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10.01.2010

Fragment übers Rauchen. (1) Wie ich als Jugendlicher dazu kam

Ich begann mit dem Rauchen, als ich sechzehn Jahre alt war. Ich erinnere mich an meine erste Zigarette noch ganz genau. Ich hatte eine Schachtel Philipp Morris gekauft, ohne Filter, weil ich den Tabak direkt an meinen Lippen spüren wollte. Noch vor dem Kiosk entzündete ich eine Zigarette, zog den Rauch tief in meine Lungen & stellte sofort fest: das Rauchen ist eine Bereicherung.

Anscheinend mögen viele Menschen ihre erste Zigarette nicht – bei mir war das also anders. Ich würde heute eher sagen, dass ich eigentlich schon abhängig war, bevor ich richtig angefangen hatte. Mit der Wirkung des Nikotins-als-Substanz konnte das allerdings nichts zu tun haben, weil es eben meine erste Zigarette war. Die offenbar veranlagte Abhängigkeit lag auf einer anderen Ebene.

Weil ich in der Schule als Jugendlicher Probleme hatte & mein Onkel Herman gut Deutsch und Englisch konnte & außerdem auch noch arbeitslos war, hatte mein Vater gemeint, dass er mir bei meinen Schularbeiten helfen könnte. Im Büro meines Vaters in unserer Wohnung – er war Gewerkschafter – saßen wir nachmittags einmal in der Woche an einem kleinen Tisch & beschäftigten uns mit englischen & deutschen Gedichten. Meine Mutter brachte Tee & Onkel Herman rauchte Zigaretten.

In der Art & Weise wie er eine Zigarette an seine Lippen nahm, kurz und kräftig zog & in einen Sog geriet, so dass er für eine kurze Weile gar nicht mehr da war, sondern irgendwo anders verweilte, und dann sofort wieder begeistert von deutschen & englischen Dichtern weiter erzählte, erlebte ich etwas Beruhigendes & Vertrautes & Dunkles. Sein Rauchen verriet eine innere Bewegung, die sich sonst nicht so deutlich offenbarte.

Und diese innere Bewegung vollzog sich auch in mir. Auch in mir gab es Dichter, obwohl ich sie gar nicht kannte. Sie schienen aber eine Wirklichkeit von Menschen & Schöpfungen & Bedeutungen zu repräsentieren, die weit über die mir bekannte Welt hinausgingen. Als mein Onkel Hermann von Novalis oder Shelley sprach, schien er mir ein Botschafter eines besonderen Landes zu sein, das ich unbedingt kennen lernen wollte.

Wenn er erzählte & ich zuhörte, war ich irgendwie so bei ihm, dass ich in mir nachspüren konnte, was geschah, wenn er rauchte. Ich spürte, dass ein kräftiger Sog ihn über eine Schwelle führte, bis ins verbotene Reich der Abenteuer. Dort blickte er kurz auf Johann Wolfgang Goethe & kam dann sofort wieder zurück, um aufgeregt von Sensationellem zu berichten.

Er sagte dann: „Weißt du, dass Goethe mit seinem Faust wirklich sagen wollte, dass wir ohne den Teufel gar keine Poesie hätten?“ Mein Vater, der manchmal zuhörte, war mit dieser Behauptung einverstanden – aus seiner Sicht waren Dichter sowieso teuflisch. Als mein Onkel eines Tages meinte, dass auch die Psalmen in der Bibel als Dichtung verstanden werden müssten, sagte mein Vater: „Erzähle deinen Unfug bitte in der Kneipe!“. Mein Onkel ging aber davon aus, dass man das richtige Leben erst in einer Kneipe kennen lernen konnte.

Mein Onkel war ein guter Lehrer, weil er nur mit Texten arbeitete, die er liebte. Die deutschen Fälle, Dativ & Akkusativ – für Holländer eine geheimnisvolle Sache, vor allem in Zusammenhang mit den Präpositionen – vermittelte er mir mit Hilfe von Gedichten. Er lies mich schreiben: „Hast auch du/ ein menschliches Herz,/ dunkle Nacht?/ Was hältst du/ unter deinem Mantel?“ & fragte dann, warum Novalis „deineM Mantel“ geschrieben hatte & nicht dein oder deine oder deiner oder deinen Mantel.

Ein M am Ende eines Artikels findet man in der holländischen Sprache weit & breit nicht. Für Holländer ist gerade dieses M sehr komisch. „Man nennt das in Deutschland den Wem-Fall“, erklärte mein Onkel. Und er listete die Präpositionen auf, die einen Wem-Fall erzeugen, wenn ein „Sich-dort-Befinden“ gemeint ist: „an, auf, hinter, neben, in, über, unter, vor & zwischen...“

Er fügte geduldig hinzu: „Wenn aber ein Dort-Ankommen gemeint ist, verlangen diese Präpositionen nicht einen Wem-Fall, sondern einen Wen-Fall.“ Er meinte, dass Novalis zum Beispiel hätte schreiben können: „Du dunkle Nacht,/ darf ich meine Hand/ unter deineN Mantel stecken?“ Er zog an seiner (nicht: seine) Zigarette & lachte alsdann wie eine Trompete.

Und irgendwie schien es mir so zu sein, dass seine würzige Geistigkeit mit den Zigaretten zusammenhing.

19.05.2009

Neuigkeiten aus dem Badezimmer. Über Poesie & Zeit & Nachrichten

Psychologische Erklärungen sind fast nie poetisch. Sie decken auf, dass heißt: sie erzählen Geschichten hinter und über Geschichten. Mit einem psychologischen Blick wird die Geschichte eines seelischen Schmerzes in die Vergangenheit gestoßen & dort mit einer neuen Geschichte verwechselt, zum Beispiel über einen Vater, der mich oder dich oder ihn oder sie nicht angenommen hat, oder über eine Mutter die – naja, was könnte sie nicht alles getan haben.

Die aufgedeckte Geschichte gilt als Erklärung für die vorherige Geschichte, die immer irgendwie eine Beschwerde beinhaltet. Seelischer Schmerz wird in der Psychologie als eine Wirkung in der Gegenwart von einer Ursache die in der Vergangenheit liegt verstanden. Hinter der psychologischen Vorgehensweise steckt ein Zeitbegriff, der besagt, dass die Gegenwart durch die Vergangenheit bestimmt wird.

In der Poesie ist ein anderer Zeitbegriff wirksam. Der Dichter Novalis hat es so gesagt: „Der Sinn für Poesie hat nahe Verwandtschaft mit dem Sinn der Weissagung und dem religiösen, dem Sehersinn überhaupt. Der Dichter ordnet, vereinigt, wählt, erfindet – und es ist ihm selbst unbegreiflich, warum gerade so und nicht anders“. Man könnte es vielleicht auch so sagen: In der Poesie wirkt das, was im Kommen ist.

Mit Poesie ist hier nicht Dichtung gemeint. Man kann den Worten natürlich unterschiedliche Bedeutungen beimessen, ich meine mit Dichtung aber die Tätigkeit die zu literarischen Texten führt & die Texte selber. Poesie verstehe ich als eine Aufmerksamkeitshaltung, eine seelische Orientierung auf die Welt & das Leben & die Menschen & die Ereignisse & die Gegenstände. Poesie führt dazu, dass die stumme Sprache-der-Dinge auf einmal zur Botschaft werden. Man kann Poesie haben ohne Dichtung, Dichtung ohne Poesie gibt es nicht.

Auch ein Poet geht morgens ins Badezimmer um sich zu waschen, seine Zähne zu putzen & sich heute-oder-heute-vielleicht-doch-lieber-nicht zu rasieren. Gleichzeitig aber lässt er das Badezimmer auf sich zu kommen wie eine Art kuriose Neuigkeit, wie ein überraschendes Gebilde, das sich im Hier & Jetzt offenbart. Was er im Badezimmer hört & riecht & sieht & spürt & schmeckt & denkt & fühlt & will – was zeigt mir der Spiegel heute? - beinhaltet für den Poeten eine Bedeutung, die etwas über funktionale Bedeutungen hinaus geht.

Eigentlich ist es nicht richtig zu sagen, dass der Poet ins Badezimmer geht – treffender könnte man sagen, dass er das Badezimmer auf sich zu kommen lässt. Er befindet sich in einer „rückwärtsgehenden Evolution“ (Rudolf Steiner), die von der Zukunft ausgeht & uns in der Gegenwart trifft. In diesem zweiten Zeitstrom liegt das Ziel nicht in der Zukunft, sondern in der Vergangenheit – es ist die Verwandlung des Gewordenen. Laut Rudolf Steiner ist die Erkenntnis der zweiten Evolution eine Bedingung für das „geistige Schauen“.

Ein Poet praktiziert das geistige Schauen. Samuel Taylor Coleridge (siehe das aktuelle Motto meiner Website) spricht an dieser Stelle von einer ersten & einer zweiten Imagination. Die erste Imagination bezieht sich auf jegliche spontane & unbewusste menschliche Wahrnehmung, die zweite versteht er als ein Echo der ersten, mit dem wesentlichen Unterschied, dass sie mit unserem bewussten Willen zusammenfällt („co-existing“). Das geistige Schauen ist laut Coleridge eine bewusste Wiederholung-in-der-Endlichkeit von dem „ewigen Schöpfungsakt in das unendliche ICH BIN“. Novalis sagt an dieser Stelle: „Der Dichter erfindet“.

Wo in der Psychologie gerne eine zweite „erklärende“ Geschichte“erzählt wird, entwirft & kreiert & gestaltet die Poesie nur ERSTE Geschichten, die allerdings nicht als Erklärungen gelten, sondern eher als Bezauberungen & Weissagen & Öffnungen. Poetische Geschichten greifen in die Vergangenheit heftig ein, nicht weil sie dort etwas erklären, sondern weil sie berühren. Die Kraft der poetischen Verwandlung liegt darin, dass das Badezimmer zum Einweihungsort erhoben wird.

In einer Kultur des Herzens werden poetische Geschichten erzählt. Es wird eine Zeit geben – in fünfzig oder achtzig oder hundert Jahren? – in der die Nachrichtendienste sich nicht nur mit äußeren Tatsachen beschäftigen: so und so viele Arbeitslose, so und so viele Verluste im Krieg, so und so viele Verkehrsunfälle, und wie das alles zu bewerten wäre... Die journalistische Aufmerksamkeit wird auch die Neuigkeiten an der poetischen Front betreffen:

„Köln, 18. Mai. In einem Badezimmer in der Kölner Innenstadt wurde heute Morgen festgestellt, dass eine dreifache Spiegelung zwischen Fenster, Fliesen und Spiegel in der Seele eines achtundfünfzigjährigen Mannes eine Verwirrung hervorrief. Für einen kurzen Moment glaubte der Mann ein Gespenst zu sehen, dann verstand er aber, dass er sich selber sah. Der Mann freute sich darüber, sich selber unvorbereitet gesehen zu haben. Das bringt richtig etwas, meinte er.“