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29.04.2012

Liebe Ruthild, liebe Roswitha, lieber Henning, mein Beitrag...

…in der vorletzten Woche über „Anthroposophie als Hebel in der Geschichte“ hat in den Kommentaren eine Auseinandersetzung ausgelöst, die es so auf meinem Weblog noch nie gegeben hat. Einerseits wundert mich das im Nachhinein nicht, denn mein Text war sicherlich einseitig, unvollständig, vielleicht eben „zu schön“, wie der Kommentator „Henning“ es formulierte. Es stimmt durchaus, dass ich manchmal den Dichter-in-mir (Friedrich Schiller: „Alle Menschen werden Brüder“! Stimmt das eigentlich? Und: Wie lange wird das bitte noch dauern?) in den Vordergrund schiebe. Einfach gesagt: Ich fühle mich wohl, wenn der Dichter-in-mir spricht...

Es gab also gute Gründe, mich auf die Einseitigkeiten meines Textes hinzuweisen. Auch mich beschäftigt immer wieder die Neigung zu einer Beliebigkeit, die bereits ein paar Jahrzehnte lang versucht, die spirituelle Landschaft quasi aufzuheitern. Und ich bin mit „Henning“ einverstanden, dass man sich immer wieder – nicht nur gedanklich, sondern vor allem auch willentlich – abgrenzen muss. Harte Beispiele machen das deutlich, Stichwort Holocaust... Und ja, manchmal werden in der Waldorfbewegung pädagogische Sichtweisen vertreten, die auch meiner Meinung nach weit von ihrem Wesen entfernt sind.

Andererseits hat mich die Auseinandersetzung jedoch verdutzt, verdattert, ja, aus dem Lot gebracht. Es kostet mich Mühe, die Schönheit in der Debatte zu sehen, sie zu schätzen, aufrecht zu erhalten, nicht weil es eine Debatte ist (der Dichter-in-mir liebt Streitgespräche – und kennt nichts Schöneres als die göttlich-geilen Beschimpfungen in der Edda!), sondern weil in den Kommentaren an zwei Stellen von „Abschied“ gesprochen wird. „Henning“ schreibt: „Ich weiß gar nicht so recht, in welches Wespennest ich da gestochen habe und halte jetzt mal sicherheitshalber den Mund an diesem Ort zu diesem Thema. Streit sollte man vermeiden, wo er nicht unbedingt nötig ist. Hier ist er komplett unnötig. Ich hatte auf eine nachdenkliche Diskussion gehofft“.

Und „Roswitha“: „nun habe ich den (buchstaben-)salat, (…) also werde ich wie zuvor den laptop nur als schreibmaschine und informanten nutzen und lasse euch wieder unter euch...“ Für den Dichter-in-mir („Alle Menschen werden Schwestern!“) sind das harte Worte, die weh tun. Das Innehalten von „Henning“ kann ich halbwegs hinnehmen, der Abschied von „Roswitha“ macht mich traurig, gibt mir das Gefühl, versagt zu haben. Auf meinem Weblog, so sagt eine naive Stimme in mir, sollte man sich gerade nicht verabschieden wollen!

Was macht das Wespennest aus? Ich verstehe die Auseinandersetzung in den Kommentaren so, dass zwei Wahrheiten aufeinander prallen; die erste besagt, dass Beliebigkeit bequem ist, die zweite, dass festgelegte Urteile genau so bequem sind. „Henning“ findet meinen Text „zu schön“, weil ich die Schattenseite der Toleranz nicht erwähne, „Roswitha“ und „Ruthild“ folgen der zweiten Spur. „Roswitha“ formuliert das so: „bequem??? was ist bequem daran, wenn alles gleiche gültigkeit hat? und man sich darum nicht nur um das, was geschieht, sondern auch um das, was nicht geschieht, scheren muss?“

Eigentlich müsste es nicht schwierig sein, die beiden Sichtweisen als berechtigt anzuerkennen. Warum aber dann doch die Unruhe im Karton? Ich bin mit „Roswitha“ nicht einverstanden, dass die Verärgerung dadurch entsteht, dass wir nicht von Angesicht zu Angesicht argumentieren, sondern in der virtuellen Welt des Internets, also ohne die physische (und seelische?) Nähe. Die gleiche Szenerie kann sich auch an einem Tisch abspielen.

Ich kann in die Seelen der Beteiligten nicht schauen, höchstens die Frage stellen: An welcher wunden Stelle bin ich berührt worden? Die Reaktion des Kommentators „Henning“ hat mich verunsichert, weil auf einmal der Dichter-in-mir nackt und hilflos im Raum stand, ich fühlte mich wieder mal naiv, schwärmerisch, allzu hoffnungsvoll... Meine Wunde, so stellte ich direkt nach dem Lesen des Kommentars fest, liegt in dem Umstand, dass ich zwar unverschämt Liebeserklärungen abgeben kann, manchmal dabei aber ein bisschen „unrealistisch“ werde. Meine Stärke, so erzählte ich mir, liegt nicht im differenzierten Argumentieren, sondern darin, die tragischen Schönheiten des Lebens sichtbar zu machen.

Zu schön... Können Texte auch „zu wahr“ sein, oder eben „zu gut“? (Heidegger sprach ja von den „großen Drei“: dem Wahren, dem Schönen, dem Guten...). Ich glaube, das Texte erst dann Texte sind, wenn sie gelesen und verinnerlicht werden, und wenn sie dann wieder nach außen treten, wenn auf die Texte reagiert wird – in welcher Form auch immer. Manchmal tut so etwas dem Autor weh, die Schönheit des Vorgangs liegt jedoch gerade darin, dass er seine Texte abgeben kann. Mein Text wird Dein Text, Dein Text wird unserer Text.

Die Rezeption eines Textes gehört zum Text. Texte haben eine Biographie, die von den Lesern mitgestaltet wird. („Der Zauberberg“ von Thomas Mann ist längst nicht mehr „Der Zauberberg“, den er 1924 veröffentlicht hat, und ich bin sicher, dass das der Autor auch klar erkannt hat.) Die Schönheit einer Biographie geht immer mit kleinen oder großen Schmerzen einher. Und davon sollte man sich, so meine ich, nicht verabschieden.

14.03.2010

Winterhoffs Frustrationen. Und eine Replik von Henning Köhler

Machen wir unsere Kinder zu Tyrannen? Ja, meint Michael Winterhoff. In seinen beiden Büchern "Warum unsere Kinder Tyrannen werden" und "Tyrannen müssen nicht sein" haut der Kinderpsychiater bundesweit auf den Tisch. „Von etwa 25 Kindern in einer Grundschulklasse“, so meint er, „sind heute noch zwei bis vier komplett unauffällig, alle anderen zeigen [...] kombinierte Störungsbilder“. Der Weg aus der Hölle ist Winterhoff allerdings klar. Die dringende Aufgabe der Eltern & Pädagogen besteht aus „Führung durch stetiges Training“ & „Spiegelung bei Fehlverhalten“.

Winterhoff meint, dass wir unsere Kinder zu viel lieben. Wir sind zu soft. „Kinder werden geliebt, das scheint außer Frage zu stehen“, merkt er an. Alleine dieser merkwürdige Nachsatz „das scheint außer Frage zu stehen“ macht deutlich, wie glitschig Winterhoff argumentiert. Müssen wir aufhören unsere Kinder zu lieben? Müssen wir unsere Kinder auch ein bisschen hassen, oder vielleicht eben mehr als nur ein bisschen, damit sie keine Tyrannen werden? Was meint er eigentlich?

Er schreibt, dass die Kinder leider „einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert“ genießen – was natürlich barer Nonsens ist. Kinder werden laut Winterhoff eben als „Heilsbringer“ verehrt. In Wahrheit aber, so malt er uns aus, sind Kinder schlecht, genauso wie Calvin es gesagt hat: die Natur des Menschen ist von Geburt an amoralisch & nicht sozial. Auch wenn der protestantische Gott nicht erwähnt wird, er wird von Winterhoff adäquat vertreten.

Der Hammer ist aber, dass Winterhoff den Eltern & Pädagogen zwar „Zuwendung etwa in Form von altersgemäßem Körperkontakt beim Kuscheln“ oder „Über-den-Kopf-streichen“ billigt, aber nur um „eine gesunde kognitive Entwicklung [...] zum funktionstüchtigen Erwachsenen“ zu fördern. Anders gesagt: man darf schon ein kleines bisschen nett sein, weil dadurch die Kinder schlauer werden.

Auf der Website des Janusz Korczak Instituts hat Henning Köhler eine Replik veröffentlicht, die man lesen soll. Unter dem Titel „Dressurpädagogik? Nein danke!“ zerfranst er punktgenau die Argumentationen von Westerhoff. Noch ganz abgesehen davon, dass es ein Genuss ist den Text zu lesen – Köhler kann so richtig saftig polemisieren – kriegt man als Leser unmittelbar mit, worum es eigentlich geht.

Laut Winterhoff liegt ein Grundfehler darin, dass „schon Säuglingen eine eigene Persönlichkeit“ zugeschrieben wird. Und das kann natürlich nicht wahr sein. Ihm ist als Psychiater klar – und alle Eltern & Pädagogen & Erzieher müssten das unbedingt verstehen – dass „die Persönlichkeitsentwicklung im engeren Sinne“ erst im Alter „von etwa acht oder neun Jahren“ einsetzt. Das heißt: bis zum siebten Lebensjahr gibt es so etwas wie einen ernstzunehmenden Menschen nicht.

Henning Köhler sagt dazu unter anderem: „Wenn mich ein Säugling anblickt... wer oder was blickt mich an? [...] Überlasse ich mich der Magie dieses Ereignisses, stellt sich ein Evidenzerlebnis ein, für das es nur eine angemessene Formulierung gibt: Ecce homo! Siehe, ein Mensch! Und das heißt: eine Individualität. Eine Persönlichkeit im Status nascendi. Wer das nicht wahrzunehmen vermag, sollte die Finger von Kindern lassen“.

Fast am Ende seiner Replik macht Henning Köhler eine Bemerkung, die eine „Hoppla-Wirkung“ hat, ich meine: man kommt nicht so leicht darauf, aber wenn man den Gedanken erst einmal begriffen hat, dann wird die Sache komplett transparent. Er schreibt: „Mit dem selben Recht, mit dem man einem Kleinkind die Persönlichkeit abspricht, kann man sie auch einem schlafenden Menschen absprechen“. Für Winterhoff ist dieser Gedanke wahrscheinlich zu originell.

Und darin liegt das Hauptproblem bei Winterhoff: er denkt nicht, nicht einmal nicht-originell. Er merkt nicht, dass er sich ständig in Widersprüchen verliert. Das macht ihm auch nichts, weil er eigentlich nur ein Ding erreichen will, nämlich dass seine Ärgernisse als Psychiater einen Ausweg finden, genau so, wie „seine“ Kinder und Jugendlichen „leider“ manchmal ausrasten müssen. Winterhoff möchte nicht gerne an sich selber zweifeln müssen. Was ihm fehlt ist „ständiges Training“ & „Spiegelung bei Fehlverhalten“.

Ich danke Henning Köhler an dieser Stelle für sein Bemühen, vor allem auch, weil die Bücher von Winterhoff offensichtlich auch in Waldorfkreisen hier & da geschätzt werden. Ja, wie das sein kann, ist noch ein Thema für sich... Ich empfehle meinen Lesern den würzigen & ausführlichen & aufschlussreichen Text, den man finden kann unter: http://www.janusz-korczak-institut.de unter „Aktuelles“. Ich mache darauf aufmerksam, dass man auf der Website herzlich dazu eingeladen wird, den Text zu unterschreiben. Mit lieben Grüßen aus Köln, wo es bald Frühling wird.

15.09.2009

Wahrheit und Dichtung in der Biographie. Über Penner und Kapitäne

Im Seminar für Waldorfpädagogik in Köln sprach Henning Köhler letztes Wochenende über Aggressionen bei Kindern. Wir waren mit etwa fünfzig Leuten zusammen & hörten zu & mischten uns ein. (Warum ich Henning Köhler als Lehrer bewundere, habe ich schon einmal in einem Blog beschrieben. Er schafft es immer, die Philosophen in seinen Zuhörern wachzurufen, das heißt: er vermittelt nicht nur bestimmte Inhalte, sondern er weckt auf.)

Im Fluss seiner Ausführungen tauchte auf einmal ein Thema auf, dass mich schon länger beschäftigt. Henning Köhler erzählte von einem Jugendlichen, der seinen Vater gar nicht kannte & doch seinen Freunden immer wieder fröhlich mitteilte, dass dieser „Seekapitän“ sei & mit seinem Schiff über die Ozeane führe. Als eines Tages ein Treffen zwischen dem Vater & dem Jungen organisiert wurde, entpuppte der herumreisende Seekapitän sich lediglich als Penner.

Die beiden machten einen langen Spaziergang & sprachen miteinander. Als sie zurückkehrten, war der Junge glücklich. Der Vater verschwand wieder für immer & der Jugendliche sprach weiterhin fröhlich davon, dass sein Vater ein Seekapitän sei, der mit seinem Schiff über die Ozeane führe. Aus irgendeinem Grund schien er einen Penner als Vater nicht zu brauchen.

Der Vater war also gar kein Kapitän. Oder war er irgendwie doch ein Kapitän? Wenn es um die Tatsachen unserer Biographie geht, benehmen wir uns wie moderne Menschen, die meinen zu verstehen was Geschichte heißt. Wir verhalten uns nicht nur wie private Historiker, sondern gleichzeitig auch wie Quellen. Wenn ich sage, dass ich bei Arnhem geboren bin, wird mir das abgenommen – ich meine: niemand wird meine Aussage in Frage stellen.

Die Aussage, dass ich bei Arnhem geboren bin, beinhaltet aber eine interessante Spannung. Am liebsten sage ich eigentlich, dass ich in Gelderland geboren bin; und das stimmt durchaus auch, aber irgendwie auch wieder nicht. Ich bin nämlich in Doesburg geboren, einer Kleinstadt nicht weit von Arnhem, die in der niederländischen Provinz Gelderland liegt. Weil ich Doesburg ein-kleines-bisschen-eigentlich-nicht-so-sehr mag, Arnhem aber schon viel mehr & Gelderland so richtig liebe, bekenne ich mich gerne zu dieser Provinz.

Doesburg fühlt sich irgendwie wie ein dunkles Loch an, wo ich unbemerkt heraus gekrochen bin. Wenn ich aber an Gelderland denke, zeigt sich sofort eine sonnige Fülle: der Veluwe mit seinen endlosen Wäldern & Legenden & strahlend-offenen Sandhügeln, der Betuwe zwischen den Großmächten Rhein & Waal & Maas, der Achterhoek als „Hinter-Ecke“ - dort findet man uralte schlafende Dörfer, die sich nicht von weltlichen Ereignissen beeinflussen lassen.

Gelderland ist mein Kapitän & Doesburg mein Penner. Nun könnte-müsste-dürfte man an dieser Stelle die Frage stellen, ob ich nicht eigentlich die Neigung habe, meine Vergangenheit ein kleines bisschen zu verleugnen. Die Antwort lautet natürlich: „Ja“. Dieses „Ja“ heißt aber nicht, dass ich nicht sagen dürfte: ich bin „bei Arnhem“ oder eben „in Gelderland“ geboren. Die Gesetze, die für Reisepässe gelten, sind nicht unbedingt auch für Biographien zuständig. Und ich verstehe das auch: wenn ein Beamter mich fragt, wo ich geboren bin, sage ich einfach: „Doesburg“ (und sofort füge ich hinzu: „Nein, nicht Duisburg! D-O-E-S-B-U-R-G, das gibt’s ja auch, liegt allerdings in den Niederlanden!“)

Wir komponieren unser Leben nicht nur nach vorne in die Zukunft hinein, sondern auch rückwirkend bis in unsere Vergangenheit. Ständig sind wir damit beschäftigt, das was gewesen ist, neu zu benennen & eben neu zu gestalten. Man könnte diese konstruierende Tätigkeit auch ein Umlügen nennen – ein schönes Wort, womit die Sache sofort auf einen Punkt gebracht wird.

Wenn der Jugendliche behauptet, sein Vater wäre ein Seekapitän, lügt er dann? Auf der historischen & juristischen Ebene natürlich: „Ja“. Auf der legendarischen & poetischen Ebene aber: „Nein“. Die Frage an dieser Stelle kann nur sein: was macht seinen Vater-der-Penner zu einem Kapitän?

Was ist ein Penner? Ich weiß es immer noch nicht so genau. Mir scheinen Penner aber Menschen zu sein, die auf irgendeine Art & Weise sehr intensiv mit etwas ganz Bestimmtem beschäftigt sind. Wenn ich einen Penner sehe, denke ich immer: Herr, was ist deine Mission? Er wendet sich ab von mir & von allen & von allem & scheint sich auf gar nichts einzulassen. Innerlich aber scheint er sich auf unbekannte & ungreifbare & konfuse Koordinaten zu konzentrieren. Penner sind seelisch unterwegs. Sie machen Reisen, die ich nicht kenne & nicht verstehe – ja, irgendwie sind sie schon Seekapitäne.

(Und ach ja, natürlich, John. F. Kennedy damals: „Ich bin ein Berliner!“)

01.09.2008

Seminar für Waldorfpädagogik Köln. Diskurs über Kindheit

Im Seminar für Waldorfpädagogik in Köln beginnt in November ein neuer Kurs.Das Motto heißt: Erziehung neu ergreifen. Als Dozent am Seminar möchte ich in diesem Text meine Begeisterung ausdrücken, für das, was in Köln geleistet wird. Ich bin richtig stolz & froh & aufgeregt, und ich hoffe, dass viele Menschen den Weg nach Köln finden. Es lohnt sich, bei uns mitzumachen.

Was machen wir? Rein formal bieten wir eine berufsbegleitende Fortbildung für Menschen, die Waldorferzieher/in werden wollen. Unsere Teilnehmer/innen erhalten nach zwei Jahren ein bundesweit anerkanntes Zertifikat, das professionelle Mitarbeit in den Waldorfkindergärten ermöglicht. Wir freuen uns aber auch über Leute, die einfach die Waldorferziehung kennen lernen wollen, warum auch immer. Man braucht also kein/e staatlich anerkannte/r Erzieher/in zu sein, um bei uns mitzumachen.

Um die Qualifikation zu erreichen, beschäftigen wir uns jeden Montag (von 15.30 bis 21.00 Uhr) mit Pädagogik, Methodik-Didaktik, Anthroposophie, sowie Musik, Eurythmie oder Sprachgestaltung. Hinzu kommen jedes Jahr jeweils noch sechs Wochenenden und eine Blockwoche, die in Zusammenarbeit mit Henning Köhler vom Janusz Korczak Institut (Nürtingen) und Pär Albohm von der Solvikschule (Järna, Schweden) gestaltet werden. In diesen Wochenenden geht es um „pädagogische Integration“ und „intuitive Pädagogik“. Was damit genau gemeint ist, kann ich in diesem kurzen Text nicht erklären. Ich möchte es bei einem Satz lassen: Köhler und Albohm bringen Bewegung.

Ergänzt wird diese Arbeit von einem engagierten Seminarkollegium: Anne Marisch und Eva Nahrwold vom Leitungsteam, sowie Christa Büscher, Carola Grass, Hedwig Sautter, Keiko Fujita, Dr. Christian Schädel, Elke Irene Scheuffele, Regina Thorne, Ute Wagner-Zavaglia und weitere Gastdozenten/innen).

Also, das machen wir. Um aber zu beschreiben, was im Seminar für Waldorfpädagogik in Köln wirklich geschieht, müssen noch drei andere Ebenen erörtert werden. Die erste heißt: persönliche Entwicklung, die zweite: Begegnung, und die dritte: Diskurs über Kindheit.

Was heißt persönliche Entwicklung? Es ist ein schönes Gesetz: Wenn man sich auf die Anthroposophie einlässt, geschieht etwas in der eigenen Biographie. Die eigene Entwicklung wird beschleunigt. Der Grund dafür ist einfach zu verstehen: Anthroposophie macht Menschen zu aktiven Insidern im Leben. Die vielen Fragen & Ahnungen & Hoffnungen, die schon lange in uns schlummern, werden durch die Begegnung mit der Anthroposophie ins Licht gehoben. Sie erhalten ein Gesicht. Und auf einmal versteht man, dass das eigene Leben mehr ist, als eine Ansammlung von Zufälligkeiten & Sachzwängen & Verpflichtungen. Das Leben wird ein Kunstwerk, das man gestalten kann.

Die viele Fragen & Ahnungen & Hoffnungen bringen zuerst Verwirrung. Was gestern noch selbstverständlich war, ist heute eine offene Frage geworden. Zu der persönlichen Entwicklung gehört, einen inneren Kompass zu finden, womit man in der Verwirrung navigieren kann. Und gerade das ist im Seminar für Waldorfpädagogik eine wichtige Sache: eine souveräne Beziehung zu sich selbst zu finden. Der rote Faden durch alle Fächer bezieht sich also auf den Umgang mit sich selbst.

Und was heißt Begegnung? Menschen haben unterschiedliche Erfahrungen & Fähigkeiten & Intentionen. Oft ist der/die Andere richtig „fremd“. Mich begeistert immer wieder zu sehen, wie im Seminar im Laufe der Zeit die Beziehungen zwischen den Teilnehmer/innen sich vertiefen und eine kollegiale oder eben freundschaftliche Ebene erreichen. Das An-einander-wachsen und Mit-einander-ringen während des Unterrichts (und vor allem auch in den Pausen und nachher in der Kneipe!) trägt dazu bei, dass eine positive Beziehung zu der Vielfältigkeit des Lebens entsteht. Und in jeder erzieherischen Tätigkeit ist diese Beziehung zur Vielfältigkeit entscheidend.

Über das ganze Seminar leuchtet für mich der Begriff: Diskurs über Kindheit. Darauf bin ich richtig stolz. Ich meine damit, dass wir nicht nur die klassischen Inhalte der Waldorfpädagogik übermitteln. Klar, das machen wir auch, und zwar sehr gerne. Über die reine Vermittlung von Inhalten hinaus findet aber auch eine Art „Untersuchung“ statt, die sich auf die Frage bezieht: Wie sind in der heutigen Zeit die Kinder – und ist damit auch „Kindheit“ – zu verstehen? Dass wir im Seminar im Stande sind, uns immer wieder mit dieser offenen Frage zu beschäftigen, verdanken wir klar Henning Köhler. Er schafft es immer wieder, den aktiven Insider-in-uns in Bezug auf die Kinder zu wecken.

Ich meine, dass Erziehung heute eine sehr spannende Sache ist. Gute Erzieherinnen und Erzieher beschäftigen sich gleichzeitig warm und nüchtern mit dem, was im Kommen ist – in sich selber, in den Kindern, in den Eltern, in den Kollegien und in der Gesellschaft. Ich meine, dass wir es im Seminar für Waldorfpädagogik in Köln schaffen, frei und engagiert zu schauen, auf das was kommt. Wir freuen uns in Köln über Teilnehmer/innen, die in dieser Weise mitmachen wollen.

09.05.2008

Das kleine Kind. Über Räume, Träume und Gegenstände.

In meinem Blog am 12.01.2008 habe ich etwas darüber geschrieben, dass in Kindergärten drei „Räume“ zu unterscheiden sind: ein physischer Raum, ein Raum in der Zeit und ein sozialer Raum.

Ich werde in den kommenden Wochen in meinen Blogbeiträgen versuchen die Frage anzugehen, wie die drei Räume für das Kind unter drei gestaltet werden könnten. Mir scheint diese Frage deswegen dringend zu sein, weil ich den Eindruck habe, dass das Denken über Tagesstätten für Kinder unter drei, stark von den Vorstellungen ausgeht, die in Bezug auf Kindergärten leben. Eine Kindertagesstätte scheint wie ein Kindergarten zu sein, der nur in der Zeit nach vorne verschoben ist.

Was aber für Kinder ab drei richtig ist, gilt nicht unbedingt für Kinder unter drei. Zwischen einem Kind von fünf und einem Kind von zwei Jahren liegen ja Welten. Das Denken über die Gestaltung der Tagesstätten für Kinder bis drei müsste beim Kind von null bis drei beginnen.

Ich fange mit dem ersten Raum an, dem physischen. Dabei lasse ich mich durch Henning Köhler inspirieren. In seinem Integrationskurs – das in Zusammenarbeit mit dem Kölner Seminar für Waldorfpädagogik stattfindet – hat er letztes Wochenende über eine „spirituelle Entwicklungspsychologie“ gesprochen. Ausführlich hat er die "Grundbedürfnisse" beschrieben, die in den ersten vier Lebensjahren des Kindes auf dem Vordergrund stehen. Mir wurde deutlich, dass seine Ausführungen interessante Konsequenzen für die Gestaltung der physischen Räume haben.

Ein kleines Kind ist völlig & völlig & völlig orientiert auf das sich Hineinleben in die Welt der Gegenständlichkeit. Seinem Wesen nach kennt das Kind die Wirklichkeit der Gegenstände gerade ganz und gar nicht. Das Kind ist von Gegenständlichkeit weit entfernt. Es „befindet“ sich träumend in einem undifferenzierten Zustand-des-Seins, in dem zum Beispiel Raum und Zeit keine Rolle spielen. Die inneren und äußeren „Bewegungen“ des kleinen Kindes sind völlig frei, ungezielt und ohne eine festgelegte Bedeutung.

Der französische Phänomenologe Maurice Merleau-Ponty spricht in diesem Zusammenhang aufschlussreich über Träume. Er meint, dass das kleine Kind „am Anfang seine Träume in die Dinge, seine Gedanken in die Anderen verlegt und mit diesen gleichsam einen gemeinsamen Lebensblock bildet, innerhalb dessen die verschiedenen Perspektiven sich noch nicht unterscheiden.“ (Und er meint dazu, dass diesbezüglich die Philosophie sich „dem Problem der Genese ihres eigenes Sinnes“ stellen muss.)1

Man kann das an kleinen Kindern beobachten. Wenn ein Kind auf einem Parkplatz aus dem Auto gehoben und auf seine wunderbar wackelig-stabilen Beine gestellt wird, befindet es sich nicht auf einem Parkplatz, sondern einfach in einem Raum. Es steht eine Weile in seinem Stehen, so wie ein Baum sich in seinem Stehen befindet, schaut herum ohne richtig zu schauen, und fängt dann „auf einmal“ an zu gehen. Das heißt, es bewegt seine Beine in eine unbestimmte Richtung – und „befindet“ sich einfach in seinem Gehen. Dann hört es „auf einmal“ auf zu gehen, plumpst charmant-elegant auf seinen Po, spürt, dass seine Hand „etwas“ berührt und bringt dieses „etwas“ selbstverständlich und wie in einem Traum an seinen Mund – ja, einen runden Stein genauso wie eine saftige Erdbeere.

(Der Vater ist aber schon dabei ihm den Stein abzunehmen, weil Steine auf Parkplätzen einen schlechten Ruf haben – es heißt, sie wären meistens nicht sauber. Das berühmte Reinheitsgebot in Deutschland hat sich mittlerweile über alle Aspekte des Lebens ausgebreitet.)

Was heißt das für die Einrichtung einer Tagesstätte für Kinder unter drei? Es heißt meines Erachtens erstens, dass es da Steine, Äste, Holzblöcke, Kastanien, Kieferzapfen, Wasser, Sand, Töpfe, ja, alte und robuste Schreibmaschinen, Lenkräder und Gießkannen aus Blech geben sollte. Und vieles anderes mehr. Es heißt zweitens, dass die Gegenstände sich frei, aber nicht unorganisiert im Raum befinden. Entscheidend scheint mir zu sein, dass die Kinder einerseits einen freien Zugang zu den Gegenständen haben, sich aber anderseits nicht in einem sinnlosen Chaos befinden. Vielleicht sind einfache, niedrige Regale hilfreich – möglich wäre aber auch eine Art Blume mit „Blüten“ zu gestalten: in eine Blüte die Steine, in eine andere die Äste, in noch eine andere Wasser, usw. In der Mitte könnte ein Kreis sein, in dem die Kinder sich frei bewegen können.

Etwas Drittes kommt aber dazu. Die Erwachsenen sind gerade NICHT da um die Kinder zu „betreuen“ oder eben zu „bewachen“. Die Erwachsenen sind für sich selber da, das heißt, sie machen ihr eigenes Ding. Ein Mann näht gerade eine Hose oder übt Gitarre, eine Frau schreibt einen Brief oder malt ein Bild oder drückt sich die Daumen. Die Erwachsenen sind tätig. Und die Kinder erleben, dass auch für die Erwachsenen das Leben und die Welt eine sinnvolle & spannende & höchst interessante Angelegenheit ist, genau so wie die vorhandenen Steine & Äste & Schreibmaschinen sinnvoll & spannend & interessant sind.

Ich behaupte, dass auf diese natürliche Art und Weise aus den Kindern intelligente & sorgsame & leidenschaftliche & kreative Naturwissenschaftler, Künstler, Unternehmer, Krankenschwestern, Gärtner und Journalisten werden. Nicht die Erwachsenen und auch nicht die implizit definierten Räumlichkeiten, sondern das Leben & die tausend Möglichkeiten werden zeigen, wozu die Kinder gemeint sind. Die Einrichtung des Raumes müsste erst mal auf dieser Ebene gerade keine Aussage machen, das heißt, dass im Prinzip alles Mögliche vorhanden ist.

Die Kinder werden in & aus & mit der Vielfalt sich selber gestalten.



1 Maurice Merleau-Ponty: Das Sichtbare und das Unsichtbare. München, 1986, Seite 28.

14.03.2008

Die Art von Henning Köhler

„Ich bin ein Existentialist bis in meine Knochen“. Und: „Mein Thema ist die Freiheit“. Und: „Karma und Freiheit bedingen einander“. Und: „Man soll nichts aus Treue und Glauben annehmen“. Diese vier Sätze stammen von Henning Köhler. Er hat sie vor ein paar Wochen in Köln ausgesprochen. Der Titel des Seminars lautete: „Dem Karma auf der Spur“.

Ich war in den letzten Jahren öfters in der Gelegenheit Henning Köhler sprechen zu hören. Im Rahmen der integrativen Fortbildung, die er in Zusammenarbeit mit dem Seminar für Waldorfpädagogik in Köln anbietet, habe ich seine Ausführungen über ein breites Themenspektrum, wie ein Schwamm aufgenommen. Angst bei Kindern, die anthroposophische Sinneslehre, die so genannten ADS-Kinder, die Ethik des Beratungsgespräches, auffällige Verhaltensweisen und „ungewöhnliche Begabungsprofile“ bei Kindern, der Kindheitsgedanke... Und irgendwo und irgendwann habe ich Henning Köhler in einem Artikel „den warmen Philosophen der Kindheit“ genannt.

Was Henning Köhler denkt, kann man in seinen Büchern nachlesen. Mich interessiert heute eher die Frage: wie denkt und spricht er? Ich meine damit: wie verhält er sich zu den Gedanken, die er äußert? Wie „bewegt“ er sich in der Welt der Gedanken? Wie verwandelt er Gedanken in Sprache? Oder anders gesagt: wie wirkt seine „Gestalt“ als Philosoph? Und vor allem auch: wie spricht er seine Zuhörer an? Wie schafft er es, in einem Seminar seine Zuhörer zu einer Art philosophischen Spaziergang zu bewegen?

Also, nicht das Was, sondern das Wie steht heute in diesem Text an. Was immer auffällt, ist seine Ruhe. Henning Köhler steht da vorne am Rednerpult, hat ein paar Papiere und Bücher dabei, liest manchmal kurz, befreit sich dann selbstverständlich von den Unterlagen und bewegt sich im Raum. Er macht ein paar Schritte um das Pult herum, drei oder vier, nicht mehr, und spricht frei. Sein Blick schweift dabei nach vorne und um ihn herum, wobei er gleichzeitig zwei Sachen zu sehen scheint: die Gedanken, die er gerade in seinen Papieren gefunden hat, und seine Zuhörer.

Er scheint die Gedanken vor sich in einem Raum zu sehen, wie vertraute Objekte, die er mag (oder manchmal auch gerade nicht mag). Seine Gedanken & Begriffe wirken wie unsichtbare Gegenstände, die sich fast handfest & genau & differenziert in einer Landschaft befinden. Und was Henning Köhler macht, ist in einem gewissen Sinne nichts anders, als diese Landschaft zu öffnen & betretbar zu machen.

Wenn er meint, einen Teil der Landschaft hinreichend gestaltet zu haben, dreht er sich langsam und nachdenklich um, macht ein paar Schritte auf das Pult zu (so, als ob er kurz in eine Hütte geht), nimmt ein Blatt Papier in seine Hände, und liest. In dieser ruhigen hin-und-her-Bewegung, die sich ständig wiederholt, wirkt die Tatsache kräftig mit, dass sein Körper groß & tragend & rund ist. Irgendwie scheint er das Bild seines Körpers auf eine unsichtbare-aber-spürbare Ebene zu übertragen. Als Zuhörer fühlt man sich in dieser Körperlichkeit aufgehoben.

In seiner Sprache ist Henning Köhler erstaunlich genau & konsistent & liebevoll. Er liebt die Gedanken – mehr noch die Sprache. Seine Worte & Wortpaare & Sätze & Redewendungen erscheinen wie sorgfältig geschnittene Objekte, wie in einer Kirche aus dem Mittelalter. (Der Unterschied ist nur dieser: sein Geschnittenes befindet sich nicht in einer Kirche, sondern auf einem weiten Feld.) Und er lebt in der Sprache, wie sein Körper sich im Raum bewegt: sorgfältig & gehalten & irgendwie auch mächtig. Seine Stimme klingt sonor & eindringlich & warm.

Das Schönste ist, wenn er auf einmal etwas sagt, das nicht schon vorher gedacht war, sondern sich unerwartet neu aus dem schon Gesagtem ergibt. Es ist dann, als ob sich ein neuer Raum vor allen Zuhörern spürbar öffnet, erst anfänglich „leer“ im Raum schwebt, und dann mit Worten & Begriffen & Bildern, die von irgendwo tief unten hergeholt werden, gefüllt wird. Für solche Momente kenne ich nur ein Wort: Geburt.

Wie gesagt, Henning Köhler lebt in Gedanken & gestaltet Gedanken zu einer genauen und liebevollen Sprache. Durch & zwischen & mit den Gedanken fliesen aber immer tastende Gefühle, die sich zwischen Nähe und Distanz hin und her bewegen. Auf einmal aber können sich diese Gefühle in greifende & eingreifende & angreifende Emotionen verwandeln. Auf einmal ist dann Unruhe da. Ich meine beobachtet zu haben, dass diese Verwandlung immer dann stattfindet, wenn er irgendwie meint, dass der Freiheitsbegriff in Gefahr ist. Ein Zorn steigt auf, der zeigt, dass er nicht nur ein warmer Philosoph der Kindheit, sondern auch ein Kämpfer ist.

Mit Dank an Sophie Pannitschka