Ein zweites Fragment übers Scheitern. Nochmals zu Elias und Adventura
Scheitern ist nur dann erfolgreich, wenn rückblickend aufrecht versucht wird, die Gründe die dazu geführt haben zu verstehen. Und mit einem Verständnis steht es so: um über die eigenen Beschränkungen hinwegzukommen, vor allem, wenn man an einem BESTIMMTEN Scheitern direkt beteiligt war oder ist, wird eine Lichtung benötigt, in der auch die Positionen der anderen Beteiligten beleuchtet werden können. Gehen wir also in den Wald und suchen eine Lichtung, die groß genug für einen Kreis von vielen Menschen ist.
Wie viele Menschen waren eigentlich an der Elias-Initiativgemeinschaft und an Adventura beteiligt? Das ist schwer zu sagen, weil sich zwischen Kern und Umkreis viele Übergänge befanden, viele intentionale Modalitäten, viele einzigartige und besondere Arten der Verbindung, die das Ganze recht vielfältig machten. Ich behaupte allerdings, dass der Kern – die Menschen also, die tatkräftig mit den Vorbereitungen der Treffen beschäftigt waren – aus etwa zwanzig Leuten bestand. Diese Menschen kamen aus Deutschland, Holland, Frankreich und der Schweiz.
Der Umkreis wird allerdings etwa 500 Menschen umfasst haben, vielleicht eben noch ein bisschen mehr. Von diesen Beteiligten kann gesagt werden, dass sie in ihrem eigenen Leben ein Anliegen hatten, das mit den Zielen der Elias-Initiativgemeinschaft und von Adventura erkennbar korrespondierte. Alleine die Liste der Herkunftsländer der Beteiligten (wahrscheinlich unvollständig) macht deutlich, dass Umkreis und Kern nicht identisch waren. Neben den vier oben genannten Ländern wären zu nennen: die Vereinigten Staaten, Canada, England, Schottland, Schweden, Finnland, Tschechien, die Slowakei, Österreich, Italien, Luxemburg, Belgien, Peru...
Der Impuls der Treffen lag ohne Wenn und Aber in dem Buch „Über die Rettung der Seele“ von Bernard Lievegoed, den darin dargestellten Impuls genau zu beschreiben, ist allerdings nicht einfach. Ich würde sagen, dass die Inhalte des Buches eine große Idee transportierten, die sich vielleicht folgendermaßen in Worte fassen lässt: in jeder einzelnen Biographie gibt es Wunden, die zu geistigen, sozialen und künstlerischen Fähigkeiten verwandelt werden können. Das Ziel der beiden Gemeinschaften – Elias und Adventura – lag darin, in der Begegnung zwischen Menschen eine Nähe und ein Vertrauen zu ermöglichen, die diese Verwandlung mit bewirkt. Die Leitlinie war: deine Probleme sind Weltprobleme, die Weltprobleme sind deine Probleme.
Das ist eine richtig GROßE Idee, die auf GROßE Gestalten der Geistesgeschichte zurückzuführen ist: Mani, Christian Rosenkreutz, Elias, Zarathustra, Rudolf Steiner – ich würde auch hinzufügen: Mahatma Gandhi, Joseph Beuys und Nelson Mandela... Die „manichäische“ Idee ist allerdings nicht nur groß, sondern auch brisant, weil sie einen ungewöhnlichen Blick auf sogenannte menschliche Defizite wirft. Dieser Blick lässt sich vielleicht in dem Satz: „Ohne meine (deine) Wunden, wo bliebe meine (deine) Kraft?“ halbwegs andeuten. Gerade dort wo unsere Schwächen liegen, verbirgt sich offenbar Gestaltungspotenzial.
Wie man diese Idee über das Persönliche hinaus in einer Gemeinschaft lebt, ist nicht eine schwierige zusätzliche Frage, die sich auf irgendeine eventuelle praktische „Umsetzung“ bezieht, sondern die Hauptfrage schlechthin, man könnte auch sagen: die einzige Frage, die sich erst einmal gar nicht umsetzen lässt. Ein Sich-offen-und-frei-in-dieser-Frage-„Befinden“, sie aushalten zu können, macht die Hauptsache aus. Die Neigung an dieser Stelle, auf bestimmten Lösungen zu beharren, führt zwangsläufig dazu, dass die Gemeinschaft auseinanderfällt.
Wenn man Treffen (Tagungen, Seminare, Vorträge) organisiert, fließt Geld – und wenn Geld fließt, wird auf der rechtlichen Ebene eine transparente Struktur gebraucht. Diesbezüglich gab es im Laufe der Jahre immer wieder zwei Positionen, die spontan als richtig empfunden wurden. Die erste Position war kommerziell-unternehmerisch ausgerichtet: ein paar Leute würden eine Unternehmung gründen, die die verschiedenen Treffen organisiert. Die Beteiligten könnten dann von den Gewinnen leben.
Die zweite Position gewann die Debatte. Sie war auf die ganze Gemeinschaft orientiert: es wurde ein Verein (die Elias-Initiativgemeinschaft e.V.) gegründet. Alle Beteiligten konnten Mitglied werden. Die Mitglieder wählten Vorstände, die im Namen der Mitglieder die tägliche Verantwortung für die Verwirklichung der Ziele übernahmen, so wie das in Vereinen üblich ist.
Einmal im Jahr fand eine Mitgliederversammlung statt, in der über Richtung und Tätigkeiten abgestimmt wurde. An dieser Stelle ist allerdings wichtig zu bemerken, dass die Treffen von Adventura, die erst später entstanden, im Elias-Verein keine Einbettung fanden, einfach weil nicht alle Elias-Mitglieder sich bei der Arbeit von Adventura wohl fühlten. Nach einigen Jahren wurde deutlich, dass der Verein als Rechtsträger an ein Ende gekommen war – immer weniger Treffen wurden organisiert, es fand weniger statt, „die Sache“ lief aus.
Mir scheinen heute beide Vorschläge zu schmal gewesen zu sein. Die sehr große „manichäische“ Idee braucht eine bewegliche Struktur, die von beidem etwas hat: unternehmerische Gesinnung und gemeinschaftliche Besinnung. Und mir ist es immer noch eine große Frage: wie sind Wirtschaft und Gemeinschaft im Rahmen eines geistigen Impulses sinnvoll und fruchtbar aufeinander zu beziehen? Ich behaupte, dass es noch immer keine konkrete Antwort auf diese Frage gibt.
Daran ist jedoch die Zusammenarbeit aus meiner Sicht nicht gescheitert. Der eigentliche Punkt lag darin, dass zu wenig Beteiligte, inklusive ich selber, den Blick auf der Lichtung der großen Idee aushalten, erwarten, ertragen und in sich halten konnten. Sich zumindest für eine Weile von den eigenen Vorstellungen und Erwartungen zu verabschieden, um einen offenen Raum zu kreieren für dasjenige, was im Kommen war, war nicht ausreichend möglich. Und das heißt letztendlich, dass die große Idee in all ihren Konsequenzen nicht hinreichend verstanden wurde.