrung der Nähe ist für das kleine Kind allerdings noch eine unbewusste Angelegenheit – es bemerkt sie noch nicht bewusst, genauso, wie sich ein Fisch des Wassers in dem er schwimmt nicht bewusst ist.

Mit seiner wunderschönen Skulptur in der Kathedrale von Brügge zeigt Michelangelo eine Mutter (Maria), die ihr Kind (Jesus) bei seinen ersten Schritten-in-die-Welt begleitet. Das Kind ist von Armen und Beinen der Mutter noch umgeben, steht aber schon auf seinen eigenen Füßen und will sich in die Welt hinein begeben. Der Blick des Kindes richtet sich nach vorne, während die Mutter auf etwas Inneres in sich zu blicken scheint. Wenn man auf die Skulptur schaut, stellt man sich unwillkürlich die nächste Szene vor: das Kind hat sich von der Mutter losgelöst und ist frei von ihren Bestimmungen geworden. Was in der Skulptur meisterhaft sichtbar gemacht worden ist, ist allerdings die Kraft der Nähe. Man spürt: auch wenn die körperliche Berührung aufhört, bleibt die Nähe bestehen. Zwischen Mutter und Kind gibt es einen Innenraum, der tragen – nicht bestimmen – wird, egal was kommt.

Nähe kann auch ohne körperliche Berührung entstehen. Sie entsteht dann über Blicke die gewechselt, Worte die gesprochen und Gebärden die gemacht werden. Dieses rätselhafte Entstehen der Nähe findet immer wieder statt, unerwartet, unverhofft, überraschend... Ich erinnere mich beispielsweise an eine Begegnung mit einem Kaufmann in einem Restaurant in Chicago, der mich quasi nebenbei fragte, was ich denn in der knallharten Metropole zu suchen hätte. Als ich ihm sagte: „Ich bin ein Journalist aus Holland und habe morgen einen Termin mit dem Schriftsteller Saul Bellow“, schaute er mich an und sagte: „Bellow ist der geheime Schatz von Chicago!“. Wir redeten eine Stunde intensiv miteinander, flossen ineinander über wie zwei Wasserströme, und noch heute kann ich die Nähe zwischen uns, ausgelöst durch den Namen Saul Bellow, hervorrufen.

In Bezug auf die Nähe befinden wir uns in einer Verlegenheit. Wir wissen nicht so ganz genau, wie das Phänomen zu deuten ist, welchen Platz wir ihm in unserem Leben zu geben haben, wie eine Nähe nach außen zu repräsentieren wäre. Uns ist klar, dass die Nähe einen Schutz braucht – in der Öffentlichkeit verweht sie wie Weihrauch in einer Kirche mit offenen Türen und Fenstern. Wie sie aber gehandhabt und gepflegt, ja, wie sie letztendlich verstanden werden will, bleibt manchmal ein Rätsel. Um sie zu „erklären“ greifen wir oft auf rein physische Begriffe zurück und sagen dann zum Beispiel: „Zwischen uns gibt es eine besondere Chemie“. Wir merken dabei nicht, dass die Aussage einen Widerspruch beinhaltet, denn gerade chemische Beziehungen sind nie besonders, sondern immer vorhersehbar.

Nähe hat einen eigenen Willen, der zwar nicht zwingend ist und leicht negiert werden kann, sich aber sofort zeigt, wenn man ihn zulässt. So hat Nähe zum Beispiel den Willen zu einer Treue inne, die mit der fortgesetzten Zuwendung zu einer Person nicht gleichzusetzen ist, sondern sich auf den Zustand der Nähe selber bezieht. Nähe will nicht wieder komplett verschwinden, braucht an dieser Stelle aber Hilfe. Sie bietet die Möglichkeit zu einer Vertiefung und einer Verinnerlichung, die allerdings von Seiten der Betroffenen bewusst aufgegriffen werden muss. Man könnte diesbezüglich von einer Technik der Nähe sprechen, die eine Kunst ist.

04.06.2010

Samuel spricht heute zu Sammy. Über Löcher in der Stadt

Lieber Sammy, du meinst also, es sei wahr: als du noch oben warst, hast du auf einmal deine Eltern nicht mehr sehen können, weil sie verschwunden waren und ein Loch hinterlassen haben? Du hast noch eine Spur gesehen, wenn ich es richtig verstanden habe, von Westen nach Osten, irgendwo dahin, wo die Wälder groß und die Dörfer klein und die Menschen träge sind? Habe ich es so richtig verstanden?

Du meinst: Ja. Das heißt: Du hebst dein Haupt und öffnest deine Augen, als ob du eine Wahrheit hörst, die zu dir gehört, die dein Wesen unerwartet beleuchtet, unerwartet einen Platz in einer Geschichte gibt, die auch den Fremden und Ignoranten bekannt ist. Stehst du noch immer da, im Wohnzimmer deiner Familie, die nicht zu dir gehört, sondern ohne eine Ahnung davon zu haben, als Ersatz ausgewählt worden ist? Kannst du noch immer nicht weiter?

Du neigst deinen Blick. Lieber Sammy, ich habe mir Gedanken gemacht. Aus meiner Stadt sind damals Tausende von Menschen abgeführt worden, ostwärts, dorthin, wohin die Gleise führen, bis ins Unermessliche hinein. Ich habe mittlerweile ein Gespür für die hinterlassenen Löcher bekommen, eine Ahnung von leeren Stellen und nicht gelebten Biographien, von abgebrochenen Beziehungen und verlorenen Zukünften. Manchmal kommt es mir so vor, als ob die Löcher zu mir sprächen.

Die Löcher sprechen umgekehrt. Die Löcher sprechen nicht von innen nach außen, sondern von außen nach innen. Sie saugen die richtigen Worte aus meiner Seele in sich auf, als ob sie mich sprechen lassen, weil sie es nicht können. So ist das mit den Löchern in meiner Stadt: ihrer Kerne sind verloren gegangen, haben sich über die Gleise von der Stadt entfernt, bis in eine Weite, die keine realen räumlichen Koordinaten mehr hat, nur noch Geschichte genannt wird.

Die Bedeutungen der Löcher können nur von Passanten erlebt und anerkannt werden. Ohne die Aufmerksamkeit der Städter existieren die Löcher nicht einmal als Loch. Wer schaut aber auf Löcher? Wer versucht zu sehen, was es alles nicht mehr gibt, obwohl das alles natürlich noch immer da ist, sehr bedürftig und schwer von Ereignissen, die sich selber nie erreichen konnten, nie ereignet haben? Und wer schaut dabei auf die Worte, die aus der eigenen Seele aufsteigen?

Ich schaue auf Löcher. Ich höre auf Worte. Und Sammy, ich tue das für dich und für mich. Und weißt du, was ich gemerkt habe? Ich habe festgestellt, dass die Löcher die Menschen, ohne dass sie es merken, traurig machen. Auch wenn die Blicke dumpf über die leeren Stellen schweifen und gar nichts sehen, merken die Einwohner meiner Stadt, dass etwas fehlt. Etwas ist nicht da, was hätte da sein müssen. Die Traurigkeit ist wie ein Hauch, der für einen Moment die Menschen nachdenklich stimmt, dann aber dazu führt, dass Witze erzählt werden.

Die Menschen in meiner Stadt lieben es zu lachen. Lieber Sammy, könnte es sein, dass ich mir in dieser Stadt ein Loch ausgesucht habe, eine Wohnung und einen Garten, voll mit Rosen und Pfefferminz und Calendula und Rittersporn – ein Loch, das dein Loch ist? Kann es sein, dass die leere Stelle deiner Eltern, die über die Gleise verschwunden sind, mich angezogen hat, um meine Worte zu hören? Um wieder von Leben erfüllt zu sein, von Gegenwart und Ereignissen? Kann es sein, dass dieser kleine Ort, direkt neben den Gleisen – alle zehn Minuten fährt ein Zug vorbei – darauf wartet, dass du doch noch hier geboren wirst? In mir?

Lieber Sammy, ich bitte dich um Verzeihung. Ich weiß, dass Hoffnung schmerzhaft sein kann. Ich kann es aber nicht mehr ertragen, dass du immer noch in diesem Wohnzimmer stehst, fern von hier, fern von mir, fern von deinem Loch. Mir tun dein gesenkter Blick und dein Schweigen weh. Vielleicht sagst Du einfach: hör mal Samuel, ich komme! Ich verspreche es dir! Die Stadt, die Wohnung und der Garten würden sich freuen. Und ich sowieso.

30.05.2010

Kollaps und Tanzkunst. Die Finanzkrise als Schwellenübergang

Jetzt haben die Amerikaner sich zu Wort gemeldet und mitgeteilt, dass sie es gar nicht gut finden, dass Länder wie Deutschland vorhaben, in den nächsten Jahren einträglich zu sparen. Der Weg aus der dreifachen Krise (Wirtschaft, Finanzen, Währung) liege, laut den Amerikanern, gar nicht darin, dass wir damit aufhören, üppig auf Pump zu leben, sondern ganz im Gegenteil: der Schritt nach vorne liege eher darin, dass wir uns große Investitionen vornehmen würden.

Dieser Gedanke ist ziemlich einfach. Jeder Unternehmer weiß, dass neue Einnahmen erst dann entstehen, wenn neue Produkte entwickelt und damit neue Kunden erreicht werden. Und das kostet Geld. Der Gedanke des Sparens ist allerdings genauso leicht zu verstehen: wenn man mehr Geld ausgibt, als man verdient, entstehen Schulden, die am Ende nicht mehr zu schultern sind.

Sparen oder investieren? Obwohl ich in Sachen Wirtschaft und Finanzen ein Laie bin, meine ich jedoch sagen zu können, dass an dieser Stelle nicht von einem Entweder-Oder die Rede sein kann. Sparen: ja! Investieren: ja! Die Frage ist nur: wo sollen wir sparen und wo sollen wir investieren? In Deutschland und in den anderen europäischen Ländern sind diese Fragen noch nicht einmal halbwegs geklärt.

Politiker haben sich mit der Tatsache abzufinden, dass große Maßnahmen, egal ob sie auf Sparen oder Investieren ausgerichtet sind, von den Wählern verstanden und getragen werden müssen. Maßnahmen, die von den Bürgern nicht angenommen werden, führen erstens dazu, dass die Politiker bei der nächsten Wahl abgewählt werden - und das wollen sie nicht - und zweitens gibt es die reale Gefahr, dass in der Bevölkerung ein heftiger Unmut entsteht. Gesellschaftliches Chaos gilt es aus dem Blickwinkel der Politiker unter allen Umständen zu vermeiden.

Ich habe den Eindruck, dass die Politiker vor allem damit beschäftigt sind, dem Chaos vorzubeugen. Alles darf sein, nur kein Umschwung. Der Gedanke, dass die wirtschaftlichen und finanziellen „Ereignisse“ der letzten Jahre im Grunde genommen laut um neue Blickwinkel und Perspektiven auf das gesellschaftliche Leben fragen, soll nicht gedacht werden. Alles muss bleiben, so wie es ist, weil die Angst vor Neuem zu groß ist. Anders gesagt: die Politiker trauen den Bürgern diese Krise nicht zu. Sie bemühen sich den Eindruck zu erwecken, dass die Krise nicht auch eine persönlich-biographische Angelegenheit ist, die jede Person betrifft.

An dieser Stelle regiert uns noch immer das Denken von Karl Marx. Nicht die persönliche Haltung der Menschen oder die unterschiedlichen Sichtweisen auf das Leben und die Welt bestimmen das wirtschaftliche und soziale Leben, sondern die großen, entfremdeten und funktionalen Strukturen, die als Ausdruck äußerer Machtverhältnisse verstanden werden. Die Sichtweise von Michel Foucault - als Beispiel – nämlich, dass Macht eine veränderliche Angelegenheit zwischen konkreten Menschen ist, kann in politischen Zusammenhängen noch immer nicht fruchtbar gedacht und angenommen werden.

Das Ergebnis: die Bürger lehnen sich bequem zurück, stellen sich nicht die Frage: was hat das alles eigentlich mit mir zu tun? und schauen abwartend auf die „großen“ Taten der Politiker. Dieser tragische Umstand scheint mir die Quelle der eigentlichen Krise zu sein. Obwohl die Haltung der Politiker verständlich ist – Chaos macht keinen Spaß! – führt sie dazu, dass die Krise nicht wirklich auf der Ebene ankommt, auf die sie gehört: in das konkrete Leben von allen konkreten Menschen.

Um eine Vorstellung davon zu bekommen, wo man sparen und wo man investieren sollte, braucht man eine Idee davon, wo man hin will. Die Lösung des Problems liegt nicht in einem schlauen Denken über „wie-die-große-fremde-Welt-nun-einmal-funktioniert“, sondern in einer Vorstellung davon, wohin wir wollen. Auch abstrakte Begriffe wie „Bildung“ und „alternative Energien“ (in die wir doch investieren zu müssen?) bringen uns an dieser Stelle nicht viel weiter. Wichtiger sind diesbezüglich zumindest zwei Fragen: Wer soll wozu „gebildet“ werden? Und: Wozu brauchen wir „Energie?“

Ich wünsche mir ein kleines bisschen mehr Chaos. Und ich glaube, dass dieser Zustand auch kommen wird. Von allen Menschen – nicht nur von Politikern – wird eine wache Aufmerksamkeit verlangt, die auch dann gehandhabt werden kann, wenn die vertrauten Koordinaten im sozialen Leben auf einmal nicht mehr tragen. Die Krise kann uns, wenn wir uns das zutrauen, über eine Schwelle bringen, die Neuland verspricht. Wir müssen dafür aber nicht schon heute wissen wollen, was die Gegebenheiten dieser neuen Welt ausmachen.

Ich würde sagen: Bei all dem kräftig sparen, was darauf hinzielt, die alten Koordinaten aufrecht zu erhalten; und genauso kräftig in Fähigkeiten und Instrumente investieren, die uns beim Schwellenübergang helfen, in den richtigen Momenten die stimmigen Entscheidungen zu treffen. Und an dieser Stelle gilt: Wir dürfen in eine Tanzkunst investieren.

23.05.2010

Amares in Köln. Ein Ort für Transporter, Künstler, Mathematiker, Feuermacher und Spieler

Amares ist ein Ort für Kinder. Räumlich gesprochen besteht er aus einem ehemaligen Betriebshof der Stadt Köln im Kölner Stadtwald. Der Hof ist von einer Mauer umgeben, an der Seite stehen eine Reihe alter Garagen, die mit offenen Augen nach innen auf den Hof schauen, und ein kleines, gemütliches Gebäude, das einen Kindergarten mit zwei Gruppen von Kindern beherbergt. Mitten im Hof steht eine Linde, die sich bemerkbar über die insgesamt dreißig Kinder im Alter von etwa zwei bis fünf Jahren freut.

Amares ist Spanisch und bedeutet: Arten des Liebhabens. Als Amares vor zweieinhalb Jahren gegründet wurde, gab es drei pädagogische Leitsätze: Räume für Kinder schaffen, Zeit geben & als Erwachsene einfach aufmerksam dabei sein. Mittlerweile gibt es zirka zehn MitarbeiterInnen und eine ganze Truppe von Eltern, die täglich mit den Kindern im Raum und in der Zeit unterwegs sind.

Amares versteht sich als eine Einrichtung, die sich zwischen Natur und Kultur hin und her bewegt. Die Natur ist durch den Stadtwald reichlich vorhanden, die Kultur wird von den MitarbeiterInnen und Eltern gebracht – und von den Kindern, die bauen & planen & malen & untersuchen & Fragen stellen & immer wieder spielend unglaubliche Ereignisse erzeugen. Jeden Tag ist bei Amares so richtig etwas los.

Weil ich zum Gründungsvorstand gehöre, kriege ich immer wieder die wunderbaren Geschichten mit. Sie belegen, dass die Leitsätze sich bewahrheiten. Wenn Erwachsene es schaffen, mit ihrem „sanften Willen“ (Georg Kühlewind) unbefangen und wach bei den Kindern zu sein und mitzumachen, kreieren die Kinder selber jeden Tag wieder genau die Welt, die sie gerne haben. In Amares entfalten sich geniale Transporter, Handwerker, Konstruktionsarbeiter, Mathematiker, Künstler, Pfleger, Naturwissenschaftler, Sozialarbeiter...

Und auch die Erwachsenen können sein, was sie (nicht länger heimlich) auch noch sein wollen: Malerinnen, Photographinnen, Bauarbeiter, Schmiede, Feuermacher, Köchinnen, Spielerinnen... So etwas wie „reine“ ErzieherInnen oder PädagogInnen gibt es bei Amares nicht. Und vielleicht liegt dort das Herz von Amares: die sogenannte „Pädagogik“ ist ins Leben eingebettet worden. Man geht nicht morgens früh zu Amares um zu betreuen oder betreut zu werden, sondern um immer wieder neu ins Leben einzusteigen.

Das heißt aber nicht, dass es bei Amares nur Spaß und Freunde gibt, sondern auch Sorgen und Tränen. Ein Thema, dass immer wieder in den Gesprächen zwischen MitarbeiterInnen und Eltern auftaucht, wäre vielleicht noch am besten mit den Begriffen Dienstleitung und Gemeinschaft anzudeuten. Manchmal wird Amares als eine Einrichtung verstanden, die im Auftrag der Öffentlichkeit einer bestimmten Aufgabe nachgeht, nämlich zwischen acht und vier Uhr für kleine Kinder zu sorgen.

Manchmal aber wird Amares eher als eine Gemeinschaft verstanden – diesbezüglich wird wohl von einer „erweiterten WG“ gesprochen, oder eben von „einer Familie“. Vor allem am Nachmittag, wenn die Kinder abgeholt werden, bleiben manche Väter und Mütter noch eine Weile da, sitzen auf den Bänken und Baumstämmen, reden miteinander über dieses und jenes, schauen auf die Kinder, die sich gar nicht von ihren Spielen verabschieden wollen, oder sprechen mit den MitarbeiterInnen über die „pädagogischen“ Sorgen.

Die Präsenz der Eltern ist wichtig für die Kinder. Sie fühlen sich eingebettet in eine Truppe von Erwachsenen, die eine lebendige Beziehung zueinander haben – und auch wenn die Kleinen an den Gesprächen gar nicht beteiligt sind, sondern sich entschlossen den eigenen Vorhaben widmen, spüren sie die wohlwollende Aufmerksamkeit der Erwachsenen. (Und es tut so richtig weh, wenn der eigene Vater oder die eigene Mutter nicht in der Lage ist, noch eine Weile zu bleiben, zum Beispiel weil die Arbeit ruft.)

Für das Team wäre es manchmal einfacher, sich auf die konkrete Dienstleistung zu beschränken und die Eltern nicht nur wegzuschicken, sondern auch grundsätzlich weg zu „denken“. Wenn man über die Dienstleitung hinaus auch eine Gemeinschaft ermöglichen will – und dazu Räume schafft und Zeit gibt und dabei ist – entstehen persönliche Beziehungen zwischen Vätern und Vätern, Müttern und Müttern, Müttern und Vätern, ErzieherInnen und Väter-Müttern, die bekanntlich manchmal auch verwirrend werden. So ist das nun einmal mit menschlichen Beziehungen: sie haben eine Dynamik, die über die Regeln der Dienstleistungen hinaus geht.

Und dadurch entstehen manchmal Spannungen, die vor allem von den MitarbeiterInnen gelöst werden sollen. Sie müssen hinkriegen, dass das Frühstück zum Beispiel zumindest halbwegs pünktlich stattfindet, denn sonst bleibt für die Kinder keine Zeit mehr übrig, um in den Wald zu gehen. An dieser Stelle sind die Eltern und MitarbeiterInnen von Amares manchmal gespalten: einerseits ist das Verlangen nach Gemeinschaft groß, andererseits scheint es manchmal notwendig zu sein, das Leben nach einfachen Regeln zu gestalten.

Für diese Spannung, so meine ich, gibt es keine Lösung. Sich auf reine Dienstleistungen zu beschränken, bedeutet der soziale und pädagogische Tod. Sich allerdings uneingeschränkt auf die tausend Möglichkeiten des Liebhabens einzulassen, bedeutet Chaos. Die Lösung-die-es-nicht-gibt liegt in der Akzeptanz der Spannung als eine sinnvolle Polarität, genauso wie wir Tag und Nacht akzeptieren. Der Weg nach vorne ist ein Tanz.

16.05.2010

Währungskrise und mehr. Stehen wir vor einem Kollaps?

Finanzkrise, Wirtschaftskrise, Währungskrise... Letztes Wochenende schrieb Stefan Kornelius in der Süddeutschen Zeitung: „Es steht ernst um Europa, und die Gefahr ist nicht abgewendet“. Gerade Griechenland, in dessen Geschichte die Wurzeln des freien Europas liegen, hat gezeigt, dass das Thema der Überverschuldung der Staaten nicht länger ignoriert werden kann. Und es scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, wann die nächsten Staaten dran sind: Portugal, Spanien, Italien, Irland...

Im Grunde genommen haben aber fast alle Staaten in Europa so viele Schulden, dass sie eigentlich nicht mehr zu tragen sind. Auch Deutschland, mit einer vergleichsweise geringen Verschuldung und einer intakten Volkswirtschaft, ist an eine Grenze gekommen. Die notwendigen Pläne für die Zukunft, vor allem in Bezug auf Bildung, können nicht mehr finanziert werden. Einige Politiker, wie Roland Koch aus Hessen, haben es letzte Woche auch deutlich gesagt.

Um die Europäische Währung zu schützen, sind 750 Milliarden Euro bereitgestellt worden. Es ist überflüssig zu bemerken, dass das viel Geld ist. Ich könnte als Laie nicht erklären, woher das Geld genau kommt und wie es verwendet wird. Klar ist aber, dass es vor allem die wirtschaftlichen Kernstaaten der Europäischen Union sind, wie Deutschland und Frankreich, die für den Betrag gerade stehen. Und die Frage, ob die Staaten das auch leisten können, kann nicht einmal beantwortet werden.

Es betrifft natürlich nicht nur Europa: auch große Volkswirtschaften wie die Vereinigten Staaten oder Japan haben einen Schuldenberg, der kaum zu übersehen ist. Das Problem der Verschuldung der Staaten geht weit über Europa hinaus. Und weil auch die sogenannten Schwellenländer, wie Indien und Brasilien, auf die europäische Art und Weise auf Wachstum setzen, das heißt: enorme Schulden aufbauen, muss gesagt werden, dass das Problem die ganze Welt im Griff hat.

Billig ist, ein paar gierige Spekulanten aus New York für das Drama verantwortlich zu machen. Klar, an dieser Stelle soll der Turbo-Kapitalismus gezügelt werden, und das wird zweifellos auch geschehen. Obama ist schon dabei. Das Grundproblem ist aber nicht finanziell-systemisch-rechtlicher Art, sondern eher kultureller Natur: wie stellen wir uns das Leben vor? Welche Erwartungen meinen wir haben zu dürfen? In wie weit ist die Zukunft materiell gesprochen wie eine Quelle für die Gegenwart zu verstehen und auszubeuten?

Stehen wir vor einem Kollaps? Ich kann es als Laie nicht sagen. Merkwürdig ist aber, dass ich in den letzten Monaten öfters gedacht – oder eher „gefühlt“ – habe, dass die Sequenz der Ereignisse mir irgendwie bekannt vorkommt. Finanzkrise, Wirtschaftskrise und Währungskrise scheinen mir Akte in einem Drama zu sein, das ich schon kenne. In gewissem Sinne scheint es mir so zu sein, als ob ich mein ganzes Leben darauf gewartet hätte.

Ich erinnere mich, dass Bernard Lievegoed mir kurz vor seinem Tod einmal sagte: „Du sollst dich auf die sozial-gesellschaftliche Situation vorbereiten, dass das Telefon nicht mehr funktioniert“. Er war damals, vor etwa zwanzig Jahren, davon überzeugt, dass die westliche Kultur um das Jahr 2000 gegen eine Wand fahren würde. Er sagte einen Kollaps voraus, der als eine Steigerung der Wirkung der Gegenmächte zu verstehen sei. (Auch bei Rudolf Steiner ist diese Sichtweise zu finden.)

Lievegoeds Entgegnung bestand aus der Proklamation einer Kultur des Herzens. Er meinte, dass das Tragende in der Gesellschaft zukünftig nicht auf der systemisch-rechtlichen Ebene gefunden werden könne, sondern in demjenigen, was zwischen konkreten Menschen lebt. Staaten werden aufhören wie tragende Institutionen zu sein, die als sichere Einbettung der Biographien funktionieren. In dem Chaos wird die Frage sein: wie kann ich zusammen mit dir mein Leben gestalten?

Wenn ich richtig liege, wird alles noch schlimmer werden. Ich war letzte Woche in Spanien, wo ein guter Bekannter, Antonio, mich lachend fragte: „Wirst du als Einwohner von Deutschland mir finanziell helfen, wenn Spanien den Bach runter geht?“ Die Spanier scheinen schon damit zu rechnen, dass auch sie bald dran sind. Dann meinte er aber ernsthaft: „Es ist natürlich nicht eine Sache des Geldes...“ Wir waren uns einig: Das Kapital, dass wir jetzt einsetzen können, hat eine geistige Natur. Wenn Staaten kein Vertrauen mehr bieten können, verschiebt sich der Schauplatz dorthin, wo die Sachen wesentlich werden: in die Welt der konkreten Beziehungen.

Die Frage ist nicht länger nur: was machen die Politiker, sondern auch: was machen wir, du und ich?

10.05.2010

Bob Dylan und ich. Über einen kuriosen Twist of Fate

Als ich vor etwa fünfzehn Jahren einem meiner Söhne kurz vor einem Konzert von Bob Dylan in Utrecht erzählte, dass ich – ich arbeitete damals als Journalist – den tiefen Wunsch hätte, den großen Sänger aus den Vereinigten Staaten einmal zu interviewen, mir aber sicher wäre, dass es gar keinen Sinn mache, ihn über die offiziellen Wege zu kontaktieren, sagte mein Sohn zu mir: „Jelle, schreibe bitte auf einen kleinen Zettel worüber du mit Bob Dylan reden willst, ich werde deinen Wunsch weiterleiten.“

Zwei Tage meditierte ich und schrieb dann: „Dear Bob Dylan, I am a Dutch journalist and would like to ask you the question: what do you mean by The Queen of Space?“ (Mit der Königin des Raumes ist eine Gestalt gemeint, die in einer seiner Lieder auftaucht.) Und ich fügte meine Telefonnummer in Amsterdam hinzu. Obwohl ich befürchtete, dass er gerade diese Frage dumm finden könnte, konnte ich nicht darum umhin: es war für mich eine richtige Frage! Als wir dann in Utrecht im Konzert waren, wickelte mein Sohn den Zettel mit einem Gummiband um ein Feuerzeug und warf es auf die Bühne. „Jemand wird es finden“, sagte er, „und es vielleicht weitergeben“.

Nein, Bob Dylan hat mich nie angerufen und mein Wunsch ist noch immer nicht erfüllt. Die Aktion meines Sohnes hat aber meine Beziehung zu Bob Dylan grundsätzlich verändert und vertieft, erst einmal deswegen, weil die zwei Tage des Meditierens eine innerliche Nähe zu ihm erzeugten – es war, als ob das Gespräch schon angefangen hätte; und dann aber auch: weil mein Sohn auf diesen wunderbaren Gedanken kam, einfach ein Feuerzeug auf die Bühne zu werfen, entstand auf einmal die Möglichkeit eines Treffens. Ich konnte mir innerlich ausmalen, wie das gehen könnte: jemand würde das Feuerzeug finden, es Bob Dylan geben, er würde meine Frage lesen und denken: jemandem, der seine Hoffnung auf einen kuriosen Twist of Fate setzt, dürfte ich schon eine halbe Stunde meines Lebens schenken – wenn man seine Lieder kennt, weiß man, dass er so denken könnte.

Mein Sohn hat damals eine reale Möglichkeit, wie klein auch immer, arrangiert, weil er mich und Bob Dylan verstand und sich nicht in herkömmlichen Gedankengängen fesseln lies. Er öffnete ein Nadelöhr. Seitdem habe ich einige innerliche Gespräche mit Bob Dylan geführt, vor allem über die Eigenartigkeit, dass er in seinen Liedern manchmal große spirituelle Bilder verwendet, als Person an dieser Stelle aber sehr verschlossen wirkt, so, als ob er etwas fühlen kann, was er nicht in Gedanken repräsentieren und äußern will. Und freilich, da liegt die Verbindung zwischen ihm und mir: manchmal finde ich mich selber in dieser Position.

Ich würde sagen: Bob Dylan ist in meiner Innenwelt ein Gegenüber geworden.

03.05.2010

Zehn muntere Thesen in schwierigen Zeiten. Über die Waldorfkindergärten

Wegen des Themas dieses Blog-Textes bitte ich in dieser Woche noch einmal um Nachsicht, da es vielleicht nicht alle interessiert. Es geht um die Zukunft der Waldorfkindergärten in NRW. Diesmal geht es um ein paar Thesen, die sich auf die Vereinigung der Waldorfkindergärten beziehen. Die Thesen beinhalten „Visionen“, zurzeit ein gefährlicher Begriff – Visionen sollte man besser gar nicht erst haben, weil sie zu „groß“ sind. Besser wäre es, so hört man oft, die Sachen „klein“ und vor allem „konkret“ anzugehen.

Manchmal kommt es mir so vor, dass der Vorwurf „zu groß zu denken“ im Grunde eigentlich bedeutet: man sollte besser überhaupt nicht denken. Meine Thesen beziehen sich auf eine kleine Vereinigung mit überschaubaren Aufgaben. Sie sind deswegen eher als bescheiden und vor allem als sehr konkret zu bezeichnen. Ich freue mich auf Kommentare.

1.Die Vereinigung darf auf ihr geistiges Kapital vertrauen und auf Wachstum setzen. Der anthroposophische Erziehungsimpuls ist nach wie vor zeitgemäß. Die Vereinigung sollte sich in NRW bis 2015 als Ziel setzen: 25 neue Waldorfkindergärten.

2.Um das Ziel zu erreichen, soll auf die Hindernisse geschaut und die Frage gestellt werden: wie kann die Waldorfpädagogik wieder attraktiv werden?

3.Die Vereinigung sollte sich dadurch stärken, dass individuelle Personen für 50 Euro pro Jahr Mitglied werden können. Wie die individuellen Mitglieder sich zu den Vertretern der Einrichtungen verhalten, müsste geklärt werden. Das Ziel für 2015: 1000 individuelle Mitglieder.

4.Die Vereinigung sollte sich in der öffentlichen Gesellschaft stärker als eine Vereinigung für Kindheit definieren.

5.Die Vereinigung sollte sich aktiv auf die Suche nach Verbündeten begeben und derlei Beziehungen durchgehend pflegen.

6.Die Vereinigung sollte über die Waldorfkindergärten hinaus denken und den anthroposophischen Erziehungsimpuls auch für staatliche und andere private Einrichtungen attraktiv machen.

7.Die Vereinigung sollte neben Kindergärten auch andere Einrichtungsformen als „Waldorf“ anerkennen, wie Waldkindergärten, die Arbeit von Tagesmüttern und andere Kleinkindgruppen.

8.Die Vereinigung braucht ein freies Presseorgan, das statutengemäß unabhängig von den Entscheidungsgremien arbeitet und nicht als public relations gedacht wird.

9.Die Vereinigung sollte die Ausbildung und die Fortbildung der Erzieherinnen neu denken. Unterschiede sollten diesbezüglich zwischen Kindergartenleiterinnen und Erzieherinnen gemacht werden, die in den Gruppen arbeiten.

10.Die Vereinigung darf auf der finanziellen Ebene in die Offensive gehen. Mit den Aufgaben steigen auch die Ausgaben. Die Vereinigung sollte nicht nur sparen, sondern auch Geld aufnehmen um in die Zukunft zu investieren.

26.04.2010

Braucht Christus einen Eigennamen? Über die stumme Sprache

Eine Freundin hatte die Kommentare auf meinen letzten Weblogtext gelesen und sagte mir: „Jeder Mensch hat seine eigene persönliche Beziehung zu Christus“. Erst nahm ich ihre Aussage als ganz selbstverständlich hin. Ich dachte: „natürlich ist das so...“. Ein paar Stunden später leuchtete mir jedoch auf einmal ein, dass die Behauptung weitreichende Konsequenzen hat.

Zwei Aspekte dieser Aussage beschäftigen mich. Der erste ist, dass von einer „Beziehung“ die Rede ist – es gibt kaum ein Wort, das meine Aufmerksamkeit in den letzten Monaten mehr in Anspruch genommen hätte, als gerade dieses. Das Wort will von mir verstanden werden. Der zweite Aspekt betrifft den Eigennamen „Christus“, der sich auf einen Gott bezieht, der offenbar für alle Menschen da ist, allerdings nur von „Christen“ so genannt wird.

In der Aussage jener Freundin wird über die Beziehung zu Christus nicht nur gesagt, dass sie „persönlich“ ist, sondern auch, dass jeder Mensch seine „eigene“ persönliche Beziehung zu Ihm hat. Das bedeutet, dass es zwischen individuellen Menschen und dem Gott, der diesen Namen trägt, Milliarden von spezifischen und einmaligen Bezügen gibt oder geben kann. Und damit haben wir es mit einem Phänomen zu tun, dass sich wegen seiner unerschöpflichen Arten und Weisen über die Sprache hinaus erhebt.

Was ich meine, ist folgendes: In der Sprache wirken zwei Bewegungen – eine vertikale und eine horizontale. In der vertikalen Bewegung werden Phänomene benannt, das heißt: sie kriegen einen Namen. Walter Benjamin spricht diesbezüglich von der „adamitischen“ Sprache und ihre Wörter und Redewendungen nennt er „wahre Namen“. Die zweite – horizontale – Bewegung ist als eine kommunikative zu verstehen, die von Benjamin die „urteilende“ Sprache genannt wird, ich würde allerdings sagen „die teilende Sprache“. In der horizontalen Bewegung der Sprache „teilen die Menschen sich mit“ und machen damit sozial und kulturell gesprochen die eigenen Positionen kenntlich.

Namen beziehen sich zwar auf konkrete Begebenheiten, haben allerdings nur eine Bedeutung, wenn sie allgemein gültig angenommen werden. Wenn ich von etwas rede, sagen wir: von meinem Garten, hat mein Reden nur einen Sinn, wenn das Wort (der Name) „Garten“ von meinen Zuhörern verstanden und akzeptiert wird.

Rein sprachlich gesprochen kann ich nur dann meinem Garten einen anderen Namen geben, sagen wir: „mein Paradies“, wenn ich mich nur mit mir über ihn unterhalte. Ich würde, weil ich meinen Garten so liebe, die übliche Andeutung als unzulänglich zurückweisen und eine Analogie benutzen. Ich würde sagen: „Mein Garten ist für mich wie ein Paradies und deswegen spreche ich von meinem Paradies“. Oft ist es in der Sprache so, dass eine gesteigerte Beziehung sich sprachlich in einer Analogie ausdrückt.

Auch der Eigenname Christi ist eine Analogie. Er beruht auf einer direkten griechischen Übersetzung aus dem Hebräischen „Mašȋah“, was „der Gesalbte“ bedeutet. Von der sprachlichen Ebene aus gesehen ist er ein Beiname von Jesus von Nazareth, weswegen oft von Jesus Christus gesprochen wird. Um Jesus von Nazareth eine „gesteigerte“ Bedeutung zu verleihen, wurde er Christus genannt. Klar ist aber, dass dieser Eigenname nur im hebräischen und griechischen Sprachbereich – und in allen Sprachen die damit verbunden sind – seine Wurzeln hat und damit auch sein unmittelbares Verständnis.

Für einen Chinesen in Singapur ist dieser Eigenname fremd. Wenn er in seiner Innenwelt auf die Erscheinung Christi stößt, wird er erst einmal nicht auf den Gedanken kommen, von „Christus“ zu sprechen, und schon gar nicht, wenn dies bedeuten würde, dass er sich von seinen vertrauten Göttern verabschieden sollte. Nein, er würde versuchen die Erscheinung mit den ihm bekannten und vertrauten Analogien in Sprache zu verwandeln.

Singapur... Wenn wir mit Rudolf Steiner vom „ätherischen Christus“ sprechen, uns vergegenwärtigen, dass es dabei um eine Erscheinung geht, die weltweit wirkt und uns auch noch unbefangen auf diese wunderbare WELT, die Singapur ausmacht einlassen, wie kriegen wir dann Zugang zu den Analogien, die dort verbreitet sind? Wie kann die dortige „adamitische Sprache“ in eine Beziehung zu meiner „teilenden Sprache“ gesetzt werden?

Die Frage schneidet aber noch tiefer, weil es nicht nur um religiös zu definierende Gruppen von Menschen, sondern um zahllose Individuen geht, die alle „eine eigene persönliche Beziehung zu Christus“ haben (können). Die Frage öffnet einen Raum, der über die Sprache hinaus geht, in gewissem Sinne eine Sprachlosigkeit voraussetzt, die gerade nicht über die Sprache wieder geschlossen werden kann?

In Singapur habe ich diesen Raum der Sprachlosigkeit gespürt. Er lebt und webt und vibriert zwischen den Menschen, egal ob sie dem Konfuzianismus anhängen, Hindus, Buddhisten, Muslime oder Christen sind. In diesem Raum teilen sie etwas miteinander, was über die Sprache hinausgeht. Ist dieser Raum letztendlich nicht auch das, was Rudolf Steiner mit der „ätherischen“ Welt meinte? Ist dieser Raum-als-Innenraum nicht genau so „Erde“, wie die Erde die manchmal bebt?

Braucht Christus einen Eigennamen? Ich würde sagen: ja, weil wir nur auf etwas verzichten können, was es gibt. Auf der ätherischen Ebene ist es so: weil ich in Europa aufgewachsen bin, komme ich Christus über seinen Namen näher – muss aber sofort auf den Namen verzichten, wenn ich dem Verlangen nachgehen will, seine einmalige Präsenz im Leben eines Chinesen in Singapur zu spüren. Um Ihn in einem Mitmenschen zu finden, muss ich mich in das hinein begeben, was Walter Benjamin „die stumme Sprache“ nennt.

19.04.2010

Über Täter und Opfer. Und den Akt des Verzeihens

In der Beziehung zwischen Täter und Opfer werden die menschlichen Bezüge auf eine Spitze getrieben, die schwer eindeutig zu denken sind, ich meine: eine ganze Menge von Begriffen werden gebraucht, um das Spannungsfeld zwischen den beiden in den Blick zu bekommen. Und vor allem sind es dabei die Paradoxe, die es schwer machen, die beiden Begriffe transparent vor Augen zu führen.

Als erstes fällt auf, dass die beiden Begriffe miteinander verschränkt sind: es gibt keine Opfer ohne Täter und keine Täter ohne Opfer. Als solches ist das nichts Besonderes: es gibt auch keine Töchter ohne Mütter, keine aktiven Rechtsanwälte ohne Mandanten, keine Gewählten ohne Wähler. Trotzdem ist die Verschränkung bemerkenswert, weil sie nicht auf biologischer oder funktionaler Ebene liegt – sie liegt in einem schrecklichen Ereignis begründet. Dadurch, dass etwas Ungeheuerliches geschehen ist, sind zwei Menschen miteinander verbunden.

Die Beziehung zwischen Tätern und Opfern ist extrem asymmetrisch. Von dem einen ist ein Akt des Missbrauchs oder der Gewalt ausgegangen, der dazu führt, dass der andere für längere Zeit – vielleicht eben für sein ganzes weiteres Leben – in einem Schmerz gefesselt ist. Die Ungleichheit der Beziehung ist meistens „gefroren“ und lässt sich nur schwer ändern. Wenn eine „lösende“ Annäherung zwischen Opfer und Täter angestrebt wird, bedeutet dies immer einen Gang über den Abgrund.

Für Täter sind ihre Opfer sehr oft anonym. Die Persönlichkeit des Opfers muss durch den Täter verdrängt werden, egal ob er sein Opfer kannte oder nicht. Täter neigen dazu zu vergessen, dass es überhaupt Opfer gibt. Umgekehrt aber steht die Persönlichkeit des Täters in den Augen des Opfers mit klaren Konturen im Raum. Für das Opfer ist es oft so: es gibt diesen EINEN Menschen, der mir DIES angetan hat.

Und damit verschiebt sich die „gefühlte“ Beteiligung-als-Dauerzustand einseitig in die Richtung des Opfers. Es ist, als ob das Ereignis auf der einen Seite ausgeblendet und deswegen auf der anderen Seite doppelt so schwer erlebt wird. Aus der Literatur ist die bittere Tatsache bekannt, dass sich Opfer manchmal schuldig fühlen. Der Grund ist verständlich: um innerlich mit etwas fertig zu werden, wird eine Art Erklärung oder Schuldzuweisung gebraucht. Und weil der Täter sich nicht auf die Not des Opfers einlässt, bleibt der letztere mit sich selber alleine. Früher oder später kommt er oder sie auf den Gedanken: habe ich nicht aktiv zu dem Ereignis beigetragen?

Täter isolieren sich in der Anonymität und versuchen sich in einem Nichts quasi aufzuheben, Opfer dagegen verstecken sich in ihrem konkreten Erlebnis, das sie verheimlichen MÜSSEN, weil es nicht zu tragen und zu vertreten ist. Der Täter läuft vor dem Umstand weg, dass er Täter ist, das Opfer kann nicht anders, als sich immer wieder zu vergegenwärtigen, dass es Opfer ist. Der Täter schweigt in jeder Hinsicht, das Opfer redet ständig mit sich selber.

Eine unerträgliche Beziehung wird gestiftet, weil etwas Ungeheuerliches geschehen ist. Immer geht es dabei um eine Schwellenüberschreitung, die in unserer Gesellschaft strengstens verurteilt wird. Nun kann man natürlich die relativierende Frage stellen, warum in unserer Gesellschaft bestimmte Handlungen negativ belegt sind. Für die Beziehung zwischen Täter und Opfer ist diese Frage aber nicht relevant. Das (oft unausgesprochene) Verharmlosen eines Gewalt- Aktes – wenn es zum Beispiel um sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen geht – ist alleine dadurch grausam, weil es dem Opfer seine Würde nimmt.

Die Beziehung ist aber nicht nur extrem asymmetrisch, sondern in gewisser Hinsicht auch extrem symmetrisch. Das liegt erstens in der Tatsache begründet, dass ein Ereignis „geteilt“ wird – ich meine: dass eine gemeinsame Geschichte vorhanden ist. Was die beiden verbindet, ist der EINE Moment des Geschehens. Die einzigen Gesprächspartner, die auf gleicher Augenhöhe über das Ungeheuerliche sprechen könnten, sind Täter und Opfer. Alle anderen Menschen sind nur indirekt beteiligt.

Aber zweitens liegt die Gleichheit auch darin begründet, dass Täter und Opfer in Bezug auf die Erlösung nur aufeinander angewiesen sind. Das bedeutet, nicht nur gemeinsam auf das Geschehen zu schauen-um-zu-verstehen, was ja meistens nicht möglich ist, sondern sich darüber hinaus auch auf die weitreichenden Prozesse des Verzeihens und der Versöhnung einzulassen. In dem heiligen Bereich „zwischen uns“ (Emmanuel Lévinas) gibt es nichts Wesentlicheres als den Akt des Verzeihens.

An dieser Stelle taucht die Ungleichheit aber wieder auf, wenn vom Opfer (meist unausgesprochen) verlangt wird, dass sie oder er sich dem Täter öffnet (weil auch Christus das gemacht hat!). Niemand – und vor allem der Täter nicht – kann an dieser Stelle eine Erwartung oder eine Forderung haben. Der Täter kann höchstens aus einer ehrlichen Betroffenheit um Verzeihung bitten. Die extreme Asymmetrie muss aber respektiert werden, weil das Opfer sie braucht, um seine Souveränität und damit seine Würde wiederzuerlangen.