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29.06.2009

Die Bedeutung der Dinge. Über Autoreifen, Trambahnen und Feuerzeuge

Amares im Stadtwald von Köln ist ein Ort für Kinder. Drei Leitsätze machen das Leben mit den Kindern bei Amares aus: Räume schaffen, Zeit geben & dabei sein. Die Erzieherinnen & Pädagoginnen von Amares lassen sich durch pädagogische Denker, wie Loris Malaguzzi, Rudolf Steiner, Janusz Korczak & Henning Köhler inspirieren. Ihr Anliegen ist es vor allem, der unerschöpflichen Neugier & dem Tatendrang & den Gestaltungsfähigkeiten der Kinder eine Gelegenheit zu geben, sich zu entfalten.

Bei Amares gibt es eine Gruppe von etwa zehn Kindern unter drei Jahren. Ab August kommt eine zweite Gruppe dazu: etwa fünfzehn Kinder ab drei Jahren. Die Behörden der Stadt Köln scheinen Amares zu mögen. Obwohl die Wünsche von Amares sich manchmal ein bisschen quer zu den Regeln & Vorschriften & Gewohnheiten verhalten, benehmen die Beamten sich klüngel-technisch gesehen sehr entgegenkommend.

Amares hat seine Unterkunft in einem ehemaligen Betriebshof der Stadt Köln gefunden. Das kleine Gebäude & die offenen Garagen & die Mauer umrahmen den Hof – und mitten auf dem Gelände steht eine Linde, die gerade in den letzten Wochen üppig geblüht hat. Sie scheint mir die Wächterin von Amares zu sein, weil sie optisch gesehen Raum schafft, schweigend die Zeit vertritt & dazu noch voll dabei ist. Ohne die Linde läuft bei Amares gar nichts.

Rings um die Linde & in den Garagen liegt überall etwas... Kram, Sachen, Dinge, Zeug... Fast hätte ich geschrieben: Spielzeug. Eine der Mitarbeiterinnen hat vor ein paar Wochen eine Liste von vorhandenem Zeug gemacht & weil ich verwirrende Listen (das habe ich ja von Michel Foucault gelernt) über alles mag, zähle ich in diesem Weblog gnadenlos auf was dazugehört:

Puppen. Bücher. Autos. Parkhaus. Töpfe. Holzgarage. Wolltiere. Holztiere. Filzbälle. Puzzles. Matratzen. Schaufeln. Besen. Hacken. Gießkannen. Eimer. Teller. Siebe. Rohre. Bollerwagen. Roller. Fahrräder. Fahrzeuge. Kinderwagen. Kleider. Werkzeuge. Filmdosen. Wasserhahn. Schläuche. Papier. Scheren. Pinsel. Kreiden. Farben. Fingerfarben. Knöpfe. Becher. Ton. Steine. Stöcke. Tafeln. Autoreifen. Nähkisten. Wolle. Klopapierrollen. Murmeln. Murmelbahn.

(Liebe/r Leser/in, seid bitte so nett & merkt euch die Unmerkbarkeit dieser wunderbaren Liste! Diese Liste zu verstehen, heißt die Welt zu verstehen.)

Für heute interessiert mich gar nicht die Frage, was die Kinder mit den Eimern & Büchern & Holztieren & Stöcken & Schläuchen & Filmdosen machen. (Es heißt, wie bekannt, dass sie damit spielen.) Mir geht es heute um die umgekehrte Frage: was machen die Puppen & Röhren & Murmeln & Autoreifen mit den ganz kleine Kindern? Oder anders gesagt: welche Bedeutung haben die Gegenstände für die Kinder?

Für kleine Kinder gibt es keine Gegenstände. Sie existieren einfach nicht. So etwas Komisches wie: hier bin ich & dort ist die Puppe, gibt es in der Welt der kleinen Kinder nicht. Den Akt der Gegenstands-Schöpfung haben die Kinder noch nicht vollzogen – sie schwimmen & schweben & tanzen in die Dingen, wie ich in der wunderbaren Liste schwimme. Es ist übrigens ein Fehler zu denken, dass die kleinen Kinder die Dinge „noch nicht“ kennen. Auch so etwas Komisches wie „noch nicht“ kennen die Kinder „noch“ nicht.

Der große schwarze Autoreifen macht das Kind schwarz & rund & kautschukisch. Der große schwarze Autoreifen kann ja alles sein: ein Bett, ein Haus, ein Nest, ein Topf, eine Tür... Der große schwarze Autoreifen kann sich mit allem möglichen zusammen tun: mit Tüchern, Papieren, Stöcken, Steinen, Wasser, einer Röhre... Und was dann entsteht, ist ja gar kein Ding mehr, sondern ein Geschehen, ein Ereignis, ein Event. Der große schwarze Autoreifen ist nicht einmal „multi-funktionell“ (klingt ja fast „pädagogisch“), weil die Liste der möglichen Funktionen unbegrenzt ist.

Ein altes Wort für Versammlung ist „Ding“. Ein Ding war vor tausend Jahren noch ein Event, ein Zusammenkommen in einem Zentrum von Menschen aus einer weiten Peripherie. (Das Parlament in Norwegen heißt noch immer „Ting“.) Und die Kinder erleben es jeden Tag: nicht die kulturelle Bestimmung der Funktionen (mit einem Löffel soll man essen) macht die Dinge aus, sondern ihre Umgebung, ihre Aura, ihr sich zusammenziehender Umkreis. Für die kleinen Kinder sind die Gegenstände ständig im Kommen.

Und sie berühren uns im Kommen. Aber was machen diesbezüglich die Dinge mit uns? In einem Text über Puppen schreibt Rainer Maria Rilke über eine kleine Trambahn: „[...] Du, überzeugte Seele der Trambahn, die in uns fast überhandnehmen konnte, wenn wir nur mit einigem Glauben an unsere Wagen-Natur in der Stube herumfuhren.“ Räume schaffen heißt also auch: Innenräume öffnen & bewegen & gestalten.

Wenn wir „glauben“ gibt es diesbezüglich gar keinen Unterschied zwischen Kindern & Erwachsenen. Wenn die kleine Helena mich fragt, ob sie ein Feuerzeug entzünden darf (sie kann es leider nicht so gut & braucht dringend Hilfe dafür, was sie gerne zulässt) schaut sie auf die Flamme und spürt wie die Flamme sich in ihrem „Innenraum“ entzündet. Helena ist dann Flamme. Das billige BIC- Feuerzeug erzeugt ein Flammen-Erzeugen-in-ihr.

Wir Erwachsenen sind nicht mehr so dabei. Wir Erwachsenen meinen, dass der schwarze Autoreifen eigentlich ausgedient hat & jetzt nur noch ein Spielzeug ist. Für den Autoreifen fängt das richtige Leben aber erst nach seinem funktionellen Tod an. Er liegt auf dem Hof & macht lachend mit.

Mit Dank an Sophie Pannitschka

22.06.2009

Vom Wind weggepustet werden? Über die kleine Esmeralda

Ich komme nicht darum umhin, sie für heute, in meiner Welt der Worte, Esmeralda zu nennen. In der Wirklichkeit, außerhalb meiner Worte heißt sie ja anders, nein, nicht ganz anders, ich würde sagen: ein bisschen anders – aber eben anders. Warum sie heute Esmeralda heißen soll, weiß ich nicht so ganz genau. Als ich mir aber vornahm diesen Text zu schreiben, meldete sich für sie einfach dieser edle & schöne & doch auch ein bisschen düstere Name bei mir.

Esmeralda also. Ich kenne sie nicht, dass heißt: ich habe sie nicht mit eigenen Augen gesehen. Ein paar Freunde haben aber gerührt & aufgeregt & staunend über sie erzählt – und über diese Erzählungen ist Esmeralda irgendwie bei mir eingetroffen. Sie geht in mir herum, stiftet eine wunderbare Unruhe, bewegt Fragen & erweckt Aufmerksamkeit.

Esmeralda ist noch nicht einmal vier Jahre alt. Für ihr Alter ist sie – laut den Erzählungen – eher ein bisschen zu groß, nicht richtig zu groß, aber doch zu groß. Sie steht unsicher auf ihren Füßen, so, als ob sie sich das Gehen nicht so ganz zutraut. Sie scheint so zu wirken, als ob sie bodenlose Fragen hat - über alles, was mit dem Boden zu tun hat. Dass die Erde uns ein fußfestes Fundament bietet, ist Esmeralda offensichtlich nicht bekannt. (Oder weiß sie etwas, was wir nicht wissen?)

Einer der Freunde erzählte: „Esmeralda kriegt viel mit, sie sieht alles, fühlt sich von hundert kleinen Ereignissen wie belagert. Sie bemerkt jeden Vogel, der vorbei fliegt...“ Es sieht also so aus, als ob die kleinen Ereignisse für Esmeralda irgendwie groß & bedeutend sind. Ja, natürlich, alle Kinder erleben das Große in dem sogenannten Kleinen, längst nicht alle fühlen sich davon aber belagert. Liegt ihr Problem darin, dass ihre Füße zu unsicher sind? Oder sind ihre Augen & Ohren einfach zu groß, zu offen, zu sensibel?

Esmeralda ist aber, wegen einer ganz bestimmten Aussage, die sie irgendwann einmal gemacht hat, bei mir eingetroffen. Als sie einmal im Wald auf einer großen Wiese war, sagte sie zu ihrer Mutter: „Ich habe Angst davor, vom Wind weggepustet zu werden“. Ihre Mutter erzählte später meinen Freunden, dass Esmeralda öfters von dieser Angst spricht. „Ihr habt keine Idee davon, was wir diesbezüglich mit ihr schon erlebt haben. Wir waren mal in Holland bei den Windmühlen... Meine Tochter hat richtig Angst vor Wind.“

Was liegt hier vor? Ich weiß es nicht. Ich kenne Esmeralda nicht einmal persönlich & wüsste außerdem nicht, welche psychologischen Einsichten an dieser Stelle relevant oder hilfreich wären. Mich trifft aber diese unbegründete Angst vor dem Wind. Irgendetwas in mir versteht diese Angst durch & durch, so, als ob ich etwas weiß, was offensichtlich auch Esmeralda weiß.

Was ist Wind? Als erstes fällt mir ein Gedicht von Percy Bysshe Shelley ein, Ode to the West Wind. Der englische Romantiker spricht von der „unseen presence“ (unsichtbaren Anwesenheit) des Windes, der die toten Blätter vor sich her treibt: „Wild Spirit, which art moving everywhere;/ Destroyer and preserver;“ Der Westwind heißt bei Shelley „der Vernichter“, weil er alles was sich in seiner Gewalt nicht halten kann, zum Tode führt.

Und ich denke an Gerrit Achterberg, den holländischen Dichter, der sich genau wie Esmeralda & Shelley von den hundert Ereignissen-jede-Stunde immer wieder angesprochen fühlt. In seinem Gedicht „Hulshorst“ beschreibt er, wie der Bummelzug, in dem er sitzt, in Hulshorst – einem Dorf auf der Veluwe – „mit einem gottverlassenen Knarren“ anhält, und „niemanden heraus, niemanden herein lässt“... und wo er für ein paar Minuten ein „wenig Wehen“ hört...

Gerrit Achterberg im Original: „O minuten/ dat ik hoor het weinig waaien/ als een oeroude legende/ uit uw bossen: barse bende/ rovers, rans en ruw/ uit het witte veluwhart.“ Auf Deutsch müsste das mehr oder weniger heißen: Oh Minuten/ dass ich das wenige Wehen höre / wie eine uralte Legende/ aus ihren Wäldern: harsche Bande/ Räuber, ranzig und roh/ aus dem weißen Veluwherz.“

Achterberg versteht in diesem Gedicht den Wind als eine Art Medium. Über den Wind bekommt er Zugang zur Ortsgeschichte. Er „hört“ eine uralte Legende von Räubern, die mitten in der Veluwe (heißt: „gelbe Aue“) offensichtlich herumgetobt haben. (Das Herz der Veluwe ist laut Achterberg nicht strahlend gelb, so wie man das vielleicht erwarten dürfte, sondern weiß.) Aus dem Gedicht geht klar hervor, dass der Wind spricht.

Was ist Wind? Er ist unsichtbar – wir spüren seine Wirkungen aber mit unseren Augen & unseren Ohren & unserer Haut. Der Wind kann zart sein, wie ein Hauch, oder gewaltig, wie ein Stürmen. Aber ob leise oder gewaltig: der Wind bringt etwas in Bewegung. Vom Geist wird gesagt, dass er wie der Wind weht... Und der Wind raunt von alten Zeiten. Schon die alten irischen Barden standen am Meer und hörten in dem gewaltigen Wehen & Wenden & Blasen & Dröhnen & Toben des atlantischen Windes eine uralte Geschichte vom Vergehen & Untergehen.

Die Angst von Esmeralda, dass sie durch den Wind weggepustet werden könnte, ist physisch gesprochen unbegründet. Und klar: es wird bestimmt einen Moment geben, wo sie das verstehen wird & ihre Angst überwinden kann. Die Angst wird aber auf einmal nachvollziehbar, wenn man den Wind als ein poetisches Geschehen versteht, das von Tiefen & Höhen & Weiten einer unsichtbaren Welt erzählt.

23.05.2008

Das kleine Kind. Über das Selbst und Schicksalsflechtwerken

Wie können Tagesstätten-für-Kinder-unter-drei zu Orten einer Kultur des Herzens werden? In meinem letzen Blogbeitrag über das kleine Kind habe ich versucht, etwas über die physischen Räumlichkeiten einer Kindertagesstätte zu sagen (siehe 9.5.2008). Heute möchte ich versuchen, den sozialen Raum zu beleuchten.

Das kleine Kind ist eingebettet in eine soziale und familiäre Umgebung. Es gibt eine Mutter, einen Vater (oder nicht), Geschwister, die Großeltern, Onkel, Tanten und Cousinen – die Blutsverwandten also; und es gibt Paten, Bekannte, Freunde und Nachbarn – die sozialen Verwandten.

Oft wird eine Kindertagesstätte als Ersatz für die Familie gehalten. Mit dieser Vorstellung wird das Kind „abgegeben“, was impliziert, dass das Kind eigentlich zu Hause bleiben sollte; weil die Mutter aber arbeiten möchte, werden professionelle Tagesmütter und Erzieherinnen gesucht und bezahlt um das Kind zu betreuen. Diese Art und Weise über Kindertagesstätten zu denken, bleibt meistens unbewusst. Sie kreiert aber spontan eine Kluft zwischen der unmittelbaren Lebensumgebung des Kindes und dem Ort wo es „betreut“ wird.

Und weil der Staat sich in Bezug auf die Einrichtung von Kindertagesstätten stark einbringt und einmischt, entstehen im Sinne von Michel Foucault gesellschaftliche Institutionen, die nicht nur auf die Bedürfnisse der Kinder schauen, sondern auch die Ordnung der Gesellschaft bewahren. Kindertagesstätten stehen damit zwangsläufig in der massiven europäischen Tradition von Schulen, Kliniken und Gefängnissen. Das hierarchische Überwachungssystem dieser Tradition wird unbewusst übernommen.

Die Erziehung & Begleitung & Betreuung von Kindern ist aber prinzipiell eine private Angelegenheit. Die Eltern und nur die Eltern haben an dieser Stelle das Sagen. Ich meine, das dieses Sagen durch alle Beteiligten – Staat, Eltern, Verwandte, Bekannte – nicht ernst ergriffen wird. Gerade die Debatte über das kleine Kind macht deutlich, das etwas grundsätzlich aus dem Ruder gelaufen ist. Sobald die Eltern meinen, dass ihr Kind tagsüber nicht mehr zu Hause bleiben soll, tritt der Staat kräftig in Erscheinung, so wie das vorher schon mit Schulen und Kindergärten der Fall war. Das professionelle und institutionelle System wird automatisch nach vorne geschoben, bis an die Schwelle der Geburt.

Die Schwelle der Geburt ist aber eine richtige Bewusstseinswand. Je näher man rückwärts an die Geburt heran kommt, umso schwieriger es wird, das System der Steuerung & Rationalisierung aufrecht zu erhalten. In dem kleinen Kind wirkt das reine, noch nicht subjektivierte Selbst – das heißt, dass kleine Kind ist un(an)greifbar. In unserer Gesellschaft fällt der Unterschied zwischen Subjekt und Selbst haargenau mit dem Unterschied zwischen öffentlich und privat zusammen. Für die öffentliche Gesellschaft gibt es kein Selbst, weil so etwas rechtlich nicht zu definieren ist; wenn es um das Selbst geht, ist der Staat per definitionem ungeschickt.

Wenn man sich der Schwelle der Geburt annähert – und ich meine, dass gerade das zur Zeit in der Gesellschaft geschieht – hört man entweder auf zu denken, oder man steigert sein Denken ins Spirituelle. Die Frage, die an der Schwelle der Geburt gilt, lautet: wie wird man dem Selbst des Kindes gerecht? Oder in der Sprache des Alltags: wie kann man das kleine Kind in seiner Offenheit & Unvorsehbarkeit & absolutistischen Lernfähigkeit einerseits schützen, und anderseits aber Freiräume entstehen lassen?

Mir scheint ein wichtiger Schritt in dieser Richtung zu sein, dass die Kindertagesstätten gerade nicht als Ersatz verstanden werden. Die Kindertagesstätten für Kinder unter drei könnten als Dynamisierung & Erweiterung der menschlichen Nähe aufgefasst werden. Ich meine, dass mit dieser Sichtweise zwei Aspekte verbunden sind.

Erstens: Das Schicksalsflechtwerk um das kleine Kind herum wird aktiviert & dynamisiert. Das heißt, dass die Eltern & Nachbarn & Freunde & Großeltern & Onkel & Tanten sich kräftig ehrenamtlich einbringen. Der kranke Onkel zum Beispiel, der gerne im Garten arbeitet, kommt zweimal in der Woche und legt Pflanzenbeete an. Und die arbeitslose Tante kocht Nudeln, macht einen Spaziergang mit den Kindern oder malt in der Ecke ein Bild.

Zweitens: Neben der (so genannten) pädagogischen Arbeit haben die professionellen Mitarbeiter (Erzieher, Pädagogen, Tagesmütter) eine soziale Aufgabe. Sie schauen auf das ganze Schicksalsflechtwerk der Kinder, laden beteiligte Menschen ein aktiv zu werden, organisieren und koordinieren Aktivitäten, planen und leiten Treffen, pflegen Beziehungen, und so weiter. Die Profis küssen die Prinzen und Prinzessinnen wach.

Es wäre eine Illusion zu denken, dass diese Vorgehensweise leichter (und billiger) wäre als die übliche systemorientierte. Das ist klar nicht der Fall. Die Eltern die sich auf diese Art und Weise als freie „Bürger“ zusammen tun und mit Hilfe der Profis einen Weg gehen wollen, kriegen mit intensiven Fragen zu tun. Weil gerade das Geheimnis des Selbst im Mittelpunkt steht, funktionieren Rezepte nicht. Die Tatsachen des Lebens müssen jeden Tag neu entdeckt & die Beziehungen zwischen den Beteiligten jedes Mal neu erlebt und verstanden werden.

So aber wächst ein Selbst nach dem anderen in die Welt hinein.

(Mit dank an Sophie Pannitschka)

09.05.2008

Das kleine Kind. Über Räume, Träume und Gegenstände.

In meinem Blog am 12.01.2008 habe ich etwas darüber geschrieben, dass in Kindergärten drei „Räume“ zu unterscheiden sind: ein physischer Raum, ein Raum in der Zeit und ein sozialer Raum.

Ich werde in den kommenden Wochen in meinen Blogbeiträgen versuchen die Frage anzugehen, wie die drei Räume für das Kind unter drei gestaltet werden könnten. Mir scheint diese Frage deswegen dringend zu sein, weil ich den Eindruck habe, dass das Denken über Tagesstätten für Kinder unter drei, stark von den Vorstellungen ausgeht, die in Bezug auf Kindergärten leben. Eine Kindertagesstätte scheint wie ein Kindergarten zu sein, der nur in der Zeit nach vorne verschoben ist.

Was aber für Kinder ab drei richtig ist, gilt nicht unbedingt für Kinder unter drei. Zwischen einem Kind von fünf und einem Kind von zwei Jahren liegen ja Welten. Das Denken über die Gestaltung der Tagesstätten für Kinder bis drei müsste beim Kind von null bis drei beginnen.

Ich fange mit dem ersten Raum an, dem physischen. Dabei lasse ich mich durch Henning Köhler inspirieren. In seinem Integrationskurs – das in Zusammenarbeit mit dem Kölner Seminar für Waldorfpädagogik stattfindet – hat er letztes Wochenende über eine „spirituelle Entwicklungspsychologie“ gesprochen. Ausführlich hat er die "Grundbedürfnisse" beschrieben, die in den ersten vier Lebensjahren des Kindes auf dem Vordergrund stehen. Mir wurde deutlich, dass seine Ausführungen interessante Konsequenzen für die Gestaltung der physischen Räume haben.

Ein kleines Kind ist völlig & völlig & völlig orientiert auf das sich Hineinleben in die Welt der Gegenständlichkeit. Seinem Wesen nach kennt das Kind die Wirklichkeit der Gegenstände gerade ganz und gar nicht. Das Kind ist von Gegenständlichkeit weit entfernt. Es „befindet“ sich träumend in einem undifferenzierten Zustand-des-Seins, in dem zum Beispiel Raum und Zeit keine Rolle spielen. Die inneren und äußeren „Bewegungen“ des kleinen Kindes sind völlig frei, ungezielt und ohne eine festgelegte Bedeutung.

Der französische Phänomenologe Maurice Merleau-Ponty spricht in diesem Zusammenhang aufschlussreich über Träume. Er meint, dass das kleine Kind „am Anfang seine Träume in die Dinge, seine Gedanken in die Anderen verlegt und mit diesen gleichsam einen gemeinsamen Lebensblock bildet, innerhalb dessen die verschiedenen Perspektiven sich noch nicht unterscheiden.“ (Und er meint dazu, dass diesbezüglich die Philosophie sich „dem Problem der Genese ihres eigenes Sinnes“ stellen muss.)1

Man kann das an kleinen Kindern beobachten. Wenn ein Kind auf einem Parkplatz aus dem Auto gehoben und auf seine wunderbar wackelig-stabilen Beine gestellt wird, befindet es sich nicht auf einem Parkplatz, sondern einfach in einem Raum. Es steht eine Weile in seinem Stehen, so wie ein Baum sich in seinem Stehen befindet, schaut herum ohne richtig zu schauen, und fängt dann „auf einmal“ an zu gehen. Das heißt, es bewegt seine Beine in eine unbestimmte Richtung – und „befindet“ sich einfach in seinem Gehen. Dann hört es „auf einmal“ auf zu gehen, plumpst charmant-elegant auf seinen Po, spürt, dass seine Hand „etwas“ berührt und bringt dieses „etwas“ selbstverständlich und wie in einem Traum an seinen Mund – ja, einen runden Stein genauso wie eine saftige Erdbeere.

(Der Vater ist aber schon dabei ihm den Stein abzunehmen, weil Steine auf Parkplätzen einen schlechten Ruf haben – es heißt, sie wären meistens nicht sauber. Das berühmte Reinheitsgebot in Deutschland hat sich mittlerweile über alle Aspekte des Lebens ausgebreitet.)

Was heißt das für die Einrichtung einer Tagesstätte für Kinder unter drei? Es heißt meines Erachtens erstens, dass es da Steine, Äste, Holzblöcke, Kastanien, Kieferzapfen, Wasser, Sand, Töpfe, ja, alte und robuste Schreibmaschinen, Lenkräder und Gießkannen aus Blech geben sollte. Und vieles anderes mehr. Es heißt zweitens, dass die Gegenstände sich frei, aber nicht unorganisiert im Raum befinden. Entscheidend scheint mir zu sein, dass die Kinder einerseits einen freien Zugang zu den Gegenständen haben, sich aber anderseits nicht in einem sinnlosen Chaos befinden. Vielleicht sind einfache, niedrige Regale hilfreich – möglich wäre aber auch eine Art Blume mit „Blüten“ zu gestalten: in eine Blüte die Steine, in eine andere die Äste, in noch eine andere Wasser, usw. In der Mitte könnte ein Kreis sein, in dem die Kinder sich frei bewegen können.

Etwas Drittes kommt aber dazu. Die Erwachsenen sind gerade NICHT da um die Kinder zu „betreuen“ oder eben zu „bewachen“. Die Erwachsenen sind für sich selber da, das heißt, sie machen ihr eigenes Ding. Ein Mann näht gerade eine Hose oder übt Gitarre, eine Frau schreibt einen Brief oder malt ein Bild oder drückt sich die Daumen. Die Erwachsenen sind tätig. Und die Kinder erleben, dass auch für die Erwachsenen das Leben und die Welt eine sinnvolle & spannende & höchst interessante Angelegenheit ist, genau so wie die vorhandenen Steine & Äste & Schreibmaschinen sinnvoll & spannend & interessant sind.

Ich behaupte, dass auf diese natürliche Art und Weise aus den Kindern intelligente & sorgsame & leidenschaftliche & kreative Naturwissenschaftler, Künstler, Unternehmer, Krankenschwestern, Gärtner und Journalisten werden. Nicht die Erwachsenen und auch nicht die implizit definierten Räumlichkeiten, sondern das Leben & die tausend Möglichkeiten werden zeigen, wozu die Kinder gemeint sind. Die Einrichtung des Raumes müsste erst mal auf dieser Ebene gerade keine Aussage machen, das heißt, dass im Prinzip alles Mögliche vorhanden ist.

Die Kinder werden in & aus & mit der Vielfalt sich selber gestalten.



1 Maurice Merleau-Ponty: Das Sichtbare und das Unsichtbare. München, 1986, Seite 28.

05.05.2008

Die Fragestellung der Kleinkindbetreuung ist sexy. Antwort an Michael Eggert

In seinem lesenswerten, oft sehr interessanten und ideologiefreien Blog (www.egoisten.de) reagiert Michael Eggert auf meine Behauptung, dass der gesellschaftliche Wunsch nach Kinderbetreuung in einer Sehnsucht nach anderen Lebensverhältnissen und anderen Beziehungen liegt. Eggert: „Ich denke, die primären Gründe sind schlicht das sinkende Realeinkommen von Familien, die ständig steigenden Anforderungen in den Berufen, aber auch die Gefahren des Abgleitens in den Berufen, bedingt auch durch ständige Umwälzungen darin. Die veränderten Lebenskonzepte und Rollen von Mann und Frau kommen nach meiner Beobachtung erst in zweiter Reihe.“

Michael Eggert macht also die Sache, wie das üblicherweise gemacht wird, an äußerlichen Umständen fest. Nun habe ich aber nicht gemeint zu sagen, dass diese Umstände keine Rolle spielen – sondern mein Anliegen ist es, vom „Kulturpessimismus“ (Eggert) weg zu kommen, der zwangsläufig entsteht, wenn Sehnsüchte ausgeklammert werden und das Handeln von Menschen als ein reines Reagieren auf materielle Parameter verstanden wird. Das heutige wissenschaftliche und politische Denken ist bis in alle Ecken durch diese Ansicht geprägt.

Menschen wollen immer etwas von-sich-aus, auch und vor allem wenn dieses Wollen gerade (noch) nicht in „veränderten Lebenskonzepten“ klar vor Augen steht. Es geht, so meine ich, gerade nicht um definierte Konzepte, sondern um Sehnsüchte. Eine Sehnsucht ist kein Konzept. Ein Konzept ist als solches mehr oder weniger bekannt und muss natürlich noch „umgesetzt“ werden; eine Sehnsucht ist aber auch ein Phänomen, dass mit Jacques Derrida immer wieder und immer wieder nur „im Kommen“ ist, so wie zum Beispiel auch die Freundschaft immer wieder nur „im Kommen“ ist.

Ich behaupte, dass die Fragestellung der Kinderbetreuung SEXY ist. Den Wunsch nach Kinderbetreuung an äußeren Umständen festzumachen, macht die Sache gerade dürr und trocken. Für etwas Saftiges wie Sehnsüchte & Willensrichtungen & Umwälzungen ist in dieser Sichtweise kein Platz. Und so ist es: die Fragestellung der Kleinkindbetreuung muss unter allen Umständen langweilig bleiben.

Michael Eggert nennt meine Sichtweise „pragmatisch“. Nun hatte das griechische „Pragma“ ursprünglich zwei Bedeutungen: Sache und Handlung. Wenn Eggert die zweite Bedeutung im Auge hat, bin ich einverstanden. Mich interessiert brennend, warum Menschen handeln wie sie handeln. Der Gedanke, dass Menschen handeln wie sie handeln, weil sie bestimmte Konzepte im Kopf haben, scheint mir den Ungeist-per-se zu repräsentieren. Was Menschen denken ist in der Regel weniger aufschlussreich, als was Menschen tun.

So etwas wie „reine“ Umstände gibt es im gesellschaftlichen Sinne nicht. In dem, was wir reine Umstände nennen (Karl Marx hat ja das ganze Leben auf reine Umstände reduziert – ich behaupte: in Europa wird zur Zeit marxistisch gedacht), lebt gewollter Widerstand und verborgene Innerlichkeit. Wir akzeptieren zum Beispiel kollektiv, dass jede Person das Recht oder eben die Pflicht hat, ihr Leben auf allen Ebenen in die Hand zu nehmen: kulturell, sozial-politisch und wirtschaftlich. Das Selbstbild – oder vielleicht besser gesagt: die Vorstellung der eigenen Biographie – kriegt dadurch eine völlig andere Bedeutung.

Die Schattenseite ist klar und heißt: jeder für sich und Gott gegen alle (Werner Herzog). Nicht nur die Götter ziehen sich zurück, sondern, auf der wirtschaftlichen Ebene auch der Staat. Die Lichtseite gibt es aber auch, und sie heißt: jeder Mensch ist der Künstler & der Unternehmer seiner Biographie. Ich meine, dass die gesellschaftlichen Veränderungen nur zu verstehen sind, wenn die Sehnsucht nach biographischer Identität bei Müttern & Vätern & Kindern & Freunden & Erziehern als verborgener Drahtzieher anerkannt wird.

Mit Dank an Sophie Pannitschka

Text von Michael Eggert: http://www.egoisten.de/files/kleinkinder.html


12.04.2008

Für das kleine Kind. Orte der Freiheit

Was ansteht, ist also die Frage: wie können kleine und sogar sehr kleine Kinder tagsüber außerhalb die Familie versorgt & begleitet werden? Wie könnte ein anthroposophischer Ansatz diesbezüglich aussehen?

Erster Gedanke. Die Mütter und Väter können nach wie vor die Verantwortung für die Gestaltung selbst in die Hand nehmen. In einem Stadtviertel von Hamburg oder Freiburg oder Siegen könnten sich Mütter & Väter & Großmütter & Großväter & Onkel & Tanten & Freunde dieser Aufgabe gemeinsam stellen. Im Grunde genommen wird dazu nichts anderes gebraucht als Räumlichkeiten & Zeitlichkeiten & Menschen. Ich würde die sozialen Knotenpunkte, die auf diese Art und Weise entstehen, als Bausteine einer Kultur des Herzens verstehen.

Solche freien Initiativen öffnen sich einerseits für alles Mögliche, grenzen sich aber gleichzeitig klar ab, vor allem vom Staat. Aus meiner Sicht hat der Staat ganz und gar nichts mit der Aufgabe zu tun, dem Eintritt des Kindes in das Leben und die Gesellschaft eine Form zu geben. Der Staat hat diesbezüglich die Aufgabe, die Liebe zur freien Tat zu schützen. Gerechtigkeit – was ja das Hauptanliegen des Staates sein müsste – heißt an dieser Stelle: die Gleichheit zur Freiheit zu gewährleisten.

Zweiter Gedanke. Freie Initiativen brauchen keine vorgefertigten Konzepte. Die immer wieder und überall auftauchende Vorstellung, dass es eine einheitliche Methode geben müsse, die beschreibt, wie Waldorfkindertagesstätten auszusehen haben, müsste demontiert und aufgeräumt werden. Ein anthroposophischer Ansatz liegt in dem Leitprinzip der Begegnung. Die Mütter & Väter & Großmütter & Großväter & Onkel & Tanten & Freunde können sich gemeinsam auf einen Weg begeben und erstens versuchen, die Ahnungen & Sehnsüchte in klare Begriffe zu fassen, und zweitens sich darum bemühen, auf Grund der gewonnenen Einsichten Vorsätze zu formulieren und Entscheidungen zu treffen.

Das „Konzept“ in Hamburg wird sich aus der Begegnung der Hamburger heraus kristallisieren und deswegen einen anderen Ton haben, als die Ansätze in Würzburg und Duisburg. Die lokalen Initiativen werden eigensinnig & stolz & strahlend auf eine eigene Art und Weise auf die zwei Pfeiler der anthroposophischen Pädagogik bauen: das Schicksal der Beteiligten und das anthroposophische Menschenbild. Das erhabene Spiel zwischen (meistens noch) verborgenen Willensrichtungen und geistigen Erkenntnissen wird das Herz der Sache ausmachen.

Dritter Gedanke. Aus dem Vorangehenden geht hervor, das die Initiativnehmer sich – wie leider in westlichen Ländern üblich – gerade nicht von Anfang an auf Satzungen & Gesetze & Rahmenbedingungen stürzen. Die Welt der Gesetze soll erst dann ins Auge gefasst werden, wenn eine anfängliche Klarheit in Bezug auf das eigene Wollen erlangt ist. Man könnte es auch so formulieren: erst wenn eine Schicksalsgemeinschaft sich auch wirklich als „Gemeinschaft“ erfährt (das heißt: sich über eine gemeinsame Geschichte und eine gemeinsame Zukunft definiert), kann die Begegnung mit der gewordenen Vergangenheitswelt-der-Gesetze angegangen werden.

Ein naiver Sprung in die Maschinerie der Gesetze zerfetzt Sehnsüchte & Ahnungen & Ideale. Die erste Arbeit liegt aus meiner Sicht eher auf einer „meditativen“ Ebene. Damit ist gemeint, dass die innere Aufmerksamkeit aktiviert und auf „inhaltliche“ Fragestellungen-des-alltäglichen
-und-allnächtlichen-Lebens gerichtet wird. Die Zusammenkünfte der Initiativnehmer sehen erst mal wie langsame & schnelle & stille & bewegte Diskurse aus – im Sinne von Emmanuel Lévinas: heilige Räume der Begegnung.

Diese erste Phase ist nicht als Vorbereitung gemeint. Die erste Phase ist die Sache selbst, so wie die Sache in der ersten Phase nun mal aussieht. In einer zweiten Phase wird ja die Sache wieder anders aussehen – es bleibt aber die gleiche Sache. Und die Sache ist: dem kleinen Kind einen herzlichen & würdigen Empfang zu bereiten.

Vierter Gedanke. Es geht um freie „Stiftungen“ im sozialen Leben. An diesen Stiftungen oder Knotenpunkten oder Orten-der-Freiheit sind Menschen & Menschen & Menschen beteiligt. Die Frage, ob diese Menschen & Menschen & Menschen sich Anthroposophen oder Kalvinisten oder Buddhisten oder „Bin-ja-gar-nichts“ nennen, ist nicht relevant. Entscheidend aber ist die Frage, ob zumindest Raum für die Vermutung gelassen wird, dass alle beteiligten Menschen, vor allem die Kinder, dazu berufen sind, im Leben eine eigene „geistige“ Mission zu finden und zu gestalten.

Fünfter Gedanke. Es scheint mir sinvoll, diesbezüglich so etwas wie eine "Stiftungsberatung" ins Leben zu rufen. So wie Virgil seinen Schützling Dante auf seiner Reise durch die Unterwelt bis in den Himmel begleitet, könnten erfahrene SupervisorInnen & Entdeckungsreisende & MeisterInnen die unerfahrenen Initiativnehmer auf ihren - zweifellos abenteuerlichen - Wegen begleiten. Der Gedanke, dass alles aus der Begegnung der Beteiligten entstehen muss, heißt ja nicht, dass man keine Hilfe akzeptieren darf. Vielleicht könnten im Rahmen der internationalen Kindergarten Vereinigung - die eigentlich heißen müsste: Vereinigung für Kindheit - Stiftungsberater geschult werden?