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15.04.2009

Archiv der Zukunft (2). Erziehung & Bildung zur Freiheit

In meinem letzten Blogtext habe ich behauptet, dass das Netzwerk „Archiv der Zukunft“ als eine Kultur des Herzens zu verstehen ist. Typisch in einer Kultur des Herzens ist es, dass Bildungshäuser – wie der Initiator Reinhard Kahl schreibt - als „irdische Kathedralen, an denen die Gesellschaft sich vergewissert, was sie will“, aufgefasst werden können. Dieser Gedanke beinhaltet eine Umkehrung, die für eine Kultur des Herzens entscheidend ist.

Erst einmal die Frage: warum spricht Reinhard Kahl von (irdischen) Kathedralen? Die Formulierung erinnert an Emmanuel Lévinas, der von der „heiligen Kathedrale“ zwischen mir & dir, zwischen uns... spricht. Das, was in der Nähe zwischen Menschen geschieht, geschehen kann, geschehen darf, das, was uns gegenseitig gestaltet, also bildet, ist ein sakrales Geschehen. Das religiöse Erleben verlagert sich auf eine horizontale-weil-soziale („irdische“) Ebene.

Bildungshäuser sind soziale Orte, in denen vor allem Begegnung stattfinden soll. Bildung geht aus einer Begegnung hervor, immer und immer... Die Begegnung mit mir, die Begegnung mit dir & mit euch, die Begegnung mit den Dingen-der-Welt, die Begegnung mit Gedanken & Ideen... Bildung hat also nur indirekt mit der Vermittlung von Wahrheiten & Erfahrungen & Werten & Normen zu tun. Wenn Wahrheiten & so weiter & so fort ohne Nähe=Begegnung vermittelt werden, findet keine Bildung statt.

Das Bildungsideal als Begegnung lebte zum Beispiel noch stark in der Schule von Chartres (ja, die Kathedrale gibt es immer noch, die Schule leider nicht mehr), in der vor etwa neunhundert Jahren Schüler & Lehrer zusammenkamen, um gemeinsam Fragen zu bewegen. Vereinfacht gesagt verlief das so: die Erfahrenen (die Lehrer) wussten, dass sie ohne die frischen & lästigen & verwirrenden Fragen der begeisterten Neulinge (der Schüler), gar nicht wissenschaftlich arbeiten konnten.

Ja, wie heißt man die neue Generation willkommen? Ich würde sagen auch dadurch, dass sich eine richtige Kultur des Fragenfindens & Antwortenfindens entwickelt. Ich meine damit nicht nur Fragen & Antworten die in Worte gefasst werden, so wie man das mit (sogenannten) Schulkindern schon machen kann, sondern auch die „stumme Sprache“ (Walter Benjamin) der ganz Kleinen. Man braucht nicht immer Worte zu hören, um etwas zu verstehen.

In den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hat der holländische Anthroposoph Bernard Lievegoed (1992 verstorben) dieses Bildungsideal als Ausgangspunkt für die von ihm gegründete Vrije Hogeschool in Zeist ergriffen. In dem sogenannten „propädeutischen Jahr“ kamen – und kommen noch immer - Adoleszenten & Mentoren & Dozenten zusammen, um gemeinsam die Fragen zu finden & zu bewegen, die biographisch auftauchen wollen.

Wie werden Horte & Kitas & Schulen & Hochschulen & Universitäten zu irdischen Kathedralen, an denen sich die Gesellschaft vergewissert, was sie will? Ich meine, dass dazu gedanklich erst eine Umkehrung nötig ist. Es ist nicht die Gesellschaft, die bestimmen soll, wie die Bildungshäuser eingerichtet werden – nein, es ist umgekehrt, die Kinder & Jugendlichen & Studenten, werden bestimmen, wie eine zukünftige Gesellschaft werden soll.

Und das bedeutet: Erziehung & Bildung zur Freiheit. Die aktuelle Gesellschaft soll komplett vergessen, dass sie etwas von den Neulingen zu erwarten & zu verlangen & zu fordern hat. Die Kinder & die Jugendlichen & die Adoleszenten sind nicht da, um die heutigen Bedürfnisse der heutigen Erwachsenen bis in eine weite Zukunft hinein zu befriedigen. Sie haben von sich aus etwas vor, eine (vielleicht noch) verborgene Tagesordnung, die ans Licht treten will.

In Bildungshäusern sollte es also vor allem darum gehen, die menschlichen Beziehungen so zu leben, dass die Zukunft auch tatsächlich in der Zukunft ins Licht treten kann. Und das geht nur, wenn die Neulinge erstens als Springbrunnen (und nicht als Vasen, die man voll gießen soll) ernst genommen werden – als Quellen der Zukunft also, und zweitens dazu ermutigt werden, die Freiheit zu ergreifen. Die Übung zur Freiheit ist in einer Kultur des Herzens eine (harte-aber-schöne) Hauptarbeit.

Die Gesellschaft ist leider ganz & gar nicht daran interessiert, etwas von dem mitzubekommen, was in Bildungshäusern geschieht. Erziehung & Bildung sind nicht sexy. Die öffentliche Gesellschaft ist weit von dem Gedanken entfernt, dass man auf Kitas & Kigas & Schulen schauen soll, um sich zu vergewissern, was man will. Und auch Erzieher & Lehrer zeigen ihren Stolz nicht öffentlich: schaut auf uns, auf das, was wir in unserer Arbeit mit den Kindern & Jugendlichen erfahren und feststellen.

Nein, Erzieher & Lehrer verstecken sich. Nur Banker & Unternehmer & Fußballer & Politiker scheinen sich ihren beruflichen Stolz öffentlich leisten zu können. Schade, weil es wahr ist: in Bildungshäusern ist richtig etwas los.

Mit Dank an Sophie Pannitschka

11.04.2009

Archiv der Zukunft. Bildungshäuser als irdische Kathedralen

„Sollten Schulen und andere Bildungshäuser nicht irdische Kathedralen werden? Orte, an denen die Gesellschaft sich vergewissert, was sie will?“ Diese strahlenden Sätze sind auf der Website www.adz-netzwerk.de zu lesen. Der Name der Website ist: „Archiv der Zukunft“. Auf der Startseite wird deutlich, dass die Website ein klares Ziel verfolgt, nämlich den Aufbau eines Netzwerkes von Pädagogen & Wissenschaftlern & Eltern & Kindern & Jugendlichen & Politikern & allen möglichen Menschen mehr einzurichten.

Wozu? Um von dem Bildungskrampf, den Deutschland plagt, weg zu kommen. Um Bildung wieder genießbar zu machen. Um das winkende & spannende & richtige Leben selber in Bildungseinrichtungen eine Chance zu geben. Ja, um die Kitas & Kigas & Schulen in der Gesellschaft zu strahlenden Orten des heiteren Entdeckens zu machen.

Der Initiator Reinhard Kahl schreibt: „Wenn Schulen ´lernende Organisationen´ werden, verwandeln sie sich gewissermaßen in Individuen. Sie leisten sich eine Biographie, wie sie Personen haben, denn nur Individuen können lernen. Es beleidigt sie, geklonte Exemplare einer perfekten Vorlage sein zu sollen. Das lief schon immer auf das Verbot hinaus, lebendig sein zu dürfen.“

Diese Sätze verraten, dass Reinhard Kahl versteht was Bildung ausmacht. Bildung geht aus der Beziehung zwischen konkreten Menschen hervor – Menschen die etwas wollen, die Absichten haben, die leidenschaftlich Ziele verfolgen, die auf der Suche sind... Um Bildung geschehen zu lassen, reicht es nicht aus, ein rein pädagogisches Ziel zu haben. Für alle Beteiligten – die Kinder, die Eltern, die Pädagogen – sollte das Leben selber die Quelle für Bildungsangelegenheiten sein.

Und davon sind viele Kitas & Kigas & Schulen leider weit entfernt. Von den Erziehern & Lehrern & Pädagogen wird erwartet, dass sie die Kinder in eine vom Staat vorprogrammierte Langeweile einführen. Dass die Kinder und die Jugendlichen davon nicht begeistert sind (und eigentlich nur zur Schule gehen, um die Kameraden & Freunde zu treffen), scheint als collatoral damage einkalkuliert zu sein.

Aus der Website geht hervor, dass das Netzwerk „Archiv der Zukunft“ schon vibriert. In allen Ecken von Deutschland gibt es mittlerweile eigenwillige Schulen, die sich tatsächlich eine Biographie leisten. Überzeugend sind auch die vielen Akademiker, die sich in dem Netzwerk melden – Wissenschaftler die sich wesentliche Gedanken über Bildung und über die gesellschaftliche Bedeutung der Bildungseinrichtungen machen.

Ich meine: irgendwie riecht das Netzwerk gut. Ich würde in meinen Worten sagen: das „Archiv der Zukunft“ trägt dazu bei, dass eine Kultur des Herzens entsteht.

Zwei Aspekte scheinen mir dabei eine entscheidende Rolle zu spielen. Der erste ist, dass der Initiator nicht ein bestimmtes Konzept verfolgt, sondern auf die bereits weit offen stehenden Türen eines geöffneten Raumes hinweist. Ohne Angst, ohne Bedenken, ohne Vorbehalte lädt er richtig dazu ein einzutreten. Er vertraut darauf, dass alternative Wege gefunden werden, wenn es gewollt wird. Anders gesagt: das Archiv der Zukunft ist in seinen Hoffnungen großzügig.

Der zweite Aspekt ist, dass stark mit den Kräften der Zivilgesellschaft gerechnet wird. Das Netzwerk ist ein Flechtwerk von freien Bürgern, die freie Initiativen entfalten – auch wenn sie sich notgedrungen im Rahmen von Gesetzen bewegen. Bildung wird als eine freie kulturelle Angelegenheit verstanden, die vor Ort gestaltet wird, ein delikates Geschehen zwischen konkreten Menschen in spezifischen Momenten. Wenn man sich also in das Netzwerk einbringt, ist man sowieso schon ein Spezialist.

In den Texten auf der Website ist eine gewisse „Weisheit“ spürbar. Die Fragen die gestellt werden, gehen schon ein bisschen über die übliche Ebene hinaus. So wird zum Beispiel die Frage gestellt: „Wie heißt man die nächste Generation willkommen?“ Auch hier zeigt sich die Stimmung einer Kultur des Herzens. Die Frage muss nämlich nicht sofort beantwortet werden – die Bedeutung der Frage liegt eher darin, dass ein offener Raum kreiert wird, in dem sich Unerwartetes großzügig zeigen darf.

Mit Dank an Sophie Pannitschka