Basiskonflikte in der Biographie (2). Ode an die Depression
In meinem letzten Blogtext habe ich behauptet, dass in der Biographie eine „dritte Phase“ erreicht wird, wenn in der Erkenntnis des eigenen Basiskonflikts eine Gewissheit entstanden ist, „die dazu führt, dass die Fragen & Spannungen & Anstrengungen aus der persönlich-psychologischen Sphäre gehoben werden und eine objektive Bedeutung bekommen“.
Und: „Wir sprechen von einem sehr gelungenen Leben, wenn aus den Spannungen des Konflikts ein bewusster Sprung gemacht und ein neues Bedeutungsfeld eröffnet wird. Oder anders gesagt: der Konflikt wird dadurch gelöst, dass er als Sprungbrett für umfassendere Fragestellungen genutzt wird.“
In einem Kommentar fragt „Anonym“: „Jelle, kannst du mir das bitte näher beschreiben?“
Ich meine das Folgende. Mir scheint es so zu sein, das „Konflikte“ & „Probleme“ & „Spannungen“ heutzutage immer stärker als „rein persönliche“ Angelegenheiten verstanden werden. Ein einfaches Beispiel: eine fundamentale Erfahrung die zum Menschen & damit zur Welt gehört & die wir mit dem Wort „Depression“ andeuten, wird eigentlich nicht mehr als objektiver Erfahrungsvorgang betrachtet, sondern als Krankheit, die unbedingt zu vermeiden ist.
Die beklemmende Erfahrung des Geworfen-Seins, des Spüren des Abgrundes, des Erlebens des Nichts war in den alten Mysterien ein Geschehen, das zur Gestaltung der Persönlichkeit auf eine positive Art und Weise beigetragen hat. Die Entwicklung von Weisheit war nicht möglich, ohne die Bodenlosigkeit des Lebens kennen zu lernen.
Noch zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts schrieb Samuel Taylor Coleridge ein Gedicht mit dem Titel: „Dejection: An Ode“, also eine Ode an die Niedergeschlagenheit. Coleridge stellt die Depression nicht als Krankheit dar, sondern als eine Erfahrung, die zu einer ganz bestimmten Erkenntnis führen kann. Er beschreibt diese Einsicht mit den Worten:
Ah! From the soul itself must issue forth
a light, a glory, a fair luminous cloud
enveloping the Earth - ...
Die Depression kann also zu der Erfahrung führen, dass die Quelle der Freude nicht außerhalb von uns zu finden ist, sondern in uns, dass heißt in unsere Seele. Die Depression ist in diesem Sinne zu verstehen als eine zwar schmerzhafte, aber durchaus sinnvolle Durchgangsphase auf der Reise zu mir selbst und der Welt. Die Depression als ein rein persönliches Problem zu verstehen, führt gerade dazu, dass man in der Depression stecken bleibt und das entstehende Licht, den Glanz, den leuchtenden Schein nicht wahrnimmt.
Bekannt ist ja eigentlich längst, das Licht und Schatten zusammen gehören. Wenn man aber beginnt, diesen Zusammenhang zu er-leben, ja zu leben, dann wird es unumgänglich, diesen beschriebenen Sprung zu machen und damit ein neues Bedeutungsfeld zu eröffnen.
Alles was ein Mensch erfahren kann, gehört zur Welt. Wenn ein Mensch mit einem Problem ringt (und das kann ja ALLES sein), ringt er objektiv mit der Welt. Oder vielleicht besser gesagt: die Welt spielt sich in uns ab; alle persönlichen Probleme sind Weltprobleme.
Persönliche Probleme gibt es nicht.
Mit Dank an Sophie Pannitschka