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30.07.2011

Was ist am Menschen gemeinnützig? Über selbstlose Förderung

„Gemeinnützigkeit“, so besagt Wikipedia, „ist ein rein steuerrechtlicher Tatbestand“. Ich lese diesen Satz so, als hätte der Begriff der Gemeinnützigkeit nur im Rahmen des Steuerrechts eine Bedeutung. Laut deutschem Gesetz sind „Körperschaften“ gemeinnützig, „wenn ihre Tätigkeit darauf gerichtet ist, die Allgemeinheit auf materiellem, geistigem oder sittlichem Gebiet selbstlos zu fördern“.

Nur „Körperschaften“ können gemeinnützig sein – sie werden definiert als „mitgliedschaftlich verfasste und unabhängig vom Wechsel der Mitglieder bestehende Organisationen, die ihre Rechtssubjektivität nicht der Privatautonomie, sondern einem Hoheitsakt verdankt. Ihre Verfassung ist öffentliches Recht“.

Wenn eine „Körperschaft“ im Sinne des Gesetzes selbstlos arbeitet, braucht sie keine Steuern zu zahlen und darf Spendenbescheinigungen, die vom Finanzamt anerkannt werden, ausstellen. Wenn ich also einer Körperschaft hundert Euro spende, darf ich den Betrag von der Gesamtsumme der Einnahmen in meiner Steuererklärung abziehen. (Meine Schenkung bringt mir also einen Vorteil, der übrigens wesentlich geringer ist als der Betrag, von dem ich mich verabschiede.)

Mit „selbstlos“ ist gemeint, dass die betreffende Körperschaft keine (finanziellen) Gewinne nach sich zieht. Dass der Begriff „Selbstlosigkeit“ in moralphilosophischem Sinne weit über die finanzielle Ebene hinausgeht, spielt für das Steuerrecht keine Rolle. (Und weil das geschriebene Recht zurzeit das Denken in der Gesellschaft weitgehend beherrscht, hat der Begriff in der Öffentlichkeit kaum eine Wirkung.)

In einer Sitzung der Stiftung Soziale Zukunft (Treuhandstelle GLS) stellte mein Gesinnungsgenosse Johannes Stüttgen vor ein paar Wochen eine interessante Frage. Weil die Stiftung dringend Nachschub braucht – in manchen anthroposophischen und anthroposophisch angehauchten Kreisen scheint es nicht einfach zu sein, junge Menschen zu finden, die die Arbeit fortführen wollen. Ein Thema für sich... – waren wir gerade dabei, ein Treffen mit „jungen Leuten“ im Oktober vorzubereiten. Als Arbeitsthema für das Treffen schlug Johannes die Frage vor: „Was ist am Menschen gemeinnützig?“

Laut Steuerrecht kann es diese Frage gar nicht geben, weil sich Gemeinnützigkeit nur auf „Körperschaften“ bezieht, das heißt: Mit individuellen Personen kann und darf und soll sie gar nichts zu tun haben. In der öffentlichen Gesellschaft gilt allgemein, dass die „selbstlose“ Förderung von Personen den jeweiligen Familien, Freunden und Bekanntschaften überlassen wird. Um es präzise zu sagen: Als Bürger (als Subjekt des öffentlichen Rechts) kann ich eine Person nicht „selbstlos“ finanziell fördern, ich kann es nur als souveränes „Selbst“ (Laut Michel Foucault: eine Einheit, die nicht „subjektiviert“ ist).

Für die genannte Stiftung ist die Frage von Johannes Stüttgen allerdings wesentlich, weil sie gerade das Ungewöhnliche will: Mit finanziellen Schenkungen freie Personen fördern. Und wenn man das will, stellt sich die Frage: Was ist am Menschen gemeinnützig? Oder anders gefragt: Was am Menschen soll fürs Wohl der ganzen Gemeinschaft frei gefördert werden? Oder noch anders gefragt: Wenn mir nur beschränkte Mittel zur Verfügung stehen (die Mittel sind immer beschränkt, auch wenn man Bill Gates heißt), wie komme ich dann dazu, den einen Menschen zu fördern, den anderen aber nicht?

Um meine Launen, meine Sympathien und meine religiösen oder ideologischen Präferenzen kann es dabei nicht gehen. Auch kann Nützlichkeit, das heißt, der konkrete Vorteil einer bestimmten Förderung für die Gesellschaft, kein Thema sein. Ich muss in den betreffenden Menschen „etwas“ wahrnehmen, dessen Bedeutung über Lust, Ideologie und Nützlichkeit hinausgeht. Was könnte das sein?

Ich würde sagen, dass selbstlose Förderung nicht das „Subjekt“, sondern das „Selbst“ eines Menschen betrifft. (Über den Unterschied siehe meine Blogs über „Selbst und Subjekt“). Je stärker eine Person aus ihrem Selbst lebt und ihre Subjekte (den Bürger, die Mutter, die Lehrerin, den Künstler) von ihrem Selbst aus in Freiheit eine Richtung gibt, umso deutlicher tritt die Einmaligkeit eines Menschen ans Tageslicht. Foucault sprach an dieser Stelle davon, dass auf diese Art und Weise aus der Biographie ein Kunstwerk gemacht werden könne.

In einer Kultur des Herzens geht es um die Aktivierung des Selbst, vor allem auch im öffentlichen Bereich. Die selbstlose Förderung unseres Selbst ist nicht eine rein private Sache.

22.04.2011

Ostern erleben. Über: Wie das Herz denkt

Solange wir bewusst oder unbewusst das alltägliche Denken als Vorbild für die übersinnliche Art des Erkennens nehmen, bleiben wir – vom Tagesbewusstsein aus gesehen – vor einer Schwelle stehen. Was wir „verstehen“ nennen, heißt für unsere Köpfe etwa: Aus einer Distanz eine Gegebenheit in größere Zusammenhänge einordnen zu können.

Wir meinen zum Beispiel zu verstehen, warum ein Jugendlicher sich so oder so verhält, sagen wir: „aggressiv“, wenn wir mitkriegen, dass seine Eltern sich trennen wollen, seine Klassenkameraden ihn mobben, und dazu noch die Schule kein Verständnis dafür hat, dass er sich im Moment nicht auf Mathematik konzentrieren kann.

Wir holen also in unserem Denken naheliegende Erkenntnisse herbei, die das Verhalten des Jugendlichen „erklären“. Das Ergebnis des Kopfdenkens ist ein Urteil, das in medizinischen und immer mehr auch in (heil)pädagogischen Zusammenhängen „Diagnose“ genannt wird.

Das Denken des Herzens geht ganz anders vor. Weil es mit Gefühlen arbeitet, und Gefühle immer etwas über Beziehungen aussagen, stellt das Herz erst die Frage der Verbindung. Was lebt zwischen mir und dem Jugendlichen? Welche Berührungen und Schnittpunkte sind dort vorhanden, welche Quelle öffnet sich „zwischen uns“?

Das Herz kreiert eben gerade keine Distanz, um zu einem Urteil zu gelangen, sondern kreiert eine Nähe, um die heilsamen Potenziale in der konkret vorhandenen Beziehung zu finden und zu aktivieren. Das Herz versteht sich also nicht als ein Beobachter, sondern als ein Beteiligter. Es spürt die gestaltenden Möglichkeiten in der Beziehung und bringt sich als Mitspieler ein.

Das Herz kennt eigentlich keine menschlichen Verbindungen, die rein funktional zu definieren wären. Das geöffnete Herz nimmt keine Rollen wahr, schaut zunächst nicht auf Beruf, Geschlecht und Herkunft, erlebt hingegen in jedem Menschen ein „Wesen“, das mit heiligen und geheimen und manchmal ungewöhnlichen Vorhaben in der Welt erscheint.

In der Bestrebung, heiligen und geheimen und manchmal ungewöhnlichen Sehnsüchten zu folgen, sind die Herzen miteinander verwandt. Sie brauchen einander, weil sich Sehnsüchte nie isoliert, etwa wie aufzudeckende Schätze, in einer einzelnen Seele befinden. Sie laufen wie Metalladern durch die seelische Landschaft, gehen von meiner Seele in deine Seele über.

Für das geöffnete Herz liegt das Urbild der sozialen Verbindung in der Liebesbeziehung. Es sucht die Fortsetzung meines verborgenen Vorhabens in deinem verborgenen Vorhaben, kennt sich bewusst oder unbewusst in einer Welt aus, in der sich die fließenden Gegebenheiten über einzelne Menschen verteilen. Das Denken des Herzens versteht das Fremde als zu sich gehörig.

Fremd ist nur dasjenige, worauf ich mich noch nicht eingelassen habe. Neu geboren wird man nur im Fremden. Das offene Herz sucht ständig das individuelle Sterben, um sich in anderen Menschen wiederzufinden. Tod und Auferstehung sind in diesem Sinne vor allem als soziale Vorgänge zu verstehen.

08.04.2011

Bernard Lievegoed College. Über soziale Trampolins und mutige Sprünge

Letzte Woche hatte ich in Driebergen in den Niederlanden ein Gespräch mit Mitarbeitern des Bernard Lievegoed College for liberal Arts. Die Unterhaltung fiel mit der Tatsache zusammen, dass, wie Clarine van Lookeren Campagne es ausdrückte, der Todestag Lievegoeds (12. Dezember 1992) im Laufe des Jahres 2011, „seinen ersten Mondknoten erreichen wird“. Und weil Mondknoten immer Umschlags- und Wendepunkte sind, bewegte uns die Frage: Wie steht es heute mit den Impulsen Lievegoeds?

Nun kann man sich auf zwei Arten und Weisen mit dieser Frage beschäftigen. Erstens kann man auf die vielen Initiativen schauen, die Bernard Lievegoed ergriffen und initiiert hat. Wo stehen im Moment die Lievegoed'schen Institute, wie Zonnehuizen (eine heilpädagogische Einrichtung), das NPI (ein Büro für Organisationsentwicklung) und die Vrije Hogeschool (heute Bernard Lievegoed College for liberal Arts)?

Und zweitens kann man auf die innere Dynamik oder die „immanente“ Entfaltung seines Impulses blicken. Dabei geht es eher um Fragen, die weit über die genannten Institute hinaus gehen und generell die Lage unserer Zeit betreffen. In meiner Zusammenfassung des Gespräches von letzter Woche werde ich diesen zweiten Weg gehen. Es wird sich dann zeigen, dass die Willensrichtung von Bernard Lievegoed erstaunlich aktuell ist.

Lievegoed war ein Mensch, der aus kräftigen Intuitionen heraus arbeitete. Manchmal hatte er Mühe damit, seine Intuitionen rückwirkend über die Inspiration, die Imagination und die (wissenschaftlichen) Begrifflichkeiten so zu benennen, dass sie für das heutige Denken zugänglich und verständlich wurden. Aus diesem Grund war und ist seine Arbeit verletzbar. Manchmal muss man (zum Beispiel in seinen Büchern) durch eine Menge Unterholz kriechen, um die Lichtung im Wald zu entdecken.

Allerdings führt dieser Umstand dazu, dass man gezwungen wird, die eigenen Kräfte zur Aufnahme der Intuitionen zu stärken. Die Hindernisse in den Lievegoed'schen Darstellungen, vorausgesetzt, dass man ihnen souverän entgegen tritt, sind eine Hilfe, die Sphäre der lichtenden Intuitionen zu erreichen. Anders gesagt: Lievegoeds Stärke lag nicht darin, bestimmte Inhalte sprachlich unmittelbar zu vermitteln, sondern darin, auf einen Weg hinzuweisen – er sprach diesbezüglich vom „Saturnweg“ – den jeder Mensch eigenständig gehen kann.

Ich würde sagen, dass seine Impulse von drei großen Intuitionen geprägt worden sind. Die erste ist, dass es in der heutigen Zeit vor allem darum geht, die schlummernden „Missionen“ in den Biographien der Einzelnen frei zu setzen. Ausbildung, Fortbildung, Schulung, ja überhaupt das Leben als solches, müsste darauf gerichtet sein, die Menschen als freie Initiatoren zu erwecken.

Die zweite Intuition bezieht sich auf das soziale Leben. Nur im offenen und wohlwollenden Zusammenleben und Zusammenarbeiten der Menschen werden die geistigen Quellen des Einzelnen gefunden und geöffnet. „Statt die anderen klein zu machen, können wir lernen, einander größer zu sehen“, meinte Lievegoed in seinem Buch „Über die Rettung der Seele“. An dieser Stelle ist auch eine Notiz von Rudolf Steiner sehr hilfreich: „[...] auch die Furcht darf davon nicht abhalten, dass man in den Abgrund des Individuellen fällt, denn man steigt aus diesem Abgrund im Verein mit vielen Geistern auf und erlebt sich mit ihnen in Verwandtschaft; dadurch wird man aus der geistigen Welt geboren [...]“.

Die dritte Intuition hängt damit zusammen, dass – ich sage es in meinen Worten – das heutige Bestreben soziale Netze zu bilden, erweitert werden könnte durch die Einsicht, dass die Netze sich in Trampolins verwandeln können. Der Sturz in der individuellen Abgrund macht eine Kraft frei, die im Grunde genommen den befreienden Sprung nach oben ermöglicht. Diese Erkenntnis, so meine Lievegoed, müsste allen therapeutischen, pädagogischen, sozialen und sonstigen Bestrebungen eine neue Richtung geben.

Entscheidend ist, wie die „Institutionen“ sich auf diese Bewegung-der-Initiation einstellen. Mir scheint es so zu sein, dass gerade diese Frage im Moment am meisten brennt und lodert. Wie kann sich zum Beispiel ein Kindergarten oder eine Schule diesbezüglich „fähig“ machen? Welche Formen oder „Rituale“ werden gebraucht, um gemeinsam ein soziales Trampolin zu bilden?

Der erste Mondknoten (18 Jahre, 7 Monate und knapp 10 Tage nach der Geburt) hat einen stürmischen Charakter. Er ist geprägt von dem adoleszenten Verlangen, so richtig vorwärts zu gehen und zuzugreifen, auch wenn die nötigen Erkenntnisse noch fehlen. Am Ende des Gespräches in Driebergen wurde deutlich, dass alle einzelnen Mitarbeiter des College, aber auch das Team als Ganzes, diesbezüglich vor einer Schwelle stehen, die nur mit Mut überschritten werden kann.

Das theoretische Wissen, dass am Abgrund die Masken fallen und die Selbstverständlichkeiten nicht mehr tragen, fragt um praktische Sprünge nach oben. Es war berührend zu bemerken, dass die Bereitschaft sich in unsichere Bereiche zu begeben, dorthin wo alles schwebt, stark vorhanden ist. Das Bernard Lievegoed College wird unter der Leitung von Jeroen Lutters seinen Weg finden

27.03.2011

Kaufgeld ist langweilig, Schenkgeld ist recht brisant

Wie kommt man ins Kommen? Man öffnet und bewegt sich, lässt sich von Ideen begeistern, von Vorsätzen und Entscheidungen tragen, und vor allem von Begegnungen entzünden. Man kommt ins Kommen wenn man initiiert, stiftet, sich als Subjekt einer Initiation versteht. Ins Kommen kommen bedeutet: Initiation als Zivilisationsprinzip verstehen und handhaben.

Es gibt ein paar Bereiche im Leben, wo es manchen Menschen besonders schwer fällt, ins Kommen zu geraten. Sie denken, dass sie an diesen Stellen von Umständen umschlungen sind, verknotet und gefangen gehalten werden... Sie haben das Gefühl, wie ein Fisch an einem Haken zu hängen, merken allerdings nicht, dass der peinliche Stich ins Fleisch nicht eine äußerliche Gegebenheit, sondern reine Vorstellung ist.

Ein Bereich, in dem Menschen manchmal Schwierigkeiten haben, sich in ein Fließen zu begeben, betrifft das Geld. Gerade in Deutschland sparen die Menschen gerne. Vor ein paar Jahren noch wies der Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt darauf hin, dass alle große Aufgaben in Deutschland (zum Beispiel die Bildung betreffend) sofort zu erledigen wären, wenn die Bürger sich aufraffen würden, einen Teil ihrer Ersparnisse aktiv einzusetzen.

Aus Sicht der Zukunft sind Ersparnisse wie kleine oder große gefrorene Seen, die nicht zu bewegen sind. Egal wie fröhlich oder ernsthaft oder begeisternd oder wild der Wind der Zukunft auf uns zu kommt, die gefrorenen Wassermassen bleiben unberührt das, was sie sind: verhärtete und statische Potenzen. Gefrorenes Geld bewegt sich nicht.

Der Grund der Kälte liegt in einer Angst vor dem eigenen Schicksal. Ein guter Freund von mir, ein Steuerberater aus der fröhlichen Pfalz, sagte es einmal so: „Je stärker die Neigung, sein Vermögen fest zu halten, je größer die Angst vor dem Leben“. (Auf ganz Deutschland übertragen, stellt sich die Frage, wovor haben die Bürger eigentlich Angst?)

Und Bernard Lievegoed sagte einmal mit einem ironischen Unterton zu mir: „Wenn du arm bist, trotzdem aber etwas initiieren möchtest, solltest du damit anfangen, die Leute von ihren Ängsten und somit von ihrem Vermögen zu befreien. Ein doppelter Gewinn: die Leute werden frei und du hast das Geld, das du dringend brauchst!“ (Lievegoed war einer der tollsten realistischen Idealisten, denen ich in meinem Leben begegnet bin.)

Ein bisschen sparen ist natürlich immer okay. Und jeder darf selbstverständlich souverän für sich selber ausmachen, wie viel Geld er oder sie auf einem Sparkonto haben möchte. (Die Menschen, die nicht zum Sparen im Stande sind, einfach weil sie monatlich nichts übrig haben, sind die Glückspilze, die von dieser Frage befreit sind.) So bald aber das Sparen über konkrete Ziele hinaus geht und eine Gewohnheit oder eben eine Pflicht geworden ist, stimmt etwas nicht.

In einer Kultur des Herzens ist Geld eine warme Angelegenheit. Erstens gilt dort die Erkenntnis, dass es so etwas wie „mein Geld“ gar nicht gibt. Den hartnäckigen Gedanken, dass man Geld besitzen kann, tut richtig weh, wie der oben genannte Angelhaken. Die Lage ist eher so: für „mein“ Geld habe ich eine Verantwortung, der ich allerdings dadurch aus dem Wege gehe, indem ich sage: das Geld gehört mir, ich muss mich deswegen vor niemandem verantworten. So bald ich das Geld jedoch als ein soziales und darüber hinaus abenteuerliches (Abenteuer – Adventura – das was auf mich zukommt!) Phänomen verstehe, wird es warm.

Zweitens gilt die Tatsache, die Pietro Archiati so schön und einleuchtend in seinem Buch „Geld ist gut, vertrauen ist besser“ vermittelt, nämlich, dass Menschen und ihre Fähigkeiten mehr gelten als Geld. Ohne menschliche Fähigkeiten und Potenzen gibt es gar kein Geld. Angehäuftes Geld freizumachen bedeutet also: Fähigkeiten und Potenzen frei zu setzen. Und darin liegt gerade das Herz einer Kultur des Herzens: den Menschen in ihrer Biographie das Blühen zu ermöglichen.

In der berühmten Dreiheit von Kaufgeld, Leihgeld und Schenkgeld scheint das Schenkgeld eine Art softe Zugabe zu sein, eine schöne und „karitative“ Erscheinung, ein verletzbares und nicht ernst zu nehmendes Kind, das noch nicht auf eigenen Beinen stehen kann. Wenn das Schenken von Geld jedoch eine richtig persönliche Angelegenheit wird, die nicht auf Sicherheit, sondern auf ein konkret-gelebtes-Vertrauen-zwischen-uns setzt, wird es zu einer gestaltenden Macht in der Gesellschaft.

Kaufgeld ist eigentlich langweilig, Leihgeld schon ein bisschen abenteuerlicher, Schenkgeld von Person zu Person erst recht brisant. Es initiiert freie Beziehungen zwischen Menschen, die souverän tun, was sie wirklich wollen. Oder wie der Experte in herzlichen Angelegenheiten, Lothar Keye, es mir gelegentlich sagte: „Schenken und beschenkt werden bedeutet: unterwegs sein zu sich selbst und zu einer neuen Gesellschaft“. An dieser Stelle brauchen wir allerdings eine Art „Wissenschaft“, die als eine Initiationswissenschaft zu bezeichnen wäre.

11.03.2011

Fragmentarisches zu einer Kultur des Herzens. Über Gefühle

In einer Kultur des Herzens wird der Ausgangspunkt des Handelns in den Lebensfragen des Einzelnen gesucht. Und wie es so mit unserem Herzen ist: es ist auch das Organ der Sehnsüchte, will deswegen nie alleine sein, das heißt: es will berührt werden. Eine Berührung ist immer eine Berührung zwischen mir und „etwas“, sei es zwischen mir und einer Landschaft, einem Ort, einer Idee, einem Lebewesen, einem Kollegen, einem Freund.

Begegnungen und Beziehungen werden in einer Kultur des Herzens als Quellen, Bausteine und Werkstätten verstanden. Was zwischen Menschen lebt und webt ist nicht einem abstrakten Ziel untergeordnet, einem bereits formulierten Missions-Statement oder einer vernünftigen Strategie, sondern gilt als Ansatz zu einem Vorsatz. Im immer wieder aufs Neue verwirrenden Gewebe der Gegebenheiten des Lebens wird vor allem nach dem Punkt der inneren Berührung gesucht: was spricht das Herz?

Weltanschauungen, Ideologien und Religionen werden in einer Kultur des Herzens mit Vorsicht genossen. Die Frage, ob jemand sich für einen Christen, einen Marxisten, einen Konstruktivisten, eine Feministin, einen Anthroposophen oder einen Muslim hält, ist zweitrangig. Nicht was man meint, was eine Lehre beinhaltet, ist Ausgangspunkt des Handelns: Wahrheiten sind zum Navigieren da, um Bestimmungen zu erkennen und ins Auge zu fassen, nicht um sie festzulegen.

Die Beschäftigung mit der Wahrheit ist in einer Kultur des Herzens eine sensible Angelegenheit, die nicht vorschreibt, was man in seinem Herzen spüren soll, sondern umgekehrt gerade dabei hilft, delikate Gefühle zu verstehen. Wahrheiten „repräsentieren“ etwas, das heißt: sie stellen vor, reflektieren, spiegeln; sie kreieren eine heilsame Distanz zu Gefühlen und ermöglichen deswegen etwas Doppeltes:

Sie befreien bestimmte Gefühle vom Ozean der Emotionen, erkennen sie an und verleihen ihnen das Recht auf Existenz, bekräftigen also, was vorher noch vage und unbestimmt war; und sie garantieren die Freiheit der Wahl, gerade weil sie die Gefühle halbwegs zu einem Gegenüber machen. Mit Hilfe der Wahrheit macht man sich von seinen Gefühlen frei, um sich ihnen dann souverän zu widmen – oder sich von ihnen abzuwenden.

Auch wenn Gefühle in einer Kultur des Herzens die eigentlichen Phänomene der Aufmerksamkeit ausmachen, ist sie nicht romantisch im üblichen Sinne; in einer Kultur des Herzens wird Romantik „erwachsen“, wie es der englische Anthroposoph Owen Barfield in seinem Romanticism comes of age formulierte.

Die Schattenseite der Romantik – schwelgen in subjektiven Empfindungen – wird gerade in einer Kultur des Herzens erfolgreich überwunden, und zwar dadurch, dass Gefühle im Umgang von mir zu mir und in der Begegnung von mir zu Dir nicht nur geprüft, sondern auch „gereinigt“, oder vielleicht besser gesagt: als sauberes Gefühl befreit werden.

Die Nähe von mir zu mir und von mir zu Dir ist die innere Werkstatt einer Kultur des Herzens, dort können sich unsere Emotionen und Gefühle verwandeln. Das Lauschen auf delikate Regungen in unseren Herzen, auf die oft verborgenen Sehnsüchte und Ahnungen, die spontanen Berührungen, die sanft-süß-bitteren Stimmungen, die uns jeden Tag wieder erwischen – all das konstituiert und bestätigt eine Kultur des Herzens. Die inneren Regungen machen immer eine Aussage über meine Beziehung zur Welt, zu den Menschen, zu den Sachen, die zu mir gehören. Im Gefühl und nur im Gefühl wird die Welt zum Ereignis.

19.02.2011

Meine Freunde, die Ägypter und ich. Alte Fragen in neuen Kleidern

Immer wieder weisen die wunderbaren Fäden des Lebens auf Zusammenhänge hin, die sich schwer erklären und „denken“ lassen. Ich bin manchmal in Bezug auf die fein-feurig-farbigen Flechtwerke zwischen Menschen sprachlos, staune über diese fast leichtsinnig hin und her springenden Funken, die gemeinsamen musikalisch klingenden Lebensmotive und vor allem auch über die so genannten „Aufgaben“, die erst in Begegnungen eine Gestalt bekommen.

Das Leben fügt sich, öffnet Türen, stellt Weichen. Im Moment befinde ich mich in einem gesteigerten Zustand der Sprachlosigkeit. Ich wäre nicht einmal halbwegs im Stande in einem Text zu beschreiben, wie die Schicksalsverbindungen, die Berührungen und Verkettungen, die Referenzen und Analogien sich gerade in den letzten Monaten in meinem Leben zeigen. Das Leben scheint mir im Moment ein Buch zu sein, dessen tausend Seiten sich gleichzeitig im Jetzt lesen lassen. Und ja, die Botschaften sind schwindelerregend.

Alte und fast vergessene – müsste ich sagen: abgehakte? – Verbindungen zu Menschen und Gruppen von Menschen werden auf einmal höchst aktuell. Sie drängen sich nicht auf, sondern erscheinen zögernd-schüchtern in meinem Blickfeld, stellen behutsame Fragen, knüpfen an Vergangenes an, orientieren sich allerdings auf Zukünftiges. Mir scheint es so zu sein, dass die alten und bekannten Themen neue Kleider gefunden haben und sich wieder auf den Boulevard St. Michel wagen.

Und ich brauche sie nur zu begrüßen, was ich allerdings nicht MUSS. Ich kann es auch lassen und mich abwenden, was im Grunde genommen bedeutet: in meiner Stube (Rainer Maria Rilke: „drin du alles weißt“) bleiben. In dieser Stube, die ich erst in den letzten zehn Jahren gebaut und eingerichtet habe, bin ich sehr gerne, weil es dort eine Ruhe zum Reflektieren und die Nähe zur Poesie gibt. In dieser Stube bin ich so richtig bei mir.

Es sind nicht nur alte Freunde, die sich melden, auch neue klopfen an die Tür meiner Stube, sagen etwa: „Hallo, ist jemand da? Habe gehört, dass hier jemand lebt...“ – und ich öffne dann die Tür und staune: Vor mir steht ein Mensch, den ich nicht kenne, dessen Blick mir aber sehr bekannt vorkommt, als ob er vertrauten Sternenstaub zu mir schickt. Nein, ich lasse die Menschen nicht in meine Stube hinein, setze mich aber mit ihnen auf eine Bank in meinem Garten und schaue auf die Schneeglöckchen, die gerade schüchtern anfangen zu blühen.

Und ich höre zu. Und rede. Und merke, dass offenbar etwas ganz Bestimmtes ansteht. Die Freunde scheinen sich im Moment eine bestimmte Frage zu stellen. Und diese Frage ist genau die Frage, die ich in den letzten zehn Jahren in meiner Stube versucht habe zu begreifen. Ich weiß leider nicht, wie diese Frage fest umrissen zu beschreiben wäre.

Sie scheint, wie die tausend Seiten des Lebensbuches, tausend Gesichter zu haben. Ich kann nur versuchen, die Frage annähernd zu beschreiben, in der Hoffnung, dass die Leser mich korrigieren, meine Worte ergänzen, neue Ebenen der Fragestellung erörtern, dringend nachfragen, Fragezeichen in Ausrufezeichen verwandeln... (Sprachlich übrigens eine interessante Angelegenheit: Diese Frage scheint nur als Performance in Erscheinung treten zu wollen.)

Die Frage hat mit Beziehung zu tun, und mit organischem und elegantem Umbruch. Sie scheint irgendwie ein Licht auf konkrete Schicksalsbezüge werfen zu wollen, etwa auf die Möglichkeit FLIESSEND miteinander in ein Kommen zu geraten, ohne großartige Entscheidungen treffen zu müssen, Vereine zu gründen, Kongresse zu organisieren, Fonds einzurichten... Die Frage hat die Aura von Merkur: Sie kommt und geht, glänzt und rollt wie Quecksilber (klingt also wie die Stimme von Silvio Rodríguez: „En busca de un sueño“), ist immer nur als Tropfen da und rutscht weg, wenn das Gleichgewicht fehlt.

Die Frage versucht die Vorhaben und Aufgaben und Ziele (und was es sonst noch so gibt) gleichzeitig nach unten und nach oben zu verschieben, in gewissem Sinne zu spalten. Nach unten geht es dabei um die Frage: Was macht unsere Beziehung aus, was kann sie tragen, was kann sie bewirken, welche Weichen können wir auf die Basis unserer Verbindung stellen? What difference can we make, just the two or three or four of us?

Und nach oben: Wie geraten wir in die Leichtigkeit des Fließens? Vielleicht ist diese Frage verkehrt formuliert, und sie müsste lauten: Wie kommen wir von der Schwere weg, von jeglichem „koordinieren“ und „planen“ und „umsetzen“ und „durchsetzen“ wollen, von „Projekten“ und „Konzepten“, von gewichtigen „Sitzungen“ und „Vereinbarungen“. Ich meine, gerade an dieser Stelle haben die Tunesier und die Ägypter uns in den letzten Wochen etwas gezeigt. Der Umbruch in diesen Ländern war (bis jetzt) gerade das: organisch und elegant, und Gott-sei-dank unaufhaltsam, genau wie Merkur auch.

12.02.2011

Praktiken einer Kultur des Herzens (3). Florian Lück erzählt

Florian Lück beantwortet gerne meine Fragen, die ich allerdings in diesem Text weglasse. Der Leser braucht meine Fragen nicht, um zu verstehen, was Florian zu sagen hat. Also spricht Florian, ohne eine Einmischung meinerseits:

„Ganz offensichtlich wohne ich in einem alten Gutshaus, das zu einem großen Teil immer noch eine Baustelle ist. Mit mir wohnen noch zehn andere Menschen mehr oder weniger fest hier und dazu kommen immer wieder Gäste, die kürzer oder länger bleiben. Der Grund für das, was hier passiert, ist die Idee einiger Menschen, einen sozialen Freiraum zu schaffen. Es geht um den Versuch, ein Milieu zu kultivieren, das dem einzelnen Menschen gewidmet ist. ´Schone fremde Freiheit – und zeige deine eigene!` ein Zitat Schillers, das im Weiteren beides als unendlich schwierig beurteilt.“

„Dieses innere Geschehen spielt sich äußerlich auf einem, sich im Wiederaufbau befindlichen historischen Gut ab, in einem kleinen Dorf in Nordvorpommern. Ich selbst befinde mich hier als Hausmeister, Gärtner, Handwerker, als Verwalter, Feuerwehrmann und Gemeindevertreter, als Nachbar und Dorfbewohner, aber auch als Gesprächspartner, als Gegenüber, als Wahrnehmender und Spiegelnder, als Freund oder Gefährte, bald als Vater, aber vor allem als Mensch, als ich selbst. Der eigentliche Bau, die unsichtbare Architektur des Freiraums, setzt voraus, dass ich bei mir bin, dass ich, so gut ich kann, so authentisch und wahrhaftig wie möglich, mich selbst lebe – für andere.“

„So geht es hier zuerst vielmehr darum, sich in Frieden zu lassen, zu üben, sich gegenseitig frei zu lassen; und auf der anderen Seite darum, das eigene Freiheitswesen, den eigenen Impuls zu finden und ihm Ausdruck zu verleihen. Mit dem Freiraum eröffnet sich ein offenes Feld das freilässt, was geschehen soll, was zu geschehen hat, was anstrebenswert wäre. Es geht einerseits um eine Balance zwischen dem Gefühl, ein absolut sinnloses Projekt zu machen, und andererseits der Ahnung, dass heute nichts wichtiger, notwendiger, fruchtbarer, ja schöner für eine zukünftige Gesellschaft ist, als diese Kultursubstanz.“

„Ich stehe meistens so um acht Uhr auf – öfters auch früher, manchmal auch später. So gut wie immer ziehe ich meine Baustellenklamotten an, packe Laptop und Handy, gehe kurz ins Badezimmer und dann in die Küche. Ich mache mir einen Kaffee und gehe auf die Veranda, schaue in den verwilderten Gutspark direkt gegenüber, lasse das Wetter und die ganze Atmosphäre auf mich wirken und horche, was bei mir so los ist – was aus der Nacht oder dem gestrigen Tag noch nachklingt oder was vielleicht vor mir liegt.“

„Ich will, dass das Haus bewohnbarer wird, mehr Gästezimmer entstehen, dass Park und Garten wieder glänzen. An einem normalen Tag – hm, normale Tage gibt es nicht! – findet man mich in entsprechenden Tätigkeiten. Aber genauso arbeite ich, wenn ich zwei Stunden in ein Gespräch vertieft einem anderen Menschen begegne; oder wenn mir eine neue Facette des Freiraums bewusst wird. Eigentlich wache ich gerade erst an meinem Arbeitsplatz auf, an dieser unsichtbaren Baustelle einer menschlichen Gesellschaft.“

„Unser Versuch, einen Freiraum zu kultivieren, erforderte unserer Ansicht nach auch einen freien Arbeitszusammenschluss, und eben keine gemeinsame existentielle Bindung an eine Rechtsform die ein Einkommen verteilt. Die Entscheidung zur Zusammenarbeit sollte nicht aus der Not geboren werden, ein Einkommen zu bekommen. Darüber hinaus begeistert mich die Idee der Trennung von Arbeit und Einkommen im Hinblick auf eine Gesellschaft, in der ich gerne leben würde. In einer solchen richten die Menschen ihre Biografie mehr und mehr danach aus, was sie ihrem eigenen Impuls nach tun wollen und nicht, und nicht danach, wo es Geld zu verdienen gibt.“

„Mir scheint es, dass die in unserer Arbeitswelt durchaus vorhandene Brüderlichkeit im Wirtschaften nicht zum Bewusstsein und zum Erleben kommt, weil das egoistische Motiv Geld-für-sich-selber-verdienen viel zu stark ist. Wie soll ich eine Arbeit lieben, zu der mich die Notwendigkeit eines Einkommens zwingt? Was mich nicht frei lässt, kann ich nicht lieben. Die Arbeit von diesem Bleischleier irgendwie zu erleichtern, scheint mir angemessen, sowohl für den Einzelnen als auch für die Arbeit selbst.“

„Mein Einkommen kommt dadurch zustande, dass verschiedene Menschen mir im Monat einen größeren oder kleineren Betrag auf mein Konto überweisen, so dass ich zurzeit gute 500 Euro habe, mit denen ich einigermaßen auskomme. Unser Freiraum, der sich dazu noch bis heute dagegen wehrt, sich von einer juristischen Person fassen zu lassen, entzieht sich auch einer ´Verkaufbarkeit von Ergebnissen`, zum Beispiel Stiftungen gegenüber, die auch noch das Problem haben, nicht Menschen, sondern gemeinnützige juristische Personen mit Geld fördern zu dürfen oder im höchsten Fall Menschen für bestimmte Ergebnisse honorieren dürfen. Aber wirklich schenken, frei, bedingungslos, mit vollem Risiko, ergebnissoffen? Was soll daran steuerrechtlich gemeinnützig sein?“

31.12.2010

In den zwölf heiligen Nächten (2). Über das Lauschen, Fragen und Wollen

In den heiligen Nächten steht das Lauschen an. Im Lauschen, so schrieb ich letzte Woche, werden wir still. „Wir hören auf das, was im Kommen ist, was Anfang, Wink und Wandlung bedeutet, was geboren werden will und unser Lauschen braucht, um in der Gegenwart ankommen zu können“. In den Kommentaren auf meinen Text entstand darauf eine interessante Wendung, die mich seitdem beschäftigt.

Die Wendung hat mit einer Frage zu tun, und zwar mit dieser: Liegt dem inneren Lauschen nicht immer eine – vielleicht verborgene – Frage zu Grunde? Kann man lauschen, ohne zu fragen? Bedeutet Lauschen nicht einfach: Eine Frage zu haben, die sich darin zeigt, dass wir etwas hören wollen? Oder vielleicht anders gesagt: Wenn ein Wollen vorliegt, in diesem Fall ein Wollen zum Lauschen, können wir dann sagen, dass somit in uns immer auch eine – vielleicht verborgene – Frage lebt?

In dieser Wendung vom Lauschen zum Fragen öffnet sich ein ganz großes Thema, das nicht nur mit dem Lauschen, sondern überhaupt mit dem Wollen zu tun hat. Man könnte das Wollen als eine unbewusste seelische Tätigkeit verstehen – im Wollen schlafen wir, erst im Denken sind wir komplett wach – die überhaupt als die Quelle unserer Fragen zu definieren wäre. Die Wendung beinhaltet also drei Schritte: der erste Schritt führt zum Lauschen, der Zweite zum Lauschen-als- Frage, der Dritte zur Frage-als-Wollen.

Ich will immer ETWAS hören. Wenn wir diesem Gedanken nachgehen, kommen wir zwangsläufig zu Platon, der meinte, dass wir uns nur nach etwas sehnen können, was wir schon kennen – wir haben es nur vergessen. Alles Wollen und somit alles Fragen geht aus Sicht des griechischen Philosophen darauf zurück, dass es einmal eine Verbindung gab, eine Art einheitliche und runde Beziehung, die allerdings verloren gegangen ist. Platon zufolge sind wir immer auf der Suche, das zu heilen, was zerbrochen ist. Diese Sichtweise gehört zu den Kerngedanken einer spirituellen Lebensauffassung, und sie bedeutet im Grunde genommen, dass mich nur dasjenige berührt, was (schon) zu mir gehört.

Der (aristotelische) Einwand liegt nahe: In der platonischen Sichtweise kann es so etwas wie das „Neue“ nicht geben. Ich lasse die Spannung zwischen Altem und Neuem für heute einfach im Raum stehen. Um Platon allerdings nicht nackt dastehen zu lassen, diesbezüglich nur eine Bemerkung: das Neue liegt für Platon gerade in der Wiederkehr des Alten. Neu ist aus seiner Sicht, was wir aus dem Bereich des Verlustes bewusst zurück erobert haben.

Was ist aber eigentlich eine Frage? Spannend ist, was die Sprachwissenschaftler über das Verb „fragen“ zu sagen haben. Das Wort kommt so nur in der deutschen und niederländischen Sprache vor (vragen), und ist überraschenderweise mit „Furche“ (Ackerstrecke) verwandt. Die Grundbedeutung des Verbs ist also: „wühlen und aufreißen“, und damit sind wir in der Tat im Bereich des Wollens angekommen: erstens weil das unbewusste Wollen uns immer wieder aufwühlt, zweitens weil der Akt des Fragens zu etwas Aufgewühltem führt. Es ist wie mit einem Acker: Um neues Leben zu ermöglichen, muss er aufgewühlt werden.

Das innere und äußere Lauschen könnte also gleichzeitig in zwei Richtungen gehen: ich lausche auf „Etwas“ (eine zarte Stimmung in mir, das Singen einer Amsel beim Sonnenuntergang) und versuche mich so in meine Ohren hinein zu begeben, dass ich wirklich bei und mit und in diesem „Etwas“ bin. Um dies zu erreichen, muss ich mich irgendwie in etwas „Fremdem“ (was allerdings vielleicht gar nicht so fremd ist) verlieren. Und ich bewege mich gleichzeitig nach innen, zu diesem Ort, wo ich bei und mit und in mir bin, wo mein „sanfter Wille“ (Georg Kühlewind) sich bemerkbar macht.

Der vollkommene Akt des Zuhörens bedeutet so gesehen zweierlei: ich schlafe in „Etwas“ ein (verliere mich) und wache in einer Frage auf (finde mich wieder), die schon vorher meine unbewusste Frage war, im Aufwachen aber zur bewussten Frage wird. Wenn es zum Beispiel um das bezaubernde Singen einer Amsel geht, fällt mit sofort ein, was meine lebenslange Frage beinhaltet: Was macht die passionierte Mischung von Melancholie, Vertrauen und Dankbarkeit aus, diese herzzerreißende Hingabe zum Abschied? Und ich weiß, warum ich meine Freunde und Verwandten nicht gerne zum Bahnsteig begleite: Mit dieser leidenschaftlichen Art des Abschieds tue ich mich immer schwer. Ich sage lieber einfach: Tschüs!

Mit welcher Frage lebe ich aber in diesen heiligen Nächten? Ich sitze gerade in meiner Küche, schreibe diesen Text und höre auf Johann Sebastian Bachs „Wohltemperiertes Klavier“. Ich weiß nie, ob ich Bach hasse oder liebe, auf jeden Fall berührt er mich immer wieder. Und meine Frage ist auf einmal klar: Ich möchte so schreiben und leben, wie er Musik gemacht hat. Die unendlichen und vielseitigen Motive des Lebens trotz aller Dissonanzen transparent machen, das ist das, wonach ich mich heute sehne, da liegt meine Frage, das ist das, was ich will. Ich danke meinen Leserinnen und Lesern für diese schöne Wendung und hätte noch die Frage: was wollt ihr?

25.12.2010

In den zwölf heiligen Nächten. Die Entzündung einer Kultur des Herzens

In den zwölf heiligen Nächten, so besagt die Tradition, öffnen sich die Türen zur geistigen Welt. Die Schwelle zwischen Himmel und Erde, so heißt es, wird durchlässig. In der Verinnerlichung, die mit Weihnachten einher geht, wird ein gesteigerter Dialog zwischen mir und Mir, zwischen dir und Dir und – würde ich sagen – zwischen Dir und Mir möglich. Und weil es sich um einen geistigen Dialog handelt, der über die üblichen Erkenntnisse hinaus geht, steht die Tätigkeit des Lauschens an.

Lauschen gehört zu den schönsten Wörtern der deutschen Sprache. Lauschen ist eine Sache der Ohren, diese wunderbaren und eleganten Wölbungen an unseren Häuptern, die sanft das greifen, was eigentlich nicht zu ergreifen ist. Wenn man versucht die Laute des Wortes zu „schmecken“ – Wörter zu schmecken ist eine poetische Haute Cuisine – gerät man innerlich spontan in eine Bewegung, die irgendetwas mit schleifen und rauschen und tasten und auch mit fangen zu tun hat – einem Fangen allerdings, das eher passiv funktioniert, so, als ob es gelänge, Schmetterlinge dazu zu verführen, freiwillig ins Netz zu flattern.

Lauschen ist eine ganz leise und ganz zarte Implosion. Die Ohrmuscheln wölben sich nach außen, werden von Klängen berührt, die sie in sich aufnehmen und nach innen leiten, man könnte vielleicht besser sagen: nach innen begleiten, und dort – wo ich bei Mir bin – eine neue Form anbieten, eine wesentliche Existenz. Rainer Maria Rilke dichtete: „Da stieg ein Baum. O reine Übersteigung!/ O Orpheus singt! O hoher Baum im Ohr!/ Und alles schwieg. Doch selbst in der Verschweigung/ ging neuer Anfang, Wink und Wandlung vor.“

Im Lauschen werden wir still. Wir hören auf das, was im Kommen ist, was Anfang, Wink und Wandlung bedeutet, was geboren werden will und unser Lauschen braucht, um in der Gegenwart ankommen zu können. Ohne stilles Lauschen - keine Geburt. Das Bild ist uns ja vertraut: man setzt sich bei einer Kerze nieder, wird still wie die sanft flackernde Flamme, und lauscht... Und im Lauschen gelangt man in sich selber an eine Schwelle, wie im Winterwald: schüchtern wagen sich Rehe aus dem Dunkel auf die Lichtung.

Es geht beim Lauschen nicht um klare Gedanken, sondern um Gefühle, die wir manchmal ein bisschen unbeholfen mit Ahnungen, Sehnsüchten und Träumen gleichsetzten. Eigentlich müssen wir allerdings einräumen, dass uns die richtigen Worte fehlen. Die Stimmungen, die an der Schwelle zur geistigen Welt auf uns zu kommen, sind eher als Gestalten zu verstehen, mit denen man „sprechen“ kann – ein Sprechen, das eigentlich ein gegenseitiges Lauschen bedeutet. Gefühle – nicht Emotionen sind hier gemeint – sind tatsächlich wie Rehe: sie haben eine eigene Gestalt, einen eigenen Willen, eine eigene Domain.

In den heiligen Nächten geht es also um Natalität, um das ständige und meistens unbewusste Geschehen in uns, das uns leise nach vorne bringt. In den ersten heiligen Nächten bieten sich die Ahnungen und Sehnsüchte an, die uns berühren und verführen, dann folgen die Vorsätze, die wie Navigationsinstrumente im Reich-des-im-Kommen-Seins wirken: ein Vorsatz ist genau das, was das Wort ausdrückt: ein Vor-Satz, man kann sich immer statt nach links doch noch nach rechts bewegen. Und wenn die heiligen Nächte durch den Jahreswechsel geschritten sind, taucht das Bedürfnis nach Entscheidungen auf. Die Gestaltung des kommenden Jahres beruht auf der Aktivierung dieser großen Drei: Sehnsucht, Vorsatz und Entscheidung.

Interessant: beim Lauschen werden Sehnsüchte, Ahnungen und Träume aktiv. Sie bekommen einen Raum, einen inneren Ort, in dem sie in Erscheinung treten können, in dem sie ihre eigene Geschichte erzählen können, eine Erzählung, die es nur gibt, wenn wir ihr lauschen. Erzählungen, die nicht gehört werden, gibt es nicht, (so wie es auch keine Texte gibt, die nicht gelesen werden). Wäre es nicht schön, die verborgenen Erzählungen der heiligen Nächte ins Licht zu heben? Mit unserem Versuch entzündet sich eine Kultur des Herzens.

18.12.2010

Praktiken einer Kultur des Herzens (2). Über die Unternehmung Sil

In meinem vorletzten Weblog (05.12.2010) schrieb ich Folgendes über einen guten Freund, den ich als Schicksalsgefährten betrachte: „Sein Begabungsprofil besteht daraus, dass er konkret spüren kann, welche Potenziale zwischen den Menschen verborgen liegen. Man könnte nicht einmal sagen, dass er ein NETZWERKER ist, weil seine erweckenden Tätigkeiten weit darüber hinaus gehen. Ich betrachte ihn als einen SCHICKSALSWERKER“.

Auf der finanziellen Ebene, so berichtete ich weiter, kriegt er sein Leben allerdings nicht organisiert, was auch damit zu tun hat, dass die öffentliche Anerkennung für seine Begabung fehlt. Dazu schrieb ich: „Letztendlich müssen und können und dürfen es doch die „freien“ Bürger sein, die „Freunde“ also, die sich aus Freiheit dieser Verpflichtung stellen? Praktisch gesagt: zwanzig mal fünfzig Euro im Monat würden tausend Euro bringen. Und davon könnte ein erfahrener Schicksalswerker, der gewohnt ist, mit wenig Geld auszukommen, für eine Weile gut leben, sagen wir erst einmal: für ein Jahr?“ In den Kommentaren auf meinen Vorschlag entstand eine interessante Debatte – ich empfehle den Lesern, die neu dazu stoßen, die Beiträge nachzulesen.

Ich möchte an dieser Stelle von mir aus Folgendes sagen. Erstens sei gemeldet, dass viele Menschen per Email oder am Telefon auf den Vorschlag positiv reagiert haben. Es sieht so aus, dass Menschen aus drei Ländern – Belgien, Holland und Deutschland – sich an dem Projekt beteiligen werden. Die Gründe dafür sind unterschiedlich: manche Menschen haben geahnt oder erkannt, um wen es hier konkret geht, und halten die Arbeit meines Freundes für wichtig. Andere meinen, dass die Zeit für solche Projekte reif sei. Warten auf „politische Entscheidungen“ (zum Beispiel in Bezug auf das Bedingungslose Grundeinkommen) würde nicht nur heißen, dass Chancen verpasst werden, sondern vor allem auch, dass an der persönlichen Verantwortung von freien Bürgern vorbei gegangen würde.

Ich werde in der nächsten Zeit von diesem Projekt auf meinem Weblog weiter berichten. Ich nehme mir die Freiheit, dem Projekt einen Namen zu geben: „Unternehmung Sil“. Dieser Titel kommt von einem Strandgutsammler aus Terschelling namens Sil. Er hatte am Ende des neunzehnten Jahrhunderts den Mut, seinen Sehnsüchten zu folgen, entgegen den moralischen Gepflogenheiten seiner Zeit. Wie der Strandräuber Sil wandert mein Freund ständig zwischen sozialem Festland und dem Meer der Zukunft: die soziale Brandung ist sein weites Arbeitsfeld.

Zweitens möchte ich ein paar Missverständnisse wegräumen. In einer Kultur des Herzens wird nicht von „helfen“ gesprochen, sondern von „unterstützen“. Es geht ganz und gar NICHT darum, karitativ zu sein: von dem Gedanken, dass es „arme“ Menschen gibt, die von den Wohlhabenden Hilfe bekommen, ist eine Kultur des Herzens weit entfernt. Man sollte dazu an dieser Stelle auch verstehen, dass mein Vorschlag, 50 Euro pro Monat beizusteuern (was für manche Menschen viel Geld ist), nicht entscheidend ist. Einige Menschen haben dies auch erkannt, und sich auch mit einem geringeren Betrag gemeldet. Letztendlich könnte man auch EINEN Euro pro Monat beitragen – es geht nicht um die Menge, sondern um die Beteiligung. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob man diesbezüglich eigentlich – wie üblich – von „Schenkgeld“ sprechen kann.

Es geht um die Beteiligung an der Biographie eines anderen Menschen, und die geht ja nicht ausschließlich über eine finanzielle Ebene. Wenn wir von „neuen“ Gemeinschaften reden – und sehnen wir uns nicht danach? – bleibt alles Gerede nur Gerede, wenn der Ausgangspunkt nicht in den konkreten Beziehungen zu konkreten Menschen gefunden wird. Es sind die individuellen biographischen Fragestellungen, die zeigen wo es lang geht, nicht die gesellschaftlichen, ideologischen und politischen Ziele – die doch immer abstrakt sind – und den heutigen Diskurs beherrschen. Die Achsen neuer Gemeinschaften bestehen aus freien und gewollten Beziehungen, und aus entsprechenden Entscheidungen die von Angesicht zur Angesicht getroffen werden.

Der französische Beziehungsphilosoph Emmanuel Lévinas beschrieb die aktuelle Lage in der europäischen Gesellschaft so: „Man möchte [in der heutigen Gesellschaft; JvdM] ein Verständnisprinzip, das den Menschen nicht mehr umfasst, dass das Subjekt ein Prinzip aufstelle, das nicht mehr von der Sorge um das Schicksal des Menschen umfasst werde.“ An die Stelle konkreter Beziehungen sind Staaten, Banken und karitative Stiftungen getreten, die – so besagt das Dogma – „objektiv“ urteilen können. In einer Kultur des Herzens existiert diese Objektivität nicht, weil Schicksal immer eine persönliche-überpersönliche Angelegenheit ist.

Mit konkreten Schicksalen sind konkrete Aufgaben, Anliegen und Vorsätze verbunden. Andere Aufgaben, Anliegen und Vorsätze gibt es nicht. Die Zeit, dass Menschen sich im Rahmen einer politischen Partei, einer Gewerkschaft oder einer wohlwollenden Stiftung auf abstrakte Ziele einigen konnten, ist längst vorbei. Die Knotenpunkte in einer Kultur des Herzens beruhen auf der gegenseitigen und freien Anerkennung der Begabungen und Intentionen von Menschen, die sich als Schicksalsgefährten verstehen. (Und es muss nicht einmal sein, dass man seine Schicksalsgefährten auch privat kennt.)

Eine große Frage bleibt allerdings, wie solche Projekte gestaltet werden. Ich werde die „Unternehmung Sil“ in der nächsten Zeit als Anlass nehmen, auf die Frage des Geldes und seiner Existenz in einer Kultur des Herzens zu schauen. Ich würde mich über Beiträge, Kommentare und Vorschläge sehr freuen, weil in einer Kultur des Herzens der Weg nur gemeinsam gefunden wird. Ich würde sagen: was wir brauchen sind Konferenzen an der Brandung.

12.12.2010

Ein unsichtbares Komitee. Der kommende Aufstand

Ich räume ein, der Text hat mich elektrisiert. Vor allem die ersten siebzig Seiten sind brillant geschrieben, die Analysen scharf und manchmal sehr überzeugend, die rhetorischen Flammen heiß, Ton und Inhalt souverän. Der Text nennt sich ein Manifest, die Autoren kommen aus Frankreich, bleiben allerdings anonym. Ein Aufstand wird nicht ausgerufen, sondern einfach angekündigt. „Wir befinden uns schon jetzt in der Untergangsbewegung einer Zivilisation. Das ist der Punkt, an dem man Partei ergreifen muss“, schreibt das Komitee, das aus strategischen Gründen „unsichtbar“ bleiben will…

Die Probleme sind bekannt: Arbeitslosigkeit, Finanzkrisen, Umweltkatastrophen, Migration, das Auseinander fallen von Europa... Das unsichtbare Komitee meint allerdings, dass die eigentliche Krise eine andere ist. „Die Erhaltung des Ichs in einem Zustand des permanenten Halbverfalls, in einem chronischen Halbversagen, ist das am besten gehütete Geheimnis der aktuellen Ordnung der Dinge“, schreibt es.

Und: „Das schwache, deprimierte, selbstkritische, virtuelle Ich ist wesensmäßig das unendlich anpassungsfähige Subjekt, das von einer Produktion erfordert wird, die sich auf Innovation, beschleunigten Verfall der Technologien, beständige Umwälzung der gesellschaftlichen Normen, verallgemeinerte Flexibilität begründet“. Hier wird also nicht auf die „anerkannten“ Probleme geschaut, sondern auf die Stelle des individuellen Menschen in einer Gesellschaft, die mit dem individuellen Menschen nicht rechnet.

Der Mensch, so meint das Komitee, ist von jeder Zugehörigkeit losgerissen: von seiner Familie, seinen Freunden, seinem Viertel, seiner Geschichte, seinem Beruf und seiner Berufung, nichts gehört ihm mehr. Durch die Zwänge der Wirtschaft ist er „enteignet“ von seinem Selbst: er soll nicht arbeiten um sein Leben zu leben, sondern sein Leben aufgeben, um zu arbeiten. Was sein Leben ausmacht, innerlich und äußerlich, ist schon längst nicht mehr relevant. Der Mensch ist sich selber fremd geworden, und „sein Hass gegen den Fremden verschmilzt mit dem Hass gegen sich selbst als Fremden“.

Das sind kräftige Sätze, die viel Wahrheit beinhalten. Ganz stark sind auch die folgenden: „Es gibt keine Umweltkatastrophe. Es gibt diese Katastrophe, die die Umwelt ist. Die Umwelt ist das, was dem Menschen übrig bleibt, wenn er alles verloren hat.“ Und: „Was als Umwelt erstarrt ist, das ist eine Beziehung zur Welt, die auf der Verwaltung aufbaut, das heißt auf der Fremdheit“. Rudolf Steiner würde an dieser Stelle sagen, dass die Katastrophe keine Katastrophe, sondern eine Chance der jungen Bewusstseinsseele ist. Die Katastrophe bestünde aus seiner Sicht eher daraus, dass sie nicht als Chance wahrgenommen wird.

Als letzter starker Satz: „Zu jedem Leben gehört eine Dosis Wahrheit, die das abendländische Konzept nicht kennt.“ Weniger stark scheinen mir allerdings die revolutionären Vorschläge zu sein, die auf den letzten dreißig Seiten des Manifestes gemacht werden. Die erste Empfehlung ist immer noch stark: fange bei deinen Wahrheiten an. „Eine Wahrheit ist nicht etwas, das man besitzt, sondern etwas, das einen trägt“. Auch die zweite Empfehlung trifft zu: nimm deine Freundschaften ernst. „Jede Begegnung ist Begegnung IN einer gemeinsamen Affirmation“. Das klingt nach einer Kultur des Herzens.

Mit ein paar Aspekten habe ich allerdings Probleme. Das erste ist, dass in den Text immer wieder der „Partisan“ romantisiert wird. Der Kämpfer wird als eine Art Widerstandssoldat beschrieben, der machen darf, was er will, solange er der Sache dient und außerdem nicht erwischt wird. Schmerzen darf er den dummen oder gerade schlauen „Anderen“ offenbar zufügen, das ist man in revolutionären Bewegungen gewohnt. Wer mit den dummen Anderen gemeint ist, wird in dem Text klar: die sich anpassenden Bürger, (nicht WIR, die gerade das Manifest lesen!)

Anonym bleibt der schlaue Andere, der Feind, der in dem Text immer wieder „man“ genannt wird, der mit Erfolg seine offenbar unwürdigen Ziele verschwörerisch durchsetzt. Er scheint sich unsichtbar auf den Chefetagen großer Unternehmungen aufzuhalten. Ich glaube, dass so ein „man“ nicht existiert. Wenn es einen Feind gibt, so meine ich, dann müsste er in uns selber gesucht werden. Revolutionen, in ihren Ausgang darin finden, dass die Anderen Schuld haben, brauchen wir nicht mehr…

“Wenn wir einmal in die Sichtbarkeit eingetreten sind, sind unsere Stunden gezählt“, schreibt das Komitee. Diese Haltung ist verständlich, bedeutet allerdings einen Schritt zurück. Was eher hilft, sind strahlende „Iche“, die sich souverän ins Lichte der Öffentlichkeit stellen. Ein unsichtbares Komitee macht sich selber zum Geschwür, den angeblichen Komplizenschaften der großen Unternehmungen nicht unähnlich. „Man“ macht sich auf diese Art und Weise zu einem Feind, den es nicht gibt.

Dem Komitee zufolge müssen Gemeinschaften (in dem deutschen Text wird irreführend von „Kommunen“ gesprochen: romantisch-revolutionäre Rhetorik!) entstehen, die sich „nicht durch ein Drinnen und ein Draußen definieren, wie Kollektive es im Allgemeinen tun, sondern durch die Dichte der Verbindungen in ihrem Innern“. Das ist sehr richtig, eben entscheidend. Dieses Innen durch Anonymität zu schützen, führt allerdings zwangsläufig zu einer Trennung zwischen innen und außen. Und damit kreiert „man“ gerade das, was „man“ bekämpfen will: die Fremdheit.

05.12.2010

Praktiken einer Kultur des Herzens. Über die Finanzierung neuer Begabungsprofile

Wenn in der heutigen Gesellschaft von „Arbeit“ gesprochen wird, ist damit immer „bezahlte Arbeit“, eine Erwerbstätigkeit gemeint. Arbeiten bedeutet heute nicht mehr primär, etwas Sinnvolles zu tun, oder eben überhaupt etwas tun, was man von sich aus auch wirklich tun will, sondern, ein Einkommen zu generieren. In diesem Sinne ist arbeiten in unserer Gesellschaft eine heilige Pflicht: jeder mündige Bürger hat in dieser Hinsicht quasi eine souveräne Verantwortung für seine eigene Existenz.

Wenn jemand, warum auch immer, nicht im Stande ist, diese Verantwortung erfolgreich zu verwirklichen, dann kriegt er Geld vom Staat. In diesem Zusammenhang wird dann von so etwas wie „Solidarität“ gesprochen, was so viel heißt wie: In unserer aufgeklärten Gesellschaft lassen wir die Unglücklichen und Ungeschickten und „Arbeitsbehinderten“ nicht im Stich. Im Grunde genommen beruht diese Solidarität allerdings auf einer Angst: Zu viele Menschen mit gravierenden Existenznöten bringen Unruhe in die Gesellschaft, was letztendlich die aufgeklärte Ordnung der Dinge bedrohen könnte.

Von dem Gedanken, dass „freie“ Menschen das tun müssten, was sie von sich aus – auf der Basis von „freien“ Entscheidungen – tun wollen, sind wir diesbezüglich weit entfernt. Um zu dieser Freiheit zu gelangen, gibt es in der heutigen Gesellschaft eigentlich nur einen Weg, nämlich, sich als freier Unternehmer zu definieren. Mit allen anderen Formen der bezahlten Arbeit geht eine Einbindung in unfreie Zusammenhänge einher: man arbeitet für McDonalds, für das Ministerium, für eine Waldorfschule oder für Greenpeace. Dass die konkreten oder abstrakten Ziele der einen Organisation vielleicht „gut“ und die der anderen vielleicht „weniger gut“ sind, ändert daran nichts.

Ein freier Unternehmer zu werden, bedeutet allerdings nicht, dass man unbedingt das macht, was man machen will. Ich brauche an dieser Stelle nicht alle Faktoren zu beschreiben, die einen Unternehmer daran hindern, seine „Arbeit“ frei zu gestalten – sie sind bekannt. Dazu kommt noch die grundsätzliche Frage, ob die zu Grunde liegende Entscheidung wirklich frei war; der Impuls ein „freier“ Unternehmer zu werden, beruht manchmal auf unbemerkten Unfreiheiten.

Mir geht es in diesem Text vor allem um die Tatsache, dass es eine ganze Menge von Menschen gibt, die etwas wollen, etwas wirklich WOLLEN, was als Arbeitsmotiv – vielleicht besser gesagt: als Tätigkeitsmotiv – von der öffentlichen Gesellschaft nicht verstanden und anerkannt wird. Um einen pädagogischen Begriff des Heilpädagogen Henning Köhler in einen sozialen zu modifizieren: es gibt „neue Begabungsprofile“, die nicht als solche wahrgenommen werden. Anders gesagt: Menschen KÖNNEN etwas, was allgemein nicht als sinnvolle Tätigkeit anerkannt ist.

Ein Beispiel bietet ein guter Freund von mir. Es ist nicht leicht zu beschreiben, was er genau macht. Er ist ständig unterwegs, arbeitet an sogenannten „ökologischen“ und „sozialen“ Projekten, verbindet Menschen miteinander, kann „lesen“ was Menschen wollen, öffnet Türen, setzt erreichbar-unerreichbare Ziele, begeistert durch seine positive Lebenshaltung. Um es genauer zu sagen: sein Begabungsprofil besteht daraus, dass er konkret spüren kann (was nicht heißt, dass er es immer in Worte fassen kann), welche Potenziale zwischen den Beteiligten verborgen liegen. Man könnte nicht einmal sagen, dass er ein „Netzwerker“ ist, weil seine erweckenden Tätigkeiten weit darüber hinaus gehen. Ich betrachte ihn als einen „Schicksalswerker“.

Auf der finanziellen Ebene kriegt er sein Leben allerdings nicht organisiert. Er steht diesbezüglich vor einem Abgrund, den er übrigens mit einer gewissen Leichtigkeit akzeptiert. Trotzdem ist dieser Abgrund das, was ein Abgrund ist: ein Abgrund. Sich als „Arbeitsloser“ vom Staat durchfüttern zu lassen, das will er nicht, nicht weil er dann zu wenig Geld bekäme – er kommt mit ganz wenig aus – sondern weil mit dem Geld die Verpflichtung verbunden ist, sich für Jobs zu bewerben, die er nicht machen will. Er steht also vor einer Frage, die keine Frage ist: weitermachen mit dem, was er wirklich machen will, oder damit aufhören und sich beim Arbeitsamt melden.

In einem Blogtext kann man solchen biographischen Situationen nicht gerecht werden, weil immer hundert Sachen auch noch eine Rolle spielen, für die hundert Seiten nötig sind. Ich meine allerdings, dass diesbezüglich eine dringende Frage vorliegt, die für die Entfaltung einer Kultur des Herzens entscheidend ist. Einfach darauf zu warten, bis das bedingungslose Einkommen eingeführt wird, geht nicht, stärker noch, um einmal so weit zu kommen, werden schon heute gerade die angedeuteten neuen Begabungsprofile gebraucht. Was heißt das?

Das heißt meiner Meinung nach, dass die konkreten Schicksalsflechtwerke um den Beteiligten herum, eine Initiative ergreifen müssen. Letztendlich müssen und können und dürfen es doch die „freien“ Bürger sein, die „Freunde“ also, die sich aus Freiheit (man könnte auch sagen: auf Basis eines Verständnisses) zu einer Verpflichtung stellen? Praktisch gesagt: zwanzig mal fünfzig Euro im Monat würden tausend Euro bringen. Und davon könnte ein erfahrener Schicksalswerker, der gewohnt ist, mit wenig Geld auszukommen, für eine Weile gut leben, sagen wir erst einmal: für ein Jahr?

Sich an der Biografie eines „Freundes“ zu beteiligen, ist ein wichtiger Aspekt einer Kultur des Herzens. Ohne diese praktische Beteiligung gibt es keine Kultur des Herzens. Zu der Entfaltung einer solchen Kultur gehört eben, dass diesbezüglich Erfahrungen und Vorstöße gemacht werden. Mit dem Einstieg in diese Beteiligung werden die sozialen Orte der Zukunft, die auf gegenseitiger, freier Anerkennung basieren, kreiert. Mit einer alten solidarischen Unterstützung hat das nichts zu tun.

16.05.2010

Währungskrise und mehr. Stehen wir vor einem Kollaps?

Finanzkrise, Wirtschaftskrise, Währungskrise... Letztes Wochenende schrieb Stefan Kornelius in der Süddeutschen Zeitung: „Es steht ernst um Europa, und die Gefahr ist nicht abgewendet“. Gerade Griechenland, in dessen Geschichte die Wurzeln des freien Europas liegen, hat gezeigt, dass das Thema der Überverschuldung der Staaten nicht länger ignoriert werden kann. Und es scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, wann die nächsten Staaten dran sind: Portugal, Spanien, Italien, Irland...

Im Grunde genommen haben aber fast alle Staaten in Europa so viele Schulden, dass sie eigentlich nicht mehr zu tragen sind. Auch Deutschland, mit einer vergleichsweise geringen Verschuldung und einer intakten Volkswirtschaft, ist an eine Grenze gekommen. Die notwendigen Pläne für die Zukunft, vor allem in Bezug auf Bildung, können nicht mehr finanziert werden. Einige Politiker, wie Roland Koch aus Hessen, haben es letzte Woche auch deutlich gesagt.

Um die Europäische Währung zu schützen, sind 750 Milliarden Euro bereitgestellt worden. Es ist überflüssig zu bemerken, dass das viel Geld ist. Ich könnte als Laie nicht erklären, woher das Geld genau kommt und wie es verwendet wird. Klar ist aber, dass es vor allem die wirtschaftlichen Kernstaaten der Europäischen Union sind, wie Deutschland und Frankreich, die für den Betrag gerade stehen. Und die Frage, ob die Staaten das auch leisten können, kann nicht einmal beantwortet werden.

Es betrifft natürlich nicht nur Europa: auch große Volkswirtschaften wie die Vereinigten Staaten oder Japan haben einen Schuldenberg, der kaum zu übersehen ist. Das Problem der Verschuldung der Staaten geht weit über Europa hinaus. Und weil auch die sogenannten Schwellenländer, wie Indien und Brasilien, auf die europäische Art und Weise auf Wachstum setzen, das heißt: enorme Schulden aufbauen, muss gesagt werden, dass das Problem die ganze Welt im Griff hat.

Billig ist, ein paar gierige Spekulanten aus New York für das Drama verantwortlich zu machen. Klar, an dieser Stelle soll der Turbo-Kapitalismus gezügelt werden, und das wird zweifellos auch geschehen. Obama ist schon dabei. Das Grundproblem ist aber nicht finanziell-systemisch-rechtlicher Art, sondern eher kultureller Natur: wie stellen wir uns das Leben vor? Welche Erwartungen meinen wir haben zu dürfen? In wie weit ist die Zukunft materiell gesprochen wie eine Quelle für die Gegenwart zu verstehen und auszubeuten?

Stehen wir vor einem Kollaps? Ich kann es als Laie nicht sagen. Merkwürdig ist aber, dass ich in den letzten Monaten öfters gedacht – oder eher „gefühlt“ – habe, dass die Sequenz der Ereignisse mir irgendwie bekannt vorkommt. Finanzkrise, Wirtschaftskrise und Währungskrise scheinen mir Akte in einem Drama zu sein, das ich schon kenne. In gewissem Sinne scheint es mir so zu sein, als ob ich mein ganzes Leben darauf gewartet hätte.

Ich erinnere mich, dass Bernard Lievegoed mir kurz vor seinem Tod einmal sagte: „Du sollst dich auf die sozial-gesellschaftliche Situation vorbereiten, dass das Telefon nicht mehr funktioniert“. Er war damals, vor etwa zwanzig Jahren, davon überzeugt, dass die westliche Kultur um das Jahr 2000 gegen eine Wand fahren würde. Er sagte einen Kollaps voraus, der als eine Steigerung der Wirkung der Gegenmächte zu verstehen sei. (Auch bei Rudolf Steiner ist diese Sichtweise zu finden.)

Lievegoeds Entgegnung bestand aus der Proklamation einer Kultur des Herzens. Er meinte, dass das Tragende in der Gesellschaft zukünftig nicht auf der systemisch-rechtlichen Ebene gefunden werden könne, sondern in demjenigen, was zwischen konkreten Menschen lebt. Staaten werden aufhören wie tragende Institutionen zu sein, die als sichere Einbettung der Biographien funktionieren. In dem Chaos wird die Frage sein: wie kann ich zusammen mit dir mein Leben gestalten?

Wenn ich richtig liege, wird alles noch schlimmer werden. Ich war letzte Woche in Spanien, wo ein guter Bekannter, Antonio, mich lachend fragte: „Wirst du als Einwohner von Deutschland mir finanziell helfen, wenn Spanien den Bach runter geht?“ Die Spanier scheinen schon damit zu rechnen, dass auch sie bald dran sind. Dann meinte er aber ernsthaft: „Es ist natürlich nicht eine Sache des Geldes...“ Wir waren uns einig: Das Kapital, dass wir jetzt einsetzen können, hat eine geistige Natur. Wenn Staaten kein Vertrauen mehr bieten können, verschiebt sich der Schauplatz dorthin, wo die Sachen wesentlich werden: in die Welt der konkreten Beziehungen.

Die Frage ist nicht länger nur: was machen die Politiker, sondern auch: was machen wir, du und ich?

28.03.2010

Ungreifbare Flüssigkeiten. Ein neues Lernen in einer Kultur des Herzens

Die Menschheit betritt Neuland. Und das Betreten von Neuland fragt um eine neue Art des Lernens und Erkennens. Auf hunderterlei Arten und Weisen ist das neue Lernen im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts von Philosophen, Wissenschaftlern und Künstlern beschrieben worden. Spontan zu erwähnen sind an dieser Stelle, das „dialogische Denken“ von Jürgen Habermas, das „dialogische Prinzip“ von Martin Buber, die „soziale Plastik“ von Joseph Beuys, das „Diskurs-Denken“ von Michel Foucault und die „Dekonstruktion“ von Jacques Derrida. Hinter all diesen abenteuerlichen Sprachschöpfungen stecken Ahnungen, Sehnsüchte und Vorsätze.

Die Ahnung besagt, dass die Wirklichkeit nur scheinbar mit gegenständlichen und funktionalen Begriffen zu greifen ist. Die physische „Greifbarkeit“ der Welt scheint nicht mehr eindeutig „vorhanden“ zu sein und eine neue Art des Begreifens, das eher auf einem aktiven Mitmachen beruht, wird erahnt. Extrem einseitig wird dieses Ahnen im Konstruktivismus umgesetzt: was wir Welt nennen, ist nicht gegeben, sondern wird von Menschen ständig neu konstruiert.

Die Sehnsucht bedeutet beinhaltet ein Verlangen nach Ausfahrt, Lichtung, Erweiterung, Vertiefung, Erhöhung, Befreiung – sie hat hundert Namen. An der Tatsache, dass Rudolf Steiner an dieser Stelle die merkwürdige Andeutung ätherische Welt“ benutzt, übrigens neben weiteren Umschreibungen, brauchen wir uns nicht zu stören. Er war ja am Anfang des zwanzigsten Jahrhundert in seinem Diskurs nun einmal auf theosophische Begriffe orientiert. Die Wirklichkeit, nach der wir uns sehnen, lässt sich sprachlich nicht fixieren.

Der Vorsatz bezieht sich auf eine humane Beteiligung. Egal was gedacht und gemacht wird, die Quellen liegen nicht länger in Ideologien, Systemen, Theorien, Konzepten und Weltanschauungen, sondern in den Menschen selber. Entscheidend ist, was sich in meiner frei-zu-werdenden Beziehung zu mir, in meiner frei-zu-werdenden Beziehung zu dir, in dem Ringen um freie Beziehungen-zwischen-uns als fruchtbar, notwendig und bedeutungsvoll erscheint. Der Vorsatz ist ein neues Lernen, dass sich unterwegs vollzieht und nicht vorprogrammiert ist. Die Inhalte des Lernens haben nie einen abstrakten Status, sind nie losgelöst von Raum und Zeit, treten in konkreten Umständen auf, werden wachgerufen und zelebriert im direkten Antlitz der Erscheinungen.

Eine Kultur des Herzens ist zu verstehen als ein unüberschaubares Flechtwerk von Menschen, die gemeinsam versuchen, diesen Weg zu gehen. Sie ist gleichzeitig Quelle, Bedingung und Ziel – Ursache und Wirkung. Die Substanz einer Kultur des Herzens liegt in der ungreifbaren Flüssigkeit zwischen mir und dir, zwischen uns, letztendlich ist sie als eine machtvolle Kraft zu verstehen. Wenn zwei Menschen in Freundschaft etwas mit einander gestalten wollen, im privaten oder im öffentlichen Bereich, öffnet sich ein Feld, wo Macht in Freiheit neu geordnet werden kann.

Ein guter Freund meinte, dass man über eine Kultur des Herzens nicht schreiben könne, gerade weil sie nicht überschaubar sei. Ich glaube nicht, dass das stimmt. Ich glaube, dass die Kultur des Herzens tausend Texte braucht, geschrieben von mir und von dir, von ihr und von ihm, um gerade die Vielfalt erlebbar zu machen. Wenn ich versuche, mein Verständnis der Sache auf die sprachliche Ebene zu bringen, wird sofort deutlich: es gibt noch viel mehr Fenster. Sachen nicht fixieren zu wollen, heißt nicht, dass man schweigen muss.

Mit Dank an Sophie Pannitschka

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19.10.2009

„Menschen sind Fragmente aus der Zukunft“. Eine permanente Konferenz

Die Erkenntnis ist gleichzeitig sehr einfach & sehr kompliziert, sehr beruhigend & sehr verwirrend: was alles noch in der Welt geschehen wird, hängt davon ab, was individuelle Menschen heute tun oder lassen. Oder mit Orland Bishop: „I invite you to think that you are just as important to this world, as the sun is“. Und natürlich mit dem jungen deutschen Filmemacher Joshua Conens: „Diesen Satz habe ich verfilmt“!

Nicht die großen gesellschaftlichen Einrichtungen – Banken, politische Parteien, Kirchen, Unternehmen, Universitäten – bestimmen die Zukunft, sondern die Menschen (innerhalb oder außerhalb der Institute) bestimmen die Zukunft der Gesellschaft. Menschen können mächtig viel erreichen, auch wenn es erst einmal nicht so aussieht. Es ist wie mit einem Öltanker: der Steuermann dreht heute ein ganz winzig kleines bisschen am Rad & zehn Tage später erreicht er nicht Sidney, sondern Singapur.

Das Beispiel des Öltankers ist deswegen so hilfreich, weil es nur zur Hälfte stimmt. Was nämlich nicht passt, ist die einfache & komplizierte Tatsache, dass es in der Zukunft so etwas wie Sydney oder Singapur nicht gibt. Die Geographie der Zukunft ist noch berauschend unbekannt, kennt keine Kontinente oder Häfen oder Koordinaten. Singapur & Sydney sind ja noch nicht einmal Gegenwart, sondern Vergangenheit.

Die Zukunft kann man mit Konzepten nicht in den Griff kriegen. Die großen gesellschaftlichen Einrichtungen sind aber gerade ständig damit beschäftigt, die heutigen Ängste bis in die Zukunft hinein zu verlagern & die klugen Maßnahmen von heute dementsprechend zu extrapolieren. Die Zukunft wird als eine mengenmäßige Steigerung der Gegenwart verstanden & deswegen können manch einfache & komplizierte Gedanken nicht gedacht werden (zum Beispiel, dass die Arbeitslosigkeit auch damit zusammenhängt, dass Menschen ANDERS arbeiten wollen).

Offene Räume für Unerwartetes bieten Institute ganz wenig. Die aktuelle Wirklichkeit ist diesbezüglich haargenau umgekehrt: sofern es in den gesellschaftlichen Einrichtungen so etwas Zerbrechliches & Behutsames & Berauschendes wie Freiräume gibt, werden sie von individuellen Menschen immer wieder erobert & erkämpft & behütet. Manchmal sehen die Freiräume wie komische oder unpraktische oder träumerische oder sehnsüchtige „Orte“ aus, weil ja alles was nicht irgendwie in die Vergangenheit passt, lächerlich wirkt.

Sich innerlich frei & mutig & verliebt & existentiell auf die Zukunft einzulassen, sind Merkmale einer Kultur des Herzens. Auf der Website www.projektzeitung.org, wo eine Art Zeitung vorgestellt wird die viermal im Jahr erscheint, wird es so beschrieben: „Wo sind Menschen, die sich jenseits politischer Pragmatik Aufgaben in der Welt stellen – Menschen, die Lebensräume schaffen, die auf ihre unmittelbare Gegenwartserfahrung bauen?“

Und: „projekt.zeitung will Initiativen darstellen, Menschen ins Bild bringen und Fragen der Zeit vertiefen. Will anregen und Anknüpfungspunkte aufzeigen, Begegnungen stiften“. Und auch: „Junge Mitarbeiter erarbeiten Themen in offenen Redaktionstreffen. Sie hinterfragen Medien, schleifen Sprache, üben Kritik und Zuspruch. Permanente Konferenz, wo auch immer.“

In der neuesten Ausgabe von projekt.zeitung (Titel: „Menschenbilder“ – bitte sofort auf oben genannter Website bestellen!) werden unter der unpraktisch-sehnsüchtigen Behauptung „Menschen sind Fragmente aus der Zukunft“ etwa zwanzig junge Leute vorgestellt, die „auf ihre unmittelbare Gegenwartserfahrung bauen“. Oder genauso gut gesagt: die tun was sie wollen.

Menschenbilder bietet so richtig Text. So sagt Katharina Ludwig: „Ich laufe, ich bin in Bewegung, aber eigentlich kommt die Zukunft auf mich zu.“ Und Benjamin Kolass: „Jede menschliche Begegnung trägt in sich ein potentielles Projekt, im weitesten Sinne“. Und Florian Lück: „Alles das, was den Menschen vorformen will, soll herausgenommen werden, um Situationen zu schaffen, wo Menschen sich treffen können und etwas Neues entsteht.“

Lisei Caspers: „Die Menschen kann ich nicht verändern, aber ich kann Anlass zur Veränderung geben, ich stehe mit meinem eigenen Leben dafür.“ Und Adrian Wagner: „Mit Mercedes bauen ist es eben noch nicht getan, das reicht nicht. Unsere Sprache, Philosophie und Kultur ist nur so lebendig wie wir sie im Herzen tragen und damit in globalen Austausch treten“. Und Krimoun: „Ich hätte gern ´nen Plan, doch habe keinen. Hätte gerne Sicherheit, aber es gibt keine. Würde gern wissen, was ich tue und weiß überhaupt nichts.“

Und Friedel Reinhardt: „Unsere Zeit fordert, dass das Unsichtbare sichtbar werden kann“. Sie hat recht. Auf der unsichtbaren Ebene sind eine Menge „Projekte“ im Kommen: unsichtbare Schulen & Banken & Kigas & Tempel & Zeitungen & Öltanker, die zwar keine institutionelle Verkörperung suchen, das eben gerade nicht, irgendwie aber doch eine sprachliche – und damit soziale – Verankerung brauchen.

Das große Ringen liegt zurzeit in der Frage: wie können die unsichtbaren Projekte zur Sprache gebracht werden? An dieser Stelle ist der Dichter-in-uns gefragt, auch wenn man Erzieher oder Filmemacher oder Journalist oder Kaufmann ist.

19.05.2009

Neuigkeiten aus dem Badezimmer. Über Poesie & Zeit & Nachrichten

Psychologische Erklärungen sind fast nie poetisch. Sie decken auf, dass heißt: sie erzählen Geschichten hinter und über Geschichten. Mit einem psychologischen Blick wird die Geschichte eines seelischen Schmerzes in die Vergangenheit gestoßen & dort mit einer neuen Geschichte verwechselt, zum Beispiel über einen Vater, der mich oder dich oder ihn oder sie nicht angenommen hat, oder über eine Mutter die – naja, was könnte sie nicht alles getan haben.

Die aufgedeckte Geschichte gilt als Erklärung für die vorherige Geschichte, die immer irgendwie eine Beschwerde beinhaltet. Seelischer Schmerz wird in der Psychologie als eine Wirkung in der Gegenwart von einer Ursache die in der Vergangenheit liegt verstanden. Hinter der psychologischen Vorgehensweise steckt ein Zeitbegriff, der besagt, dass die Gegenwart durch die Vergangenheit bestimmt wird.

In der Poesie ist ein anderer Zeitbegriff wirksam. Der Dichter Novalis hat es so gesagt: „Der Sinn für Poesie hat nahe Verwandtschaft mit dem Sinn der Weissagung und dem religiösen, dem Sehersinn überhaupt. Der Dichter ordnet, vereinigt, wählt, erfindet – und es ist ihm selbst unbegreiflich, warum gerade so und nicht anders“. Man könnte es vielleicht auch so sagen: In der Poesie wirkt das, was im Kommen ist.

Mit Poesie ist hier nicht Dichtung gemeint. Man kann den Worten natürlich unterschiedliche Bedeutungen beimessen, ich meine mit Dichtung aber die Tätigkeit die zu literarischen Texten führt & die Texte selber. Poesie verstehe ich als eine Aufmerksamkeitshaltung, eine seelische Orientierung auf die Welt & das Leben & die Menschen & die Ereignisse & die Gegenstände. Poesie führt dazu, dass die stumme Sprache-der-Dinge auf einmal zur Botschaft werden. Man kann Poesie haben ohne Dichtung, Dichtung ohne Poesie gibt es nicht.

Auch ein Poet geht morgens ins Badezimmer um sich zu waschen, seine Zähne zu putzen & sich heute-oder-heute-vielleicht-doch-lieber-nicht zu rasieren. Gleichzeitig aber lässt er das Badezimmer auf sich zu kommen wie eine Art kuriose Neuigkeit, wie ein überraschendes Gebilde, das sich im Hier & Jetzt offenbart. Was er im Badezimmer hört & riecht & sieht & spürt & schmeckt & denkt & fühlt & will – was zeigt mir der Spiegel heute? - beinhaltet für den Poeten eine Bedeutung, die etwas über funktionale Bedeutungen hinaus geht.

Eigentlich ist es nicht richtig zu sagen, dass der Poet ins Badezimmer geht – treffender könnte man sagen, dass er das Badezimmer auf sich zu kommen lässt. Er befindet sich in einer „rückwärtsgehenden Evolution“ (Rudolf Steiner), die von der Zukunft ausgeht & uns in der Gegenwart trifft. In diesem zweiten Zeitstrom liegt das Ziel nicht in der Zukunft, sondern in der Vergangenheit – es ist die Verwandlung des Gewordenen. Laut Rudolf Steiner ist die Erkenntnis der zweiten Evolution eine Bedingung für das „geistige Schauen“.

Ein Poet praktiziert das geistige Schauen. Samuel Taylor Coleridge (siehe das aktuelle Motto meiner Website) spricht an dieser Stelle von einer ersten & einer zweiten Imagination. Die erste Imagination bezieht sich auf jegliche spontane & unbewusste menschliche Wahrnehmung, die zweite versteht er als ein Echo der ersten, mit dem wesentlichen Unterschied, dass sie mit unserem bewussten Willen zusammenfällt („co-existing“). Das geistige Schauen ist laut Coleridge eine bewusste Wiederholung-in-der-Endlichkeit von dem „ewigen Schöpfungsakt in das unendliche ICH BIN“. Novalis sagt an dieser Stelle: „Der Dichter erfindet“.

Wo in der Psychologie gerne eine zweite „erklärende“ Geschichte“erzählt wird, entwirft & kreiert & gestaltet die Poesie nur ERSTE Geschichten, die allerdings nicht als Erklärungen gelten, sondern eher als Bezauberungen & Weissagen & Öffnungen. Poetische Geschichten greifen in die Vergangenheit heftig ein, nicht weil sie dort etwas erklären, sondern weil sie berühren. Die Kraft der poetischen Verwandlung liegt darin, dass das Badezimmer zum Einweihungsort erhoben wird.

In einer Kultur des Herzens werden poetische Geschichten erzählt. Es wird eine Zeit geben – in fünfzig oder achtzig oder hundert Jahren? – in der die Nachrichtendienste sich nicht nur mit äußeren Tatsachen beschäftigen: so und so viele Arbeitslose, so und so viele Verluste im Krieg, so und so viele Verkehrsunfälle, und wie das alles zu bewerten wäre... Die journalistische Aufmerksamkeit wird auch die Neuigkeiten an der poetischen Front betreffen:

„Köln, 18. Mai. In einem Badezimmer in der Kölner Innenstadt wurde heute Morgen festgestellt, dass eine dreifache Spiegelung zwischen Fenster, Fliesen und Spiegel in der Seele eines achtundfünfzigjährigen Mannes eine Verwirrung hervorrief. Für einen kurzen Moment glaubte der Mann ein Gespenst zu sehen, dann verstand er aber, dass er sich selber sah. Der Mann freute sich darüber, sich selber unvorbereitet gesehen zu haben. Das bringt richtig etwas, meinte er.“

15.04.2009

Archiv der Zukunft (2). Erziehung & Bildung zur Freiheit

In meinem letzten Blogtext habe ich behauptet, dass das Netzwerk „Archiv der Zukunft“ als eine Kultur des Herzens zu verstehen ist. Typisch in einer Kultur des Herzens ist es, dass Bildungshäuser – wie der Initiator Reinhard Kahl schreibt - als „irdische Kathedralen, an denen die Gesellschaft sich vergewissert, was sie will“, aufgefasst werden können. Dieser Gedanke beinhaltet eine Umkehrung, die für eine Kultur des Herzens entscheidend ist.

Erst einmal die Frage: warum spricht Reinhard Kahl von (irdischen) Kathedralen? Die Formulierung erinnert an Emmanuel Lévinas, der von der „heiligen Kathedrale“ zwischen mir & dir, zwischen uns... spricht. Das, was in der Nähe zwischen Menschen geschieht, geschehen kann, geschehen darf, das, was uns gegenseitig gestaltet, also bildet, ist ein sakrales Geschehen. Das religiöse Erleben verlagert sich auf eine horizontale-weil-soziale („irdische“) Ebene.

Bildungshäuser sind soziale Orte, in denen vor allem Begegnung stattfinden soll. Bildung geht aus einer Begegnung hervor, immer und immer... Die Begegnung mit mir, die Begegnung mit dir & mit euch, die Begegnung mit den Dingen-der-Welt, die Begegnung mit Gedanken & Ideen... Bildung hat also nur indirekt mit der Vermittlung von Wahrheiten & Erfahrungen & Werten & Normen zu tun. Wenn Wahrheiten & so weiter & so fort ohne Nähe=Begegnung vermittelt werden, findet keine Bildung statt.

Das Bildungsideal als Begegnung lebte zum Beispiel noch stark in der Schule von Chartres (ja, die Kathedrale gibt es immer noch, die Schule leider nicht mehr), in der vor etwa neunhundert Jahren Schüler & Lehrer zusammenkamen, um gemeinsam Fragen zu bewegen. Vereinfacht gesagt verlief das so: die Erfahrenen (die Lehrer) wussten, dass sie ohne die frischen & lästigen & verwirrenden Fragen der begeisterten Neulinge (der Schüler), gar nicht wissenschaftlich arbeiten konnten.

Ja, wie heißt man die neue Generation willkommen? Ich würde sagen auch dadurch, dass sich eine richtige Kultur des Fragenfindens & Antwortenfindens entwickelt. Ich meine damit nicht nur Fragen & Antworten die in Worte gefasst werden, so wie man das mit (sogenannten) Schulkindern schon machen kann, sondern auch die „stumme Sprache“ (Walter Benjamin) der ganz Kleinen. Man braucht nicht immer Worte zu hören, um etwas zu verstehen.

In den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hat der holländische Anthroposoph Bernard Lievegoed (1992 verstorben) dieses Bildungsideal als Ausgangspunkt für die von ihm gegründete Vrije Hogeschool in Zeist ergriffen. In dem sogenannten „propädeutischen Jahr“ kamen – und kommen noch immer - Adoleszenten & Mentoren & Dozenten zusammen, um gemeinsam die Fragen zu finden & zu bewegen, die biographisch auftauchen wollen.

Wie werden Horte & Kitas & Schulen & Hochschulen & Universitäten zu irdischen Kathedralen, an denen sich die Gesellschaft vergewissert, was sie will? Ich meine, dass dazu gedanklich erst eine Umkehrung nötig ist. Es ist nicht die Gesellschaft, die bestimmen soll, wie die Bildungshäuser eingerichtet werden – nein, es ist umgekehrt, die Kinder & Jugendlichen & Studenten, werden bestimmen, wie eine zukünftige Gesellschaft werden soll.

Und das bedeutet: Erziehung & Bildung zur Freiheit. Die aktuelle Gesellschaft soll komplett vergessen, dass sie etwas von den Neulingen zu erwarten & zu verlangen & zu fordern hat. Die Kinder & die Jugendlichen & die Adoleszenten sind nicht da, um die heutigen Bedürfnisse der heutigen Erwachsenen bis in eine weite Zukunft hinein zu befriedigen. Sie haben von sich aus etwas vor, eine (vielleicht noch) verborgene Tagesordnung, die ans Licht treten will.

In Bildungshäusern sollte es also vor allem darum gehen, die menschlichen Beziehungen so zu leben, dass die Zukunft auch tatsächlich in der Zukunft ins Licht treten kann. Und das geht nur, wenn die Neulinge erstens als Springbrunnen (und nicht als Vasen, die man voll gießen soll) ernst genommen werden – als Quellen der Zukunft also, und zweitens dazu ermutigt werden, die Freiheit zu ergreifen. Die Übung zur Freiheit ist in einer Kultur des Herzens eine (harte-aber-schöne) Hauptarbeit.

Die Gesellschaft ist leider ganz & gar nicht daran interessiert, etwas von dem mitzubekommen, was in Bildungshäusern geschieht. Erziehung & Bildung sind nicht sexy. Die öffentliche Gesellschaft ist weit von dem Gedanken entfernt, dass man auf Kitas & Kigas & Schulen schauen soll, um sich zu vergewissern, was man will. Und auch Erzieher & Lehrer zeigen ihren Stolz nicht öffentlich: schaut auf uns, auf das, was wir in unserer Arbeit mit den Kindern & Jugendlichen erfahren und feststellen.

Nein, Erzieher & Lehrer verstecken sich. Nur Banker & Unternehmer & Fußballer & Politiker scheinen sich ihren beruflichen Stolz öffentlich leisten zu können. Schade, weil es wahr ist: in Bildungshäusern ist richtig etwas los.

Mit Dank an Sophie Pannitschka

11.04.2009

Archiv der Zukunft. Bildungshäuser als irdische Kathedralen

„Sollten Schulen und andere Bildungshäuser nicht irdische Kathedralen werden? Orte, an denen die Gesellschaft sich vergewissert, was sie will?“ Diese strahlenden Sätze sind auf der Website www.adz-netzwerk.de zu lesen. Der Name der Website ist: „Archiv der Zukunft“. Auf der Startseite wird deutlich, dass die Website ein klares Ziel verfolgt, nämlich den Aufbau eines Netzwerkes von Pädagogen & Wissenschaftlern & Eltern & Kindern & Jugendlichen & Politikern & allen möglichen Menschen mehr einzurichten.

Wozu? Um von dem Bildungskrampf, den Deutschland plagt, weg zu kommen. Um Bildung wieder genießbar zu machen. Um das winkende & spannende & richtige Leben selber in Bildungseinrichtungen eine Chance zu geben. Ja, um die Kitas & Kigas & Schulen in der Gesellschaft zu strahlenden Orten des heiteren Entdeckens zu machen.

Der Initiator Reinhard Kahl schreibt: „Wenn Schulen ´lernende Organisationen´ werden, verwandeln sie sich gewissermaßen in Individuen. Sie leisten sich eine Biographie, wie sie Personen haben, denn nur Individuen können lernen. Es beleidigt sie, geklonte Exemplare einer perfekten Vorlage sein zu sollen. Das lief schon immer auf das Verbot hinaus, lebendig sein zu dürfen.“

Diese Sätze verraten, dass Reinhard Kahl versteht was Bildung ausmacht. Bildung geht aus der Beziehung zwischen konkreten Menschen hervor – Menschen die etwas wollen, die Absichten haben, die leidenschaftlich Ziele verfolgen, die auf der Suche sind... Um Bildung geschehen zu lassen, reicht es nicht aus, ein rein pädagogisches Ziel zu haben. Für alle Beteiligten – die Kinder, die Eltern, die Pädagogen – sollte das Leben selber die Quelle für Bildungsangelegenheiten sein.

Und davon sind viele Kitas & Kigas & Schulen leider weit entfernt. Von den Erziehern & Lehrern & Pädagogen wird erwartet, dass sie die Kinder in eine vom Staat vorprogrammierte Langeweile einführen. Dass die Kinder und die Jugendlichen davon nicht begeistert sind (und eigentlich nur zur Schule gehen, um die Kameraden & Freunde zu treffen), scheint als collatoral damage einkalkuliert zu sein.

Aus der Website geht hervor, dass das Netzwerk „Archiv der Zukunft“ schon vibriert. In allen Ecken von Deutschland gibt es mittlerweile eigenwillige Schulen, die sich tatsächlich eine Biographie leisten. Überzeugend sind auch die vielen Akademiker, die sich in dem Netzwerk melden – Wissenschaftler die sich wesentliche Gedanken über Bildung und über die gesellschaftliche Bedeutung der Bildungseinrichtungen machen.

Ich meine: irgendwie riecht das Netzwerk gut. Ich würde in meinen Worten sagen: das „Archiv der Zukunft“ trägt dazu bei, dass eine Kultur des Herzens entsteht.

Zwei Aspekte scheinen mir dabei eine entscheidende Rolle zu spielen. Der erste ist, dass der Initiator nicht ein bestimmtes Konzept verfolgt, sondern auf die bereits weit offen stehenden Türen eines geöffneten Raumes hinweist. Ohne Angst, ohne Bedenken, ohne Vorbehalte lädt er richtig dazu ein einzutreten. Er vertraut darauf, dass alternative Wege gefunden werden, wenn es gewollt wird. Anders gesagt: das Archiv der Zukunft ist in seinen Hoffnungen großzügig.

Der zweite Aspekt ist, dass stark mit den Kräften der Zivilgesellschaft gerechnet wird. Das Netzwerk ist ein Flechtwerk von freien Bürgern, die freie Initiativen entfalten – auch wenn sie sich notgedrungen im Rahmen von Gesetzen bewegen. Bildung wird als eine freie kulturelle Angelegenheit verstanden, die vor Ort gestaltet wird, ein delikates Geschehen zwischen konkreten Menschen in spezifischen Momenten. Wenn man sich also in das Netzwerk einbringt, ist man sowieso schon ein Spezialist.

In den Texten auf der Website ist eine gewisse „Weisheit“ spürbar. Die Fragen die gestellt werden, gehen schon ein bisschen über die übliche Ebene hinaus. So wird zum Beispiel die Frage gestellt: „Wie heißt man die nächste Generation willkommen?“ Auch hier zeigt sich die Stimmung einer Kultur des Herzens. Die Frage muss nämlich nicht sofort beantwortet werden – die Bedeutung der Frage liegt eher darin, dass ein offener Raum kreiert wird, in dem sich Unerwartetes großzügig zeigen darf.

Mit Dank an Sophie Pannitschka

21.03.2009

Finanzkrise und Sprache. Die Welt will von Menschen gefühlt werden

Die Finanzkrise und die Wirtschaftskrise (sind es eigentlich zwei Krisen?) erzeugen weltweit eine heroische Sprache, die deutlich macht, dass die Staaten & die internationalen Organisationen & die Presse meinen, sich in einer Art Krieg zu befinden. Die Krise soll dadurch „gemeistert“ werden (Angela Merkel), dass die Volkswirtschaften gemeinsam die Rezession „bekämpfen“. Die Süddeutsche Zeitung meldet zum Beispiel: „EU stemmt sich gegen die Krise“.

(Kann man sich gegen eine Krise stemmen? Ich glaube nicht.)

Die Art und Weise wie über ein bestimmtes Phänomen gesprochen wird, offenbart direkt, wie man sich dazu verhält. Die Sprache der Finanzkrise (die ja natürlich auch eine Wirtschaftskrise und sogar eine Kulturkrise ist) verrät ein Weltbild, in dem es um „beherrschen“ & „eingreifen“ & „steuern“ & „bekämpfen“ geht. Die Sprache basiert auf einer impliziten Wahrheitsvorstellung, die mir katastrophal erscheint.

Die Vorstellung ist ungefähr so. Etwas ist grundsätzlich schief gegangen – erst in den Vereinigten Staaten und dann leider auch bei „uns“. Vor allem Banker & Spekulanten haben entweder aus Fahrlässigkeit oder aus Gier große „Fehler“ gemacht, die dazu geführt haben, dass das ganze „System“ aus dem Lot geraten ist. Unerwünschte Folgen sind aufgetreten, die es jetzt zu beseitigen gilt.

Anders gesagt: wenn die Banker und Spekulanten moralisch & sachlich „richtig“ gehandelt hätten, wäre nichts Schlimmes geschehen. Und um die Fahrlässigkeit oder die Gier (ja, was war es eigentlich?) zu bändigen, soll jetzt das System korrigiert werden. Die Regeln sollen einerseits hier und dort neu formuliert & andererseits kräftiger gehandhabt werden. Der Ausgangspunkt dabei ist klar und deutlich: „Die Märkte müssen frei sein, aber nicht wertfrei“ (Gordon Brown).

Es ist immer die gleiche Frage: sind die Menschen dumm (fahrlässig) oder schlecht (gierig)? Für die Sozialisten sieht es so aus: die armen Leute sind gut, die reichen Leute schlecht & die „normalen Bürger“ leider manchmal fahrlässig. Und warum sind die Reichen schlecht? Weil kein Mensch, moralisch gesprochen, dem Reichtum gewachsen ist. Zu viel Geld & damit zu viel Macht korrumpieren.

Und die freien Demokraten - sagte man nicht früher: die Kapitalisten? - sie meinen, dass die armen Menschen dumm sind, die Reichen clever und alle leider manchmal moralisch & sachlich fahrlässig. Und warum sind die armen Menschen dumm & die reichen Menschen clever? Das große philosophische Problem des Kapitalismus ist es, dass diese Frage eigentlich nicht beantwortet werden kann.

Die Finanzkrise scheint mir letztendlich eine Kulturkrise zu sein. Es kann ja ganz & gar nicht um die Frage gehen, wie & warum „etwas“ (ja, was?) schief gegangen ist. Nichts ist schief gegangen. Nix. Nie geht „etwas“ schief. So etwas wie „schief gehen“ gibt es überhaupt nicht. Nirgends & nie, weil alles was ist & erscheint & sich zeigt, gerade das ist, was ist & erscheint & sich zeigt. (Vielleicht einfach mit Wittgenstein: „Die Welt ist, was der Fall ist“.)

Die Staaten & die internationalen Organisationen & die Presse versuchen die Vorstellung aufrecht zu erhalten, dass es einen Krieg gibt, den „wir“ gewinnen müssen & können. Sie tun alles, um den „einfachen Bürgern“ (die es ja gar nicht gibt) das Gefühl zu geben, dass sie alles im Griff haben. Der weltweite Tsunami von Konjunkturpaketen soll in erster Linie die Bürger beruhigen, etwas darf nämlich nicht sein: Panik.

Und das stimmt natürlich. Auch wahr ist aber, dass die Angst vor der Panik & der dementsprechenden Ideologie-der-Beherrschung verhindern, dass die Krise zur gesellschaftlichen Betroffenheit führt. Wenn es im Leben wirklich Veränderung & Verwandlung & Neugeburt gibt, läuft das immer über Betroffenheit. Erst wenn man betroffen ist, kann die Katharsis erfolgen.

Wir sind dabei, uns von einer Kultur zu verabschieden. Die Krise geht weit über Geld & Banken & Unternehmungen & Arbeitsplätze hinaus. Was in dieser Krise zu Ende geht, ist der Grundgedanke der Aufklärung, dass wir uns nicht auf die Welt einzulassen brauchen, um sie im Griff zu haben. Laut der Aufklärung braucht man die Welt nicht zu fühlen, um sie in Gang zu halten.

Die Welt will aber von Menschen gefühlt werden. Und vielleicht ist es SEHR wahr, dass die Staaten & die internationalen Organisationen gerade nicht die Aufgabe haben, diesen Abschied zu thematisieren & zu begleiten. Diese Trauerarbeit liegt eher in den Händen von Dichtern & Künstlern & Philosophen & Priestern & Propheten & Ärzten & Erziehern & Therapeuten & Wissenschaftlern.

Mit Dank an Sophie Pannitschka

25.02.2009

Eine Kultur des Herzens. Über gründen und stiften

Eine Kultur des Herzens wird nicht gegründet. Sie ist im Entstehen – sie ist immer im Entstehen, und nur so lange sie im Entstehen ist, kann sie eine Kultur des Herzens genannt werden. Eine Kultur des Herzens kommt ohne Konzepte & Fahrpläne & Landkarten aus, ohne schlaue Systeme & Schemen, ohne Parolen & Satzungen, ohne festgelegte Grenzen.

Eine Kultur des Herzens wird gestiftet, immer wieder & immer wieder neu, zum Beispiel wenn ich einen Kaffee mit dir trinke, und du fragst: „Was ist mit dir los?“ und ich denke: „Ja, mit uns ist ja immer etwas los“ und ich sage: „Mit mir ist los, dass ich mich nach Feuer sehne, ich meine: Feuer zwischen uns, damit etwas geschieht“ und du dann sagst: „Komm, es brennt so richtig, wir machen etwas!“

Oder wenn du sagst: „Zwischen uns gibt es einen Garten, eine Kapelle, eine Werkstatt – einen Raum also, in dem etwas geschehen will, entstehen will, ja, dadurch etwas geschieht, dass etwas entsteht, ohne direkt nützlich oder praktisch oder konkret zu sein, etwas Ungreifbares & Undefinierbares & Erhabenes, etwas Humanes.“ Und wenn ich dann sage: „Es wird sich zeigen, was zwischen uns entstehen kann. Komm, wir geben dem Entstehen Zeit...“

Gründen heißt: physische Fundamente bauen, eine Basis schaffen, Raum & Zeit einbinden und zu unserer Sache verpflichten, im Hier & Jetzt ein Monument aufrichten für morgen und nächstes Jahr, für immer auf der Erde. Stiften ist ein inneres Entzünden. Stiften heißt: die Erde in deine und meine Flammen verwandeln, unsichtbar machen, die Wirklichkeit um eine Stufe höher oder tiefer zu verlegen, das was fest & sicher ist, durch Wärme aufwirbeln zu lassen.

Stiften heißt: sich auf das unsichtbare Gefüge von menschlichen Beziehungen & Orten einzulassen. Ja, Orten... Ein Ort kann mehr sein als eine Projektionsfläche meiner Wünsche, meiner Vorhaben, meiner Vorsätze. In einer Kultur des Herzens sind Orte richtige Partner, die genau wie ich – der „Inhaber“ oder „Mieter“ - etwas wollen. Sie fangen an zu sprechen, wenn ich anfange auf sie zu hören.

In einer Kultur des Herzens ist es erlaubt mit diesem und jenem einfach anzufangen, ohne sich um die Frage zu kümmern, wie es am Ende aussehen soll. Nicht rationale Vermessenheit steuert die Prozesse in einer Kultur des Herzens, als ob man überhaupt wissen könnte, was morgen & nächstes Jahr ansteht, sondern die intelligente Fähigkeit sich überraschen zu lassen. In einer Kultur des Herzens wird man gerne unvorbereitet erwischt.

Weil es ja um Ereignisse geht... Nicht die vorbereitende Planung oder die nachbereitende Dokumentation machen den Puls des Lebens aus, sondern die Ereignisse selber (die ja natürlich Vorbereitung & Dokumentation umfassen können. Gute Dokumentationen sind ja richtige Ereignisse.). In einer Kultur des Herzens gehört alles zum Leben: das Einkaufen einer Flasche Wein, das Öffnen der Flasche, das Ausschänken, das Trinken des Weins, das Reinigen der Gläser nachher, das Entsorgen der Flasche...

Eine Kultur des Herzens wird also nicht gegründet. Das heißt aber nicht, dass man sich nicht um Raum & Zeit & Satzungen & Geld kümmert. Wenn es um gründende Tätigkeiten des Lebens geht, findet in einer Kultur des Herzens eine Verschiebung der Perspektive statt. Raum & Zeit werden aus ihrem statischen Rahmen gehoben und als semantische Einheiten verstanden, als Partner also, die eine Geschichte zu erzählen haben.

Und Geld wird als Geist verstanden, dass heißt: als entzündendes Feuer. Geld soll nicht wie Wasser fließen, sondern wie Feuer brennen. Wenn (finanzielle) Wärme so richtig brennt, entsteht eine Trennung zwischen Körper und Geist: Körper als Rauch, Geist als Licht. Und was ist Rauch anderes als Luft, die verbrannte Körperlichkeit aufwirbelt und sie mühelos-spielerisch zwei Stufen höher transportiert? Der (hoffentlich angenehme) Geruch wird für hundert Nasen frei gemacht und die Asche schlägt sich nieder und wird zum Kompost. Anders gesagt: In einer Kultur des Herzens geht der Wert des Geldes nie verloren.

Wenn die Vergangenheit sich in die Gegenwart verwandelt, kommt die Zukunft auf uns zu. Mit Zukunft ist hier aber nicht gemeint, was wir meinen oder hoffen oder wünschen, dass sein wird. Die Zukunft wird nie sein, so wie die Vergangenheit ist, weil die Zukunft nur dann Zukunft ist, wenn sie in der Gegenwart im Kommen ist. Der Zeitbegriff in einer Kultur des Herzens kriegt eine neue Bedeutung: sie läuft nicht linear von A über B nach C, sondern entzündet sich in B und springt launisch von A nach C, oder gerade umgekehrt: von C nach A.

Mit Dank an Sophie Pannitschka für die Korrektur