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30.01.2011

Die Dämmerung der Philosophie. Über den Fluss der Sprache

Leider können wir nicht in die Zeit der alten Griechen zurück. Ich sage ‚leider‘, weil ich gestehen muss, dass ich mich manchmal nach der unbefangenen Frische im Denken der alten griechischen Philosophen sehne. Auch heute noch, mehr als zweitausend Jahre später, wirken ihre Texte wie Früchte, die gerade gepflückt wurden und noch nass vom Tau sind. Ihre Worte scheinen noch unbelastet zu sein, die Begriffe frei von Krieg, die Schönheit unmittelbar erotisch.

Solon aus Athen (640 – ca. 560 v. Chr.) soll gesagt haben: „Die Rede sei durch Schweigen zu besiegen, das Schweigen aber durch die Zeit“. Auch heute noch zwingt uns diese Aussage dazu, frisch über die Phänomene des Redens, des Schweigens und der Zeit nachzusinnen. Irgendwie scheint das Rätsel eine Wahrheit zu beinhalten, die wir vielleicht nicht sofort denken können, trotzdem aber spüren. Eine Wahrheit macht sich bemerkbar, bevor wir sie wirklich begreifen.

Von Pittakos aus Mylene (ca. 650 - 570 v. Chr.) ist überliefert: „Bemaltes Holz ist der beste Schutz der Polis“, eine Aussage, die wie die von Solon als Rätsel gemeint war. Klar ist, dass der alte Weise über die Gesetze gesprochen hat, die in Athen auf Holztafeln verzeichnet und in den Straßen aufgestellt wurden. Rätselhaft ist allerdings, warum Pittakos nicht einfach von Gesetzen gesprochen, sondern auf das Holz verwiesen hat.

Und dann der Hammer von Thales aus Milet (erste Hälfte des 6. Jahrhunderts) : „Das älteste der Wesen sei Gott, der unerzeugte, das schönste sei die Welt, das Werk Gottes, das größte der Raum, der allumfassende, das schnellste der Geist, der alles durchdringe, das stärkste die Notwendigkeit, die alles beherrsche, das weiseste die Zeit, die alles erfinde“. Mit dieser Aussage, meinte Thales, wären alle möglichen Fragen über das Leben und die Welt beantwortet. Hinter den Worten ist allerdings ein Lächeln spürbar, vor allem auch, weil der letzte Teil der Aussage – „das weiseste ist die Zeit, die alles erfinde“ – rückwirkend das Ganze fast ironisch in Frage stellt. (Weil es nicht ganz ironisch ist, bleibt die Weisheit dabei.)

Von solchen Aussagen sind wir in der heutigen Zeit weit entfernt. Philosophen schreiben sehr komplizierte Bücher, Politiker machen geschmeidige Aussagen, Wissenschaftler überladen uns mit Ergebnissen von Untersuchungen, Journalisten veröffentlichen täglich Nachrichten und vor allem auch Kommentare, Wikileaks kreiert einen Stau von Dokumenten. Einen Überblick in den Ozean der dringenden Meldungen hat kein Mensch.

In der aktuellen sprachlich-kulturellen und „weltanschaulichen“ Vielfalt werden Worte und Begriffe immer wieder neu definiert, dass heißt erst „dekonstruiert“ und dann wieder neu „konstruiert“. Egal wovon man redet, in fast jedem Diskurs müssen die Worte von Altlasten befreit werden, bevor sie eingesetzt werden können. Meistens, so meine ich, gelingt das nicht nachhaltig, höchstens für die Dauer des entsprechenden Textes.

Es gibt eine ganze Menge von Wörtern, die man nicht mehr benutzen kann, ohne mit Sicherheit Missverständnisse zu erzeugen. Alleine in dem Text, den ich jetzt gerade schreibe, wären als problematisch zu bezeichnen: Denken, Philosophen, Begriffe, Schönheit, erotisch, Leben, Welt, sprachlich, kulturell, weltanschaulich, dekonstruiert, (hat Jacques Derrida damit gerechnet, dass auch der Begriff Dekonstruktion ständig dekonstruiert werden würde?)... Und in jedem weiteren Satz werden Worte und Begriffe auftauchen, deren Bedeutungen (!) sich leicht in der Weite der Vielfalt verlieren.

Dieser Umstand, so scheint es mir, erzeugt zwei Bewegungen. Die erste Bewegung kennen wir alle, sie ist eigentlich gerade als eine Nicht-Bewegung zu beschreiben, weil sie Fixierung bedeutet: wir versuchen die Worte und Begriffe in bestimmten sprachlichen Zusammenhängen – man könnte auch sagen: in Diskursen – festzulegen. Um Missverständnissen vorzubeugen, versuchen wir krampfhaft den Worten eine steinige Eindeutigkeit zu verleihen. Das führt dazu, dass die Worte keine saftigen Früchte mehr sind, wie Pfirsiche, sondern nur noch Kerne ohne Fleisch.

Die zweite Bewegung bemerken wir weniger, sie ist allerdings wichtiger. Sie bedeutet, dass wir uns gerade von den Eindeutigkeiten entfernen und ins sprachliche Spielen geraten. Vor allen in den Kneipen, Schlafzimmern, Küchen, Straßenbahnen und auf der Straße ist diese Tendenz zu beobachten. Sie beruht auf der inneren Haltung, dass es „egal“ sei, wie wir die Dinge benennen, die Hauptsache wäre, dass wir „uns verstehen“. Und diese Haltung steigert sich schwindelerregend, sobald wir uns ins Internet begeben.

Man könnte es auch so sagen: in der Sprache wird immer wichtiger, dass Bedeutungen „intuitiv“ (!!!) ergriffen werden. Nicht das äußere Gewand der Sprache zählt, sondern ihre innere-spielende-verwandelnde Dynamik. Wir fangen langsam an, über die festgelegte Sprache hinaus zu lauschen, kommen somit von durchschaubaren Konzepten weg und finden Zugang zu einer ätherischen (excusez le mot!) Ebene, wo Gegenstände keine Gegenstände mehr sind, Worte keine Flaschen, Meldungen keine Nachrichten, Fußnoten keine semantischen Schrauben.

Und interessant: in der Dämmerung der Philosophie, die mit diesen beiden Bewegungen einher geht, kriegen die Aussagen von Solon, Pittakes und Thales – sie gehörten zu den sogenannten „Sieben Weisen“, die vor mehr als zweitausend Jahren die Philosophie angestachelt haben – eine unerwartete Wirkung. Sie wirken taufrisch, weil sie eine Nähe zum Fließen der ätherischen Welt haben. Um an ihre rätselhaften Bedeutungen heran zu kommen, verlangen sie etwas von uns, was wir gerade lernen wollen: uns dezentriert in der Vielfalt immer wieder neu erfinden.

27.11.2010

Die Freundschaft als Gebet

Ich habe das Zitat von Jacques Derrida schon einmal als Motto rechts oben auf meinen Weblog gestellt. Und weil die zwei Sätze mich nicht loslassen, zitiere ich sie heute noch einmal. In seiner „Politik der Freundschaft“ schreibt Derrida: „Freundschaft ist nie eine gegenwärtige Gegebenheit, sie ist der Erfahrung des Wartens, des Versprechens oder der Verpflichtung anheimgegeben. Ihr Diskurs ist der des Gebets, er konstatiert nichts, er stiftet, er beruhigt sich nicht bei dem, was ist, er ist unterwegs zu jenem Ort, an dem eine bestimmte Verantwortung sich in der Zukunft öffnet“.

Der erste Satz beinhaltet ein Paradox. Erst wird gesagt, dass die Freundschaft „nie eine gegenwärtige Gegebenheit“ sei, dann jedoch, dass sie eine „Erfahrung“ sei, was darauf hin deutet, dass sie in der Gegenwart erlebt wird. Die Erfahrung bezieht sich auf das Warten, das Versprechen oder die Verpflichtung – solange wir in der Gegenwart (auf die Freundschaft? auf den Freund? auf meine Bereitschaft auch wirklich ein Freund zu sein?) warten können, solange wir an einem Versprechen festhalten, ist die Freundschaft als Erfahrung da.

Ihr Diskurs ist der des Gebets... Im Gebet richten wir uns auf etwas Größeres, etwas, dass über uns hinaus geht, auf etwas Göttliches. Wir glauben (nehmen an, ahnen, hoffen?), dass das Größere auch tatsächlich existiert, uns bemerkt, uns hört, auch wenn es nicht gegenständlich und handgreiflich in der Gegenwart vorhanden ist. Beten ist der Versuch einer Wiederverbindung, was das Wesen der Religion ausmacht: Im Gebet versuchen wir eine verloren gegangene Beziehung wieder herzustellen.

Er (der Diskurs der Freundschaft) konstatiert nichts... Konstatieren bedeutet auf schönem Deutsch: feststellen, also FEST STELLEN, etwas fixieren, etwas eine eindeutige Bedeutung zuschreiben. Im Diskurs der Freundschaft bleibt alles in der Schwebe, einem Zustand, der manchmal schwer auszuhalten ist, weil er uns in unseren Unsicherheiten nicht gerade bestärkt. Wir sind immer wieder geneigt, uns mit Urteilen (über Freunde und Feinde) Sicherheiten zu verschaffen.

Er stiftet... Derrida sagt nicht: der Diskurs der Freundschaft „gründet“, sondern „stiftet“, was eher eine luftig-feurige Angelegenheit ist. Die etymologische Herkunft des Wortes ist laut Duden 7 unbekannt, verrät in alten Wörtern wie „Stiftskirche“ und Redewendungen wie „Unheil stiften“ allerdings noch die ursprüngliche Bedeutung. Stiften heißt so etwas wie „verursachen“ – in der gegenwärtigen Erfahrung des Wartens wird etwas verursacht, das sich als Wirkung erst in der Zukunft entfaltet.

Er beruhigt sich nicht bei dem, was ist... Auch wenn man in Ruhe wartet – Gelassenheit ist eine hohe Tugend – bleibt man nicht bei dem, was ist, sondern bei dem, was noch nicht ist, anders gesagt: das was ist, wird als etwas Unvollkommenes vollkommen in seinem Im-Kommen-sein genommen. Das was ist, wird nicht genommen als etwas, das beruhigt, sondern es wird umgekehrt in Ruhe genommen als etwas, das in seiner Unvollständigkeit auf etwas Kommendes hinweist.

Er ist unterwegs zu jenem Ort, an dem eine bestimmte Verantwortung sich in die Zukunft hinein öffnet... In der Freundschaft (die eine nie gegenwärtige Gegebenheit ist) wird eine Verantwortung gespürt, die es noch nicht gibt, sondern sich erst in der Zukunft öffnet. Die Verantwortung, die es noch nicht gibt, so verstehe ich Derrida, bedeutet in der Gegenwart allerdings schon eine Verpflichtung. Noch ganz abgesehen von der wunderbaren Formulierung, dass Verantwortungen sich ÖFFNEN, überrascht an dieser Stelle der definitive Sprung Derridas in die Zukunft. Unbekannte Verantwortungen, die es in der Gegenwart noch nicht gibt, führen zu Verpflichtungen in der Gegenwart, einer Gegenwart jedoch, die es eigentlich nicht mehr gibt, sobald man „unterwegs“, das heißt: im Kommen ist.

Die Sichtweise Derridas auf die Freundschaft öffnet eine Verantwortung, die es noch nicht gibt. Sie geht somit mit einer konkreten und höchst aktuellen Verpflichtung einher, die vor allem bedeutet: nicht festlegen wollen, nicht urteilen wollen, ja, stattdessen: warten wollen, versprechen wollen und beten wollen. In der Freundschaft wird über eine hartnäckige Differenz hinaus die offene Zukunft zelebriert. Und weil Derrida von einem Gebet spricht, verstehe ich ihn so, dass es dabei aus seiner Sicht erst einmal um eine innere Tätigkeit geht, erst einmal...

21.11.2010

Fragment über die Feindschaft. Das Schicksal von Kain und Abel

Waren Kain und Abel Feinde? Ja, sie waren genauso Feinde, wie sie Brüder waren. In nächster Nähe hat Kain auf Abel und Abel auf Kain gewartet, in der Vertrautheit der Familie, dort wo Jacques Derrida zufolge „einzig der Freund willkommen ist.“ Weil die berühmte biblische Erzählung gerade in ihren Details sehr aussagekräftig ist, zitiere ich aus Genesis 4:

„Nach einiger Zeit brachte Kain dem Herrn ein Opfer von den Früchten des Feldes dar; auch Abel brachte eines dar von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Der Herr schaute auf Abel und sein Opfer, aber auf Kain und sein Opfer schaute er nicht. Da überlief es Kain ganz heiß und sein Blick senkte sich. Der Herr sprach zu Kain: Warum überläuft es dich heiß und warum senkt sich dein Blick? Nicht wahr, wenn du recht tust, darfst du aufblicken; wenn du nicht recht tust, lauert an der Tür die Sünde als Dämon. Auf dich hat er es abgesehen, doch du werde Herr über ihn! Hierauf sagte Kain zu seinem Bruder Abel: Gehen wir aufs Feld! Als sie auf dem Feld waren, griff Kain seinen Bruder an und erschlug ihn“.

Aus dieser Erzählung geht nicht zwingend hervor, wie man vielleicht meinen könnte, dass die Feindschaft zwischen Kain und Abel asymmetrisch war, als ob Kain seinen Bruder Abel gehasst hätte, und nicht umgekehrt. Was in Abel vorging, wird in der Genesis nicht erzählt; in alten jüdischen Legenden wird allerdings berichtet, dass vor dem Mord ein Gespräch zwischen Kain und Abel stattgefunden hat, in dem Kain versucht hat, seinem Bruder Abel, seinen Schmerz-von-Gott-abgewiesen-zu-sein, zu vermitteln.

Kain meint, dass Gott die Welt mit „willkürlicher Macht“ regiert, was aus seiner Sicht „nicht gut“ ist. Abel lässt sich auf die Argumente von Kain nicht ein und beharrt darauf, dass Kain offenbar „schlecht“ ist, sonst hätte Gott dessen Opfer doch nicht abgelehnt. Das Urteil Gottes, so wie er es versteht, ist Abel also wichtiger, als die Nähe zu seinem Bruder; ein Umstand, der Kain zusätzlich tief verletzt. Die Legende ist nur so zu verstehen: Aus Abels Sicht war Kain, wegen des Urteils Gottes, schon zum Feind geworden.

Was geschieht? Die Geschichte ist doppelt zu lesen. Einerseits ist deutlich, dass Kain nicht ertragen kann, dass seine „Möglichkeiten“ von der Seite Gottes und somit auch Abels, offenbar nicht anerkannt werden. Aus Neid – oder Enttäuschung? – tötet er Abel und wird dafür bestraft; andererseits scheint es gar nicht um eine Strafe zu gehen, sondern um eine große Aufgabe, die ihm zugeteilt wird: Herr über die Dämonen zu werden.

Die Geschichte zeigt, dass beide von Anfang an und jeder für sich, getrennte Wege gingen. Kain wollte Ackerbauer sein, was im Grunde genommen bedeutet, dass er aktiv in die natürlichen Gegebenheiten einzugreifen hatte; Äcker sind in der Natur nicht einfach so vorhanden, sie müssen aus der Natur erobert, jedes Jahr neu bereitet werden. Mit dem Ackerbau fängt in der Geschichte der Menschheit dasjenige an, was wir Kultur nennen: eine von Menschenhand gestaltete Kreation, in der von Gott gegebenen Wirklichkeit. Mit dem Ackerbau begibt sich der Mensch anfänglich aber grundsätzlich in den Bereich der Technik, die eine Instrumentalisierung der Schöpfung bedeutet. Mit dem Ackerbau ist eine Geisteshaltung verbunden, die als Emanzipation zu verstehen ist: der Mensch macht sich frei von einem unbewusst Eingebettet-Sein in Gottes Werk und kreiert von sich aus ein zusätzliches Werk.

Kains Bruder Abel wollte jedoch ein Schafhirt sein, das heißt, in der Nähe zu Gott bleiben. Er hütete, was Gott den Menschen gegeben hatte, ohne in die Natur einzugreifen oder von sich aus etwas Eigenes gestalten zu wollen. Er wollte einfach bei den Schafen SEIN und in diesem Sein bei Gott sein. Das Wollen Abels und das Wollen Kains waren somit polar: wo der jüngere Brüder sich in einem vertikalen Einklang mit Gott befinden wollte, das man im Sinne von Martin Heidegger als Sein beschreiben könnte, suchte der Ältere eine horizontale Spannung zur gegebenen Welt, die eher als das Seiende zu deuten wäre.

Der schicksalsträchtige Mord fand, laut den Legenden, gerade an dem Ort statt, wo später der Tempel von Salomo gebaut wurde, das Heiligtum also, das als sakraler Brennpunkt des jüdischen Volkes galt. In dem späteren Bau des Tempels wiederholte sich die Spannung zwischen Kain und Abel, was an der Tatsache sichtbar wurde, dass der König und Bauherr Salomo mit seiner religiösen Weisheit als ein Repräsentant Abels und der Architekt Hieram Abiff mit seinen technischen Fähigkeiten als ein Nachfahre Kains angesehen wurde. Das Herz der alten jüdische Kultur, so wurde es verstanden, lag also gerade in der Spannung zwischen den beiden Geisteshaltungen – der Weg des Volkes Israels ging aus dem Konflikt der beiden Brüder hervor, oder anders gesagt: Die Feindschaft, die eine Bruderschaft war, konstituierte die jüdische Gemeinschaft.

12.04.2010

Wie viele Freunde habe ich? Die Freundschaft als Frage

Mich bewegt die Frage der Freundschaft. Sie ist eine fröhliche Frage, die allerdings bis zum heutigen Tag noch nicht zu eindeutigen Antworten geführt hat. Was ist Freundschaft? Und welche meiner Beziehungen könnte ich als Freundschaften bezeichnen? Vielleicht ist die Frage gerade deswegen so fröhlich & heiter, weil sie sich nicht an die Wand nageln lässt.

Ich behaupte, dass die Frage-als-Frage aber schon eine heilsame Wirkung hat. Mit ihr ist nicht nur ganz gut zu leben – sie ist wie eine Gesellin, die ständig auf erfreuliche Sachen aufmerksam macht – sie heilt darüber hinaus auch Wunden. Sie macht nämlich deutlich, dass die Idee der Freundschaft eine Vollkommenheit beinhaltet, die im alltäglichen Leben nur selten in Erscheinung treten KANN. Was im Leben unvollkommen ist, bekommt im Licht der Freundschaft eine Berechtigung.

Mit der Freundschaft werden seit Aristoteles eine lange Reihe von Tugenden & Haltungen & Zielen verbunden. Alleine die Auflistung der entsprechenden Begriffe zeigt, dass die Frage der Freundschaft im Grunde genommen die Frage der Philosophie ist. (Das meint Jacques Derrida in seinem Buch „Politik der Freundschaft“). Es gibt keine großen Ideen, die den Diskurs der Freundschaft nicht irgendwie einbeziehen.

Freiheit, Gleichheit & Brüderlichkeit. Vertrauen, Achtung & Liebe. Wahrheit, Ehrlichkeit & Lüge (Nietzsche: „Ohne die Lüge keine Freundschaft“!), Anfang, Dauer & Trennung, Nähe & Distanz, Selbstbestimmung & Fremdbestimmung, Takt & Verständnis, Ich & Du (und der Dritte!!!), Sprache... Die Freundschaft ist nicht nur eine private Sache, sondern eine umfangreiche Baustelle, auf der alle großen Fragen des Zusammenlebens aktiviert werden.

Schon Aristoteles machte darauf aufmerksam, dass die meisten Beziehungen, die wir als „freundschaftlich“ bezeichnen, im Grunde genommen nur Analogien sind, das heißt: wir nennen sie so, weil sie der Freundschaft ähnlich sind, im Grunde genommen aber nicht einmal einen Anspruch auf Vollkommenheit haben. Eine Freundschaft – Aristoteles klingt an dieser Stelle fast wie Plato – kann keine Freundschaft sein, ohne wenigstens den Anspruch auf Vollkommenheit zu haben. Der Versuch das Unmögliche zu erreichen, ist ein Merkmal von Freundschaft.

Die Freundschaft – man soll das nie aus den Augen verlieren – ist eine Form der menschlichen Beziehung. Letzte Woche habe ich auf diesem Weblog eine „ästhetische“ Liste von Beziehungsformen veröffentlicht, die auf einen Schlag sichtbar macht, wie vielfältig es sich mit unseren Beziehungen verhält. Und nicht nur vielfältig, sondern auch verwirrend & unüberschaubar. Die Frage der Begriffe der menschlichen Beziehungen ist wie eine Ansammlung von Wolken, die weit oben an uns vorbei ziehen & sich ständig ändern.

Wie viele Freunde habe ich eigentlich? Der Philosoph Kant meint, dass im Prinzip alle Menschen auf der Erde meine (potentiellen) Freunde sind. Er verbindet das mit zwei Begriffen: dem Begriff der menschlichen Gattung (wenn man die Gattung liebt, liebt man alle Menschen) und dem Begriff der Brüderlichkeit (alle Menschen sind voneinander irgendwie abhängig). Hat aber diese Idee der Aufklärung (Beethoven: „Alle Menschen werden Brüder!“) wirklich etwas mit Freundschaft zu tun?

Ich glaube nicht. Ein Freund braucht einen Eigennamen. In diesem Sinne gibt es nur DEN Freund oder DIE Freundin, der oder die mit seinem oder ihrem Vornamen anzusprechen ist. Wie viele Eigennamen gibt es also in meinem Leben, die ich mit dem Begriff der Freundschaft in Verbindung setzen müsste? Ich schreibe „müsste“, vielleicht müsste ich aber eher könnte oder dürfte oder wollte... schreiben. Ja, mit dieser Frage – geht es darum was ich diesbezüglich soll oder darf oder will oder kann? – kommt die Frage der Freundschaft so richtig in Bewegung.

Ich lasse es für heute bei dieser Frage: wie viele Eigennamen darf ich mit der Idee der Freundschaft verknüpfen? Das Dürfen scheint mir eine Bedeutung zu haben, die sich auf die Wahrheit bezieht (was darf ich der Wahrheit nach sagen?) und eine, die sich auf das Einvernehmen der anderen Person bezieht (ist sie damit einverstanden, dass ich sie öffentlich als MEINEN Freund bezeichne?). Mit diesen zwei Präzisierungen wird es halbwegs möglich, die Frage nach der Zahl der Freunde zu beantworten.

Ich habe gezählt, bin mir zwar immer noch nicht ganz sicher, meine aber, dass ich zwischen fünf und zwölf Freunde habe. Von fünf bin ich mir in Bezug auf die Wahrheit und das Einvernehmen ganz sicher, von sieben muss ich sagen: da gibt es noch einiges zu untersuchen und nachzufragen. Ich meine nicht, dass die ersteren fünf Freundschaften vollkommen sind – das sind sie nicht. Man könnte höchstens sagen, dass ihre Vollkommenheit darin liegt, dass die Unvollkommenheit einen gegenseitig akzeptierten Bestandteil der Beziehung ausmacht.

07.03.2010

Eine Auflistung. Über Freunde, Bekannte, Kollegen, Geliebte und Feinde

Liebe Leserinnen und liebe Leser, wenn man versucht, die Freundschaft als eine spezifische Beziehungsart zu verstehen, tauchen sofort andere Wörter im Umkreis auf, mit denen man sich beschäftigen muss. Ich schreibe „Wörter“ und nicht „Begriffe“, weil es ja erst einmal die Worte sind, die erscheinen. Die Frage, was die Wörter genau bedeuten, dass heißt, auf welche Begriffe sie sich beziehen, kommt erst an zweiter Stelle.

Neben Freunden gibt es in der deutschen Sprache Kollegen, Feinde, Geliebte, Partner, Kumpel, Genossen, Bekannte, Kameraden, Lebensgefährten... Diese Auflistung bezieht sich auf menschliche Beziehungen, die nicht biologisch bestimmt werden. Ich bin mir sicher, dass sie nicht vollständig ist. Weil ich für ein Buch, das ich vorhabe zu schreiben, eine mehr oder weniger vollständige Liste brauche, würde ich mich über Ergänzungen sehr freuen.

Meine vorläufige Liste ist nicht geordnet. Wenn ich versuche, eine Ordnung in die Willkür zu bringen, ohne auf der rein sprachlichen Ebene zu bleiben, komme ich nicht darum hin, auf die Bedeutung der Wörter zu schauen. Eine sinnvolle Ordnung entsteht nur dann, wenn die entsprechenden Begriffe beschrieben werden. Was sich dabei aber zeigt, ist die Tatsache, dass die Begriffe sich nicht so einfach greifen lassen.

Eine halbwegs sinnvolle Reihenfolge der genannten Worte wäre diese: Bekannte, Kollegen, Partner (als Geschäftspartner), Genossen (in einer politischen Partei oder einem ideellen Verein), Kumpel, Freunde, Feinde, Lebensgefährten, nochmals Partner (als Lebenspartner) und Geliebte. Dieser Auflistung liegen zwei Begriffe zu Grunde, die mit den Wörtern Distanz und Nähe angedeutet werden können. In dieser Auflistung steigert sich die Nähe zwischen den entsprechenden Personen.

Zwischen mir und meinen Bekannten herrscht eine spontane oder bewusst gehandhabte Distanz, die es zwischen mir und meiner Geliebten nicht gibt. Die Steigerung der Nähe hängt mit einer Intensivierung des Vertrauens zusammen. Schon zwischen Kumpeln gibt es eine Nähe, die zwar beschränkt und von äußeren Umständen bestimmt wird, allerdings eine Herzlichkeit beinhaltet, die es bei Kollegen oder Bekannten so nicht gibt. Bei Freunden liegt eine Vertiefung des Vertrauens vor, die gewiss nicht immer unbeschränkt, aber nicht mehr ausschließlich von Äußerlichkeiten abhängig ist.

Wenn man weiter auf die Liste schaut, fallen sofort ein paar merkwürdige Gegebenheiten auf, die eher Unordnung suggerieren. Bemerkenswert ist, dass einige Kategorien einander ausschließen, andere jedoch miteinander verschmelzen können. Man kann zum Beispiel in einer Beziehung gleichzeitig Kollege und Freund sein. Was aber gar nicht geht, ist, gleichzeitig ein Bekannter und ein Freund zu sein: Die beiden Wörter dienen gerade dazu, einander abzugrenzen. Ist man einmal befreundet, spricht man von einem Freund und nicht mehr von einem Bekannten.

Genauso bemerkenswert ist: Einige Kategorien können sich in andere Kategorien verwandeln. Aus einem Bekannten kann ein Kumpel, ein Genosse, ein Freund, ein Feind oder ein Geliebter werden. An dieser Stelle ist die oben erwähnte Steigerung wirksam: mit dem Vertrauen (oder Misstrauen zwischen Feinden) steigt die Innigkeit der Beziehung. In der umgekehrten Richtung gibt es aber nicht nur Möglichkeiten, sondern auch Unmöglichkeiten.

Aus einem Geliebten kann ein Freund, ein Feind, vielleicht auch ein Kumpel oder ein Genosse, aber niemals ein Bekannter werden. Hat man einmal aufgehört, einfach nur ein Bekannter zu sein, kann man in diesen Zustand nicht mehr zurückkehren. Für alle „Rückschritte“ gilt allerdings, dass sie problematisch sind. Um zum Beispiel von einem Geliebten zu einem Freund zu werden, muss meistens richtig etwas geleistet werden. Es ist, als ob man gegen einen Strom arbeiten muss.

Die Stelle der/des Geliebten in der Liste ruft überhaupt schwierige Fragen auf. Einerseits scheint eine Liebesbeziehung die Krönung aller Beziehungen zu sein, weil sie alles umfassen kann – lediglich die Kategorie der Bekanntheit schließt sie aus. Anderseits aber wird die Liebesbeziehung oft als eine „ausschließliche“ Beziehung verstanden, dass heißt: jemand hat (im Moment) nur zu einer Person eine Liebesbeziehung. Mit der Liebe ist offenbar ein Paradox verbunden: sie kann alles umfassen und gleichzeitig alles ausschließen.

In diesem Zusammenhang interessiert mich die Frage eigentlich nicht, ob man gleichzeitig mehrere Geliebte haben kann oder darf oder eben soll. Auch wenn jemand fünf Geliebte hat, was mir schon viel scheint, bleibt die Tatsache, dass die Anzahl beschränkt ist. Ein Mensch kann tausend Bekannte, hundert Kollegen, siebzig Genossen, zwanzig Kumpel, zehn Freunde und neun Feinde haben – gleichzeitig mehr als eine Handvoll Geliebte verkraftet niemand.

Mit der qualitativen Steigerung der Nähe, ist offensichtlich eine quantitative Abnahme verbunden, was vor allem deutlich wird, wenn wir auf die Stellen an der Spitze meiner Auflistung schauen. In seinem Buch „Politik der Freundschaft“ stellt Jacques Derrida in Anlehnung an Aristoteles die aufschlussreiche Frage: wie viele Freunde kann ich eigentlich haben? Zu wie vielen Freundschaften bin ich fähig? Diese Frage stellt sich nur bei Freunden und Geliebten.

Noch vieles mehr wäre über die Auflistung menschlicher Bezüge zu sagen. Ich werde mich in den nächsten Wochen mit weiteren Aspekten beschäftigen und würde mich, wie gesagt, über Ergänzungen, andere Sichtweisen und sprachlich-begriffliche Verfeinerungen sehr freuen. Seid herzlich gegrüßt, in Freundschaft, Feindschaft, Kameradschaft, Bekanntschaft oder Anonymität. Jelle van der Meulen

Mit Dank an Sophie Pannitschka

17.01.2010

Politik der Freundschaft. Vier berühmte Zitate poetisch arrangiert

Aristoteles:
O meine Freunde,
es gibt
keinen Freund.

Friedrich Nietzsche:
O meine Feinde,
es gibt
keinen Feind.

Jacques Derrida:
Freundschaft ist nie
eine gegenwärtige
Gegebenheit. Sie
ist der Erfahrung
des Wartens,
des Versprechens,
der Verpflichtung
anheim gegeben.
Ihr Diskurs ist der
des Gebets. Er
konstatiert nichts,
er stiftet, er beruhigt
sich nicht bei dem,
was ist. Er ist
unterwegs
zu jenem Ort,
an dem eine bestimmte
Verantwortung
sich die Zukunft öffnet.

Aristoteles laut Jacques Derrida:
Der eigentliche politische Akt
besteht darin
soviel Freundschaft
wie möglich
zu stiften.

*** *** *** *** ***

(Erläuterung: Das Zitat von Aristoteles ist in seinen Schriften nicht zu finden. In der Geschichte der Philosophie taucht es aber immer wieder auf, so, als ob er es ganz sicher gesagt hätte. Das Zitat ist als eine Anrede und als eine Klage zu verstehen. Aristoteles redet zu seinen „Freunden“ und sagt betrübt: „Es gibt keinen Freund“. Die Aussage von Nietzsche ist eine Reaktion auf das Zitat von Aristoteles. In seinem Zitat versucht Derrida das Paradox bei Aristoteles in Bewegung zu bringen. Freundschaft, meint er, ist immer im Kommen. Damit kreiert Derrida auf einer höheren Ebene ein neues Paradox: das Zukünftige wird als Gegenwart dargestellt. Alle Zitate aus: Jacques Derrida, Politik der Freundschaft, Suhrkamp 2002)

18.07.2008

Was soll ich mit meinem Traum anfangen?

Ich habe geträumt. In dem Traum hatte ich ein riesengroßes Haus mitten in einer Stadt. Rund um das Haus verlief ein Garten. Die Außenseite des Hauses war in einer melancholischen dunkelrot-braunen Farbe gestrichen, die Innenseite war voller dämmriger Zimmer, Flure und Treppen. Und vor allem: das ganze Haus war angefüllt mit Büchern & Bildern & bedeutungsvollen Objekten.

Die Stadt hatte zwar die Stimmung von Amsterdam (für Kenner: die Gegend rund um den Vondelpark), war aber weit vom Meer entfernt; und die Landschaft um die Stadt herum ähnelte eher der Puszta, so wie ich sie in Ungarn kennen gelernt habe. Und ganz eigenartig: im Garten gab es rostige Bahngleise, die gerade an der Hintertür des Hauses endeten.

Zwei mir gut bekannte Menschen besuchten mich in meinem Traum. Der eine war ein richtiger Freund – er lebt im realen Leben tatsächlich in Amsterdam, ist älter als ich und ich habe ihn in früheren Jahren als eine Art spirituellen Begleiter verstanden. Der andere war ein guter Bekannter, lebt in der Nähe von Utrecht und beschäftigt sich mit Organisationsberatung. Für beide gilt, dass ich sie sehr respektiere. Es sind beides Menschen, denen ich richtig etwas abnehme.

Mein Freund sagte zu mir: „Jelle, du sollst dein Haus leer räumen. Bald kommt ein Güterzug – er wird all deine Sachen holen und in die Welt verstreuen. Du brauchst das alles nicht mehr." Und wie das in Träumen möglich ist: sofort war der Zug in meinem Garten da und all meine Sachen wurden in den Wagen gepackt.

Als das geschehen war, änderte sich das Haus. Es verwandelte sich auf einmal in meine heutige Wohnung in Köln. (Nebenbemerkung: direkt neben meinem Garten in Köln laufen die Bahngleise zwischen Köln-West und Köln-Süd.) Mein zweiter Besucher sagte zu mir: „Jelle, die Bücher & Bilder & Objekte in deiner Wohnung werden die Lebensbücher & Lebensbilder & Lebensobjekte der Menschen sein. Deine Wohnung wird sich allmählich in den Zeitstrom der Gegenwart verwandeln. Bücher & Bilder & Objekte von gestern wird es nicht mehr geben. Du sollst dich in deinem weiteren Leben nur noch mit konkreten Fragen von konkreten Menschen beschäftigen. Alles andere sollst du lassen."

Und wie das in Träumen möglich ist: sofort waren in den Zimmern auf einmal eine Menge Leute da, die ruhig & intensiv & froh & entschlossen mit einander sprachen. Ich hatte das Gefühl, dass meine Wohnung eine Art Treffpunkt geworden war. Und ich hatte das Gefühl, in mir unendlich viel Energie & Raum & Lust für das neue Unternehmen zu spüren. Und auch hatte ich das Gefühl, die benötigten Fähigkeiten & Erkenntnisse & Erfahrungen zu haben. Mir schien meine Rolle ganz einfach zu sein: ich sollte den Menschen helfen ihre Lebensfragen zu formulieren – die Antworten würden dann einfach kommen.

Als ich aufwachte, war ich begeistert. So sollte es in meinem Leben weiter gehen! Als ich dann wieder einschlief – es war sehr früh morgens – und zwei Stunden später nochmals aufwachte, hatte meine Stimmung sich geändert. Die Traumbilder waren noch immer da, standen aber außerhalb von mir – wie die Bilder in meinem ersten Haus. Und ich dachte: was soll ich mit dem Traum anfangen? Der Traum wird sich nicht von alleine verwirklichen.

Ja, was soll ich mit dem Traum anfangen? Auch jetzt, wenn ich drei Tage später diese Sätze schreibe, spüre ich, dass der Traum wichtig ist. Profan gesagt: es ist etwas dran. Es sind vor allem zwei Aspekte, die mich beschäftigen. Erstens der Satz: „Du sollst dich in deinem weiteren Leben nur noch mit konkreten Fragen von konkreten Menschen beschäftigen." Und zweitens: „Alles andere sollst du lassen."

Welche Fragen sind gemeint?

Und was soll ich alles lassen?

In seinem Buch Politik der Freundschaft schreibt Jacques Derrida, dass Freundschaft in der Sphäre-des-Vielleichts zu Hause ist. Mit „vielleicht" meint er „perhaps" – „via Fortune, via Schicksal" (Proto-germanisch "hap" = geschehenes Schicksal: „happening")... Oder auf holländisch so wunderschön: „misschien" (etwa: etwas mag möglicherweise irgendwann wie die Sonne scheinen)... Wer aber widmet sich der Sphäre-des-Vielleichts? Was heißt es zu denken, dass es „vielleicht" die Mühe wert ist, sich um die offenen Fragen-des-Vielleichts zu kümmern?

Und was soll ich lassen? Irgendwann sagte Krishnamurti sinngemäß: „Die wichtigste Frage ist nicht, was wir tun sollen, sondern was wir besser lassen sollen".

10.07.2008

Über das Gespür für Nähe und die Freundschaft

Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, stelle ich fest, dass ich seit dem Tod von Rogier (Blog 04.06.2008) ein Gespür für Nähe habe. Ich war damals neun Jahre alt. Den Begriff der Nähe kannte ich damals aber noch nicht – ich vermute, dass ich eine erste Vorstellung davon bekam, als ich siebzehnjährig versuchte, die Gedichte der englischen Romantiker Coleridge, Wordsworth, Shelley und Keats zu lesen und zu verstehen.

In diesen Gedichten wurde etwas thematisiert, was ich jetzt „Nähe zur Welt“ nennen würde. Bäume, Blumen, Landschaften, Städte, Scheunen, Brücken, Wolken und auch Menschen wurden so beschrieben, als ob es sich dabei nicht nur um objektive Gegenstände handelte, die sich irgendwie & irgendwann & irgendwo ausserhalb von uns befanden, sondern die Gegenstände erzeugten in den Dichtern offensichtlich eine „gespürte Innigkeit“, die sich über die Sprache in uns als Leser fortsetzte. Die eigentlichen Themen der Gedichte waren gerade diese Innigkeiten.

Percy Bysshe Shelley schrieb: „So now my summer task is ended, Mary,/ and I return to thee, mine own heart´s home; (…)”. Einen anderen Menschen ernsthaft als “das Haus meines Herzens” zu beschreiben (leider scheint es uns nach beinah zweihundert Jahren ein Klischee zu sein) kann nur als ein Versuch angesehen werden, auf eine gespürte Nähe hinzuweisen, auf Innigkeit also. Mehr als ein Hinweis ist es aber nicht; Shelley war durchaus klar, dass seine Beschreibungen unzulänglich und zugleich göttlich waren. In einem Gedicht an den älteren Samuel Taylor Coleridge spricht er von „the voice of inexplicable things“, das heißt: „die Stimme der Dinge, die unfassbar sind".

Ein Gespür für Nähe ist nicht in konkrete Worte transportierbar. Und wenn etwas unfassbar ist, reden wir nicht darüber. Und weil wir nicht darüber reden, machen wir keine „Kultur“ daraus. Anders gesagt: obwohl das Gespür für Nähe, oder gerade die Abwesenheit davon (man nennt das: Einsamkeit) in unserem Alltag durchaus eine große und eben entscheidende Rolle spielt, schauen wir nicht darauf. Wir meinen, dass man Nähe nicht verstehen & lernen & entwicklen & ermöglichen & kultivieren kann. Und vielleicht stimmt das auch zur Hälfte – Nähe ist bestimmt nicht zu steuern & zu organisieren & zu erzwingen. Einer der wichtigsten Aspekte einer Kultur des Herzens ist aber der Versuch, sich der Nähe bewusst anzunähern.

Auf mein Leben zurückblickend stelle ich auch fest, dass ich das Gespür für Nähe spontan damit in Verbindung gebracht habe, was ich erst später Freundschaft genannt habe. Das Gespür für Nähe und Freundschaft scheinen mir miteinander verschränkt zu sein. Lange habe ich gemeint, dass diese spontane Verknüpfung selbstverständlich ist – dass alle Menschen das Gespür für Nähe als einen wesentlichen Bestandteil einer Freundschaft sehen würden. Mittlerweile ist mir aber deutlich, dass das nicht der Fall ist.

Und noch viel mehr ist mir klar geworden: in wichtigen Texten über Freundschaft, von Aristoteles über Montaigne und Nietzsche bis Jacques Derrida, wird das Gespür für Nähe überhaupt nicht erwähnt. Das Phänomen des Gespürs für Nähe spielt in philosophischen Betrachtungen über die Freundschaft überhaupt keine Rolle. Mich interessiert zum Bespiel brennend die Frage, ob Aristoteles in seiner Beziehung zu Alexander dem Großen – ich denke schon, dass die beiden sich als Freunde verstanden – etwas wie Nähe gespürt hat; und auch: wie er als Philosoph die gespürte Nähe zwischen ihm und seinem jüngeren Freund begriffen und bewertet hat.

(Mit dank an Sophie Pannitschka)

17.10.2007

Die Freundschaft als Baustein einer Kultur des Herzens (3)

In meinem Austausch mit meinem alten Freund Rob Rijksen geht es unter anderem um die Frage, warum wir damals vor dreißig Jahren auseinander gegangen sind. Mit seiner Erlaubnis zitiere ich hier ein paar Sätze, die er mir geschrieben hat. Er schreibt: „Was bedeutete es damals konkret für uns beide, dass du mich einerseits zu dir heran gezogen hast und mich andererseits nicht in deinem Leben zugelassen hast, wenn ich dir zu nahe kam? Du konntest dann ziemlich wütend werden“. Und: „Nimm zum Beispiel die vielen Demonstrationen, (woran ich damals als Organisator beteiligt war, JvdM), von denen du mir nicht alles erzähltest“. Und: „Du bist damals von dem Einen zu dem Anderen geflogen, und ich musste immer irgendwie hinterherlaufen.“

Was mich an diesen Sätzen vor allem berührt, ist die Tatsache, dass ich offensichtlich „wütend“ wurde, als Rob mir zu nahe kam. Diesen „wütenden“ Jelle gibt es in meinen Erinnerungen überhaupt nicht; ich erinnere mich an keine einzige Situation, wo ich Rob gegenüber verärgert oder wütend war. Trotzdem glaube ich, dass Rob recht hat. Ich habe nämlich in meinem späteren Leben feststellen müssen, dass es diesen wütenden Jelle wohl gab und gibt. Ich habe ihn aber nicht selber wahrgenommen, auch nicht in den Momenten, in denen er offensichtlich da war. Ich habe immer gehandelt, als wenn es ihn nicht gab.

Ich war schon etwa vierzig Jahre alt, als ich sehen und annehmen konnte, dass es diesen „wütenden“ Jelle gab. Noch immer aber ist es so, dass ich nicht gerne von dieser Gestalt höre, vor allem nicht, wenn meine Kinder davon erzählen. Erst vor ein paar Wochen hat einer meiner Kinder mir davon erzählt, wie ich als Vater damals in Konflikten zwischen meinen Kindern oftmals mit Wut eingegriffen habe. „Deine Wut hat dazu geführt, dass wir unsere Konflikte oft nicht ausleben und klären konnten“. Als mein Sohn mir das so sagte, hatte ich das unwiderstehliche Bedürfnis, mich zu verteidigen.

In seinem Essay „Über die Freundschaft[1] spricht Jacques Derrida von „der Bruder, der mich begleitet“. Dieser Bruder „erweist sich als mein Feind“. Derrida: „In nächster Nähe muß er auf mich gewartet haben, in der Vertrautheit meiner eigenen Familie, bei mir zu Hause, im Herzen der Ähnlichkeit und der Affinität, unter meinen Angehörigen, im Innern der verwandtschaftlichen Zugehörigkeit, der oikeiotes, die doch einzig den Freund willkommen heißen und ihm Unterkunft gewähren sollte“.

Aus nächster Nähe kommen also die schlechten-Nachrichten-über-uns, die wir als eine Bedrohung, eine lieblose Zurechtweisung, eine unbegreifliche und schreckliche „Wahrheit“ erleben. Gerade unsere Kinder, Geliebten und Freunde können uns am tiefsten mit „Wahrheiten“ verletzen, weil wir diese „Wahrheiten“ nicht sehen wollen und können (an dieser Stelle scheinen nicht-Wollen und nicht-Können fast identisch zu sein) und nichtsdestotrotz sehen müssen, weil mein Kind, meine Geliebte und meine Freunde mich lieben und ich sie liebe. Nicht hören wollen & können, heißt doch die Liebe nicht leben wollen & können.

Wie verstehe ich diesen „wütenden“ Jelle? Laut Rob Rijksen taucht er auf, wenn er mir „zu nahe“ kommt. Wohin genau kam er zu nahe? Oder anders gesagt: Was in mir wollte da nicht gesehen, angesprochen, berührt werden? Im Nachhinein – ja, leider erst im Nachhinein, das heißt, so viele Jahre später – kann ich diese Frage beantworten. Ich hatte damals eine vage und unreife Vorstellung davon, was Freiheit heißt und habe diese Vorstellung ängstlich geliebt und gelebt. Freiheit bedeutete damals für mich, dass ich tun konnte, was ich tun wollte – und gerade das durfte nicht in Frage gestellt werden. Dass meine Vorstellung von Freiheit unzulänglich war, konnte ich nicht denken und fühlen und wollen.

Heute fühlt es sich fast so an, als ob der Jelle von damals kaum etwas zu tun hat mit dem Jelle von heute. Wie damals der wütende Jelle von mir – ich würde sagen: von meinem Selbst – gespalten war und wie eine eigenständige „Gestalt“ unbemerkt von mir auftrat, erscheint heute der „damalige“ Jelle als getrennt von dem aktuellen Jelle. Etwas in mir sagt relativierend: damals war ich (leider) so, heute bin ich (aber) so – damals war ich jung und unreif, heute bin ich älter und erfahrener. Eine verdoppelte Trennung ist also im Spiel: eine damalige und eine aktuelle.

Die aktuelle und relativierende Trennung führt dazu, dass die Betroffenheit über die Worte meines Freundes (Derrida: „In nächster Nähe muss er auf mich gewartet haben.“) ihre volle verwandelnde Wirkung nicht hat. Die Betroffenheit droht abgelenkt zu werden durch ein relativierendes quasi-Verstehen, ein Verstehen-ohne-Fühlen-und-Wollen, das im Grunde genommen genau so unzulänglich ist. Eine Frage bleibt in der Domäne des relativierenden Verstehens zugedeckt, nämlich diese: Was hat der damalige Jelle mit dem aktuellen Jelle zu tun?

Ich glaube, sagen zu können, dass meine aktuelle Betroffenheit mit drei Tatsachen zu tun hat. Die erste ist, dass ich mich überhaupt nicht an den wütenden Jelle erinnere. Die zweite ist, dass auch nach dreißig Jahren die Freundschaft noch lebt. Die dritte ist, dass ich damals Rob verletzt habe. (Fast hätte ich relativierend geschrieben: dass ich damals Rob verletzt habe, ohne es zu wissen – als ob das weniger schlimm wäre.) Die Betroffenheit erzeugt in mir zwei Bedürfnisse: den damaligen und den heutigen Jelle zusammenzubringen und Rob um Verzeihung zu bitten.

[1] Jacques Derrida, Michel de Montaigne, Über die Freunschaft, Suhrkamp Verlag, 2000