Archiv der Zukunft (2). Erziehung & Bildung zur Freiheit
In meinem letzten Blogtext habe ich behauptet, dass das Netzwerk „Archiv der Zukunft“ als eine Kultur des Herzens zu verstehen ist. Typisch in einer Kultur des Herzens ist es, dass Bildungshäuser – wie der Initiator Reinhard Kahl schreibt - als „irdische Kathedralen, an denen die Gesellschaft sich vergewissert, was sie will“, aufgefasst werden können. Dieser Gedanke beinhaltet eine Umkehrung, die für eine Kultur des Herzens entscheidend ist.
Erst einmal die Frage: warum spricht Reinhard Kahl von (irdischen) Kathedralen? Die Formulierung erinnert an Emmanuel Lévinas, der von der „heiligen Kathedrale“ zwischen mir & dir, zwischen uns... spricht. Das, was in der Nähe zwischen Menschen geschieht, geschehen kann, geschehen darf, das, was uns gegenseitig gestaltet, also bildet, ist ein sakrales Geschehen. Das religiöse Erleben verlagert sich auf eine horizontale-weil-soziale („irdische“) Ebene.
Bildungshäuser sind soziale Orte, in denen vor allem Begegnung stattfinden soll. Bildung geht aus einer Begegnung hervor, immer und immer... Die Begegnung mit mir, die Begegnung mit dir & mit euch, die Begegnung mit den Dingen-der-Welt, die Begegnung mit Gedanken & Ideen... Bildung hat also nur indirekt mit der Vermittlung von Wahrheiten & Erfahrungen & Werten & Normen zu tun. Wenn Wahrheiten & so weiter & so fort ohne Nähe=Begegnung vermittelt werden, findet keine Bildung statt.
Das Bildungsideal als Begegnung lebte zum Beispiel noch stark in der Schule von Chartres (ja, die Kathedrale gibt es immer noch, die Schule leider nicht mehr), in der vor etwa neunhundert Jahren Schüler & Lehrer zusammenkamen, um gemeinsam Fragen zu bewegen. Vereinfacht gesagt verlief das so: die Erfahrenen (die Lehrer) wussten, dass sie ohne die frischen & lästigen & verwirrenden Fragen der begeisterten Neulinge (der Schüler), gar nicht wissenschaftlich arbeiten konnten.
Ja, wie heißt man die neue Generation willkommen? Ich würde sagen auch dadurch, dass sich eine richtige Kultur des Fragenfindens & Antwortenfindens entwickelt. Ich meine damit nicht nur Fragen & Antworten die in Worte gefasst werden, so wie man das mit (sogenannten) Schulkindern schon machen kann, sondern auch die „stumme Sprache“ (Walter Benjamin) der ganz Kleinen. Man braucht nicht immer Worte zu hören, um etwas zu verstehen.
In den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hat der holländische Anthroposoph Bernard Lievegoed (1992 verstorben) dieses Bildungsideal als Ausgangspunkt für die von ihm gegründete Vrije Hogeschool in Zeist ergriffen. In dem sogenannten „propädeutischen Jahr“ kamen – und kommen noch immer - Adoleszenten & Mentoren & Dozenten zusammen, um gemeinsam die Fragen zu finden & zu bewegen, die biographisch auftauchen wollen.
Wie werden Horte & Kitas & Schulen & Hochschulen & Universitäten zu irdischen Kathedralen, an denen sich die Gesellschaft vergewissert, was sie will? Ich meine, dass dazu gedanklich erst eine Umkehrung nötig ist. Es ist nicht die Gesellschaft, die bestimmen soll, wie die Bildungshäuser eingerichtet werden – nein, es ist umgekehrt, die Kinder & Jugendlichen & Studenten, werden bestimmen, wie eine zukünftige Gesellschaft werden soll.
Und das bedeutet: Erziehung & Bildung zur Freiheit. Die aktuelle Gesellschaft soll komplett vergessen, dass sie etwas von den Neulingen zu erwarten & zu verlangen & zu fordern hat. Die Kinder & die Jugendlichen & die Adoleszenten sind nicht da, um die heutigen Bedürfnisse der heutigen Erwachsenen bis in eine weite Zukunft hinein zu befriedigen. Sie haben von sich aus etwas vor, eine (vielleicht noch) verborgene Tagesordnung, die ans Licht treten will.
In Bildungshäusern sollte es also vor allem darum gehen, die menschlichen Beziehungen so zu leben, dass die Zukunft auch tatsächlich in der Zukunft ins Licht treten kann. Und das geht nur, wenn die Neulinge erstens als Springbrunnen (und nicht als Vasen, die man voll gießen soll) ernst genommen werden – als Quellen der Zukunft also, und zweitens dazu ermutigt werden, die Freiheit zu ergreifen. Die Übung zur Freiheit ist in einer Kultur des Herzens eine (harte-aber-schöne) Hauptarbeit.
Die Gesellschaft ist leider ganz & gar nicht daran interessiert, etwas von dem mitzubekommen, was in Bildungshäusern geschieht. Erziehung & Bildung sind nicht sexy. Die öffentliche Gesellschaft ist weit von dem Gedanken entfernt, dass man auf Kitas & Kigas & Schulen schauen soll, um sich zu vergewissern, was man will. Und auch Erzieher & Lehrer zeigen ihren Stolz nicht öffentlich: schaut auf uns, auf das, was wir in unserer Arbeit mit den Kindern & Jugendlichen erfahren und feststellen.
Nein, Erzieher & Lehrer verstecken sich. Nur Banker & Unternehmer & Fußballer & Politiker scheinen sich ihren beruflichen Stolz öffentlich leisten zu können. Schade, weil es wahr ist: in Bildungshäusern ist richtig etwas los.
Mit Dank an Sophie Pannitschka