Waldorfkindergärten. "Distanz und Nähe"
In Kindergärten geht es um die Beziehung zu den Kindern. Diese Beziehung sollte immer im Zentrum stehen, unabhängig davon, was in einem Kindergarten passiert. Auch wenn die Mitglieder des Teams anfangen sich miteinander zu beschäftigen, geht es letztendlich darum, einen Raum für die Kinder zu schaffen.
Die Beziehung zu den Kindern wird durch eine eigenartige und oft auch verwirrende Verdoppelung konstituiert, die sich mit den beiden Begriffen Nähe und Distanz beschreiben lässt. In seinem Büchlein „Urdistanz und Beziehung“ (1965) spricht Martin Buber vom „Prinzip des Menschen“, d.h. von „einer Seinskategorie, die mit dem Namen des Menschen bezeichnet wird“. Diese Seinskategorie hat laut Buber ihren Grund und Anfang „in einer doppelten Bewegung“, die zwischen „Urdistanz“ und „In-Beziehung-treten“ abläuft.
Also, beides gleichzeitig: Abstand halten und Nähe suchen. Diese doppelte Bewegung ist ein Wesenszug in allen Menschen, nicht nur im psychologischen Sinne, sondern weit darüber hinaus. Es geht um eine Bewegung, die sich in der ganzen Dreiheit von Körper, Seele und Geist vollzieht. Diese doppelte Bewegung macht den Menschen aus, oder anders gesagt: In dieser Bewegung wird ein Mensch zum Mensch. Sobald diese Bewegung ins Stocken gerät oder sich in einer Einseitigkeit auflöst, hört der Mensch auf Mensch zu sein.
Ich meine, dass dieses Urphänomen in erzieherischen Beziehungen oft nicht genug respektiert und positiv-aktiv bewertet wird. Alles was Erziehung ausmacht, steht oft so stark im Vordergrund, dass die Beziehung unbemerkt in die Peripherie der Zufälligkeiten & Beliebigkeiten & Non-Ereignisse getrieben wird. In der Erziehung ist Erziehung eigentlich als die wichtigste Nebensache aufzufassen. Die Hauptsache ist die Beziehung, und die geht über die Erziehung hinaus.
In Bezug auf die Beziehung zu den Kindern gibt es zwei Fallen. Die erste ist, dass Beziehung einseitig als Nähe aufgefasst wird. Laut dieser Sichtweise gibt es erst dann Beziehung, wenn es Nähe gibt. Aber auch Abstand ist ein Ausdruck der Beziehung – vor allem wenn der Abstand nicht aus Beliebigkeit oder Unvermögen entsteht, sondern auf Bewusstheit basiert. Gerade in dem Abstand kann eine andere Art von Nähe entstehen. Diese andere Art ist nicht warm oder kuschelig, sondern eher frisch, wie eine Brise im Januar, ermöglicht aber Eigenheit. Viele Kinder sind dankbar und fühlen sich respektiert, wenn sie sich ohne physische Berührung und ohne Worte wahrgenommen wissen.
Die zweite Falle ist, dass wir den Grund der Beziehung im Kind suchen, d.h., dass wir das Kind beobachten und das tun, wovon wir meinen, dass das für das Kind richtig sei. Mir scheint es aber genauso wichtig zu sein, dass die Erwachsenen einfach machen, was sie von sich aus machen wollen. Wenn Erwachsene – ja, gerade auch in den Kindergärten – einfach tun was sie gerne tun, bieten sie den Kindern die Möglichkeit, über eine interessante Tätigkeit eine Beziehung anzuknüpfen. Wenn zum Beispiel eine Erzieherin sich gerne mit Pflanzen beschäftigt, soll sie in den Garten gehen und Rosen pflegen. Die Kinder kommen dann von alleine dazu, einfach weil sie neugierig sind.
Die Verdoppelung von Buber – Nähe und Distanz – lässt sich nicht in ein erzieherisches Konzept „umsetzen“. Sobald versucht wird aus dieser Bewegung eine Art Programm zu machen, ist die Bewegung und damit das Leben schon erstarrt. Das einzig denkbare Programm bedeutet, dass man sich auf das Leben-so-wie-es-kommen-will (Adventura – das was auf uns zukommt) einlässt. Und so wie das im Leben nun einmal ist, sind erzieherische Angebote per Definitionem immer uninteressant, weil sie eine Ansicht haben. (mit Dank an Birgitt Kähler)