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13.10.2009

Eine Zerreißprobe. Oder: wie man cool bleibt.

Letzte Woche fragte mich eine Erzieherin, was man machen könnte, wenn sich ein Kindergarten in einer „Zerreißprobe“ befände. Weil ich die Bedeutung des Wortes nicht wirklich kannte & mir nur halbwegs eine Vorstellung davon machen konnte, fragte ich, was sie genau meine. Sie erklärte mir das Wort so: „Bei einer Zerreißprobe wird geprüft, ob etwas dem Druck standhält.“

Sie erzählte, was in ihrem Kindergarten los sei. „Erstens haben wir gerade mit einer neuen Gruppe, die aus zwanzig Kindern besteht, angefangen. Zweitens hat das Team deswegen einen Sprung von vier auf acht Mitarbeiter gemacht. Drittens gibt es natürlich auch viele neue Eltern, die tausend Fragen haben. Viertens wird bei uns renoviert, was viel zusätzliche Arbeit bedeutet & dazu noch Unordnung auf das Gelände bringt.“

Die Zerreißprobe beschrieb sie so. „Die äußeren Umstände fragen ständig um Aufmerksamkeit. Es ist, als ob wir nur noch damit beschäftigt sind, hundert kleinere & größere Sachen zu erledigen, die gemacht werden müssen. Im Endeffekt machen wir nichts mehr wirklich gut. Ich würde sagen: wir machen nicht mehr das, was wir eigentlich machen wollen. Die zwingenden Tatsachen des Lebens haben die Regie übernommen.“

Mich trifft vor allem, dass die Erzieherin von einer „Probe“ spricht. Sie sagt nicht einfach, dass es in ihrem Kindergarten gerade leider viel zu bewältigen gibt & dass so etwas wie organisatorische Vernunft gefragt wird. Ihre Frage ist überhaupt nicht, wie die Arbeit besser zu organisieren wäre. Nein, mit dem Begriff Probe wird eine andere Dimension angesprochen.

In der spirituellen Literatur wird öfters von Proben gesprochen. So gibt es zum Beispiel die Feuerprobe, die Wasserprobe & die Luftprobe. Bei diesen Proben geht es immer um die Frage, ob man im Stande ist, eine schwierige Situation dadurch zu „meistern“, dass auf der Stelle neue Fähigkeiten ergriffen werden. Es geht also nicht darum, zu beweisen, dass man etwas schon kann – die Sache ist eher so, dass man vor der Frage steht, ob man im Jetzt etwas Neues erreichen oder ergreifen kann. Die Probe selber macht also das Geschehen aus.

Wie wäre in dieser Hinsicht eine Zerreißprobe zu verstehen? Als erstes glaube ich, dass an dieser Stelle oft ein Denkfehler gemacht wird, der daraus besteht, dass man sagt: „Manchmal ist das Leben einfach zu viel!“. Natürlich kann das durchaus stimmen: Es gibt Zeiten, in denen das Leben an allen Ecken juckt. Trotzdem kann man aus spiritueller Sicht eigentlich nie von zu viel (oder zu wenig) sprechen – das Leben bietet immer genau das, was ist. Man kann höchstens sagen, dass man nicht immer auf das Leben vorbereitet ist oder mit ihm umgehen kann.

Ein zweiter Denkfehler scheint mir zu sein, dass wir eigentlich immer geneigt sind, die Lösung eines Problems dort zu suchen, wo es in Erscheinung tritt. Wenn das Problem „zu viel“ heißt, versuchen wir es sofort mit „weniger“ auszugleichen. Für einen Kindergarten könnte das zum Beispiel heißen, dass man versucht effizienter & akkurater & „schlauer“ zu arbeiten. Und wenn der Zustand zu lange dauert, holt man einen Organisationsberater dazu.

Im Grunde genommen steht aber bei Proben etwas anderes an, nämlich eine Umkehrung der Aufmerksamkeit. In spirituellen Proben verschiebt sich das Aufgabenfeld nach innen. Die Zerrissenheit hat nämlich zwei Gesichter: einerseits gibt es die Umstände, die uns zerfetzen; anderseits gibt es aber eine Schwäche-in-uns, die dazu führt, das wir nicht ganz wach bei den Dingen bleiben & so das Leben rund machen können. Die Probe macht uns deutlich, dass uns die Präsenz des Selbst fehlt.

Wie holt man sein Selbst dazu? Dazu gibt es viele Techniken - eine davon nennt man „Meditation“. Über die Verinnerlichung kann man in den Bereich gelangen, in dem die Zerrissenheit als Zerrissenheit erlebt wird, also gerade nicht als einen Zustand, den es nicht geben sollte & den wir zu bekämpfen haben. Cool bleiben in einer Zerreißprobe bedeutet eigentlich: die Zerrissenheit als Lebensvorgang akzeptieren.