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31.12.2010

In den zwölf heiligen Nächten (2). Über das Lauschen, Fragen und Wollen

In den heiligen Nächten steht das Lauschen an. Im Lauschen, so schrieb ich letzte Woche, werden wir still. „Wir hören auf das, was im Kommen ist, was Anfang, Wink und Wandlung bedeutet, was geboren werden will und unser Lauschen braucht, um in der Gegenwart ankommen zu können“. In den Kommentaren auf meinen Text entstand darauf eine interessante Wendung, die mich seitdem beschäftigt.

Die Wendung hat mit einer Frage zu tun, und zwar mit dieser: Liegt dem inneren Lauschen nicht immer eine – vielleicht verborgene – Frage zu Grunde? Kann man lauschen, ohne zu fragen? Bedeutet Lauschen nicht einfach: Eine Frage zu haben, die sich darin zeigt, dass wir etwas hören wollen? Oder vielleicht anders gesagt: Wenn ein Wollen vorliegt, in diesem Fall ein Wollen zum Lauschen, können wir dann sagen, dass somit in uns immer auch eine – vielleicht verborgene – Frage lebt?

In dieser Wendung vom Lauschen zum Fragen öffnet sich ein ganz großes Thema, das nicht nur mit dem Lauschen, sondern überhaupt mit dem Wollen zu tun hat. Man könnte das Wollen als eine unbewusste seelische Tätigkeit verstehen – im Wollen schlafen wir, erst im Denken sind wir komplett wach – die überhaupt als die Quelle unserer Fragen zu definieren wäre. Die Wendung beinhaltet also drei Schritte: der erste Schritt führt zum Lauschen, der Zweite zum Lauschen-als- Frage, der Dritte zur Frage-als-Wollen.

Ich will immer ETWAS hören. Wenn wir diesem Gedanken nachgehen, kommen wir zwangsläufig zu Platon, der meinte, dass wir uns nur nach etwas sehnen können, was wir schon kennen – wir haben es nur vergessen. Alles Wollen und somit alles Fragen geht aus Sicht des griechischen Philosophen darauf zurück, dass es einmal eine Verbindung gab, eine Art einheitliche und runde Beziehung, die allerdings verloren gegangen ist. Platon zufolge sind wir immer auf der Suche, das zu heilen, was zerbrochen ist. Diese Sichtweise gehört zu den Kerngedanken einer spirituellen Lebensauffassung, und sie bedeutet im Grunde genommen, dass mich nur dasjenige berührt, was (schon) zu mir gehört.

Der (aristotelische) Einwand liegt nahe: In der platonischen Sichtweise kann es so etwas wie das „Neue“ nicht geben. Ich lasse die Spannung zwischen Altem und Neuem für heute einfach im Raum stehen. Um Platon allerdings nicht nackt dastehen zu lassen, diesbezüglich nur eine Bemerkung: das Neue liegt für Platon gerade in der Wiederkehr des Alten. Neu ist aus seiner Sicht, was wir aus dem Bereich des Verlustes bewusst zurück erobert haben.

Was ist aber eigentlich eine Frage? Spannend ist, was die Sprachwissenschaftler über das Verb „fragen“ zu sagen haben. Das Wort kommt so nur in der deutschen und niederländischen Sprache vor (vragen), und ist überraschenderweise mit „Furche“ (Ackerstrecke) verwandt. Die Grundbedeutung des Verbs ist also: „wühlen und aufreißen“, und damit sind wir in der Tat im Bereich des Wollens angekommen: erstens weil das unbewusste Wollen uns immer wieder aufwühlt, zweitens weil der Akt des Fragens zu etwas Aufgewühltem führt. Es ist wie mit einem Acker: Um neues Leben zu ermöglichen, muss er aufgewühlt werden.

Das innere und äußere Lauschen könnte also gleichzeitig in zwei Richtungen gehen: ich lausche auf „Etwas“ (eine zarte Stimmung in mir, das Singen einer Amsel beim Sonnenuntergang) und versuche mich so in meine Ohren hinein zu begeben, dass ich wirklich bei und mit und in diesem „Etwas“ bin. Um dies zu erreichen, muss ich mich irgendwie in etwas „Fremdem“ (was allerdings vielleicht gar nicht so fremd ist) verlieren. Und ich bewege mich gleichzeitig nach innen, zu diesem Ort, wo ich bei und mit und in mir bin, wo mein „sanfter Wille“ (Georg Kühlewind) sich bemerkbar macht.

Der vollkommene Akt des Zuhörens bedeutet so gesehen zweierlei: ich schlafe in „Etwas“ ein (verliere mich) und wache in einer Frage auf (finde mich wieder), die schon vorher meine unbewusste Frage war, im Aufwachen aber zur bewussten Frage wird. Wenn es zum Beispiel um das bezaubernde Singen einer Amsel geht, fällt mit sofort ein, was meine lebenslange Frage beinhaltet: Was macht die passionierte Mischung von Melancholie, Vertrauen und Dankbarkeit aus, diese herzzerreißende Hingabe zum Abschied? Und ich weiß, warum ich meine Freunde und Verwandten nicht gerne zum Bahnsteig begleite: Mit dieser leidenschaftlichen Art des Abschieds tue ich mich immer schwer. Ich sage lieber einfach: Tschüs!

Mit welcher Frage lebe ich aber in diesen heiligen Nächten? Ich sitze gerade in meiner Küche, schreibe diesen Text und höre auf Johann Sebastian Bachs „Wohltemperiertes Klavier“. Ich weiß nie, ob ich Bach hasse oder liebe, auf jeden Fall berührt er mich immer wieder. Und meine Frage ist auf einmal klar: Ich möchte so schreiben und leben, wie er Musik gemacht hat. Die unendlichen und vielseitigen Motive des Lebens trotz aller Dissonanzen transparent machen, das ist das, wonach ich mich heute sehne, da liegt meine Frage, das ist das, was ich will. Ich danke meinen Leserinnen und Lesern für diese schöne Wendung und hätte noch die Frage: was wollt ihr?

25.12.2010

In den zwölf heiligen Nächten. Die Entzündung einer Kultur des Herzens

In den zwölf heiligen Nächten, so besagt die Tradition, öffnen sich die Türen zur geistigen Welt. Die Schwelle zwischen Himmel und Erde, so heißt es, wird durchlässig. In der Verinnerlichung, die mit Weihnachten einher geht, wird ein gesteigerter Dialog zwischen mir und Mir, zwischen dir und Dir und – würde ich sagen – zwischen Dir und Mir möglich. Und weil es sich um einen geistigen Dialog handelt, der über die üblichen Erkenntnisse hinaus geht, steht die Tätigkeit des Lauschens an.

Lauschen gehört zu den schönsten Wörtern der deutschen Sprache. Lauschen ist eine Sache der Ohren, diese wunderbaren und eleganten Wölbungen an unseren Häuptern, die sanft das greifen, was eigentlich nicht zu ergreifen ist. Wenn man versucht die Laute des Wortes zu „schmecken“ – Wörter zu schmecken ist eine poetische Haute Cuisine – gerät man innerlich spontan in eine Bewegung, die irgendetwas mit schleifen und rauschen und tasten und auch mit fangen zu tun hat – einem Fangen allerdings, das eher passiv funktioniert, so, als ob es gelänge, Schmetterlinge dazu zu verführen, freiwillig ins Netz zu flattern.

Lauschen ist eine ganz leise und ganz zarte Implosion. Die Ohrmuscheln wölben sich nach außen, werden von Klängen berührt, die sie in sich aufnehmen und nach innen leiten, man könnte vielleicht besser sagen: nach innen begleiten, und dort – wo ich bei Mir bin – eine neue Form anbieten, eine wesentliche Existenz. Rainer Maria Rilke dichtete: „Da stieg ein Baum. O reine Übersteigung!/ O Orpheus singt! O hoher Baum im Ohr!/ Und alles schwieg. Doch selbst in der Verschweigung/ ging neuer Anfang, Wink und Wandlung vor.“

Im Lauschen werden wir still. Wir hören auf das, was im Kommen ist, was Anfang, Wink und Wandlung bedeutet, was geboren werden will und unser Lauschen braucht, um in der Gegenwart ankommen zu können. Ohne stilles Lauschen - keine Geburt. Das Bild ist uns ja vertraut: man setzt sich bei einer Kerze nieder, wird still wie die sanft flackernde Flamme, und lauscht... Und im Lauschen gelangt man in sich selber an eine Schwelle, wie im Winterwald: schüchtern wagen sich Rehe aus dem Dunkel auf die Lichtung.

Es geht beim Lauschen nicht um klare Gedanken, sondern um Gefühle, die wir manchmal ein bisschen unbeholfen mit Ahnungen, Sehnsüchten und Träumen gleichsetzten. Eigentlich müssen wir allerdings einräumen, dass uns die richtigen Worte fehlen. Die Stimmungen, die an der Schwelle zur geistigen Welt auf uns zu kommen, sind eher als Gestalten zu verstehen, mit denen man „sprechen“ kann – ein Sprechen, das eigentlich ein gegenseitiges Lauschen bedeutet. Gefühle – nicht Emotionen sind hier gemeint – sind tatsächlich wie Rehe: sie haben eine eigene Gestalt, einen eigenen Willen, eine eigene Domain.

In den heiligen Nächten geht es also um Natalität, um das ständige und meistens unbewusste Geschehen in uns, das uns leise nach vorne bringt. In den ersten heiligen Nächten bieten sich die Ahnungen und Sehnsüchte an, die uns berühren und verführen, dann folgen die Vorsätze, die wie Navigationsinstrumente im Reich-des-im-Kommen-Seins wirken: ein Vorsatz ist genau das, was das Wort ausdrückt: ein Vor-Satz, man kann sich immer statt nach links doch noch nach rechts bewegen. Und wenn die heiligen Nächte durch den Jahreswechsel geschritten sind, taucht das Bedürfnis nach Entscheidungen auf. Die Gestaltung des kommenden Jahres beruht auf der Aktivierung dieser großen Drei: Sehnsucht, Vorsatz und Entscheidung.

Interessant: beim Lauschen werden Sehnsüchte, Ahnungen und Träume aktiv. Sie bekommen einen Raum, einen inneren Ort, in dem sie in Erscheinung treten können, in dem sie ihre eigene Geschichte erzählen können, eine Erzählung, die es nur gibt, wenn wir ihr lauschen. Erzählungen, die nicht gehört werden, gibt es nicht, (so wie es auch keine Texte gibt, die nicht gelesen werden). Wäre es nicht schön, die verborgenen Erzählungen der heiligen Nächte ins Licht zu heben? Mit unserem Versuch entzündet sich eine Kultur des Herzens.

20.12.2009

Die Kerze ist eine uralte Erfindung. Über das Immer-wieder-neu-geboren-Werden

Es ist ein Winternachmittag & es ist draußen dunkel. Ich sitze an meinem kleinen Küchentisch, entzünde eine Kerze & schaue darauf, was geschieht. Zunächst „geschehen“ meine Gedanken – sie kommen & gehen, ohne dazu eingeladen zu sein. Besonders erleuchtend sind sie aber nicht. Sie wiederholen zwanghaft das, was ich den ganzen Tag schon gedacht habe, nämlich, dass ich die Arbeit A noch zu erledigen habe, die Kollegin B unbedingt anrufen & endlich mal meinen Kühlschrank sauber machen sollte.

Ich verabschiede mich von meinen Gedanken. Sie scheinen heute Nachmittag nicht sehr aufdringlich zu sein, vielleicht sind sie müde & sehnen sich nach Ruhe. Ich denke noch: wo gehen die Gedanken eigentlich hin, wenn ich mich von ihnen verabschiede? Weil diese Frage eine Menge weitere Gedanken erzeugt, lasse ich auch sie los.

Und dann bin ich leer. Nun ja, leer ist vielleicht nicht das richtige Wort. Was übrig bleibt, wenn sich meine Gedanken zurück gezogen haben, ist eine leise Stimmung, ein farbiges Lispeln, ein stilles Vibrieren, das sich schwer beschreiben lässt. An dieser Stelle taucht wieder eine Frage auf, von der ich mich ebenfalls verabschieden will, die ich aber in diesem Text trotzdem in Worte fassen muss.

Die Frage lautet: was da nach meinen Gedanken erscheint, ist das mein Körper? Sind die Stimmungen & das Lispeln & das Vibrieren als Erscheinungen zu verstehen, die von meinem Körper ausgehen, abstrahlen und dann im Blickfeld meiner Aufmerksamkeit auftauchen? Oder müsste ich diesbezüglich eher sagen, dass ich es hier mit seelischen Erscheinungen zu tun habe, die nicht körperlicher Natur sind?

Über diese Frage habe ich schon öfters nachgedacht. Ich bin zu der Annahme gekommen, dass hier eine Mischung vorliegt, ein ineinander Spielen von organischen & rein seelischen Vorgängen, die aber aufeinander bezogen sind & gerade dadurch die Empfindung eines Innenraums erzeugen. Die Stimmung & das Lispeln & das Vibrieren vollzieht sich „in“ Etwas – und dieses Etwas ist noch am besten mit dem Begriff von Rainer Maria Rilke zu beschreiben: Innenraum.

Ich lasse diese Annahme also im Raum stehen – und ja: sie drängt sich nicht weiter auf, ich vermute, weil ich höflich bin – und schaue darauf, was weiter geschieht. Ich befinde mich also in einer Lage, die sich so beschreiben lässt: ich bin einerseits ein Beobachter & andererseits ein leerer Raum, der zwar eine Stimmung beinhaltet, trotzdem aber für das, was kommen will frei ist. Ich bin gleichzeitig ein Schauender & eine Schale.

Die Kerze brennt ruhig. Sie beleuchtet sanft die Wände meiner Küche, berührt die weißen Lilien am Fenster, hebt das braune Holz des Tisches hervor. Sie bringt Ruhe. Nach einer Weile aber merke ich, dass die kleine Flamme sich in mir fortsetzt, mich leise vereinnahmt & sich in meinem Innenraum versetzt und dort ausbreitet. Eigentlich kann ich nicht mehr sagen, dass sich die Kerze außerhalb von mir befindet – sie ist eine Erscheinung in mir geworden. Und sie beleuchtet innere Erscheinungen.

Was ist Feuer? Feuer ist eine physikalische Erscheinung geistiger Natur. Im Feuer zeigt sich der Geist auf eine fast unmittelbare Weise. Ich versuche nicht, mit meinem Finger die Flamme zu berühren – Kinder machen das gerne – weil mir klar ist, dass mein Körper den Geist nicht ertragen kann. Brennen bedeutet eine unmittelbare Berührung von Geist & Materie, ohne einen seelischen Puffer. Im Feuer verwandeln sich die Substanzen.

Die Kerze ist eine uralte & geheimnisvolle Erfindung. Das Wunderbare an einer Kerzenflamme ist, dass sie – solange sie nicht physisch berührt wird – genau dem Maß meiner Seele entspricht. Was mit einem Waldbrand oder eben einem Lagerfeuer normal gesprochen nicht geht, ist mit einer Kerze immer möglich, nämlich, dass ich mich seelisch gesprochen auf gleiche Augenhöhe mit dem Geist begeben kann. Ich kann das Licht & die Wärme einer Kerze verinnerlichen, ohne in eine Bedrängnis zu geraten.

In meinem Innenraum brennt also die Kerze. Ich schaue darauf was kommt & nach einer Weile stelle ich fest, dass sich ein lautloser & leiser Gesang in mir bemerkbar macht. Es ist, als ob es in mir, unsichtbar, wie verborgen in einem Keller, einen Chor gibt, der leichte & ernsthafte & heitere Töne und Klänge von sich gibt. Und wenn ich mich, was nur ein paar Minuten gelingt, frei & bedingungslos an den stillen Gesang übergebe, fühle ich mich getragen. Ich bin auf einmal nicht mehr ein Beobachter, sondern komme im Zustand des Schwebens zu mir selber.

In mir verschmelze ich mit mir. Und „in mir“ bedeutet auf einmal nicht nur „in mir“, sondern auch: „in der Welt“. Innenwelt & Außenwelt schieben sich ineinander. Und ich sage mir: dein Dasein beruht nicht auf gespürten Innerlichkeiten & gespürten Äußerlichkeiten - sie spiegeln dich nur - sondern auf einem direkten Gespür von dir in dir. Und ich weiß, dass ich unabhängig von meinem Körper & meiner Seele existiere. Ich fühle mich wie neu geboren.