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03.10.2010

Nochmals Station 4. Über Stimmen in einer finsteren Nacht

Station 4 neigt sich der Nacht entgegen. Auf den Fluren wird alles langsamer. Die Schritte der Krankenschwestern werden träger, die Stimmen gedämpfter, das Klingeln der Patienten seltener. Der lautlose Übergang ins Dunkle & Unbestimmte & Unbewusste erfüllt mich mit dem Verlangen, mich von meinen Gedanken zu befreien & mich der unsichtbaren Hand Gottes anheimzugeben.

Heute gibt es Gott aber nicht. Gott ist weit weg. Und dadurch, dass er mich entschieden alleine lässt, erscheint mein Leben zerstückelt. Ich sehe nur noch Brocken & Fetzen & Splitter. Und ich verstehe: für die Tätigkeit, aus meinem Leben eine Einheit zu gestalten, bin ich auf mich selbst angewiesen. Ich werde heute Nacht nicht einschlafen & morgen nicht wieder neu aufstehen. Und vor allem: ich werde nicht begeistert sein.

Gedanken brauche ich mir in dieser Nacht nicht zu machen – sie kommen von alleine, wie hungrige Wölfe. Sie stürzen sich auf mich, zerfetzen mich. Ich kann sie nicht leugnen, nicht elegant aus ihrer Bahn werfen, nicht ausblenden, nicht mit Argumenten ablenken oder gar stoppen. Sie hören nicht auf mich.

Kurz erscheint vor meinem geistigen Auge mein Freund Jan Frans, der vor mehr als zwanzig Jahren starb – er war gerade fünfunddreißig geworden – weil seine Aorta platzte. Einfach so. Eines Tages hatte er mir gesagt: „Wenn die Nacht kommt, sollst du besser schlafen gehen, sonst kommen die Dämonen.“ In Sachen Dämonen wusste mein Freund Bescheid. „Unkontrollierbare Gedanken,“ so meinte er, „ferngesteuerte. Sie werden zu dir geschickt, um Ängste zu erwecken. Und weißt du warum? Weil deine Angst für die Dämonen Nahrung ist.“

Die Gedanken, die auf mich zukommen, sagen mir, dass das Leben eigentlich ganz einfach ist. Ich müsste einfach nur verstehen, dass es verantwortungslos ist zu rauchen, zu trinken, mich nicht sportlich zu bewegen, mich nicht auf die Rhythmen von Tag & Nacht zu orientieren, Briefe & Emails nicht zu beantworten, wichtige Post vom Finanzamt nicht zu öffnen, die Pflanzen in meiner Wohnung nicht zu wässern & den Kühlschrank nicht zu reinigen.

26.09.2010

Station 4. Die doppelte Macht der praktischen Überlegung

Ich bin aus meinem Bett gestiegen & stehe wie eine Säule auf dem Flur. Die Krankenschwestern halten sich hinter Glas auf, reden & lachen, lesen Papiere & gehen ans Telefon. Es beruhigt mich, dass Krankheiten für sie einfach ein Tagesgeschäft sind. Als Schwester Monika auf ihren Crocs vorbei kommt, sagt sie heiter: „Ach, Herr Moilen, sie sind wieder auf den Beinen?“

Ich schaffe es nicht, zu reagieren. Ich schaue um mich her, wie durch ein Kaleidoskop. Alle Einzelheiten um mich herum sind mir vertraut: die Zeitschriften auf dem Tisch, die Van-Gogh-Sonnenblumen an der Wand, die Fenster, die Türen... Das Ganze aber, ich meine: das Krankenhaus als offensichtlich von Menschen gewollter Einrichtung, verwirrt mich. Was hat das alles auf sich? Wer ist wann und aus welchem Grund auf den Gedanken gekommen, ein Krankenhaus einzurichten?

Krankenhäuser gab es nicht immer. Die Krankenschwestern & Patienten & Ärzte & Therapeuten & Putzfrauen verhalten sich aber so, als ob das Krankenhaus eine Selbstverständlichkeit wäre, eine natürliche Gegebenheit, die es nicht zu hinterfragen gälte. Sie scheinen nicht einmal zu spüren, dass sie sich in einem Krankenhaus befinden. Wie Vögel in Bäumen, Fische im Wasser & Würmer in der Erde gehen sie in den Räumlichkeiten herum, ohne die Erkenntnis, dass sie in spezifische Bedeutungen eingebettet sind.

Krankenhäuser, so dürfte man meinen, werden gebaut, weil sie praktisch sind: Expertisen & Geräte & Medikamente werden an einem Ort zusammen gebracht, um nicht für jeden Kranken eine Lösung improvisieren zu müssen. Mir ist klar: ohne diesen praktischen Gedanken, hätte ich keine Katheter-Behandlung bekommen können. Und mir leuchtet auch ein, dass gerade dieser Gedanke vielem in der Gesellschaft zu Grunde liegt: Schulen, Fabriken, Autowerkstätten, Gefängnissen, Museen, Läden, Kneipen...

Der praktische Gedanke, so scheint es mir, hat eine doppelte Macht. Einerseits ist gegen ihn nichts einzuwenden – er ist ja selbstverständlich, weil er einwandfrei fruchtbar ist; andererseits aber geht von ihm eine unterschwellige Suggestion aus, die dazu führt, dass die Beziehungen zwischen den Menschen wie Figuren auf einem Schachbrett festgelegt sind.

Wenn Krankenschwester Monika sagt: „Ach, Herr Moilen, sie sind wieder auf den Beinen?“, meint sie nicht was sie sagt, sondern sie versucht, mich zu beruhigen, was ja ihre Aufgabe ist. Sie hätte auch direkt sagen können: „Herr Moilen, wir haben hier alles im Griff!“ Diese unverblümte Aussage hätte in mir aber sofort die misstrauische Frage geweckt: „Warum sagt sie das? Gibt es ein Problem?“ Direkte Texte funktionieren manchmal nicht.

Die Krankenschwestern werden dafür bezahlt, auf eine verhüllte Art & Weise nur die Lichtungen nach oben zu betonen. Für Wahrheiten sind sie nicht zuständig. Als Schwester Monika ein paar Minuten später wieder an mir vorbei wirbelt, meint sie: „Herr Moilen, sie lesen bestimmt gerne eine Zeitung? Soll ich Ihnen eine bringen?“ Sie meint vermutlich: „Gehen Sie bitte wieder ins Bett!“

Ein Krankenhaus ist ein Ort des Lebens. Auf Station 4 wird gezweifelt, geheilt, geliebt, gesucht, aufgestanden, gedacht, ja vor allem auch: gedacht! Die Praxis des Lebens lässt sich von einem einzigen praktischen Gedanken nicht einschränken, wie mächtig er auch ist; um sein Leben zu führen, vor allem wenn man ernsthaft krank ist, braucht man mehrere mächtige Gedanken. Der Gedanke der Effizienz erschwert es aber, die Lichtungen & Verdunklungen direkt zur Sprache zu bringen.

Schwester Monika wäre überfordert. Und Dr. Davids, mein Kardiologe, auch.