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21.03.2010

Ein Dialog. Über die holländische und die deutsche Sprache

Beste Ruthild Soltau, we hebben afgesproken dat we samen op mijn weblog een kleine tweetalige dialoog gaan voeren over de verschillen tussen het Nederlands en het Duits. We doen dit omdat we al enige tijd steeds weer spontaan in gesprek raken over de eigenheden van jouw en mijn moedertaal. Ik begin maar met een vraag. Als jij iemand Nederlands hoort spreken, welke indruk maakt dat op jou? Hartelijk, Jelle

Lieber Jelle! Ich habe eine spontane Sympathie mit der holländischen Sprache! Sie klingt gemütlich, warm. aber auch irgendwie bodenständig, handfest, ja, irgendwie zum Anfassen. Sie ist ganz zu Hause, scheint mir, im Fühlen, in dem, was zwischen den Menschen webt. Und es kommt mir so vor, als ob ich als Fremde gleich ins Wohnzimmer eingeladen werde. Ich kann nicht alles, was ich erlebe erfassen, noch weniger beschreiben, ich würde gern auch noch mehr die Sprache hören... Liebe Grüße, Ruthild

Het valt niet mee een afstand tot je eigen moedertaal te scheppen. Je zwemt in je eigen taal als een vis in het water. Maar iets van je beschrijvingen kan ik wel meevoelen. Het is me wel gebeurd dat ik bij het overstappen op het station van Arnhem voor een kort moment de Nederlandse taal als „vreemd“ ervoer. Wat ik dan beleefde is inderdaad zoiets als een gemakkelijkheid en een ongedwongenheid. Wat me vaak opvalt is, dat het Nederlands veel beelden heeft, zoals: een oog in het zeil houden. Het Duits is meer op begrippen orienteert.

Ja, ich habe auch bemerkt, dass Niederländer sehr auf das Sehen, auf die Wahrnehmung durch die Augen orientiert sind. Man hört an der Sprache fast so was wie Schmecken, eine subtile Ernährung durch die Augen kann bemerkt werden. Auch die Ausdrücke zeigen das, z. B. "lekker weertje vandaag" (schönes Wetter heute). Ich liebe meine Muttersprache, aber ich könnte nicht sagen, dass ich in ihr schwimme. Das Sprechen ist für mich  immer mit einem inneren Hören verbunden. Die deutsche Sprache lebt sehr mit Begriffen, sie öffnet sich der Begrifflichkeit und im Satzbau sind verschiedenste Verknüpfungen, Verbindungen von Begriffen möglich. Aber darin liegt auch eine große Gefahr. Ich habe einige Jahre Germanistik studiert und wissenschaftliche Texte gelesen, viel Literatur über Literatur. Ich habe sehr gerungen mit vielen Texten, nicht mit dem Verständnis, sondern mit dem, was ich dabei erlebte: Wie mit Sprache umgegangen wird. Die Sprache kann für inhaltsleere, komplizierte, abstrakte Geflechte verwendet werden, ein großer Dünkel ist oft damit verbunden und man bekommt den Eindruck : die Kompliziertheit der Begriffskombinationen und der Satzgeflechte sollen die Garantie für Wissenschaftlichkeit sein! Begriffe haben etwas Wesenhaftes und "wo keine Götter walten, walten Gespenster". Die Sprache kann so sehr manipulieren! Das ist ja gerade in Deutschland in so schlimmer Weise geschehen. In die Sprache können Dämonen einziehen. Wir Deutschen haben auch wie die Niederländer viele Bilder in der Sprache, in sprachlichen Wendungen, in der Dichtung, in Märchen... Ich habe das Gefühl, dass es der deutschen Sprache gut tut, wenn Niederländer deutsch sprechen.

Ik ervaar de Duitse taal als „architectonisch“. Ik bedoel: woorden en zinnen en teksten lijken een beetje op bouwsels die een inhoud omsluiten. Als je aanklopt, doen de woorden hun deuren open en geven hun inhoud prijs. Ook ken ik de merkwaardige ervaring, iets wat ik in het Nederlands heb geschreven, in Duitse vertaling te lezen. Het klinkt dan veel serieuzer.

Die Charakterisierung "architektonisch" finde ich für die Schriftsprache stimmig, aber diese Charakterisierung sagt ja noch nichts über die Qualität der Architektur aus. Es gibt architektonische Kunstwerke und phantasielose, riesige Einheitsbauten, die lieblos hingeklotzt werden und die freie Sicht versperren. Es gibt auch viel "Pfusch am Bau" der sprachlichen und gedanklichen Gebäude, die der Wirklichkeit nicht standhalten. Wenn die "Baufehler" nicht erkannt werden, kann damit sehr viel Schlimmes in sozialen und politischen Zusammenhängen angerichtet werden. Du findest die deutsche Sprache ernst? Ja, ich empfinde so etwas wie einen heiligen Ernst, die Sprache ist eine Gabe hoher geistiger Wesen  - "Im Urbeginne war das Wort..." Und als Kinderhausmutter empfinde ich eine große Verantwortung beim Sprechen. Ich bemühe mich für die Kinder ein Vorbild zu sein, so wahrhaftig zu sprechen, dass sie ihre Sprachfähigkeit an mir bilden können. Aber in der deutschen Sprache lebt nicht nur Ernst, sondern auch ganz viel Humor. Kinder brauchen für ihre seelische Gesundheit die Freude, die Lust am Sprechen, den Humor genauso nötig wie den Ernst. Eine humorlose Sprache wird bitter.

Ik sluit met Gerrit Achterberg af, een zeer hollandse dichter. „Woorden, ontwaak, ik ben uw naam,/ ik ben uw enige bestaan./ Ik zie mij ongeboren aan.“

22.06.2009

Vom Wind weggepustet werden? Über die kleine Esmeralda

Ich komme nicht darum umhin, sie für heute, in meiner Welt der Worte, Esmeralda zu nennen. In der Wirklichkeit, außerhalb meiner Worte heißt sie ja anders, nein, nicht ganz anders, ich würde sagen: ein bisschen anders – aber eben anders. Warum sie heute Esmeralda heißen soll, weiß ich nicht so ganz genau. Als ich mir aber vornahm diesen Text zu schreiben, meldete sich für sie einfach dieser edle & schöne & doch auch ein bisschen düstere Name bei mir.

Esmeralda also. Ich kenne sie nicht, dass heißt: ich habe sie nicht mit eigenen Augen gesehen. Ein paar Freunde haben aber gerührt & aufgeregt & staunend über sie erzählt – und über diese Erzählungen ist Esmeralda irgendwie bei mir eingetroffen. Sie geht in mir herum, stiftet eine wunderbare Unruhe, bewegt Fragen & erweckt Aufmerksamkeit.

Esmeralda ist noch nicht einmal vier Jahre alt. Für ihr Alter ist sie – laut den Erzählungen – eher ein bisschen zu groß, nicht richtig zu groß, aber doch zu groß. Sie steht unsicher auf ihren Füßen, so, als ob sie sich das Gehen nicht so ganz zutraut. Sie scheint so zu wirken, als ob sie bodenlose Fragen hat - über alles, was mit dem Boden zu tun hat. Dass die Erde uns ein fußfestes Fundament bietet, ist Esmeralda offensichtlich nicht bekannt. (Oder weiß sie etwas, was wir nicht wissen?)

Einer der Freunde erzählte: „Esmeralda kriegt viel mit, sie sieht alles, fühlt sich von hundert kleinen Ereignissen wie belagert. Sie bemerkt jeden Vogel, der vorbei fliegt...“ Es sieht also so aus, als ob die kleinen Ereignisse für Esmeralda irgendwie groß & bedeutend sind. Ja, natürlich, alle Kinder erleben das Große in dem sogenannten Kleinen, längst nicht alle fühlen sich davon aber belagert. Liegt ihr Problem darin, dass ihre Füße zu unsicher sind? Oder sind ihre Augen & Ohren einfach zu groß, zu offen, zu sensibel?

Esmeralda ist aber, wegen einer ganz bestimmten Aussage, die sie irgendwann einmal gemacht hat, bei mir eingetroffen. Als sie einmal im Wald auf einer großen Wiese war, sagte sie zu ihrer Mutter: „Ich habe Angst davor, vom Wind weggepustet zu werden“. Ihre Mutter erzählte später meinen Freunden, dass Esmeralda öfters von dieser Angst spricht. „Ihr habt keine Idee davon, was wir diesbezüglich mit ihr schon erlebt haben. Wir waren mal in Holland bei den Windmühlen... Meine Tochter hat richtig Angst vor Wind.“

Was liegt hier vor? Ich weiß es nicht. Ich kenne Esmeralda nicht einmal persönlich & wüsste außerdem nicht, welche psychologischen Einsichten an dieser Stelle relevant oder hilfreich wären. Mich trifft aber diese unbegründete Angst vor dem Wind. Irgendetwas in mir versteht diese Angst durch & durch, so, als ob ich etwas weiß, was offensichtlich auch Esmeralda weiß.

Was ist Wind? Als erstes fällt mir ein Gedicht von Percy Bysshe Shelley ein, Ode to the West Wind. Der englische Romantiker spricht von der „unseen presence“ (unsichtbaren Anwesenheit) des Windes, der die toten Blätter vor sich her treibt: „Wild Spirit, which art moving everywhere;/ Destroyer and preserver;“ Der Westwind heißt bei Shelley „der Vernichter“, weil er alles was sich in seiner Gewalt nicht halten kann, zum Tode führt.

Und ich denke an Gerrit Achterberg, den holländischen Dichter, der sich genau wie Esmeralda & Shelley von den hundert Ereignissen-jede-Stunde immer wieder angesprochen fühlt. In seinem Gedicht „Hulshorst“ beschreibt er, wie der Bummelzug, in dem er sitzt, in Hulshorst – einem Dorf auf der Veluwe – „mit einem gottverlassenen Knarren“ anhält, und „niemanden heraus, niemanden herein lässt“... und wo er für ein paar Minuten ein „wenig Wehen“ hört...

Gerrit Achterberg im Original: „O minuten/ dat ik hoor het weinig waaien/ als een oeroude legende/ uit uw bossen: barse bende/ rovers, rans en ruw/ uit het witte veluwhart.“ Auf Deutsch müsste das mehr oder weniger heißen: Oh Minuten/ dass ich das wenige Wehen höre / wie eine uralte Legende/ aus ihren Wäldern: harsche Bande/ Räuber, ranzig und roh/ aus dem weißen Veluwherz.“

Achterberg versteht in diesem Gedicht den Wind als eine Art Medium. Über den Wind bekommt er Zugang zur Ortsgeschichte. Er „hört“ eine uralte Legende von Räubern, die mitten in der Veluwe (heißt: „gelbe Aue“) offensichtlich herumgetobt haben. (Das Herz der Veluwe ist laut Achterberg nicht strahlend gelb, so wie man das vielleicht erwarten dürfte, sondern weiß.) Aus dem Gedicht geht klar hervor, dass der Wind spricht.

Was ist Wind? Er ist unsichtbar – wir spüren seine Wirkungen aber mit unseren Augen & unseren Ohren & unserer Haut. Der Wind kann zart sein, wie ein Hauch, oder gewaltig, wie ein Stürmen. Aber ob leise oder gewaltig: der Wind bringt etwas in Bewegung. Vom Geist wird gesagt, dass er wie der Wind weht... Und der Wind raunt von alten Zeiten. Schon die alten irischen Barden standen am Meer und hörten in dem gewaltigen Wehen & Wenden & Blasen & Dröhnen & Toben des atlantischen Windes eine uralte Geschichte vom Vergehen & Untergehen.

Die Angst von Esmeralda, dass sie durch den Wind weggepustet werden könnte, ist physisch gesprochen unbegründet. Und klar: es wird bestimmt einen Moment geben, wo sie das verstehen wird & ihre Angst überwinden kann. Die Angst wird aber auf einmal nachvollziehbar, wenn man den Wind als ein poetisches Geschehen versteht, das von Tiefen & Höhen & Weiten einer unsichtbaren Welt erzählt.