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22.08.2010

Angelo Poliziano. Brief an seinen Freund Pico della Mirandola

Salve! Heute war ich im Garten unterhalb von Montepulciano, wo ich als Kind immer wieder gespielt habe. Weil ich schon so lange aus meiner Heimatstadt weg bin, und die Menschen mich nicht erkennen, konnte ich ungestört umher gehen. Es war heiß, unter dem Schatten der Obstbäume war es aber kühl. Die Erinnerungen die auftauchten, bestätigten mir nochmals, was ich schon wusste: ich lebte als Kind in einem Traum. So ist es lieber Freund: alles was ich in meinem Leben gedacht und geschrieben habe, ist eine Verarbeitung dieser kindlichen Träume. Ich habe nie etwas gedacht, was ich als Kind nicht schon geträumt hatte.

Am späten Nachmittag habe ich mich an die Stelle gewagt, wo damals der Leichnam meines Vaters gefunden wurde. Die kennst die Geschichte: er wurde – ich war zehn Jahre alt – wegen seiner Beziehung zu den Medicis in Firenze umgebracht. Wo seine Feinde ihn ermordet haben, ist nicht bekannt, die Stelle wo sie seinen Leichnam entsorgt haben, aber schon. Sie haben ihn unten bei der Stadtmauer in eine Quelle geworfen, gerade dort, wo ich als Kind immer wieder vorbei kam, wenn ich nach Hause wollte.

Ich hatte heute den Mut, mir die Stelle anzuschauen. Sie sah verlassen aus. Über dem quadratischen Loch, etwa zwei Mal zwei Meter, wachsen Buchse, die wie Arkaden über dem regungslosen Wasser stehen und es bedecken. Ich weiß noch, dass ich damals als Kind am Abend in das tiefe und dunkle Wasser schaute, um die ersten Sterne gespiegelt zu sehen. Heute wurde nichts gespiegelt – als ich mich nach vorne beugte – auch nicht mein Gesicht. Mir schien es so zu sein, dass die Quelle ihre Augen definitiv verschlossen hatte.

Du weißt, wie es damals weiter gegangen ist. Ich wurde nach Firenze geschickt und in der Familie von Lorenzo de Medici aufgenommen. Dort lernte ich die griechische Sprache kennen und übersetzte schon als Jugendlicher Fragmente aus den Werken von Homer. Marsilio Ficino und Christopher Landino wurden meine Lehrer. Sie führten mich in die Philosophie der Antike ein – vor allem in die Denkweise Platons, obwohl ich innerlich eher bei Aristoteles zu Hause war. Später wurde ich beauftragt, die Erziehung von Giulio, Piero und Giovanni, den Söhnen von Lorenzo und Clarissa, in die Hand zu nehmen.

Ich habe damals die schrecklichen Ereignisse mit meinem Vater schnell vergessen, so, als ob sie gar nicht zu meinem Leben gehörten. Sein Tod wurde in mir zu einem Loch, das zugewachsen ist. Im Nachhinein muss ich aber feststellen, dass dieses Loch mein ganzes weiteres Leben, mein Denken und mein Dichten grundsätzlich bestimmt hat. Alleine meine Neigung zum aristotelischen Denken und meine Abwehr gegen die im Träumen verankerte Sichtweise von Platon – ach, wie sehr hat Marsilio sich immer wieder geärgert! – lag in der Tatsache begründet, dass für mich der Schreck des Todes immer und überall lauert. Ist Aristoteles letztendlich nicht der große Philosoph des Todes?

Ich wollte nie ein Philosoph sein. Ich wollte mich, ohne es zu wissen, durch den Tod meines Vaters zu den Träumen meiner Kindheit zurück arbeiten, aber so, dass die poetischen Bilder rückwärts durch das Nadelöhr des Todes reifen konnten. Ich wollte, lieber Pico, als Dichter die Träume meiner Jugend im Lichte des Todes überprüfen. Und so verstand ich auch die Werke Homers: sie stellen die Frage der Katastrophe. Wenn Troja gefallen ist und die Helden tot sind, welche Bedeutung haben die Ereignisse dann im Nachhinein?

Als ich heute am frühen Abend an dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin, vorbei ging und das Fenster meines Schlafzimmers sah, brach mein Herz. Jeden Morgen hing ich damals aufgeregt aus dem Fenster, danach verlangend, mich in den Tag hinein zu begeben. Wie unschuldig, hoffnungsvoll und unbefangen sind wir als Kinder! Und wie weit entfernen wir uns als Erwachsene von dieser spontanen Freude? Liegt in dieser Frage nicht die eigentliche Aufgabe der Poesie und der Philosophie: Was sagt die Kindheit eigentlich über die Natur des Menschen aus? Welche Bedeutung-für-sich, ich meine: nicht nur als „Vorbereitung“, sondern als „Zustand“, hat die Kindheit zwischen Geburt und Tod? Oder anders gesagt: was aus der Kindheit ist deutlich stärker als der Tod?

Ich war noch in Gedanken versunken, als die Seitentür des Hauses sich öffnete, dort, wo damals das Getreide in den Speicher gebracht wurde. Eine alte Frau erschien, ich erkannt sie sofort als unsere Köchin. Verwirrt drehte ich mich um, machte ein paar Schritte und hörte sie dann sagen: „Angelo? Angelo? Bist du es?“ Ich wendete mich zu ihr und sagte: „Ja, Lucia, ich bin es...“ Sie kam auf mich zu, schaute mir in die Augen und sagte: „Ja, du bist es! Ich sehe es in deinen traurigen Augen.“ Und sie wies auf die alte Bank an der anderen Seite der Straße und sagte: „Komm, erzähl mir von Firenze!“

04.12.2009

Brief von Angelo Poliziano an Piero de Medici im Jahr 1493

An Piero, den Unglücklichen

Kleiner, ich legte meine Hand auf deine Haut und sah aus dem Braun deiner Augen den weißesten Blick nach oben schießen, weit an mir vorüber. Ich ahnte nicht, dass sich in einem Körper soviel verletztes Bewusstsein versteckt haben konnte, und soviel Sehnsucht. Kleiner, was ist ein Kind?

Heute ging ich wieder die schmalen Pfade meiner Jugend entlang, zwischen Montepulcianos Baumgärten, auf dem Weg nach Hause. Jeder Schritt verdunkelte meine Seele, denn im dunklen Haus meines Vaters, wie ich jetzt weiß, dass ich damals empfand, lebte schon der Schatten seines Mörders.

Der Tod war schon lange bevor mein Vater starb da. Er lebte in meines Vaters Angst vor der Einsamkeit, in der Angst auch vor der Liebe, die in ihm war. Ich wusste, wie es auch dieses Mal gehen würde: ich würde die große Türe langsam aufziehen und die Kühle des Marmors in der Halle spüren, und meine Mutter würde rufen, dass mein Vater auf mich wartete, schon ganz lange wartete, und jetzt weiß ich, dass ich die Frage spürte: auf wen wartete er eigentlich? Auf mich, Angelo? Auf sein Kind? Oder auf etwas, das es nicht wirklich gab und nur in seinen Erwartungen lebte?

Ja, Kleiner, was ist ein Kind? Ich glaube, du warst das erste Kind, das ich sah, als ich meine Hand auf deine Haut legte und diesen Blick hoch schießen sah, fast wie ein Fisch aus einem Dunkel, in dem ich kein Leben vermutete. Ich berührte dich, sonst nichts. Aber es ist wahr: ich berührte dich wirklich. Ich spürte deine Haut an der meinen, eine sich sehnende Haut, eine fiebernde Haut, eine unglückliche Haut…

Aber was ist Haut? Haut ist die Außenseite einer Innenseite, eine empfindliche Schale um eine noch empfindlichere Frucht. Haut ist Innenseite, die zur Außenseite geworden ist, ohne die Beziehung zur Innenseite verloren zu haben. Die Haut weiß noch, was sie einmal war: empfindsame Zusammenziehung. Du, Kleiner, mit deiner schaudernden Haut im Regen, mit deinen Augen, die immer wieder wanderten, um zu sehen, ob zufällig dein Vater, der Gelobte, in den Garten hinein käme um schließlich das Pferdchen zu bringen.

Wusste dein Vater aber, was ein Kind ist? Nein, er wusste es nicht. Und gerade dadurch, dass ich es jetzt verstehe, denn ich liebte deinen Vater wie sonst keinen, sehne ich mich nach dir mit einem Herzen, das im Zerbrechen ist. Ich sehne mich nach deiner Haut, nach deinem Blick, nach deinen Augen, und ich möchte, dass ich mit meiner Hand aufs Neue das Kind wachrufen könnte, das in dir versteckt lag.

Daran musste ich heute denken, als ich die schmalen Pfade meiner Jugend entlang lief, auf dem Wege zu dem Haus, das es nicht mehr gibt. Kleiner Unglücklicher, ich denke an dich und verstehe die Welt nicht mehr.
Dein Angelo

06.04.2009

Die unvollendete Mission von Pico della Mirandola. Über einen Frühling

Der Humanist & Philosoph Pico della Mirandola gehört zu den historischen Gestalten, die mich immer wieder stark berühren. Sein Leben und seine Arbeit stehen wie große Fragezeichen im Strom der Zeit. Und immer, wenn er in meiner Aufmerksamkeit auftaucht, scheint er zu sagen: „Vergiss bitte mein Rätsel nicht!“

Direkt an seiner Seite erscheint auch immer sein Freund & Geliebter Angelo Poliziano. Er war ein Dichter, der kein Philosoph sein wollte, weil ihm die Schönheit vertrauter war als die Wahrheit; und weil er meinte, dass er sowieso nicht im Stande wäre, philosophisch auf gleiche Augenhöhe mit seinem zehn Jahre jüngeren Freund Giovanni zu kommen.

Beide sind in Florenz kurz nacheinander gestorben: erst Poliziano im September 1494, dann Pico kaum zwei Monate später, einunddreißig Jahre alt. Man hat wohl gemeint, Pico wäre seinem Freund Angelo „nachgestorben“. Erst letztes Jahr, 2008 also, haben italienische Forensiker einwandfrei festgestellt, dass beide ermordet worden sind. Nach mehr als fünfhundert Jahren wurden hohe Dosen Arsen in ihren Gebeinen gefunden.

Das Leben Pico della Mirandolas ist als ein gewaltiger Versuch des Strahlens zu verstehen. Er wollte Licht & Vertrauen & Energie in das trübe Denken seines Zeitalters bringen. Er meinte, dass die damaligen Kämpfe zwischen Platonikern & Aristotelikern auf einem Missverständnis beruhen würden. In seinen 900 Thesen, die er 1486 verfasst hat, wollte er eine Art Synthese von allen großen Wahrheiten aus den verschiedenen Religionen und Philosophien darstellen.

Seine dritte These lautet: „Homo est homo“ – ein bisschen locker übersetzt heißt das: „Der Mensch ist die finale Ursache des Menschen.“ Mit diesem Satz wurde die Grundidee des Humanismus ergriffen.

Über seine philosophischen Beiträge hinaus war auch seine Erscheinung strahlend schön. Seine Zeitgenossen berichten davon, dass Pico – er war körperlich groß, hatte eine enorme Nase & lange lockige Haare – immer die Aufmerksamkeit seiner Mitmenschen auf sich zog. In seinem menschlichen Verhalten schien er die Verkörperung des humanistischen Menschenbildes darzustellen.

Pico hatte vor, seine 900 Thesen öffentlich in Rom zu verteidigen. Der damalige Papst aber, Innozenz VIII, erklärte Pico zum Ketzer – dreizehn seiner Thesen wurden als häretisch verurteilt. Und damit war die Sache gelaufen. Pico musste auf seinen Vorsatz verzichten & sah sich gezwungen, den liberalen Schutz von Lorenzo de Medici in Florenz zu suchen.

Die einleitende Rede die er in Rom halten wollte, ist unter dem Titel „Über die Würde des Menschen“ berühmt geworden. In diesem Text schreibt er: „Möge unsere Seele vom heiligen Ehrgeiz ergriffen werden, nichts Mittelmäßiges anzustreben, sondern das Höchste zu ersehnen und mit aller Kraft uns anzustrengen, dies zu erreichen. Denn wir können es, wenn wir es nur wollen!“ (Yes, we can!) Pico begriff den Menschen als einen Gott der Freiheit & als einen Bildhauer des eigenen Lebens. Er stellte den Menschen auf eigene Beine, ohne erst Gott töten zu müssen – so wie Nietzsche.

Pico wurde also erst als Ketzer zu einem Außenstehenden degradiert, dann wurde er ermordet. Nach seinem Tod aber war der Widerstand gegen seine Mission nicht vorbei. In seinem Buch „Syncretism in the West: Pico´s 900 Thesen“ macht S. A. Farmer glaubhaft, dass Picos Neffe Gianfrancesco Pico, die letzten Texte seines Onkels „überarbeitet“ hat, dass heißt: so geändert hat, dass man meinen könnte, Pico wäre am Ende seines Lebens ein Anhänger des Anti-Humanisten Savonarola geworden.

Die Mission von Pico della Mirandola blieb unvollendet. Die Vehemenz seiner Widersacher macht deutlich, wie wichtig seine Mission war. Und es ist eigentlich nicht so schwierig, sich vorzustellen, was geschehen wäre, wenn er seine Arbeit zur Ende hätte bringen können. Er hätte nämlich gedanklich-philosophisch das Spielfeld der Renaissance beschrieben. Die großen Arbeiten von Raffael & Michelangelo & Leonardo, die erst nach dem Tod von Pico entstanden sind, hätten eine gedankliche Einbettung gehabt. Anders gesagt: die Mission von Pico hätte dazu geführt, dass die Renaissance nicht nur eine künstlerische Sache geblieben wäre.

Wenn wir heute an die Renaissance denken, denken wir vor allem an Kunst. Für Pico und seine Freunde Poliziano & Lorenzo war die Renaissance aber die Geburt eines Menschenbildes, das bis in das soziale & religiöse & politische & finanzielle Leben wirken sollte. An dieser Stelle ist ein Vergleich mit Joseph Beuys hilfreich: er sprach ja von einer „sozialen Plastik“ - das Prinzip der Kunst wurde von ihm über alle Aspekte des Lebens erweitert.

Hinter die Wolken strahlt noch immer die Sonne von Pico della Mirandola. Manchmal entsteht da oben plötzlich eine Öffnung – und was dann kommt, nennen wir noch immer „primavera“. Richtig erstaunlich ist, dass nach mehr als fünfhundert Jahren, dieser Frühling noch genauso zerbrechlich & fragil & glitzernd ist. Manchmal denke ich: die Mission von Pico hat gerade erst angefangen.

Mit Dank an Sophie Pannitschka