28.09.2009

Die Waldorferzieherin (1). Eine klärende Vorbereitung

Dieser Text ist als eine Vorbereitung für einen weiteren Text zu verstehen. Nächste Woche werde ich versuchen zu beschreiben, was eine Waldorferzieherin sein muss, ich meine: welche Fähigkeiten sie haben sollte, um ihrer Aufgabe gerecht zu werden. Der Text von nächster Woche ist noch im Kommen – er wird eine Art Sprachübung sein, dass heißt, ein Versuch über Worte & Sätze & Redewendungen der Waldorferzieherin näher zu kommen.

Der Anlass meiner Übung liegt in einem Treffen von etwa zwanzig Menschen letzte Woche in Hannover begründet, die sich im Rahmen der Vereinigung der Waldorfkindergärten unter anderem mit der Frage beschäftigten: was soll eine staatlich anerkannte Erzieherin lernen um auch Waldorferzieherin zu sein? Die zuständigen Menschen kommen zweimal im Jahr zusammen & vertreten die Seminare für Waldorfpädagogik in Berlin, Dortmund, Dresden, Hamburg, Hannover, Köln, Mannheim, München, Rendsburg & Stuttgart.

Die Frage was eine staatlich anerkannte Erzieherin lernen sollte, um Waldorferzieherin zu werden, setzt voraus, dass es so etwas wie eine Waldorferzieherin gibt. Aus mehreren Gründen kann aber argumentiert werden, dass es so etwas gar nicht gibt & eben nicht geben kann. In der Lebenspraxis ist allerdings von einer Waldorferzieherin schon die Rede. Die Vorbereitung meiner Sprachübung besteht nun daraus, an dieser Stelle eine Unterscheidung zu machen.

Der Begriff Waldorferzieherin ist mit einer (eventuellen) beruflichen Definition nicht gleichzusetzen. Ein Beruf ist (philosophisch gesprochen) ein „Subjekt“, das auf einer gesellschaftlichen Abmachung beruht. Berufe gestalten sich im Spannungsfeld ZWISCHEN dem Selbst & gesellschaftlichen Vorgaben. Ein Selbst kann mit seinem Beruf nicht identisch sein, weil Subjekte zu beschränkt & fixiert sind, um die Fülle eines Selbstes zu umfassen.

Für manche Berufe sind Rechte & Pflichten in Gesetzen peinlich genau festgelegt. Wenn jemand von sich sagt: „Ich bin ein Arzt oder ein Rechtsanwalt oder ein Lehrer“ bedeutet das einfach, dass er die dementsprechende Ausbildung gemacht hat, offiziell anerkannt ist & sich an ganz bestimmte Regeln zu halten hat. Sich ohne diese gesellschaftliche Anerkennung als Arzt auszugeben, ist eben strafbar.

Mit manchen Berufen ist das anders. Ich darf mich zum Beispiel Künstler oder Journalist oder Entertainer oder Politiker nennen, ohne dementsprechende Papiere vorweisen zu müssen. Diese Berufe sind mehr oder weniger „frei“. Mit dem Beruf Erzieher ist es allerdings so gestellt, dass man schon eine staatliche Anerkennung braucht, um beruflich tätig zu werden.

Den Beruf Waldorferzieherin gibt es in diesem Sinne aber nicht. Das liegt letztendlich nicht nur daran, dass der Staat den Beruf nicht „genehmigt“ - nein, es hat erst einmal damit zu tun, dass die Gemeinschaft von Waldorfkindergärten diesbezüglich selber keine klare Aussage macht. (Solange Waldorfkindergärten Mitarbeiter ohne zusätzliche Waldorfausbildung anstellen, kann auch rein rechtlich gesprochen der Beruf Waldorferzieherin nicht existieren.)

Die Frage ist nun: macht es Sinn die Aufgaben & Fähigkeiten & Tätigkeiten der Waldorferzieherin zu definieren & zu fixieren? Um dort hinzukommen, wird aber ein transparentes „Berufsbild“ oder – klingt offenbar besser – ein „Berufsprofil“ gebraucht, das noch nicht existiert. Ein Berufsprofil kann allerdings nur auf einer Beschreibung des Begriffes der Waldorferzieherin beruhen. Bevor man sich bemüht ein Profil festzulegen, sollte man versuchen sich an den Begriff heranzutasten.

Die Argumentation der Menschen die sagen, dass es prinzipiell keine Waldorferzieherin geben kann, beruht auf der unverkennbaren Tatsache, dass es sich um eine spirituelle Tätigkeit handelt. Würden sie sich auf die Terminologie von Michel Foucault einlassen, könnten sie sagen: die Praxis einer Waldorferzieherin ist nicht nur eine Sache des Subjekts, sondern auch des Selbstes; und die Sachen des Selbstes lassen sich gesellschaftlich nicht „subjektivieren“.

Das gilt aber auch für Ärzte & Rechtsanwälte & Lehrer & Künstler & Entertainer & Politiker & (staatlich anerkannte) Erzieherinnen. Die implizite Behauptung, dass nur Waldorferzieherinnen geistig tätig sind, scheint mir grundfalsch zu sein. Die Frage kann nur sein: worin unterscheidet sich die Waldorferzieherin von anderen Erzieherinnen?

An dieser Stelle gibt es nur zwei Wege: Entweder wehrt man sich gegen jegliche Form von „Subjektivierung“, was aber bedeutet, dass die Gesellschaft zwangsläufig auseinanderfällt – man versteckt sich in der Sprachlosigkeit & kommuniziert nicht mehr mit seinen Zeitgenossen; oder man freundet sich mit dem Gedanken an, dass das Unmögliche zumindest halbwegs ermöglicht werden kann. Das letzte heißt: über die Sprache zu versuchen, die unsagbaren Sachen des Selbstes zu „suggerieren“. Im Grunde ist das eine literarisch-sprachliche Tätigkeit.

Bevor ein Berufsprofil entstehen kann, muss also erst eine Beziehung zum Begriff Waldorferzieher hergestellt werden. Über Begriffe sind in diesem Zusammenhang zwei entscheidende Bemerkungen zu machen: erstens, dass sie nicht in Worte zu fassen sind, (weil Wörter laut Owen Barfield eben keine Flaschen sind – darüber nächste Woche mehr) & zweitens, dass wir denkend & fühlend & wollend auf sie zugehen müssen, oder wie Johannes Stüttgen es immer so treffend sagt: Begriffe sind Bestimmungen.

Ich werde nächste Woche versuchen, mich auf den Begriff der Waldorferzieherin einzulassen. Es wird natürlich bei einer Annäherung bleiben – zu mehr bin ich nicht im Stande. Meine Hoffnung ist aber, dass auch andere auf diesem Weblog (man kann immer einen Kommentar schreiben) oder an anderen Stellen versuchen, eine Sprachübung zu machen. Denn ein Ding ist klar: ohne frische & tiefe & leichte & fröhliche & fragende & bestätigende & umwerfende & beruhigende Beschreibungen kommen wir diesbezüglich nicht vom Fleck.

Mit Dank an Sophie Pannitschka

21.09.2009

Das schmerzvolle Zusammensein mit den Genauigkeiten des Physischen

Oben in der Arbeiterwohnung, direkt unter dem Dach, hatte mein Großvater seine Werkstatt, die man über eine schmale & wackelige Leiter erreichte. Dort eingeladen zu werden, war ein Privileg; dort eine Stunde zu verweilen, ein Ereignis. Dort nahm mein Großvater Eisen & Kupfer & Zinn & Blei in seine Hände, schaute nachdenklich darauf & machte entschieden etwas daraus. Unter seinen traurigen Augen & in seinen rauen Händen wurden Rohstoffe in die Welt der eindeutigen Bedeutungen erhoben.

Die Werkstatt war klein. An den Wänden hingen Werkzeuge, auf einer Werkbank standen Gasbrenner & Amboss, in einer Ecke gab es Körbe mit Schrauben, Muttern, Stangen, Röhren, Bolzen – alles richtig kleine Sachen. Mein Großvater war auf klein eingerichtet & zwischen den Kleinigkeiten bewegte er sich geschmeidig wie eine Katze. Er verstand sich nicht als ein einfacher Handwerker, sondern eher als ein Erfinder, was sich daran zeigte, dass er immer einen dreiteiligen Anzug trug, auch in der Werkstatt.

Er rauchte ständig Zigarren. Über der Werkbank & den Werkzeugen & den Gegenständen-im-Entstehen schwebten Rauchwolken, die irgendwie unsichtbare höhere Ebenen repräsentierten, so, als ob mein Großvater mit seinen Augen in das rauchige Weben schaute & dort die Gegenstände fand, die er eine Etage tiefer mit seinen Händen konstruierte. Als ich Jahre später den Begriff „Alchemist“ kennen lernte, dachte ich sofort an meinen Großvater.

In seiner Werkstatt war mein Großvater sehr-sehr-sehr bei sich. Er war in seinen Anzug & seine Zigarre & seine Hände & die Gegenstände-im-Entstehen versunken. Auf mich – ich stand klein in einer Ecke & schaute mit angehaltenem Atem zu – achtete er gar nicht mehr; ich fühlte mich eher wie ein Bestandteil einer vergessenen Welt, die er als Umfeld seiner Konzentration unbemerkt erzeugte.

Zwei Jahre war er damit beschäftigt, eine Miniatur-Dampfmaschine zu bauen. Nein, ich weiß noch immer nicht, wie er das schaffte, aber es ist wahr: unter seinen Händen entstanden winzige Röhrchen & winzigen Hähnchen, die er auf einer Kupferplatte befestigte & die sich über elegante Kurven fortsetzten, bis zu einem Fässchen, wo Dampf raus kam. Und irgendwo in der Mitte wurden Rädchen in Bewegung gesetzt. Als die ganze Maschinerie nach sechs Monaten richtig funktionierte, schaute er immer wieder nachdenklich darauf & lächelte.

„Mal schauen“, sagte er einmal, „was du mit deinen Händen machen kannst.“ Er gab mir eine Handvoll zerbrechlicher Röhrchen aus Kupfer und dazu noch winzig kleine Verbindungsstücke, die so klein waren, dass man eigentlich eine Lupe brauchte, um sie richtig zu sehen. Sie lagen vor mir auf einer Holzplatte. „Mach´ mal einen schönen Kreis daraus“, lautete der Auftrag.

Aber ich schwitzte & schwitzte. Ich war hilflos & wusste nicht einmal, wie ich die fast unsichtbaren Gegenstände mit meinen Fingern anfassen sollte. Mir schienen sie unberührbar zu sein. Der Auftrag meines Großvaters brachte mich in einen Bereich, in dem ich nicht zu Hause war & auch nicht zu Hause sein wollte. Und mein Großvater sagte geduldig: „Du vergisst zwei wichtige Sachen: du atmest nicht ruhig & du schaust nicht hin. Du willst etwas tun, bevor du die Dinge wirklich gesehen hast. Deine Hände sind nicht mit deinen Augen verbunden.“

Und so ist es mein ganzes Leben geblieben: mich auf die Genauigkeiten des Physischen einzulassen, tut richtig weh. Physische Präzision erzeugt Schmerzen in meiner Seele. Es ist, als ob dazu eine Verlangsamung & Distanzierung benötigt wird, die sich für mich wie Sterben anfühlt. In dem Zusammensein mit den Genauigkeiten des Physischen scheine ich mich zu verlieren. Dass das offenbar nicht so sein MUSS, hat mir aber mein Großvater gezeigt.

15.09.2009

Wahrheit und Dichtung in der Biographie. Über Penner und Kapitäne

Im Seminar für Waldorfpädagogik in Köln sprach Henning Köhler letztes Wochenende über Aggressionen bei Kindern. Wir waren mit etwa fünfzig Leuten zusammen & hörten zu & mischten uns ein. (Warum ich Henning Köhler als Lehrer bewundere, habe ich schon einmal in einem Blog beschrieben. Er schafft es immer, die Philosophen in seinen Zuhörern wachzurufen, das heißt: er vermittelt nicht nur bestimmte Inhalte, sondern er weckt auf.)

Im Fluss seiner Ausführungen tauchte auf einmal ein Thema auf, dass mich schon länger beschäftigt. Henning Köhler erzählte von einem Jugendlichen, der seinen Vater gar nicht kannte & doch seinen Freunden immer wieder fröhlich mitteilte, dass dieser „Seekapitän“ sei & mit seinem Schiff über die Ozeane führe. Als eines Tages ein Treffen zwischen dem Vater & dem Jungen organisiert wurde, entpuppte der herumreisende Seekapitän sich lediglich als Penner.

Die beiden machten einen langen Spaziergang & sprachen miteinander. Als sie zurückkehrten, war der Junge glücklich. Der Vater verschwand wieder für immer & der Jugendliche sprach weiterhin fröhlich davon, dass sein Vater ein Seekapitän sei, der mit seinem Schiff über die Ozeane führe. Aus irgendeinem Grund schien er einen Penner als Vater nicht zu brauchen.

Der Vater war also gar kein Kapitän. Oder war er irgendwie doch ein Kapitän? Wenn es um die Tatsachen unserer Biographie geht, benehmen wir uns wie moderne Menschen, die meinen zu verstehen was Geschichte heißt. Wir verhalten uns nicht nur wie private Historiker, sondern gleichzeitig auch wie Quellen. Wenn ich sage, dass ich bei Arnhem geboren bin, wird mir das abgenommen – ich meine: niemand wird meine Aussage in Frage stellen.

Die Aussage, dass ich bei Arnhem geboren bin, beinhaltet aber eine interessante Spannung. Am liebsten sage ich eigentlich, dass ich in Gelderland geboren bin; und das stimmt durchaus auch, aber irgendwie auch wieder nicht. Ich bin nämlich in Doesburg geboren, einer Kleinstadt nicht weit von Arnhem, die in der niederländischen Provinz Gelderland liegt. Weil ich Doesburg ein-kleines-bisschen-eigentlich-nicht-so-sehr mag, Arnhem aber schon viel mehr & Gelderland so richtig liebe, bekenne ich mich gerne zu dieser Provinz.

Doesburg fühlt sich irgendwie wie ein dunkles Loch an, wo ich unbemerkt heraus gekrochen bin. Wenn ich aber an Gelderland denke, zeigt sich sofort eine sonnige Fülle: der Veluwe mit seinen endlosen Wäldern & Legenden & strahlend-offenen Sandhügeln, der Betuwe zwischen den Großmächten Rhein & Waal & Maas, der Achterhoek als „Hinter-Ecke“ - dort findet man uralte schlafende Dörfer, die sich nicht von weltlichen Ereignissen beeinflussen lassen.

Gelderland ist mein Kapitän & Doesburg mein Penner. Nun könnte-müsste-dürfte man an dieser Stelle die Frage stellen, ob ich nicht eigentlich die Neigung habe, meine Vergangenheit ein kleines bisschen zu verleugnen. Die Antwort lautet natürlich: „Ja“. Dieses „Ja“ heißt aber nicht, dass ich nicht sagen dürfte: ich bin „bei Arnhem“ oder eben „in Gelderland“ geboren. Die Gesetze, die für Reisepässe gelten, sind nicht unbedingt auch für Biographien zuständig. Und ich verstehe das auch: wenn ein Beamter mich fragt, wo ich geboren bin, sage ich einfach: „Doesburg“ (und sofort füge ich hinzu: „Nein, nicht Duisburg! D-O-E-S-B-U-R-G, das gibt’s ja auch, liegt allerdings in den Niederlanden!“)

Wir komponieren unser Leben nicht nur nach vorne in die Zukunft hinein, sondern auch rückwirkend bis in unsere Vergangenheit. Ständig sind wir damit beschäftigt, das was gewesen ist, neu zu benennen & eben neu zu gestalten. Man könnte diese konstruierende Tätigkeit auch ein Umlügen nennen – ein schönes Wort, womit die Sache sofort auf einen Punkt gebracht wird.

Wenn der Jugendliche behauptet, sein Vater wäre ein Seekapitän, lügt er dann? Auf der historischen & juristischen Ebene natürlich: „Ja“. Auf der legendarischen & poetischen Ebene aber: „Nein“. Die Frage an dieser Stelle kann nur sein: was macht seinen Vater-der-Penner zu einem Kapitän?

Was ist ein Penner? Ich weiß es immer noch nicht so genau. Mir scheinen Penner aber Menschen zu sein, die auf irgendeine Art & Weise sehr intensiv mit etwas ganz Bestimmtem beschäftigt sind. Wenn ich einen Penner sehe, denke ich immer: Herr, was ist deine Mission? Er wendet sich ab von mir & von allen & von allem & scheint sich auf gar nichts einzulassen. Innerlich aber scheint er sich auf unbekannte & ungreifbare & konfuse Koordinaten zu konzentrieren. Penner sind seelisch unterwegs. Sie machen Reisen, die ich nicht kenne & nicht verstehe – ja, irgendwie sind sie schon Seekapitäne.

(Und ach ja, natürlich, John. F. Kennedy damals: „Ich bin ein Berliner!“)

07.09.2009

"Der Rhein gehört zu meinem Leben". Über Basel, Köln und Amsterdam

Der Rhein ist ein komplexes System. Bei Schaffhausen & Basel & Freiburg bietet er die Vorstellung von reinem Willen an – dort braust & plätschert & springt sein Wasser. Ab Breisgau fängt er langsam an, sich selbst zu ergreifen & irgendwo hinter Mainz bereitet er sich auf den Zustand des Gleichgewichts vor. Kurz nach der Loreley kriegt der Rhein seine eigene Kurve & kreiert eine Ausgewogenheit, die in Köln vollständig ausgebildet ist. Ab Arnhem gerät der Rhein in die niederländische Diaspora: er wird langsamer & spaltet sich großzügig & verfeinert sich allmählich in tausend stille Fasern & ähnelt damit dem menschlichen Gehirn.

Der Rhein gehört zu meinem Leben. Ich habe seine kräftige Ruhe in Arnhem kennengelernt, der Stadt meiner Jugend. Dort habe ich gesehen, wie er gelassen an den Ruinen des zweiten Weltkrieges vorbei floss, so, als ob es sie nicht gäbe. Und beim Schloss Doorwerth habe ich seine Offenheit gesehen: er fließt da mächtig-aber-still unter dem Himmel um des Himmels Willen. Bei Arnhem scheint der Rhein sich in ein Sinnesorgan zu verwandeln.

Ich bin an seinem schönsten Seitenarm geboren, an der IJssel, bei Doesburg. Dort habe ich gelernt, wie man Hechte & Zander & Brachse fängt. Ich habe das Leben auf den Rheinkähnen beobachtet, diese tiefen Schiffe, die vollgeladen fast unter der Wasseroberfläche verschwinden, ohne zu sinken; die Menschen auf Deck schienen mir immer doppelt unterwegs zu sein: von Arnhem nach Kampen oder umgekehrt & weg von den überschlagenden Wellen an Bord, hin zu den trockenen Kajüten.

Und in den Jahren, in denen ich in Zutphen lebte, habe ich die Sprache des Rheins gehört. So horizontal er sich auch benahm, so vertikal war seine Sprache ausgerichtet. Er hörte immer auf die Wolken & den Himmel & den Wind & die Möwen, die in einem Vierklang sagten: bei uns hier oben bewegt sich etwas, das sich gerne in dir, du schlafender Einwohner von Zutphen, fortbewegen möchte.

Auf dem IJsselmeer, wo sich ein Viertel des Rheinwassers sammelt, bin ich mit kleinen Schiffen gesegelt & habe verstanden, wie man sich mit dem Wind & den Wasserströmen unterhält. Sehen & Hören werden dort eins. Auf dem Binnenmeer bin ich auch dem Wikinger Olof begegnet, der in einen wilden Sturm geraten war & verzweifelt Christus versprach eine Kapelle zu bauen, falls er überleben würde. Er überlebte & stiftete Amsterdam & Amsterdam & die Olofkapelle gibt es noch immer.

In den Grachten von Amsterdam habe ich gesehen, wie das Wasser des Rheins in eine nachdenkliche Stille versetzt wird. Zwanzig Jahre in Amsterdam zu leben, heißt auch: sich bemerkt oder unbemerkt der spiegelnden & verwandelnden Einkehr des Wassers aus Deutschland zu widmen. Vor allem an den herbstlichen Abenden, zwischen fünf und sieben Uhr, schimmert ein Hauch von Gold im ruhenden Wasser – als ob etwas von unten aus der Erde nach oben glüht & sich sichtbar-unsichtbar zeigt.

Rembrandt Harmensz. van Rijn hat dieses goldene Flimmern wohl gesehen; und der große niederländische Dichter Joost van den Vondel – er lebte auch in Amsterdam, wurde aber in Köln geboren – hat es wohl gehört. In seinen Gedichten spricht oft die melancholisch-goldene Abschiedsstimmung des Rheins, die dadurch entsteht, weil die Menschen das Wasser für eine Weile künstlich zurückhalten, bevor es sich in den Atlantik verliert. Joost van den Vondel nahm nur das Leben ernst, das vom Tod berührt war.

Nicht umsonst wird von Amsterdam gesagt: die Stadt ist andauernd im Versinken.

Letzten Endes habe ich in Köln den Rhein als Herz kennen gelernt. Irgendwo zwischen der Loreley und Köln scheint der Rhein in sich selbst aufgehoben zu werden & seine Mitte zu finden. Sein Stauen & Klopfen & Fließen wird kräftig-aber-gehalten, als ob er eigentlich nichts mehr tun muss, um zu sein was er ist: Rhein. Um zu sich zu kommen, braucht er sich nicht impulsiv nach vorne zu drängen oder sich nachdenklich zu erinnern was er mal war.

31.08.2009

Die Schweine in Pamplona Alta. Über eine Gemeinschaft

In den Jahren, als ich immer wieder nach Lima geflogen bin, arbeitete die herrlich schreckliche Metropole an mir. Ich erinnere mich an die Schweine im Armenviertel von Pamplona Alta. Über dem ganzen Viertel hing ein Gestank, der sich tief in meinen Körper hinein bohrte & dazu führte, dass ich mich verschloss. Ich zog mich weit in mich zurück & konnte nur noch distanziert hinschauen.

Unter Strohdächern & Plastikfolien & Blechplatten, die über mehr als zehntausend Quadratmeter mit wackeligen Pfählen mehr oder wenig hoch gehalten werden, wurden hunderte von Schweinen gezüchtet. Der matschige Boden bestand aus Pisse & Scheiße; hier und da rotteten unbeachtet Schweinkadaver; Millionen von Fliegen bildeten Wolken, die auf die wenigen Stellen, auf die ein bisschen Sonnenlicht fiel, Schatten warfen. Zwischen den Schweinen gingen schweigende Männer barfuß herum, die mit Stöcken eine gewisse Ordnung bewahrten.

Wie wird man mit solchen Bildern fertig? Über die Empörung hinaus öffnete die Vorstellung einen hellen Raum in mir, in dem Totenstille herrschte. Dort standen Wahrheiten-ohne-Schatten, aufgebahrt wie regungslose Skulpturen unter senkrechtem Licht: die Grausamkeit des Instrumentalisierens der Tiere & die Notwendigkeit des Überlebens der Menschen & die Sinnlosigkeit der moralischen Urteile & das verzweifelte Verneinen von Bedeutungen & die unbegründete Hoffnung auf Humanität.

Licht ist manchmal hart. Kaltes Licht-von-oben treibt die Wahrheiten auseinander. Kaltes Licht tötet die Berührung & Beziehung & Verwandlung. (Meinte Friedrich Nietzsche nicht: das kalte Licht-der-Wahrheit zerstört Freundschaften?) Das kalte Licht hat eine düstere Quelle, die weit entfernt von uns seine Heimat hat, dort, wo die Sterne sich von uns wegbewegen, bis in ein Nichts, das noch nie berührt wurde & sich mit dem ständigen Näherkommen der Himmelskörper weiter zurückzieht & rückwärts ausweitet & den Raum-des-Nichts exponentiell vergrößert.

Die dunkle Gemeinschaft von Schweinen & Männern in Pamplona Alta ist ein Loch in der Menschlichkeit. Wenn ich drauf schaue, weiß ich nicht einmal, was ich sehe. Die Bilder-in-mir werden wie gefroren kaltgestellt & fixiert aufbewahrt in einem Raum, den ich nicht betreten kann. Und durch Frostfenster blicke ich dort hinein & beruhige mich dadurch, dass ich mir sage: die Schweine & Männer in Pamplona Alta sollte es nicht geben.

Was es aber auch gibt ist: ein warmes Licht, das die Wahrheiten verfließen lässt & entlarvt & ihnen ihren Stachel nimmt & noch bevor sie uns erreichen in Träume & Legenden & Nachrichten verwandelt. Die Quelle dieses Lichtes ist die Sonne. (In diesem Licht ist irgendwann einmal die Philosophie geboren worden, diese merkwürdige & paradoxe menschliche Tätigkeit, die zur Empfindung von Klarheit führen sollte. Geboren am Mittelmeer, groß geworden in dem großflächigen Land der Franken & ohnmächtig geworden auf der Insel mit der weiten Aussicht auf den unergründlich singenden Atlantik, weiß sie nicht mehr, was sie bringen darf: Wärme oder Kälte.)

In diesem sterbenden Licht steht mein Begleiter August. Er hebt seinen Kopf über die Philosophie hinaus, steigert seine Gedanken bis ins Poetische & berührt immer wieder mein Herz. Er sagt, was ich nicht denken kann. Über die Schweine & die Fliegen & die Scheiße & die Männer & die Salsa-Musik in Lima sagt er:

„Jelle, du hast recht, es ist eine Gemeinschaft. Auch wenn du es nicht denken kannst: die Tiere & die Menschen bilden dort eine gemeinsame Welt. In der Dumpfheit suchen sie eine Beziehung zu einander. Unter den Strohdächern & Plastikfolien & Blechplatten vermischen sich das Elend der Menschen & das Elend der Schweine.“

Und: „Verstehe dich bitte nicht als einen zufälligen Passanten, der mit der Schweinerei nichts zu tun hat. Du warst doch da? Du hast es doch gesehen? Du bist also voll beteiligt. Aus dem einfachen Grund, weil die Schweine & die Männer & die Schatten der Fliegen in dir herumgehen - du würdest sagen: in deinen Erinnerungen - bist du ein Mitglied dieser dunklen Gesellschaft geworden.“

Mit Dank an Sophie Pannitschka

26.08.2009

Von Vergangenem

Ich falle zurück
in die alte Sprache
der Sänger
des alten Glücks.

Mir sind die alten
Klänge genug,
die alten Träume
auch, sie blühten.

Die Wüste heiße ich
willkommen, denn Dürre
in alten Geschichten
verhieß Wachstum.

Ich preise den Fluss
und die Ufer,
denn einst waren sie
Übergang.

Ich zeichne den Berg
voll und ganz
denn hoch stand er
einst lachend.

Der letzte Friede
ist im Mond
der weint. Sein Schicksal
trägt den alten Namen

von Vergangenem.

(Zweite Fassung)
Übersetzt von Peer und Andrea. 23.08.2009

24.08.2009

Von Was ist vergangen

Ich falle zurück
in die alte Sprache
der Sänger
des alten Glücks.

Mir sind die alten
Klänge genug,
die alten Träume
auch, die blühten.

Die Wüste heisse ich
willkommen, denn Dürre
in alten Geschichten
verhiess Wachstum.

Ich preise den Fluss
und die Ufer,
denn einst waren sie
Übergang.

Ich zeichne den Berg
voll und ganz,
denn hoch stand er
einst lachend.

Der letzte Friede
ist im Mond
der heult. Sein Schicksal
trägt den alten Namen

von Was ist vergangen.

Übersetzt Peer und Andrea. 23.08.2009

23.08.2009

Van wat is vergaan

Ik val terug
in de oude taal
van de zangers
van oud geluk.

Mij zijn de oude
klanken genoeg,
de oude dromen
ook, die bloeiden.

De woestijn heet ik
welkom, want droogte
in oude verhalen
betekende groei.

Ik prijs de rivier
en de oevers,
want ooit waren zij
overgang.

Ik teken de berg
ten voeten uit,
want hoog stond hij
eens te lachen.

De laatste vrede
is in de maan
die huilt. Haar lot
draagt de oude naam

van wat is vergaan.

17.08.2009

August und Merel. Über ein Loch, Melancholie und Licht

August habe ich kennengelernt, als ich vor einigen Jahren im Krankenhaus war. Es war Hochsommer, die Stadt um mich herum badete in Licht & Wärme, und ich hatte gerade einen Herzinfarkt erlitten. Ich war ganz & gar nicht draußen, sondern bei mir, sehr nahe bei mir, irgendwie bei einem schwarzen Loch in mir, das sich in meiner Brust befand. Mein Herz, so meinte ich, war zerbrochen – und was sich offenbarte, war eine Öffnung in die Dunkelheit.

Ich starrte ins Schwarze. Das Loch schien mich einzuladen, es sagte: „Ich bin eine Grube, bitte fahre in mich ein“. Ich wollte das aber nicht, weil ich irgendwie spürte, dass ich mich in der Dunkelheit verlieren würde – das Loch schien mir bodenlos zu sein, ohne Treppen oder Durchgänge oder Rastplätze. Hinter dem Loch, befürchtete ich, gab es nur noch das Nichts.

Das Loch übermittelte mir gnadenlos eine schlechte Nachricht: „Du hast nicht richtig gelebt & du bist deswegen selber schuld.“ Doch gab es noch etwas. Ganz tief unten, wo meine Füße standen, herrschte sanft & kaum bemerkbar eine merkwürdige Stimmung, eine Art Sehnsucht, die sich am besten mit den Wörtern bitter & süß beschreiben lässt. Irgendetwas in mir & bei mir & neben mir verbreitete ein bitter-süßes Verlangen, das wie eine leise Bejahung wirkte, eine Verführung ins Nichts.

Als ich nach Tagen & Tagen endlich auf diese Stimmung da ganz unten schaute, sah ich eine kleine schwarze Gestalt, die genauso gut ein Vogel hätte sein können, weil sie sich wie ein lebendiger Haufen glatter Federn anfühlte. Und weil sie außerdem auch einen Schnabel hatte, der orange war, schien die Gestalt mir eine Amsel, oder mindestens mit dem bitter-süßen Singvogel verwandt zu sein.

In meiner Muttersprache heißt die Amsel „Merel“. Und Merel sagte: „Du hast mich erst nicht bemerkt, weil ich in deinem Schatten bin.“ Und ich meinte: „Ich habe gar keinen Schatten. Ich sehe nur ein schwarzes Loch.“ Und Merel: „Das Loch bist du. Warum hast du dich vom Sommerlicht abgewendet? Warum schaust du nur noch nach unten?“ Und ich: „Tue ich das?“ Merel: „Das Licht ist hinter dir. Bitte, drehe dich um!“

Als ich mich umdrehte, stand da groß & weit & blendend eine lächelnde Gestalt, die alles was ich draußen gelassen & vergessen hatte, zusammenzog & verdichtete & mir großzügig präsentierte. Und weil ich mir sicher war, dass die Gestalt ein Sommerwesen war, nannte ich sie „August“.

Seitdem lasse ich mich von August begleiten. Mittlerweile weiß ich, dass er viele Gesichter hat. In gewissem Sinne ist er sehr bescheiden & manchmal sogar fahrlässig, weil er sich nur einmischt, wenn ich nachdrücklich darum bitte. Er meldet sich nie von sich aus & ohne meinen Willen würde er quasi nicht existieren. Auch wenn das Loch sich in mir ausbreitet & ich dringend seine Hilfe brauche, bleibt er auf Distanz.

Wenn ich aber etwas von August erbitte, steht er sofort zur Verfügung & schenkt mir aus seiner Fülle immer wieder sommerliche Einblicke in das Leben, in die Welt, in mich. Seine mächtige Perspektive hat eine ganz bestimmte Qualität: er befindet sich immer in dem wunderbaren Übergang zwischen Blühen und zur Fruchtbildung neigen. Egal was ist, sein Blick sieht strahlende Blumen (immer mit einigen summenden Hummeln drum herum) & in den Blumen sieht er den Ansatz für die Samenbildung.

In der Neigung von der Blüten- zur Fruchtbildung wirkt ein Hauch Melancholie, ein „Herr, es ist Zeit, der Sommer war sehr groß!“ Im Vordergrund steht aber immer das große Vertrauen in Vorgänge, Ereignisse, Abläufe. August braucht eigentlich fast gar nichts, um gerade in der Neigung zum Abschied einen neuen Anfang zu erleben. So etwas Absolutes wie „aufhören“ & „verschwinden“ & „nichts“ gibt es in seinem Blick nicht. August sieht nur „alles“.

Die Frage wie & wo & warum August existiert, finde ich mühselig. Weil ich gerne Dichter bin, bleibe ich bei der einfachen Antwort, dass er meine literarische Schöpfung ist. Ich habe zwar nichts dagegen, ihn einen Engel zu nennen, bin mir aber nicht so sicher, ob dadurch nicht nur Missverständnisse erzeugt werden. Ich habe August einmal gefragt, ob er ein Engel wäre – er antwortete lachend: „Natürlich, natürlich, wenn du das magst! Bitte!“

03.08.2009

Die Verlangsamung zur Freiheit. Über die Lage der SPD

Mir ist nicht klar, worauf die SPD zusteuert. Irgendwie scheint der Begriff der Solidarität im Denken der Sozialdemokraten noch immer wichtig zu sein – unklar ist aber (geworden), wen die Solidarität betrifft. Die Arbeiter? Die Arbeitslosen? Die Armen? Die Schwächeren? Oder einfach die Bürger? Was der SPD fehlt, ist eine Vorstellung davon, welche Probleme die Menschen im Moment eigentlich haben.

In einem Papier, geschrieben für die „Grundwertekommission“ der SPD, schreiben Hans-Peter Bartels, Johann Strasser & Wolfgang Merkel, dass die Freiheit bedroht wird. Sie sehen in den aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen eine direkte Bedrohung der bürgerlichen Freiheit. Nun darf es erst einmal eine Überraschung sein, dass gerade die Sozialdemokraten sich um die Freiheit kümmern – wäre das nicht eher ein Thema der FDP?

Wenn man den Text der drei Autoren liest, wird aber verständlich was gemeint ist. Das Papier geht über die üblichen Missverständnisse in Bezug auf die Frage der Freiheit hinaus. Ein Zitat: „Auch für Sozialdemokraten gilt: Der Referenzpunkt der Freiheit ist das Individuum. Das Individuum muss sich selbst als moralisches Subjekt, als eigenen Autor seines Lebens erkennen können. Dies erfordert eine Liste substantieller Freiheiten“. (Mit „substantiellen Freiheiten“ ist ein Begriff von Amartya Sen gemeint.)

Die drei Sozialdemokraten sehen die Bedrohung der Freiheit in einem Arbeitsethos, der in unserer Kultur in den letzten Jahrzehnten schleichend überhandgenommen hat. Noch ein Zitat: „Der Haken an der schönen neuen Arbeitswelt in der sogenannten Wissensökonomie, ist der Zwang zur Internalisierung ökonomischer Prinzipien und Herrschaftsstrukturen, ist die Tendenz zur Selbstüberforderung und zur Selbstinstrumentalisierung der Arbeitenden“.

Und: „Es ist der immense Druck, unter den die Arbeitenden geraten, wenn sie den objektivierten Kriterien größtmöglicher Effizienz in einem System universeller Konkurrenz genügen müssen. Ein Druck, der oft an die anderen im Team weitergegeben wird und nicht selten dazu führt, dass die weniger Leistungsfähigen gemobbt und am Ende hinausgemobbt werden“. Man könnte es auch einfach so sagen: „Immer Leistung, Leistung, Leistung... Macht das noch Spaß?“

Diese Analyse ist richtig. Eine sehr effektive Art und Weise den (freien) Geist zu töten ist, die Leute müde & leer & blass zu machen. Der offensichtlich selbst gewollte Arbeitsdruck führt dazu, dass die Beteiligten keine innere Beziehung mehr zu den Aufgaben haben. Und ohne innere Beziehung, keine Freiheit. Mit Michel Foucault muss man tatsächlich sagen: die Herrschaftsstrukturen sind internalisiert, das heißt: niemand außer mir hat noch die Verantwortung. Das berufliche Subjekt knechtet das Selbst.

Die SPD hat diesbezüglich ein Problem. Mir scheint der Chef Franz Müntefering den Inbegriff der Tüchtigkeit & des Anpackens & des Peitschens zu repräsentieren. Er scheint eben noch kräftiger als Guido Westerwelle sagen zu wollen: wir legen noch eines drauf! Was aus seiner Sicht ganz und gar nicht geschehen darf, ist, dass die politische Führung der SPD etwas wie Schwächen & Verunsicherungen & Intelligenz zeigt.

In seinem Schatten steht der Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier. Er ist wahrscheinlich ein ganz guter Administrator & intelligent & zu höflich, um Angela Merkel mit ihren Schattenseiten zu konfrontieren. Auf mich wirkt Steinmeier so, als ob er für das harte politische Handwerk zu nett wäre.

Weil ich Holländer bin, darf ich in Deutschland leider nicht wählen. Ich würde aber bestimmt einen Steinmeier wählen wollen, der offen & frei & lächelnd von seinen netten Unsicherheiten spricht. Ich wünschte mir eine SPD, die auf die drei genannten Sozialdemokraten hört & von Verlangsamung zur Freiheit redet. Damit wäre auf der politischen Ebene endlich endlich endlich das richtige Thema angesprochen. Steinmeier müsste sich dazu erst von Müntefering befreien. Aber dazu ist er wahrscheinlich zu nett.

27.07.2009

Ikonen kann man nicht berühren. Über Gegenstände

In seinen Duineser Elegien schreibt Rainer Maria Rilke: “Erde, ist es nicht dies, was du willst: unsichtbar/ in uns erstehn – Ist es dein Traum nicht, / einmal unsichtbar zu sein? – Erde! Unsichtbar!/ Was, wenn Verwandlung nicht, ist dein drängender Auftrag?“ Diese Sätze beinhalten meines Erachtens eine der stärksten Imaginationen aus der Dichtung des zwanzigsten Jahrhunderts.

Ich verstehe Imaginationen als Bilder, die eine Wirkung erzeugen, die über das rationale Verstehen hinaus gehen. In Imaginationen wird eine umfassende Wahrheit verspürt, die in ihren Einzelheiten noch nicht durchschaut werden kann. Bevor unsere Köpfe mitmachen, werden unseren Herzen durch Imaginationen erfasst.

Das Bild von Rilke in seinen Elegien ist groß & weit & tief. Gesprochen wird von einer Erde, die etwas will, nämlich “unsichtbar in uns erstehn”. Die Erde scheint auf die Menschen zu warten, bis sie ihre Aufgabe verstanden haben – der Dichter hat aber offensichtlich schon begriffen, was von ihm verlangt wird: “Erde, du liebe, ich will” schreibt er noch, und: “Überzähliges Dasein entspringt mir im Herzen”.

Der Dichter der Elegien versteht sich als Geliebter der Erde. Er geht eine Beziehung an, die von der Erde gesucht wird. Er akzeptiert ein stilles-aber-leidenschaftliches Angebot. Anders gesagt: die Erde braucht “uns” um ihren “drängenden Auftrag” zu erfüllen – ohne die Herzen der Menschen ist für sie keine Verwandlung möglich. Und der Dichter stellt sein Herz zur Verfügung.

Was mich in dieser Imagination immer wieder trifft, ist die Tatsache, dass die Erde und die Menschen getrennt sind. Die Menschen sind nicht Erde. Groß & weit & tief ist die Vorstellung, dass die Menschen zwar auf der Erde verweilen, allerdings nicht zu ihr gehören. Die Menschen haben etwas, was die Erde nicht hat. Und gerade weil dies so ist, bekommt die Beziehung eine umwerfende Bedeutung.

Die Erde will also „unsichtbar“ werden. Was kann damit gemeint sein? Unsichtbar kann nur werden, was sichtbar ist. Rilke spricht also von einer Welt die wir mit unseren Augen wahrnehmen, das sind: Bäume & Tiere & Städte & Fahrräder & Skulpturen & Landschaften & Ikonen & Steine & Gesichter... Er meint, dass in diesen sichtbaren Gegenständen ein Drang lebt oder wirkt oder schlummert „unsichtbar“ zu werden.

Wenn unsichtbar „nicht sichtbar“ heißt – bedeutet dies zwei Dinge: erstens, dass die Gegenstände auf der sichtbaren Ebene aufhören zu „sein“. Man könnte an dieser Stelle auch sagen: die Dinge müssen sterben. Ich kenne nur eine Sichtweise, die besagt, dass die Erde tatsächlich einmal sterben wird, nämlich die esoterische.

Zweitens bedeutet es, dass die Gegenstände in einer unsichtbaren Form weiter existieren. Auch diese Vorstellung findet man in esoterischen Betrachtungen. In esoterischen Fachbegriffen formuliert: die heutige Erde wird vergehen & in einer neuen „ätherischen“ Gestalt wieder neu geboren werden. In der esoterischen Literatur wird diese neue Erde „Jupiter“ genannt.

Nun ist die Vorstellung, dass die gegenständliche Erde sich im Verschwinden befindet, vielleicht verrückt – tatsächlich aber ansatzweise öfters durch ernst zu nehmende Philosophen gedacht. Martin Heidegger zum Beispiel kommt in seinen Texten manchmal fast dazu zu sagen: Gegenstände existieren eigentlich nicht.

Er meint damit, dass es das Bewusstsein der Menschen ist, das bestimmt ob etwas als ein Gegenstand „anerkannt“ wird oder nicht. Dazu kommt noch, dass unterschiedliche Menschen unterschiedliche Vorstellungen von einem konkreten Gegenstand haben. Eben einfache Gegenstände wie Messer & Löffel & Gabeln schwimmen in den unterschiedlichsten Vorstellungen der Menschen.

Und da fängt die Unsichtbarkeit schon an. Die Handgreiflichkeit der Dinge ist nicht identisch mit der Gegenständlichkeit der Dinge. Ob ein Ding ein Gegenstand ist oder nicht, hängt nicht davon ab, ob ich das Ding berühren kann oder nicht. Stärker noch: gerade die Unberührbarkeit der Dinge macht oft ihre Bedeutung aus. Auch wenn man mit seinem Finger die Farbe betastet, kann man nicht behaupten: ich habe eine Ikone berührt.

Mit Dank an Sophie Pannitschka

20.07.2009

„Jonas und die Kinder der Mühle“. Eine Erzählung von Jessica

Jonas lebte ganz alleine, weil seine Eltern schon früh gestorben waren. Er fühlte sich oft einsam. An einem wunderschönen Sommertag ging er alleine wandern. Er lief durch Wälder und Felder und über Wiesen. Er liebte die Natur.

Bis er zu einer alten aber hübschen Mühle kam. Er wunderte sich, da das Tor aufstand. „Merkwürdig“ dachte er „ das macht man doch nicht!“. Da er neugierig war, ging er rein und sah sich dort um. Es war ein prachtvoller Anblick für ihn, ein großer sehr gepflegter Garten, mit vielen schönen Blumen war dort. Es gab Hühner zu sehen, ein Bach und vieles mehr. Das Gebäude war mit alten schönen Steinen gebaut. „Früher mal war dies bestimmt eine Mühle, heute jedoch benutzte man diese bestimmt nicht mehr dafür“, dachte er . Aber nirgends war auch nur ein Mensch.

Er ging in das Haus hinein, und rief: „Hallo, ist hier jemand?“, aber niemand antwortete. Jonas beschloss sich im Haus umzusehen. Er ging in alle Räume, es gab eine große Küche, ein Wohnzimmer, mehrere Badezimmer und viele andere Zimmer, wo man sah, das sie Kindern gehören müssten. Es gab auch einen alten Mühlstein und noch viele andere Dinge. Aber einen Menschen hatte er immer noch nicht gesehen.

Am Ende seiner Besichtigung ließ er sich in der Küche nieder und guckte in den Kühlschrank. Dort war unter anderem eine Flasche Bier, die er aufmachte und leertrank, da er sehr durstig war. Gerade als er wieder gehen wollte, kam ein Hund herein und versuchte ihn mitzunehmen. Jonas verstand das nicht, ging dann aber doch hinter dem Hund her. Der Hund führte ihn zum Bach wo eine Brücke war – ein Baumstamm über das Wasser – und sah Jonas anfordernd an. Also ging Jonas über die Brücke, während der Hund durchs Wasser ging.

Gerade als er zur Hälfte über die Brücke gegangen war, hörte er etwas hinter sich zischen. Er drehte sich langsam um und erschrak als eine kleine rundliche angsteinflössende Frau direkt hinter ihm stand. „Wer sind Sie?“ fragte er erschrocken. Sie antwortete mit einem zischen in der Stimme: „ Das Selbe könnte ich dich fragen“. Er antwortete „Ich bin Jonas, und bin hier in der Gegend gewandert, da traf ich auf diese alte Mühle und wunderte mich da keiner da war, ich sah mich ein bisschen um und... Wohnen Sie hier?“

Das kann man wohl sagen“, antwortete die Frau, „und wenn du hier nicht bald verschwindest, werde ich dich hier eigenhändig weg schaffen“. Jonas kam das Ganze sehr merkwürdig vor und er beschloss noch zu bleiben und sich noch was um zugucken. Als er ihr das sagte, schubste sie ihn unerwartet in den Fluss. Er blieb eine Weile reglos im Bach liegen, bis er sich sicher war, dass sie verschwunden war. Dann ging er leise und vorsichtig auf die andere Seite des Flusses, wo der Hund auf ihn wartete.

Er ging dem Hund hinterher. Nachdem sie eine weile gegangen waren, erblickte er eine Burg. Nicht aus Stein, wie man sich eigentlich eine Burg vorstellt, nein, diese hier war aus Holz und sehr klein. Er ging in die Burg und hörte leise stimmen von oben. Er sah das vor einer Tür ein Schloss war, aber es war nicht abgeschlossen. Jonas öffnete das Schloss und ging hinein.

Dort waren vier kleine Kinder, drei Mädchen und ein Junge und ein älteres schönes Mädchen. Sie viel ihm direkt auf, sie trug ein schlichtes aber sehr hübsches Kleid, was ihrer Figur hervor brachte. Die Kinder sahen ihn erstaunt an und fingen an laut herum zu reden. Das älteste Mädchen sagte zu ihm „Ich bin Katarina und das sind meine jüngeren Geschwister, aber wer bist du?“

Sie sah ihn fragend an und er antwortete „Ich heiße Jonas, ich bin hier zufällig vor bei gekommen und habe mich umgeschaut und...“ Er erzählte ihr die ganze Geschichte und Sie sagte ihm dann: „ Ja wenn das stimmt was du gesagt hast ist die Hexe jetzt weg, da du uns befreit hast, sie wollte nämlich unser Haus da es sehr wertvoll ist, ich bin dir sehr dankbar.

Und dann schauten sie sich tief in die Augen und gingen Hand in Hand in den Sonnenuntergang.

(Aachen. Sommer 2009)

13.07.2009

Die alte Mühle. Über einen Stein, einen Bach, Esel, Menschen

In einer landschaftlich verborgenen Nische, direkt bei Aachen, steht eine alte Mühle. Ihr großer schwarzer Mühlstein arbeitet längst nicht mehr. Er ruht mit seinem vollen Gewicht auf dem Boden des Zimmers, wo er sich abgemüht hat. Wenn man auf den Stein schaut & innerlich schweigt & lauscht, offenbart sich ein enormes Gedächtnis, das aber ohne Jahreszahlen funktioniert. Der Stein ist bereit all seine Geheimnisse preiszugeben, allerdings ohne zeitlich genaue Angaben. „Ich bin ja kein Historiker“, meint der Stein.

Neben der Mühle strömt noch immer ein Bach. Seine steilen Ufer & seine kräftigen Kurven verraten, dass er richtig arbeiten muss, um ein ordentlicher Bach zu sein. Wenn es heftig regnet, wird er sofort stürmisch. Seine Sprache wird dann laut & überzeugend & mitreißend – er scheint dann zu rufen: „Schluss mit lustig“. Das treibende Wasser wühlt Steine auf, die sich gegen die Kraft nicht wehren können. Und ja, irgendwo am steilen Ufer hat ein Eisvogel sein Nest.

Auf dem grünen-sehr-grünen Mühlen-Gelände gibt es Gärten & Wiesen & mächtige Bäume & Scheunen. Und auf den Wiesen weiden Esel & Schafe. Sie verhalten sich so, als ob sie die Hauptfiguren einer wichtigen Erzählung wären. Ich meine nicht, dass sie Anerkennung verlangen, nein, gar nicht. Sie scheinen den Menschen mitzuteilen: „Wenn ihr unsere Wichtigkeit nicht bemerkt, ist das euer Problem“.

Neben dem Gittertor zum Gelände hat der Hund Juli seine Hütte. Er liegt allerdings meistens faul auf der Wiese oder dem Hof, steigt aber sofort auf seine vier Beine, wenn er herankommende Passanten bemerkt. Seine Aufgabe ist ihm ganz klar: er soll fremden Leuten deutlich machen, dass die Mühle schon vergeben ist. Und wenn ein fremder Hund dabei ist, bellt Juli extra laut, einfach um eventuellen Missverständnissen vorzubeugen.

Der Stein ruht. Der Bach strömt. Die Esel sind souverän Esel. Und der Hund bellt. Dazu wäre noch zu sagen, dass die Blumen blühen & die Bienen summen & die Hühner gackern & die Findlinge träumen & der Kastanie sich gewaltig breit macht & die Katze unbemerkt regiert. Und nein, ich darf die Forellen nicht vergessen, die man im Bach antreffen kann, wenn man Glück hat. Sie scheinen zu zischeln: „Du bildest dir nur ein, dass du uns erwischen kannst“.

So weit, so gut.

In einem landschaftlich verborgenen Winkel, direkt bei Aachen, leben & arbeiten auch noch Menschen. Die alte Mühle beherbergt ein Kinderhaus, mit zurzeit drei Jugendlichen, sieben Kindern & etwa zehn Erwachsenen. Zwei von diesen Erwachsenen arbeiten nicht nur in der Mühle, sondern sie haben dort auch ihre Wohnung. Mit Erwachsenen sind ErzieherInnen, SozialpädagogInnen, eine auszubildende Hausmeisterin, ein Praktikant & ein Zivi gemeint.

Anders als der Stein & der Bach & die Esel & der Hund machen diese Menschen ständig Geschichte. Mit den Menschen & zwischen den Menschen & wegen der Menschen geschieht andauernd dieses oder jenes. Man könnte es auch so sagen: das Kinderhaus in der Mühle ist ein Herzwerk von Biographien & Beziehungen & Ereignissen. Jeden Tag gibt es in der Mühle neue Anlässe zu epischen, lyrischen und dramatischen Erzählungen.

Auch wenn man den Winkel bei Aachen „verborgen“ nennen kann, oder eben „idyllisch“ - das Leben das sich dort jeden Tag wieder entfaltet, wäre eher trocken-treffend als „gesellschaftlich sehr relevant“ zu beschreiben. Was dort geschieht, steht an der Spitze von allem Denkbaren. Wenn man eine Idee davon haben möchte, was zurzeit in der öffentlichen Gesellschaft wirklich los ist: verbleibe eine Woche in der Mühle & mache mit & staune & verstehe! Das Ringen um Normen und Werte, die Höhen und Tiefen in Beziehungen, die Bewältigung der Vergangenheit, das Öffnen der Zukunft, die Selbstfindung & Selbstgestaltung, die gewagten Sprünge ins Leben... In der Mühle kriegt man es hautnah mit.

Und auch, wenn wir Mühle-Menschen es vielleicht immer wieder vergessen: unsere Geschichten sind in das Ruhen des Mühlsteins & in das Strömen des Baches & in das abendliche Singen der Amseln & in das Krähen des Hahnes eingebettet. Ohne diese umgebende Welt von tragenden Hoheiten gäbe es gar keine menschliche Geschichte. Ohne die unveränderliche Souveränität der Esel hätte unsere brennende Sehnsucht nach Erleuchtung keine Bedeutung.

Mit Dank an Sophie Pannitschka

06.07.2009

Zwei Jahre Weblog. Über Nähe in einem unermesslichen Ozean

Vor zwei Jahren, am 8. Juli 2007, habe ich meinen ersten Blogtext durch diesen elektronisch erzeugten Ort unter dem Satz „Jede Woche eine neue Story“ veröffentlicht. Mein erster Beitrag war dem Buch „Missionen“ von Sebastian Gronbach gewidmet. Und nach zwei Jahren ist tatsächlich zu sagen, dass ich durch meinen Weblog eine Art Mission erfülle. Unterwegs ist mir deutlich geworden, dass ich etwas ganz Bestimmtes erreichen will.

Insgesamt habe ich in diesen zwei Jahren 121 Blogs „gepostet“. Und wenn ich auf die Liste von Themen schaue, fällt mir auf, dass alle meine Passionen dabei sind: Pico della Mirandola & Michel Foucault, Zaunkönige & Abgründe, Samuel Taylor Coleridge & Rainer Maria Rilke, Feuerzeuge & Filzbatterien, Köln & Lima, Freundschaft & Türme, Bob Dylan & Guns N` Roses, Klauen & Schenkgeld, Steiner & Barfield, Selbst & Subjekt, Erziehung & Sprache, Sammy & Samuel...

(Ich liebe Auflistungen. Vielleicht schreibe ich noch mal eine Doktorarbeit mit dem Titel: „Auflistungen aufgelistet“. Untertitel: „Über Schein und Wesen von Listen“. Ich wünschte mir dafür Peter Sloterdijk als Doktorvater. Irgendwie sind seine Bücher als burleske Auflistungen von vor- und weitläufigen Bemerkungen über die aufgelisteten Sachen zu verstehen, die uns in Europa schon mehr als zweitausend Jahre verwirren.)

Meine Mission ist es allerdings nicht, durch diesen elektronisch erzeugten Ort meine Passionen auszuleben. Die Passionen erzeugen aber gerade die Freude, die ich brauche, um das Projekt durchzuziehen. Ohne Spaß läuft nichts.

Die eigentliche Mission dieses Projektes betrifft Nähe. Als erstes betrachte ich meinen Weblog als einen Ort für mich. In den Texten versuche ich eine Nähe zu mir zu finden, ein „bei-mir-sein“, so wie ganz gute Freunde an einem Tisch sitzen & leise & ruhig & vertrauensvoll miteinander reden. Ich rede also in dieser Stille mit mir selber.

Die meditative Übung liegt dabei mehr und mehr darin, dass ich nur über Sachen schreibe, die mich berühren & dass ich versuche bei diesem Berührt-Sein zu bleiben. In der innerlichen Berührung liegt ja die Nähe zu den Dingen & Ereignissen & Menschen. Alle anderen guten Anlässe etwas zu schreiben, wie Wut & Ärger & Ungeduld & Schmerz & Neugier & Überzeugung versuche ich, so gut es geht, zum Schweigen zu bringen.

Nähe zu mir & Nähe zu den Sachen... Als zweites betrachte ich meinen Weblog als einen Ort der Begegnung. Dabei geht es um die Nähe zwischen mir & den Lesern, zwischen mir & dir & zwischen dir und dir also... In dieser Hinsicht ist mein Weblog ein verwirrender Ort, weil ganz unterschiedliche Beziehungen & Verbindungen gleichzeitig & in EINEM Raum eine Rolle spielen. Auf der elektronisch erzeugten Bühne herrschen einerseits Anonymität & Öffentlichkeit, anderseits geschehen oft ganz delikate & persönliche & rührende Sachen.

Diesbezüglich ist die Situation die folgende: In den Kommentaren reagieren manchmal Menschen, die ich aus unterschiedlichen Zusammenhängen persönlich kenne. Letzte Woche zum Beispiel war auf einmal Huub aus Den Bosch da (Hoi Huub, vader van Pelle! Sei herzlich gegrüßt von Jelle!) - sein Kommentar ist in eine vertraute Stimmung eingebettet, weil ich mich daran erinnere, wie wir öfters in Neukirchen bei Flensburg an einem Tisch zusammen saßen.

Dann gibt es Kommentare von Menschen, die ich persönlich nicht kenne. Von diesen Menschen gibt es immer wieder welche, die Kontakt suchen & mir zusätzlich noch eine Email schicken. Was aber auch sehr häufig vorkommt ist, dass Menschen mir nur eine Email schicken, also keinen Kommentar auf meinem Weblog veröffentlichen. Manchmal entstehen daraus intensive Kontakte, die den Lesern meines Weblogs verborgen bleiben.

Ganz wichtig sind die Menschen, die sich regelmäßig mit Kommentaren melden & sich so richtig in die Vorgänge einmischen. Sie zeigen mir die Koordinaten in meiner Suche nach Nähe in dem immensen Ozean. Sie sind mit im Boot. Ihre Meldungen gehen für mich immer über die aktuellen Inhalte hinaus, weil sie eine kontinuierliche Beziehung pflegen, die zu Ereignissen & Wendungen & Öffnungen führen.

Und dann gibt es die Menschen, die sich - warum auch immer - gar nicht melden. Weitaus weitaus weitaus die meisten Leser reagieren äußerlich (im www) nicht erkennbar, einfach weil sie keine Lust dazu haben oder sich die Öffentlichkeit nicht zutrauen oder meinen nichts zu sagen zu haben oder... Ich mag diese anonyme Schar von Lesern sehr, weil sie das Unbekannte & Ungewisse & Unsichtbare vertreten. Ohne Schweigende gäbe es keinen Ozean.

Nähe in dem immensen Ozean... Ich kriege es nicht in Worte gefasst... Meine Worte erreichen Dich-bekannte-unbekannte-LeserIn über die elektronischen Wellen des virtuellen Ozeans. Zwischen uns gibt es Tasten & Kabel & Schirme & Festplatten & Server & Schüsseln & eine Menge von Sachen mehr wovon ich nicht die blasseste Ahnung habe. Meine Worte erreichen euch via & via & via & via & via...

Die eigentliche Begegnung aber findet irgendwo anders statt. Durch den elektronisch erzeugten Ort hat sich auch ein Innenraum geöffnet, in dem ich die Nähe spüren kann – ich alleine mit mir, ich alleine mit dir, wir alleine mit uns & den Anonymen & den Verborgenen. Die letzten zwei Jahre haben mir klar gezeigt, dass es Unfug ist zu meinen, dass das World Wide Web uns zwangsläufig voneinander isoliert.

Mit Dank an Sophie Pannitschka

29.06.2009

Die Bedeutung der Dinge. Über Autoreifen, Trambahnen und Feuerzeuge

Amares im Stadtwald von Köln ist ein Ort für Kinder. Drei Leitsätze machen das Leben mit den Kindern bei Amares aus: Räume schaffen, Zeit geben & dabei sein. Die Erzieherinnen & Pädagoginnen von Amares lassen sich durch pädagogische Denker, wie Loris Malaguzzi, Rudolf Steiner, Janusz Korczak & Henning Köhler inspirieren. Ihr Anliegen ist es vor allem, der unerschöpflichen Neugier & dem Tatendrang & den Gestaltungsfähigkeiten der Kinder eine Gelegenheit zu geben, sich zu entfalten.

Bei Amares gibt es eine Gruppe von etwa zehn Kindern unter drei Jahren. Ab August kommt eine zweite Gruppe dazu: etwa fünfzehn Kinder ab drei Jahren. Die Behörden der Stadt Köln scheinen Amares zu mögen. Obwohl die Wünsche von Amares sich manchmal ein bisschen quer zu den Regeln & Vorschriften & Gewohnheiten verhalten, benehmen die Beamten sich klüngel-technisch gesehen sehr entgegenkommend.

Amares hat seine Unterkunft in einem ehemaligen Betriebshof der Stadt Köln gefunden. Das kleine Gebäude & die offenen Garagen & die Mauer umrahmen den Hof – und mitten auf dem Gelände steht eine Linde, die gerade in den letzten Wochen üppig geblüht hat. Sie scheint mir die Wächterin von Amares zu sein, weil sie optisch gesehen Raum schafft, schweigend die Zeit vertritt & dazu noch voll dabei ist. Ohne die Linde läuft bei Amares gar nichts.

Rings um die Linde & in den Garagen liegt überall etwas... Kram, Sachen, Dinge, Zeug... Fast hätte ich geschrieben: Spielzeug. Eine der Mitarbeiterinnen hat vor ein paar Wochen eine Liste von vorhandenem Zeug gemacht & weil ich verwirrende Listen (das habe ich ja von Michel Foucault gelernt) über alles mag, zähle ich in diesem Weblog gnadenlos auf was dazugehört:

Puppen. Bücher. Autos. Parkhaus. Töpfe. Holzgarage. Wolltiere. Holztiere. Filzbälle. Puzzles. Matratzen. Schaufeln. Besen. Hacken. Gießkannen. Eimer. Teller. Siebe. Rohre. Bollerwagen. Roller. Fahrräder. Fahrzeuge. Kinderwagen. Kleider. Werkzeuge. Filmdosen. Wasserhahn. Schläuche. Papier. Scheren. Pinsel. Kreiden. Farben. Fingerfarben. Knöpfe. Becher. Ton. Steine. Stöcke. Tafeln. Autoreifen. Nähkisten. Wolle. Klopapierrollen. Murmeln. Murmelbahn.

(Liebe/r Leser/in, seid bitte so nett & merkt euch die Unmerkbarkeit dieser wunderbaren Liste! Diese Liste zu verstehen, heißt die Welt zu verstehen.)

Für heute interessiert mich gar nicht die Frage, was die Kinder mit den Eimern & Büchern & Holztieren & Stöcken & Schläuchen & Filmdosen machen. (Es heißt, wie bekannt, dass sie damit spielen.) Mir geht es heute um die umgekehrte Frage: was machen die Puppen & Röhren & Murmeln & Autoreifen mit den ganz kleine Kindern? Oder anders gesagt: welche Bedeutung haben die Gegenstände für die Kinder?

Für kleine Kinder gibt es keine Gegenstände. Sie existieren einfach nicht. So etwas Komisches wie: hier bin ich & dort ist die Puppe, gibt es in der Welt der kleinen Kinder nicht. Den Akt der Gegenstands-Schöpfung haben die Kinder noch nicht vollzogen – sie schwimmen & schweben & tanzen in die Dingen, wie ich in der wunderbaren Liste schwimme. Es ist übrigens ein Fehler zu denken, dass die kleinen Kinder die Dinge „noch nicht“ kennen. Auch so etwas Komisches wie „noch nicht“ kennen die Kinder „noch“ nicht.

Der große schwarze Autoreifen macht das Kind schwarz & rund & kautschukisch. Der große schwarze Autoreifen kann ja alles sein: ein Bett, ein Haus, ein Nest, ein Topf, eine Tür... Der große schwarze Autoreifen kann sich mit allem möglichen zusammen tun: mit Tüchern, Papieren, Stöcken, Steinen, Wasser, einer Röhre... Und was dann entsteht, ist ja gar kein Ding mehr, sondern ein Geschehen, ein Ereignis, ein Event. Der große schwarze Autoreifen ist nicht einmal „multi-funktionell“ (klingt ja fast „pädagogisch“), weil die Liste der möglichen Funktionen unbegrenzt ist.

Ein altes Wort für Versammlung ist „Ding“. Ein Ding war vor tausend Jahren noch ein Event, ein Zusammenkommen in einem Zentrum von Menschen aus einer weiten Peripherie. (Das Parlament in Norwegen heißt noch immer „Ting“.) Und die Kinder erleben es jeden Tag: nicht die kulturelle Bestimmung der Funktionen (mit einem Löffel soll man essen) macht die Dinge aus, sondern ihre Umgebung, ihre Aura, ihr sich zusammenziehender Umkreis. Für die kleinen Kinder sind die Gegenstände ständig im Kommen.

Und sie berühren uns im Kommen. Aber was machen diesbezüglich die Dinge mit uns? In einem Text über Puppen schreibt Rainer Maria Rilke über eine kleine Trambahn: „[...] Du, überzeugte Seele der Trambahn, die in uns fast überhandnehmen konnte, wenn wir nur mit einigem Glauben an unsere Wagen-Natur in der Stube herumfuhren.“ Räume schaffen heißt also auch: Innenräume öffnen & bewegen & gestalten.

Wenn wir „glauben“ gibt es diesbezüglich gar keinen Unterschied zwischen Kindern & Erwachsenen. Wenn die kleine Helena mich fragt, ob sie ein Feuerzeug entzünden darf (sie kann es leider nicht so gut & braucht dringend Hilfe dafür, was sie gerne zulässt) schaut sie auf die Flamme und spürt wie die Flamme sich in ihrem „Innenraum“ entzündet. Helena ist dann Flamme. Das billige BIC- Feuerzeug erzeugt ein Flammen-Erzeugen-in-ihr.

Wir Erwachsenen sind nicht mehr so dabei. Wir Erwachsenen meinen, dass der schwarze Autoreifen eigentlich ausgedient hat & jetzt nur noch ein Spielzeug ist. Für den Autoreifen fängt das richtige Leben aber erst nach seinem funktionellen Tod an. Er liegt auf dem Hof & macht lachend mit.

Mit Dank an Sophie Pannitschka

22.06.2009

Vom Wind weggepustet werden? Über die kleine Esmeralda

Ich komme nicht darum umhin, sie für heute, in meiner Welt der Worte, Esmeralda zu nennen. In der Wirklichkeit, außerhalb meiner Worte heißt sie ja anders, nein, nicht ganz anders, ich würde sagen: ein bisschen anders – aber eben anders. Warum sie heute Esmeralda heißen soll, weiß ich nicht so ganz genau. Als ich mir aber vornahm diesen Text zu schreiben, meldete sich für sie einfach dieser edle & schöne & doch auch ein bisschen düstere Name bei mir.

Esmeralda also. Ich kenne sie nicht, dass heißt: ich habe sie nicht mit eigenen Augen gesehen. Ein paar Freunde haben aber gerührt & aufgeregt & staunend über sie erzählt – und über diese Erzählungen ist Esmeralda irgendwie bei mir eingetroffen. Sie geht in mir herum, stiftet eine wunderbare Unruhe, bewegt Fragen & erweckt Aufmerksamkeit.

Esmeralda ist noch nicht einmal vier Jahre alt. Für ihr Alter ist sie – laut den Erzählungen – eher ein bisschen zu groß, nicht richtig zu groß, aber doch zu groß. Sie steht unsicher auf ihren Füßen, so, als ob sie sich das Gehen nicht so ganz zutraut. Sie scheint so zu wirken, als ob sie bodenlose Fragen hat - über alles, was mit dem Boden zu tun hat. Dass die Erde uns ein fußfestes Fundament bietet, ist Esmeralda offensichtlich nicht bekannt. (Oder weiß sie etwas, was wir nicht wissen?)

Einer der Freunde erzählte: „Esmeralda kriegt viel mit, sie sieht alles, fühlt sich von hundert kleinen Ereignissen wie belagert. Sie bemerkt jeden Vogel, der vorbei fliegt...“ Es sieht also so aus, als ob die kleinen Ereignisse für Esmeralda irgendwie groß & bedeutend sind. Ja, natürlich, alle Kinder erleben das Große in dem sogenannten Kleinen, längst nicht alle fühlen sich davon aber belagert. Liegt ihr Problem darin, dass ihre Füße zu unsicher sind? Oder sind ihre Augen & Ohren einfach zu groß, zu offen, zu sensibel?

Esmeralda ist aber, wegen einer ganz bestimmten Aussage, die sie irgendwann einmal gemacht hat, bei mir eingetroffen. Als sie einmal im Wald auf einer großen Wiese war, sagte sie zu ihrer Mutter: „Ich habe Angst davor, vom Wind weggepustet zu werden“. Ihre Mutter erzählte später meinen Freunden, dass Esmeralda öfters von dieser Angst spricht. „Ihr habt keine Idee davon, was wir diesbezüglich mit ihr schon erlebt haben. Wir waren mal in Holland bei den Windmühlen... Meine Tochter hat richtig Angst vor Wind.“

Was liegt hier vor? Ich weiß es nicht. Ich kenne Esmeralda nicht einmal persönlich & wüsste außerdem nicht, welche psychologischen Einsichten an dieser Stelle relevant oder hilfreich wären. Mich trifft aber diese unbegründete Angst vor dem Wind. Irgendetwas in mir versteht diese Angst durch & durch, so, als ob ich etwas weiß, was offensichtlich auch Esmeralda weiß.

Was ist Wind? Als erstes fällt mir ein Gedicht von Percy Bysshe Shelley ein, Ode to the West Wind. Der englische Romantiker spricht von der „unseen presence“ (unsichtbaren Anwesenheit) des Windes, der die toten Blätter vor sich her treibt: „Wild Spirit, which art moving everywhere;/ Destroyer and preserver;“ Der Westwind heißt bei Shelley „der Vernichter“, weil er alles was sich in seiner Gewalt nicht halten kann, zum Tode führt.

Und ich denke an Gerrit Achterberg, den holländischen Dichter, der sich genau wie Esmeralda & Shelley von den hundert Ereignissen-jede-Stunde immer wieder angesprochen fühlt. In seinem Gedicht „Hulshorst“ beschreibt er, wie der Bummelzug, in dem er sitzt, in Hulshorst – einem Dorf auf der Veluwe – „mit einem gottverlassenen Knarren“ anhält, und „niemanden heraus, niemanden herein lässt“... und wo er für ein paar Minuten ein „wenig Wehen“ hört...

Gerrit Achterberg im Original: „O minuten/ dat ik hoor het weinig waaien/ als een oeroude legende/ uit uw bossen: barse bende/ rovers, rans en ruw/ uit het witte veluwhart.“ Auf Deutsch müsste das mehr oder weniger heißen: Oh Minuten/ dass ich das wenige Wehen höre / wie eine uralte Legende/ aus ihren Wäldern: harsche Bande/ Räuber, ranzig und roh/ aus dem weißen Veluwherz.“

Achterberg versteht in diesem Gedicht den Wind als eine Art Medium. Über den Wind bekommt er Zugang zur Ortsgeschichte. Er „hört“ eine uralte Legende von Räubern, die mitten in der Veluwe (heißt: „gelbe Aue“) offensichtlich herumgetobt haben. (Das Herz der Veluwe ist laut Achterberg nicht strahlend gelb, so wie man das vielleicht erwarten dürfte, sondern weiß.) Aus dem Gedicht geht klar hervor, dass der Wind spricht.

Was ist Wind? Er ist unsichtbar – wir spüren seine Wirkungen aber mit unseren Augen & unseren Ohren & unserer Haut. Der Wind kann zart sein, wie ein Hauch, oder gewaltig, wie ein Stürmen. Aber ob leise oder gewaltig: der Wind bringt etwas in Bewegung. Vom Geist wird gesagt, dass er wie der Wind weht... Und der Wind raunt von alten Zeiten. Schon die alten irischen Barden standen am Meer und hörten in dem gewaltigen Wehen & Wenden & Blasen & Dröhnen & Toben des atlantischen Windes eine uralte Geschichte vom Vergehen & Untergehen.

Die Angst von Esmeralda, dass sie durch den Wind weggepustet werden könnte, ist physisch gesprochen unbegründet. Und klar: es wird bestimmt einen Moment geben, wo sie das verstehen wird & ihre Angst überwinden kann. Die Angst wird aber auf einmal nachvollziehbar, wenn man den Wind als ein poetisches Geschehen versteht, das von Tiefen & Höhen & Weiten einer unsichtbaren Welt erzählt.

15.06.2009

Sehen und gesehen werden. Über Peter Sloterdijk und Religion

Wir sind durch & durch mit der Erfahrung vertraut, dass uns ein Mensch anschaut. Gesehen werden gehört zum Leben, obwohl wir die Erfahrung manchmal als unangenehm erleben. Angeschaut & gesehen werden, führt zu der merkwürdigen Erfahrung, dass wir uns selber als Objekt erleben – in dem Blick des Anderen werden wir zum Gegenstand. Diese Spaltung zwischen Ich-als-Subjekt und Ich-als-Objekt verunsichert uns.

Am deutlichsten merken wir das, wenn wir einander länger in die Augen schauen. Sofort entsteht ein Spiel von sehen & gesehen werden. Die Augen bewegen sich unruhig hin und her & das innere Erleben springt blitzschnell vom Subjekt-Sein zum Objekt-Sein & wieder zurück. Offenbar scheint es schwierig zu sein, die beiden „Perspektiven“ gleichzeitig gelassen & souverän zu handhaben. Für das normale Bewusstsein stehen sie einander im Wege.

Angeschaut & gesehen werden, so meinen wir, geht nur, wenn das Gegenüber Augen hat. Menschen können uns sehen, Steine & Pflanzen & künstliche Gegenstände & Landschaften können das nicht. Bestimmte Tiere können es auch: manchmal erscheint neben mir im Garten kurz ein Zaunkönig & schaut mich neugierig an. (Aber nein, mit ihm entsteht das Spiel von sehen & gesehen werden nicht. Einem Vogel kann man merkwürdigerweise nicht in die Augen schauen.)

In seinem letzten Buch „Du mußt dein Leben ändern“ (Suhrkamp, 2009, S. 44) meint Peter Sloterdijk zu Recht, dass das religiöse Erleben die Beziehung zwischen Subjekt & Objekt exakt umdreht. In seinen Worten: „Auf der Position, wo üblicherweise das Objekt erscheint, welches ebendarum, weil es Objekt ist, niemals zurückschaut, ´erkenne` ich nun ein Subjekt, das die Fähigkeit besitzt, zu schauen und Blicke zu erwidern“.

Für das religiöse Erleben ist die objektive Welt genau so beseelt, wie die subjektive. Sterne & Wälder & Flüsse & Wolken & Findlinge schauen uns mit unsichtbaren Augen an. Dieses Tauschen (ich glaube, Sloterdijk meint eher ´Täuschung`) spielt sich nicht nur auf der Ebene des Sehens ab – sondern die Positionen wechseln sich auch im Sprechen & Hören. Für das religiöse Leben gilt, dass die objektive Welt uns hört & zu uns spricht.

(Interessant ist, dass diese Umdrehung sich nur auf das Sehen & Hören bezieht – wenn es um Riechen, Schmecken & Tasten geht, scheint die Beziehung zu den Dingen der Welt einseitig zu bleiben. Bäume & Teiche & Planeten riechen & berühren & schmecken uns nicht. Liegt das daran, dass Sehen und Hören irgendwie enger mit dem verwoben ist was wir das Selbstbewusstsein nennen?)

Sloterdijk kommt auf das Thema der sinnlichen Umkehrung, weil er den Titel seines Buches zu erklären versucht. Die Aufforderung „Du mußt dein Leben ändern“ kommt aus einem Gedicht von Rainer Maria Rilke, in dem das poetische Subjekt von einem Torso angeschaut & angesprochen wird. In dem Torso gibt es ein „Schauen“, dass sich „hält und glänzt“ – es gibt „keine Stelle, die dich nicht sieht“. Am Ende des Gedichtes spricht dann der Torso die berühmte Mahnung aus, die Sloterdijk als Titel seines Buches gewählt hat.

Anders als Peter Sloterdijk meinte Rainer Maria Rilke, dass die objektive Welt tatsächlich beseelt sei. Man könnte, wenn man wollte, Rilke diesbezüglich naiv nennen, aber nur wenn man es absichtlich wollte: denn die Frage, was hier genau vorliegt, wird nämlich auch von Sloterdijk nicht beantwortet. Auch wenn man mit Sloterdijk einverstanden ist, dass Religionen eigentlich Übungssysteme sind (ein Gesichtspunkt, der in der Soziologie geläufig ist – dort wird meistens nicht von „Übungen“, sondern von „Kontrolle“ oder „Regeln“ gesprochen) bleibt die Frage stehen: beruht die Verwechselung der Positionen auf einer Täuschung?

Falls ja, dann geht es um eine sehr hartnäckige Illusion, die aber alleine dadurch nicht einfach abgehakt werden kann, weil sie die moderne Sichtweise „ich-bin-das-Subjekt“ & „das-Ding-ist-das-Objekt“ mit hervorgebracht hat. Anders gesagt: ohne die „religiöse“ Disposition ist die „naturwissenschaftliche“ Disposition nicht zu denken. Ohne die Krücke namens Religion, kann das Bein namens Wissenschaft keinen Schritt gehen.

Wenn man nicht auf die geronnenen Religionen und „jüngeren Religionsexperimente“ (Sloterdijk, S. 141) schaut, sondern auf die religiösen Empfindungen die wir Menschen offensichtlich hatten & haben (und die sich in soziale Verhaltenssysteme umgesetzt haben), stößt man unvermeidlich auf die Frage: was sind Gefühle? Die Erfahrung, dass es Objekte gibt, die uns auf irgendeine Art und Weise sehen & dass die Welt auf irgendeine Art und Weise zu uns „spricht“, beruht auf einem Gefühl.

In Gefühlen gestalten sich Beziehungen. In meinen Gefühlen wird „dein“ Dasein nicht nur bejaht & bestätigt & aufgenommen, sondern auch mitgestaltet & vervollständigt. Erst in meinen Gefühlen bist du was du bist. Oder: erst in meinen Gefühlen, wird der Zaunkönig, was er sein will: ein Botschafter der neugierig schaut & tzik tzak spricht.

Mit Dank an Sophie Pannitschka

07.06.2009

Der Klavierspieler Johann spricht heute mit einer tüchtigen Reporterin

Im Stadtanzeiger hatte Johann flüchtig etwas über das Vorhaben des Oberbürgermeisters, die „wichtigen Gegenstände in der Stadt zu registrieren“, gelesen. Er erinnerte sich noch an den Satz: „Über den amtlichen Status der unterschiedlichen Gegenstände wird noch verhandelt“. Die Beamten um den Bürgermeister herum schienen sich nicht darüber einigen zu können, um welche Gegenstände es genau gehen sollte & wie sie eingeordnet werden müssten. Ein hoher Beamter meinte: „Klar ist, dass es sich vor allem auch um Kunstwerke, Musikinstrumente, Altäre, alte Bücher, Schmuck und Zelte aus der Mongolei handelt“.

Damals hatte die Sache Johann nicht besonders interessiert, jetzt aber wollte er sich erkundigen. Nach ein paar Telefonaten wurde ihm deutlich, dass tatsächlich das Amt des Oberbürgermeisters dafür zuständig war. Das sogenannte Gegenstands-Anerkennungs-und- Registrierungs-Monopol lag von A bis Z im Rathaus – nicht einmal das Finanzamt war in die Sache eingebunden. „Die Registrierungspflicht der unbekannten Gegenstände ist Chefsache“, wurde Johann mitgeteilt. Mehr wollte der Sekretär am Telefon aber nicht sagen, nicht einmal, welche offiziellen Unterlagen vorlagen & wie man sie erhalten könnte.

Ein Anruf beim Stadtanzeiger brachte mehr Erfolg. Die Stimme der Reporterin klang klar und kräftig: „Nein, am Telefon können wir über diese Sache nicht reden. Das geht gar nicht. Habe ich gut verstanden, dass Sie persönlich von RUG betroffen sind?“ „RUG?“ fragte Johann. „Ja“, sagte die Reporterin, „von der Registrierungspflicht der unbekannten Gegenstände“. „Ja“, sagte Johann, „sie wollen alles über einen Flügel wissen, der mir nicht einmal gehört“. „Verstehe!“, sagte die Frau, und sie nannte den Namen einer Kneipe am Alten Markt. „Können wir uns dort heute um fünf Uhr treffen?“

Die Reporterin war klein, aber wortgewaltig. Sie trank Bier, rauchte Davidoff-classic & schrieb & schrieb & schrieb. Sie schaffte es, alle wichtigen & unwichtigen Aussagen von Johann („Nein, bitte kein Bier – dann kann ich nicht mehr denken!“) auf das Papier zu kriegen. Ihre rechte Hand tanzte mit Johanns Lippen mit. Und ihre Fragen waren unausweichlich. Erst nach einer halben Stunde fand Johann die Gelegenheit seine Frage zu stellen: „Erzählen Sie mir bitte, was das alles auf sich hat.“

„Ich blicke ganz & gar nicht durch“, antwortete die Reporterin. „Ich weiß nur, dass RUG der dritte Schritt einer politischen Kampagne ist. Der erste Schritt wurde im Oktober vorigen Jahres durchgeführt, als der Oberbürgermeister in einer Rede an der Universität betonte, dass seine Aufmerksamkeit sich mehr & mehr & mehr auf die metropolische Gemeinschaft richten würde. So nannte er es: die metropolische Gemeinschaft... Ihm schien es wichtig zu sein, den Begriff ´metropolische Gemeinschaft´ in die Köpfe der Leute zu rammen. Seitdem redet man überall in der Stadt von der MPG. Die MPG soll das & das tun, das & das gerade nicht tun, das & das verstehen, das & das für wichtig halten.“

„Der zweite Schritt vollzog sich zwischen Weihnachten und Silvester. Der Oberbürgermeister hielt wieder eine Rede an der Universität, diesmal mit dem Titel: ´Der Wert der Gegenstände für die metropolische Gemeinschaft`. Er zitierte eine Reihe von Philosophen: Plato war dabei & Descartes & Kirchengarten & Heidegger. Ich kann nicht behaupten, dass ich verstanden hätte, was er alles sagte. Irgendwie schien er zu meinen, dass der moderne Mensch gerade dadurch ein moderner Mensch geworden sei, dass er Gegenstände wahrnehmen könne. So etwas. Der Oberbürgermeister sprach vom ´Gegenstands-Bewusstsein` der heutigen Menschheit. ´Wir müssen lernen`, sagte er, `die Gegenstände zu schätzen, weil wir ohne sie gar nichts sind `. So etwas.“

„Und dann kam RUG. Das war Anfang Februar. Ich war zu einer Pressekonferenz ins Rathaus eingeladen worden & dort waren der Oberbürgermeister & ein Beamter namens Schmitz & noch eine Menge Leute mehr. PowerPoint mäßig wurde von RUG 1 & RUG 2 & RUG 3 berichtet – irgendwie schien sich diese Nummerierung auf Kategorien zu beziehen: wirksame Gegenstände & gefährliche Gegenstände & nicht eindeutige Gegenstände... So etwas... Es ging irgendwie darum, die Gegenstände ins kollektive Bewusstsein der MPG zu heben. ´Bis jetzt`, sagte der Oberbürgermeister, ´ist das Wahrnehmen der Gegenstände leider nur eine individuelle Angelegenheit gewesen. Wir sind aber dabei, die Bedeutung der Gegenstände auf eine kollektive Ebene zu heben`. Der Beamte Schmitz hat dann eine Stunde lang über Beobachtung & Dokumentation gesprochen & irgendwie schien vor allem der Philosoph Heidegger diesbezüglich wichtig zu sein. Schmitz sprach davon, dass die Dinge in die Dunkelheit geworfen worden seien & dass dringend eine Lichtung gebraucht werde. ´Es geht ja eindeutig um die Ordnung der Dinge´, meinte er.“

„Ich gehe mal davon aus“, sagte die Reporterin noch, „dass der Oberbürgermeister mit MPG & RUG versucht, die politische Debatte neu zu bestimmen. Er will von der Finanzkrise & der Wirtschaftskrise & der Arbeitslosigkeit & der Kinderbetreuung weg. Alles was er nicht im Griff hat, soll hinter einer übergeordneten Sache verschwinden, die niemand versteht. Wir müssen also wach sein!“

Mit Dank an Sophie Pannitschka

01.06.2009

Der Klavierspieler Johann und der Flügel

(Im voraus: dieser Text gehört zu dem Text von letzter Woche und den Kommentaren dazu. JvdM)



Der Klavierspieler Johann saß auf dem Klappstuhl, den er vorher für den Beamten Schmitz hingestellt hatte. Seine großen Hände lagen auf seinen großen Knien, seine langen Beine waren weit auseinander gespreizt & sein Kopf hing nach hinten. Der Beamte hat recht, dachte er, es wird Zeit, dass ich mir ein paar Fragen stelle.

Was soll ich jetzt machen? Denken?

Die Geschichten meines Lebens treiben wie Schiffe auf dem Innensee meiner Seele: große & kleine & mit weißen Segeln & mit braunen Segeln & mit kleinen Motoren & eben ohne irgendetwas, sogar ohne Paddel... Von manchen Schiffen weiß ich nicht, woher sie kommen & ob ich sie erfunden habe & wer sie steuert & wohin sie überhaupt wollen. Meine Seele sieht schon ein bisschen so aus, wie die Bucht bei Hoorn an einem windigen, warmen Samstagmittag.

Und jetzt soll ich mir die Geschichten anschauen, vor allem die über den Flügel? Das wird schwierig sein. Ich kann mich nicht einmal auf einen Begriff einlassen: ist das Ding wirklich ein Flügel? Oder ein Klavier? Oder ist das Ding einfach „das Ding“ - das schwarz schimmernde Ding, das immer da war & immer bleiben wird?

Wo ich auch hinschaue, das Ding steht immer da. Über das Ding bin ich in die Welt eingetaucht. Die Tasten, die Saiten, die Fuß pedale, die spiegelnde Fläche, die perfekten Kurven rufen überall in der Welt Tasten, Saiten, Pedale, spiegelnde Flächen & Kurven hervor. Die schwarze Kiste ist ein Körper & wenn meine Ohren groß werden & ich die Tasten richtig berühre, dann steigt Musik auf: Chopin oder Oscar Peterson oder... Ich meine: wenn ich in die Kneipe gehe, nehme ich die schwarze Kiste innerlich mit & weite meine Ohren über die Menschen aus, so dass sie sich in meinen Ohren bewegen & aufstehen & ich berühre mit meinen Händen die Tasten & mit meinen Füßen die Pedale – da ganz unten...

Und was erklingt ist Musik.

25.05.2009

Der Klavierspieler und der Beamte

Der Flügel war groß & schwarz. Er stand inmitten eines Zimmers mit weißen Wänden & weißen Bodenfliesen & weißen Gardinen. Ohne auch nur einmal mit seinen Augen zu blinzeln, schaute der Beamte mit einem skeptischen Blick auf das Instrument und fragte: „Woher kommt das Ding?“ Der Klavierspieler faltete seine enorm großen Hände, schüttelte kräftig seinen Kopf – die langen Haare flatterten um ihn herum – und sagte: „Das kann ich Ihnen leider nicht sagen“.
„Ach so!“, sagte der Beamte. Er holte ein Notizbuch aus der Seitentasche seines Jacketts und kritzelte etwas hinein. „Das können Sie mir leider nicht sagen“, wiederholte er. Er schaute nochmals auf den Flügel, schwieg eine Weile und stellte dann fest: „Sie haben ein Problem!“ Er schaute kurz in sein Notizbuch, hob seinen Kopf und sagte: „Dann brauchen wir ein bisschen Zeit. Können Sie mir einen Stuhl bringen?“
Der Klavierspieler nickte, verschwand und kam unmittelbar mit einem Klappstuhl wieder zurück, den er gewandt ausklappte & hinstellte. „Machen Sie es sich gemütlich“, sagte er. Der Beamte tat so, als ob er nichts gehört hätte – hatte er vielleicht auch nicht – setzte sich hin & schwieg. Er schien all seine Erfahrungen & all sein amtliches Wissen zu sammeln, um herauszufinden, was in dieser schwierigen Lage der richtige Schritt wäre.
„Also“, sagte er, „erst müssen wir die genaue Bedeutung ihrer Aussage klären. Wissen Sie nicht woher das Klavier kommt? Oder gibt es einen anderen Grund, warum Sie mich nicht informieren können? Betrifft es vielleicht ein Geheimnis?“ Der Klavierspieler faltete wieder seine enorm großen Hände und sagte leise: „Ich weiß es nicht. Es ist aber eigentlich auch ein Geheimnis.“
Mit lauter Stimme, als wollte er betonen, dass Flüstern nicht passte, sagte der Beamte: „Es tut mir Leid, Geheimnisse können wir aber nicht dulden. Das wissen Sie wohl!“ Er öffnete sein Notizbuch, nahm den Stift in die Hand & wartete. „Bitte“, sagte er, „geben Sie mir jetzt ohne Umwege eine klare Erklärung.“
„Der Flügel war schon immer hier“, sagte der Klavierspieler.
„Immer, immer? Wieso immer? Nichts war schon immer da!“
„Doch, als ich hierher kam, war der Flügel schon da.“
„Jetzt müssen Sie aufpassen“, sagte der Beamte verärgert. „Alle Gegenstände haben eine Geschichte & meine Aufgabe ist es, die Geschichten der Gegenstände in dieser Stadt zu dokumentieren. Die Zeit ist vorbei, dass Gegenstände ohne Vermerke existieren können. Seien Sie also bitte so lieb und...“
„Der Flügel war schon immer da“, wiederholte der Klavierspieler. „Als ich hierher kam, war ich vier Jahre alt. Als ich fünf war, entdeckte ich das Zimmer – ich bin einfach hinein gegangen & habe das Klavier gefunden & seitdem mache ich Musik darauf. Und niemand konnte mir sagen, wem das Instrument gehört. Ja, ein Geheimnis ist es schon...“
„Warten Sie mal!“, sagte der Beamte. „Sie behaupten also, dass das Ding schon da war, als Sie als Kind hier einzogen? Und dass es damals niemanden gab, der Bescheid wusste? Ist es das, was Sie versuchen mir zu übermitteln?“
„Ja“, sagte der Klavierspieler leise.
„Und ihre Eltern?“
„Was ist mit meinen Eltern?“
„Nun, wussten sie auch nicht Bescheid?“
„Meine Eltern, meine Eltern...“ begann der Klavierspieler zögernd, „meine Eltern haben erst nach vielen Jahren mitbekommen, dass es das Zimmer mit dem Flügel überhaupt gab. Wieso hätten sie das auch wissen können? Beide sind übrigens bald danach gestorben.“
Der Beamte stand auf. Er lief auf das Fenster zu, schob die Gardinen zur Seite & schaute nach draußen. „Es regnet“, sagte er nachdenklich. Dann drehte er sich um, presste kurz und kräftig seine Lippen aufeinander und sagte: „Diese Geschichte gefällt mir gar nicht. Etwas stimmt hier nicht.“ Er nahm sein Notizbuch in die Hand und wollte etwas schreiben, hielt dann inne und sagte vor sich hin: „Was soll ich denn aufschreiben?“
„Nun ja, vielleicht die Wahrheit“, sagte der Klavierspieler.
„Reden Sie bitte nicht von der Wahrheit! Die Wahrheit in Bezug auf dieses Ding hier“ - sein Zeigefinger wies in die Richtung des Flügels - „muss noch aufgedeckt werden. Was Sie mir erzählen, kann nicht als vollständige & hinreichende & befriedigende Wahrheit gelten. Halbe Wahrheiten soll & darf & kann man nicht dokumentieren!“
„Sie scheinen das Ding hier nicht besonders zu mögen“, sagte der Klavierspieler.
„Bitte?“
„Den Flügel, meine ich...“
„Was soll denn das? Mir ist das Ding scheißegal. Was mir nicht gefällt, ist die Geschichte, die Sie erzählen. Ich meine...“
„Man kann Gegenstände nicht von ihren Geschichten trennen.“
„Gegenstände, Gegenstände...“ rief der Beamte. „Sie haben keine Ahnung von Gegenständen. Wissen Sie, heute geht es um ein Klavier, gestern war es eine alte Dampfmachine, vorgestern, ja, was war es vorgestern? Ach ja, ein holländisches Gemälde mit Windmühlen & Bauern & Schiffen & Wolken & Heringen... Was die Holländer sich nicht alles zusammen malen – nicht zu fassen! Sie haben aber recht: Gegenstände soll man nicht von ihren Geschichten trennen! Und deswegen...“
„Die Geschichte des Flügels ist leider ein Geheimnis“, sagte der Klavierspieler.
„Unfug“, sagte der Beamte, „wenn man will, kann man alles erklären.“ Er nahm sein Notizbuch & schrieb etwas hinein. „In sechs Wochen komme ich wieder“, sagte er dann. „Nutzen Sie die Zeit bis dahin bitte, um die Wahrheit aufzudecken.“

19.05.2009

Neuigkeiten aus dem Badezimmer. Über Poesie & Zeit & Nachrichten

Psychologische Erklärungen sind fast nie poetisch. Sie decken auf, dass heißt: sie erzählen Geschichten hinter und über Geschichten. Mit einem psychologischen Blick wird die Geschichte eines seelischen Schmerzes in die Vergangenheit gestoßen & dort mit einer neuen Geschichte verwechselt, zum Beispiel über einen Vater, der mich oder dich oder ihn oder sie nicht angenommen hat, oder über eine Mutter die – naja, was könnte sie nicht alles getan haben.

Die aufgedeckte Geschichte gilt als Erklärung für die vorherige Geschichte, die immer irgendwie eine Beschwerde beinhaltet. Seelischer Schmerz wird in der Psychologie als eine Wirkung in der Gegenwart von einer Ursache die in der Vergangenheit liegt verstanden. Hinter der psychologischen Vorgehensweise steckt ein Zeitbegriff, der besagt, dass die Gegenwart durch die Vergangenheit bestimmt wird.

In der Poesie ist ein anderer Zeitbegriff wirksam. Der Dichter Novalis hat es so gesagt: „Der Sinn für Poesie hat nahe Verwandtschaft mit dem Sinn der Weissagung und dem religiösen, dem Sehersinn überhaupt. Der Dichter ordnet, vereinigt, wählt, erfindet – und es ist ihm selbst unbegreiflich, warum gerade so und nicht anders“. Man könnte es vielleicht auch so sagen: In der Poesie wirkt das, was im Kommen ist.

Mit Poesie ist hier nicht Dichtung gemeint. Man kann den Worten natürlich unterschiedliche Bedeutungen beimessen, ich meine mit Dichtung aber die Tätigkeit die zu literarischen Texten führt & die Texte selber. Poesie verstehe ich als eine Aufmerksamkeitshaltung, eine seelische Orientierung auf die Welt & das Leben & die Menschen & die Ereignisse & die Gegenstände. Poesie führt dazu, dass die stumme Sprache-der-Dinge auf einmal zur Botschaft werden. Man kann Poesie haben ohne Dichtung, Dichtung ohne Poesie gibt es nicht.

Auch ein Poet geht morgens ins Badezimmer um sich zu waschen, seine Zähne zu putzen & sich heute-oder-heute-vielleicht-doch-lieber-nicht zu rasieren. Gleichzeitig aber lässt er das Badezimmer auf sich zu kommen wie eine Art kuriose Neuigkeit, wie ein überraschendes Gebilde, das sich im Hier & Jetzt offenbart. Was er im Badezimmer hört & riecht & sieht & spürt & schmeckt & denkt & fühlt & will – was zeigt mir der Spiegel heute? - beinhaltet für den Poeten eine Bedeutung, die etwas über funktionale Bedeutungen hinaus geht.

Eigentlich ist es nicht richtig zu sagen, dass der Poet ins Badezimmer geht – treffender könnte man sagen, dass er das Badezimmer auf sich zu kommen lässt. Er befindet sich in einer „rückwärtsgehenden Evolution“ (Rudolf Steiner), die von der Zukunft ausgeht & uns in der Gegenwart trifft. In diesem zweiten Zeitstrom liegt das Ziel nicht in der Zukunft, sondern in der Vergangenheit – es ist die Verwandlung des Gewordenen. Laut Rudolf Steiner ist die Erkenntnis der zweiten Evolution eine Bedingung für das „geistige Schauen“.

Ein Poet praktiziert das geistige Schauen. Samuel Taylor Coleridge (siehe das aktuelle Motto meiner Website) spricht an dieser Stelle von einer ersten & einer zweiten Imagination. Die erste Imagination bezieht sich auf jegliche spontane & unbewusste menschliche Wahrnehmung, die zweite versteht er als ein Echo der ersten, mit dem wesentlichen Unterschied, dass sie mit unserem bewussten Willen zusammenfällt („co-existing“). Das geistige Schauen ist laut Coleridge eine bewusste Wiederholung-in-der-Endlichkeit von dem „ewigen Schöpfungsakt in das unendliche ICH BIN“. Novalis sagt an dieser Stelle: „Der Dichter erfindet“.

Wo in der Psychologie gerne eine zweite „erklärende“ Geschichte“erzählt wird, entwirft & kreiert & gestaltet die Poesie nur ERSTE Geschichten, die allerdings nicht als Erklärungen gelten, sondern eher als Bezauberungen & Weissagen & Öffnungen. Poetische Geschichten greifen in die Vergangenheit heftig ein, nicht weil sie dort etwas erklären, sondern weil sie berühren. Die Kraft der poetischen Verwandlung liegt darin, dass das Badezimmer zum Einweihungsort erhoben wird.

In einer Kultur des Herzens werden poetische Geschichten erzählt. Es wird eine Zeit geben – in fünfzig oder achtzig oder hundert Jahren? – in der die Nachrichtendienste sich nicht nur mit äußeren Tatsachen beschäftigen: so und so viele Arbeitslose, so und so viele Verluste im Krieg, so und so viele Verkehrsunfälle, und wie das alles zu bewerten wäre... Die journalistische Aufmerksamkeit wird auch die Neuigkeiten an der poetischen Front betreffen:

„Köln, 18. Mai. In einem Badezimmer in der Kölner Innenstadt wurde heute Morgen festgestellt, dass eine dreifache Spiegelung zwischen Fenster, Fliesen und Spiegel in der Seele eines achtundfünfzigjährigen Mannes eine Verwirrung hervorrief. Für einen kurzen Moment glaubte der Mann ein Gespenst zu sehen, dann verstand er aber, dass er sich selber sah. Der Mann freute sich darüber, sich selber unvorbereitet gesehen zu haben. Das bringt richtig etwas, meinte er.“

17.05.2009

Susanne Sturm schrieb: „Wir MCSler sind Kanarienvögel“

Also, seitdem ich mich so anders ernähre, gebrauche ich viel mehr Salz. Fast scheint es mir, als ob manches mal mir das Salz die Süße ist. Nicht jedes Salz ist gleich gut, am liebsten mag ich Steinsalz. Auch Himalayasalz ist gut, natürlich ist es auch ein Steinsalz, aber das, was ich meine, ist das Steinsalz aus einer bestimmten Gegend. Himalayasalz, das war mal, jetzt das Steinsalz aus meiner Heimat.
Salz auf meiner Haut, ein Roman, den mochte ich auch, das war auch mal. Echtes Salz auf meiner Haut nach dem Baden im Meer, das liebe ich ebenfalls, vor allem Salz in meinem Haar. Dann wird es so besonders, und meine Locken können Locken sein, eher klein und unaufdringlich, aber doch da, stetig und gedreht. Die Sonne macht es dann hell und ich fühle mich sommersprossig gut.
Salz in der Wunde ist nicht so gut, aber irgendwie manchmal doch. Einen Moment halte ich die Luft an, spüre den Schmerz und atme ihn weg. Es sind aber auch nur kleine Wunden, wie es bei den großen wäre? Ich weiß nicht, ob ich so lange den Atem anhalten könnte. Wunden, die noch tiefer sind und schon Narben gebildet widerstehen dem Salz und der Atem kann endlos angehalten werden.
Salz heilt aber auch.
Gurgeln mit Salzwasser.
Zähneputzen mit Salz.
Salz auf Bilder kippen, den Boden scheuern.
Salz als Mutprobe, mit zehn und noch zwei weiteren Mädchen. Heimlich mitgenommen von zu Hause, in einem Kaffeepapierfilter. Aber dann doch nicht genommen, es war einfach zu eklig, und dann war es uns auch zu blöd. Wir waren trotzdem Freundinnen und ein geheimer Bund im Gartenhaus von Birgit.
Salz auch auf Weinflecken im Teppich oder der Tischdecke, schnell, schnell, ehe es eingetrocknet ist. Salz als Brocken, den mein Vater aus einem Bergwerk mitbrachte; er durfte einfahren, als Gewerkschaftssekretär, ich nicht, ich war ein Kind und ein Mädchen, kein Mann. Nur Männer dürfen Unter Tage. Merkwürdig. Und Schnupftabak aus Pfefferminzpulver schniefen sie durch die Nase, weil man dort unten nicht rauchen darf. Wieso brauchen Bergmänner überhaupt was für die Nase und Mund?
Und wenn die Luft gar zu schlecht wird, dann sterben zuerst die Kanarienvögel, sie begleiteten die Männer, damit diese nicht starben und die Frauen nicht weinten und die Kinder ihre Väter hatten. Samstags gehört Vati mir. Und damit bin ich bei meinem Essen mit viel Salz, was so anders ist als bei andren und anders als früher bei mir.
Wir, die MCSler, sind auch Kanarienvögel. Wir reagieren als erste, so wie die Wälder und die Vögel im Bergwerk, die Bienen. Vielleicht achtet man nicht auf uns, weil wir vorher nicht so schön gesungen haben. Mädchen die pfeifen, Hühner die krähen, den sollten man beizeiten die Hälse umdrehen. Krause Haare krauser Sinn, sitzt nichts als der Deibel drin.
Du renitente Hexe.
Gut, dass mein Vater ein Gewerkschaftssekretär war, für ihn war ich der Goldfasan.
Susanne Sturm

12.05.2009

Sammy und Samuel heute. „Erzähl mir mal eine Geschichte!“

Sammy: „Lieber Samuel, wenn ich auf dich schaue, habe ich das Gefühl, dass du Geschichten erzählen möchtest – aber dennoch schweigst. Was hält dich davon ab, dich in die Sprache hinein zu bewegen? Warum kommst du nicht vom Fleck? Hast du nicht einmal gesagt, dass du dein Leben den ungeschriebenen Gedichten widmen willst?“

Samuel: „Du hast Recht; in mir gibt es tausend Geschichten. Oder müsste ich sagen, dass die Geschichten mich wie Vögel umgeben? Manche dieser Geschichten stehen still auf einem Bein im Wasser & warten, andere taumeln kreischend im Wind, noch andere hüpfen hübsch von Ast zu Ast, wieder andere kreisen hoch oben in der blauen Ferne. Du weißt doch, Sammy, wie es mit den Vögeln ist: sie sind schwer zu ergreifen.“

Sammy: „Geschichten erzählen, heißt also Geschichten ergreifen?“

Samuel: „Nein, wenn ich behaupte, dass Geschichten ungreifbar sind, stimmt das schon – dennoch mache ich es mir damit leicht. Geschichten soll man nicht ergreifen wollen, weil sie in unseren Händen sterben. Sich auf eine Geschichte einzulassen, heißt gerade das Umgekehrte: man lässt sich selber los & man fliegt mit & man taumelt & schwankt & stürzt & lässt sich letzten Endes vielleicht wie ein landender Schwan auf dem Wasser ausgleiten.“

Sammy: „Und damit tust du dich schwer?“

Samuel: „Ja. Ich sitze manchmal in mir & bei mir & eben neben mir & sehne mich nach Luftbewegungen, nach kreisen & umkreisen (Rilke: Bin ich ein Falke?) & stelle fest, dass ich unbeweglich wie ein Turm in der Landschaft stehe. Du hast es schön gesagt: Ich komme nicht vom Fleck. Dieses in mir & bei mir & eben neben mir Sitzen ist eine tödliche Fixierung. Es führt dazu, dass ich selber nicht einmal zu einer Geschichte werden kann.“

Sammy: (...)

Samuel: „So ist es! Es gibt Schweigen & Schweigen. Das erste Schweigen ist wie eine Verankerung in deinem Leib & in deinen Erinnerungen & in deinen Hoffnungen & in deinen alten Selbstentwürfen... So ist es mit Türmen: sie sind gebaut worden, um uns zu schützen. Wenn ich in meinem Turm sitze & schweige, weil ich Angst habe, schweige ich mich in das Salz hinein. Der große Dichter aus Chile, Pablo Neruda, nannte das: die begrabene Geometrie, die Schule des Salzes. Dieses Schweigen bedeutet bewahren.“

Sammy: (...)

Samuel: „Das zweite Schweigen bedeutet Wink & neuen Anfang. In diesem Schweigen machen sich die Geschichten vom Gewordenen los & heben sich aus den Angeln der Quadratur & stülpen sich um & lassen sich durch die Archive der Zukunft anziehen. In dieser Schule der warmen südlichen Luft werden sie neu geboren. Sammy, wenn ein Mensch zu einer fliegenden Geschichte wird, heißt das, dass er Flügel bekommt.“

Sammy: „Erzähl mir mal eine Geschichte!“

Samuel: „Heute morgen saß ich bei mir & in mir & neben mir. Um mich herum gab es die stillen Geräusche der Stadt: die Autos & die Züge & die Bauarbeiten & die Stimmen der Nachbarn... Und ich hatte das Gefühl, dass keines dieser Geräusche eine Botschaft für mich enthielt. Die Welt war stumm & von mir abgekoppelt. Als dann ein Handy klingelte, merkte ich nicht einmal, dass es mein Gerät war.“

„Das Handy machte einen zweiten Versuch & ich stellte fest: jemand versucht mich zu erreichen! Ich ging an den Apparat, sagte: mit Samuel Coster & hörte zu. Was ich aber hörte, war ein merkwürdiges Geräusch, ein Klick-klack-klick-klack, fast so, als ob jemand irgendetwas Holzartiges hinter sich her eine Treppe hoch schleppt. Auf mein Hallo-Hallo-Hallo folgte keine Reaktion. Ich wartete & wartete & hörte das Klicken & Klacken & dazu noch Geräusche, die ich gar nicht einordnen konnte.“

„Dann gab es auf einmal eine metallene Stimme, die deutlich hörbar sagte: ‚Der Zug nach Basel hat zwanzig Minuten Verspätung’. Das Klicken & Klacken hörte sofort auf & eine mir unbekannte Stimme sagte: ‚Scheiße!’ Dann fing das Klicken & Klacken wieder an & kurz darauf riß die Verbindung ab.“

Sammy: „Ist das eine Geschichte?“

Samuel: „Nein, eigentlich nicht. Es ist ein Erlebnis. Es kann aber eine Geschichte werden, wenn ich es will.“

04.05.2009

Samuel hat heute das Gefühl: „Ich müsste ihr einen Brief schreiben“.

„Ich müsste ihr einen Brief schreiben. Schreiben, dass es mir nach fünfunddreißig Jahren noch immer Leid tut. Dass irgendetwas unerledigt geblieben ist, weil ich damals gar nichts verstanden habe. Dass ich damals nicht einmal verstanden habe, dass es etwas zu verstehen gab. Ich möchte erfahren, ob sie damals etwas verstanden hat & was sie jetzt versteht. Ich möchte wissen, wo sie in all den Jahren war & was sie gemacht hat – ob sie einen Geliebten gefunden hat, Kinder bekommen hat, und vor allem: ob sie wirklich so enttäuscht war, wie ich mir das heute vorstelle. Ja, warst du enttäuscht? Nein, so müsste ich schreiben: Bist du noch immer enttäuscht? Nach all den Jahren? So wie ich irgendwie auch enttäuscht bin, nach all den Jahren, weil ich damals gar nichts verstanden habe? Gibt es in dir, irgendwo tief versteckt, noch einen Schmerz, weil ich dich damals nicht mehr wollte? Weil ich in mir blieb, bei mir blieb & nicht zugelassen habe, dass du dich in mir fortsetzen konntest, dass du mit deinem Lachen, mit deinem Schweigen, mit deinen Hoffnungen in mir einen Ort finden konntest, einen zweiten Platz um zu sein – ja, eine zweite Unterkunft braucht man ja! Warum? Um von außen in einer fremd-vertrauten Innerlichkeit auf sich selber schauen zu können, um einen musikalischen Raum zu haben, den man betreten kann & in dem man versteht: diese Musik betrifft mich! Wo man sich in fremd-vertrauten Motiven aufgehoben fühlt, wo man spürt: ich bin in dem verwirrenden & absurden & verzwickten Leben eine erkennbare Melodie. (...) Habe ich damals von dir gesungen? Nein. Ich konnte es nicht. Heute, ja heute, nach fünfunddreißig Jahren, versuche ich irgendwie von dir zu singen, weil deine Art mir erst jetzt klar geworden ist, ich meine: erst jetzt sehe ich deine Aufrichtigkeit & Schweigsamkeit & Liebe. Vielleicht ist es so, dass du mich geliebt hast. Darf ich dich heute fragen: hast du mich geliebt? Oder darf ich diese Frage nicht stellen, nicht mehr stellen, weil ich sie damals nicht gestellt habe? War es gerade diese Frage, die ich nicht ertragen konnte? Nicht denken konnte. Und nicht spüren oder fühlen wollte? Darf ich die Frage nicht stellen, weil es mir auch heute noch kalt wird, wenn ich daran denke, dass ich damals deine Aufrichtigkeit & Schweigsamkeit & Liebe nicht einmal sehen konnte, nicht anerkennen, nicht würdigen konnte? Gibt es in mir noch immer keinen Grund, mich dir zuzuwenden & dich zu fragen ob... Ich möchte wissen - ja, warum eigentlich? - ob du damals sprachlos warst, weil ich ein unausgesprochenes Versprechen nicht einhalten konnte & auf einmal so handelte als ob ich deine Melodie nie gehört hätte? Habe ich dich verraten? Und mache ich das eigentlich noch immer, weil ich schreibe: ich konnte damals deine Art nicht sehen? Ja, es ist wahr, ich habe deine Art wohl gesehen, oder gespürt, oder geahnt... Vielleicht stimmt es so: nicht gesehen, wohl aber geahnt... Ein Mensch braucht offenbar bittere Erfahrungen um Ahnungen in Vorstellungen & Gedanken & Begriffe verwandeln zu können. Ich hatte damals keine Ahnung von Ahnungen. (...) Du hast damals verstanden, was ich suchte. War mir das zu viel? Du hast mir Mingus & Zappa & Wittgenstein & die russischen Ikonen gebracht. Und Osiris & Isis & Horus. Und deinen Vater, der schon gestorben war. Und deinen Bruder, der bald sterben würde. Und deine Beine in hohen Stiefeln. Und dein stilles Lachen – ja, was könnte ich heute über dein Lachen sagen? Irgendwie schien mir dein Lachen ein Versprechen zu sein, eine breite Landschaft bis zum Horizont, ein Freiraum... War mir das alles zu viel? Ja, mit Charles Mingus & Ludwig Wittgenstein & Andrei Rublev ist mein Leben weiter gegangen & auch mit Osiris & Isis & Horus & später sind Apollo & Orpheus & Miles Davis & Captain Beefheart & Rainer Maria Rilke & Virginia Woolf dazu gekommen & ´Hulshorst, als vergeten ijzer is je naam`. Es ist weiter gegangen, aber ohne deinen verstorbenen Vater, ohne deinen Bruder, ohne dich. Du wurdest ein Loch in mir, eine dunkle Stelle, worauf ich nicht schauen wollte oder konnte, ein Zimmer hinter einer verschlossenen Tür. (...) Eigentlich möchte ich dir einen Brief schreiben mit der Frage, ob ich dir einen Brief schreiben darf. Ich weiß aber, dass du diese Frage nicht beantworten kannst, weil nur ich das kann. Es ist ja meine Frage an mich: darf ich dir einen Brief schreiben? Oder besser: darf ich ihr einen Brief schreiben? Gerade mit dieser Frage hast du ja gar nichts zu tun. (...) Ich weiß nicht einmal wo sie lebt. Vielleicht ist sie schon lange aus der Großstadt weg & lebt irgendwo am Meer, wo die Möwen sich kreischend in die Höhe mitnehmen lassen & sich dann in die Tiefe stürzen & dort einen Fisch schnappen & wieder nach oben schwenken.“

Mit Dank an Sophie Pannitschka

28.04.2009

Text als Teppich. Über Samuel und einen Händler

... und ja, Samuel hatte es schon verstanden! Das Grinsen des Händlers hatte sich wie ein Vogel von seinen Lippen befreit und sich breit über die Straße & über die Dächer bis zum Horizont ausgeweitet. Und Samuel war mit aufgestiegen, über die Straße & über die Dächer, wie ein Vogel, und er hatte gesehen, wie das Grinsen sich dort, wo die Erde sich zurücknimmt, auflöst. Das Grinsen, dachte Samuel, hört nicht da auf, wo der Mund Wange geworden ist, sondern dehnt sich – auch wenn wir es nicht merken – über die erkennbaren Grenzen von Stadt & Landschaft & Himmelskuppel aus. Und wenn ich will, so meinte er, kann ich mit aufsteigen - mit dem Grinsen des Händlers, der ja plötzlich vor mir stand und dann grinste, weil er meine Hilflosigkeit sofort erkannte. Ich brauche ja nicht bei dem Mann zu bleiben, der auf mich schaut und meine Gifte achtlos genießt, als wäre ich eine Zigarette. Das Grinsen hat eine schwingende Kraft nach oben & auf den Wellen kann man bis in den Himmel surfen. (...) Bald aber war Samuel wieder auf seine Füße zurückgekehrt, weil das Grinsen unerkennbar & irgendwie Atem geworden war & keinen Halt mehr bot. Er war in der sonnigen Stadt weiter gewandert, den Teppich unter seinen Arm gerollt, den Verkäufer noch in Gedanken. Der Mann, meinte Samuel, hat seine Nase tief in meine Angelegenheiten gesteckt & sein Blick hat so gestochen, wie sonst nur Pfeile stechen. Alles an ihm schien scharf & kantig & schmutzig – nur seine Hände nicht, die waren sanft & fein. Er hat mit seiner Hand, dachte Samuel, die Haut des Teppichs gestreichelt & für eine Weile gar nicht gegrinst & ohne Worte auf der sanften Fläche verweilt, als wäre er in der Wüste, als wären seine Kinder dabei, vielleicht sogar seine Mutter. Die Finger hatten zarte Spitzen & die Nägel waren weit zurück geschnitten & die Farbe der Haut war rosa & Samuel meinte: zehn samtweiche Berührungsfläche – und alles was die Finger berühren, wird in lebendige Haut verwandelt! (...) Bin ich jetzt Haut geworden, dachte Samuel? Nein, ich trage meine Haut unter meinem Arm mit. Und wenn ich will, nur wenn ich will, kann ich meine Haut ausrollen & sie berühren lassen. (...) Der Händler war auf einmal aufgetaucht – wie Samuel meinte: aus dem Erdboden aufgeklumpft, aufgestapelt, oder besser: aus dem Nichts aufgerichtet. Der Grund seines Daseins, dachte Samuel, liegt unter meinen Füßen. Und weil ich auf der Flucht bin, ja immer immer immer auf der Flucht bin & meine Füße sich wie Klumpen auf der Erde bewegen, ja immer immer immer fortbewegen, ohne inne zu halten, ohne zu hören, ohne zu berühren, entstehen da unten Löcher & Löcher & Löcher – Schritt um Schritt Löcher & in den Löchern entstehen die Händler & aus den Löchern kommen die Händler zum Vorschein & sagen: Halt! Gerade das hatte der Händler gesagt: Halt, und ja, Samuel hatte es schon verstanden! Das Grinsen des Händlers...

Mit Dank an Sophie Pannitschka

21.04.2009

Erschütterung & Verschweigung. Über meinen zweiten Herzinfarkt

Anfang Februar hatte ich meinen zweiten Herzinfarkt. Ich schreibe „meinen“, weil Herzinfarkte individuell geprägt sind. Mit Herzinfarkten ist es wie mit dem Geboren werden und dem Sterben: jeder Mensch hat seine eigene Geburt & seinen eigenen Tod. Mein zweiter Herzinfarkt kam schnell, kräftig & direkt. Weil ich die Zeichen sofort erkannte & eine Kollegin mich binnen zehn Minuten ins Krankenhaus bringen konnte, habe ich die Krise überlebt.

Letzte Woche traf ich eine andere Kollegin. Sie kam auf mich zu, umarmte mich, schaute mich an & fragte spontan: „Was ist anders an dir geworden? Irgendwie hast du dich verändert!“ Weil wir in einem Raum mit vielen anderen Menschen waren, konnten wir nicht wirklich miteinander reden. Und ich sagte: „Nun ja, ich habe mich schon ein paar Wochen nicht mehr rasiert. Vielleicht liegt es daran?“ Es war mir aber klar, dass etwas anderes gemeint war.

In den letzten Monaten haben mich viele Bekannte & Kollegen & Freunde gefragt, wie es mir geht, was der Infarkt mit mir macht & wie ich daran arbeite, einem Nächsten vorzubeugen. Und ich habe versucht, so gut wie es eben geht, diese Fragen zu beantworten. Nein, leicht fiel mir das nicht, gerade weil es „meinen“ Herzinfarkt betraf. Dazu kam, dass eindeutige Antworten leider nicht vorhanden waren.

Ich hatte eher das Gefühl, mich innerlich in einer Spiegelgalerie von Bedeutungen zu befinden. Schaute ich nach links, sah ich mich von hinten gespiegelt, und dachte: siehst du, es geht dir beschissen; schaute ich nach rechts, sah ich mich von vorne, und dachte: ach, es geht dir doch ganz gut! Die Botschaften meines Körpers & meiner Seele waren richtig widersprüchlich & deswegen verwirrend.

Was machen Herzinfarkte? Bei mir führen sie erst einmal dazu, dass ich auf alles schaue, was ich in meinem Leben falsch gemacht habe. Und das ist ziemlich viel. Exzessiv rauchen, zu viel essen (fett), mich zu wenig bewegen (ich hasse sportliche Tätigkeiten), unregelmäßig und ohne Tagesrhythmus leben, und vor allem auch: immer wieder den Stress aufsuchen – so, als ob der Stress verrät, wo das richtige & prächtige & spannende Leben ist.

Herzinfarkte können uns auf eine Schiene bringen, die weit & tief ins Abseits führt. Dort im Abseits herrscht die klare Kenntnis, dass ich in meinem Leben völlig daneben war & immer noch bin. Im Abseits klingt die Frage: Was wäre Positives über dich zu sagen, wenn du nicht einmal im Stande bist, dein Leben verantwortungsvoll in die Hand zu nehmen? Ist dein Infarkt nicht ein Beweis dafür, dass du das Leben ganz & gar nicht verstanden hast?

Ich bin in den letzten Monaten auf diese Schiene geraten. Ein Abgrund hatte sich geöffnet & die Finsternis drohte mich zu verschlingen. Ich sah nur noch EINE Leiter nach oben. Die Stufen dieser Leiter bestanden aus einer Liste von harten Aufgaben: aufhören mit dem Rauchen, gesünder essen, mich sportlich bewegen, rhythmisch leben, innerlich Frieden finden... Und ich muss zugeben: manchmal hat die Liste mich komplett überfordert.

„Was ist anders an dir geworden?“ Diese Frage meiner Kollegin holte mich aus dem Abseits – sie wirkte so, als ob ich auf einmal frei & neu auf mich schauen konnte. Die Frage wendete meinen Blick nach innen. Und was ich sah, war eine Person, die ins Zentrum ihres biographischen Knotenwerks geraten war. Man könnte auch sagen: ich sah mich nach innen „implodiert“, und bis in die inneren Gefüge meines Schicksals gedrängt.

Ich schaue den ganzen Tag nach innen. Ich sitze da irgendwo unten in einem Raum bei mir, nur bei mir – und in dem dürftigen Licht erscheinen Bilder aus meinem Leben. Obwohl der Raum ganz klein ist, wimmelt es dort von Erinnerungen. Und von Fragen. Zum Beispiel: als ich mich damals als Siebenundzwanzigjähriger dazu entschloss, für die Anthroposophie zu leben und zu arbeiten, was waren eigentlich meine Hoffnungen dabei? Und was habe ich dadurch meiner Familie zugemutet? Und meinen Freunden & Kollegen? Was habe ich mir zugemutet?

Da ganz unten geht es nicht um Wahrheiten & Schönheiten, sondern um Intentionen. Was wollte ich eigentlich erreichen? Wenn ich auf meine damaligen Erwartungen & Hoffnungen schaue & verfolge wie sie sich in meinem Leben weiter entfaltet, oder gerade nicht entfaltet haben, wird mir klar: in meinem Leben brennt ein richtiges Feuer.

Was mich da ganz unten aber auch beschäftigt, ist eine Erschütterung. Viele Hoffnungen & Erwartungen sind nicht eingetreten. In dem spärlichen Licht in meinem „Unterschlupf aus dunkelstem Verlangen“ (Rainer Maria Rilke: Die Sonette an Orpheus) sieht mein Leben wie eine unfertige Baustelle aus. Ja, viele Ansätze, viele Versuche, viele Aussichten sind vorhanden... Ein strahlendes Gesamtkunstwerk ist nicht zu entdecken.

Ich glaube, dass ich noch eine Weile da unten bleibe. Das Sitzen-in-mir im dürftigen Licht macht keinen Spaß, bringt aber vielleicht gerade das, was ich dringend brauche: Verwurzelung & Verschweigung & Verwandlung.

Mit Dank an Sophie Pannitschka