Posts mit dem Label Selbst und Subjekt werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Selbst und Subjekt werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

17.09.2011

Kognitionswissenschaft. Über selbstbildende Ereignisse

Die souveräne Existenz des Selbst (oder des Ich) des Menschen lässt sich nicht einwandfrei positiv „beweisen“ oder negativ „verneinen“. In der Kognitionswissenschaft wird gerade das Letztere versucht. Daniel C. Dennet zum Beispiel meint in seinem Buch Philosophie des menschlichen Bewusstseins klar belegen zu können, dass das Selbstbewusstsein nichts Souveränes innehat, sondern eher als eine wilde Ansammlung von willkürlichen „Erzählungen“, die der Mensch sich selbst „erzählt“, um in dem biologisch-evolutionären Prozess zu überleben, zu verstehen wäre.

Und der Gehirnforscher John R. Searle kommt in seinem Buch Geist. Eine Einführung zu der Schlussfolgerung: „Zusätzlich zu einer Abfolge von Erlebnissen und dem Körper, in dem diese Erlebnisse stattfinden, gibt es nicht noch so etwas wie das Selbst. Wenn ich versuche, meine Aufmerksamkeit nach innen zu richten und eine Entität zu beobachten, die mich wesentlich ausmacht, dann finde ich [...] nur einzelne Erlebnisse. Da ist kein Selbst zusätzlich zu diesen Erlebnissen“. Dass wir trotzdem so etwas wie eine kontinuierliche Identität erleben, beruht laut Searle auf dem Umstand, dass wir uns an Erlebnisse aus der Vergangenheit erinnern können.

Es ist in diesem Text nicht meine Aufgabe, die philosophischen und wissenschaftlichen Überlegungen gegen die Existenz des Selbst zu widerlegen – ich wäre damit auch heillos überfordert. Ich kann aber ein Denkangebot machen, das zwar von Argumenten unterstützt wird, im Grunde genommen aber auf Erfahrungen beruht, auf Erlebnissen also, die, anders als Searle meint, nicht als „zusätzlich“ zu verstehen sind. Die Begegnung mit meiner Hoheit und mit den Hoheiten der anderen Menschen ist aus meiner Sicht ein Ereignis, das als Ereignis keine Begründung braucht, genau wie ein Kuss, ein Krieg, eine Geburt, ein Sterben, ein Blitz vom Himmel oder eine Begegnung mit einem anderen Menschen dies auch nicht braucht, um das zu sein was sie alle sind: Ereignisse.

Wie kämen Dennet und Searle übrigens ohne Ereignisse aus? Auch sie begründen ihre Sichtweisen auf Erlebnisse, die allerdings in einem bestimmten Rahmen angenommen oder eben gerade abgewiesen, beziehungsweise dekonstruiert werden, nicht weil sie aus irgendeinem Grund als Ereignis nicht überzeugen, sondern weil sie Unbehagen erzeugen.

Anders gesagt: Die Erfahrung des Selbst lässt sich in der Tat schwer denken und einordnen, das heißt, es lässt sich nicht mit anerkannten Mitteln der Wissenschaft in das theoretische Gebäude der Wissenschaft integrieren. Eigentlich würde es schon reichen von der Idee (nicht einmal der Existenz) des Selbst zu sprechen: Sie sprengt alle Rahmen. Sich allerdings von dieser Idee zu verabschieden, würde einfach heißen, dass auch das Buch von Dennet nur „Erzählungen“, die er sich selber zum Überleben erzählt, beinhaltet.

Sein stolzes Buch, mit dem stolzen Titel und dem stolzen Eigennamen würde lediglich die Illusion bieten, die er gerade versucht zu demontieren. Sein Buch als Ereignis beruht auf einem Widerspruch, einfach deshalb, weil auch Dennet nicht ohne selbstbildende Ereignisse auskommt.

08.07.2011

Nochmals über das Selbstbewusstsein. Der Übermensch von Nietzsche

Unser Selbstbewusstsein scheint uns aus einem dunklen Untergrund hervor gegangen zu sein, den wir „Körper“ nennen könnten, oder „Materie“ oder „göttlichen Urgrund“ oder eben (wie Nietzsche gelegentlich meinte) „eine Krankheit“, oder einfach „Welt“.

Das Selbstbewusstsein scheint einerseits in komplexe Vorgänge eingebettet zu sein, die wie ein ständiger Geburtsgrund zu verstehen sind, vollzieht aber andererseits sofort nach seiner Geburt eine negative Emanzipierung: Es dreht sich quasi hundertachtzig Grad um, schaut wie Orpheus in die Unterwelt, die er gerade hinter sich gelassen hat, und versucht sich davon adäquate Vorstellungen zu machen.

Was das Selbstbewusstsein dann allerdings zu sehen bekommt, sieht aus wie ein sich zurückziehendes Gespenst: seine Geliebte Eurydike, die im Nebelhaften verschwindet. Gerade das, was ihm vertraut ist, versinkt im Dunkel. Und weil das Selbstbewusstsein in der Welt keinen Halt findet, durch das es hervorgerufen wird, gerät es in einen merkwürdigen Zustand. Es konstruiert ununterbrochen Gedanken, die es, wenn es ehrlich ist, ständig wieder dekonstruieren muss.

Den EINEN Gedanken, der ihm seinen Platz in der Welt erklärt, findet er nicht.

Positiv formuliert könnte man allerdings über den Menschen am Abgrund sagen: Er ist uns ein Rätsel. Dank Friedrich Nietzsche ist dieses Rätsel schon von Anfang an grundsätzlich von psychologischen Spekulationen und moralischen Ansprüchen frei, und damit paradoxerweise unantastbar.

Bemerkenswert ist, dass Nietzsche in seinen Texten immer zwischen den beiden Positionen, der negativen und der positiven, hin und her schwankt. Er scheint zu wissen, dass es sinnlos ist, dem Leben einen gegebenen Sinn abzuverlangen, scheint aber zu wollen, dass er irgendwann einmal vom Gegenteil überzeugt wird.

Und stärker noch wagt er zu denken: Wenn das Leben bis zum heutigen Tag angeblich sinnlos war, können wir ihm vielleicht noch heute dadurch einen Sinn verleihen, dass wir ihm von uns aus die Bedeutung zuschreiben, die wir ihm zuschreiben wollen.

Der Mensch, der dementsprechend tut was er will, heißt bei Nietzsche bekanntlich „der Übermensch“. Der Versuch – Kern des postmodernen Denkens – die Frage der Bedeutung des Lebens in den Bereich des menschlichen Wollens zu verlagern, prägt das wollende Denken oder das denkende Wollen Nietzsches.

02.07.2011

Quantensprung des Bewusstseins. Nicht reflektieren, sondern initiieren

Die direkte und unumgängliche Erfahrung, dass am Menschen so etwas wie Bewusstsein haftet, hat zu der weit verbreiteten Vorstellung des Unbewussten geführt. Unbewusst ist alles das, was nicht bewusst ist. Und bei fast allen modernen und postmodernen Philosophen herrscht der Gedanke, dass das Unbewusste den Grund für das Bewusstsein ausmacht: Erst gab es das Unbewusste, dann kam das Bewusste hinzu.

Gerade dasjenige, was wir nicht direkt erfahren, wird also als Geburtsgrund unseres Bewusstseins verstanden. Dieser Umstand lässt sich mit dem Wasser eines Baches vergleichen. Wir wissen, dass der Bach eine Quelle hat, die irgendwo unter der Erde verborgen sein mag. Wenn wir wollen, können wir uns aufmachen, um sie ausfindig zu machen, und irgendwo, zum Beispiel in den Bergen, werden wir die Stelle finden, wo das Wasser ins Tageslicht dringt. Und wir sagen dann: „Hier fängt der Bach an!“

Von der entdeckten Quelle des Baches als dessen Anfang zu sprechen, ist allerdings nur sehr beschränkt richtig. Es ist gar nicht festzustellen, woher das Wasser letztendlich kommt: Von unten als Quellwasser oder von oben als Regenwasser? Von links oder von rechts? Ist zum Beispiel der Ozean letztendlich als Anfangsreservoir oder als finales Sammelbecken zu betrachten? Das Wasser hält sich überall auf, hat keinen Anfang und kein Ende, strömt manchmal mächtig, verliert sich manchmal hilflos im Sande, sprudelt hier, ruht dort, fließt oder hält inne, schmeckt süß oder salzig.

Mit dem Bewusstsein ist es nicht anders. Der hartnäckige Gedanke, dass das Bewusstsein aus den ungeheuerlichen (Nietzsche) Untergründen des Lebens hervorgeht, ist eine reine Annahme, eine Vorstellung des Bewusstseins, das offenbar meint, sich in seinem unvermeidlichen Zustand des Schwebens selbst nicht handhaben zu können. Der moderne Mensch ist deswegen als eine paradoxe Erscheinung zu beschreiben: Er traut sich nicht zu eine Verankerung darin zu finden, was ihn bestimmt, nämlich in seinem Selbstbewusstsein.

Das moderne Selbstbewusstsein ist als eine offene Wunde zu verstehen. Was allerdings weh tut, ist nicht das Bewusstsein selber, sondern der Schatten – der Rand der Wunde – der durch das Licht des Bewusstseins sichtbar und spürbar wird. Das rätselhafte Anecken an das Dunkle, das Fremde, ja, das Ungeheuerliche-der-Welt, an alles das, was „Ich“ offenbar nicht bin, was irgendwie in meinem spontanen Akt der Selbstfindung ausgeklammert werden muss, erzeugt einen tiefen Schmerz (der übrigens, wenn wir ihm in uns nachgehen, sowohl salzig als auch süß schmeckt).

Zurzeit wird in spirituellen Kreisen davon gesprochen, dass die Menschheit in Bezug auf das Selbstbewusstsein vor einer Art „Quantensprung“ steht. Ich glaube, dass das stimmt. In unterschiedlichen Diskursen gibt es diesbezüglich unterschiedliche Sprachregelungen, die ich hier nicht diskutieren kann und will. In meiner Sprache sieht dieser Sprung jedoch wie die Heilung einer Wunde aus, die den Menschen zu einem freien Weltbürger gemacht hat.

Der Sprung ereignet sich nicht dadurch, dass das Bewusstsein vom Ungeheuerlichen wegspringt, sich sozusagen umdreht und „in die Höhe“ weg katapultiert, sondern dadurch, dass es mit sich selber verschmilzt, sich mit seinem Zustand des Schwebens quasi „versöhnt“. Der Sprung scheint mir darin zu liegen, dass das Bewusstsein sich als eine frei schwebende Verankerung versteht, gleichzeitig als Nullpunkt und als Umkreis, als eine Erscheinung, MEINE Erscheinung, die wie das Wasser tausend Gesichter hat. Das neue Bewusstsein erlebt: Mit mir fängt die Welt an, egal wo ich mich befinde, egal wie ich mich verhalte, egal was ich „denke“.

Das Bewusstsein springt in sich selbst, und somit in die ganze Welt, oder besser gesagt: springt in alles. Für das menschliche Bewusstsein wird die Erfahrung entscheidend, dass nichts „existiert“, ohne dass es „dabei“ ist. Eine Blume, eine Landschaft, eine Begegnung oder ein Geschehen wird erst dann als Blume, Landschaft, Begegnung oder Geschehen vollständig, wenn das Bewusstsein des Menschen sich dafür aufschließt.

Nicht das Unbewusste hat das Bewusste hervorgezaubert, das Bewusste hat das Unbewusste kreiert. Das neue Bewusstsein wird sich als eine Kraft verstehen, die stiftend in der Welt wirksam ist. Nicht nur, dass das Unbewusste aus seinem Schlaf erweckt wird, es wird darüber hinaus zu einer Bestimmung geführt, die noch nicht vorhanden war. Das menschliche Bewusstsein wird bestimmen, was Blumen, Landschaften, Begegnungen und Geschehnisse ausmachen.

Es spiegelt oder repräsentiert nicht nur, sondern es gestaltet. In diesem Sinne ist auf Martin Heidegger zurückzugreifen, der vom Denken-als-Ereignis sprach. Das neue Bewusstsein verlegt sich von den geschlossenen Köpfen in die offenen und beteiligten Herzen der Menschen, was ja bedeutet, dass es sich als souveräner Erzeuger von Ereignissen ernst nimmt. Statt zu reflektieren macht ein Initiieren seine wesentliche Tätigkeit aus.

31.10.2010

Das höhere Ich. Über die Hoheit des individuellen Menschen

Die jeweilige Hoheit eines Menschen verstehe ich als Bildhauer, der in der Gestaltung der Persönlichkeit ständig Entscheidungen trifft. Sie steht nicht nur für die positiven Ergebnisse ihrer Entscheidungen, sondern genauso für die negativen, was also bedeutet, dass sie die Urheberin der Möglichkeiten und Unmöglichkeiten eines Menschen ist, und damit auch von den grundlegenden Spannungen, die sich in einer Persönlichkeit ausleben wollen.

Die Hoheit kreiert in jedem Lebensgang eine Art Knoten, man könnte auch sagen: eine Frage, die meistens nur unterschwellig wirkt, allerdings in allen Aspekten der Persönlichkeit und des Lebens präsent ist. Ihre Handschrift ist nicht zu übersehen, genauso, wie ein Bild von Pablo Picasso nicht mit einem von Marc Rothko zu verwechseln ist. Das Anliegen der Hoheit ist es NICHT nur eine Statue auf ein Podest zu heben, eine Persönlichkeit also, die mit lauter Fähigkeiten behaftet ist, sondern ihr Anliegen ist es, ein körperlich-seelisch-geistiges Gefüge in Raum und Zeit hervorzurufen, das sich auf die Welt, auf die anderen Menschen und auf sich selbst zubewegt.

Die Hoheit eines Menschen hat also ein Anliegen. Sie will etwas ganz Bestimmtes, und sie will es so, dass dasjenige, was wir unsere widersprüchliche Persönlichkeit nennen, die Gesamtheit von Statue und Brocken etwa, sich nicht als ein fertiges Ergebnis versteht, als ein mehr oder weniger gelungenes in die Welt „Geworfen-sein“ im Sinne von Martin Heidegger, sondern als ein bestimmter-unbestimmter Vorgang im Raum und in der Zeit, der gestern schon im Gange war, heute im Gange ist und morgen im Gange sein wird.

Sich unbefangen auf die Welt, andere Menschen und sich selbst zuzubewegen, bedeutet nichts anderes, als sich auf das Anliegen der eigenen Hoheit einzulassen. Der Akt der Bejahung vollzieht sich in der Persönlichkeit, die sich in der Bewusstseinsseele (Rudolf Steiner) von ihrer Hoheit emanzipiert hat. In der Bewusstseinsseele wird der Mensch ein „freier Bürger“ im Reich seiner eigenen Hoheit.

Die höhere Instanz, die wir das Selbst oder das höhere Ich nennen, braucht die freie Anerkennung von der Seite der Persönlichkeit, die durch sie hervorgerufen wurde. Wenn die Perspektive der Hoheit von der Persönlichkeit ausgeklammert wird, was leicht geschehen kann, bedeutet das unmittelbar, dass das Anliegen in dem Lebensgang nicht ergriffen wird.

Die Hoheit ist – und hier liegt ein Paradox – zwar souverän, jedoch abhängig von den Taten und Untaten der eigenen Persönlichkeit. Ein Widerspruch ist das allerdings nicht: Auch die Hoheit eines politischen Souveräns, beispielsweise eines Königs, ist an das Wollen seiner Untertanen gebunden. Kein König kann lange gegen sein Volk regieren. Und auch: ein König ohne Untertanen ist kein König, das heißt: kann nicht werden, was er ist.

13.10.2009

Eine Zerreißprobe. Oder: wie man cool bleibt.

Letzte Woche fragte mich eine Erzieherin, was man machen könnte, wenn sich ein Kindergarten in einer „Zerreißprobe“ befände. Weil ich die Bedeutung des Wortes nicht wirklich kannte & mir nur halbwegs eine Vorstellung davon machen konnte, fragte ich, was sie genau meine. Sie erklärte mir das Wort so: „Bei einer Zerreißprobe wird geprüft, ob etwas dem Druck standhält.“

Sie erzählte, was in ihrem Kindergarten los sei. „Erstens haben wir gerade mit einer neuen Gruppe, die aus zwanzig Kindern besteht, angefangen. Zweitens hat das Team deswegen einen Sprung von vier auf acht Mitarbeiter gemacht. Drittens gibt es natürlich auch viele neue Eltern, die tausend Fragen haben. Viertens wird bei uns renoviert, was viel zusätzliche Arbeit bedeutet & dazu noch Unordnung auf das Gelände bringt.“

Die Zerreißprobe beschrieb sie so. „Die äußeren Umstände fragen ständig um Aufmerksamkeit. Es ist, als ob wir nur noch damit beschäftigt sind, hundert kleinere & größere Sachen zu erledigen, die gemacht werden müssen. Im Endeffekt machen wir nichts mehr wirklich gut. Ich würde sagen: wir machen nicht mehr das, was wir eigentlich machen wollen. Die zwingenden Tatsachen des Lebens haben die Regie übernommen.“

Mich trifft vor allem, dass die Erzieherin von einer „Probe“ spricht. Sie sagt nicht einfach, dass es in ihrem Kindergarten gerade leider viel zu bewältigen gibt & dass so etwas wie organisatorische Vernunft gefragt wird. Ihre Frage ist überhaupt nicht, wie die Arbeit besser zu organisieren wäre. Nein, mit dem Begriff Probe wird eine andere Dimension angesprochen.

In der spirituellen Literatur wird öfters von Proben gesprochen. So gibt es zum Beispiel die Feuerprobe, die Wasserprobe & die Luftprobe. Bei diesen Proben geht es immer um die Frage, ob man im Stande ist, eine schwierige Situation dadurch zu „meistern“, dass auf der Stelle neue Fähigkeiten ergriffen werden. Es geht also nicht darum, zu beweisen, dass man etwas schon kann – die Sache ist eher so, dass man vor der Frage steht, ob man im Jetzt etwas Neues erreichen oder ergreifen kann. Die Probe selber macht also das Geschehen aus.

Wie wäre in dieser Hinsicht eine Zerreißprobe zu verstehen? Als erstes glaube ich, dass an dieser Stelle oft ein Denkfehler gemacht wird, der daraus besteht, dass man sagt: „Manchmal ist das Leben einfach zu viel!“. Natürlich kann das durchaus stimmen: Es gibt Zeiten, in denen das Leben an allen Ecken juckt. Trotzdem kann man aus spiritueller Sicht eigentlich nie von zu viel (oder zu wenig) sprechen – das Leben bietet immer genau das, was ist. Man kann höchstens sagen, dass man nicht immer auf das Leben vorbereitet ist oder mit ihm umgehen kann.

Ein zweiter Denkfehler scheint mir zu sein, dass wir eigentlich immer geneigt sind, die Lösung eines Problems dort zu suchen, wo es in Erscheinung tritt. Wenn das Problem „zu viel“ heißt, versuchen wir es sofort mit „weniger“ auszugleichen. Für einen Kindergarten könnte das zum Beispiel heißen, dass man versucht effizienter & akkurater & „schlauer“ zu arbeiten. Und wenn der Zustand zu lange dauert, holt man einen Organisationsberater dazu.

Im Grunde genommen steht aber bei Proben etwas anderes an, nämlich eine Umkehrung der Aufmerksamkeit. In spirituellen Proben verschiebt sich das Aufgabenfeld nach innen. Die Zerrissenheit hat nämlich zwei Gesichter: einerseits gibt es die Umstände, die uns zerfetzen; anderseits gibt es aber eine Schwäche-in-uns, die dazu führt, das wir nicht ganz wach bei den Dingen bleiben & so das Leben rund machen können. Die Probe macht uns deutlich, dass uns die Präsenz des Selbst fehlt.

Wie holt man sein Selbst dazu? Dazu gibt es viele Techniken - eine davon nennt man „Meditation“. Über die Verinnerlichung kann man in den Bereich gelangen, in dem die Zerrissenheit als Zerrissenheit erlebt wird, also gerade nicht als einen Zustand, den es nicht geben sollte & den wir zu bekämpfen haben. Cool bleiben in einer Zerreißprobe bedeutet eigentlich: die Zerrissenheit als Lebensvorgang akzeptieren.

29.06.2009

Die Bedeutung der Dinge. Über Autoreifen, Trambahnen und Feuerzeuge

Amares im Stadtwald von Köln ist ein Ort für Kinder. Drei Leitsätze machen das Leben mit den Kindern bei Amares aus: Räume schaffen, Zeit geben & dabei sein. Die Erzieherinnen & Pädagoginnen von Amares lassen sich durch pädagogische Denker, wie Loris Malaguzzi, Rudolf Steiner, Janusz Korczak & Henning Köhler inspirieren. Ihr Anliegen ist es vor allem, der unerschöpflichen Neugier & dem Tatendrang & den Gestaltungsfähigkeiten der Kinder eine Gelegenheit zu geben, sich zu entfalten.

Bei Amares gibt es eine Gruppe von etwa zehn Kindern unter drei Jahren. Ab August kommt eine zweite Gruppe dazu: etwa fünfzehn Kinder ab drei Jahren. Die Behörden der Stadt Köln scheinen Amares zu mögen. Obwohl die Wünsche von Amares sich manchmal ein bisschen quer zu den Regeln & Vorschriften & Gewohnheiten verhalten, benehmen die Beamten sich klüngel-technisch gesehen sehr entgegenkommend.

Amares hat seine Unterkunft in einem ehemaligen Betriebshof der Stadt Köln gefunden. Das kleine Gebäude & die offenen Garagen & die Mauer umrahmen den Hof – und mitten auf dem Gelände steht eine Linde, die gerade in den letzten Wochen üppig geblüht hat. Sie scheint mir die Wächterin von Amares zu sein, weil sie optisch gesehen Raum schafft, schweigend die Zeit vertritt & dazu noch voll dabei ist. Ohne die Linde läuft bei Amares gar nichts.

Rings um die Linde & in den Garagen liegt überall etwas... Kram, Sachen, Dinge, Zeug... Fast hätte ich geschrieben: Spielzeug. Eine der Mitarbeiterinnen hat vor ein paar Wochen eine Liste von vorhandenem Zeug gemacht & weil ich verwirrende Listen (das habe ich ja von Michel Foucault gelernt) über alles mag, zähle ich in diesem Weblog gnadenlos auf was dazugehört:

Puppen. Bücher. Autos. Parkhaus. Töpfe. Holzgarage. Wolltiere. Holztiere. Filzbälle. Puzzles. Matratzen. Schaufeln. Besen. Hacken. Gießkannen. Eimer. Teller. Siebe. Rohre. Bollerwagen. Roller. Fahrräder. Fahrzeuge. Kinderwagen. Kleider. Werkzeuge. Filmdosen. Wasserhahn. Schläuche. Papier. Scheren. Pinsel. Kreiden. Farben. Fingerfarben. Knöpfe. Becher. Ton. Steine. Stöcke. Tafeln. Autoreifen. Nähkisten. Wolle. Klopapierrollen. Murmeln. Murmelbahn.

(Liebe/r Leser/in, seid bitte so nett & merkt euch die Unmerkbarkeit dieser wunderbaren Liste! Diese Liste zu verstehen, heißt die Welt zu verstehen.)

Für heute interessiert mich gar nicht die Frage, was die Kinder mit den Eimern & Büchern & Holztieren & Stöcken & Schläuchen & Filmdosen machen. (Es heißt, wie bekannt, dass sie damit spielen.) Mir geht es heute um die umgekehrte Frage: was machen die Puppen & Röhren & Murmeln & Autoreifen mit den ganz kleine Kindern? Oder anders gesagt: welche Bedeutung haben die Gegenstände für die Kinder?

Für kleine Kinder gibt es keine Gegenstände. Sie existieren einfach nicht. So etwas Komisches wie: hier bin ich & dort ist die Puppe, gibt es in der Welt der kleinen Kinder nicht. Den Akt der Gegenstands-Schöpfung haben die Kinder noch nicht vollzogen – sie schwimmen & schweben & tanzen in die Dingen, wie ich in der wunderbaren Liste schwimme. Es ist übrigens ein Fehler zu denken, dass die kleinen Kinder die Dinge „noch nicht“ kennen. Auch so etwas Komisches wie „noch nicht“ kennen die Kinder „noch“ nicht.

Der große schwarze Autoreifen macht das Kind schwarz & rund & kautschukisch. Der große schwarze Autoreifen kann ja alles sein: ein Bett, ein Haus, ein Nest, ein Topf, eine Tür... Der große schwarze Autoreifen kann sich mit allem möglichen zusammen tun: mit Tüchern, Papieren, Stöcken, Steinen, Wasser, einer Röhre... Und was dann entsteht, ist ja gar kein Ding mehr, sondern ein Geschehen, ein Ereignis, ein Event. Der große schwarze Autoreifen ist nicht einmal „multi-funktionell“ (klingt ja fast „pädagogisch“), weil die Liste der möglichen Funktionen unbegrenzt ist.

Ein altes Wort für Versammlung ist „Ding“. Ein Ding war vor tausend Jahren noch ein Event, ein Zusammenkommen in einem Zentrum von Menschen aus einer weiten Peripherie. (Das Parlament in Norwegen heißt noch immer „Ting“.) Und die Kinder erleben es jeden Tag: nicht die kulturelle Bestimmung der Funktionen (mit einem Löffel soll man essen) macht die Dinge aus, sondern ihre Umgebung, ihre Aura, ihr sich zusammenziehender Umkreis. Für die kleinen Kinder sind die Gegenstände ständig im Kommen.

Und sie berühren uns im Kommen. Aber was machen diesbezüglich die Dinge mit uns? In einem Text über Puppen schreibt Rainer Maria Rilke über eine kleine Trambahn: „[...] Du, überzeugte Seele der Trambahn, die in uns fast überhandnehmen konnte, wenn wir nur mit einigem Glauben an unsere Wagen-Natur in der Stube herumfuhren.“ Räume schaffen heißt also auch: Innenräume öffnen & bewegen & gestalten.

Wenn wir „glauben“ gibt es diesbezüglich gar keinen Unterschied zwischen Kindern & Erwachsenen. Wenn die kleine Helena mich fragt, ob sie ein Feuerzeug entzünden darf (sie kann es leider nicht so gut & braucht dringend Hilfe dafür, was sie gerne zulässt) schaut sie auf die Flamme und spürt wie die Flamme sich in ihrem „Innenraum“ entzündet. Helena ist dann Flamme. Das billige BIC- Feuerzeug erzeugt ein Flammen-Erzeugen-in-ihr.

Wir Erwachsenen sind nicht mehr so dabei. Wir Erwachsenen meinen, dass der schwarze Autoreifen eigentlich ausgedient hat & jetzt nur noch ein Spielzeug ist. Für den Autoreifen fängt das richtige Leben aber erst nach seinem funktionellen Tod an. Er liegt auf dem Hof & macht lachend mit.

Mit Dank an Sophie Pannitschka

28.11.2008

Parzivals Weg. Über Wissenschaft und Hingabe

Der Unterschied zwischen guten und schlechten Texten liegt darin, dass gute Texte eine Form haben, die dem Inhalt entsprechen. Schlechte Texte haben eine Form, die von irgendwo hergeholt werden, dass heißt, nicht aus & mit dem Inhalt entstanden sind. Ganz bestimmte Inhalte brauchen ganz bestimmte Formen, um zu werden was sie sind, nämlich ganz bestimmte Inhalte. Und ganz bestimmte Formen brauchen ganz bestimmte Inhalte, um zu werden was sie sind, nämlich ganz bestimmte Formen.

Ich komme auf diesen Gedanken auf Grund der Veröffentlichung einer Magisterarbeit im Fachbereich Germanistik. Die Autorin heißt Sophie Pannitschka. Der Titel ihres Buches lautet: „Mitspieler werden. Parzivâls Weg – vom Mittelalter in die Postmoderne. Identitätsentfaltung im ´Roten Ritter` von Adolf Muschg“.

Ich kenne die Autorin seit dem Erscheinen von Bernard Lievegoeds letztem Buch „Über die Rettung der Seele“. In diesem Buch spielt die Gestalt von Parzival eine große Rolle. Lievegoed befreit den mittelalterlichen Ritter von der Geschichte und beschreibt ihn als einen inspirierenden Geist bis in die heutige Zeit und sogar in die Zukunft hinein. Er macht, was Esoterikern eigen ist und verleiht der Gestalt eine wesentliche (oder mit Heidegger: eigentliche) Wirkung.

Seitdem ist die Autorin von Parzival berührt. Sie macht keinen Hehl daraus. Und als sie vor der Frage stand, welchem Thema sie sich in ihrer Magisterarbeit zuwenden würde, hat sie sich für „Der Rote Ritter“ des schweizerischen Schriftstellers Adolf Muschg entschieden. In diesem Roman verarbeitet & ergänzt & ändert Muschg die mittelalterlichen Angaben von Wolfram von Eschenbach und kreiert als „postmoderner Gegenwartsautor“ seine eigene Parzivalgeschichte. „Leitmotivisch“, schreibt Sophie Pannitschka, „ist der Roman [...] von einem Dialog zwischen Wolfram und Muschg durchzogen“.

In ihrer Magisterarbeit beschreibt Sophie Pannitschka, wie die Identitäten der Romanfiguren „aus einander hervorgehen“. Im Herz der Geschichte steht klipp und klar Parzival. Beschrieben wird aber, dass seine Person Schritt für Schritt aus den diversen Begegnungen entsteht. Ohne Herzeloyde & Sigune & Gurnemanz & Kundry & Anfortas & Gawan & Trevrizent kein Parzival und schon gar kein Gralsritter. In ihrer Arbeit greift sie indirekt die übliche Vorstellung an, dass ein „Ich“ sich souverän und linear entfaltet.

Sophie Pannitschka spricht in ihre Arbeit von „sozialen Netzwerken“. Sie schaut nicht auf „Kerne“, sondern auf Konstellationen von Kernen. Und in diesen Konstellationen von Kernen gibt es erkennbare Subjekte, (die aber nicht mit „Kernen“ verwechselt werden dürfen), so wie „Ermöglichungsfiguren“, „Erkenntnisfiguren“, „Opferfiguren“, „Orientierungsfiguren“ und „Gegenfiguren“. Parzivals Identität – Inhalt und Form seines Ichs – wird als eine periphere Erscheinung dargestellt.

Die Form der Arbeit-als-Text spiegelt den Inhalt. Das fängt schon in der ersten Bewegung des Titels an: „Mitspieler werden“. Alle Beteiligten (die Leser, die Autorin) werden direkt angesprochen. Der Text hat diesbezüglich übrigens eine bemerkenswerte Widmung: „Meinem Schicksalsnetzwerk“! Interessant ist die Tatsache, dass auch das Buch-als-Ding das gemeinte Schicksalsnetzwerk intensivieren und erweitern wird. An dieser Stelle reichen Inhalt und Form einander die Hand. Was könnte ein Buch anderes sein, als ein „Bedeutungsknoten“ in einem sozialen Flechtwerk?

Ebenso wesentlich für die Struktur des Textes scheint mir zu sein, dass die Arbeit in einen Prolog und einen Epilog eingebettet ist. Wenn der wissenschaftliche Haupttext eine Tür ist, bilden Prolog und Epilog die Angeln. Für die eigentliche wissenschaftliche Arbeit sind Prolog und Epilog überflüssig. Sie schildern die persönlichen Umstände – wenn man will: die schicksalsbildenden Faktoren – die die Arbeit begleiten. Vom rein wissenschaftlichen Inhalt her, werden sie nicht gebraucht.

Im Prolog schildert Sophie Pannitschka eine Begegnung, die sie mit dem Schriftsteller Adolf Muschg hatte. Sie schreibt, dass was ihr in Muschg entgegenkam „nicht nur Kompetenz, mittelalterliche, literarische Kompetenz, sondern vor allem Hingabe“ war. Und: „Auch sein, wie unser aller Leben, ist mit dem Parzivâls verknüpft – und daraus macht er keinen Hehl“. Und im Epilog: „Ich bin, als intensive Leserin, im Laufe der Zeit ein Teil des Dialoges geworden. [...] Ich bin durch diese Tür zu mir selbst gegangen“.

Die Bedeutung von Prolog und Epilog geht über die wissenschaftliche Ebene hinaus und macht den Text zum Ereignis. Anders gesagt: durch die beiden Texte kriegt das Ganze eine gespannte Form, die mit dem gespannten Inhalt übereinstimmt. Prolog und Epilog „tun“ gerade das, von dem die Inhalte sprechen, was man tun soll.



Sophie Pannitschka: Mitspieler werden. Parzivâls Weg - vom Mittelalter in die Postmoderne. Identitätsentfaltung im „Roten Ritter“ von Adolf Muschg. Tectum Verlag, Marburg, 2008. Erhältlich im Buchhandel. Oder bei www.amazon.de

20.09.2008

Die Legalisierung von Schätzen & die Befreiung von Drachen

Ja, sie hat lange damit gewartet, vielleicht zu lang, um die Worte auszusprechen. Weil sie sich über die richtigen Worte nicht sicher war. Weil sie nicht verletzen wollte. Weil sie überhaupt Angst hatte, einem Menschen von Angesicht zu Angesicht negative Bewertungen auszusprechen. Jetzt hat sie aber den Mut gefasst. Und die Worte die sie endlich aussprach, waren klar & kräftig & souverän.

Ihre Kollegin hat zugehört. Schweigend. Und schluckend. Die klaren & kräftigen & souveränen Worte waren richtig angekommen, ja sie haben eingeschlagen. Sie saß am Tisch, Haupt und Rücken aufrecht, die Augen feucht und der schmale Mund geschlossen. Jetzt – ein paar Tage später – meine ich mich zu erinnern, dass ihre Hände zitterten. Aber vielleicht bilde ich mir das im Nachhinein auch nur ein. Sicher ist aber, dass sie innerlich zitterte.

Nach einer Weile der Stille sprach sie. Es war ihr anzusehen, dass sie verzweifelt war. Sie sprach und sprach, und ihre Worte waren wie aufgeschreckte Rebhühner in einem Jagdrevier. Alle Bedeutungen flatterten. Und dann, auf einmal gefasst, schaute sie die Kollegin an und sagte: „Was du an mir schwierig & unerträglich & unmöglich findest, halte ich gerade für meinen Schatz. Ja, du sprichst von meinem Schatz“.

Ich durfte dabei sein. War ein Zeuge. Ich durfte das mächtige & verwirrende & intime Ringen dieser zwei Kolleginnen mit einander wahrnehmen. Ich durfte in den Abgrund schauen, der sich zwischen den beiden öffnete. Und noch jemand war dabei, auch eine Kollegin, befreundet mit den beiden. Sie sagte: „Ich bin froh, dass die Worte jetzt ausgesprochen sind“.

Der Schatz. Was ist damit gemeint? Mir scheint es so zu sein, dass jeder Mensch in sich einen Schatz erlebt. In der Sprache der Märchen: in jedem von uns gibt es eine Höhle, eine „Aussparung“, in der es mehr oder wenig dunkel ist und in der ein goldener Schatz schimmert. Wir alle schauen in uns auf diesen Schatz, halten ihn für kostbar & delikat & geheimnisvoll. Und ich behaupte, dass kein Mensch ein positives Selbstbild haben kann, ohne sich auf irgendeine Art und Weise auf diesen Schatz zu orientieren.

Der Schatz beinhaltet Fähigkeiten, Intentionen, Vorsätze, Weisheiten vielleicht, die ein doppeltes Gesicht haben. Sie sind vorhanden und doch nicht vorhanden. Sie sind beleuchtet und doch nicht beleuchtet. Sie wenden sich zur Welt und wenden sich von der Welt ab. Sie sind glänzend verletzbar, unzerstörbar fragil, und vor allem: sichtbar ohne fassbar zu sein. In der Sprache der Philosophen: der Schatz ist „das Selbst“, dass „bislang noch keine Gelegenheit hatte, sich [...] zu manifestieren“ (Michel Foucault).

Wir haben gute Gründe diesen Schatz zu beschützen. (Oder meinen zumindest sie zu haben.) Und deswegen gibt es – um wieder die Sprache der Märchen zu benutzen – keinen Schatz ohne einen Drachen. Vor jedem Schatz liegt ein Drache, der meistens schlummert, aber sofort hell wach wird und sich vehement wehrt, wenn eine Gefahr droht. Wenn nötig, speit er Feuer. Schatz und Drache gehören zu einander, sind einander verpflichtet und bilden eine perfekte Symbiose. Beides ist wahr: wo es einen Schatz gibt, gibt es einen Drachen; und wo es einen Drachen gibt, gibt es einen Schatz.

Oft muss man ein richtiger Held sein, um an den Schatz in einem Kollegen oder einem Bekannten oder einem Freund zu gelangen. 

Mir scheint es als Zeuge meine Aufgabe zu sein, den Schatz der Kollegin zu beschreiben, zu offenbaren und damit zu „legalisieren“. Die Kollegin selber kann das nicht. (Ein „Selbst“ kann sich nicht selber „verteidigen“, weil es ein „Selbst“ ist und nicht ein „Subjekt“ - siehe dazu meine Blogbeiträge über „Selbst und Subjekt“). Mit der Legalisierung der Schätze ist hier genau gemeint, was damals im Wilden Westen gemacht wurde, wenn eine Goldgrube entdeckt wurde: der Ort wurde beschrieben und der Inhaber anerkannt. (Man könnte an dieser Stelle auch von der Sozialisierung der Schätze sprechen.)

Durch Beschreibung und Anerkennung werden Schätze geschützt und Drachen befreit. Die Frage ist natürlich, was hier mit Beschreibung gemeint ist. Oder anders gesagt: wie kann man ein „Selbst“ beschreiben, ohne es auf einen Punkt festlegen zu wollen (das heißt: es zu „subjektivieren“)? Ich meine, dass das nur in Bildern geht – in imaginativen Vorstellungen, die wachsen & schweben & sich verwandeln & sich ausweiten & wieder verschwinden können. Die Aufgabe von Künstlern & Dichtern & Journalisten & Rappern & Photographen & Cineasten in einer Kultur des Herzen ist es, solche Vorstellungen zu machen. 

(Jeder Mensch ist ein Künstler & Dichter & Journalist & Rapper & Photograph & Cineast.)

Und was geschieht mit dem Drachen? Jeder Drache hat eine erstaunliche Intelligenz und eine enorme Kraft entwickelt. Wenn er in der Höhle-in-uns nicht mehr gebraucht wird, weil der Schatz anerkannt und legalisiert ist, darf er raus. Er darf in die weite Welt ausfliegen und sich dort mit den Sachen des Lebens, die ihm wichtig sind, beschäftigen. Den Kontakt zu seinem Schatz wird er aber nie verlieren. Die Haupttugend von Drachen ist nämlich Treue.

Mit Dank an Sophie Pannitschka

20.04.2008

Das Schweben über dem schwarzen Loch. Oder: der Fakir-in-mir

Jemand hat mir letzte Woche per Email das Folgende geschrieben: „Ich habe ein Loch in mir - ich nenne es das Einsamkeitsloch. Meistens kann ich in das Loch hineinsehen. Ich stehe am Rand des Loches, nein besser: ich schwebe über dem Loch und schaue tief hinein. Aber manchmal wächst das Loch. Es frisst sich dann weiter in mich hinein und wird größer und größer. Und es fängt an zu leben, es wird aktiv. Das heißt, es saugt alles zu sich heran und zieht es in sich hinein. Das Loch wird lebendig, wenn Dinge, die außerhalb von mir passieren oder auf mich zukommen und mich beschäftigen, sehr beschäftigen. Dann gibt es keinen Halt mehr und ich werde mit ins tiefe schwarze Loch gezogen. Das ist ein schreckliches Gefühl.“

Diese Sätze haben mich aus zwei Gründen berührt. Der erste Grund liegt in der Tatsache, dass ich aus Erfahrung weiß, wovon da gesprochen wird. Das fressende „Einsamkeitsloch“ hat etwa drei Jahre in meinem Leben – ich war um die vierzig – kräftig gearbeitet. Eigentlich gab es in diesen Jahren nur dieses Loch; alles andere war zweitrangig, unwesentlich und „circumstantial“. Die ganze Welt sah schwarz & schwer & abgründig aus. Der Psychiater, zu dem ich damals ging, sprach von einer „Depression“.

Im Nachhinein würde ich sagen, dass die Wirkung des fressenden Einsamkeitslochs richtig etwas in mir und mit mir gemacht hat. Nach der Erfahrung des Lochs oder des Abgrunds oder des Nichts ist einerseits alles so geblieben wie es war, andererseits ist alles komplett anders geworden. Geblieben sind meine Fähigkeiten & Vorlieben & Gewohnheiten – anders geworden sind meine Erwartungen & Hoffnungen & Zielsetzungen. Um es in einem Satz zu sagen: der Grund des Lebens hat sich als unergründlich erwiesen.

Ich meine, dass die Erfahrung des Abgrunds dazu geführt hat, dass ich gelernt habe zu „schweben“. In gewissem Sinne bin ich innerlich gesprochen ein Fakir geworden. Die entscheidende Erfahrung dabei war, dass ich nach drei Jahren, in denen alles schwarz & schwer & abgründig war, auf einmal festgestellt habe: das Loch frisst ja alles & alles & alles, nur mein Selbst bleibt unangetastet. Mein Selbst oder mein Ich war als teilnehmender Beobachter immer dabei und wurde in dem Akt des Beobachtens unbemerkt immer stärker und stärker. Erst als mir diese Tatsache blitzartig klar wurde – man könnte an dieser Stelle von einer Erleuchtung sprechen – war das Loch keine Bedrohung mehr.

Und so ist es: das Loch ist noch immer da, saugt noch immer, kann noch immer unangenehm sein – erzeugt aber kaum noch Angst sondern bringt eher Freude. Und Erkenntnisse. Die Erkenntnisse beziehen sich auf die grundlegenden & bedeutungsvollen Aspekte des Lebens, weil das Schweben des Selbst’ auf eine unmittelbare Art und Weise zwischen dem Wesentlichen und dem Unwesentlichen unterscheidet. Das, was den Fakir-in-mir versucht herunter zu ziehen, ist ja unwesentlich; und das, was das Schweben-des-Selbst’ ermöglicht, ist ja wesentlich.

Der zweite Grund hat mit Sprache zu tun. Irgendwie ist es daneben hier von „Loch“ zu sprechen. Auf der seelischen Ebene gibt es keine Löcher, da gibt es nur Gefühle. Wir verstehen „Loch“ an dieser Stelle als eine Metapher, ein Bild, eine helfende Vorstellung – ein reales Loch gibt es aber in der Seele nicht. Trotzdem scheint mir das Wort Loch genau stimmig zu sein, so wie Abgrund und Nichts auch. Wenn ich auf meine Erfahrungen schaue, die damaligen und die heutigen, komme ich nicht um das Empfinden herum, dass Löcher, seelisch-geistig gesprochen, tatsächlich existieren.

Was aber ist ein Loch? Die Geschichte des Wortes bringt Bewegung in unsere gefestigten Vorstellungen. Interessant ist, dass das Wort etymologisch eine verdoppelte und zweiseitige Bedeutung hat: es heißt „Verschluss“ und „Öffnung“. In dem englischen Wort „lock“ hören wir das noch; ein Loch-Lock schließt etwas ab, ist aber gleichzeitig eine Öffnung irgendwo hin. In Löcher passen Schlüssel.

Überraschend ist weiter, dass die indogermanische Wurzel „leug“ deutlich macht, dass die ursprüngliche Bedeutung des Wortes auch mit „winden“ und „drehen“ zu tun hat. „Lauch“ (das Gemüse) windet, dreht und kräuselt sich nach unten hin, verschließt und öffnet sich. Damit ist die statische Vorstellung des Loches auf einmal dynamisch geworden. Ein Loch ist kein Zustand und kein Gegenstand, sondern ein Vorgang oder ein Geschehen. Das Urbild des Wortes nimmt gerade die statische Bedrohung, die von dem modernen Begriff ausgeht, weg.

Das alles heißt nicht, dass die Erfahrung des schwarzen Lochs auf einmal weniger dramatisch wäre. Nein, die Wahrheit bleibt nach wie vor so: um zu seinem Selbst zu gelangen, muss man sterben; und sterben heißt auch, dass man nichts mehr vom Aufstehen weiß. Um aber zu seinem Selbst zu gelangen, das heißt schweben zu lernen, kommt man nicht an dem Punkt vorbei, wo man sich wie eine Stange Lauch „umdreht“ und zum innerlichen Beobachter wird. Erst wenn dieser Beobachter aktiv tätig wird, das heißt in Kontinuität aufmerksam wird & aus dem Nichts Vorsätze hervorzaubert & dementsprechende Entscheidungen trifft, ist man frei von den Bedrohungen des Abgrunds.


20.08.2007

Das Selbst ist unzerstörbar (2)

In meinem Buch „Herzwerk“ beschreibe ich drei Erfahrungen, die für mein Verständnis mein „Selbst“ betreffen. Es geht um Erfahrungen, die sich alle drei an einer ganz bestimmten Schnittstelle befinden. Nämlich zwischen dem, was man üblicher Weise das Alltags-Ich nennt und dem, was man als höheres Ich bezeichnet. Es sind Erfahrungen, die nicht nur zwei „Instanzen“ voraussetzen, sondern auch eine intime Beziehung zwischen diesen beiden „Instanzen“ verraten. Die erste Instanz nennt man wohl „Selbst“ oder „höheres Ich“ oder „ewige Individualität“; die zweite heißt „Ich“ oder „niederes Ich“ oder „Alltags-Ich“ oder „Subjekt“ oder „Ego“ oder eben ganz süß „mein Ichlein“ (Georg Kühlewind). Die zweite Instanz nennen wir Jelle, Anna, Janis oder Sebastian. Laut Rudolf Steiner gibt es für die erste Instanz einen „Mysteriennamen“, der uns meistens unbekannt ist.

*

Die Trennung zwischen beiden Instanzen existiert nur für die zweite Instanz. Interessant ist, dass die Erfahrung vom Ich in der Jugend (Herzwerk, Seite 51) noch zusammenfällt mit der Erfahrung vom Selbst. Wenn ich als Kind „Ich“ sage, oder meinen Namen „Jelle“ in mir ausspreche und dabei die beglückende Empfindung habe, dass ich existiere, gibt es – auch nicht in der Analyse-im-Nachhinein – keine Trennung zwischen Alltag und Ewigkeit. Um zu verstehen, wie diese Trennung sich allmählich vollzieht, ist es hilfreich auf das zu schauen, was Michel Foucault unter „Subjektivierung“ versteht.

*

Subjektivierung hat eine doppelte Bedeutung. Positiv heißt es: ein Subjekt bilden; negativ heißt es: unterwerfen (oder unterworfen werden). Laut Foucault ist ein Subjekt immer ein Zwischen-Ding, das einerseits von dem Selbst und andererseits von der natürlichen oder sozialen Umgebung kreiert wird. Ein einfaches Beispiel ist ein Kellner, ein Mensch ist ein Kellner, das heißt, dass er als Kellner „arbeitet“. Der Kellner ist ein Subjekt, weil er sich selber in seiner Tätigkeit versteht und auch von anderen verstanden wird. Als Subjekt hat man ein klares Verhältnis zu seiner Umgebung, also als Kellner, als Schriftsteller, als Vater, als Sklave, als Mann oder Frau, als Kind, als Penner.

*

Es gibt Subjekte, die „unterworfen“ sind. Ein Kellner zum Beispiel, der seine Arbeit nicht mag, ist – aus welchem Grund auch immer – unterworfen. Das Subjekt wirkt wie ein Gefängnis. Es gibt aber auch Kellner, die strahlen, das heißt, dass sie vom Selbst aus das Subjekt „Kellner“ füllen, bewegen, gestalten, oder mit einem Begriff von Foucault „stilisieren“. Sie haben die inner-persönlichen-Machtverhältnisse umgedreht und das Subjekt wird ein Kunstwerk. Laut Foucault ist an dieser Stelle entscheidend, dass die Umdrehung nur möglich ist, wenn ein Selbst ein freies Verhältnis zu sich selber findet. Oder anders gesagt: wenn ich Macht über mich ausübe, kann jemand anderes keine Macht mehr über mich ausüben (und ich höre damit auf, „das System“, oder „meine Vergangenheit“, oder „meine biologischen Eigenschaften“ usw. usw. für schuldig zu erklären.)

*

Zwischen Selbst und Subjekt gibt es eine delikate Beziehung, platt gesagt: die beiden brauchen einander. Oder präziser gesagt: die beiden gehen aus einander hervor. Ohne Subjekte kommt meine „ewige Individualität“ nicht vom (geistigen) Fleck und ohne ein Selbst erhalten die Subjekte in Raum und Zeit keine Bedeutung.

*

Subjekte existieren nicht ohne Körper. Ohne Körper kann ich kein Lehrer, Bäcker, Sohn oder Zuhörer sein. Was Foucault nicht denken wollte, ist der Gedanke: mit einem Körper kann ein Selbst (noch?) kein Selbst sein. Man kann diesen Gedanken auch phänomenologisch ausdrücken: „Ich“ habe die unmittelbare Empfindung, dass „Ich“ mehr bin als all meine Subjekte zusammen. Mir scheint die Kernfrage in bezug auf die Erfahrung vom Selbst dann diese zu sein: wie ist die unmittelbare Empfindung, dass ich mehr bin als all meine Subjekte zusammen, zu verstehen und zu bewerten? Ist diese Erfahrung ernst zu nehmen?
(Nächste Woche weiter.)

15.08.2007

Das Selbst ist unzerstörbar (1)

Eine entscheidende Erfahrung scheint mir die zu sein, dass man sein „Ich“ oder sein „Selbst“ als unvernichtbar und unzerstörbar erlebt.
*
Mit „Ich“ oder „Selbst“ ist hier nicht die Instanz gemeint, die ich gewohnt bin „Jelle“ zu nennen. Dieser „Jelle“ ist zerstörbar: wenn er stirbt, ist damit die einzigartige Konstellation von Körper, Seele und Bewusstsein, die wir „Persönlichkeit“ nennen, aufgehoben. Mit „Ich“ oder „Selbst“ ist hier gemeint, was Rudolf Steiner „die ewige Individualität“ genannt hat, das heißt, eine Instanz, die man als Instanz nur auf der geistigen Ebene unmittelbar erleben kann. (Das man die Wirkungen dieser Instanz auch auf anderen Ebenen erkennen kann, ist eine andere Sache.)
*
Bevor ich etwas dazu sage, ob ich die Erfahrung der Unzerstörbarkeit des Selbst kenne oder nicht kenne, müssen ein paar Bemerkungen vorausgeschickt werden. Wenn man vom Selbst spricht, begibt man sich in eine diskursive Landschaft, wo zumindest vier Urteile kräftig herrschen. Aussagen über das Selbst bleiben meines Erachtens wirkungslos, wenn diese Urteile nicht bewusst ins Auge gefasst und mit einbezogen werden. Die vier unterschwelligen – und ganz unterschiedlichen – Urteile führen dazu, dass das Thema oft mit einer falschen Verlegenheit besprochen oder gerade gar nicht besprochen wird. Es ist wegen dieser Urteile not done über die Erfahrung vom Selbst zu sprechen oder zu schreiben.

*
Das erste Urteil besagt, dass sprechen oder eben denken über das Selbst in sozialer Hinsicht gefährlich ist. Wenn man sagt, ich habe einen bewussten „Draht“ zu meinem höheren Ich, scheint man implizit auch zu sagen: ich bin besser oder weiter oder geistiger als viele Andere. Auf der sozialen Ebene ist das offensichtlich schwierig zu ertragen oder zu verkraften. Karl Popper würde es so sagen: das metaphysische Gerede von Selbsten und Ichen ist eine Bedrohung für die offene Gesellschaft, weil dadurch die politische Gleichheit in Frage gestellt wird. (Das die Geschichte ihm zumindest halbwegs Recht gibt, braucht hier nicht erörtert zu werden.)

*
Das zweite Urteil besagt, dass die Erfahrung vom Selbst eine reine „private“ Angelegenheit ist. Erfahrungen vom Selbst werden oft erlebt als „intim“ oder eben „innig“, genauso wie Sex und Geld. Man meint, es ginge niemand etwas an, ob ich solche Erfahrungen habe oder nicht. Mir scheint allerdings gerade diese Haltung, ein enormes Hindernis zu sein. Das Sprechen von der Erfahrung vom Selbst soll nicht in der privaten Sphäre verborgen bleiben. Zwar soll man taktvoll damit umgehen (wegen dem oben genannten Grund) – die Tatsache ist aber, dass es um Erfahrungen geht, die gerade und grundsätzlich über das Persönliche hinausgehen. Kreise von Menschen mit spirituellen Absichten, die nicht über die Erfahrung vom Selbst sprechen, befinden sich in einem Widerspruch.

*
Das dritte Urteil hat mit der Tatsache zu tun, dass vor allem in der wissenschaftlichen Welt das „Selbst“ gar nicht existiert. Der Gedanke, dass es so etwas wie eine „ewige Individualiät“ gäbe, wird als eine metaphysische Annahme verstanden, ein Gedanke also, der nicht im reinen Erfahrungsbereich liegt, sondern im Bereich der Spekulation. Seit die Metaphysik großartig abgehackt worden ist, gilt auch das Selbst im ontologischen Sinne als non-existent. Wenn man also vom Selbst spricht und von der Erfahrung des Selbstes, hat man Einiges zu erklären. So tun als ob man nichts zu erklären hat, kann auf der persönlichen Ebene berechtigt sein – ich darf nämlich denken was ich will. Sobald man sich aber in der Öffentlichkeit diesbezüglich äußert oder verhält, soll man mit dem dritten Urteil rechnen. (Tut man das nicht und handelt man verlogen, kriegt Popper recht.)

*
Das vierte Urteil besagt, dass das Selbst gar nichts mit meinem alltäglichen Ich zu tun hat. Populär ist in diesem Zusammenhang das Wort „Ego“, das seit den sechziger Jahren in quasi spiritueller Literatur auftaucht. Dieses Urteit basiert auf einem Dualismus: das Selbst ist gut, das Ego ist schlecht. Das Ego wäre irgendwie auszuschalten, zu umgehen, oder zu knechten. In dieser dualistischen Vorstellung entsteht ein „Subjekt“, das „subjektiviert“ (unterworfen) werden muss. Einerseits ist laut dieses Urteils das Ego eigenlich „gar nichts“, nur eine „Illusion“ oder „Projektion“ – anderseits aber scheint das Ego ein gewaltiges Hindernis zu sein, fast genau so unvernichtbar (weil SEHR egoistisch) wie das Selbst. Mir scheint aber, dass das alltägliche Ich, das Ego also, nur zu verstehen ist als ein bedeutungsvolles Geschöpf vom höheren Ich. Zwischen meinem Alltags-Ich (meiner Persönlichkeit) und meinem Selbst besteht eine delikate und vor allem multi-dimensionale Beziehung, die nicht mit einfachen dualistischen Begriffen zu erfassen ist.

(Nächste Woche weiter.)
Mit Dank an Birgitt Kähler