Fragment übers Rauchen. (1) Wie ich als Jugendlicher dazu kam
Ich begann mit dem Rauchen, als ich sechzehn Jahre alt war. Ich erinnere mich an meine erste Zigarette noch ganz genau. Ich hatte eine Schachtel Philipp Morris gekauft, ohne Filter, weil ich den Tabak direkt an meinen Lippen spüren wollte. Noch vor dem Kiosk entzündete ich eine Zigarette, zog den Rauch tief in meine Lungen & stellte sofort fest: das Rauchen ist eine Bereicherung.
Anscheinend mögen viele Menschen ihre erste Zigarette nicht – bei mir war das also anders. Ich würde heute eher sagen, dass ich eigentlich schon abhängig war, bevor ich richtig angefangen hatte. Mit der Wirkung des Nikotins-als-Substanz konnte das allerdings nichts zu tun haben, weil es eben meine erste Zigarette war. Die offenbar veranlagte Abhängigkeit lag auf einer anderen Ebene.
Weil ich in der Schule als Jugendlicher Probleme hatte & mein Onkel Herman gut Deutsch und Englisch konnte & außerdem auch noch arbeitslos war, hatte mein Vater gemeint, dass er mir bei meinen Schularbeiten helfen könnte. Im Büro meines Vaters in unserer Wohnung – er war Gewerkschafter – saßen wir nachmittags einmal in der Woche an einem kleinen Tisch & beschäftigten uns mit englischen & deutschen Gedichten. Meine Mutter brachte Tee & Onkel Herman rauchte Zigaretten.
In der Art & Weise wie er eine Zigarette an seine Lippen nahm, kurz und kräftig zog & in einen Sog geriet, so dass er für eine kurze Weile gar nicht mehr da war, sondern irgendwo anders verweilte, und dann sofort wieder begeistert von deutschen & englischen Dichtern weiter erzählte, erlebte ich etwas Beruhigendes & Vertrautes & Dunkles. Sein Rauchen verriet eine innere Bewegung, die sich sonst nicht so deutlich offenbarte.
Und diese innere Bewegung vollzog sich auch in mir. Auch in mir gab es Dichter, obwohl ich sie gar nicht kannte. Sie schienen aber eine Wirklichkeit von Menschen & Schöpfungen & Bedeutungen zu repräsentieren, die weit über die mir bekannte Welt hinausgingen. Als mein Onkel Hermann von Novalis oder Shelley sprach, schien er mir ein Botschafter eines besonderen Landes zu sein, das ich unbedingt kennen lernen wollte.
Wenn er erzählte & ich zuhörte, war ich irgendwie so bei ihm, dass ich in mir nachspüren konnte, was geschah, wenn er rauchte. Ich spürte, dass ein kräftiger Sog ihn über eine Schwelle führte, bis ins verbotene Reich der Abenteuer. Dort blickte er kurz auf Johann Wolfgang Goethe & kam dann sofort wieder zurück, um aufgeregt von Sensationellem zu berichten.
Er sagte dann: „Weißt du, dass Goethe mit seinem Faust wirklich sagen wollte, dass wir ohne den Teufel gar keine Poesie hätten?“ Mein Vater, der manchmal zuhörte, war mit dieser Behauptung einverstanden – aus seiner Sicht waren Dichter sowieso teuflisch. Als mein Onkel eines Tages meinte, dass auch die Psalmen in der Bibel als Dichtung verstanden werden müssten, sagte mein Vater: „Erzähle deinen Unfug bitte in der Kneipe!“. Mein Onkel ging aber davon aus, dass man das richtige Leben erst in einer Kneipe kennen lernen konnte.
Mein Onkel war ein guter Lehrer, weil er nur mit Texten arbeitete, die er liebte. Die deutschen Fälle, Dativ & Akkusativ – für Holländer eine geheimnisvolle Sache, vor allem in Zusammenhang mit den Präpositionen – vermittelte er mir mit Hilfe von Gedichten. Er lies mich schreiben: „Hast auch du/ ein menschliches Herz,/ dunkle Nacht?/ Was hältst du/ unter deinem Mantel?“ & fragte dann, warum Novalis „deineM Mantel“ geschrieben hatte & nicht dein oder deine oder deiner oder deinen Mantel.
Ein M am Ende eines Artikels findet man in der holländischen Sprache weit & breit nicht. Für Holländer ist gerade dieses M sehr komisch. „Man nennt das in Deutschland den Wem-Fall“, erklärte mein Onkel. Und er listete die Präpositionen auf, die einen Wem-Fall erzeugen, wenn ein „Sich-dort-Befinden“ gemeint ist: „an, auf, hinter, neben, in, über, unter, vor & zwischen...“
Er fügte geduldig hinzu: „Wenn aber ein Dort-Ankommen gemeint ist, verlangen diese Präpositionen nicht einen Wem-Fall, sondern einen Wen-Fall.“ Er meinte, dass Novalis zum Beispiel hätte schreiben können: „Du dunkle Nacht,/ darf ich meine Hand/ unter deineN Mantel stecken?“ Er zog an seiner (nicht: seine) Zigarette & lachte alsdann wie eine Trompete.
Und irgendwie schien es mir so zu sein, dass seine würzige Geistigkeit mit den Zigaretten zusammenhing.