Tastende Sätze. Über die Nähe zwischen zwei Menschen
Nähe bedeutet: nah sein. Wenn es allerdings um die Nähe zwischen zwei Menschen geht, ist damit nicht unbedingt ein räumliches Dicht-bei-einander-sein gemeint. Nähe kann es auch zwischen zwei Menschen geben, die geographisch oder eben zeitlich weit voneinander entfernt sind. Nähe ist ein innerer Zustand, der zwar stark von einer körperlichen Begegnung bestimmt sein kann, trotzdem darüber hinaus geht.
Mehr noch als an die Züge seines Gesichtes oder den Klang seiner Stimme, kann ich mich an die Nähe, die mein Großvater mütterlicherseits mir immer wieder entgegen brachte, erinnern. Eigentlich ist es an dieser Stelle auch nicht richtig von „erinnern“ zu sprechen, es ist eher so, dass die damals erlebte Nähe, noch immer in mir vorhanden ist, wie eine Stimmung, in die ich bis zum heutigen Tag eintreten kann. Und außerdem ist es nicht richtig zu sagen, dass mein Großvater mir diese Nähe entgegen gebracht hätte: Sie entstand zwischen uns, ging aus uns beiden hervor und lebte zwischen uns..
Durch dieses Gespür, das ich heute noch hervorrufen kann, lebt mein Großvater irgendwie noch immer weiter. Wäre ich ein Maler, könnte ich seine seelischen Farben hervorzaubern; und wäre ich ein Musiker, könnte ich seine Melodien spielen. Vor allem steigt sein Geruch – diese unbeschreibliche Mischung aus Schweiß, Atem, Tabak und ich weiß nicht was – in dieser Stimmung auf, wie aus einem alten Koffer, der geöffnet wird. Durch die Nähe lebt eine Vergangenheit bis in die Gegenwart weiter, aber nicht als Vorstellung, sondern als Gefühl.
Nähe ist ein Zustand, der bewahrt und trägt, in seinem Beginn und in seiner ersten Wirkung aber eine Öffnung hervorruft. Wenn mein Großvater mir etwas über die Rosen in seinem Garten erzählte und dabei seine Hand auf meinen Arm legte, war es, als ob seine Haut und meine Haut auf einmal nicht mehr Häute waren, keine abgrenzenden Flächen mehr, sondern sich in vibrierende Räumlichkeiten verwandelte und warme Zwischenräume erzeugte, in denen sich etwas von meinem Großvater und etwas von mir vermischte und EINE gespürte Wirklichkeit kreierte. Diese Nähe öffnet einen Raum zwischen zwei Menschen, „zwischen uns“, und ermöglicht Empfindungen, die ohne sie verschlossen bleiben.
Manchmal sind es körperliche Berührungen, die Nähe erzeugen. Das Urbild der Nähe ist vielleicht die Vorstellung einer Mutter mit ihrem Kind in den Armen. Das kleine Kind ist in der Wärme der Mutter aufgenommen, wird von ihren sanften Bewegungen und vertrauten Gerüchen umflutet, befindet sich in einer Art hautlosem Zustand, einer Fortsetzung der Gebärmutter außerhalb des mütterlichen Körpers. Die Erfahrung der Nähe ist für das kleine Kind allerdings noch eine unbewusste Angelegenheit – es bemerkt sie noch nicht bewusst, genauso, wie sich ein Fisch des Wassers in dem er schwimmt nicht bewusst ist.
Mit seiner wunderschönen Skulptur in der Kathedrale von Brügge zeigt Michelangelo eine Mutter (Maria), die ihr Kind (Jesus) bei seinen ersten Schritten-in-die-Welt begleitet. Das Kind ist von Armen und Beinen der Mutter noch umgeben, steht aber schon auf seinen eigenen Füßen und will sich in die Welt hinein begeben. Der Blick des Kindes richtet sich nach vorne, während die Mutter auf etwas Inneres in sich zu blicken scheint. Wenn man auf die Skulptur schaut, stellt man sich unwillkürlich die nächste Szene vor: das Kind hat sich von der Mutter losgelöst und ist frei von ihren Bestimmungen geworden. Was in der Skulptur meisterhaft sichtbar gemacht worden ist, ist allerdings die Kraft der Nähe. Man spürt: auch wenn die körperliche Berührung aufhört, bleibt die Nähe bestehen. Zwischen Mutter und Kind gibt es einen Innenraum, der tragen – nicht bestimmen – wird, egal was kommt.
Nähe kann auch ohne körperliche Berührung entstehen. Sie entsteht dann über Blicke die gewechselt, Worte die gesprochen und Gebärden die gemacht werden. Dieses rätselhafte Entstehen der Nähe findet immer wieder statt, unerwartet, unverhofft, überraschend... Ich erinnere mich beispielsweise an eine Begegnung mit einem Kaufmann in einem Restaurant in Chicago, der mich quasi nebenbei fragte, was ich denn in der knallharten Metropole zu suchen hätte. Als ich ihm sagte: „Ich bin ein Journalist aus Holland und habe morgen einen Termin mit dem Schriftsteller Saul Bellow“, schaute er mich an und sagte: „Bellow ist der geheime Schatz von Chicago!“. Wir redeten eine Stunde intensiv miteinander, flossen ineinander über wie zwei Wasserströme, und noch heute kann ich die Nähe zwischen uns, ausgelöst durch den Namen Saul Bellow, hervorrufen.
In Bezug auf die Nähe befinden wir uns in einer Verlegenheit. Wir wissen nicht so ganz genau, wie das Phänomen zu deuten ist, welchen Platz wir ihm in unserem Leben zu geben haben, wie eine Nähe nach außen zu repräsentieren wäre. Uns ist klar, dass die Nähe einen Schutz braucht – in der Öffentlichkeit verweht sie wie Weihrauch in einer Kirche mit offenen Türen und Fenstern. Wie sie aber gehandhabt und gepflegt, ja, wie sie letztendlich verstanden werden will, bleibt manchmal ein Rätsel. Um sie zu „erklären“ greifen wir oft auf rein physische Begriffe zurück und sagen dann zum Beispiel: „Zwischen uns gibt es eine besondere Chemie“. Wir merken dabei nicht, dass die Aussage einen Widerspruch beinhaltet, denn gerade chemische Beziehungen sind nie besonders, sondern immer vorhersehbar.
Nähe hat einen eigenen Willen, der zwar nicht zwingend ist und leicht negiert werden kann, sich aber sofort zeigt, wenn man ihn zulässt. So hat Nähe zum Beispiel den Willen zu einer Treue inne, die mit der fortgesetzten Zuwendung zu einer Person nicht gleichzusetzen ist, sondern sich auf den Zustand der Nähe selber bezieht. Nähe will nicht wieder komplett verschwinden, braucht an dieser Stelle aber Hilfe. Sie bietet die Möglichkeit zu einer Vertiefung und einer Verinnerlichung, die allerdings von Seiten der Betroffenen bewusst aufgegriffen werden muss. Man könnte diesbezüglich von einer Technik der Nähe sprechen, die eine Kunst ist.