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19.05.2012

Gemeinschaft feiern. Über eine Party in einem Kinderhaus

Es ist Donnerstag, früh, Himmelfahrt. Ich sitze auf der Terrasse unserer Wohnung in Köln, die Sonne scheint, die Pfingstrosen im Garten neigen sich dunkelrot und voll zur Erde, die Vögel „twittern“, die vorbeifahrenden Züge geleiten meine Gedanken nach Bonn, Gerolstein und Frankfurt... Die Welt ist heute weit und offen, jedoch auch klein und vertraut.

In der Welt bin ich bei mir. Was mich heute vor allem bewegt, sind zwei Gegebenheiten. Erstens ist da die überwältigende Tatsache, dass ich vor einer Woche Vater geworden bin. Unsere Tochter Ilana ist noch winzig klein, sie bestimmt jedoch rund um die Uhr das kleine-große Leben zwischen den Pfingstrosen, den Vögeln und den Zügen. Es scheint mir so zu sein, als ob sie bereits eine Ewigkeit bei uns ist. Gab es eigentlich eine Zeit, in der sie noch nicht da war?

Und dann ist da zweitens die Tatsache, dass nächsten Samstag das Kinderhaus in Aachen so richtig feiern wird. Ich kann leider nicht dabei sein, weil ich meine Lebensgefährtin Vanda nicht mit unserer Tochter und den vielen Besuchern (Samstag kommt eine Truppe aus Holland) alleine lassen will, weil ich die Begrüßungen nicht verpassen möchte. Eigentlich würde man am Himmelfahrtstag meinen, man könnte überall gleichzeitig sein, leider erlaubt mir mein Körper dies jedoch nicht.

Dass am Samstag im Kinderhaus in der Mühle in Aachen so richtig gefeiert wird, hat gute Gründe. Wir haben über Jahre und Jahre – ja, gab es eigentlich eine Zeit ohne diese Bemühungen? – an einer Verwandlung gearbeitet, die äußerlich gesprochen vielleicht eher trivial aussieht, innerlich jedoch eine teure und stolze Leistung bedeutet. Es gab einmal eine Zeit, in der das Kinderhaus – mit etwa zwölf Kindern und Jugendlichen – von zwei Personen, Ruthild und Martin Soltau, die sich mit ihren eigenen vier Kindern für die Zukunft aller Beteiligten verantwortlich gemacht haben, getragen wurde. Die beiden waren über eine lange Zeit die zwei tragenden Säulen der Gemeinschaft.

Und am Samstag wird der Umstand gefeiert, dass diese Verantwortung nun von einem Team übernommen worden ist. Das soziale Gebäude des Kinderhauses wird jetzt von einem Kreis von Säulen getragen, einer Art Stonehenge, das in einer vielschichtigen menschlichen Zusammenstellung nun ihre Orientierung und Richtung finden will. Diese Verwandlung ist möglich, weil sie nicht nur gewollt, sondern auch bewusst Schritt für Schritt vollzogen wurde. Alle Beteiligten haben an diesem Vorgang mitgearbeitet - und vor allem auch an sich selber gearbeitet.

Die innerliche Verantwortung für Kinder und Jugendliche zu ergreifen, ist ein großes Ding. Als Begleiter dieses Prozesses habe ich über die Jahre hautnah erleben dürfen, wie sehr die Schicksale der Einzelnen – der Kinder und Erwachsenen – miteinander verflochten sind, wie sehr die Beziehungen immer wieder große und wesentliche Fragen über das Leben erwecken, über „mein“ Leben, über die dringenden Themen in der Gesellschaft. (Wer die Postmoderne in all seinen Aspekten kennen lernen will, möge sich sofort als Mitarbeiter in einem Kinderhaus bewerben...)

Ich möchte vor allen Martin und Ruthild, Ralf, Andrea und Willy an dieser Stelle meine Achtung zollen, nicht weil sie kompetent und fleißig sind (sind sie jedoch!), nicht weil sie zuverlässig und treu sind (sind sie auch!), sondern weil sie sich uneingeschränkt auf das Wesen der Verwandlung eingelassen haben. Sie haben sich selber immer wieder in Frage gestellt, haben ihre eigene Haltung kritisch angeschaut, sich von Freude und Schmerzen klug und mutig leiten lassen.

Offiziell hat Ralf Gundlach die Leitung des Kinderhauses in seine Hände genommen, und wird dabei von Andrea, Ruthild und Martin, sowie dem ganzen Team unterstützt. Ralf ist ein Mensch der Weite, der Nähe, des Vertrauens, des Dialogischen. Er hört auf die Bedürfnisse der Kinder und der Mitarbeiter, versucht Fähigkeiten zu erwecken, hält inne wenn nötig... Und vor allem: Wenn er in die Küche tritt und „Hallo“ sagt, ist er präsent.

Die verborgene Regie der Verwandlung – haben wir sie bemerkt? Ja, wir haben sie wahrgenommen! – lag in Wahrheit bei den Kindern und Jugendlichen. Wir wissen, dass für sie das Kinderhaus eine notwendige Alternative ist – wie gerne würden sie ganz „normal“ in einer Familie aufwachsen, mit Müttern und Vätern die im Stande sind, sie zu betreuen, zu versorgen, zu begleiten! Wir wissen allerdings auch, dass sie ihr Schicksal akzeptieren, annehmen, ja uneingeschränkt leben... Liegt nicht die Größe der Kinder gerade darin, dass sie das Leben nehmen wie es ist, jeden Tag wieder?

Heute ist Himmelfahrt, bald wird es Pfingsten werden. Aus den ehrlichen Bemühungen der abgesonderten Einzelnen entsteht durch das Pfingstfest eine Weite und Nähe der Gemeinschaft, das freudige und vielleicht auch ein bisschen wirre Teilen miteinander, wonach wir uns alle sehnen. Am Samstag feiern die Kinder und Erwachsenen des Kinderhauses „Gemeinschaft“, ich werde leider nicht dabei sein. Aber bereits heute spüre ich, wie sehr ich mich von der Wahrhaftigkeit des Bemühens getragen fühle.

20.07.2009

„Jonas und die Kinder der Mühle“. Eine Erzählung von Jessica

Jonas lebte ganz alleine, weil seine Eltern schon früh gestorben waren. Er fühlte sich oft einsam. An einem wunderschönen Sommertag ging er alleine wandern. Er lief durch Wälder und Felder und über Wiesen. Er liebte die Natur.

Bis er zu einer alten aber hübschen Mühle kam. Er wunderte sich, da das Tor aufstand. „Merkwürdig“ dachte er „ das macht man doch nicht!“. Da er neugierig war, ging er rein und sah sich dort um. Es war ein prachtvoller Anblick für ihn, ein großer sehr gepflegter Garten, mit vielen schönen Blumen war dort. Es gab Hühner zu sehen, ein Bach und vieles mehr. Das Gebäude war mit alten schönen Steinen gebaut. „Früher mal war dies bestimmt eine Mühle, heute jedoch benutzte man diese bestimmt nicht mehr dafür“, dachte er . Aber nirgends war auch nur ein Mensch.

Er ging in das Haus hinein, und rief: „Hallo, ist hier jemand?“, aber niemand antwortete. Jonas beschloss sich im Haus umzusehen. Er ging in alle Räume, es gab eine große Küche, ein Wohnzimmer, mehrere Badezimmer und viele andere Zimmer, wo man sah, das sie Kindern gehören müssten. Es gab auch einen alten Mühlstein und noch viele andere Dinge. Aber einen Menschen hatte er immer noch nicht gesehen.

Am Ende seiner Besichtigung ließ er sich in der Küche nieder und guckte in den Kühlschrank. Dort war unter anderem eine Flasche Bier, die er aufmachte und leertrank, da er sehr durstig war. Gerade als er wieder gehen wollte, kam ein Hund herein und versuchte ihn mitzunehmen. Jonas verstand das nicht, ging dann aber doch hinter dem Hund her. Der Hund führte ihn zum Bach wo eine Brücke war – ein Baumstamm über das Wasser – und sah Jonas anfordernd an. Also ging Jonas über die Brücke, während der Hund durchs Wasser ging.

Gerade als er zur Hälfte über die Brücke gegangen war, hörte er etwas hinter sich zischen. Er drehte sich langsam um und erschrak als eine kleine rundliche angsteinflössende Frau direkt hinter ihm stand. „Wer sind Sie?“ fragte er erschrocken. Sie antwortete mit einem zischen in der Stimme: „ Das Selbe könnte ich dich fragen“. Er antwortete „Ich bin Jonas, und bin hier in der Gegend gewandert, da traf ich auf diese alte Mühle und wunderte mich da keiner da war, ich sah mich ein bisschen um und... Wohnen Sie hier?“

Das kann man wohl sagen“, antwortete die Frau, „und wenn du hier nicht bald verschwindest, werde ich dich hier eigenhändig weg schaffen“. Jonas kam das Ganze sehr merkwürdig vor und er beschloss noch zu bleiben und sich noch was um zugucken. Als er ihr das sagte, schubste sie ihn unerwartet in den Fluss. Er blieb eine Weile reglos im Bach liegen, bis er sich sicher war, dass sie verschwunden war. Dann ging er leise und vorsichtig auf die andere Seite des Flusses, wo der Hund auf ihn wartete.

Er ging dem Hund hinterher. Nachdem sie eine weile gegangen waren, erblickte er eine Burg. Nicht aus Stein, wie man sich eigentlich eine Burg vorstellt, nein, diese hier war aus Holz und sehr klein. Er ging in die Burg und hörte leise stimmen von oben. Er sah das vor einer Tür ein Schloss war, aber es war nicht abgeschlossen. Jonas öffnete das Schloss und ging hinein.

Dort waren vier kleine Kinder, drei Mädchen und ein Junge und ein älteres schönes Mädchen. Sie viel ihm direkt auf, sie trug ein schlichtes aber sehr hübsches Kleid, was ihrer Figur hervor brachte. Die Kinder sahen ihn erstaunt an und fingen an laut herum zu reden. Das älteste Mädchen sagte zu ihm „Ich bin Katarina und das sind meine jüngeren Geschwister, aber wer bist du?“

Sie sah ihn fragend an und er antwortete „Ich heiße Jonas, ich bin hier zufällig vor bei gekommen und habe mich umgeschaut und...“ Er erzählte ihr die ganze Geschichte und Sie sagte ihm dann: „ Ja wenn das stimmt was du gesagt hast ist die Hexe jetzt weg, da du uns befreit hast, sie wollte nämlich unser Haus da es sehr wertvoll ist, ich bin dir sehr dankbar.

Und dann schauten sie sich tief in die Augen und gingen Hand in Hand in den Sonnenuntergang.

(Aachen. Sommer 2009)

13.07.2009

Die alte Mühle. Über einen Stein, einen Bach, Esel, Menschen

In einer landschaftlich verborgenen Nische, direkt bei Aachen, steht eine alte Mühle. Ihr großer schwarzer Mühlstein arbeitet längst nicht mehr. Er ruht mit seinem vollen Gewicht auf dem Boden des Zimmers, wo er sich abgemüht hat. Wenn man auf den Stein schaut & innerlich schweigt & lauscht, offenbart sich ein enormes Gedächtnis, das aber ohne Jahreszahlen funktioniert. Der Stein ist bereit all seine Geheimnisse preiszugeben, allerdings ohne zeitlich genaue Angaben. „Ich bin ja kein Historiker“, meint der Stein.

Neben der Mühle strömt noch immer ein Bach. Seine steilen Ufer & seine kräftigen Kurven verraten, dass er richtig arbeiten muss, um ein ordentlicher Bach zu sein. Wenn es heftig regnet, wird er sofort stürmisch. Seine Sprache wird dann laut & überzeugend & mitreißend – er scheint dann zu rufen: „Schluss mit lustig“. Das treibende Wasser wühlt Steine auf, die sich gegen die Kraft nicht wehren können. Und ja, irgendwo am steilen Ufer hat ein Eisvogel sein Nest.

Auf dem grünen-sehr-grünen Mühlen-Gelände gibt es Gärten & Wiesen & mächtige Bäume & Scheunen. Und auf den Wiesen weiden Esel & Schafe. Sie verhalten sich so, als ob sie die Hauptfiguren einer wichtigen Erzählung wären. Ich meine nicht, dass sie Anerkennung verlangen, nein, gar nicht. Sie scheinen den Menschen mitzuteilen: „Wenn ihr unsere Wichtigkeit nicht bemerkt, ist das euer Problem“.

Neben dem Gittertor zum Gelände hat der Hund Juli seine Hütte. Er liegt allerdings meistens faul auf der Wiese oder dem Hof, steigt aber sofort auf seine vier Beine, wenn er herankommende Passanten bemerkt. Seine Aufgabe ist ihm ganz klar: er soll fremden Leuten deutlich machen, dass die Mühle schon vergeben ist. Und wenn ein fremder Hund dabei ist, bellt Juli extra laut, einfach um eventuellen Missverständnissen vorzubeugen.

Der Stein ruht. Der Bach strömt. Die Esel sind souverän Esel. Und der Hund bellt. Dazu wäre noch zu sagen, dass die Blumen blühen & die Bienen summen & die Hühner gackern & die Findlinge träumen & der Kastanie sich gewaltig breit macht & die Katze unbemerkt regiert. Und nein, ich darf die Forellen nicht vergessen, die man im Bach antreffen kann, wenn man Glück hat. Sie scheinen zu zischeln: „Du bildest dir nur ein, dass du uns erwischen kannst“.

So weit, so gut.

In einem landschaftlich verborgenen Winkel, direkt bei Aachen, leben & arbeiten auch noch Menschen. Die alte Mühle beherbergt ein Kinderhaus, mit zurzeit drei Jugendlichen, sieben Kindern & etwa zehn Erwachsenen. Zwei von diesen Erwachsenen arbeiten nicht nur in der Mühle, sondern sie haben dort auch ihre Wohnung. Mit Erwachsenen sind ErzieherInnen, SozialpädagogInnen, eine auszubildende Hausmeisterin, ein Praktikant & ein Zivi gemeint.

Anders als der Stein & der Bach & die Esel & der Hund machen diese Menschen ständig Geschichte. Mit den Menschen & zwischen den Menschen & wegen der Menschen geschieht andauernd dieses oder jenes. Man könnte es auch so sagen: das Kinderhaus in der Mühle ist ein Herzwerk von Biographien & Beziehungen & Ereignissen. Jeden Tag gibt es in der Mühle neue Anlässe zu epischen, lyrischen und dramatischen Erzählungen.

Auch wenn man den Winkel bei Aachen „verborgen“ nennen kann, oder eben „idyllisch“ - das Leben das sich dort jeden Tag wieder entfaltet, wäre eher trocken-treffend als „gesellschaftlich sehr relevant“ zu beschreiben. Was dort geschieht, steht an der Spitze von allem Denkbaren. Wenn man eine Idee davon haben möchte, was zurzeit in der öffentlichen Gesellschaft wirklich los ist: verbleibe eine Woche in der Mühle & mache mit & staune & verstehe! Das Ringen um Normen und Werte, die Höhen und Tiefen in Beziehungen, die Bewältigung der Vergangenheit, das Öffnen der Zukunft, die Selbstfindung & Selbstgestaltung, die gewagten Sprünge ins Leben... In der Mühle kriegt man es hautnah mit.

Und auch, wenn wir Mühle-Menschen es vielleicht immer wieder vergessen: unsere Geschichten sind in das Ruhen des Mühlsteins & in das Strömen des Baches & in das abendliche Singen der Amseln & in das Krähen des Hahnes eingebettet. Ohne diese umgebende Welt von tragenden Hoheiten gäbe es gar keine menschliche Geschichte. Ohne die unveränderliche Souveränität der Esel hätte unsere brennende Sehnsucht nach Erleuchtung keine Bedeutung.

Mit Dank an Sophie Pannitschka

28.05.2008

Das Kinderhaus. Ein Ereignis im Sandkasten

Der Sandkasten hat fünf Ecken. Im Sand sitzen Sophie und Lucia. Sie spielen. Von der Terrasse, etwa sieben Meter vom Sandkasten entfernt, schaue ich den beiden zu. Ich habe keine Ahnung davon, wohin das Spiel die beiden Mädchen führt. Ich kann aber feststellen, dass die Stimmung heiter & fröhlich & intensiv ist. Obwohl die beiden auf ihrem Po sitzen, scheint es mir, als ob sie tanzen. Denn die Hände und Worte flattern wie Vögel hin und her.

Direkt neben dem Sandkasten steht Malte mit einem Fahrrad. Irgendetwas scheint ihn zu beschäftigen. Mir ist nicht klar, ob er gerade kurz und völlig in sein eigenes Spiel wegträumt, oder ob er Zugang zu der gewichtigen Leichtigkeit der beide Prinzessinnen – denn das sind Sophie und Lucia ja im Grunde genommen rund um die Uhr – gefunden hat. Er steht ganz unbeweglich da, wie ein Mittelpunkt der in sich selber versunken ist.

Dann erscheint Johann. Er ist ein paar Jahre älter. Er schaut kurz auf das Ganze, wartet keinen Moment zu lang und springt in den Sandkasten. Er denkt offensichtlich, dass es im Sand eine klare und dringende Aufgabe gäbe. Er fängt damit an, mit seinen Händen Sand um sich herum zu sammeln und aufzutürmen. Die beiden Mädchen gucken jetzt still & aufmerksam & unsicher auf die Taten von Johann.

Ich sitze auf der Terrasse und warte. Auf was? Ich habe keine Ahnung. Irgendetwas hängt in der Luft. Malte bleibt weiterhin einfach stehen und träumt, Lucia und Sophie schauen auf die großen Taten von Johann, und Johann macht kräftig weiter. Um sich herum hat er mittlerweile einen Wall aus Sand aufgetürmt. Er sitzt da so ein bisschen wie ein um sich herum greifender Buddha, mit einem Fettrand von Sand rund um seine Taille.

Plötzlich sehe ich Thomas rechts von mir. Er ist noch ein paar Jahre älter. Auch er scheint die Szene im Blick zu haben. Wartet er auf etwas? Kann sein. Ich habe das Gefühl, dass es ein Warten ohne eine konkrete Erwartung ist. Spürt er genau wie ich, dass etwas im Kommen ist, ohne zu wissen, worum es genau geht? Oder wartet er einfach auf...

Boris!!!

Also, Boris erscheint. Boris ist groß & rund & vierzehn & lächelt gerne & macht Witze & bringt die Welt gerne in Schwung & beherrscht die soziale Mitte wie ein Meister. Irgendwie richtet Gott immer wieder sein Spotlight auf ihn. Boris sieht Johann im Sandkasten direkt & dazu die Möglichkeit etwas Lustiges zu machen. Und sofort verstehen wir alle worauf wir gewartet haben. Ich stehe auf, gehe zum Sandkasten und setzte mich auf eine Ecke.

Boris nimmt einen Plastikeimer, füllt ihn mit Sand und gießt den Inhalt von oben in das Shirt von Johann. „Du sollst dein Shirt unten zu halten“, beauftragt er Johann. Nach fünf Eimern ist Johann tatsächlich zu dem Buddha geworden, den wir vorher nur erahnt haben. Malte sagt: „Johann, du bist ja fett!“ Und Lucia: „Du bist ja schwanger!“ Und ich denke: Boris hat den Buddha nicht nur als Möglichkeit gesehen, sondern auch tatsächlich hervorgerufen.

Das Spiel dauert eine Weile. Heiterkeit & Leichtigkeit & fröhliche Prinzessinnen machen die Welt aus. Ich mache ganz & gar nichts, bin aber innerlich voll dabei und genieße die Buddha-Gestaltung. Einmal Buddha, zweimal Buddha, dreimal Buddha – immer wieder einen neuen Buddha, noch dicker, noch gewichtiger, noch lustiger. Und jedes Mal steht Johann plötzlich auf, lässt den Sand aus seinem Shirt hinausströmen und lässt den Buddha so verpuffen.

Buddha da, Buddha weg.

Drei kleine Kinder, ein größeres Kind, zwei Jugendliche und ein Erwachsener sind in das Spiel eingebunden. Wir sind an einem Ereignis beteiligt. Und plötzlich nimmt das Spiel auf einmal eine Wendung, erfährt eine Steigerung – es wird ernst. Wie das genau geschehen ist, kann ich nicht erzählen. Es geschah einfach.

Thomas und Boris haben auf einmal Spaten in der Hand, womit sie in der Mitte des Sandkastens einen hohen Sandberg auftürmen, so hoch, dass ich meine, dass es ja höher gar nicht mehr gehen kann. Das Höchste wird gesucht & verfolgt. Boris schuftet und schuftet – ironische Bemerkungen macht er gar nicht mehr. Es ist, als ob der Showmaster auf einmal zurückgetreten ist und Platz für einen Baumeister gemacht hat. „Wir bauen eine Burg!“ sagt er.

Und Thomas? Er kümmert sich um die Schönheit & Richtigkeit der Burg. Als der Berg wirklich nicht mehr höher aufgetürmt werden kann, legt er seine Hände auf den Sand und macht ihn glatt. Er sorgt dafür, dass die Rundungen elegant & gleichmäßig verlaufen. „Das muss man von oben nach unten machen“, sagt er professionell – und uns allen leuchtet ein, dass er, genau so wie Boris, ein Baumeister ist. Wo Boris aber etwas von Masse versteht, beschäftigt sich Thomas mit Feinheiten.

Rund um den Sandkasten stehen Malte (sein Fahrrad ist mittlerweile verschwunden, ja, wann und wohin?), Johann (seine Haare sind noch voll Sand), Sophie, Lucia und ich. Irgendwann ist aber auch Melina aufgetaucht – ich nehme an, dass sie, wie immer, irgendwo im Garten alleine mit etwas unterwegs war, und dann gemerkt hat, dass im Sandkasten ein Ereignis im Kommen war, das man nicht verpassen sollte... Sie steht auf dem Rand des Sandkastens und lehnt sich gegen meinen Bauch. Sie sagt nichts.

Und ich denke: heute Nachmittag, kurz nach fünf, ist die Welt komplett & komplett in Ordnung. Boris schuftet, Johann liebkost den Sand, Malte staunt, Sophie schaut nachdenklich auf das Geschehen und bewegt ihre Lippen, als ob sie jemandem – ja, wem? – auf der Stelle wie eine Reporterin davon erzählt, Licia berät die beiden Jugendlichen mit hilfreichen Vorschlägen und Melina lässt mich merken, dass sie meinen Bauch gar nicht merkt.

Und ich? Ich denke: als Erzieher brauche ich nichts zu tun. Ich brauche nur für mich dabei zu sein.

03.12.2007

Der Beamte und Maler Janssen aus 1850

Frau Janssen führt uns über die breiten Treppen in ihr vornehmes Haus in Aachen. Unsere Stimmen klingen ein wenig hohl. Weil wir mit einer ganzen Truppe aus dem Kinderhaus „Kahlgrachtmühle“ zu ihr gefahren sind, schaffen wir es aber ohne Mühe das große Treppenhaus mit diskontinuierlichem Leben zu füllen. Frau Janssen bleibt ruhig. Das Haus bleibt auch ruhig. Die Statuen, die Möbel und die Teppiche ruhen in einer Zeit, die schon längst vorbei ist. Und wenn Björn und Marina aus Neugier verbotene Türen ausprobieren wollen, greift Frau Janssen ruhig ein. In diesem Haus herrscht noch feine Aristokratie.

Das Ziel unseres Besuches steht improvisorisch aufgestellt auf einem uralten Sofa, das wahrscheinlich sonst nie benutzt wird. Es betrifft ein Gemälde nach holländischer Art, hundertfünfzig Jahre alt. Frau Janssen heißt ja Janssen, weil ihre Familie aus der holländischen „Zelfkant“ stammt. Frau Janssen ist die Urenkelin eines Aachener Beamten, eines Herrn Janssen, der damals „nicht viel zu tun hatte und deswegen Zeit übrig hatte um zu malen“. Etwa 1850 ist der Maler auch mal an der Kahlgrachtmühle vorbei gekommen, hat sich dort hingestellt und sich über die Landschaft gefreut, die sich über die Dächer der Mühle in der Richtung nach Aachen offen und frei entfaltet.

Das Gemälde ist entzückend. Der Maler Janssen muss ein frischer, fantasievoller und liebender Beamte gewesen sein. Einerseits öffnet das Bild einen weiten Raum. Es übermittelt das Gefühl, dass die ganze Welt bereitwillig zu deinen Füßen liegt. Die Landschaft ist da, um herzlich betreten zu werden; die Welt ist da, um die Freiheit zu genießen. Andererseits zeigt das Bild wunderbare Details, die man leicht übersieht (wenn man sich, anders als die Janssens, die Zeit und die Ruhe nicht nimmt). Es gibt meditierende Störche, einen Mann, der gehetzt einen Esel forttreibt, Bauern, die entspannt Äpfel pflücken, eine Frau, die mit einem Kind unterwegs ist, die Spiegelung der Häuser in einem Teich, Rauch, der kerzengerade aus einem Schornstein steigt... Der Maler Janssen hat die Weite der Freiheit und die einzigartigen Einzelheiten des Lebens geliebt. Vor allem trifft mich aber, dass die Zeit in der Landschaft wie ausgeschaltet scheint – genau so, wie in dem vornehmen Treppenhaus und wie in der gehaltenen Gebärde der Urenkelin. Die Ruhe im Gemälde ist die gleiche Ruhe wie im Haus. Frau Janssen bewahrt noch immer die Ruhe, die ihr Urgroßvater innehatte.

Der Beamte und Maler Janssen aus dem neunzehnten Jahrhundert öffnet meine Augen für unsere Gegenwart. Mit seinen Augen schaue ich bei der Kahlgrachtmühle-von-heute herum und stelle fest: es gibt vieles, dass es damals noch nicht gab, und es gab vieles, dass es heute nicht mehr gibt. Nein, Störche gibt es nicht mehr. Nein, den Mühlenteich gibt es nicht mehr. Nein, die wunderbare Öffnung in der Landschaft nach Aachen gibt es nicht mehr.

Gibt es die Freiheit noch? Klar ist, dass die heutige Autobahn die weite und entzückende und zur Freiheit verführende Sicht auf die Landschaft weggenommen hat. Anders als damals liegt die Mühle heute in einer Ecke, fast verborgen in einer Achse zwischen Autobahn und künstlichen Hügeln von Schutt aus dem Krieg. Seit hundertfünfzig Jahren ist ja unheimlich viel passiert – und man merkt es! Mir scheint es, als ob das Leben dichter und dringender geworden ist.

Als wir aber versuchen die genaue Stelle zu finden, wo der Maler Janssen damals gestanden und auf die Mühle geschaut hat, sagt Martin Soltau: „Die Apfelbäume stehen noch genau so am Abhang wie damals“. Und so ist es. Ich schaue und sehe, dass die Obstbäume eine Art Sprung machen, als ob sie sich mit einem Ruck halb drehen, in den freien Himmel hoch „springen“ und sich dort an Licht und Luft freigeben. Gerade dieses Springen und sich in den freien Himmel Preisgeben, hat der Maler vor hundertfünfzig Jahren gesehen. Er hat es aber nicht nur gesehen, sondern auch in sich selber nachvollzogen, so dass er es malen konnte.

Auf einmal meine ich das Springen und das sich nach oben in Luft und Licht Freigeben-wollen, überall in der Landschaft zu sehen. Die Obstbäume präsentieren irgendwie ein Urbild für die Landschaft um die Kahlgrachtmühle herum. (Eben der kerzengerade Rauch aus dem Schornstein scheint mir auf einmal auch an dem freigebenden Springen beteiligt zu sein.) Und hundertfünfzig Jahre später kann ich es bestätigen Dieses sprunghaft sich Freigeben nach oben, in Luft und Licht hinein, ist gerade, was ständig mit uns in die Mühle passiert. Der Unterschied zu der damaligen Zeit ist nur, das die Voraussetzungen ein wenig bedrängter geworden sind. Die Sprünge sind aber dementsprechend schöner geworden.
(Mit dank an Ruthild Soltau)