Geld schenken (2). Die Verwandlung der Gesellschaft
Ich weiß was es bedeutet, Geld
geschenkt zu kriegen. Ich gehöre zu den Menschen, die manchmal
kleinere zusätzliche Beträge brauchen, um über die Runden zu
kommen. Mein jüngster Sohn Joachim hat darüber eine klare Meinung,
er findet, dass ich nicht wirtschaftlich denken könne oder eben gar
nicht wolle. Ich selber sehe das auch so, würde auf Anfrage
allerdings hinzufügen, dass ich mich immer wieder in Tätigkeiten
und Projekte verliebe, die gerade wenig Geld bringen. Ich bin immer
wieder dort gelandet, wo die Ressourcen in dieser Hinsicht eher knapp
sind.
Jedoch habe ich trotzdem immer wieder
kleinere Beträge an Organisationen oder Personen verschenken können,
die sich in einem Engpass befanden oder befinden. Mein finanzielles
Selbstverständnis könnte man „kleinkariert“ nennen: Ich halte
meine Finanzen für gesund, solange ich die mehr oder weniger sichere
Einschätzung habe, dass meine Einnahmen und Ausgaben etwa für die
nächsten drei Monate ungefähr ausbalanciert sind. Sobald ich etwas
übrig habe, folge ich der Neigung Extra-Sachen zu kaufen oder eben
jemanden zu unterstützen. Sparen ist mir noch nie gelungen, ein
Vermögen werde ich deswegen wohl auch nicht aufbauen.
Im Entwurf seiner Master-Arbeit für
die Universität in Plymouth (siehe meinen letzten Blogtext)
berichtet Andrea Valdinoci von acht Personen, die ein deftiges
Vermögen haben (zwischen einer halben Million und 75 Million Euro)
und bereits über Jahre einen Teil davon an Organisationen und
Personen verschenken. Die Lebenswirklichkeit dieser Vermögenden ist
mir fremd, ich brauche richtig viel Phantasie, um mir ausmalen zu
können, was es heißt, ein paar Million Euro auf meinem Konto zu
haben. Und ja, ich räume ein, dass meine konservativ-rote
Arbeiterseele (mein Vater war Gewerkschafter) in einer dunklen Ecke
mit der Frage ringt: Kann es richtig sein, dass einer Person so viel
Geld zur Verfügung steht? Wie ist das im Lichte der Gerechtigkeit
eigentlich zu verstehen?
Gerechtigkeit... In den Beschreibungen
von Andrea Valdinoci wird deutlich, dass die Tatsache viel Geld zu
haben, nicht unbedingt nur eine Freude bedeutet. In seinem Text wird
von einer „moralischen Belastung“ gesprochen, zum Beispiel im
Zusammenhang mit der Tatsache, dass das Vermögen auf Kriegsgewinne
zurückgeht, oder auf Unternehmensverkäufe, auf die die Entlassung
von sämtlichen Mitarbeitern folgte. Valdinoci schreibt: „Zum Teil
wiegt die Belastung so schwer, dass den Interviewpartnern klar wurde,
diese Mittel möchte ich nicht an meine Kinder weitergeben, sondern
sie müssen verwandelt werden“.
Schenken bedeutet an dieser Stelle: Auf
Grund des Wunsches Gerechtigkeit zu schaffen einen Ausgleich zu
ermöglichen... Nun gibt es natürlich auch Vermögen, die ethisch
gesprochen einwandfrei sind, sie werden wohl am häufigsten
vorkommen. Auch mit sauberen Vermögen geht jedoch eine „moralische“
Frage einher, die sich nicht auf die Herkunft des Geldes, sondern auf
das Ziel des Schenkens bezieht. Andrea Valdinoci spricht
diesbezüglich von einer „Glaubwürdigkeitsfrage“ oder auch
„Prüfungsfrage“: Will ich (mit dem Schenken) wirklich Strukturen
verändern, oder will ich Strukturen bestätigen, um meine Macht zu
erhalten, beziehungsweise auszuweiten?
Die acht Personen, die die Begleitung
von Andrea Valdinoci gesucht haben, stellen sich offenbar diese
Frage. Ich nehme jedoch an, dass längst nicht alle vermögenden
Menschen sich auf diese Frage einlassen, stärker noch, mein
Vorurteil besagt diesbezüglich, dass nur die wenigsten dies tun.
Oder liege ich an dieser Stelle falsch, und es ist ein
Schicksalsgesetz, dass die Frage früher oder später zwangsläufig
auftaucht? Aus Valdinocis Beschreibungen geht hervor, dass der
Schritt zum freilassenden Schenken aus biographischen Erfahrungen
erfolgt.
Und nicht nur das, zusätzlich leitet
der Schritt offensichtlich eine Art Wende in der Biographie ein.
Einer der Beteiligten sagt: „Das Geld haben wurde sehr viel
leichter, seit ich schenken kann, seit ich da persönlich auch
gegeben habe. Das fing schon an mit dieser großen Spende für die
Schule, aber schön wurde es aber eigentlich im Persönlichen. Ja,
ich freue mich seither, dass ich das Vermögen habe“. Und eine
andere Aussage: „Ja, das schwierige ist nicht selber auf das Geld
zu verzichten, sondern die Frage, wem gebe ich es, wie gebe ich es,
was macht es mir, was macht es mit dem anderen, ist es überhaupt
richtig, was will ich denn eigentlich?“
Was will ich denn eigentlich? Ich
verstehe die Zitate so, dass bei den Beteiligten das individuelle
Wollen aus irgendeinem Grund mit dem „mächtigen Wesen des Geldes“
(siehe meinen letzten Blogtext) in Berührung gekommen ist. Eine
Stärkung des Wollens – getragen von anfänglichen Erkenntnissen –
findet statt. Die Persönlichkeit des Menschen fängt damit an, sich
nicht vom Geld fremd bestimmen zu lassen, sondern umgekehrt die Welt
mit Hilfe des Geldes frei zu gestalten.
Ich habe zwar kein Vermögen, sehe
jedoch ein, dass nicht die Menge (oder Unmenge) des Geldes
entscheidend ist. Ob man zehn Euro oder zehn Million Euro zu vergeben
hat, die Fragen sind grundsätzlich die gleichen. Und ist es nicht
so, dass gerade die geringeren Beträge, die wir jeden Tag wieder
gedankenlos ausgeben, die Ungerechtigkeit in der Gesellschaft
bestätigen? Die Verwandlung der Gesellschaft läuft wohl übers
Geld. Nächste Woche weiter..