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19.10.2009

„Menschen sind Fragmente aus der Zukunft“. Eine permanente Konferenz

Die Erkenntnis ist gleichzeitig sehr einfach & sehr kompliziert, sehr beruhigend & sehr verwirrend: was alles noch in der Welt geschehen wird, hängt davon ab, was individuelle Menschen heute tun oder lassen. Oder mit Orland Bishop: „I invite you to think that you are just as important to this world, as the sun is“. Und natürlich mit dem jungen deutschen Filmemacher Joshua Conens: „Diesen Satz habe ich verfilmt“!

Nicht die großen gesellschaftlichen Einrichtungen – Banken, politische Parteien, Kirchen, Unternehmen, Universitäten – bestimmen die Zukunft, sondern die Menschen (innerhalb oder außerhalb der Institute) bestimmen die Zukunft der Gesellschaft. Menschen können mächtig viel erreichen, auch wenn es erst einmal nicht so aussieht. Es ist wie mit einem Öltanker: der Steuermann dreht heute ein ganz winzig kleines bisschen am Rad & zehn Tage später erreicht er nicht Sidney, sondern Singapur.

Das Beispiel des Öltankers ist deswegen so hilfreich, weil es nur zur Hälfte stimmt. Was nämlich nicht passt, ist die einfache & komplizierte Tatsache, dass es in der Zukunft so etwas wie Sydney oder Singapur nicht gibt. Die Geographie der Zukunft ist noch berauschend unbekannt, kennt keine Kontinente oder Häfen oder Koordinaten. Singapur & Sydney sind ja noch nicht einmal Gegenwart, sondern Vergangenheit.

Die Zukunft kann man mit Konzepten nicht in den Griff kriegen. Die großen gesellschaftlichen Einrichtungen sind aber gerade ständig damit beschäftigt, die heutigen Ängste bis in die Zukunft hinein zu verlagern & die klugen Maßnahmen von heute dementsprechend zu extrapolieren. Die Zukunft wird als eine mengenmäßige Steigerung der Gegenwart verstanden & deswegen können manch einfache & komplizierte Gedanken nicht gedacht werden (zum Beispiel, dass die Arbeitslosigkeit auch damit zusammenhängt, dass Menschen ANDERS arbeiten wollen).

Offene Räume für Unerwartetes bieten Institute ganz wenig. Die aktuelle Wirklichkeit ist diesbezüglich haargenau umgekehrt: sofern es in den gesellschaftlichen Einrichtungen so etwas Zerbrechliches & Behutsames & Berauschendes wie Freiräume gibt, werden sie von individuellen Menschen immer wieder erobert & erkämpft & behütet. Manchmal sehen die Freiräume wie komische oder unpraktische oder träumerische oder sehnsüchtige „Orte“ aus, weil ja alles was nicht irgendwie in die Vergangenheit passt, lächerlich wirkt.

Sich innerlich frei & mutig & verliebt & existentiell auf die Zukunft einzulassen, sind Merkmale einer Kultur des Herzens. Auf der Website www.projektzeitung.org, wo eine Art Zeitung vorgestellt wird die viermal im Jahr erscheint, wird es so beschrieben: „Wo sind Menschen, die sich jenseits politischer Pragmatik Aufgaben in der Welt stellen – Menschen, die Lebensräume schaffen, die auf ihre unmittelbare Gegenwartserfahrung bauen?“

Und: „projekt.zeitung will Initiativen darstellen, Menschen ins Bild bringen und Fragen der Zeit vertiefen. Will anregen und Anknüpfungspunkte aufzeigen, Begegnungen stiften“. Und auch: „Junge Mitarbeiter erarbeiten Themen in offenen Redaktionstreffen. Sie hinterfragen Medien, schleifen Sprache, üben Kritik und Zuspruch. Permanente Konferenz, wo auch immer.“

In der neuesten Ausgabe von projekt.zeitung (Titel: „Menschenbilder“ – bitte sofort auf oben genannter Website bestellen!) werden unter der unpraktisch-sehnsüchtigen Behauptung „Menschen sind Fragmente aus der Zukunft“ etwa zwanzig junge Leute vorgestellt, die „auf ihre unmittelbare Gegenwartserfahrung bauen“. Oder genauso gut gesagt: die tun was sie wollen.

Menschenbilder bietet so richtig Text. So sagt Katharina Ludwig: „Ich laufe, ich bin in Bewegung, aber eigentlich kommt die Zukunft auf mich zu.“ Und Benjamin Kolass: „Jede menschliche Begegnung trägt in sich ein potentielles Projekt, im weitesten Sinne“. Und Florian Lück: „Alles das, was den Menschen vorformen will, soll herausgenommen werden, um Situationen zu schaffen, wo Menschen sich treffen können und etwas Neues entsteht.“

Lisei Caspers: „Die Menschen kann ich nicht verändern, aber ich kann Anlass zur Veränderung geben, ich stehe mit meinem eigenen Leben dafür.“ Und Adrian Wagner: „Mit Mercedes bauen ist es eben noch nicht getan, das reicht nicht. Unsere Sprache, Philosophie und Kultur ist nur so lebendig wie wir sie im Herzen tragen und damit in globalen Austausch treten“. Und Krimoun: „Ich hätte gern ´nen Plan, doch habe keinen. Hätte gerne Sicherheit, aber es gibt keine. Würde gern wissen, was ich tue und weiß überhaupt nichts.“

Und Friedel Reinhardt: „Unsere Zeit fordert, dass das Unsichtbare sichtbar werden kann“. Sie hat recht. Auf der unsichtbaren Ebene sind eine Menge „Projekte“ im Kommen: unsichtbare Schulen & Banken & Kigas & Tempel & Zeitungen & Öltanker, die zwar keine institutionelle Verkörperung suchen, das eben gerade nicht, irgendwie aber doch eine sprachliche – und damit soziale – Verankerung brauchen.

Das große Ringen liegt zurzeit in der Frage: wie können die unsichtbaren Projekte zur Sprache gebracht werden? An dieser Stelle ist der Dichter-in-uns gefragt, auch wenn man Erzieher oder Filmemacher oder Journalist oder Kaufmann ist.