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06.05.2012

Geld schenken. (1). Über Macht, Vermögen und einen neuen Weg


Geld ist ein explosives Thema. Obwohl es einen wesentlichen Bestandteil der Gesellschaft ausmacht – ohne Geld läuft ja kaum etwas – sind unsere Vorstellungen darüber nicht nur beschränkt, sondern eben manchmal grundfalsch. Man braucht sich eigentlich nur ein paar Minuten mit dem Thema zu beschäftigen, um einzusehen, wie kollektiv hilflos wir in diesem Bereich sind. Als ich vor kurzem einen Text von Andrea Valdinoci las, den Entwurf zur Einreichung einer Master-Arbeit für die Universität in Plymouth, habe ich mal wieder feststellen müssen, wie sehr mir diesbezüglich die begriffliche Schärfe fehlt.

Wer ist Andrea Valdinoci? Ich habe ihn vor ein paar Jahren in der GLS Treuhand e.V. kennengelernt. Er war damals als Mitarbeiter der Zukunftsstiftung Soziales Leben vor allem mit „Schenken“ beschäftigt, operierte sozusagen als Vermittler zwischen Menschen, die schenken und denen, die sich beschenken lassen. Und auch hier gilt: Man braucht sich nur ein paar Minuten mit der Geste des Gebens und Nehmens der Beteiligten zu befassen, um zu verstehen, wie delikat die Rolle des Vermittlers an dieser Stelle ist. Mir sind die Empfindlichkeiten durchaus bekannt, weil ich damals zu den Beschenkten gehörte.

Mittlerweile hat Andrea die Seite gewechselt. Er ist jetzt geschäftsführender Gesellschafter einer Holding mit dem Namen „Neuguss“, einem Verbund von fünf Unternehmungen in Deutschland und Holland, die einen Teil ihres wirtschaftlichen Gewinns an kulturelle Initiativen weiterleiten, an Einrichtungen und Organisationen also, die ihrer Natur nach nicht im Stande sind, die nötigen finanziellen Mittel selber zu generieren. Die Holding lässt sich von Gesichtspunkten inspirieren, die Rudolf Steiner vor fast hundert Jahren im Rahmen seiner „Sozialen Dreigliederung“ geäußert hat. Andrea Valdinoci ist somit sowohl zum Unternehmer als auch zum „Geldgeber“ geworden.

In seiner Master-Arbeit versucht er sich gedanklich an das Wesen des Schenkens heran zu tasten. In seinem Text vertieft er sich erst in die vorhandene wissenschaftliche Literatur, und macht deutlich, dass das Schenken im heutigen Denken über Wirtschaft und Geld keinen hohen Stellenwert hat. Die Frage zum Beispiel, inwieweit das Schenken ein „selbstloser“ Akt ist oder sein kann, wird in der Literatur ziemlich krude beantwortet, der Philosoph Pierre Bourdieu etwa bezeichnet diese Gabe als ein „Herrschaftsinstrument, um andere zu dominieren“. Der Geist des Kapitalismus – die Wirtschaft als Verteilung von knappen Ressourcen, gesteuert durch individuelle Gier (Adam Smith) – lässt wenig Spielraum für den „Gutmenschen“.

Andrea Valdinoci grenzt die Schenkung vom „Herrschaftsinstrument“ und vom „verschleierten Kauf“ ab, er schreibt: „Meine These lautet, dass es sich nur dann um eine Schenkung handelt, wenn der Schenker nicht auf eine Gegenleistung in jeglicher Form abzielt“. Er zitiert den Anthroposophen und Mitgründer der Triodosbank Lex Bos, der in einer Publikation aus dem Jahr 1998 von der Notwendigkeit sprach, „eine neue Schenkungs- und Dankkultur zu entwickeln“. In einem Kernsatz seiner Arbeit schreibt Andrea Valdinoci: „Das Schenken ist eine Möglichkeit, sich auf einen neuen Weg zu begeben, persönlich Verantwortung zu übernehmen, und die Welt freilassend mitzugestalten“.

Das Schenken hat klare Vorteile, auch wirtschaftliche – in den nächsten Wochen komme ich darauf noch zurück. Nach der Bewertung der wissenschaftlichen Literatur berichtet Andrea Valdinoci in seiner Arbeit von acht Personen, die er als Vermögensberater über mehrere Jahre begleitet hat. Die Vermögen der Beteiligten, so schreibt Valdinoci, liegen zwischen einer halben Million und 75 Million Euro. In den Interviews befragt er die Vermögenden über ihre Erfahrungen mit dem Schenken. Wie erfahren sie es, „vermögend“ zu sein? Wie sind sie zum Schenken gekommen? Warum machen sie es überhaupt? Was hat das Schenken mit ihnen gemacht? Mit welchen Problemen werden sie dabei konfrontiert?

Aus der Bewertung der Antworten geht unter anderem hervor, dass das Besitzen von Geld „eine Machtdynamik“ entwickeln kann, die die Beziehung zu anderen Menschen stark prägt. Die Wirkung des Geldes wird als Teil der eigenen Persönlichkeit erlebt, in meinen Worten: Mein Vermögen (oder gerade „Unvermögen“) lässt sich in der Lebenspraxis nur schwer von meiner Persönlichkeit trennen. Die Wirkung meines Geldes vermischt sich mit der Wirkung meiner Person auf andere Menschen, auch wenn ich davon keine Ahnung habe, oder es nicht für wahr haben will.

Grundfalsch ist die Annahme, dass Geld eine rein objektive und quantitative Hoheit ausmacht, die sich mit „Zahlen und Figuren“ (Novalis) begreifen und ergreifen lässt. Im Geld wirkt ein mächtiges Wesen, das uns täglich überfordert, uns somit auf einer unbewussten Ebene fremd ansteuert. Mit der bewussten Akzeptanz dieser Tatsache, so vermittelt uns Andrea Valdinoci, öffnet sich tatsächlich ein neuer Lebensweg, der anfänglich recht abenteuerlich aussieht. In den nächsten Wochen werde ich über einige Stationen dieses Weges berichten.

06.03.2011

150 Jahre Rudolf Steiner. Was ich ihm verdanke

Als ich die Beiträge in den deutschen Zeitungen über Rudolf Steiner las, stellte ich mir die Frage: Was habe ich dem „großen Geistesforscher“ eigentlich zu verdanken? Und: Wie würde ich meine Beziehung zu ihm beschreiben? Ich werde versuchen, beide Fragen zu beantworten.

Ich habe Rudolf Steiners Arbeit über die Drogen kennen gelernt. Ich war damals zwanzig Jahre alt, rauchte gerne Haschisch und Marihuana, experimentierte bescheiden mit LSD und anderen Halluzinogenen, und war generell an „außerordentlichen“ Erfahrungen interessiert. Mit meiner halluzinogenen Neugier ging eine Liebe vor allem für die englischen romantischen Dichter einher: Blake, Wordsworth, Coleridge, Shelley, Keats... Brennend interessierte mich die Biographie von Samuel Taylor Coleridge, der von Laudanum abhängig geworden war.

Einer meiner damaligen Lehrer sorgte sich um mich und schenkte mir ein Buch von Rudolf Steiner: „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten“. Die Inhalte des Buches trafen mich tief. Der Autor sprach von geistigen Welten und dementsprechenden Erfahrungen, die ich sofort wiedererkannte. Steiner weckte in mir eine Frage und einen neuen Blickwinkel auf die Welt, die meinen weiteren Lebensweg entscheidend geprägt haben.

Die Frage lautete: Sind die „außerordentlichen“ Erfahrungen, die mich so stark beschäftigten, einfach als ‘durch „komische“ Substanzen hervor gezauberte Illusionen‘ zu betrachten, oder beziehen sie sich auf reale „geistige“ Vorgänge, auch wenn sie diese Vorgänge vielleicht verstellt darstellen? Die Frage ist eine SEHR große Frage, vor allem, wenn man sie von Drogen loslöst. Sie betrifft im Grunde genommen den Status unserer Vorstellungen, Phantasien und Imaginationen. Ich fand in Steiner einen Verwandten von Coleridge, der meinte, dass unsere imaginativen Kräfte eine Fortsetzung der göttlichen Schöpferkräfte auf Erden sind.

In seinem Buch macht Rudolf Steiner deutlich, dass in jedem Menschen die Fähigkeiten schlummern, sich souverän – also ohne Hilfe von außen, zum Beispiel ohne Drogen – in die geistige Welt hinein zu begeben. Diese Behauptung von Steiner hat mir damals die Kraft gegeben, mich von den Halluzinogenen zu verabschieden. Weil meine diesbezüglichen Sehnsüchte damals richtig groß waren, scheint es mir im Nachhinein nicht übertrieben zu sagen: Ich verdanke Rudolf Steiner mein Leben.

Und ich verdanke ihm einen Diskurs, der mich von damals an bis zum heutigen Tag, beschäftigt. Wenn ich auf die Vorstellung verzichte, dass die Bilder, die immer wieder in mir auftauchen, lauter Illusionen sind, stellt sich die Frage: Wie sieht das Leben aus, wenn ich diese Vorstellungen ernst nehme? Man könnte es auch anders sagen: Was bedeutet es eigentlich, Träume und Imaginationen ernst zu nehmen?

Nach vierzig Jahren kann ich sagen: Rudolf Steiner hatte recht, als er schrieb, dass die von ihm genannte „geistige“ Welt, auf einer Art „Ordnung“ beruht – mir fällt im Moment kein besseres Wort ein – die man allmählich kennen lernen kann. Die Ordnung ist so überzeugend, dass der Gedanke, dass sie nur auf Illusionen beruhen könne, seine Kraft verliert. Es ist, als ob man in einem Regenwald umher geht, und immer wieder die gleichen Bäume, Pflanzen, Tiere und Insekten sieht, und dann zu hören bekommt: Der Regenwald existiert gar nicht!

Man kann den Regenwald allerdings nur dann wirklich kennen lernen, wenn man sich in ihn hinein begibt. Die „Systematik“ überzeugt nur, wenn sie zur Erfahrung wird. Ich betrachte dieses „immer wieder suchen“, dieses „immer wieder einen Zugang finden“, dieses „mich immer wieder in der Sprachlosigkeit-des-Geistigen neu zu finden“, als eine entscheidende Bereicherung meines Lebens.

Rudolf Steiner hat auch vieles gesagt und getan, was ich nicht verstehe, manchmal auch nicht nachvollziehen kann. Ich behaupte allerdings, nicht im Stande zu sein, seine Person und seine Arbeit in der Tiefe beurteilen zu können, nehme mir allerdings die Freiheit, mich von ein paar Dingen zu distanzieren. Seine Aussagen über die „gelben“, „roten“ und „schwarzen“ Rassen zum Beispiel, finde ich peinlich daneben. Und ja, auch finde ich, dass diese Äußerungen nicht als nebensächlich abzutun sind.

Rudolf Steiner hat sich mit vollem Verstand und leidenschaftlich als Künstler-Forscher in die Welt des Unsagbaren gewagt, und er hat versucht, Worte für Sachen und Vorgänge zu finden, die sehr viele Menschen spüren, ohne sie greifen zu können. Die Art und Weise, wie er sich dieser Aufgabe gewidmet hat, ist mir ein großartiges Vorbild. Und die Art und Weise, wie er manchmal tragisch missverstanden worden ist, ist mir ein Schmerz, der mich freundschaftlich mit ihm verbindet.

12.09.2010

Wunderschöne Verwirrungen. Über konservative und liberale Sackgassen

Menschen die sich konservativ nennen, sind geneigt zu sagen, dass wir im sozialen Leben leider nicht mehr wissen, was richtig und was falsch ist. Aus konservativer Sicht ist etwas verloren gegangen, eine soziale Selbstverständlichkeit, die vor allem in ländlichen Dorfgemeinschaften noch lange standgehalten hat, mittlerweile aber auch dort zerbröckelt ist. Der konservative Geist versucht über Gesetze und moralische Predigten die alte Normen und Werte aufrechtzuerhalten, was längerfristig gesehen ein chancenloses Projekt ist. Der konservative Geist will eine Vergangenheit ohne Zukunft. Jemand wie Thilo Sarrazin versucht im Grunde genommen die Vergangenheit Deutschlands gegen eine prinzipiell unsichere Zukunft, die nur aus Schatten besteht, zu verteidigen.

Wenn man sich progressiv nennt, meint man eher, dass die Begriffe nicht mehr taugen. Vorbildlich sind in dieser Hinsicht einige Philosophen, wie Foucault, Derrida und Sloterdijk, die einerseits mit offenen Augen auf die realen Tatsachen des sozialen Lebens schauen und andererseits die herkömmlichen Begriffe und Ideen dekonstruieren. Sie können und wollen nicht erzählen was „eigentlich“ los ist, weil es so etwas wie „eigentlich“ nicht mehr gibt, oder besser gesagt: nicht geben darf, weil alles „eigentliche“ Denken auf esoterischen oder metaphysischen Annahmen beruht, die letztendlich auf verborgene Machtverhältnisse zurückzuführen sind.

Wo der konservative Geist noch immer bestimmte religiöse Offenbarungen oder moralische Selbstverständlichkeiten akzeptiert und ins Zentrum des Denkens und Handelns platziert, versucht die aufgeklärte Liberalität, sich von Ideen und Idealen, letztendlich von der Geschichte zu befreien. Sie will eine Zukunft ohne Vergangenheit.

Beide Sichtweisen führen in eine Sackgasse, weil die Beziehung zur Vergangenheit traumatisiert ist. Zwischen dem verkrampften Aufrechterhalten und der lieblosen Hinrichtung der Vergangenheit gibt es noch einen dritten Weg, der damit anfängt, dass man beide Gesichtspunkte gleichzeitig für sinnvoll hält: wir wissen nicht mehr was richtig und falsch ist UND die Begriffe taugen nicht mehr. In dieses Paradox einzutauchen, bedeutet so viel wie, sich von der einen oder der anderen Angst zu befreien: der Angst vor den Schatten der Vergangenheit oder der Angst vor den Schatten der Zukunft.

Im Grunde genommen KANN man auch nicht anders, weil die EINE Frage riesengroß im Raum steht: wie kann man überhaupt weiter „denken“, wenn einerseits die Vergangenheit abgehakt ist – ALLES was wir denken, hat seine Quelle in der Vergangenheit – und andererseits die Zukunft als sekundäre und gefährliche Hoheit, die man unbedingt im Griff haben soll, angesehen wird? Man braucht nicht „esoterisch“ zu denken, um einzusehen, dass die Kategorien Vergangenheit und Zukunft von einer höheren Kategorie umfasst werden: nämlich von der Gegenwart.

Mit einer Variante auf eine Äußerung von Goethe: „Vergangenheit und Zukunft, wir sind in der Gegenwart von Euch umschlungen“. Ich habe gerade gesagt, dass man nicht esoterisch denken muss, um die Richtigkeit dieser Aussage einzusehen. Und tatsächlich findet man diesen Gedanken auch öfters bei „nicht-esoterischen“ Philosophen aus dem zwanzigsten Jahrhundert formuliert, etwa bei Heidegger, Foucault und Derrida. Die Konsequenz des Gedankens ist allerdings, dass man anfängt esoterisches Denken ernst zu nehmen – dieser Gedanke ist einer der Türen zur Esoterik.

Vor allem Heidegger hat das auch verstanden, was aus seinem Buch „Beiträge zur Philosophie – Vom Ereignis“ klar hervorgeht. Dort schreibt er zum Beispiel in seiner typischen Sprache: „Die Seinsfrage ist der Sprung in das Seyn, den der Mensch als der Sucher des Seyns vollzieht, sofern er denkerisch Schaffender ist. Sucher des Seyns ist im eigensten Übermaß sucherischer Kraft der Dichter, der das Seyn `stiftet`.“ (S. 11.) Heidegger formuliert hier den Kern des esoterischen Denkens, trivialer und politisch korrekter gesagt: sich kreativ denkend am Leben beteiligen... Jemand wie Rudolf Steiner hätte es nicht besser formulieren können.

08.08.2010

Integration (2). Abgründe und Schatten in der deutschen Leitkultur

Das Empfinden, dass man nicht in Deutschland, Russland, Afghanistan, Japan oder Bolivien geboren worden ist, sondern auf einem Planeten namens Erde, irgendwo und irgendwann, könnte man mit den Worten Rudolf Steiners als „michaelisch“ bezeichnen. Den Erzengel Michael, der unterwegs ist um zu einer höheren Stufe in den göttlichen Hierarchien aufzusteigen, zu den Archai, könnte man auch den Begleiter der Mondialisierung nennen. In seiner Welt gibt es keine Völker und Nationalitäten mehr, nur noch Individuen, die sich im Spiegel der ganzen Menschheit sehen wollen.

Den Spiegel findet man überall. Man braucht nicht in die Ferne zu reisen, um dem Fremden zu begegnen. In jeder Großstadt ist die ganze Welt vertreten. In meinem kleinen Viertel in Köln, in Anlehnung an Paris liebevoll „Kwartier Latäng“ genannt, trifft man Menschen aus Iran, dem Irak, Ägypten, Polen, Rumänien, der Türkei, Italien, Thailand, Argentinien, Peru und natürlich aus Holland... Mondialisierung heißt, dass die ganze Menschheit an jedem Fleck der Erde kulturell vertreten sein möchte.

Was ist das für eine Tätigkeit, in den Spiegel der Menschheit zu schauen? Integration beinhaltet weitaus mehr, als sich an die Werte und Gepflogenheiten einer dominanten Kultur – man spricht wohl von Leitkultur – anzupassen. Das Lernen einer Sprache, in Deutschland Deutsch, in Frankreich Französisch, in Amerika Englisch, ist eine notwendige Voraussetzung für eine Annäherung an die jeweilige Leitkultur. Deutsch als Fremdsprache zu sprechen und zu schreiben ist allerdings mehr als eine rein sprachliche Angelegenheit – es bedeutet ein Eintauchen in eine bestimmte Art und Weise auf das Leben und die Welt zu schauen.

Die deutsche Leitkultur spiegelt ein paar große Aspekte des Mensch-Seins. Ich bin nicht im Stande die Sichtweisen dieser Kultur adäquat zu beschreiben, dazu braucht man Erkenntnisse, die ich nicht habe. Was mir allerdings immer wieder an der deutschen Leitkultur auffällt, ist erstens eine intime Beziehung zu Begriffen. In Deutschland, wesentlich stärker als in Spanien oder England, werden Begriffe bis zu Ende gedacht. Zu den Deutschen scheinen mir die Neigung und die Fähigkeit zu gehören, Gedanken klar zu formulieren und von der Sphäre des Traumhaften zu befreien. Begriffe müssen „genau“ sein, fast „juristisch“ abgeklärt. Die eher intuitive Art und Weise auf Gedanken hinzuweisen, wie die Engländer das machen („Well, you know what I mean, don´t you?“), ist für manche Deutsche unerträglich.

Zweitens fällt mir immer wieder auf, dass die Deutschen – anders als zum Beispiel die Franzosen –Begriffe nicht als persönliche Schöpfungen verstehen. In der deutschen Leitkultur haben Ideen eigentlich keinen Autor und werden auch nicht als Schmuckstücke verstanden, mit denen man die eigene Persönlichkeit ziert. Begriffe sind quasi objektive Gegebenheiten, die frei im Raum schweben und nicht an Personen gebunden sind. Ich habe öfters bemerkt, dass dies für manche Deutsche so selbstverständlich ist, dass sie nicht einmal verstehen, was ich hier meine.

Drittens umfasst die deutsche Leitkultur einerseits die höchsten Ideale (Friedrich Schiller ist diesbezüglich das große Vorbild), andererseits die Banalität des Bösen (Hannah Arendt). Nicht, dass die Deutschen die enorme Spannweite auch immer denken könnten, nein, ich würde sagen: in gewissem Sinne gerade noch immer nicht, aber FÜHLEN können sie sie allerdings. Mit diesem Fühlen geht ein Ernst einher, der auf einer Ehrfurcht vor den Höhen und Tiefen („Stirb' und Werde“) des Lebens beruht. Manchmal wirkt der Ernst wie eine unterschwellige Schwere, die nicht locker lässt.

Integration fängt mit Begegnung an, und zwar mit einer, die von mir aus gewollt wird. Erst wenn ich bereit bin, mich im Antlitz des anderen Menschen zu ändern, oder vielleicht besser gesagt: zu vervollständigen, findet Integration statt. Die Sache ist nicht nur, dass ich mich in eine fremde Kultur integriere, sondern vor allem auch, dass ich dem Fremden in mir einen Platz gebe. Letztendlich findet Integration in mir statt. Diesbezüglich scheint es mir allerdings so zu sein, dass der oben erwähnte Ernst der Deutschen manchen Fremdlingen richtig Schwierigkeiten bereitet.

Türken, Perser, Latinos, ja, auch die Holländer, ärgern sich manchmal an der – als peinlich erlebten – pünktlichen Genauigkeit der Deutschen. Und sie können manchmal die unterschwellige Schwere nicht nachvollziehen, das Misstrauen, die Distanz... Sie klagen zum Beispiel darüber, dass die Reisenden in den deutschen Zügen kaum mit einander plaudern: jeder verbirgt sich hinter seinem Laptop oder seiner Zeitung. Solange man allerdings als Fremdling vor dem Schatten des Ernstes stehen bleibt und sich nicht auf das Wesentliche einlässt, wird man nicht nur ausgeladen, sondern man lädt sich auch selber aus.

Es scheint mir schon zu stimmen, dass die Deutschen sich seit dem Holocaust selber nicht mehr verstehen. Aber sie fühlen umso mehr. Im Lichte der Integration ist ein ganz bestimmter Gedanke entscheidend, nämlich dieser: der Ernst der Deutschen, inklusive ihrer Schatten, betrifft eine Angelegenheit, die alle Menschen auf dem Planeten namens Erde angehen: die Empfindung, dass das Leben Abgründe kennt. Sich in die deutsche Leitkultur hinein zu begeben, bedeutet auch, sich auf diese Abgründe einzulassen. Um es mit Rudolf Steiner zu sagen: in einer michaelischen Kultur schaut man dem Drachen, der aus dem Abgrund aufsteigt, voll bewusst in die Augen.

26.04.2010

Braucht Christus einen Eigennamen? Über die stumme Sprache

Eine Freundin hatte die Kommentare auf meinen letzten Weblogtext gelesen und sagte mir: „Jeder Mensch hat seine eigene persönliche Beziehung zu Christus“. Erst nahm ich ihre Aussage als ganz selbstverständlich hin. Ich dachte: „natürlich ist das so...“. Ein paar Stunden später leuchtete mir jedoch auf einmal ein, dass die Behauptung weitreichende Konsequenzen hat.

Zwei Aspekte dieser Aussage beschäftigen mich. Der erste ist, dass von einer „Beziehung“ die Rede ist – es gibt kaum ein Wort, das meine Aufmerksamkeit in den letzten Monaten mehr in Anspruch genommen hätte, als gerade dieses. Das Wort will von mir verstanden werden. Der zweite Aspekt betrifft den Eigennamen „Christus“, der sich auf einen Gott bezieht, der offenbar für alle Menschen da ist, allerdings nur von „Christen“ so genannt wird.

In der Aussage jener Freundin wird über die Beziehung zu Christus nicht nur gesagt, dass sie „persönlich“ ist, sondern auch, dass jeder Mensch seine „eigene“ persönliche Beziehung zu Ihm hat. Das bedeutet, dass es zwischen individuellen Menschen und dem Gott, der diesen Namen trägt, Milliarden von spezifischen und einmaligen Bezügen gibt oder geben kann. Und damit haben wir es mit einem Phänomen zu tun, dass sich wegen seiner unerschöpflichen Arten und Weisen über die Sprache hinaus erhebt.

Was ich meine, ist folgendes: In der Sprache wirken zwei Bewegungen – eine vertikale und eine horizontale. In der vertikalen Bewegung werden Phänomene benannt, das heißt: sie kriegen einen Namen. Walter Benjamin spricht diesbezüglich von der „adamitischen“ Sprache und ihre Wörter und Redewendungen nennt er „wahre Namen“. Die zweite – horizontale – Bewegung ist als eine kommunikative zu verstehen, die von Benjamin die „urteilende“ Sprache genannt wird, ich würde allerdings sagen „die teilende Sprache“. In der horizontalen Bewegung der Sprache „teilen die Menschen sich mit“ und machen damit sozial und kulturell gesprochen die eigenen Positionen kenntlich.

Namen beziehen sich zwar auf konkrete Begebenheiten, haben allerdings nur eine Bedeutung, wenn sie allgemein gültig angenommen werden. Wenn ich von etwas rede, sagen wir: von meinem Garten, hat mein Reden nur einen Sinn, wenn das Wort (der Name) „Garten“ von meinen Zuhörern verstanden und akzeptiert wird.

Rein sprachlich gesprochen kann ich nur dann meinem Garten einen anderen Namen geben, sagen wir: „mein Paradies“, wenn ich mich nur mit mir über ihn unterhalte. Ich würde, weil ich meinen Garten so liebe, die übliche Andeutung als unzulänglich zurückweisen und eine Analogie benutzen. Ich würde sagen: „Mein Garten ist für mich wie ein Paradies und deswegen spreche ich von meinem Paradies“. Oft ist es in der Sprache so, dass eine gesteigerte Beziehung sich sprachlich in einer Analogie ausdrückt.

Auch der Eigenname Christi ist eine Analogie. Er beruht auf einer direkten griechischen Übersetzung aus dem Hebräischen „Mašȋah“, was „der Gesalbte“ bedeutet. Von der sprachlichen Ebene aus gesehen ist er ein Beiname von Jesus von Nazareth, weswegen oft von Jesus Christus gesprochen wird. Um Jesus von Nazareth eine „gesteigerte“ Bedeutung zu verleihen, wurde er Christus genannt. Klar ist aber, dass dieser Eigenname nur im hebräischen und griechischen Sprachbereich – und in allen Sprachen die damit verbunden sind – seine Wurzeln hat und damit auch sein unmittelbares Verständnis.

Für einen Chinesen in Singapur ist dieser Eigenname fremd. Wenn er in seiner Innenwelt auf die Erscheinung Christi stößt, wird er erst einmal nicht auf den Gedanken kommen, von „Christus“ zu sprechen, und schon gar nicht, wenn dies bedeuten würde, dass er sich von seinen vertrauten Göttern verabschieden sollte. Nein, er würde versuchen die Erscheinung mit den ihm bekannten und vertrauten Analogien in Sprache zu verwandeln.

Singapur... Wenn wir mit Rudolf Steiner vom „ätherischen Christus“ sprechen, uns vergegenwärtigen, dass es dabei um eine Erscheinung geht, die weltweit wirkt und uns auch noch unbefangen auf diese wunderbare WELT, die Singapur ausmacht einlassen, wie kriegen wir dann Zugang zu den Analogien, die dort verbreitet sind? Wie kann die dortige „adamitische Sprache“ in eine Beziehung zu meiner „teilenden Sprache“ gesetzt werden?

Die Frage schneidet aber noch tiefer, weil es nicht nur um religiös zu definierende Gruppen von Menschen, sondern um zahllose Individuen geht, die alle „eine eigene persönliche Beziehung zu Christus“ haben (können). Die Frage öffnet einen Raum, der über die Sprache hinaus geht, in gewissem Sinne eine Sprachlosigkeit voraussetzt, die gerade nicht über die Sprache wieder geschlossen werden kann?

In Singapur habe ich diesen Raum der Sprachlosigkeit gespürt. Er lebt und webt und vibriert zwischen den Menschen, egal ob sie dem Konfuzianismus anhängen, Hindus, Buddhisten, Muslime oder Christen sind. In diesem Raum teilen sie etwas miteinander, was über die Sprache hinausgeht. Ist dieser Raum letztendlich nicht auch das, was Rudolf Steiner mit der „ätherischen“ Welt meinte? Ist dieser Raum-als-Innenraum nicht genau so „Erde“, wie die Erde die manchmal bebt?

Braucht Christus einen Eigennamen? Ich würde sagen: ja, weil wir nur auf etwas verzichten können, was es gibt. Auf der ätherischen Ebene ist es so: weil ich in Europa aufgewachsen bin, komme ich Christus über seinen Namen näher – muss aber sofort auf den Namen verzichten, wenn ich dem Verlangen nachgehen will, seine einmalige Präsenz im Leben eines Chinesen in Singapur zu spüren. Um Ihn in einem Mitmenschen zu finden, muss ich mich in das hinein begeben, was Walter Benjamin „die stumme Sprache“ nennt.

28.03.2010

Ungreifbare Flüssigkeiten. Ein neues Lernen in einer Kultur des Herzens

Die Menschheit betritt Neuland. Und das Betreten von Neuland fragt um eine neue Art des Lernens und Erkennens. Auf hunderterlei Arten und Weisen ist das neue Lernen im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts von Philosophen, Wissenschaftlern und Künstlern beschrieben worden. Spontan zu erwähnen sind an dieser Stelle, das „dialogische Denken“ von Jürgen Habermas, das „dialogische Prinzip“ von Martin Buber, die „soziale Plastik“ von Joseph Beuys, das „Diskurs-Denken“ von Michel Foucault und die „Dekonstruktion“ von Jacques Derrida. Hinter all diesen abenteuerlichen Sprachschöpfungen stecken Ahnungen, Sehnsüchte und Vorsätze.

Die Ahnung besagt, dass die Wirklichkeit nur scheinbar mit gegenständlichen und funktionalen Begriffen zu greifen ist. Die physische „Greifbarkeit“ der Welt scheint nicht mehr eindeutig „vorhanden“ zu sein und eine neue Art des Begreifens, das eher auf einem aktiven Mitmachen beruht, wird erahnt. Extrem einseitig wird dieses Ahnen im Konstruktivismus umgesetzt: was wir Welt nennen, ist nicht gegeben, sondern wird von Menschen ständig neu konstruiert.

Die Sehnsucht bedeutet beinhaltet ein Verlangen nach Ausfahrt, Lichtung, Erweiterung, Vertiefung, Erhöhung, Befreiung – sie hat hundert Namen. An der Tatsache, dass Rudolf Steiner an dieser Stelle die merkwürdige Andeutung ätherische Welt“ benutzt, übrigens neben weiteren Umschreibungen, brauchen wir uns nicht zu stören. Er war ja am Anfang des zwanzigsten Jahrhundert in seinem Diskurs nun einmal auf theosophische Begriffe orientiert. Die Wirklichkeit, nach der wir uns sehnen, lässt sich sprachlich nicht fixieren.

Der Vorsatz bezieht sich auf eine humane Beteiligung. Egal was gedacht und gemacht wird, die Quellen liegen nicht länger in Ideologien, Systemen, Theorien, Konzepten und Weltanschauungen, sondern in den Menschen selber. Entscheidend ist, was sich in meiner frei-zu-werdenden Beziehung zu mir, in meiner frei-zu-werdenden Beziehung zu dir, in dem Ringen um freie Beziehungen-zwischen-uns als fruchtbar, notwendig und bedeutungsvoll erscheint. Der Vorsatz ist ein neues Lernen, dass sich unterwegs vollzieht und nicht vorprogrammiert ist. Die Inhalte des Lernens haben nie einen abstrakten Status, sind nie losgelöst von Raum und Zeit, treten in konkreten Umständen auf, werden wachgerufen und zelebriert im direkten Antlitz der Erscheinungen.

Eine Kultur des Herzens ist zu verstehen als ein unüberschaubares Flechtwerk von Menschen, die gemeinsam versuchen, diesen Weg zu gehen. Sie ist gleichzeitig Quelle, Bedingung und Ziel – Ursache und Wirkung. Die Substanz einer Kultur des Herzens liegt in der ungreifbaren Flüssigkeit zwischen mir und dir, zwischen uns, letztendlich ist sie als eine machtvolle Kraft zu verstehen. Wenn zwei Menschen in Freundschaft etwas mit einander gestalten wollen, im privaten oder im öffentlichen Bereich, öffnet sich ein Feld, wo Macht in Freiheit neu geordnet werden kann.

Ein guter Freund meinte, dass man über eine Kultur des Herzens nicht schreiben könne, gerade weil sie nicht überschaubar sei. Ich glaube nicht, dass das stimmt. Ich glaube, dass die Kultur des Herzens tausend Texte braucht, geschrieben von mir und von dir, von ihr und von ihm, um gerade die Vielfalt erlebbar zu machen. Wenn ich versuche, mein Verständnis der Sache auf die sprachliche Ebene zu bringen, wird sofort deutlich: es gibt noch viel mehr Fenster. Sachen nicht fixieren zu wollen, heißt nicht, dass man schweigen muss.

Mit Dank an Sophie Pannitschka

5 Kommentare

01.03.2010

Alle großen Worte brauchen Respekt. Über das Wort „ Anthroposophie“

Wer aufhört sich die Frage zu stellen, wie bestimmte Gedanken & Gefühle & Intentionen & Ereignisse hier & jetzt sprachlich auszudrücken sind, steht im Abseits. Verbindungen zwischen Bedeutungen & Worten sind nicht fixiert. Immer wieder werden neue & frische & überraschende Sprachschöpfungen gebraucht & gemacht. Sie wirken wie Lichtungen ins Offene.

Sprache ist wie ein Kreuz, weil sie zwei Spannungsfelder in einem Punkt zusammenzieht. Ein stimmiges Wort, gesprochen oder geschrieben, erscheint im Nu wie eine Rose, in sich selber versunken, sich selber übersteigend. Die erste Spannung ist vertikal ausgerichtet: sie bezieht sich auf das Wechselspiel zwischen Lauten & Bedeutungen. Wenn der Satz „Sein Herz war ein Gefäß“ (Pablo Neruda) auf einmal klingt, lässt sich ein Gedanke oder eine Vorstellung über eine Sequenz von vertrauten Lauten intuitiv ergreifen.

Das zweite Wirkungsfeld ist horizontal. In diesem Feld bewegen sich die Worte zwischen den Menschen hin & her. Sprache ist immer auch eine Bewegung von mir zu dir, gleichzeitig von dir zu mir. Ich kann nicht mit dir reden, ohne mich in deine Sprache zu versetzen. Und erst wenn es gelingt den Punkt zu finden, an dem die Spannung zwischen oben & unten mit der zwischen mir & dir verschmilzt, findet eine Kommunion statt. Ob ein Wort richtig oder stimmig ist, hängt davon ab, ob die vier Perspektiven einen gemeinsamen Glühpunkt finden.

Kommunikation ist ein offenes Geschehen in Raum & Zeit. Richtige Aussagen erscheinen immer irgendwo & irgendwann. Behauptungen, die sich von Raum & Zeit gelöst haben, sind gleichzeitig leer und kraftlos & übermächtig und unantastbar geworden. Wenn Sigmar Gabriel in seinen Reden immer wieder „liebe Genossinnen & Genossen“ sagt, zeigt er, dass die Beziehung zwischen ihm als Vorsitzendem & den Mitgliedern seiner Partei durch die Geschichte fixiert ist. Auf der sozialen Ebene ist seine Aussage leer, auf der politischen gerade machtvoll.

Das Offene der Kommunikation hängt mit der Tatsache zusammen, dass Lebensvorgänge sich ständig verwandeln. Es wird eine Zeit geben, in der das Wort „cool“ auf einmal völlig daneben ist, weil sich die Perspektiven verändert haben. Und ist es nicht schon heute so, dass nicht alle Menschen sich dieses Wort bedienen können, einfach weil sie irgendwie & irgendwo im Lichte der heiligen Lässigkeit schon daneben sind?

Ein Wort, mit dem ich schon dreißig Jahre ringe, heißt „Anthroposophie“. Auch dieses Wort wird ständig hin & her manipuliert zwischen Nichts & Allem. Als kultureller Begriff hat das Wort jegliche Bedeutung verloren, weil es auf ein festgelegtes System von bestimmten Normen & Werten reduziert worden ist - geschätzt von einer kleinen Gruppe von Menschen. Für die Öffentlichkeit hat das Wort seine positive Wirkung verloren.

In anthroposophischen Kreisen & Einrichtungen kann das Wort allerdings eine sehr große Macht haben. Es bedeutet dort oft so viel wie: die unerreichbare geistige Wahrheit, die sich über Raum & Zeit befindet & nur von ganz wenigen Menschen verstanden werden kann. Man muss ein bestimmtes Alter haben, ganz viele Bücher gelesen (und bitte: geschrieben) haben & außerdem noch gut reden können. Wenn jemand an diesen Kriterien scheitert, ist er nicht im Stande, Anthroposophie zu vertreten.

Obwohl das Wort Anthroposophie sich in einer schwierigen Lage befindet, werde ich an dieser Stelle nicht vorschlagen, es einfach zu streichen. Wenn es um sprachliche Gepflogenheiten geht, funktionieren solche Entscheidungen nicht, weil Sprache ein Eigenleben führt. Sich bewusst auf bestimmte Ausdrücke festzulegen, gelingt nur im akademischen & rechtlichen Rahmen – was die Sprache dementsprechend trocken & abstrakt macht. Nein, wir müssen mit dem Wort Anthroposophie weiter leben.

Aber wie? Ich würde sagen: mit Liebe. Das bedeutet meines Erachtens, dass die zwei genannten polaren Bedeutungen, die zwischen Allem & Nichts, vermieden werden. Sie verletzen nicht nur die sozialen Beziehungen zwischen Menschen, sondern auch das Wort selbst. Ein Wort liebevoll zu benutzen, bedeutet etwa: auf den Anspruch zu verzichten, seine Bedeutung ganz zu durchschauen & festzulegen.

Alle „großen“ Begriffe & alle „großen“ Worte, die sich auf diese Begriffe beziehen, verdienen Respekt. Worte wie Wahrheit & Freiheit & Liebe sind in der Kommunion zwischen oben & unten und in der Kommunikation zwischen mir & dir nur dann fruchtbar wirksam, wenn sie als eine offene Bestimmung verstanden werden. Sobald man meint, die Bedeutung des Wortes ganz & komplett zu kennen, gerät man in eine Isolation.

Wer könnte schon definitiv in Worte fassen, was Liebe bedeutet? Die Anthroposophie ist vor allem eine Sache des Herzens. Wir brauchen zwar unsere Köpfe, entscheidend ist aber das, was Rudolf Steiner folgendermaßen versucht hat zu beschreiben: „Erleuchte/ unsere Häupter,/ Dass gut werde,/ was wir aus Herzen/ Gründen,/ was wir aus Häuptern/ Zielvoll führen wollen.“ Die Quelle liegt also im Herzen, und dessen Sprache nennt man Poesie.

28.10.2009

Nochmals die Waldorferzieherin (3). Über die echte Arbeit

Bei der Beschreibung der Fähigkeiten einer Waldorferzieherin scheint mir ein Grundproblem die herrschende Annahme zu sein, dass sie an erster Stelle eine pädagogische Aufgabe zu erfüllen hätte. Das Herz ihrer Arbeit, so wird generell angenommen, betrifft die Erziehung der Kinder und der entsprechenden Beziehung zu ihnen, wobei die Art der Beziehung als eine „pädagogische“ verstanden wird.

Zusätzlich, so heißt es, braucht die Waldorferzieherin noch ein paar „soziale“ Fähigkeiten, weil sie eben auch mit Eltern & Kollegen & Vorständen & Beamten zu tun hat. Diese sozialen Fähigkeiten werden zwar immer wichtiger, weil offenbar das Ringen auf der sozialen Ebene zunehmend Aufmerksamkeit verlangt, jedoch als zweitrangig verstanden. Die eigentliche Aufgabe bleibt die Arbeit „am Kind“.

Was macht aber die gesamte Arbeit aus? Das Leben scheint mir das Folgende zu zeigen: Jede Erzieherin handelt durch ihren Beruf aktiv in einem Flechtwerk von Menschen. Die Knotenpunkte in diesem sozialen Gewebe werden Kinder, Väter, Mütter (oder eben Elternteile – grausames Wort!), Opas & Omas, Nachbarn, Leiterinnen, Zweitkräfte, Kolleginnen, Köchinnen, Putzfrauen, Ärzte, Vorstände und Beamte genannt.

Im alltäglichen Leben heißen sie Maria, Eva, Hans, Vanessa, Karsten, Kerstin, John, Astrid, Jasmin oder Dr. Schmitz. Obwohl das Dasein dieses Gewebes indirekt durch die Kinder konstituiert wird – ohne Kinder keine Kindergärten – erscheint es in der Lebenspraxis als eine Gemeinschaft von Individuen, die auf gleicher Augenhöhe stehen. Die Kinder sind genauso „Individuum“, wie die Erzieherinnen & Vorstände & „Elternteile“ auch.

Die Frage, mit der alle Erzieherinnen an erster Stelle ringen, ist diese: wie verstehe ich mich in meiner pädagogischen Aufgabe in diesem sozialen Gewebe? Die Praxis zeigt, dass die pädagogischen Tätigkeiten in eine Wirklichkeit eingebettet sind, man könnte einfach von „Leben“ sprechen, die über die rein erzieherischen Aufgaben hinausgehen. Und damit ist die Beziehung zwischen „sozial“ & „pädagogisch“ ein Thema geworden.

In der öffentlichen Gesellschaft & in der akademischen Welt ist diese komplexe Beziehung als Fragestellung schon längst angekommen. Ich brauche nur auf die Soziologie zu verweisen: dort wird schon seit Jahrzehnten die Frage gestellt, wie das Kind im gesellschaftlichen Rahmen zu verstehen ist. Und auf der philosophischen Ebene ist es vor allem Michel Foucault gewesen, der manche Konzepte, „pädagogische“ (wie auch „therapeutische“ und „kriminologische“), als „sozial-gesellschaftlich“ umdefiniert hat.

Mir scheint, dass die Waldorfbewegung sich noch immer gegen diese Ausweitung der Fragestellung wehrt. Die soziale Komponente muss aus irgendeinem Grund „zusätzlich“ bleiben & Erziehung eine Art Insel, so wie der Künstler sein Atelier vielleicht als einen Schutzraum erlebt. Aber wie gesagt: die Lebenspraxis zeigt, dass das nicht mehr geht. Warum nicht? Einfach, weil das Leben von spezifischen Absonderungen weg will.

Erst kommt das Leben, dann kommt die Pädagogik. Auf zwei Ebenen trifft diese Wahrheit zu: erstens sind es die allgemein-menschlichen Fragen, die das Leben in einem Kindergarten bestimmen. Die Beziehungen zwischen den Kindern, den Kollegen, den Eltern & den Vorständen machen das Klima aus, in dem die Kinder gedeihen, oder eben auch nicht gedeihen können. Offene & würdige & lebendige menschliche Beziehungen sind eine Voraussetzung für die biographische Entwicklung (von Kindern, Erzieherinnen, Vätern & Müttern sowie Vorständen).

Und zweitens: auch die Beziehung der Erzieherin zu dem Kind ist erst an zweiter Stelle eine pädagogische. Wenn auch die Kinder als „Individuum“ verstanden werden, was ja in den Waldorfkindergärten nachdrücklich der Fall ist, geht es darum, bewusst in das wunderbare Spannungsfeld zwischen Ich & Ich (also: Du) einzusteigen. Diese allgemein-menschliche Ebene lässt sich aber grundsätzlich nicht mit pädagogischen & erzieherischen Begriffen beschreiben.

Rudolf Steiner, der Urheber der Waldorfpädagogik, würde an dieser Stelle bestätigen, dass die pädagogische Aufgabe tatsächlich einer allgemein-menschlichen Beziehung untergeordnet ist. Man könnte eben argumentieren, dass diese Sichtweise gerade einer der Ausgangspunkte der Waldorfpädagogik ausmacht. Rudolf Steiner verstand das soziale Leben als einen Raum, in dem persönliche & öffentliche Anliegen miteinander verschränkt sind – ein Raum, in dem sich „Schicksale“ gestalten.

Eine Waldorferzieherin verstehe ich als eine Lebenskünstlerin, die vor allem die Fähigkeit entwickelt, auf die delikaten Bedeutungen der Beziehungen zu schauen & sich dementsprechend taktvoll zu verhalten. Dazu gehört natürlich auch, dass sie auf sich selber schaut. Mir scheint dies allerdings eine „soziale“ Fähigkeit zu sein, die sich aber nur dann entfalten kann, wenn eine bewusste Orientierung auf ein spirituelles Menschenbild vorhanden ist. Um Menschen zu verstehen, braucht man dementsprechende Erkenntnisse.

Damit ist die pädagogische Aufgabe nicht vom Tisch. Wenn Rudolf Steiner vom „pädagogischen Grundgesetz“ sprach (kann ich heute nicht beschreiben – würde den Blograhmen sprengen), hatte er eine spezifische Verhaltensweise vor Augen, die die Beziehung zwischen Ich & Ich nicht ersetzt - gerade nicht! - sondern einen professionell notwendigen „Zusatz“ bedeutet. Die Erzieherin kann diese Verhaltensweise erst dann realisieren, wenn sie im sozialen Gewebe zumindest halbwegs eine innere Ruhe erreicht hat.

Gerade eine Waldorferzieherin versteht die sozialen Beziehungen um das Kind herum – sie selber gehört dazu – nicht als zufällig oder nebenbei oder eben lästig. Sie versteht, dass jedes Kind sich in seinem eigenen „Gefüge“ entfaltet. Dieses Gefüge als schwierig oder belastend zu empfinden, heißt eigentlich, dem Kind sein eigenes Leben nicht zuzutrauen. Eine wesentliche Kompetenz der Waldorferzieherin liegt also darin, das Leben unter allen Umständen positiv zu bewerten. Mir scheint das die echte Arbeit zu sein.

19.05.2009

Neuigkeiten aus dem Badezimmer. Über Poesie & Zeit & Nachrichten

Psychologische Erklärungen sind fast nie poetisch. Sie decken auf, dass heißt: sie erzählen Geschichten hinter und über Geschichten. Mit einem psychologischen Blick wird die Geschichte eines seelischen Schmerzes in die Vergangenheit gestoßen & dort mit einer neuen Geschichte verwechselt, zum Beispiel über einen Vater, der mich oder dich oder ihn oder sie nicht angenommen hat, oder über eine Mutter die – naja, was könnte sie nicht alles getan haben.

Die aufgedeckte Geschichte gilt als Erklärung für die vorherige Geschichte, die immer irgendwie eine Beschwerde beinhaltet. Seelischer Schmerz wird in der Psychologie als eine Wirkung in der Gegenwart von einer Ursache die in der Vergangenheit liegt verstanden. Hinter der psychologischen Vorgehensweise steckt ein Zeitbegriff, der besagt, dass die Gegenwart durch die Vergangenheit bestimmt wird.

In der Poesie ist ein anderer Zeitbegriff wirksam. Der Dichter Novalis hat es so gesagt: „Der Sinn für Poesie hat nahe Verwandtschaft mit dem Sinn der Weissagung und dem religiösen, dem Sehersinn überhaupt. Der Dichter ordnet, vereinigt, wählt, erfindet – und es ist ihm selbst unbegreiflich, warum gerade so und nicht anders“. Man könnte es vielleicht auch so sagen: In der Poesie wirkt das, was im Kommen ist.

Mit Poesie ist hier nicht Dichtung gemeint. Man kann den Worten natürlich unterschiedliche Bedeutungen beimessen, ich meine mit Dichtung aber die Tätigkeit die zu literarischen Texten führt & die Texte selber. Poesie verstehe ich als eine Aufmerksamkeitshaltung, eine seelische Orientierung auf die Welt & das Leben & die Menschen & die Ereignisse & die Gegenstände. Poesie führt dazu, dass die stumme Sprache-der-Dinge auf einmal zur Botschaft werden. Man kann Poesie haben ohne Dichtung, Dichtung ohne Poesie gibt es nicht.

Auch ein Poet geht morgens ins Badezimmer um sich zu waschen, seine Zähne zu putzen & sich heute-oder-heute-vielleicht-doch-lieber-nicht zu rasieren. Gleichzeitig aber lässt er das Badezimmer auf sich zu kommen wie eine Art kuriose Neuigkeit, wie ein überraschendes Gebilde, das sich im Hier & Jetzt offenbart. Was er im Badezimmer hört & riecht & sieht & spürt & schmeckt & denkt & fühlt & will – was zeigt mir der Spiegel heute? - beinhaltet für den Poeten eine Bedeutung, die etwas über funktionale Bedeutungen hinaus geht.

Eigentlich ist es nicht richtig zu sagen, dass der Poet ins Badezimmer geht – treffender könnte man sagen, dass er das Badezimmer auf sich zu kommen lässt. Er befindet sich in einer „rückwärtsgehenden Evolution“ (Rudolf Steiner), die von der Zukunft ausgeht & uns in der Gegenwart trifft. In diesem zweiten Zeitstrom liegt das Ziel nicht in der Zukunft, sondern in der Vergangenheit – es ist die Verwandlung des Gewordenen. Laut Rudolf Steiner ist die Erkenntnis der zweiten Evolution eine Bedingung für das „geistige Schauen“.

Ein Poet praktiziert das geistige Schauen. Samuel Taylor Coleridge (siehe das aktuelle Motto meiner Website) spricht an dieser Stelle von einer ersten & einer zweiten Imagination. Die erste Imagination bezieht sich auf jegliche spontane & unbewusste menschliche Wahrnehmung, die zweite versteht er als ein Echo der ersten, mit dem wesentlichen Unterschied, dass sie mit unserem bewussten Willen zusammenfällt („co-existing“). Das geistige Schauen ist laut Coleridge eine bewusste Wiederholung-in-der-Endlichkeit von dem „ewigen Schöpfungsakt in das unendliche ICH BIN“. Novalis sagt an dieser Stelle: „Der Dichter erfindet“.

Wo in der Psychologie gerne eine zweite „erklärende“ Geschichte“erzählt wird, entwirft & kreiert & gestaltet die Poesie nur ERSTE Geschichten, die allerdings nicht als Erklärungen gelten, sondern eher als Bezauberungen & Weissagen & Öffnungen. Poetische Geschichten greifen in die Vergangenheit heftig ein, nicht weil sie dort etwas erklären, sondern weil sie berühren. Die Kraft der poetischen Verwandlung liegt darin, dass das Badezimmer zum Einweihungsort erhoben wird.

In einer Kultur des Herzens werden poetische Geschichten erzählt. Es wird eine Zeit geben – in fünfzig oder achtzig oder hundert Jahren? – in der die Nachrichtendienste sich nicht nur mit äußeren Tatsachen beschäftigen: so und so viele Arbeitslose, so und so viele Verluste im Krieg, so und so viele Verkehrsunfälle, und wie das alles zu bewerten wäre... Die journalistische Aufmerksamkeit wird auch die Neuigkeiten an der poetischen Front betreffen:

„Köln, 18. Mai. In einem Badezimmer in der Kölner Innenstadt wurde heute Morgen festgestellt, dass eine dreifache Spiegelung zwischen Fenster, Fliesen und Spiegel in der Seele eines achtundfünfzigjährigen Mannes eine Verwirrung hervorrief. Für einen kurzen Moment glaubte der Mann ein Gespenst zu sehen, dann verstand er aber, dass er sich selber sah. Der Mann freute sich darüber, sich selber unvorbereitet gesehen zu haben. Das bringt richtig etwas, meinte er.“

07.11.2008

Zwei Zerrbilder. Über Rudolf Steiner als Esoteriker (3)

In meinen letzten Blogbeiträgen habe ich zwei Zerrbilder von Rudolf Steiner beschrieben, die meines Erachtens einen freien Diskurs über seine Bedeutung verhindern. Beide Zerrbilder, so meine ich, hängen mit einer unausgesprochenen „Verlegenheit“ in Bezug auf das esoterische Denken Steiners zusammen. Wenn diese Verlegenheit keinen Raum bekommt, aus (falsch verstandener) Liebe, entsteht das erste Zerrbild – das zweite tritt in Erscheinung, wenn Hass der Grund dafür ist.

Beide Zerrbilder tragen dazu bei, dass die Bedeutung Rudolf Steiners nicht unbefangen bewertet werden kann. Ich meine, dass seine Arbeit gerade das braucht: eine freie & eben „lockere“ Bewertung. Seine – oft sehr ungewöhnlichen – Gedanken über dieses und jenes können erst dann in der Öffentlichkeit aufgenommen werden, wenn sie ideologisch unbelastet dargestellt und verstanden werden. Von mir aus dürfte man durchaus sagen: na ja, der Typ war manchmal vielleicht ein bisschen verrückt, es lohnt sich aber, sich mit seinen Gedanken auseinander zu setzen.

Und ich meine: Rudolf Steiner hätte nichts dagegen, so gesehen zu werden.

Todesernst & Schwere & Melancholie belasten sein Vermächtnis. Licht & Heiterkeit & Vertrauen sind aus seiner öffentlichen Aura fast komplett verschwunden. Für Freund und Feind ist Rudolf Steiner gerade die Gestalt geworden, die er nicht sein wollte: der dunkle Prophet im schwarzen Anzug. Das Spielerische & das Kindliche & das immer wieder neu im Kommen sein wollen – dieser Rudolf Steiner ist hinter den Zerrbildern verschwunden. (Ich meine: nur ein Spielfilm über seine Person könnte seine Gestalt retten. Jeremy Irons müsste dann die Hauptrolle spielen.)

Wie ist Rudolf Steiner als Esoteriker zu verstehen? Und was heißt das eigentlich: esoterisch denken? Ich werde es nicht schaffen, diese Fragen hier zu beantworten. (In meinem Buch „Mittendrin“ habe ich meine Ideen zu dieser Frage bereits dazu gegeben, und es gibt noch ein paar gute Texte mehr von anderen Leute darüber. Heute aber, und in meinen Worten von heute:

Das esoterische Denken wird durch die Annahme begründet, dass nicht nur das rational-begriffliche Denken ein vertrauensvoller Ausdruck unseres Willens zur Wahrheit ist. Im Grunde genommen werden alle seelischen Fähigkeiten (englisch: faculties) als Erscheinungen verstanden, die prinzipiell mit dem Wahrheitsempfinden zu tun haben. In unseren Traumbildern & Gefühlen & Sehnsüchten & Stimmungen & Intentionen & Intuitionen drückt sich der Wille zur Wahrheit aus.

Laut der frühe Friedrich Nietzsche hat Sokrates damit angefangen die Welt der Bilder (den Mythos) zu demontieren. Mit Sokrates fängt der schmale Weg des rational-begrifflichen Denkens an. Seitdem erlebt unser Wille zur Wahrheit Verlust nach Verlust. Was heute übrig geblieben ist, ist ein Denken der (wirtschaftlichen) Nützlichkeit. Die Götter sind tot, die Religion ist tot, die Moral ist tot, und als letztes droht auch noch die Kunst zu sterben. Die Kunst ist zur ästhetischen Beliebigkeit geworden.

Und das heißt: der Wille zur Wahrheit ist in einen engen Bunker hinter die Gestirne verwiesen worden. Das Herz denkt nicht mehr, Bauch und Knie (Joseph Beuys: „Ich denke sowieso mit meinem Knie“) schon gar nicht. Der Wahrheitsmensch ist ein rationales Gespenst geworden, das sich in Bezug auf die Wahrheit von seiner Seele und seinem Körper entfremdet hat. Der Körper ist keine empfindliche Erscheinung mehr, keine Landschaft-zum-Erwachen, sondern eine Maschine die uns „produziert“.

Es gab aber nicht nur Verluste. Der Weg von Sokrates bis zur Aufklärung (Descartes, Kant) brachte laut Rudolf Steiner auch einen großen Gewinn, nämlich: Freiheit. Im begrifflichen Denken macht der Mensch sich von der Gewalt-der-gegebenen-Bedeutungen frei. Der Mensch kann frei denkend zum Schöpfer werden.

Das Monopol des rational-begrifflichen Denkens führte aber, so meinte Steiner, zu neuen Unfreiheiten. Deswegen hat er dieses Monopol angegriffen, und zwar methodisch. Er hat sich bemüht, die verloren gegangenen Wahrheitsbezüge auf eine moderne Art und Weise neu zu greifen. Wenn er zum Beispiel von „Imagination“ spricht, geht es ihm darum, die Beziehung zur Wahrheit von „Bildern“ zu untersuchen. Er geht dabei so vor, dass er sich bemüht, die – oft sehr großen – Schritte, die er macht, auch begrifflich nachvollziehbar darzustellen.

Das ist ihm aber nicht immer gelungen. In seinen Texten & Vorträgen fliegen die Bälle oft so frei im Raum umher, dass man nicht mehr weiß, welches Spiel er eigentlich gerade spielt. Seine Begriffe & Imaginationen & Inspirationen & Intuitionen können so virtuos durcheinander spielen, dass einem der Überblick verloren geht.

Dazu kommt, dass er immer wieder & immer wieder neue Versuche gemacht hat. Für mein Verständnis ist das übrigens die schönste Seite von Rudolf Steiner: in dem im Kommen sein, war er nicht zu stoppen. Und seine Schwäche lag aber genau in diesem Umstand: er machte so viele Versuche, dass er sich um die Bewertung-im-Nachhinein nicht kümmern wollte & konnte. Er hat sehr viele – oft sehr interessante! - Aussagen einfach im Raum stehen lassen.

Und genau so wichtig ist: seine damaligen Zuhörer haben kaum nachgefragt. Man traute sich nicht, den großen „Eingeweihten“ kritisch zu hinterfragen. Ich meine aber, dass seine großartige Arbeit erst dann fruchtbar wird, wenn der Diskurs über seine Person & seine Bedeutung frei wird. Und das geht erst, wenn der Schützengrabenkrieg zwischen den zwei Zerrbildern aufhört.

01.11.2008

Zwei Zerrbilder. Über Rudolf Steiner als Esoteriker (2)

Zwei Zerrbilder, so meine ich, beherrschen den Diskurs über die Bedeutung & die Wirkung Rudolf Steiners. In meinem letzten Blogbeitrag habe ich versucht, das erste Zerrbild zu beschreiben – heute geht es um das zweite. Beide Zerrbilder, so habe ich letztes Mal geschrieben, hängen mit der Tatsache zusammen, dass Rudolf Steiner Esoteriker war.

Das zweite Zerrbild macht aus Rudolf Steiner einen Feind der offenen Gesellschaft. Er wird in diesem Bild als ein Guru verstanden, der verantwortungslos mit dem Begriff Wissenschaft umgeht. Rudolf Steiner behauptet wissenschaftlich zu arbeiten, macht das aber ganz und gar nicht. Einfach gesagt: er spinnt. Er redet von Karma & Reinkarnation & Atlantis & geistigen Hierarchien (Engeln, Erzengeln und so weiter) & Naturwesen. 

Er redet also über Dinge, die es nicht gibt. Darüber hinaus behauptet er, dass er „geisteswissenschaftliche“ Fähigkeiten habe, die weitaus die meisten anderen Menschen nicht haben, einfach weil sie „geistig“ noch nicht so weit sind. Und das heißt, dass aus seiner Sicht zwei Arten von Menschen vorhanden sind: Menschen die wissen und Menschen die nicht wissen. Für die offene Gesellschaft ist das eine klare Bedrohung.

Diese Gestalt von Rudolf Steiner ist nicht fassbar. Man kann ihm in Bezug auf konkrete Aussagen nicht widersprechen. Er hat ja immer Recht, weil er sich beliebig von der einen zur anderen „geistigen“ Ebene bewegt. Es ist in seinem Denken wie in einem Kaleidoskop: er dreht ein bisschen an seinem geistigen Rohr, und alles sieht in seiner Spiegelwelt auf einmal ganz anders und doch ganz gleich aus.

Dass dieser Rudolf Steiner auch rassistische Aussagen gemacht hat, ist eigentlich nicht so schlimm. Schlimmer ist, laut Zerrbild, dass er auch diesbezüglich ungreifbar ist, das heißt: die „Anthroposophen“ drehen die Sachen so, dass die Aussagen „wahr“ bleiben, und trotzdem ganz und gar nicht rassistisch sind. Nur Menschen die ihn nicht verstehen, machen Rassismus daraus.

Dieser Rudolf Steiner hat einen sonderbaren Bruch in seiner Biographie. Bis zu seinem vierzigsten Lebensjahr war er noch ziemlich normal: er verfasste halbwegs vernünftige Texte über Goethe, Nietzsche, die Freiheit oder die Geschichte der Philosophie. Dann aber hat er sich auf einmal ein paar schwarze Stiefel und einen schwarzen Anzug gekauft, wurde Vorsitzender der Theosophischen Gesellschaft in Deutschland und fing an von der Akasha-Chronik zu berichten.

Was da genau geschehen ist, wissen wir nicht, und müssen es auch nicht wissen. Vermutlich liegt hier ein psychologisches Bedürfnis vor: er wollte von seinen Anhängern grenzenlos bewundert und geliebt werden. Seit diesem Bruch aber hält er Vorträge & Vorträge & Vorträge, bis zum Gehtnichtmehr. Und die Inhalte der Vorträge wurden immer abenteuerlicher.

Dieser Rudolf Steiner ist megalomanisch. Er meint über alles & alles & alles Bescheid zu wissen. Landwirtschaft, Philosophie, Medizin, Politik, Pädagogik, Naturwissenschaft, Kunst, Architektur, Geschichte, Sprachwissenschaft, Ökonomie – es gibt kaum ein Fachgebiet, in dem er nicht versucht hat, sich als Reformer zu profilieren. 

Und die Krönung ist: Er hat ja auch noch eine Kirche begründet.

Diesen Rudolf Steiner zitiert man nicht. Höchstens liest man seine Werke ganz im Geheimen (weil er ja manchmal ganz ungewöhnliche Gedanken äußert, die einem weiterhelfen...). Durchaus besser ist es aber, ihn zu meiden, weil von seinem Denken irgendwie eine infektiöse Wirkung ausgeht. Über die Art dieser Wirkung braucht man sich keine Gedanken zu machen, so wie man das mit Pornographie ja auch nicht macht. Über Rudolf Steiner sollte man besser schweigen.

Auch dieses zweite Zerrbild beinhaltet einen Widerspruch. Einerseits scheint dieser Rudolf Steiner eine Gefahr für die offene Gesellschaft zu sein. Eigentlich müsste man seine Ansätze also widerlegen wollen & müssen & dürfen. Anderseits lässt man sich auf seine Gedanken nicht ein, gerade weil er so völlig daneben ist. Über diesen Rudolf Steiner braucht man sich keine seriösen Gedanken zu machen, weil doch klar ist, dass er irgendwann angefangen hat zu spinnen.

Zur Wissenschaft gehört aber, dass man sich über alles klare Gedanken macht. Auch an dieser Stelle gibt es aus meiner Sicht eine Verlegenheit, genau so wie beim ersten Zerrbild: wenn Rudolf Steiner von den geistigen Erkenntnisfähigkeiten spricht – er redet von Imagination & Inspiration & Intuition, und zwar systematisch und ausführlich – ist man überfordert. Seine Denkvorgänge überstrapazieren die üblichen wissenschaftlichen Episteme.

Und deswegen wird dieser Rudolf Steiner in der öffentliche Gesellschaft richtig gehasst. So wie im ersten Zerrbild Wahrheit und unfreie Liebe vermischt werden, spielen im zweiten Wahrheit und unfreier Hass eine entscheidende Rolle. Obwohl die beiden Zerrbilder weit von einander entfernt scheinen und eben zum Schützengrabenkrieg führen, sind sie im Grunde genommen sehr ähnlich. Sie basieren beide auf einer Verlegenheit in Bezug auf das esoterische Denken von Rudolf Steiner.

Über das esoterische Denken von Rudolf Steiner das nächste Mal mehr.

Mit Dank an Sophie Pannitschka für die Korrektur

27.10.2008

Zwei Zerrbilder. Über Rudolf Steiner als Esoteriker (1)

Als Philosoph & Künstler & Aktivist & Lehrer & Pädagoge wird Rudolf Steiner in der heutigen Zeit kaum noch wahrgenommen. Der Grund dafür liegt in der Tatsache, dass er auch Esoteriker war. Seine esoterischen Betrachtungen haben dazu geführt, dass zwei Bilder von seiner Person entstanden sind, die eine freie Sicht auf seine Bedeutung verzerren. Die beiden Zerrbilder sind außerordentlich kräftig wirksam und machen den Diskurs über Rudolf Steiner zu einem Schützengrabenkrieg.  

Das erste Zerrbild macht aus Rudolf Steiner einen innig geliebten Lehrer, der dummerweise von normalen Menschen nicht verstanden wird. Dieser Rudolf Steiner wird in kleinen Kreisen ein „Menschheitslehrer“, ein „Eingeweihter“, ja der „größte Eingeweihte des Abendlandes“ genannt. Die Weisheit & der Tiefsinn & der Weitblick dieser Gestalt ragt über alles hinaus – eigentlich braucht man nur seine Bücher und Vorträge zu lesen, um am Feuer-der-Wahrheit sitzen zu dürfen.

Die Beziehung zu dieser Gestalt ist immer intim. Dieser Rudolf Steiner kennt sich in allen Details meines Lebens aus, hält alle biographischen Einzelheiten meines Werdegangs für wichtig und wünscht – auch wenn er schon 1925 gestorben ist – in Bezug auf das was mir widerfährt, auf dem Laufenden zu sein. Auch wenn die Verehrung & die Furcht ihm gegenüber maßlos groß sind, wird die Beziehung zu ihm durch Nähe bestimmt. Nein, ein Freund ist er nicht – eher ein Vater.

Dieser Rudolf Steiner ist makellos. Natürlich hat er ein paar irdische Fehler gemacht. Denn auch er hat eine Entwicklung durchgemacht – und weil er selber gesagt hat, dass Fehler machen auch zur Entwicklung gehört, darf er seine gemacht haben. Seine Fehler sind aber nicht relevant, sagen eigentlich gar nichts über ihn aus, weil er sie glänzend überwunden zu haben scheint. Die Frage ob er Fehler gemacht hat, die uns vielleicht dringend beschäftigen müssten, stellt sich nicht.

Dieser Rudolf Steiner hat sich irgendwann in seinem Lebensgang von der Geschichte befreit. Er ist „Ereignis-für-alle-Zeitalter“ geworden. An ihm haften keine durch seine Zeit bestimmten Gewohnheiten & Urteile & Intentionen. Er ist so geworden, wie die Kirchen oft gerne Jesus Christus vorstellen: eine Gestalt, die im Alleingang wie ein göttliches Brecheisen der ganzen Geschichte der Menschheit die entscheidende Richtung gab. Die Kategorien Zeit & Raum haben auf einmal keine Relevanz mehr.

Und sehr kurios: dieser Rudolf Steiner hatte eigentlich keine Freunde & Geliebten. Er hatte nur „Schüler“, das heißt „Anhänger“, die ihn entweder „verstanden“ haben - oder eben gerade nicht. Interessant an dieser Stelle ist die Tatsache, dass nicht wenige Anthroposophen sich auch heute noch über die damaligen „Schüler“ definieren. So gibt es Anthroposophen, die meinen, dass nur Ita Wegman, oder nur Marie Steiner, oder nur Albert Steffen, oder nur Walter Johannes Stein den Meister „richtig verstanden“ haben. (Für die „Anhänger“ von Ita Wegman zum Beispiel ist Albert Steffen völlig verkehrt und daneben, er hat gar nichts verstanden…)

Weil Rudolf Steiner Esoteriker war, wird mit seinen Erkenntnissen & Vorschlägen & Aktionen im Nachhinein oft so umgegangen, dass sie als unangreifbar dargestellt werden. Wenn etwas nicht geklappt hat (und, einiges in Rudolf Steiners Leben hat nicht geklappt!), wird zum Beispiel gesagt: die Menschen haben es nicht verstanden, oder: die Zeit war noch nicht reif. Mir scheint es aber eher so zu sein, dass der Wunsch, seine Erkenntnisse & Vorschläge & Aktionen bis zur heutigen Zeit in der Schwebe zu halten, auf einer Verlegenheit basiert.

Und die Verlegenheit ist diese: Wenn Rudolf Steiner von den „höheren“ Erkenntnisfähigkeiten spricht, von Imagination, Inspiration und Intuition, ist er Esoteriker. Aus seiner Sicht ist ein Esoteriker ein Geistesforscher, der methodisch mit diesen Fähigkeiten arbeitet. Zu dem Zerrbild gehört aber auch die Vorstellung, dass Rudolf Steiner an dieser Stelle nicht zu toppen ist. Niemand kann das, was er konnte. Und deswegen akzeptieren die Inhaber dieses Zerrbildes keine Einwände, keine alternativen Vorschläge, keine neuen Sichtweisen, ja, keinen Diskurs.

Das erste Zerrbild beinhaltet einen Widerspruch. Einerseits gibt es die Liebe für den Meister. Diese Liebe erzeugt eine Nähe, die als sehr persönlich empfunden wird. Weil ich im Grunde genommen derjenige bin, der den-Meister-als-Meister anerkennt, verstehe ich mich als „ebenbürtig“; die Aussage, das Rudolf Steiner „ein großer Eingeweihter“ ist, kommt ja von mir. Als Liebeserklärung kann ich diese Aussage natürlich vertreten, so wie Marie mit Recht zu ihrem Hans sagt: du bist der schönste Mann der Welt.

Als Geistesforscher kann ich es andererseits aber nicht, weil mir die esoterischen Erkenntnisfähigkeiten dazu fehlen. Ich bin ja – so sagt das Zerrbild – gar nicht im Stande zu beurteilen, ob Rudolf Steiner der größte Eingeweihte des Abendlandes ist. Ich vermische Liebe also mit „Wahrheit“. 

Die Verlegenheit liegt darin, dass dieser Widerspruch zu einer gewissen Zurückhaltung meiner Äußerungen führt. Nur dadurch, dass ich Steiners Wirken in der Schwebe halte, bleibt der Widerspruch zugedeckt. Das Zerrbild erzeugt eine „sektiererische“ Haltung: ich verleihe meiner Liebe die (wackelige) Gestalt der Wahrheit. Anders gesagt: ich beharre auf Wahrheiten, die ich mir eigentlich nicht zutraue.

(Nächstes Mal über ein zweites Zerrbild.)

Mit Dank an Sophie Pannitschka für die Korrektur