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12.12.2010

Ein unsichtbares Komitee. Der kommende Aufstand

Ich räume ein, der Text hat mich elektrisiert. Vor allem die ersten siebzig Seiten sind brillant geschrieben, die Analysen scharf und manchmal sehr überzeugend, die rhetorischen Flammen heiß, Ton und Inhalt souverän. Der Text nennt sich ein Manifest, die Autoren kommen aus Frankreich, bleiben allerdings anonym. Ein Aufstand wird nicht ausgerufen, sondern einfach angekündigt. „Wir befinden uns schon jetzt in der Untergangsbewegung einer Zivilisation. Das ist der Punkt, an dem man Partei ergreifen muss“, schreibt das Komitee, das aus strategischen Gründen „unsichtbar“ bleiben will…

Die Probleme sind bekannt: Arbeitslosigkeit, Finanzkrisen, Umweltkatastrophen, Migration, das Auseinander fallen von Europa... Das unsichtbare Komitee meint allerdings, dass die eigentliche Krise eine andere ist. „Die Erhaltung des Ichs in einem Zustand des permanenten Halbverfalls, in einem chronischen Halbversagen, ist das am besten gehütete Geheimnis der aktuellen Ordnung der Dinge“, schreibt es.

Und: „Das schwache, deprimierte, selbstkritische, virtuelle Ich ist wesensmäßig das unendlich anpassungsfähige Subjekt, das von einer Produktion erfordert wird, die sich auf Innovation, beschleunigten Verfall der Technologien, beständige Umwälzung der gesellschaftlichen Normen, verallgemeinerte Flexibilität begründet“. Hier wird also nicht auf die „anerkannten“ Probleme geschaut, sondern auf die Stelle des individuellen Menschen in einer Gesellschaft, die mit dem individuellen Menschen nicht rechnet.

Der Mensch, so meint das Komitee, ist von jeder Zugehörigkeit losgerissen: von seiner Familie, seinen Freunden, seinem Viertel, seiner Geschichte, seinem Beruf und seiner Berufung, nichts gehört ihm mehr. Durch die Zwänge der Wirtschaft ist er „enteignet“ von seinem Selbst: er soll nicht arbeiten um sein Leben zu leben, sondern sein Leben aufgeben, um zu arbeiten. Was sein Leben ausmacht, innerlich und äußerlich, ist schon längst nicht mehr relevant. Der Mensch ist sich selber fremd geworden, und „sein Hass gegen den Fremden verschmilzt mit dem Hass gegen sich selbst als Fremden“.

Das sind kräftige Sätze, die viel Wahrheit beinhalten. Ganz stark sind auch die folgenden: „Es gibt keine Umweltkatastrophe. Es gibt diese Katastrophe, die die Umwelt ist. Die Umwelt ist das, was dem Menschen übrig bleibt, wenn er alles verloren hat.“ Und: „Was als Umwelt erstarrt ist, das ist eine Beziehung zur Welt, die auf der Verwaltung aufbaut, das heißt auf der Fremdheit“. Rudolf Steiner würde an dieser Stelle sagen, dass die Katastrophe keine Katastrophe, sondern eine Chance der jungen Bewusstseinsseele ist. Die Katastrophe bestünde aus seiner Sicht eher daraus, dass sie nicht als Chance wahrgenommen wird.

Als letzter starker Satz: „Zu jedem Leben gehört eine Dosis Wahrheit, die das abendländische Konzept nicht kennt.“ Weniger stark scheinen mir allerdings die revolutionären Vorschläge zu sein, die auf den letzten dreißig Seiten des Manifestes gemacht werden. Die erste Empfehlung ist immer noch stark: fange bei deinen Wahrheiten an. „Eine Wahrheit ist nicht etwas, das man besitzt, sondern etwas, das einen trägt“. Auch die zweite Empfehlung trifft zu: nimm deine Freundschaften ernst. „Jede Begegnung ist Begegnung IN einer gemeinsamen Affirmation“. Das klingt nach einer Kultur des Herzens.

Mit ein paar Aspekten habe ich allerdings Probleme. Das erste ist, dass in den Text immer wieder der „Partisan“ romantisiert wird. Der Kämpfer wird als eine Art Widerstandssoldat beschrieben, der machen darf, was er will, solange er der Sache dient und außerdem nicht erwischt wird. Schmerzen darf er den dummen oder gerade schlauen „Anderen“ offenbar zufügen, das ist man in revolutionären Bewegungen gewohnt. Wer mit den dummen Anderen gemeint ist, wird in dem Text klar: die sich anpassenden Bürger, (nicht WIR, die gerade das Manifest lesen!)

Anonym bleibt der schlaue Andere, der Feind, der in dem Text immer wieder „man“ genannt wird, der mit Erfolg seine offenbar unwürdigen Ziele verschwörerisch durchsetzt. Er scheint sich unsichtbar auf den Chefetagen großer Unternehmungen aufzuhalten. Ich glaube, dass so ein „man“ nicht existiert. Wenn es einen Feind gibt, so meine ich, dann müsste er in uns selber gesucht werden. Revolutionen, in ihren Ausgang darin finden, dass die Anderen Schuld haben, brauchen wir nicht mehr…

“Wenn wir einmal in die Sichtbarkeit eingetreten sind, sind unsere Stunden gezählt“, schreibt das Komitee. Diese Haltung ist verständlich, bedeutet allerdings einen Schritt zurück. Was eher hilft, sind strahlende „Iche“, die sich souverän ins Lichte der Öffentlichkeit stellen. Ein unsichtbares Komitee macht sich selber zum Geschwür, den angeblichen Komplizenschaften der großen Unternehmungen nicht unähnlich. „Man“ macht sich auf diese Art und Weise zu einem Feind, den es nicht gibt.

Dem Komitee zufolge müssen Gemeinschaften (in dem deutschen Text wird irreführend von „Kommunen“ gesprochen: romantisch-revolutionäre Rhetorik!) entstehen, die sich „nicht durch ein Drinnen und ein Draußen definieren, wie Kollektive es im Allgemeinen tun, sondern durch die Dichte der Verbindungen in ihrem Innern“. Das ist sehr richtig, eben entscheidend. Dieses Innen durch Anonymität zu schützen, führt allerdings zwangsläufig zu einer Trennung zwischen innen und außen. Und damit kreiert „man“ gerade das, was „man“ bekämpfen will: die Fremdheit.