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23.10.2010

Roter Text. Über Foucault und die Mission der Freundschaft

Drei Jahre vor seinem Tod, 1984, äußert sich Michel Foucault folgendermaßen über seine Beziehung zu seinem Freund Daniel Defert: „Ich lebe in einem Zustand der Leidenschaft zu jemandem. Vielleicht ist diese Leidenschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt in Liebe umgeschlagen. In Wirklichkeit handelt es sich um einen Zustand der Leidenschaft bei uns beiden, einen permanenten Zustand, der keinen anderen Grund hat zu endigen als sich selbst und dem ich vollkommen verfallen bin, der durch mich hindurchgeht. Ich glaube, dass es nichts auf der Welt gibt, nichts, was immer es sei, das mich hindern würde, wenn es darum ginge, ihn wiederzusehen, mit ihm zu sprechen.“

Diese Wortwahl ist für Foucault in den letzten Jahren seines Lebens bezeichnend: Er erwähnt die große Idee der Liebe, distanziert sich davon leise mit dem Wort „vielleicht“, evoziert in seinen Beschreibungen allerdings eine Intensität und Nähe, die keine Fragen bezüglich seiner Gefühle für Daniel Defert offen lässt. Sein Biograph Didier Eribon fasst schlicht und einfach zusammen: „Foucault hat ihn bis zum Ende geliebt“.

Foucaults Denken über die Freundschaft wurde von dem Umstand geprägt, dass er homosexuell war. Für Foucault bedeutete dies vor allem, dass die Gestaltung der Beziehung gesellschaftlich nicht vorprogrammiert war; eine homosexuelle Beziehung befand sich in einem dunklen und düsteren Bereich, in dem einerseits Geheimnisse gepflegt werden mussten – wir sprechen von den frühen sechziger Jahren – und andererseits eine homosexuelle Beziehungsform noch nicht festgelegt war. Schwule und Lesben „müssen von A bis Z eine Beziehung erfinden, die noch formlos ist: die Freundschaft“.

Foucault entwickelt eine Sichtweise auf Beziehungen, die im Grunde genommen eine hoffnungsvolle Prognose bedeutet: in seinen Augen dürften Beziehungen zwischen Menschen, zwischen zwei Menschen, immer mehr und mehr von dem Bedürfnis bestimmt werden, interne und externe Freiheiten zu erobern und zu pflegen. Foucault verallgemeinert die spezifische Position der homosexuellen Beziehung; für alle intimen Beziehungen, die sich auf der Basis einer persönlichen Nähe gestalten wollen, gilt, dass sie sich gesellschaftlich in einer besonderen Lage befinden.

Francisco Ortega fasst diese Sichtweise folgendermaßen zusammen: „Foucault zufolge leben wir in einer Welt, in der die sozialen Institutionen dazu beigetragen haben, die Zahl der möglichen Beziehungen zu begrenzen. Der Grund dieser Beschränkung liegt darin, dass eine Gesellschaft, welche die Zunahme der möglichen Beziehungsformen zuließe, schwieriger zu verwalten und zu kontrollieren wäre“.

Zugreifen auf die Freundschaft bedeutet „Minoritäten entstehen zu lassen, die der Macht Widerstand leisten“. Inspirierend an dieser Erweiterung der Idee der Freundschaft ist, dass sie eine Brücke zwischen Privatem und Öffentlichem schlägt. Sie verleiht der Freundschaft eine positive Würde, nicht nur für die Beteiligten, sondern auch für das soziale Leben und die Gesellschaft.

Diese Brücke wird für mein Verständnis von drei Pfeilern getragen: 1. Der Selbsterkenntnis und der „selbstbildenden Praxis“, das heißt: der souveränen und kreativen Beziehung von mir zu mir; 2. der Verbindung von mir zu dir, mit der eine gemeinsame Verantwortung für die souveräne Gestaltung der Beziehung einhergeht; 3. der Bedeutung der EINEN und der ANDEREN Freundschaft für das Leben von viel mehr Menschen, für die Menschen um die Freundschaftspaare herum, letztendlich für das öffentliche Leben mitsamt seinen Institutionen.

30.05.2010

Kollaps und Tanzkunst. Die Finanzkrise als Schwellenübergang

Jetzt haben die Amerikaner sich zu Wort gemeldet und mitgeteilt, dass sie es gar nicht gut finden, dass Länder wie Deutschland vorhaben, in den nächsten Jahren einträglich zu sparen. Der Weg aus der dreifachen Krise (Wirtschaft, Finanzen, Währung) liege, laut den Amerikanern, gar nicht darin, dass wir damit aufhören, üppig auf Pump zu leben, sondern ganz im Gegenteil: der Schritt nach vorne liege eher darin, dass wir uns große Investitionen vornehmen würden.

Dieser Gedanke ist ziemlich einfach. Jeder Unternehmer weiß, dass neue Einnahmen erst dann entstehen, wenn neue Produkte entwickelt und damit neue Kunden erreicht werden. Und das kostet Geld. Der Gedanke des Sparens ist allerdings genauso leicht zu verstehen: wenn man mehr Geld ausgibt, als man verdient, entstehen Schulden, die am Ende nicht mehr zu schultern sind.

Sparen oder investieren? Obwohl ich in Sachen Wirtschaft und Finanzen ein Laie bin, meine ich jedoch sagen zu können, dass an dieser Stelle nicht von einem Entweder-Oder die Rede sein kann. Sparen: ja! Investieren: ja! Die Frage ist nur: wo sollen wir sparen und wo sollen wir investieren? In Deutschland und in den anderen europäischen Ländern sind diese Fragen noch nicht einmal halbwegs geklärt.

Politiker haben sich mit der Tatsache abzufinden, dass große Maßnahmen, egal ob sie auf Sparen oder Investieren ausgerichtet sind, von den Wählern verstanden und getragen werden müssen. Maßnahmen, die von den Bürgern nicht angenommen werden, führen erstens dazu, dass die Politiker bei der nächsten Wahl abgewählt werden - und das wollen sie nicht - und zweitens gibt es die reale Gefahr, dass in der Bevölkerung ein heftiger Unmut entsteht. Gesellschaftliches Chaos gilt es aus dem Blickwinkel der Politiker unter allen Umständen zu vermeiden.

Ich habe den Eindruck, dass die Politiker vor allem damit beschäftigt sind, dem Chaos vorzubeugen. Alles darf sein, nur kein Umschwung. Der Gedanke, dass die wirtschaftlichen und finanziellen „Ereignisse“ der letzten Jahre im Grunde genommen laut um neue Blickwinkel und Perspektiven auf das gesellschaftliche Leben fragen, soll nicht gedacht werden. Alles muss bleiben, so wie es ist, weil die Angst vor Neuem zu groß ist. Anders gesagt: die Politiker trauen den Bürgern diese Krise nicht zu. Sie bemühen sich den Eindruck zu erwecken, dass die Krise nicht auch eine persönlich-biographische Angelegenheit ist, die jede Person betrifft.

An dieser Stelle regiert uns noch immer das Denken von Karl Marx. Nicht die persönliche Haltung der Menschen oder die unterschiedlichen Sichtweisen auf das Leben und die Welt bestimmen das wirtschaftliche und soziale Leben, sondern die großen, entfremdeten und funktionalen Strukturen, die als Ausdruck äußerer Machtverhältnisse verstanden werden. Die Sichtweise von Michel Foucault - als Beispiel – nämlich, dass Macht eine veränderliche Angelegenheit zwischen konkreten Menschen ist, kann in politischen Zusammenhängen noch immer nicht fruchtbar gedacht und angenommen werden.

Das Ergebnis: die Bürger lehnen sich bequem zurück, stellen sich nicht die Frage: was hat das alles eigentlich mit mir zu tun? und schauen abwartend auf die „großen“ Taten der Politiker. Dieser tragische Umstand scheint mir die Quelle der eigentlichen Krise zu sein. Obwohl die Haltung der Politiker verständlich ist – Chaos macht keinen Spaß! – führt sie dazu, dass die Krise nicht wirklich auf der Ebene ankommt, auf die sie gehört: in das konkrete Leben von allen konkreten Menschen.

Um eine Vorstellung davon zu bekommen, wo man sparen und wo man investieren sollte, braucht man eine Idee davon, wo man hin will. Die Lösung des Problems liegt nicht in einem schlauen Denken über „wie-die-große-fremde-Welt-nun-einmal-funktioniert“, sondern in einer Vorstellung davon, wohin wir wollen. Auch abstrakte Begriffe wie „Bildung“ und „alternative Energien“ (in die wir doch investieren zu müssen?) bringen uns an dieser Stelle nicht viel weiter. Wichtiger sind diesbezüglich zumindest zwei Fragen: Wer soll wozu „gebildet“ werden? Und: Wozu brauchen wir „Energie?“

Ich wünsche mir ein kleines bisschen mehr Chaos. Und ich glaube, dass dieser Zustand auch kommen wird. Von allen Menschen – nicht nur von Politikern – wird eine wache Aufmerksamkeit verlangt, die auch dann gehandhabt werden kann, wenn die vertrauten Koordinaten im sozialen Leben auf einmal nicht mehr tragen. Die Krise kann uns, wenn wir uns das zutrauen, über eine Schwelle bringen, die Neuland verspricht. Wir müssen dafür aber nicht schon heute wissen wollen, was die Gegebenheiten dieser neuen Welt ausmachen.

Ich würde sagen: Bei all dem kräftig sparen, was darauf hinzielt, die alten Koordinaten aufrecht zu erhalten; und genauso kräftig in Fähigkeiten und Instrumente investieren, die uns beim Schwellenübergang helfen, in den richtigen Momenten die stimmigen Entscheidungen zu treffen. Und an dieser Stelle gilt: Wir dürfen in eine Tanzkunst investieren.

28.10.2009

Nochmals die Waldorferzieherin (3). Über die echte Arbeit

Bei der Beschreibung der Fähigkeiten einer Waldorferzieherin scheint mir ein Grundproblem die herrschende Annahme zu sein, dass sie an erster Stelle eine pädagogische Aufgabe zu erfüllen hätte. Das Herz ihrer Arbeit, so wird generell angenommen, betrifft die Erziehung der Kinder und der entsprechenden Beziehung zu ihnen, wobei die Art der Beziehung als eine „pädagogische“ verstanden wird.

Zusätzlich, so heißt es, braucht die Waldorferzieherin noch ein paar „soziale“ Fähigkeiten, weil sie eben auch mit Eltern & Kollegen & Vorständen & Beamten zu tun hat. Diese sozialen Fähigkeiten werden zwar immer wichtiger, weil offenbar das Ringen auf der sozialen Ebene zunehmend Aufmerksamkeit verlangt, jedoch als zweitrangig verstanden. Die eigentliche Aufgabe bleibt die Arbeit „am Kind“.

Was macht aber die gesamte Arbeit aus? Das Leben scheint mir das Folgende zu zeigen: Jede Erzieherin handelt durch ihren Beruf aktiv in einem Flechtwerk von Menschen. Die Knotenpunkte in diesem sozialen Gewebe werden Kinder, Väter, Mütter (oder eben Elternteile – grausames Wort!), Opas & Omas, Nachbarn, Leiterinnen, Zweitkräfte, Kolleginnen, Köchinnen, Putzfrauen, Ärzte, Vorstände und Beamte genannt.

Im alltäglichen Leben heißen sie Maria, Eva, Hans, Vanessa, Karsten, Kerstin, John, Astrid, Jasmin oder Dr. Schmitz. Obwohl das Dasein dieses Gewebes indirekt durch die Kinder konstituiert wird – ohne Kinder keine Kindergärten – erscheint es in der Lebenspraxis als eine Gemeinschaft von Individuen, die auf gleicher Augenhöhe stehen. Die Kinder sind genauso „Individuum“, wie die Erzieherinnen & Vorstände & „Elternteile“ auch.

Die Frage, mit der alle Erzieherinnen an erster Stelle ringen, ist diese: wie verstehe ich mich in meiner pädagogischen Aufgabe in diesem sozialen Gewebe? Die Praxis zeigt, dass die pädagogischen Tätigkeiten in eine Wirklichkeit eingebettet sind, man könnte einfach von „Leben“ sprechen, die über die rein erzieherischen Aufgaben hinausgehen. Und damit ist die Beziehung zwischen „sozial“ & „pädagogisch“ ein Thema geworden.

In der öffentlichen Gesellschaft & in der akademischen Welt ist diese komplexe Beziehung als Fragestellung schon längst angekommen. Ich brauche nur auf die Soziologie zu verweisen: dort wird schon seit Jahrzehnten die Frage gestellt, wie das Kind im gesellschaftlichen Rahmen zu verstehen ist. Und auf der philosophischen Ebene ist es vor allem Michel Foucault gewesen, der manche Konzepte, „pädagogische“ (wie auch „therapeutische“ und „kriminologische“), als „sozial-gesellschaftlich“ umdefiniert hat.

Mir scheint, dass die Waldorfbewegung sich noch immer gegen diese Ausweitung der Fragestellung wehrt. Die soziale Komponente muss aus irgendeinem Grund „zusätzlich“ bleiben & Erziehung eine Art Insel, so wie der Künstler sein Atelier vielleicht als einen Schutzraum erlebt. Aber wie gesagt: die Lebenspraxis zeigt, dass das nicht mehr geht. Warum nicht? Einfach, weil das Leben von spezifischen Absonderungen weg will.

Erst kommt das Leben, dann kommt die Pädagogik. Auf zwei Ebenen trifft diese Wahrheit zu: erstens sind es die allgemein-menschlichen Fragen, die das Leben in einem Kindergarten bestimmen. Die Beziehungen zwischen den Kindern, den Kollegen, den Eltern & den Vorständen machen das Klima aus, in dem die Kinder gedeihen, oder eben auch nicht gedeihen können. Offene & würdige & lebendige menschliche Beziehungen sind eine Voraussetzung für die biographische Entwicklung (von Kindern, Erzieherinnen, Vätern & Müttern sowie Vorständen).

Und zweitens: auch die Beziehung der Erzieherin zu dem Kind ist erst an zweiter Stelle eine pädagogische. Wenn auch die Kinder als „Individuum“ verstanden werden, was ja in den Waldorfkindergärten nachdrücklich der Fall ist, geht es darum, bewusst in das wunderbare Spannungsfeld zwischen Ich & Ich (also: Du) einzusteigen. Diese allgemein-menschliche Ebene lässt sich aber grundsätzlich nicht mit pädagogischen & erzieherischen Begriffen beschreiben.

Rudolf Steiner, der Urheber der Waldorfpädagogik, würde an dieser Stelle bestätigen, dass die pädagogische Aufgabe tatsächlich einer allgemein-menschlichen Beziehung untergeordnet ist. Man könnte eben argumentieren, dass diese Sichtweise gerade einer der Ausgangspunkte der Waldorfpädagogik ausmacht. Rudolf Steiner verstand das soziale Leben als einen Raum, in dem persönliche & öffentliche Anliegen miteinander verschränkt sind – ein Raum, in dem sich „Schicksale“ gestalten.

Eine Waldorferzieherin verstehe ich als eine Lebenskünstlerin, die vor allem die Fähigkeit entwickelt, auf die delikaten Bedeutungen der Beziehungen zu schauen & sich dementsprechend taktvoll zu verhalten. Dazu gehört natürlich auch, dass sie auf sich selber schaut. Mir scheint dies allerdings eine „soziale“ Fähigkeit zu sein, die sich aber nur dann entfalten kann, wenn eine bewusste Orientierung auf ein spirituelles Menschenbild vorhanden ist. Um Menschen zu verstehen, braucht man dementsprechende Erkenntnisse.

Damit ist die pädagogische Aufgabe nicht vom Tisch. Wenn Rudolf Steiner vom „pädagogischen Grundgesetz“ sprach (kann ich heute nicht beschreiben – würde den Blograhmen sprengen), hatte er eine spezifische Verhaltensweise vor Augen, die die Beziehung zwischen Ich & Ich nicht ersetzt - gerade nicht! - sondern einen professionell notwendigen „Zusatz“ bedeutet. Die Erzieherin kann diese Verhaltensweise erst dann realisieren, wenn sie im sozialen Gewebe zumindest halbwegs eine innere Ruhe erreicht hat.

Gerade eine Waldorferzieherin versteht die sozialen Beziehungen um das Kind herum – sie selber gehört dazu – nicht als zufällig oder nebenbei oder eben lästig. Sie versteht, dass jedes Kind sich in seinem eigenen „Gefüge“ entfaltet. Dieses Gefüge als schwierig oder belastend zu empfinden, heißt eigentlich, dem Kind sein eigenes Leben nicht zuzutrauen. Eine wesentliche Kompetenz der Waldorferzieherin liegt also darin, das Leben unter allen Umständen positiv zu bewerten. Mir scheint das die echte Arbeit zu sein.

28.09.2009

Die Waldorferzieherin (1). Eine klärende Vorbereitung

Dieser Text ist als eine Vorbereitung für einen weiteren Text zu verstehen. Nächste Woche werde ich versuchen zu beschreiben, was eine Waldorferzieherin sein muss, ich meine: welche Fähigkeiten sie haben sollte, um ihrer Aufgabe gerecht zu werden. Der Text von nächster Woche ist noch im Kommen – er wird eine Art Sprachübung sein, dass heißt, ein Versuch über Worte & Sätze & Redewendungen der Waldorferzieherin näher zu kommen.

Der Anlass meiner Übung liegt in einem Treffen von etwa zwanzig Menschen letzte Woche in Hannover begründet, die sich im Rahmen der Vereinigung der Waldorfkindergärten unter anderem mit der Frage beschäftigten: was soll eine staatlich anerkannte Erzieherin lernen um auch Waldorferzieherin zu sein? Die zuständigen Menschen kommen zweimal im Jahr zusammen & vertreten die Seminare für Waldorfpädagogik in Berlin, Dortmund, Dresden, Hamburg, Hannover, Köln, Mannheim, München, Rendsburg & Stuttgart.

Die Frage was eine staatlich anerkannte Erzieherin lernen sollte, um Waldorferzieherin zu werden, setzt voraus, dass es so etwas wie eine Waldorferzieherin gibt. Aus mehreren Gründen kann aber argumentiert werden, dass es so etwas gar nicht gibt & eben nicht geben kann. In der Lebenspraxis ist allerdings von einer Waldorferzieherin schon die Rede. Die Vorbereitung meiner Sprachübung besteht nun daraus, an dieser Stelle eine Unterscheidung zu machen.

Der Begriff Waldorferzieherin ist mit einer (eventuellen) beruflichen Definition nicht gleichzusetzen. Ein Beruf ist (philosophisch gesprochen) ein „Subjekt“, das auf einer gesellschaftlichen Abmachung beruht. Berufe gestalten sich im Spannungsfeld ZWISCHEN dem Selbst & gesellschaftlichen Vorgaben. Ein Selbst kann mit seinem Beruf nicht identisch sein, weil Subjekte zu beschränkt & fixiert sind, um die Fülle eines Selbstes zu umfassen.

Für manche Berufe sind Rechte & Pflichten in Gesetzen peinlich genau festgelegt. Wenn jemand von sich sagt: „Ich bin ein Arzt oder ein Rechtsanwalt oder ein Lehrer“ bedeutet das einfach, dass er die dementsprechende Ausbildung gemacht hat, offiziell anerkannt ist & sich an ganz bestimmte Regeln zu halten hat. Sich ohne diese gesellschaftliche Anerkennung als Arzt auszugeben, ist eben strafbar.

Mit manchen Berufen ist das anders. Ich darf mich zum Beispiel Künstler oder Journalist oder Entertainer oder Politiker nennen, ohne dementsprechende Papiere vorweisen zu müssen. Diese Berufe sind mehr oder weniger „frei“. Mit dem Beruf Erzieher ist es allerdings so gestellt, dass man schon eine staatliche Anerkennung braucht, um beruflich tätig zu werden.

Den Beruf Waldorferzieherin gibt es in diesem Sinne aber nicht. Das liegt letztendlich nicht nur daran, dass der Staat den Beruf nicht „genehmigt“ - nein, es hat erst einmal damit zu tun, dass die Gemeinschaft von Waldorfkindergärten diesbezüglich selber keine klare Aussage macht. (Solange Waldorfkindergärten Mitarbeiter ohne zusätzliche Waldorfausbildung anstellen, kann auch rein rechtlich gesprochen der Beruf Waldorferzieherin nicht existieren.)

Die Frage ist nun: macht es Sinn die Aufgaben & Fähigkeiten & Tätigkeiten der Waldorferzieherin zu definieren & zu fixieren? Um dort hinzukommen, wird aber ein transparentes „Berufsbild“ oder – klingt offenbar besser – ein „Berufsprofil“ gebraucht, das noch nicht existiert. Ein Berufsprofil kann allerdings nur auf einer Beschreibung des Begriffes der Waldorferzieherin beruhen. Bevor man sich bemüht ein Profil festzulegen, sollte man versuchen sich an den Begriff heranzutasten.

Die Argumentation der Menschen die sagen, dass es prinzipiell keine Waldorferzieherin geben kann, beruht auf der unverkennbaren Tatsache, dass es sich um eine spirituelle Tätigkeit handelt. Würden sie sich auf die Terminologie von Michel Foucault einlassen, könnten sie sagen: die Praxis einer Waldorferzieherin ist nicht nur eine Sache des Subjekts, sondern auch des Selbstes; und die Sachen des Selbstes lassen sich gesellschaftlich nicht „subjektivieren“.

Das gilt aber auch für Ärzte & Rechtsanwälte & Lehrer & Künstler & Entertainer & Politiker & (staatlich anerkannte) Erzieherinnen. Die implizite Behauptung, dass nur Waldorferzieherinnen geistig tätig sind, scheint mir grundfalsch zu sein. Die Frage kann nur sein: worin unterscheidet sich die Waldorferzieherin von anderen Erzieherinnen?

An dieser Stelle gibt es nur zwei Wege: Entweder wehrt man sich gegen jegliche Form von „Subjektivierung“, was aber bedeutet, dass die Gesellschaft zwangsläufig auseinanderfällt – man versteckt sich in der Sprachlosigkeit & kommuniziert nicht mehr mit seinen Zeitgenossen; oder man freundet sich mit dem Gedanken an, dass das Unmögliche zumindest halbwegs ermöglicht werden kann. Das letzte heißt: über die Sprache zu versuchen, die unsagbaren Sachen des Selbstes zu „suggerieren“. Im Grunde ist das eine literarisch-sprachliche Tätigkeit.

Bevor ein Berufsprofil entstehen kann, muss also erst eine Beziehung zum Begriff Waldorferzieher hergestellt werden. Über Begriffe sind in diesem Zusammenhang zwei entscheidende Bemerkungen zu machen: erstens, dass sie nicht in Worte zu fassen sind, (weil Wörter laut Owen Barfield eben keine Flaschen sind – darüber nächste Woche mehr) & zweitens, dass wir denkend & fühlend & wollend auf sie zugehen müssen, oder wie Johannes Stüttgen es immer so treffend sagt: Begriffe sind Bestimmungen.

Ich werde nächste Woche versuchen, mich auf den Begriff der Waldorferzieherin einzulassen. Es wird natürlich bei einer Annäherung bleiben – zu mehr bin ich nicht im Stande. Meine Hoffnung ist aber, dass auch andere auf diesem Weblog (man kann immer einen Kommentar schreiben) oder an anderen Stellen versuchen, eine Sprachübung zu machen. Denn ein Ding ist klar: ohne frische & tiefe & leichte & fröhliche & fragende & bestätigende & umwerfende & beruhigende Beschreibungen kommen wir diesbezüglich nicht vom Fleck.

Mit Dank an Sophie Pannitschka

29.06.2009

Die Bedeutung der Dinge. Über Autoreifen, Trambahnen und Feuerzeuge

Amares im Stadtwald von Köln ist ein Ort für Kinder. Drei Leitsätze machen das Leben mit den Kindern bei Amares aus: Räume schaffen, Zeit geben & dabei sein. Die Erzieherinnen & Pädagoginnen von Amares lassen sich durch pädagogische Denker, wie Loris Malaguzzi, Rudolf Steiner, Janusz Korczak & Henning Köhler inspirieren. Ihr Anliegen ist es vor allem, der unerschöpflichen Neugier & dem Tatendrang & den Gestaltungsfähigkeiten der Kinder eine Gelegenheit zu geben, sich zu entfalten.

Bei Amares gibt es eine Gruppe von etwa zehn Kindern unter drei Jahren. Ab August kommt eine zweite Gruppe dazu: etwa fünfzehn Kinder ab drei Jahren. Die Behörden der Stadt Köln scheinen Amares zu mögen. Obwohl die Wünsche von Amares sich manchmal ein bisschen quer zu den Regeln & Vorschriften & Gewohnheiten verhalten, benehmen die Beamten sich klüngel-technisch gesehen sehr entgegenkommend.

Amares hat seine Unterkunft in einem ehemaligen Betriebshof der Stadt Köln gefunden. Das kleine Gebäude & die offenen Garagen & die Mauer umrahmen den Hof – und mitten auf dem Gelände steht eine Linde, die gerade in den letzten Wochen üppig geblüht hat. Sie scheint mir die Wächterin von Amares zu sein, weil sie optisch gesehen Raum schafft, schweigend die Zeit vertritt & dazu noch voll dabei ist. Ohne die Linde läuft bei Amares gar nichts.

Rings um die Linde & in den Garagen liegt überall etwas... Kram, Sachen, Dinge, Zeug... Fast hätte ich geschrieben: Spielzeug. Eine der Mitarbeiterinnen hat vor ein paar Wochen eine Liste von vorhandenem Zeug gemacht & weil ich verwirrende Listen (das habe ich ja von Michel Foucault gelernt) über alles mag, zähle ich in diesem Weblog gnadenlos auf was dazugehört:

Puppen. Bücher. Autos. Parkhaus. Töpfe. Holzgarage. Wolltiere. Holztiere. Filzbälle. Puzzles. Matratzen. Schaufeln. Besen. Hacken. Gießkannen. Eimer. Teller. Siebe. Rohre. Bollerwagen. Roller. Fahrräder. Fahrzeuge. Kinderwagen. Kleider. Werkzeuge. Filmdosen. Wasserhahn. Schläuche. Papier. Scheren. Pinsel. Kreiden. Farben. Fingerfarben. Knöpfe. Becher. Ton. Steine. Stöcke. Tafeln. Autoreifen. Nähkisten. Wolle. Klopapierrollen. Murmeln. Murmelbahn.

(Liebe/r Leser/in, seid bitte so nett & merkt euch die Unmerkbarkeit dieser wunderbaren Liste! Diese Liste zu verstehen, heißt die Welt zu verstehen.)

Für heute interessiert mich gar nicht die Frage, was die Kinder mit den Eimern & Büchern & Holztieren & Stöcken & Schläuchen & Filmdosen machen. (Es heißt, wie bekannt, dass sie damit spielen.) Mir geht es heute um die umgekehrte Frage: was machen die Puppen & Röhren & Murmeln & Autoreifen mit den ganz kleine Kindern? Oder anders gesagt: welche Bedeutung haben die Gegenstände für die Kinder?

Für kleine Kinder gibt es keine Gegenstände. Sie existieren einfach nicht. So etwas Komisches wie: hier bin ich & dort ist die Puppe, gibt es in der Welt der kleinen Kinder nicht. Den Akt der Gegenstands-Schöpfung haben die Kinder noch nicht vollzogen – sie schwimmen & schweben & tanzen in die Dingen, wie ich in der wunderbaren Liste schwimme. Es ist übrigens ein Fehler zu denken, dass die kleinen Kinder die Dinge „noch nicht“ kennen. Auch so etwas Komisches wie „noch nicht“ kennen die Kinder „noch“ nicht.

Der große schwarze Autoreifen macht das Kind schwarz & rund & kautschukisch. Der große schwarze Autoreifen kann ja alles sein: ein Bett, ein Haus, ein Nest, ein Topf, eine Tür... Der große schwarze Autoreifen kann sich mit allem möglichen zusammen tun: mit Tüchern, Papieren, Stöcken, Steinen, Wasser, einer Röhre... Und was dann entsteht, ist ja gar kein Ding mehr, sondern ein Geschehen, ein Ereignis, ein Event. Der große schwarze Autoreifen ist nicht einmal „multi-funktionell“ (klingt ja fast „pädagogisch“), weil die Liste der möglichen Funktionen unbegrenzt ist.

Ein altes Wort für Versammlung ist „Ding“. Ein Ding war vor tausend Jahren noch ein Event, ein Zusammenkommen in einem Zentrum von Menschen aus einer weiten Peripherie. (Das Parlament in Norwegen heißt noch immer „Ting“.) Und die Kinder erleben es jeden Tag: nicht die kulturelle Bestimmung der Funktionen (mit einem Löffel soll man essen) macht die Dinge aus, sondern ihre Umgebung, ihre Aura, ihr sich zusammenziehender Umkreis. Für die kleinen Kinder sind die Gegenstände ständig im Kommen.

Und sie berühren uns im Kommen. Aber was machen diesbezüglich die Dinge mit uns? In einem Text über Puppen schreibt Rainer Maria Rilke über eine kleine Trambahn: „[...] Du, überzeugte Seele der Trambahn, die in uns fast überhandnehmen konnte, wenn wir nur mit einigem Glauben an unsere Wagen-Natur in der Stube herumfuhren.“ Räume schaffen heißt also auch: Innenräume öffnen & bewegen & gestalten.

Wenn wir „glauben“ gibt es diesbezüglich gar keinen Unterschied zwischen Kindern & Erwachsenen. Wenn die kleine Helena mich fragt, ob sie ein Feuerzeug entzünden darf (sie kann es leider nicht so gut & braucht dringend Hilfe dafür, was sie gerne zulässt) schaut sie auf die Flamme und spürt wie die Flamme sich in ihrem „Innenraum“ entzündet. Helena ist dann Flamme. Das billige BIC- Feuerzeug erzeugt ein Flammen-Erzeugen-in-ihr.

Wir Erwachsenen sind nicht mehr so dabei. Wir Erwachsenen meinen, dass der schwarze Autoreifen eigentlich ausgedient hat & jetzt nur noch ein Spielzeug ist. Für den Autoreifen fängt das richtige Leben aber erst nach seinem funktionellen Tod an. Er liegt auf dem Hof & macht lachend mit.

Mit Dank an Sophie Pannitschka

20.10.2008

Die Machtfrage in einer Kultur des Herzens. Über das Tier in uns.

Populär ist die Auffassung, dass man sich vom Willen zur Macht befreien soll. Irgendwie soll man diesen dunklen Trieb-zum-Herrschen loswerden & hinter sich lassen & auflösen. Man soll frei von Macht werden, sich „gewaltfrei“ verhalten (zum Beispiel „gewaltfrei kommunizieren“). In dieser wohlwollenden Vorstellung schwingt immer irgendwie der Gedanke mit, dass Menschen keine Tiere (mehr) sind. Tiere sind noch den Trieben unterworfen – Menschen haben die Möglichkeit, sich davon zu befreien - und sollten das auch tun.

Was ist aber eigentlich Macht? In alten mythischen und religiösen Vorstellungen werden die Götter als „Machtinhaber“ vorgestellt. Donar hatte Macht & konnte deswegen richtig donnern & das war auch gut so. In der christlichen Lehre der göttlichen Hierarchien gab es Engel & Erzengel & Throne & eben auch „Mächte“ (Dynamis), die laut Dionysos der Areopagit fünf Stufen über dem Menschen stehen. Und dass die Mächte mächtig waren, hieß noch nicht, dass sie auch schlecht waren. 

Das Wort Macht (alt-germanisch „maht“) bedeutete ursprünglich „können“. Macht haben heißt, etwas können, vermögen. Wenn jemand es also vermag ein Haus zu bauen, hat er die Macht dies zu tun. Und wenn Angela Merkel es vermag ein neues Gesetz durchzusetzen, hat sie die Macht dies zu tun. Und wenn ich einen Blogbeitrag schreibe und veröffentliche, habe ich die Macht dies zu tun. (Was wäre ein Leben ohne Häuser & Gesetze & meine Blogs?)

In der Philosophie (vor allen durch Schopenhauer, Nietzsche & Foucault) ist der Begriff Macht schon längst „neutralisiert“ worden, genau so, wie das in den alten mythischen Vorstellungen war. Michel Foucault zum Beispiel hat sich sehr bemüht, den Machtbegriff von der komischen Vorstellung zu befreien, dass bestimmte Menschen Macht haben, und andere nicht. Er meinte, dass Macht immer eine Rolle spielt, in allen möglichen menschlichen Beziehungen. So bald zwei Menschen zusammen sind, gibt es eine Machtfrage. Und das ist auch gut so, weil ohne Macht nichts zustande käme. (Wir würden nicht einmal gemeinsam Urlaub machen.)

Die Frage ist also ganz und gar nicht, wie wir uns von der Macht befreien können. So etwas Wohlwollendes wie ein „machtfreies“ Verhalten kann es gar nicht geben, und soll es auch nicht geben. Der einzige Zustand der Machtfreiheit, ist der Zustand des gelähmt Seins. (Dass der Zustand der Lähmung & der Ohnmacht auch Wunderbares bringt, nämlich Bewusstsein, ist ein anderes Thema.) Stärker noch: der Gedanke, dass man sich von der Macht befreien sollte, ist nicht ganz ohne Gefahr, weil die wohlwollende Intention letztendlich auf Naivität (nicht Wissen) basiert. Und gerade naiv soll man, laut Foucault, der Macht gegenüber nicht sein.

Vor allem die freundschaftliche Beziehung macht deutlich, dass wir uns nicht von der Unbequemlichkeit der Macht befreien sollten, sondern eher umgekehrt: uns mit dem Potenzial der Macht anfreunden müssen. So zu tun, als ob ich keine Macht über meinen Freund (meine Verwandten, meine Geliebte, meine Kollegen) habe, oder haben will, heißt eigentlich, dass ich die Beziehung nicht ernst nehme. Die Macht ist da, wird aber von mir nicht ernsthaft „verwaltet“, oder freundlicher gesagt: in der Hand genommen.

Den Willen zur Macht kann man schon mit einem Tier vergleichen. Das Tier gibt es in jedem von uns, einfach weil wir leben, einfach weil wir zum saturnalen Sein gehören, einfach weil die unendliche & unbekannte & dringende & abgründige & vulkanische „Welt“ sich in uns fortsetzt. Einfach deshalb, weil wir einen Körper haben, und einen Willen & Füße, die uns unbewusst dorthin bringen wo wir hin-oder-doch-nicht hin wollen. Der Gedanke, dass wir nur das tun, was wir uns bewusst überlegt haben, ist nicht nur absurd, sondern vor allem abgehoben und arrogant. Nein, das Tier in uns, der Wille zur Macht also, ist nicht mit einem netten Grinsen weg zu suggerieren.

Das Tier soll nicht in einen Käfig eingeschlossen werden. (Dann geschieht das, was Rainer Maria Rilke in seinem Gedicht ‚Der Panther’ beschreibt.) Das Tier soll auch nicht in einem Zirkus gezähmt werden und schöne Spiele machen. Und das Tier soll nicht getötet werden, weil wir mit dem Tier auch unsere Lebensenergie töten. Dem Tier soll, wie Dante es am Anfang seiner Göttlichen Komödie beschreibt, begegnet werden. Dem Tier soll in die Augen geschaut werden. Und vor allem: das Tier, der Wille zur Macht also, soll anerkannt werden als eine Kraft-für-sich, die manchmal stärker ist, als unser Wille zur Bewusstheit.

In einer Kultur des Herzens verabschiedet man sich von der Illusion, dass wir uns immer im Griff haben & im Griff haben können & im Griff haben müssen. Was die Wikinger schon wussten: in einer Kultur des Herzens rastet man manchmal auch aus. Oder, was in den dionysischen Mysterien schon bekannt war: auch ein Rausch kann sinnvoll sein.

Mit Dank an Sophie Pannitschka  

11.03.2008

Vortrag Essen. Über Macht und Freundschaft

Ich verstehe die Anthroposophie auch als einen Raum von Begriffen und Bildern, immer wieder neuen Begriffen und neuen Bildern, in denen sich unterschiedliche Willensrichtungen treffen und verständigen können. Um es mit einem Bild zu sagen: die Anthroposophie ist auch ein Saal mit klaren Spiegeln, die so aufgestellt sind, dass man sich selber und die anderen von allen Seiten sehen kann. Anthroposophie kann zu einem Verstehen führen, dass aus einem sich „rundum-bewegen“ gewonnen wird.

In meinem Vortrag heute Abend (12.03.2008) möchte ich versuchen, mich mit drei Gestalten in diesen Raum hinein zu begeben. Einer von diesen dreien hat sich auch Anthroposoph genannt, nämlich Bernard Lievegoed. Er hat mich bekannt gemacht mit dem Begriff der „Kultur des Herzens“. Die zwei anderen sind französische Philosophen, die im zwanzigsten Jahrhundert als Zeitgenossen in Paris gelebt und einander als Philosophen nicht besonders geschätzt haben: Emmanuel Lévinas und Michel Foucault.

Bernard Lievegoed war Arzt, Erzieher, Organisationsberater und Professor für Soziale Betriebswissenschaft. Im Rahmen meines Vortrages heute Abend könnte gesagt werden, dass einer seiner zentralen Anliegen das Folgende war: die Spannung zwischen der funktionellen Ebene und der allgemein menschlichen Ebene in der Zusammenarbeit zu beleuchten und zu bewegen. Lievegoed meinte, dass in der Zusammenarbeit nur dann spirituelle Ziele erreicht werden können, wenn die Menschen versuchen sich gegenseitig die Herzen zu öffnen.

Emmanuel Lévinas war der Philosoph der Begegnung. In seinem Buch „Zwischen uns“ spricht er von der „Perspektive der Heiligkeit“ in dem „Außer-sich-und-Für-den-Anderen“-sein. Er meinte, vereinfacht gesagt, dass das Leben erst dann an Bedeutung gewinnt, auch in religiösem Sinne, wenn wir uns durch den Anderen bewegen, verändern, bestimmen lassen. Das sogenannte „Ich“ des Menschen entsteht erst im Antlitz des oder der Anderen.

Michel Foucault war der Philosoph der Machtstrukturen. Er hat sich immer wieder die Frage gestellt, wie Menschen im doppelten Sinne zum Subjekt werden können: „subjektiviert“ in einer Unterworfenheit (als Sklave, als Angestellter, als Frau, als Bürger) oder gerade umgekehrt: als freies und kreatives Subjekt, als Person die ihre „Biographie wie ein Kunstwerk“ gestaltet. Sein ganzes Leben hat er versucht, sich von dem alten Begriff der Macht als einer düsteren Kraft-von-außen, zu befreien.

Francisco Ortega[i] fasst die Schlussfolgerung von Foucault folgendermaßen zusammen: „Foucault zufolge leben wir in einer Welt, in der die sozialen Institutionen dazu beigetragen haben, die Zahl der möglichen Beziehungen zu begrenzen. Der Grund dieser Beschränkung liegt darin, dass eine Gesellschaft, welche die Zunahme der möglichen Beziehungen zuließe, schwieriger zu verwalten und zu kontrollieren wäre“.

Am Ende seines Lebens (Foucault starb 1984) taucht in seiner Arbeit der Begriff Freundschaft auf. Er meint, dass die Freundschaft zu verstehen ist als eine Möglichkeit, der immer wirksamen Kraft der Macht aus Freiheit eine positive Bedeutung zu geben. Freundschaft wird damit auf einmal eine brisante soziale Einheit – ein Ort des Widerstandes und der Erneuerung. „Freundschaften zu knüpfen, heißt, Minoritäten entstehen zu lassen, die der Macht Widerstand leisten".

An dieser Stelle wird auf einmal die Arbeit von Lévinas relevant, weil er sich intensiv mit den Fragen der Beziehung beschäftigt hat. Wie ist eine Freundschaft zu leben, zu pflegen und vor allem zu gestalten? Was ist „zwischen uns“? Wie kann man von Angesicht zu Angesicht „sein“? Und: wenn man die Achse zwischen zwei Menschen als das Urphänomen des sozialen Lebens versteht, welche Bedeutung hat dann der dritte und vierte Mensch in der Beziehung? (Lévinas: So bald ein Dritter in der Beziehung auftaucht, braucht man Ethik.)

In einer Kultur des Herzens werden diese Themen aus der Sphäre der Selbstverständlichkeit geholt. Spannend ist dabei vor allem die Frage, welche Bedeutung die Freundschaft in institutionellen Zusammenhängen haben kann. In der Kneipe, mit einem Glas Bier, ist die Freundschaft relativ einfach zu handhaben – als Kollegen, beispielsweise in einem Lehrerkollegium, taucht sofort Widersprüchliches auf. In einer Kultur des Herzens geht es erst mal nicht darum, diese Widersprüche sofort aufzuheben. Die Aufgabe ist eher, an diesen Widersprüchen zu wachsen.

[i] Francisco Ortega, Michel Foucault, Rekonstruktion der Freundschaft, 1997, Wilhelm Fink Verlag, S.242

Mit dank an Sophie Pannitschka

21.11.2007

"Mani heute"

Am 6. Dezember erscheint in Deutschland von Roland van Vliet das Buch „Der Manichäismus. Geschichte und Zukunft einer frühchristlichen Kirche“. Ich bin gefragt worden anlässlich des Erscheinens einen Vortrag zu halten. Als Titel für meinen Vortrag habe ich „Mani heute“ gewählt.

Ich habe diesen Titel gewählt, weil das Anliegen von Roland van Vliet darin besteht, den Manichäismus zu aktualisieren. Roland möchte alles andere, als den Eindruck erwecken, dass der Manichäismus als historisches Ereignis vorbei wäre. Auch wenn Roland sich in seinem Buch ausführlich mit der Vergangenheit beschäftigt, macht er das nur, um gedanklich und intentional ein Licht auf die spirituellen Brennpunkte der heutigen Zeit zu werfen. Als ich sein Buch las, musste ich ständig an diese Sätze von Michel Foucault denken: „Was geschieht heute? Was geschieht jetzt? Und was ist dieses `Jetzt´, innerhalb dessen wir die einen und die anderen sind ...?“

Was ist dieses `Jetzt´? Hat das `Jetzt` einen Inhalt? Wenn man versucht, sich dem Begriff ´Jetzt` tastend anzunähern, taucht sofort ein zweiter Begriff auf, nämlich `Ereignis´. Der Inhalt des `Jetzt´ ist immer ein Ereignis. Wenn man im Nu lebt, erlebt man ein Ereignis, man wird zum Ereignis. Das Ereignis kann alles sein: z. B. ein Gedanke, eine Erinnerung, aber auch ein wunderbares Tor von Podolski, ein Lied von Sting, ein Kuss, ein Unfall, die Stille, ausgesprochene Worte und unausgesprochene Worte, ein Espresso... Im `Jetzt´ - Martin Heidegger würde sagen: im Sein – gibt es nur Ereignisse.

Was ist ein Ereignis? Es gibt große Ereignisse, kleinere Ereignisse und winzig kleine Ereignisse. Ein winzig kleines Ereignis gab es letzte Woche noch in meinem Garten, als ich sah, wie ein Birkenblatt leise nach unten wirbelte und sich auf die Wiese zur Ruhe hinlegte. Ich war betroffen von der Leichtigkeit, der Ruhe und dem sich ohne weiteres Fallenlassen wollen – und das Geschehen vollzog sich nicht nur außerhalb von mir, sondern auch in mir. Tausende von Birkenblätter lagen schon auf der Wiese – niemand hat aber gesehen, wie diese heruntergefallen sind. Weil ich sah, wie gerade dieses Birkenblatt nach unten wirbelte, wurde es ein Ereignis. Ein Ereignis wird erst dann ein Ereignis, wenn es als Ereignis wahrgenommen, miterlebt und nachvollzogen wird.

Ein Ereignis scheint mir eine Schöpfungstat zu sein. Nicht nur Blätter sind daran beteiligt, sondern auch aufmerksame Bewusstseine. Ohne Aufmerksamkeit keine Ereignisse. Rudolf Steiners Beitrag an das Christentum scheint mir vor allem zu sein, dass er das Christentum – besser gesagt: den Tod und die Auferstehung von Christus, damals als historisches Geschehen in Palästina – als Ereignis verstanden hat. Nicht die Lehre von Christus stand für Steiner zentral, sondern die Tatsache, dass etwas geschehen war. Er spricht dann auch vom Christentum als „mystische Tatsache“. Das Geschehen auf Golgatha nennt er ein „Mysterium“ – was auch ein Ereignis ist. Und er behauptet kühn, dass diese Tatsache für alle Menschen einen zentralen Wert hat.

Mit dieser Stellungnahme ist ein Problem verbunden. Ereignisse treten immer in Raum und Zeit auf, das heißt, Ereignisse haben eine geschichtliche Einbettung. Die Art und Weise wie wir von einem Ereignis sprechen, wird durch Raum und Zeit bestimmt. Wir wissen mittlerweile, dass das Christentum als historischer Strom in Europa vom jüdisch-hellenistischen Denken und Erleben geprägt ist. Anders gesagt: Die mystische Tatsache, das Ereignis, wurde auf eine ganz bestimmte Art und Weise, vor allem über den Apostel Paulus, weitergetragen. Andere Perspektiven sind historisch gesprochen in den Hintergrund geraten.

Um zu verstehen, worum es sich handelt, brauchen wir an dieser Stelle Michel Foucault. Er hat einfach festgestellt, dass Menschen auf Ereignisse reagieren. Warum? Weil, reagieren auf Ereignisse heißt, dass man Ereignisse schöpft. Foucault würde sagen: Auf Ereignisse reagieren, heißt schöpferisch leben. Michel Foucault hat verstanden, dass es ohne Bewusststein keine Ereignisse gibt. Dann hat er einfach festgestellt, dass Menschen nicht auf die gleiche Art und Weise auf Ereignisse reagieren. In individuellen Menschen, in Gruppen von Menschen, in Kulturen und Epochen herrschen, was er „Episteme“ nennt, dass heißt in meinen Worten: unterschwellige Vorstellungen, Normen und Werte, ja, vor allem Intentionen, die insgesamt selbstverständlich als „Erkenntnis-Systeme“, als „Wahrheits-Grundlagen“ genommen werden. Diese unterschiedlichen „Wahrheits-Grundlagen“ führen zu was Foucault „Diskurs“ nennt.

Die Frage, woher diese Episteme stammen, konnte Foucault nicht beantworten. Er meinte, die Episteme entstehen spontan und beliebig, ja unbewusst experimentell. Laut Foucault werden alte und neue Episteme immer wieder einfach ausprobiert. Rudolf Steiner hätte aber an dieser Stelle gesagt: Episteme sind karmisch bedingt. Er hätte die großartige Entdeckung von Michel Foucault, dass es unterschiedliche Episteme gibt und dass diese Episteme zu unterschiedlichen Diskursen führen, als einen wichtigen Schritt verstanden. Er hätte gesagt: Schau auf die innere Logik der unterschiedlichen Episteme und du wirst die karmischen Hintergründe verstehen.

Das oben erwähnte Problem liegt eben darin, dass das Christentum-als-Diskurs schon rein sprachlich in ganz bestimmte Episteme eingebettet ist. Christus heißt ja Christus, was ein griechischer Name ist. Christus heißt nicht Krishna oder Zarathustra. Wenn, wie Steiner behauptet, das christliche Ereignis, das Mysterium von Golgatha, für alle Menschen gilt und wenn man auch behauptet, dass eine bewusste Beziehung zu diesem Ereignis entscheidend ist – ohne Bewusstsein kein Ereignis! – stellt sich die Frage: Wie kann das Ereignis für andere Episteme geöffnet werden? Das heißt: Wie kann über die europäische Geschichte hinaus von einem Ereignis gesprochen werden, das wir nur über die europäische Geschichte kennen gelernt haben?

Ich werde in meinem Vortrag versuchen, deutlich zu machen, dass diese Fragestellung eine manichäische ist. Das Auftreten von Mani im dritten Jahrhundert ist gerade so zu verstehen: Er hat sich damals mit unterschiedlichen Epistemen auseinandergesetzt und in diesen Epistemen die Bilder, Vorstellungen, Normen,Werte und Intentionen gefunden, die es ermöglichen, vor Ort eine bewusste Beziehung zu der mystischen Tatsache zu finden. Dieses „vor Ort“ war zentral in seinem Bemühen.
(Mit dank an Birgitt Kähler)

20.08.2007

Das Selbst ist unzerstörbar (2)

In meinem Buch „Herzwerk“ beschreibe ich drei Erfahrungen, die für mein Verständnis mein „Selbst“ betreffen. Es geht um Erfahrungen, die sich alle drei an einer ganz bestimmten Schnittstelle befinden. Nämlich zwischen dem, was man üblicher Weise das Alltags-Ich nennt und dem, was man als höheres Ich bezeichnet. Es sind Erfahrungen, die nicht nur zwei „Instanzen“ voraussetzen, sondern auch eine intime Beziehung zwischen diesen beiden „Instanzen“ verraten. Die erste Instanz nennt man wohl „Selbst“ oder „höheres Ich“ oder „ewige Individualität“; die zweite heißt „Ich“ oder „niederes Ich“ oder „Alltags-Ich“ oder „Subjekt“ oder „Ego“ oder eben ganz süß „mein Ichlein“ (Georg Kühlewind). Die zweite Instanz nennen wir Jelle, Anna, Janis oder Sebastian. Laut Rudolf Steiner gibt es für die erste Instanz einen „Mysteriennamen“, der uns meistens unbekannt ist.

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Die Trennung zwischen beiden Instanzen existiert nur für die zweite Instanz. Interessant ist, dass die Erfahrung vom Ich in der Jugend (Herzwerk, Seite 51) noch zusammenfällt mit der Erfahrung vom Selbst. Wenn ich als Kind „Ich“ sage, oder meinen Namen „Jelle“ in mir ausspreche und dabei die beglückende Empfindung habe, dass ich existiere, gibt es – auch nicht in der Analyse-im-Nachhinein – keine Trennung zwischen Alltag und Ewigkeit. Um zu verstehen, wie diese Trennung sich allmählich vollzieht, ist es hilfreich auf das zu schauen, was Michel Foucault unter „Subjektivierung“ versteht.

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Subjektivierung hat eine doppelte Bedeutung. Positiv heißt es: ein Subjekt bilden; negativ heißt es: unterwerfen (oder unterworfen werden). Laut Foucault ist ein Subjekt immer ein Zwischen-Ding, das einerseits von dem Selbst und andererseits von der natürlichen oder sozialen Umgebung kreiert wird. Ein einfaches Beispiel ist ein Kellner, ein Mensch ist ein Kellner, das heißt, dass er als Kellner „arbeitet“. Der Kellner ist ein Subjekt, weil er sich selber in seiner Tätigkeit versteht und auch von anderen verstanden wird. Als Subjekt hat man ein klares Verhältnis zu seiner Umgebung, also als Kellner, als Schriftsteller, als Vater, als Sklave, als Mann oder Frau, als Kind, als Penner.

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Es gibt Subjekte, die „unterworfen“ sind. Ein Kellner zum Beispiel, der seine Arbeit nicht mag, ist – aus welchem Grund auch immer – unterworfen. Das Subjekt wirkt wie ein Gefängnis. Es gibt aber auch Kellner, die strahlen, das heißt, dass sie vom Selbst aus das Subjekt „Kellner“ füllen, bewegen, gestalten, oder mit einem Begriff von Foucault „stilisieren“. Sie haben die inner-persönlichen-Machtverhältnisse umgedreht und das Subjekt wird ein Kunstwerk. Laut Foucault ist an dieser Stelle entscheidend, dass die Umdrehung nur möglich ist, wenn ein Selbst ein freies Verhältnis zu sich selber findet. Oder anders gesagt: wenn ich Macht über mich ausübe, kann jemand anderes keine Macht mehr über mich ausüben (und ich höre damit auf, „das System“, oder „meine Vergangenheit“, oder „meine biologischen Eigenschaften“ usw. usw. für schuldig zu erklären.)

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Zwischen Selbst und Subjekt gibt es eine delikate Beziehung, platt gesagt: die beiden brauchen einander. Oder präziser gesagt: die beiden gehen aus einander hervor. Ohne Subjekte kommt meine „ewige Individualität“ nicht vom (geistigen) Fleck und ohne ein Selbst erhalten die Subjekte in Raum und Zeit keine Bedeutung.

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Subjekte existieren nicht ohne Körper. Ohne Körper kann ich kein Lehrer, Bäcker, Sohn oder Zuhörer sein. Was Foucault nicht denken wollte, ist der Gedanke: mit einem Körper kann ein Selbst (noch?) kein Selbst sein. Man kann diesen Gedanken auch phänomenologisch ausdrücken: „Ich“ habe die unmittelbare Empfindung, dass „Ich“ mehr bin als all meine Subjekte zusammen. Mir scheint die Kernfrage in bezug auf die Erfahrung vom Selbst dann diese zu sein: wie ist die unmittelbare Empfindung, dass ich mehr bin als all meine Subjekte zusammen, zu verstehen und zu bewerten? Ist diese Erfahrung ernst zu nehmen?
(Nächste Woche weiter.)

15.08.2007

Das Selbst ist unzerstörbar (1)

Eine entscheidende Erfahrung scheint mir die zu sein, dass man sein „Ich“ oder sein „Selbst“ als unvernichtbar und unzerstörbar erlebt.
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Mit „Ich“ oder „Selbst“ ist hier nicht die Instanz gemeint, die ich gewohnt bin „Jelle“ zu nennen. Dieser „Jelle“ ist zerstörbar: wenn er stirbt, ist damit die einzigartige Konstellation von Körper, Seele und Bewusstsein, die wir „Persönlichkeit“ nennen, aufgehoben. Mit „Ich“ oder „Selbst“ ist hier gemeint, was Rudolf Steiner „die ewige Individualität“ genannt hat, das heißt, eine Instanz, die man als Instanz nur auf der geistigen Ebene unmittelbar erleben kann. (Das man die Wirkungen dieser Instanz auch auf anderen Ebenen erkennen kann, ist eine andere Sache.)
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Bevor ich etwas dazu sage, ob ich die Erfahrung der Unzerstörbarkeit des Selbst kenne oder nicht kenne, müssen ein paar Bemerkungen vorausgeschickt werden. Wenn man vom Selbst spricht, begibt man sich in eine diskursive Landschaft, wo zumindest vier Urteile kräftig herrschen. Aussagen über das Selbst bleiben meines Erachtens wirkungslos, wenn diese Urteile nicht bewusst ins Auge gefasst und mit einbezogen werden. Die vier unterschwelligen – und ganz unterschiedlichen – Urteile führen dazu, dass das Thema oft mit einer falschen Verlegenheit besprochen oder gerade gar nicht besprochen wird. Es ist wegen dieser Urteile not done über die Erfahrung vom Selbst zu sprechen oder zu schreiben.

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Das erste Urteil besagt, dass sprechen oder eben denken über das Selbst in sozialer Hinsicht gefährlich ist. Wenn man sagt, ich habe einen bewussten „Draht“ zu meinem höheren Ich, scheint man implizit auch zu sagen: ich bin besser oder weiter oder geistiger als viele Andere. Auf der sozialen Ebene ist das offensichtlich schwierig zu ertragen oder zu verkraften. Karl Popper würde es so sagen: das metaphysische Gerede von Selbsten und Ichen ist eine Bedrohung für die offene Gesellschaft, weil dadurch die politische Gleichheit in Frage gestellt wird. (Das die Geschichte ihm zumindest halbwegs Recht gibt, braucht hier nicht erörtert zu werden.)

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Das zweite Urteil besagt, dass die Erfahrung vom Selbst eine reine „private“ Angelegenheit ist. Erfahrungen vom Selbst werden oft erlebt als „intim“ oder eben „innig“, genauso wie Sex und Geld. Man meint, es ginge niemand etwas an, ob ich solche Erfahrungen habe oder nicht. Mir scheint allerdings gerade diese Haltung, ein enormes Hindernis zu sein. Das Sprechen von der Erfahrung vom Selbst soll nicht in der privaten Sphäre verborgen bleiben. Zwar soll man taktvoll damit umgehen (wegen dem oben genannten Grund) – die Tatsache ist aber, dass es um Erfahrungen geht, die gerade und grundsätzlich über das Persönliche hinausgehen. Kreise von Menschen mit spirituellen Absichten, die nicht über die Erfahrung vom Selbst sprechen, befinden sich in einem Widerspruch.

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Das dritte Urteil hat mit der Tatsache zu tun, dass vor allem in der wissenschaftlichen Welt das „Selbst“ gar nicht existiert. Der Gedanke, dass es so etwas wie eine „ewige Individualiät“ gäbe, wird als eine metaphysische Annahme verstanden, ein Gedanke also, der nicht im reinen Erfahrungsbereich liegt, sondern im Bereich der Spekulation. Seit die Metaphysik großartig abgehackt worden ist, gilt auch das Selbst im ontologischen Sinne als non-existent. Wenn man also vom Selbst spricht und von der Erfahrung des Selbstes, hat man Einiges zu erklären. So tun als ob man nichts zu erklären hat, kann auf der persönlichen Ebene berechtigt sein – ich darf nämlich denken was ich will. Sobald man sich aber in der Öffentlichkeit diesbezüglich äußert oder verhält, soll man mit dem dritten Urteil rechnen. (Tut man das nicht und handelt man verlogen, kriegt Popper recht.)

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Das vierte Urteil besagt, dass das Selbst gar nichts mit meinem alltäglichen Ich zu tun hat. Populär ist in diesem Zusammenhang das Wort „Ego“, das seit den sechziger Jahren in quasi spiritueller Literatur auftaucht. Dieses Urteit basiert auf einem Dualismus: das Selbst ist gut, das Ego ist schlecht. Das Ego wäre irgendwie auszuschalten, zu umgehen, oder zu knechten. In dieser dualistischen Vorstellung entsteht ein „Subjekt“, das „subjektiviert“ (unterworfen) werden muss. Einerseits ist laut dieses Urteils das Ego eigenlich „gar nichts“, nur eine „Illusion“ oder „Projektion“ – anderseits aber scheint das Ego ein gewaltiges Hindernis zu sein, fast genau so unvernichtbar (weil SEHR egoistisch) wie das Selbst. Mir scheint aber, dass das alltägliche Ich, das Ego also, nur zu verstehen ist als ein bedeutungsvolles Geschöpf vom höheren Ich. Zwischen meinem Alltags-Ich (meiner Persönlichkeit) und meinem Selbst besteht eine delikate und vor allem multi-dimensionale Beziehung, die nicht mit einfachen dualistischen Begriffen zu erfassen ist.

(Nächste Woche weiter.)
Mit Dank an Birgitt Kähler