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22.01.2011

Sammy heute an Samuel. Auch über die dreiunddreißig Zaunkönige

Lieber Samuel, ich möchte Dir heute keine mitteilenden, sondern stiftende Worte schreiben, Worte also, die in der Schrift zwar von links nach rechts, im Innenraum zwischen uns allerdings von rechts nach links laufen, wie wir es damals, als wir noch auf der Suche waren und unsere Eltern nicht finden konnten, gelernt haben, da oben, wo der Rhein nicht von Süden nach Norden, sondern von Norden nach Süden fließt.

Wir müssen, so meine ich, in unserer Sprache jeden festen Grund vermeiden, jede Architektur ausschließen – alles was perfekt quadratisch oder perfekt rund ist, in einen Wirbel bringen, in eine verwirrende Bewegung nach oben auflösen, wie dreiunddreißig Zaunkönige, die sich auf einer Fliese versammelt haben – das würden sie natürlich nie tun – und sich dann auf einmal in die Höhe verlieren wollen.

Wir müssen also mit unserer Sprache aufsteigen, herum flattern, ungenau werden, oder vielleicht besser gesagt: eine neue Genauigkeit finden, die sich – wie die Würde des Menschen – nicht fotografieren lässt, nicht einmal in der Sprache selber dokumentiert werden kann, weil die Wörter und die Worte und die Redewendungen sich nur auf dasjenige beziehen wollen, was gerade nicht koordiniert ist.

Nun denkst Du vielleicht, dass die Redewendung „Bewegung von rechts nach links“ auch auf bestimmten Koordinaten beruht, und natürlich hast Du recht: unsere Sprache hat immer einen Bezug auf irdische Verhältnisse. Links ist auf der Erde nun einmal nicht rechts, rechts nicht links. Ich rede allerdings von einem Rechts, das gleichzeitig auch Links bedeutet, dass heißt: mein Rechts beinhaltet bereits von Anfang an auch ein Links. Und es wird Dir einleuchten: wenn man rechts lange genug weiter denkt, kommt man letztendlich von rechts zu rechts, was dann auf einmal links geworden ist.

Ja, Samuel, ich will Dich heute mit meiner Sprache verwirren, weil nur in der Verwirrung die großen Drei verborgen liegen: Anfang, Wink und Wandlung. Hat es nicht bereits Rainer Maria Rilke vom Dichter gesagt: „Da schufst du ihnen Tempel im Gehör“. Weißt Du – ja, jetzt wird es so richtig verwirrend – wer mit „ihnen“ gemeint war? Lies das einmal bei Rilke nach, und Du wirst finden: mit „ihnen“ sind die Tiere gemeint, die aufgehört haben zu brüllen und schreien, und „nicht aus Angst in sich so leise waren, sondern aus Hören“.

Was, wenn das Wilde auf einmal leise wird? Nein, dadurch, dass das Wilde auf einmal leise wird, ist es nicht gezähmt oder koordiniert oder auf einer Fliese übersichtlich zusammengebracht. Sind dreiunddreißig Zaunkönige auf einer Fliese „übersichtlich“? Nein, das sind sie nicht. Nichts ist so verwirrend und unmöglich und undenkbar wie dreiunddreißig Zaunkönige auf einer einzelnen Fliese. Wie gesagt: die kleinen-großen souveränen Hoheiten würden es nicht zulassen, so zusammen gepresst zu werden. Ich behaupte eben, dass es dies nicht ein einziges Mal in dem langen-langen-langen Werdegang unseres Planeten gegeben hat: dreiunddreißig Zaunkönige auf einer Fliese! (Nun ja, vielleicht einmal: in diesem Text.)

Was still wird, ist dadurch nicht quadratisch oder rund geworden. Stille mit Ordnung zu verwechseln, ist ein Fehler, groß genug für sieben mal sieben Jahre harter innerer Arbeit, Jahre die von rechts nach links verlaufen... So ist es mit Fehlern: sie beschäftigen uns immer wieder, leider von links nach rechts, und erst wenn wir uns auf die Verwirrungen einlassen, lösen sich die Knoten in uns.

Da oben sind die Wörter und Worte und Redewendungen frei von Flaschen. Etiketten und Alkoholprozentangaben, und die Logik der Nur-drei-Farben, grün, weiß und braun, gibt es da oben nicht. Der Reichtum der Farben wäre nicht auf drei Löcher in riesigen Containern zu reduzieren, nicht „im Grunde genommen nicht“ (ich will heute nicht gründen, sondern stiften), sondern „in der Luft genommen“ nicht. Gibt es so etwas wie drei oder sieben oder eben zwölf Löcher in der Luft?

Ich nenne Dich heute Samuel und Jan und Louis und Hannelore und Jessica und Vanessa und Rainer und Sebastian und Annette und Rob und eben Angela. Ich möchte Dich bei deinen dreiunddreißig wahren Namen nennen, bis zu Sammy, deinem letzten Namen, ganz rechts am Ende der Auflistung, dort also, wo rechts auf einmal links geworden ist. Und mit dreiunddreißig Namen sind nicht dreiunddreißig Namen gemeint, sondern ALLE Namen, die keine Namen sind, sondern Stiftungen, die entzünden. Von allen Namen gehen stiftend alle Namen aus.

20.12.2009

Die Kerze ist eine uralte Erfindung. Über das Immer-wieder-neu-geboren-Werden

Es ist ein Winternachmittag & es ist draußen dunkel. Ich sitze an meinem kleinen Küchentisch, entzünde eine Kerze & schaue darauf, was geschieht. Zunächst „geschehen“ meine Gedanken – sie kommen & gehen, ohne dazu eingeladen zu sein. Besonders erleuchtend sind sie aber nicht. Sie wiederholen zwanghaft das, was ich den ganzen Tag schon gedacht habe, nämlich, dass ich die Arbeit A noch zu erledigen habe, die Kollegin B unbedingt anrufen & endlich mal meinen Kühlschrank sauber machen sollte.

Ich verabschiede mich von meinen Gedanken. Sie scheinen heute Nachmittag nicht sehr aufdringlich zu sein, vielleicht sind sie müde & sehnen sich nach Ruhe. Ich denke noch: wo gehen die Gedanken eigentlich hin, wenn ich mich von ihnen verabschiede? Weil diese Frage eine Menge weitere Gedanken erzeugt, lasse ich auch sie los.

Und dann bin ich leer. Nun ja, leer ist vielleicht nicht das richtige Wort. Was übrig bleibt, wenn sich meine Gedanken zurück gezogen haben, ist eine leise Stimmung, ein farbiges Lispeln, ein stilles Vibrieren, das sich schwer beschreiben lässt. An dieser Stelle taucht wieder eine Frage auf, von der ich mich ebenfalls verabschieden will, die ich aber in diesem Text trotzdem in Worte fassen muss.

Die Frage lautet: was da nach meinen Gedanken erscheint, ist das mein Körper? Sind die Stimmungen & das Lispeln & das Vibrieren als Erscheinungen zu verstehen, die von meinem Körper ausgehen, abstrahlen und dann im Blickfeld meiner Aufmerksamkeit auftauchen? Oder müsste ich diesbezüglich eher sagen, dass ich es hier mit seelischen Erscheinungen zu tun habe, die nicht körperlicher Natur sind?

Über diese Frage habe ich schon öfters nachgedacht. Ich bin zu der Annahme gekommen, dass hier eine Mischung vorliegt, ein ineinander Spielen von organischen & rein seelischen Vorgängen, die aber aufeinander bezogen sind & gerade dadurch die Empfindung eines Innenraums erzeugen. Die Stimmung & das Lispeln & das Vibrieren vollzieht sich „in“ Etwas – und dieses Etwas ist noch am besten mit dem Begriff von Rainer Maria Rilke zu beschreiben: Innenraum.

Ich lasse diese Annahme also im Raum stehen – und ja: sie drängt sich nicht weiter auf, ich vermute, weil ich höflich bin – und schaue darauf, was weiter geschieht. Ich befinde mich also in einer Lage, die sich so beschreiben lässt: ich bin einerseits ein Beobachter & andererseits ein leerer Raum, der zwar eine Stimmung beinhaltet, trotzdem aber für das, was kommen will frei ist. Ich bin gleichzeitig ein Schauender & eine Schale.

Die Kerze brennt ruhig. Sie beleuchtet sanft die Wände meiner Küche, berührt die weißen Lilien am Fenster, hebt das braune Holz des Tisches hervor. Sie bringt Ruhe. Nach einer Weile aber merke ich, dass die kleine Flamme sich in mir fortsetzt, mich leise vereinnahmt & sich in meinem Innenraum versetzt und dort ausbreitet. Eigentlich kann ich nicht mehr sagen, dass sich die Kerze außerhalb von mir befindet – sie ist eine Erscheinung in mir geworden. Und sie beleuchtet innere Erscheinungen.

Was ist Feuer? Feuer ist eine physikalische Erscheinung geistiger Natur. Im Feuer zeigt sich der Geist auf eine fast unmittelbare Weise. Ich versuche nicht, mit meinem Finger die Flamme zu berühren – Kinder machen das gerne – weil mir klar ist, dass mein Körper den Geist nicht ertragen kann. Brennen bedeutet eine unmittelbare Berührung von Geist & Materie, ohne einen seelischen Puffer. Im Feuer verwandeln sich die Substanzen.

Die Kerze ist eine uralte & geheimnisvolle Erfindung. Das Wunderbare an einer Kerzenflamme ist, dass sie – solange sie nicht physisch berührt wird – genau dem Maß meiner Seele entspricht. Was mit einem Waldbrand oder eben einem Lagerfeuer normal gesprochen nicht geht, ist mit einer Kerze immer möglich, nämlich, dass ich mich seelisch gesprochen auf gleiche Augenhöhe mit dem Geist begeben kann. Ich kann das Licht & die Wärme einer Kerze verinnerlichen, ohne in eine Bedrängnis zu geraten.

In meinem Innenraum brennt also die Kerze. Ich schaue darauf was kommt & nach einer Weile stelle ich fest, dass sich ein lautloser & leiser Gesang in mir bemerkbar macht. Es ist, als ob es in mir, unsichtbar, wie verborgen in einem Keller, einen Chor gibt, der leichte & ernsthafte & heitere Töne und Klänge von sich gibt. Und wenn ich mich, was nur ein paar Minuten gelingt, frei & bedingungslos an den stillen Gesang übergebe, fühle ich mich getragen. Ich bin auf einmal nicht mehr ein Beobachter, sondern komme im Zustand des Schwebens zu mir selber.

In mir verschmelze ich mit mir. Und „in mir“ bedeutet auf einmal nicht nur „in mir“, sondern auch: „in der Welt“. Innenwelt & Außenwelt schieben sich ineinander. Und ich sage mir: dein Dasein beruht nicht auf gespürten Innerlichkeiten & gespürten Äußerlichkeiten - sie spiegeln dich nur - sondern auf einem direkten Gespür von dir in dir. Und ich weiß, dass ich unabhängig von meinem Körper & meiner Seele existiere. Ich fühle mich wie neu geboren.

27.07.2009

Ikonen kann man nicht berühren. Über Gegenstände

In seinen Duineser Elegien schreibt Rainer Maria Rilke: “Erde, ist es nicht dies, was du willst: unsichtbar/ in uns erstehn – Ist es dein Traum nicht, / einmal unsichtbar zu sein? – Erde! Unsichtbar!/ Was, wenn Verwandlung nicht, ist dein drängender Auftrag?“ Diese Sätze beinhalten meines Erachtens eine der stärksten Imaginationen aus der Dichtung des zwanzigsten Jahrhunderts.

Ich verstehe Imaginationen als Bilder, die eine Wirkung erzeugen, die über das rationale Verstehen hinaus gehen. In Imaginationen wird eine umfassende Wahrheit verspürt, die in ihren Einzelheiten noch nicht durchschaut werden kann. Bevor unsere Köpfe mitmachen, werden unseren Herzen durch Imaginationen erfasst.

Das Bild von Rilke in seinen Elegien ist groß & weit & tief. Gesprochen wird von einer Erde, die etwas will, nämlich “unsichtbar in uns erstehn”. Die Erde scheint auf die Menschen zu warten, bis sie ihre Aufgabe verstanden haben – der Dichter hat aber offensichtlich schon begriffen, was von ihm verlangt wird: “Erde, du liebe, ich will” schreibt er noch, und: “Überzähliges Dasein entspringt mir im Herzen”.

Der Dichter der Elegien versteht sich als Geliebter der Erde. Er geht eine Beziehung an, die von der Erde gesucht wird. Er akzeptiert ein stilles-aber-leidenschaftliches Angebot. Anders gesagt: die Erde braucht “uns” um ihren “drängenden Auftrag” zu erfüllen – ohne die Herzen der Menschen ist für sie keine Verwandlung möglich. Und der Dichter stellt sein Herz zur Verfügung.

Was mich in dieser Imagination immer wieder trifft, ist die Tatsache, dass die Erde und die Menschen getrennt sind. Die Menschen sind nicht Erde. Groß & weit & tief ist die Vorstellung, dass die Menschen zwar auf der Erde verweilen, allerdings nicht zu ihr gehören. Die Menschen haben etwas, was die Erde nicht hat. Und gerade weil dies so ist, bekommt die Beziehung eine umwerfende Bedeutung.

Die Erde will also „unsichtbar“ werden. Was kann damit gemeint sein? Unsichtbar kann nur werden, was sichtbar ist. Rilke spricht also von einer Welt die wir mit unseren Augen wahrnehmen, das sind: Bäume & Tiere & Städte & Fahrräder & Skulpturen & Landschaften & Ikonen & Steine & Gesichter... Er meint, dass in diesen sichtbaren Gegenständen ein Drang lebt oder wirkt oder schlummert „unsichtbar“ zu werden.

Wenn unsichtbar „nicht sichtbar“ heißt – bedeutet dies zwei Dinge: erstens, dass die Gegenstände auf der sichtbaren Ebene aufhören zu „sein“. Man könnte an dieser Stelle auch sagen: die Dinge müssen sterben. Ich kenne nur eine Sichtweise, die besagt, dass die Erde tatsächlich einmal sterben wird, nämlich die esoterische.

Zweitens bedeutet es, dass die Gegenstände in einer unsichtbaren Form weiter existieren. Auch diese Vorstellung findet man in esoterischen Betrachtungen. In esoterischen Fachbegriffen formuliert: die heutige Erde wird vergehen & in einer neuen „ätherischen“ Gestalt wieder neu geboren werden. In der esoterischen Literatur wird diese neue Erde „Jupiter“ genannt.

Nun ist die Vorstellung, dass die gegenständliche Erde sich im Verschwinden befindet, vielleicht verrückt – tatsächlich aber ansatzweise öfters durch ernst zu nehmende Philosophen gedacht. Martin Heidegger zum Beispiel kommt in seinen Texten manchmal fast dazu zu sagen: Gegenstände existieren eigentlich nicht.

Er meint damit, dass es das Bewusstsein der Menschen ist, das bestimmt ob etwas als ein Gegenstand „anerkannt“ wird oder nicht. Dazu kommt noch, dass unterschiedliche Menschen unterschiedliche Vorstellungen von einem konkreten Gegenstand haben. Eben einfache Gegenstände wie Messer & Löffel & Gabeln schwimmen in den unterschiedlichsten Vorstellungen der Menschen.

Und da fängt die Unsichtbarkeit schon an. Die Handgreiflichkeit der Dinge ist nicht identisch mit der Gegenständlichkeit der Dinge. Ob ein Ding ein Gegenstand ist oder nicht, hängt nicht davon ab, ob ich das Ding berühren kann oder nicht. Stärker noch: gerade die Unberührbarkeit der Dinge macht oft ihre Bedeutung aus. Auch wenn man mit seinem Finger die Farbe betastet, kann man nicht behaupten: ich habe eine Ikone berührt.

Mit Dank an Sophie Pannitschka

29.06.2009

Die Bedeutung der Dinge. Über Autoreifen, Trambahnen und Feuerzeuge

Amares im Stadtwald von Köln ist ein Ort für Kinder. Drei Leitsätze machen das Leben mit den Kindern bei Amares aus: Räume schaffen, Zeit geben & dabei sein. Die Erzieherinnen & Pädagoginnen von Amares lassen sich durch pädagogische Denker, wie Loris Malaguzzi, Rudolf Steiner, Janusz Korczak & Henning Köhler inspirieren. Ihr Anliegen ist es vor allem, der unerschöpflichen Neugier & dem Tatendrang & den Gestaltungsfähigkeiten der Kinder eine Gelegenheit zu geben, sich zu entfalten.

Bei Amares gibt es eine Gruppe von etwa zehn Kindern unter drei Jahren. Ab August kommt eine zweite Gruppe dazu: etwa fünfzehn Kinder ab drei Jahren. Die Behörden der Stadt Köln scheinen Amares zu mögen. Obwohl die Wünsche von Amares sich manchmal ein bisschen quer zu den Regeln & Vorschriften & Gewohnheiten verhalten, benehmen die Beamten sich klüngel-technisch gesehen sehr entgegenkommend.

Amares hat seine Unterkunft in einem ehemaligen Betriebshof der Stadt Köln gefunden. Das kleine Gebäude & die offenen Garagen & die Mauer umrahmen den Hof – und mitten auf dem Gelände steht eine Linde, die gerade in den letzten Wochen üppig geblüht hat. Sie scheint mir die Wächterin von Amares zu sein, weil sie optisch gesehen Raum schafft, schweigend die Zeit vertritt & dazu noch voll dabei ist. Ohne die Linde läuft bei Amares gar nichts.

Rings um die Linde & in den Garagen liegt überall etwas... Kram, Sachen, Dinge, Zeug... Fast hätte ich geschrieben: Spielzeug. Eine der Mitarbeiterinnen hat vor ein paar Wochen eine Liste von vorhandenem Zeug gemacht & weil ich verwirrende Listen (das habe ich ja von Michel Foucault gelernt) über alles mag, zähle ich in diesem Weblog gnadenlos auf was dazugehört:

Puppen. Bücher. Autos. Parkhaus. Töpfe. Holzgarage. Wolltiere. Holztiere. Filzbälle. Puzzles. Matratzen. Schaufeln. Besen. Hacken. Gießkannen. Eimer. Teller. Siebe. Rohre. Bollerwagen. Roller. Fahrräder. Fahrzeuge. Kinderwagen. Kleider. Werkzeuge. Filmdosen. Wasserhahn. Schläuche. Papier. Scheren. Pinsel. Kreiden. Farben. Fingerfarben. Knöpfe. Becher. Ton. Steine. Stöcke. Tafeln. Autoreifen. Nähkisten. Wolle. Klopapierrollen. Murmeln. Murmelbahn.

(Liebe/r Leser/in, seid bitte so nett & merkt euch die Unmerkbarkeit dieser wunderbaren Liste! Diese Liste zu verstehen, heißt die Welt zu verstehen.)

Für heute interessiert mich gar nicht die Frage, was die Kinder mit den Eimern & Büchern & Holztieren & Stöcken & Schläuchen & Filmdosen machen. (Es heißt, wie bekannt, dass sie damit spielen.) Mir geht es heute um die umgekehrte Frage: was machen die Puppen & Röhren & Murmeln & Autoreifen mit den ganz kleine Kindern? Oder anders gesagt: welche Bedeutung haben die Gegenstände für die Kinder?

Für kleine Kinder gibt es keine Gegenstände. Sie existieren einfach nicht. So etwas Komisches wie: hier bin ich & dort ist die Puppe, gibt es in der Welt der kleinen Kinder nicht. Den Akt der Gegenstands-Schöpfung haben die Kinder noch nicht vollzogen – sie schwimmen & schweben & tanzen in die Dingen, wie ich in der wunderbaren Liste schwimme. Es ist übrigens ein Fehler zu denken, dass die kleinen Kinder die Dinge „noch nicht“ kennen. Auch so etwas Komisches wie „noch nicht“ kennen die Kinder „noch“ nicht.

Der große schwarze Autoreifen macht das Kind schwarz & rund & kautschukisch. Der große schwarze Autoreifen kann ja alles sein: ein Bett, ein Haus, ein Nest, ein Topf, eine Tür... Der große schwarze Autoreifen kann sich mit allem möglichen zusammen tun: mit Tüchern, Papieren, Stöcken, Steinen, Wasser, einer Röhre... Und was dann entsteht, ist ja gar kein Ding mehr, sondern ein Geschehen, ein Ereignis, ein Event. Der große schwarze Autoreifen ist nicht einmal „multi-funktionell“ (klingt ja fast „pädagogisch“), weil die Liste der möglichen Funktionen unbegrenzt ist.

Ein altes Wort für Versammlung ist „Ding“. Ein Ding war vor tausend Jahren noch ein Event, ein Zusammenkommen in einem Zentrum von Menschen aus einer weiten Peripherie. (Das Parlament in Norwegen heißt noch immer „Ting“.) Und die Kinder erleben es jeden Tag: nicht die kulturelle Bestimmung der Funktionen (mit einem Löffel soll man essen) macht die Dinge aus, sondern ihre Umgebung, ihre Aura, ihr sich zusammenziehender Umkreis. Für die kleinen Kinder sind die Gegenstände ständig im Kommen.

Und sie berühren uns im Kommen. Aber was machen diesbezüglich die Dinge mit uns? In einem Text über Puppen schreibt Rainer Maria Rilke über eine kleine Trambahn: „[...] Du, überzeugte Seele der Trambahn, die in uns fast überhandnehmen konnte, wenn wir nur mit einigem Glauben an unsere Wagen-Natur in der Stube herumfuhren.“ Räume schaffen heißt also auch: Innenräume öffnen & bewegen & gestalten.

Wenn wir „glauben“ gibt es diesbezüglich gar keinen Unterschied zwischen Kindern & Erwachsenen. Wenn die kleine Helena mich fragt, ob sie ein Feuerzeug entzünden darf (sie kann es leider nicht so gut & braucht dringend Hilfe dafür, was sie gerne zulässt) schaut sie auf die Flamme und spürt wie die Flamme sich in ihrem „Innenraum“ entzündet. Helena ist dann Flamme. Das billige BIC- Feuerzeug erzeugt ein Flammen-Erzeugen-in-ihr.

Wir Erwachsenen sind nicht mehr so dabei. Wir Erwachsenen meinen, dass der schwarze Autoreifen eigentlich ausgedient hat & jetzt nur noch ein Spielzeug ist. Für den Autoreifen fängt das richtige Leben aber erst nach seinem funktionellen Tod an. Er liegt auf dem Hof & macht lachend mit.

Mit Dank an Sophie Pannitschka

15.06.2009

Sehen und gesehen werden. Über Peter Sloterdijk und Religion

Wir sind durch & durch mit der Erfahrung vertraut, dass uns ein Mensch anschaut. Gesehen werden gehört zum Leben, obwohl wir die Erfahrung manchmal als unangenehm erleben. Angeschaut & gesehen werden, führt zu der merkwürdigen Erfahrung, dass wir uns selber als Objekt erleben – in dem Blick des Anderen werden wir zum Gegenstand. Diese Spaltung zwischen Ich-als-Subjekt und Ich-als-Objekt verunsichert uns.

Am deutlichsten merken wir das, wenn wir einander länger in die Augen schauen. Sofort entsteht ein Spiel von sehen & gesehen werden. Die Augen bewegen sich unruhig hin und her & das innere Erleben springt blitzschnell vom Subjekt-Sein zum Objekt-Sein & wieder zurück. Offenbar scheint es schwierig zu sein, die beiden „Perspektiven“ gleichzeitig gelassen & souverän zu handhaben. Für das normale Bewusstsein stehen sie einander im Wege.

Angeschaut & gesehen werden, so meinen wir, geht nur, wenn das Gegenüber Augen hat. Menschen können uns sehen, Steine & Pflanzen & künstliche Gegenstände & Landschaften können das nicht. Bestimmte Tiere können es auch: manchmal erscheint neben mir im Garten kurz ein Zaunkönig & schaut mich neugierig an. (Aber nein, mit ihm entsteht das Spiel von sehen & gesehen werden nicht. Einem Vogel kann man merkwürdigerweise nicht in die Augen schauen.)

In seinem letzten Buch „Du mußt dein Leben ändern“ (Suhrkamp, 2009, S. 44) meint Peter Sloterdijk zu Recht, dass das religiöse Erleben die Beziehung zwischen Subjekt & Objekt exakt umdreht. In seinen Worten: „Auf der Position, wo üblicherweise das Objekt erscheint, welches ebendarum, weil es Objekt ist, niemals zurückschaut, ´erkenne` ich nun ein Subjekt, das die Fähigkeit besitzt, zu schauen und Blicke zu erwidern“.

Für das religiöse Erleben ist die objektive Welt genau so beseelt, wie die subjektive. Sterne & Wälder & Flüsse & Wolken & Findlinge schauen uns mit unsichtbaren Augen an. Dieses Tauschen (ich glaube, Sloterdijk meint eher ´Täuschung`) spielt sich nicht nur auf der Ebene des Sehens ab – sondern die Positionen wechseln sich auch im Sprechen & Hören. Für das religiöse Leben gilt, dass die objektive Welt uns hört & zu uns spricht.

(Interessant ist, dass diese Umdrehung sich nur auf das Sehen & Hören bezieht – wenn es um Riechen, Schmecken & Tasten geht, scheint die Beziehung zu den Dingen der Welt einseitig zu bleiben. Bäume & Teiche & Planeten riechen & berühren & schmecken uns nicht. Liegt das daran, dass Sehen und Hören irgendwie enger mit dem verwoben ist was wir das Selbstbewusstsein nennen?)

Sloterdijk kommt auf das Thema der sinnlichen Umkehrung, weil er den Titel seines Buches zu erklären versucht. Die Aufforderung „Du mußt dein Leben ändern“ kommt aus einem Gedicht von Rainer Maria Rilke, in dem das poetische Subjekt von einem Torso angeschaut & angesprochen wird. In dem Torso gibt es ein „Schauen“, dass sich „hält und glänzt“ – es gibt „keine Stelle, die dich nicht sieht“. Am Ende des Gedichtes spricht dann der Torso die berühmte Mahnung aus, die Sloterdijk als Titel seines Buches gewählt hat.

Anders als Peter Sloterdijk meinte Rainer Maria Rilke, dass die objektive Welt tatsächlich beseelt sei. Man könnte, wenn man wollte, Rilke diesbezüglich naiv nennen, aber nur wenn man es absichtlich wollte: denn die Frage, was hier genau vorliegt, wird nämlich auch von Sloterdijk nicht beantwortet. Auch wenn man mit Sloterdijk einverstanden ist, dass Religionen eigentlich Übungssysteme sind (ein Gesichtspunkt, der in der Soziologie geläufig ist – dort wird meistens nicht von „Übungen“, sondern von „Kontrolle“ oder „Regeln“ gesprochen) bleibt die Frage stehen: beruht die Verwechselung der Positionen auf einer Täuschung?

Falls ja, dann geht es um eine sehr hartnäckige Illusion, die aber alleine dadurch nicht einfach abgehakt werden kann, weil sie die moderne Sichtweise „ich-bin-das-Subjekt“ & „das-Ding-ist-das-Objekt“ mit hervorgebracht hat. Anders gesagt: ohne die „religiöse“ Disposition ist die „naturwissenschaftliche“ Disposition nicht zu denken. Ohne die Krücke namens Religion, kann das Bein namens Wissenschaft keinen Schritt gehen.

Wenn man nicht auf die geronnenen Religionen und „jüngeren Religionsexperimente“ (Sloterdijk, S. 141) schaut, sondern auf die religiösen Empfindungen die wir Menschen offensichtlich hatten & haben (und die sich in soziale Verhaltenssysteme umgesetzt haben), stößt man unvermeidlich auf die Frage: was sind Gefühle? Die Erfahrung, dass es Objekte gibt, die uns auf irgendeine Art und Weise sehen & dass die Welt auf irgendeine Art und Weise zu uns „spricht“, beruht auf einem Gefühl.

In Gefühlen gestalten sich Beziehungen. In meinen Gefühlen wird „dein“ Dasein nicht nur bejaht & bestätigt & aufgenommen, sondern auch mitgestaltet & vervollständigt. Erst in meinen Gefühlen bist du was du bist. Oder: erst in meinen Gefühlen, wird der Zaunkönig, was er sein will: ein Botschafter der neugierig schaut & tzik tzak spricht.

Mit Dank an Sophie Pannitschka

12.05.2009

Sammy und Samuel heute. „Erzähl mir mal eine Geschichte!“

Sammy: „Lieber Samuel, wenn ich auf dich schaue, habe ich das Gefühl, dass du Geschichten erzählen möchtest – aber dennoch schweigst. Was hält dich davon ab, dich in die Sprache hinein zu bewegen? Warum kommst du nicht vom Fleck? Hast du nicht einmal gesagt, dass du dein Leben den ungeschriebenen Gedichten widmen willst?“

Samuel: „Du hast Recht; in mir gibt es tausend Geschichten. Oder müsste ich sagen, dass die Geschichten mich wie Vögel umgeben? Manche dieser Geschichten stehen still auf einem Bein im Wasser & warten, andere taumeln kreischend im Wind, noch andere hüpfen hübsch von Ast zu Ast, wieder andere kreisen hoch oben in der blauen Ferne. Du weißt doch, Sammy, wie es mit den Vögeln ist: sie sind schwer zu ergreifen.“

Sammy: „Geschichten erzählen, heißt also Geschichten ergreifen?“

Samuel: „Nein, wenn ich behaupte, dass Geschichten ungreifbar sind, stimmt das schon – dennoch mache ich es mir damit leicht. Geschichten soll man nicht ergreifen wollen, weil sie in unseren Händen sterben. Sich auf eine Geschichte einzulassen, heißt gerade das Umgekehrte: man lässt sich selber los & man fliegt mit & man taumelt & schwankt & stürzt & lässt sich letzten Endes vielleicht wie ein landender Schwan auf dem Wasser ausgleiten.“

Sammy: „Und damit tust du dich schwer?“

Samuel: „Ja. Ich sitze manchmal in mir & bei mir & eben neben mir & sehne mich nach Luftbewegungen, nach kreisen & umkreisen (Rilke: Bin ich ein Falke?) & stelle fest, dass ich unbeweglich wie ein Turm in der Landschaft stehe. Du hast es schön gesagt: Ich komme nicht vom Fleck. Dieses in mir & bei mir & eben neben mir Sitzen ist eine tödliche Fixierung. Es führt dazu, dass ich selber nicht einmal zu einer Geschichte werden kann.“

Sammy: (...)

Samuel: „So ist es! Es gibt Schweigen & Schweigen. Das erste Schweigen ist wie eine Verankerung in deinem Leib & in deinen Erinnerungen & in deinen Hoffnungen & in deinen alten Selbstentwürfen... So ist es mit Türmen: sie sind gebaut worden, um uns zu schützen. Wenn ich in meinem Turm sitze & schweige, weil ich Angst habe, schweige ich mich in das Salz hinein. Der große Dichter aus Chile, Pablo Neruda, nannte das: die begrabene Geometrie, die Schule des Salzes. Dieses Schweigen bedeutet bewahren.“

Sammy: (...)

Samuel: „Das zweite Schweigen bedeutet Wink & neuen Anfang. In diesem Schweigen machen sich die Geschichten vom Gewordenen los & heben sich aus den Angeln der Quadratur & stülpen sich um & lassen sich durch die Archive der Zukunft anziehen. In dieser Schule der warmen südlichen Luft werden sie neu geboren. Sammy, wenn ein Mensch zu einer fliegenden Geschichte wird, heißt das, dass er Flügel bekommt.“

Sammy: „Erzähl mir mal eine Geschichte!“

Samuel: „Heute morgen saß ich bei mir & in mir & neben mir. Um mich herum gab es die stillen Geräusche der Stadt: die Autos & die Züge & die Bauarbeiten & die Stimmen der Nachbarn... Und ich hatte das Gefühl, dass keines dieser Geräusche eine Botschaft für mich enthielt. Die Welt war stumm & von mir abgekoppelt. Als dann ein Handy klingelte, merkte ich nicht einmal, dass es mein Gerät war.“

„Das Handy machte einen zweiten Versuch & ich stellte fest: jemand versucht mich zu erreichen! Ich ging an den Apparat, sagte: mit Samuel Coster & hörte zu. Was ich aber hörte, war ein merkwürdiges Geräusch, ein Klick-klack-klick-klack, fast so, als ob jemand irgendetwas Holzartiges hinter sich her eine Treppe hoch schleppt. Auf mein Hallo-Hallo-Hallo folgte keine Reaktion. Ich wartete & wartete & hörte das Klicken & Klacken & dazu noch Geräusche, die ich gar nicht einordnen konnte.“

„Dann gab es auf einmal eine metallene Stimme, die deutlich hörbar sagte: ‚Der Zug nach Basel hat zwanzig Minuten Verspätung’. Das Klicken & Klacken hörte sofort auf & eine mir unbekannte Stimme sagte: ‚Scheiße!’ Dann fing das Klicken & Klacken wieder an & kurz darauf riß die Verbindung ab.“

Sammy: „Ist das eine Geschichte?“

Samuel: „Nein, eigentlich nicht. Es ist ein Erlebnis. Es kann aber eine Geschichte werden, wenn ich es will.“

20.10.2008

Die Machtfrage in einer Kultur des Herzens. Über das Tier in uns.

Populär ist die Auffassung, dass man sich vom Willen zur Macht befreien soll. Irgendwie soll man diesen dunklen Trieb-zum-Herrschen loswerden & hinter sich lassen & auflösen. Man soll frei von Macht werden, sich „gewaltfrei“ verhalten (zum Beispiel „gewaltfrei kommunizieren“). In dieser wohlwollenden Vorstellung schwingt immer irgendwie der Gedanke mit, dass Menschen keine Tiere (mehr) sind. Tiere sind noch den Trieben unterworfen – Menschen haben die Möglichkeit, sich davon zu befreien - und sollten das auch tun.

Was ist aber eigentlich Macht? In alten mythischen und religiösen Vorstellungen werden die Götter als „Machtinhaber“ vorgestellt. Donar hatte Macht & konnte deswegen richtig donnern & das war auch gut so. In der christlichen Lehre der göttlichen Hierarchien gab es Engel & Erzengel & Throne & eben auch „Mächte“ (Dynamis), die laut Dionysos der Areopagit fünf Stufen über dem Menschen stehen. Und dass die Mächte mächtig waren, hieß noch nicht, dass sie auch schlecht waren. 

Das Wort Macht (alt-germanisch „maht“) bedeutete ursprünglich „können“. Macht haben heißt, etwas können, vermögen. Wenn jemand es also vermag ein Haus zu bauen, hat er die Macht dies zu tun. Und wenn Angela Merkel es vermag ein neues Gesetz durchzusetzen, hat sie die Macht dies zu tun. Und wenn ich einen Blogbeitrag schreibe und veröffentliche, habe ich die Macht dies zu tun. (Was wäre ein Leben ohne Häuser & Gesetze & meine Blogs?)

In der Philosophie (vor allen durch Schopenhauer, Nietzsche & Foucault) ist der Begriff Macht schon längst „neutralisiert“ worden, genau so, wie das in den alten mythischen Vorstellungen war. Michel Foucault zum Beispiel hat sich sehr bemüht, den Machtbegriff von der komischen Vorstellung zu befreien, dass bestimmte Menschen Macht haben, und andere nicht. Er meinte, dass Macht immer eine Rolle spielt, in allen möglichen menschlichen Beziehungen. So bald zwei Menschen zusammen sind, gibt es eine Machtfrage. Und das ist auch gut so, weil ohne Macht nichts zustande käme. (Wir würden nicht einmal gemeinsam Urlaub machen.)

Die Frage ist also ganz und gar nicht, wie wir uns von der Macht befreien können. So etwas Wohlwollendes wie ein „machtfreies“ Verhalten kann es gar nicht geben, und soll es auch nicht geben. Der einzige Zustand der Machtfreiheit, ist der Zustand des gelähmt Seins. (Dass der Zustand der Lähmung & der Ohnmacht auch Wunderbares bringt, nämlich Bewusstsein, ist ein anderes Thema.) Stärker noch: der Gedanke, dass man sich von der Macht befreien sollte, ist nicht ganz ohne Gefahr, weil die wohlwollende Intention letztendlich auf Naivität (nicht Wissen) basiert. Und gerade naiv soll man, laut Foucault, der Macht gegenüber nicht sein.

Vor allem die freundschaftliche Beziehung macht deutlich, dass wir uns nicht von der Unbequemlichkeit der Macht befreien sollten, sondern eher umgekehrt: uns mit dem Potenzial der Macht anfreunden müssen. So zu tun, als ob ich keine Macht über meinen Freund (meine Verwandten, meine Geliebte, meine Kollegen) habe, oder haben will, heißt eigentlich, dass ich die Beziehung nicht ernst nehme. Die Macht ist da, wird aber von mir nicht ernsthaft „verwaltet“, oder freundlicher gesagt: in der Hand genommen.

Den Willen zur Macht kann man schon mit einem Tier vergleichen. Das Tier gibt es in jedem von uns, einfach weil wir leben, einfach weil wir zum saturnalen Sein gehören, einfach weil die unendliche & unbekannte & dringende & abgründige & vulkanische „Welt“ sich in uns fortsetzt. Einfach deshalb, weil wir einen Körper haben, und einen Willen & Füße, die uns unbewusst dorthin bringen wo wir hin-oder-doch-nicht hin wollen. Der Gedanke, dass wir nur das tun, was wir uns bewusst überlegt haben, ist nicht nur absurd, sondern vor allem abgehoben und arrogant. Nein, das Tier in uns, der Wille zur Macht also, ist nicht mit einem netten Grinsen weg zu suggerieren.

Das Tier soll nicht in einen Käfig eingeschlossen werden. (Dann geschieht das, was Rainer Maria Rilke in seinem Gedicht ‚Der Panther’ beschreibt.) Das Tier soll auch nicht in einem Zirkus gezähmt werden und schöne Spiele machen. Und das Tier soll nicht getötet werden, weil wir mit dem Tier auch unsere Lebensenergie töten. Dem Tier soll, wie Dante es am Anfang seiner Göttlichen Komödie beschreibt, begegnet werden. Dem Tier soll in die Augen geschaut werden. Und vor allem: das Tier, der Wille zur Macht also, soll anerkannt werden als eine Kraft-für-sich, die manchmal stärker ist, als unser Wille zur Bewusstheit.

In einer Kultur des Herzens verabschiedet man sich von der Illusion, dass wir uns immer im Griff haben & im Griff haben können & im Griff haben müssen. Was die Wikinger schon wussten: in einer Kultur des Herzens rastet man manchmal auch aus. Oder, was in den dionysischen Mysterien schon bekannt war: auch ein Rausch kann sinnvoll sein.

Mit Dank an Sophie Pannitschka  

25.08.2008

"Mensch: es ist Zeit. Dein Warten war sehr groß." Über Rilkes larische Landschaften

"Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.“ Ich mag diesen Satz von Rainer Maria Rilke sehr. Immer wieder taucht er in mir auf – und das nicht nur, wenn der Herbst im Kommen ist. Der Satz selbst ist, wovon er spricht: voll & mächtig.

Der Satz hat die Form einer reinen Mitteilung. Es gibt hinter den ausgesprochenen Worten eine Instanz, sagen wir mal „eine Seele“, die einer anderen Instanz, „Herr“ genannt, etwas mitteilt. Der Inhalt der Mitteilung umfasst zwei Aspekte. Erst wird gesagt, dass es Zeit ist, und dann, dass der Sommer sehr groß war. Der zweite Aspekt ist eine Erklärung für den ersten Aspekt. Es ist Zeit, weil der Sommer sehr groß war. Noch größer kann oder soll der Sommer nicht werden.

Formal gesprochen – so ist das mit Mitteilungen – muss der Satz so verstanden werden, dass die erste Instanz davon ausgeht, dass die zweite Instanz über einen Tatbestand informiert werden soll. Der „Herr“ scheint vielleicht nicht zu wissen, dass es Zeit ist; und auch scheint er nicht zu wissen, dass das aus dem Groß-Sein der Sommer folgt. (Dass der Sommer groß war, dürfte der Herr wissen.)

Trotzdem gibt es hier einen Haken. Etwas stimmt nicht. Der „Herr“ ist nämlich derjenige, der zuständig dafür ist, den Sommer zu beenden. „Die Seele“ ist dazu gar nicht im Stande. Trotzdem scheint „die Seele“ etwas zu wissen, was der zuständige „Herr“ offensichtlich nicht weiß. Wie aber kann „der Herr“ überhaupt den Sommer gestalten, wenn er ignorant ist in Bezug auf so etwas Wichtiges wie die richtige Zeit? Hat er, als es noch Frühling war, nicht gewusst, dass es Zeit wurde mit dem Sommer „anzufangen“? Und hat ihm „die Seele“ das mitgeteilt, etwa wie: „Herr: es ist Zeit, der Frühling war sehr grausam“? (Laut T.S. Eliot: „April is the cruellest month“)

Rainer Maria Rilke hat mit diesem Satz eine geheimnisvolle Spannung zwischen der sprachlichen Struktur und eine allgemeine Vorstellung kreiert. Die allgemeine Vorstellung ist, dass „der Herr“ zuständig ist, wenn es um die Gestaltung der Jahreszeiten geht. (Was Rilke hier genau mit „Herr“ meint, bleibt eine offene Frage. Man braucht nicht unbedingt an „Gott“ im üblichen Sinne zu denken.) In dem Gedicht wird das auch deutlich, weil „die Seele“ den „Herrn“ dazu anspornt, seine Macht in Bezug auf den Sommer auszuüben: „Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,/ und auf den Fluren laß die Winde los.“

In der allgemeinen Vorstellung macht es keinen Sinn, „dem Herrn“ mitzuteilen, dass es Zeit ist. Höchstens ist denkbar, dass gemeint wird, dass es für „die Seele“ die richtige Zeit ist. Der Satz würde dann eigentlich bedeuten: „Herr es ist Zeit für mich. Der Sommer darf für mich jetzt zu Ende gehen“. Diese triviale Interpretation liegt vor der Hand, scheint mir aber doch auch nicht so ganz zu stimmen, weil die Apostrophe „Herr“ sehr selbstbewusst, ja voll und mächtig am Anfang steht.

Die Anrede und die Worte die folgen, wirken nicht wie ein demütiges Gebet oder eine bescheidene persönliche Bitte. Nein, „die Seele“ erlaubt es sich, „dem Herrn“ selbstbewusst und ebenbürtig anzusprechen und zu einer Handlung zu bewegen. Man stellt sich eher einen selbstbewussten Untertan vor, der dem Souverän sagt: „Herr es ist Zeit. Der Feind ist zu mächtig geworden. Du sollst Krieg machen.“

Das mächtige Geheimnis des Satzes scheint mir in der Beziehung zwischen „der Seele“ und „dem Herrn“ zu liegen. Diese Beziehung ist aber alles andere als eindeutig. Immer wieder wenn der Satz in mir auftaucht – und das geschieht, wie gesagt: nicht nur dann, wenn der Herbst ansteht – erlebe ich eine Kraft, die mich zum Teilnehmer & Mitverantwortlichen & Mitgestalter macht. Ich befinde mich auf gleicher Augenhöhe mit den Göttern und mische mich ein. Ich teile den Göttern mit, dass es reicht; und ich merke, dass die Götter ihre Ohren groß und weit machen. Irgendwie scheinen sie meine Mitteilung zu brauchen.

Hat das Ende des Sommers und der Anfang des Herbstes etwas damit zu tun, was in den Seelen der Menschen vorgeht? Rainer Maria Rilke würde sagen: ja! Klar ist, dass die Seelen der Menschen auf eine passive Art und Weise mit den Jahreszeiten mit-leben. Der Verlauf der Jahreszeiten bestimmt die Stimmung des Menschen mit. Gilt das aber auch umgekehrt, so dass die Stimmung des Menschen den Verlauf der Jahreszeiten aktiv mitbestimmt? Auch hier würde Rilke sagen: ja!

In vielen Gedichten beschreibt Rilke die Natur, die Bäume & die Tiere, die Wälder, die Städte & die Straßen, die Kunstobjekte & die Jahreszeiten, als „larische Landschaften“, dass heißt, als Erscheinungen die sich nur augenscheinlich außerhalb von uns befinden. Die Brunnen & Brücken & Kathedralen & Hügel & Teiche schauen uns neugierig an mit den Augen der Laren (römische Haus- und Landschaftsgötter). Laut Rilke sind die Laren zu verstehen als Botschafter & Vermittler zwischen Menschen & Göttern.[i]

„Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß“. Rilke scheint mit diesem Satz auch sagen zu wollen: „Mensch: es ist Zeit. Dein Warten war sehr groß“.

[i] Über diese Thema gibt es ein wunderschönes Buch: Rilkes larische Landschaft von Rudolf Eppelsheimer. Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben, 1975