27.03.2009

Turm von Babel steht noch da (1). Über eine stolze Beleidigung

Der Turm von Babel steht noch immer da - in der Geschichte, in der Gegenwart, in mir, in dir, in uns... Er ist nicht nur unvollendet, so wie wir das vielleicht schon wissen, sondern er zerfällt auch, wie eine Ruine. In seiner Halbheit fällt er auseinander und ist dadurch nicht einmal mehr unvollendet.

Auf dem weiten Feld um ihn herum liegen seine Steine, seine Treppen, seine Dachziegel, seine Schornsteine... Man braucht einen Einblick in seine Geschichte, um sehen zu können, dass er einmal ein hoher und stolzer Turm sein sollte – ohne diese Erkenntnis sähe man nur einen Stumpf in einem Trümmerfeld.

Und man würde sagen: „Na ja!“

Ich möchte versuchen, mich um die Ruine zu kümmern. Nicht, dass ich viel machen könnte, wahrscheinlich sogar überhaupt nichts. Denn ich bin kein Architekt, kein Archäologe, kein Historiker. (Nicht einmal ein Tourist.) Mir stehen keine Baupläne, Kräne und Finanzen zur Verfügung, nicht einmal eine Kamera – das Einzige was ich habe, sind meine Aufmerksamkeit und meine Worte. Mich um die Ruine zu kümmern, heißt also nur: ich begebe mich auf das Trümmerfeld und beschreibe in Worten was ich vorfinde.

Ein Turm ist ein Gebäude. Irgendwann sind wir Menschen auf den Gedanken gekommen, dass wir bauen können. Wir waren bestimmt längst nicht mehr im Paradies, denn dort wird nicht gebaut. So ist das mit dem Paradies: man kommt nicht auf den Gedanken dort zu bauen, weil der Ort vollendet ist. Das Bedürfnis, ein Haus oder einen Tempel oder einen Turm zu bauen, entsteht erst, wenn irgendetwas nicht (mehr) stimmt.

Weil Menschen aber offensichtlich gestalten wollen, ja, ohne die Tätigkeit des Gestaltens nicht vollständig sind, ist das Paradies ein ungünstiger Ort. Gerade in seiner Vollständigkeit ist das Paradies aus menschlicher Sicht unvollständig. Die Vollständigkeit des Paradieses war damals – damals? oder heute? - so komplett und allgegenwärtig, dass nur ein explizites Verbot den Weg zur Freiheit bot. Man könnte auch sagen: Gott hatte mit seinem kuriosen Verbot in seinem Paradies einen Trick eingebaut.

Oder noch genauer gesagt: wir brauchen einen mythologischen Trick um einerseits die Vorstellung des Paradieses als vollständigen Ort aufrecht zu halten und anderseits selbst gestalten und bauen zu dürfen. Das Verbot war wie ein gerade-nicht-gerade-doch von Gott geplantes Loch im Zaun. Mit klaren Begriffen und bewussten Zielen konnten wir uns damals - damals? oder heute? - nicht vom Paradies und letztendlich von den Göttern verabschieden. In einer verwirrenden und sehr innigen und eben unausgesprochenen Zusammenarbeit mit Gott sind wir aus dem Paradies gerutscht und auf unsere eigenen Beine gestellt worden.

Uns ist deswegen noch immer nicht klar, was wir genau machen, wenn wir etwas gestalten. Sind wir als Bauende unserem Schöpfer treu? Oder ist jedes Haus, jede Autobahn, jede Kirche, jeder Turm im Grunde genommen eine Art Beleidigung? So lange wir glauben wollen, dass Gott existiert, haben wir als Baufrauen und Bauherren ein Problem, weil seine Vollständigkeit immer wieder peinlich genau unsere Unvollständigkeit hervorhebt. Es ist also durchaus sinnvoll, nicht an Gott zu glauben.

Mit dem Turm von Babel steht es anders, das heißt: der Turm sollte anders da stehen. Der Turm war gerade als stolze Beleidigung gemeint. Der Turm von Babylon war eine groß ausgeführte Frechheit, ein bewusster und gewollter Versuch, Gott zu lästern und zu beschimpfen und vor allem überflüssig zu machen. Der Turm von Babylon stellt ein großartiges Paradox dar: Gott, wir brauchen dich nicht, um dich zu erreichen!

Mit Dank an Sophie Pannitschka

21.03.2009

Finanzkrise und Sprache. Die Welt will von Menschen gefühlt werden

Die Finanzkrise und die Wirtschaftskrise (sind es eigentlich zwei Krisen?) erzeugen weltweit eine heroische Sprache, die deutlich macht, dass die Staaten & die internationalen Organisationen & die Presse meinen, sich in einer Art Krieg zu befinden. Die Krise soll dadurch „gemeistert“ werden (Angela Merkel), dass die Volkswirtschaften gemeinsam die Rezession „bekämpfen“. Die Süddeutsche Zeitung meldet zum Beispiel: „EU stemmt sich gegen die Krise“.

(Kann man sich gegen eine Krise stemmen? Ich glaube nicht.)

Die Art und Weise wie über ein bestimmtes Phänomen gesprochen wird, offenbart direkt, wie man sich dazu verhält. Die Sprache der Finanzkrise (die ja natürlich auch eine Wirtschaftskrise und sogar eine Kulturkrise ist) verrät ein Weltbild, in dem es um „beherrschen“ & „eingreifen“ & „steuern“ & „bekämpfen“ geht. Die Sprache basiert auf einer impliziten Wahrheitsvorstellung, die mir katastrophal erscheint.

Die Vorstellung ist ungefähr so. Etwas ist grundsätzlich schief gegangen – erst in den Vereinigten Staaten und dann leider auch bei „uns“. Vor allem Banker & Spekulanten haben entweder aus Fahrlässigkeit oder aus Gier große „Fehler“ gemacht, die dazu geführt haben, dass das ganze „System“ aus dem Lot geraten ist. Unerwünschte Folgen sind aufgetreten, die es jetzt zu beseitigen gilt.

Anders gesagt: wenn die Banker und Spekulanten moralisch & sachlich „richtig“ gehandelt hätten, wäre nichts Schlimmes geschehen. Und um die Fahrlässigkeit oder die Gier (ja, was war es eigentlich?) zu bändigen, soll jetzt das System korrigiert werden. Die Regeln sollen einerseits hier und dort neu formuliert & andererseits kräftiger gehandhabt werden. Der Ausgangspunkt dabei ist klar und deutlich: „Die Märkte müssen frei sein, aber nicht wertfrei“ (Gordon Brown).

Es ist immer die gleiche Frage: sind die Menschen dumm (fahrlässig) oder schlecht (gierig)? Für die Sozialisten sieht es so aus: die armen Leute sind gut, die reichen Leute schlecht & die „normalen Bürger“ leider manchmal fahrlässig. Und warum sind die Reichen schlecht? Weil kein Mensch, moralisch gesprochen, dem Reichtum gewachsen ist. Zu viel Geld & damit zu viel Macht korrumpieren.

Und die freien Demokraten - sagte man nicht früher: die Kapitalisten? - sie meinen, dass die armen Menschen dumm sind, die Reichen clever und alle leider manchmal moralisch & sachlich fahrlässig. Und warum sind die armen Menschen dumm & die reichen Menschen clever? Das große philosophische Problem des Kapitalismus ist es, dass diese Frage eigentlich nicht beantwortet werden kann.

Die Finanzkrise scheint mir letztendlich eine Kulturkrise zu sein. Es kann ja ganz & gar nicht um die Frage gehen, wie & warum „etwas“ (ja, was?) schief gegangen ist. Nichts ist schief gegangen. Nix. Nie geht „etwas“ schief. So etwas wie „schief gehen“ gibt es überhaupt nicht. Nirgends & nie, weil alles was ist & erscheint & sich zeigt, gerade das ist, was ist & erscheint & sich zeigt. (Vielleicht einfach mit Wittgenstein: „Die Welt ist, was der Fall ist“.)

Die Staaten & die internationalen Organisationen & die Presse versuchen die Vorstellung aufrecht zu erhalten, dass es einen Krieg gibt, den „wir“ gewinnen müssen & können. Sie tun alles, um den „einfachen Bürgern“ (die es ja gar nicht gibt) das Gefühl zu geben, dass sie alles im Griff haben. Der weltweite Tsunami von Konjunkturpaketen soll in erster Linie die Bürger beruhigen, etwas darf nämlich nicht sein: Panik.

Und das stimmt natürlich. Auch wahr ist aber, dass die Angst vor der Panik & der dementsprechenden Ideologie-der-Beherrschung verhindern, dass die Krise zur gesellschaftlichen Betroffenheit führt. Wenn es im Leben wirklich Veränderung & Verwandlung & Neugeburt gibt, läuft das immer über Betroffenheit. Erst wenn man betroffen ist, kann die Katharsis erfolgen.

Wir sind dabei, uns von einer Kultur zu verabschieden. Die Krise geht weit über Geld & Banken & Unternehmungen & Arbeitsplätze hinaus. Was in dieser Krise zu Ende geht, ist der Grundgedanke der Aufklärung, dass wir uns nicht auf die Welt einzulassen brauchen, um sie im Griff zu haben. Laut der Aufklärung braucht man die Welt nicht zu fühlen, um sie in Gang zu halten.

Die Welt will aber von Menschen gefühlt werden. Und vielleicht ist es SEHR wahr, dass die Staaten & die internationalen Organisationen gerade nicht die Aufgabe haben, diesen Abschied zu thematisieren & zu begleiten. Diese Trauerarbeit liegt eher in den Händen von Dichtern & Künstlern & Philosophen & Priestern & Propheten & Ärzten & Erziehern & Therapeuten & Wissenschaftlern.

Mit Dank an Sophie Pannitschka

12.03.2009

Die Schätze von Köln. Die Verlegenheit ist vorbei

Köln besteht aus vier Herzkammern. Und das heißt, dass das Herz von Köln zwischen Norden & Süden, Osten & Westen klopft. Köln ist aber auch verunsichert. In meinem Buch „Herzwerk“ schrieb ich 2006 über die Stadt: „Es scheint, als befänden sich die Kölner – ganz anders als die Einwohner von Amsterdam, Florenz oder Brügge – in einer gewissen Verlegenheit. Sie wollen die Dinge aus der Vergangenheit zwar gut bewahren, doch gleichzeitig wissen sie nicht, was sie damit anfangen sollen“.

Und: „Die Kölner sprechen untereinander oft liebevoll von ihrer ´Metropole`, doch es gelingt ihnen nicht, deren Besonderheiten den Besuchern sichtbar zu machen“. Wenn man nach Köln kommt und die Stadt besucht, wird man nicht bedrängend auf ihre wunderbare Geschichte hingewiesen. Ganz im Gegenteil: die Spuren von Albertus Magnus & Konrad Adenhauer & Heinrich Böll & Karl-Heinz Stockhausen findet man nur, wenn man Glück hat.

Köln blickt auf eine Geschichte von 2000 Jahren zurück. Wenn man gräbt oder rückwärts denkt, stößt man auf Rheinländer, Nazis, Preußen, Franzosen, Benediktiner & Dominikaner, Normannen, Franken, Merowinger, Römer & Ubier.

Als letzte Woche Dienstag, am 03.03.2009 um 13.58 Uhr, das historische Stadtarchiv an der Severinstrasse einstürzte, wurde die Aufmerksamkeit weltweit auf die Schätze von Köln gerichtet. Auf einmal wurde deutlich, dass der imposante Dom der Stadt, den Blick von manch anderen wunderbaren Sachen abgelenkt hat. Und die Kölner selber waren schon ein bisschen überrascht zu erfahren, dass es sich bei ihrem Stadtarchiv um das größte kommunale Archiv nördlich der Alpen handelt.

Das sechsstöckige Archivgebäude an der Severinstrasse stand unauffällig in der Südstadt. Es schien sich nur mit der physischen Aufbewahrung von Urkunden & Akten & Karten & Manuskripten zu beschäftigen. Nicht weniger als 26 Regalkilometer Akten befanden sich hinter der introvertierten Fassade. Wenn ich an dem Gebäude vorbei kam, hatte ich nicht das Gefühl gerufen zu werden. Nein, die Fenster-die-es-gar-nicht-gab waren nicht an Passanten interessiert. Sie blickten nicht nach außen, sondern nur nach innen, auf Schätze die niemand sah.

Jetzt sind die Schätze in der Unterwelt gelandet. So ist es mit nicht geliebten Schätzen: sie verschwinden in den verborgenen Tunneln des Lebens. Ich glaube aber nicht, dass sie wirklich verschwunden sind. Meine Vorhersage lautet: die Schätze werden ausgegraben & richtig ins Licht gestellt werden.

Also, die Kölner werden graben. Und sie werden ihre Verlegenheit überwinden & ihre Metropole mit neuen Augen anschauen & sie mit neuen Augen zeigen.

Mit Dank an Sophie Pannitschka

04.03.2009

Traumbuch I & II von Willem Frederik Hermans. Dazu eine Frage

Ich träumte, dass ich in einem alten Haus mit Treppen & Korridoren & Zimmern & vor allem Bücherregalen war – überall waren dort Bücherregale. Ein Unbekannter hatte mich durch eine Hintertür in das Haus geführt. Niemand sollte von meinem Besuch wissen, weil nur ganz bestimmte Leute Zugang zu den alten Büchern haben durften. Und zu diesen Leuten gehörte ich nicht. Als ich schweigend über die Treppen & durch die Gänge ging, hatte ich das Gefühl, von dunklen Geheimnissen umschlungen zu sein.

In dem Haus wurden vergessene Bücher aufbewahrt. Es war mir nicht erlaubt, die Bücher in die Hand zu nehmen. Ich sollte gerade all die vielen Bücher unberührt in den Regalen stehen lassen & warten, bis ich das Exemplar, das gerade für mich gemeint war, fand. Irgendwo in dem Haus gab es ein vergessenes Buch, das nur von mir gefunden & wieder entdeckt werden konnte.

Es dauerte gar nicht lange, bis ich das Gesuchte fand: zwei schwarze Hefte, die durch ein Gummiband zusammen gehalten wurden. Als ich sie im Regal sah & „erkannte“, nahm mein unbekannter Begleiter die Bände heraus und legte sie in meine Hände. Das erste Heft sah sehr benutzt aus, so, als ob jemand es auf einer Weltreise dabei gehabt hätte. Auf dem Umschlag stand groß & handgeschrieben die römische Ziffer I.

Das zweite Heft sah noch ganz neu aus, obwohl es komplett vollgeschrieben war. Als ich es aufschlug, dachte ich: „Wie schafft es jemand, ein Notizbuch ganz voll zu schreiben & es trotzdem so jungfräulich aussehen zu lassen?“ Auf dem Umschlag stand die römische Ziffer II. Und ich dachte: „Merkwürdig – ein erster Teil fast abgenutzt, ein zweiter Teil noch ganz ungelesen.“

Einen Titel oder einen Namen gab es auf den Heften nicht – nur diese großen Ziffern I & II. Als ich aber genauer schaute, meinte ich die Handschrift zu erkennen, und ich sagte zu meinem Begleiter: „Es muss das vergessene Manuskript von Willem Frederik Hermans über die wahren Ursachen des Zweiten Weltkrieges sein!“ „Ach“, sagte mein Begleiter, „dann wissen wir jetzt endlich, worum es sich handelt. Offensichtlich konnte nur jemand von außen uns das verraten“.

Ich hatte die beiden Hefte noch nie gesehen – hatte nicht einmal einen Grund zu meinen, dass sie überhaupt existierten. Doch waren sie mir vertraut, so, als ob sie irgendwie zu meinem Leben gehörten. „Bitte, nehmen Sie die Bücher mit“, sagte mein Begleiter, „etwas soll damit geschehen. Kommen Sie in einem Jahr zurück & erzählen Sie mir, was Sie damit gemacht haben“.

So weit der Traum. Willem Frederik Hermans gehört zu den großen holländischen Schriftstellern aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Er starb 1995. In seinen Romanen und polemischen Essays zeigte er ein existentielles Misstrauen, dass er schonungslos durch seine brillante Sprache auslebte. WFH war ein großer Kritiker, der mit seinem scharfen Blick in die holländische Gemeinschaft schaute & ohne Rücksicht ihre Paradoxe aufdeckte.

Der Zweite Weltkrieg war ein richtiges Thema für WFH. In seinem Roman „Die Dunkelkammer des Damokles“ erzählt er vom holländischen Widerstand – und ganz am Ende der Erzählung ist völlig unklar, ob der Protagonist Henri Osewoudt als ein nationaler Held oder als ein mit den Deutschen kollaborierender Verräter angesehen werden muss. WFH misstraute allen schwarz-weiß Denkmustern, also auch der weit verbreiteten Überzeugung, dass im letzten Krieg die Niederländer gut und die Deutschen schlecht gewesen seien. Als der Roman 1958 erschien, waren viele Niederländer gar nicht froh damit.

Das Manuskript in meinem Traum über die wahren Ursachen des Zweiten Weltkrieges, hat Willem Frederik Hermans natürlich & leider nicht geschrieben. Trotzdem scheint mir der Traum eine Spur zu zeigen. Die Vorstellung, dass es vergessene Bücher gibt, die in einem geheimen Haus aufbewahrt werden & nur von ausgewählten Menschen gelesen werden können, reizt mich. (Darüber könnte man einen Roman schreiben.) Warum werden Bücher vergessen?

Ich verstehe die Bücher in meinem Traum als „Geschichten“. Warum werden Geschichten vergessen? Die Antwort ist einfach: weil sie nicht in die etablierte Geschichte passen. Jede Geschichtsschreibung ist eine Kanonisierung-im-Nachhinein: manche Tatsachen werden als „Richtschnur“ anerkannt, andere werden apokryph erklärt. In der kanonischen Geschichte war der Widerstand in den Niederlanden nur mutig, nur richtig, nur sauber.

Jetzt habe ich aber ein Heft I & ein Heft II von WFH über die wahren Ursachen des Zweiten Weltkrieges in meinem Besitz – zwei Hefte, die ich leider nicht lesen kann, weil sie aus Traumsubstanz bestehen. In einem Jahr allerdings soll ich die beiden Hefte zum Geheimhaus zurückbringen & erzählen, was ich damit gemacht habe. Also habe ich die dringende Frage: Wie liest man ein Traumbuch?

Mit Dank an Sophie Pannitschka

25.02.2009

Eine Kultur des Herzens. Über gründen und stiften

Eine Kultur des Herzens wird nicht gegründet. Sie ist im Entstehen – sie ist immer im Entstehen, und nur so lange sie im Entstehen ist, kann sie eine Kultur des Herzens genannt werden. Eine Kultur des Herzens kommt ohne Konzepte & Fahrpläne & Landkarten aus, ohne schlaue Systeme & Schemen, ohne Parolen & Satzungen, ohne festgelegte Grenzen.

Eine Kultur des Herzens wird gestiftet, immer wieder & immer wieder neu, zum Beispiel wenn ich einen Kaffee mit dir trinke, und du fragst: „Was ist mit dir los?“ und ich denke: „Ja, mit uns ist ja immer etwas los“ und ich sage: „Mit mir ist los, dass ich mich nach Feuer sehne, ich meine: Feuer zwischen uns, damit etwas geschieht“ und du dann sagst: „Komm, es brennt so richtig, wir machen etwas!“

Oder wenn du sagst: „Zwischen uns gibt es einen Garten, eine Kapelle, eine Werkstatt – einen Raum also, in dem etwas geschehen will, entstehen will, ja, dadurch etwas geschieht, dass etwas entsteht, ohne direkt nützlich oder praktisch oder konkret zu sein, etwas Ungreifbares & Undefinierbares & Erhabenes, etwas Humanes.“ Und wenn ich dann sage: „Es wird sich zeigen, was zwischen uns entstehen kann. Komm, wir geben dem Entstehen Zeit...“

Gründen heißt: physische Fundamente bauen, eine Basis schaffen, Raum & Zeit einbinden und zu unserer Sache verpflichten, im Hier & Jetzt ein Monument aufrichten für morgen und nächstes Jahr, für immer auf der Erde. Stiften ist ein inneres Entzünden. Stiften heißt: die Erde in deine und meine Flammen verwandeln, unsichtbar machen, die Wirklichkeit um eine Stufe höher oder tiefer zu verlegen, das was fest & sicher ist, durch Wärme aufwirbeln zu lassen.

Stiften heißt: sich auf das unsichtbare Gefüge von menschlichen Beziehungen & Orten einzulassen. Ja, Orten... Ein Ort kann mehr sein als eine Projektionsfläche meiner Wünsche, meiner Vorhaben, meiner Vorsätze. In einer Kultur des Herzens sind Orte richtige Partner, die genau wie ich – der „Inhaber“ oder „Mieter“ - etwas wollen. Sie fangen an zu sprechen, wenn ich anfange auf sie zu hören.

In einer Kultur des Herzens ist es erlaubt mit diesem und jenem einfach anzufangen, ohne sich um die Frage zu kümmern, wie es am Ende aussehen soll. Nicht rationale Vermessenheit steuert die Prozesse in einer Kultur des Herzens, als ob man überhaupt wissen könnte, was morgen & nächstes Jahr ansteht, sondern die intelligente Fähigkeit sich überraschen zu lassen. In einer Kultur des Herzens wird man gerne unvorbereitet erwischt.

Weil es ja um Ereignisse geht... Nicht die vorbereitende Planung oder die nachbereitende Dokumentation machen den Puls des Lebens aus, sondern die Ereignisse selber (die ja natürlich Vorbereitung & Dokumentation umfassen können. Gute Dokumentationen sind ja richtige Ereignisse.). In einer Kultur des Herzens gehört alles zum Leben: das Einkaufen einer Flasche Wein, das Öffnen der Flasche, das Ausschänken, das Trinken des Weins, das Reinigen der Gläser nachher, das Entsorgen der Flasche...

Eine Kultur des Herzens wird also nicht gegründet. Das heißt aber nicht, dass man sich nicht um Raum & Zeit & Satzungen & Geld kümmert. Wenn es um gründende Tätigkeiten des Lebens geht, findet in einer Kultur des Herzens eine Verschiebung der Perspektive statt. Raum & Zeit werden aus ihrem statischen Rahmen gehoben und als semantische Einheiten verstanden, als Partner also, die eine Geschichte zu erzählen haben.

Und Geld wird als Geist verstanden, dass heißt: als entzündendes Feuer. Geld soll nicht wie Wasser fließen, sondern wie Feuer brennen. Wenn (finanzielle) Wärme so richtig brennt, entsteht eine Trennung zwischen Körper und Geist: Körper als Rauch, Geist als Licht. Und was ist Rauch anderes als Luft, die verbrannte Körperlichkeit aufwirbelt und sie mühelos-spielerisch zwei Stufen höher transportiert? Der (hoffentlich angenehme) Geruch wird für hundert Nasen frei gemacht und die Asche schlägt sich nieder und wird zum Kompost. Anders gesagt: In einer Kultur des Herzens geht der Wert des Geldes nie verloren.

Wenn die Vergangenheit sich in die Gegenwart verwandelt, kommt die Zukunft auf uns zu. Mit Zukunft ist hier aber nicht gemeint, was wir meinen oder hoffen oder wünschen, dass sein wird. Die Zukunft wird nie sein, so wie die Vergangenheit ist, weil die Zukunft nur dann Zukunft ist, wenn sie in der Gegenwart im Kommen ist. Der Zeitbegriff in einer Kultur des Herzens kriegt eine neue Bedeutung: sie läuft nicht linear von A über B nach C, sondern entzündet sich in B und springt launisch von A nach C, oder gerade umgekehrt: von C nach A.

Mit Dank an Sophie Pannitschka für die Korrektur

21.02.2009

Basiskonflikte in der Biographie (2). Ode an die Depression

In meinem letzten Blogtext habe ich behauptet, dass in der Biographie eine „dritte Phase“ erreicht wird, wenn in der Erkenntnis des eigenen Basiskonflikts eine Gewissheit entstanden ist, „die dazu führt, dass die Fragen & Spannungen & Anstrengungen aus der persönlich-psychologischen Sphäre gehoben werden und eine objektive Bedeutung bekommen“.

Und: „Wir sprechen von einem sehr gelungenen Leben, wenn aus den Spannungen des Konflikts ein bewusster Sprung gemacht und ein neues Bedeutungsfeld eröffnet wird. Oder anders gesagt: der Konflikt wird dadurch gelöst, dass er als Sprungbrett für umfassendere Fragestellungen genutzt wird.“

In einem Kommentar fragt „Anonym“: „Jelle, kannst du mir das bitte näher beschreiben?“

Ich meine das Folgende. Mir scheint es so zu sein, das „Konflikte“ & „Probleme“ & „Spannungen“ heutzutage immer stärker als „rein persönliche“ Angelegenheiten verstanden werden. Ein einfaches Beispiel: eine fundamentale Erfahrung die zum Menschen & damit zur Welt gehört & die wir mit dem Wort „Depression“ andeuten, wird eigentlich nicht mehr als objektiver Erfahrungsvorgang betrachtet, sondern als Krankheit, die unbedingt zu vermeiden ist.

Die beklemmende Erfahrung des Geworfen-Seins, des Spüren des Abgrundes, des Erlebens des Nichts war in den alten Mysterien ein Geschehen, das zur Gestaltung der Persönlichkeit auf eine positive Art und Weise beigetragen hat. Die Entwicklung von Weisheit war nicht möglich, ohne die Bodenlosigkeit des Lebens kennen zu lernen.

Noch zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts schrieb Samuel Taylor Coleridge ein Gedicht mit dem Titel: „Dejection: An Ode“, also eine Ode an die Niedergeschlagenheit. Coleridge stellt die Depression nicht als Krankheit dar, sondern als eine Erfahrung, die zu einer ganz bestimmten Erkenntnis führen kann. Er beschreibt diese Einsicht mit den Worten:

Ah! From the soul itself must issue forth
a light, a glory, a fair luminous cloud
enveloping the Earth - ...

Die Depression kann also zu der Erfahrung führen, dass die Quelle der Freude nicht außerhalb von uns zu finden ist, sondern in uns, dass heißt in unsere Seele. Die Depression ist in diesem Sinne zu verstehen als eine zwar schmerzhafte, aber durchaus sinnvolle Durchgangsphase auf der Reise zu mir selbst und der Welt. Die Depression als ein rein persönliches Problem zu verstehen, führt gerade dazu, dass man in der Depression stecken bleibt und das entstehende Licht, den Glanz, den leuchtenden Schein nicht wahrnimmt.

Bekannt ist ja eigentlich längst, das Licht und Schatten zusammen gehören. Wenn man aber beginnt, diesen Zusammenhang zu er-leben, ja zu leben, dann wird es unumgänglich, diesen beschriebenen Sprung zu machen und damit ein neues Bedeutungsfeld zu eröffnen.

Alles was ein Mensch erfahren kann, gehört zur Welt. Wenn ein Mensch mit einem Problem ringt (und das kann ja ALLES sein), ringt er objektiv mit der Welt. Oder vielleicht besser gesagt: die Welt spielt sich in uns ab; alle persönlichen Probleme sind Weltprobleme.

Persönliche Probleme gibt es nicht.


Mit Dank an Sophie Pannitschka

15.02.2009

Basiskonflikte in der Biographie. Sieben Thesen

These eins: Im Leben eines jeden Menschen wirkt ein Basiskonflikt. Alle biographischen Spannungen & Fragen & Anstrengungen & Tätigkeiten & Aufgaben sind Variationen von diesem Konflikt. Die Natur des Basiskonflikts ist nicht psychologischer oder soziologischer, sondern eher anthropologischer Art. Am treffendsten aber ist der Basiskonflikt als ein „geistiger“ zu beschreiben. Denn dieser Konflikt ist das Ergebnis von Werten & Wahrheiten & Intentionen & Tugenden, die offensichtlich vorhanden sind und spontan nicht unbedingt miteinander harmonieren.

These zwei: Die Auseinandersetzung mit diesem Konflikt gestaltet die Biographie. In den wichtigen Ereignissen einer Biographie drückt sich dieser Basiskonflikt aus. In den Bildern der Jugend zum Beispiel – interessant sind diesbezüglich die frühesten Erinnerungen – zeigen sich die „geistigen“ Voraussetzungen auf mannigfaltige Art und Weise. Die Lebensumstände, die Wahl des Berufes, die Beziehungen zu den Menschen, die Krankheiten & Missgeschicke sind mit dem jeweiligen Basiskonflikt verwoben.

These drei: Die biographische Auswirkung dieses Konflikts kann drei Phasen durchlaufen. In der ersten Phase wirkt der Konflikt völlig unbewusst. Manchmal – aber nicht immer – hört diese erste Phase zwischen dem 28. und 35. Lebensjahr auf. Der Betreffende merkt auf einer träumerischen Ebene, dass „etwas“ an ihm haftet, wovon sie oder er vorher keine Ahnung hatte. Der Konflikt taucht auf mannigfaltige Art und Weise vor dem Bewusstsein auf. Die dritte Phase wird manchmal – aber nicht immer – zwischen dem 49. und 56. Lebensjahr erreicht. Dann ist der Konflikt voll ins Bewusstsein gedrungen und wird als eine persönlich-überpersönliche Angelegenheit verstanden.

These vier: Die erste Phase stimmt mit dem überein, was Wolfram von Eschenbach in seinem „Parzival“ die Phase der „Dumpfheit“ nennt. Die Entscheidungen des Lebens werden aus dem Bauch getroffen und sind immer richtig-verkehrt oder verkehrt-richtig, man könnte auch sagen: immer richtig-richtig. Obwohl diese Phase „dumpf“ ist, steckt eine gestaltende Weisheit dahinter. (Alles was man Erziehung nennt, muss mit dieser dumpf wirkenden Weisheit rechnen.)

These fünf: Die zweite Phase stimmt mit dem überein, was Wolfram von Eschenbach die Phase des Zweifels nennt. In den Worten von Walter Johannes Stein: „Wenn des Menschen Herz aus der Dumpfheit zum Zweifel erwacht, dann zieht sich des Menschen Seele in sich selbst zusammen. Da empfindet sich das tapfer mannhafte Gemüt zugleich in Schmach und Zier, wie der verzauberte Vogel, die Elster, die halb Taube, halb Rabe zu sein scheint“. 1

These sechs: Die dritte Phase heißt bei Wolfram von Eschenbach die Phase der Seelensicherheit („Sælde“). Sie ist erreicht, wenn der Betreffende in der Erkenntnis des eigenen Basiskonflikts eine Gewissheit gefunden hat, die dazu führt, dass die Fragen & Spannungen & Anstrengungen aus der persönlich-psychologischen Sphäre gehoben werden und eine „objektive“ Bedeutung bekommen. Der Betreffende ist mit sich selbst und mit der Welt in Frieden. (Was aber nicht heißt, dass ein Stillstand eingetreten ist.)

These sieben: Wir sprechen von einem sehr gelungenen Leben, wenn aus den Spannungen des Konflikts ein bewusster Sprung gemacht und ein neues Bedeutungsfeld eröffnet wird. Oder anders gesagt: der Konflikt wird dadurch gelöst, dass er als Sprungbrett für umfassendere Fragestellungen genutzt wird. Das Eröffnen eines neuen Feldes kann mit dem klassisch esoterischen Begriff Einweihung beschrieben werden.


1. Walter Johannes Stein, Weltgeschichte im Lichte des heiligen Gral, 1966, Stuttgart, Seite 125.

Mit Dank an Sophie Pannitschka

09.02.2009

Aristoteles: die wichtigste Aufgabe des Gesetzgebers ist es, die Freundschaft zu schützen

Obwohl sie noch immer ein ungelöstes Rätsel sind, scheinen manche Fragen für eine Weile ohne die Aufmerksamkeit der Menschen auskommen zu müssen. Sie verschwinden aus dem menschlichen Bewusstsein und schlafen ein, bis sie eines Tages wieder geweckt werden, offensichtlich weil ihr Rätsel aus irgendeinem Grund wieder angefangen hat zu brennen.

So ein Thema ist die Freundschaft. Einerseits kann man sagen, dass die Fragen der freundschaftlichen Beziehungen in der heutigen Zeit so richtig brennen. Jeder Mensch ringt auf die eine oder andere Art und Weise mit den Dilemmas, die auf dem offenen Feld der Nähe - mit den Worten von Emmanuel Lévinas „zwischen uns“ - auftauchen. Kaum ein soziales Feld scheint in der Gegenwart so problematisiert zu sein, wie das emotionale Gewebe zwischen „mir und dir“.

Anderseits aber habe ich den Eindruck, dass die Frage der Freundschaft selber kaum gestellt wird. Was ist Freundschaft? Welche Bedeutung hat eine freundschaftliche Beziehung für das individuelle Leben? Und vor allem auch: Welche Rolle spielt Freundschaft in der Gestaltung der öffentlichen Gesellschaft, oder vielleicht besser gesagt: Welche Rolle könnte sie spielen? Das Phänomen der Freundschaft selber, so scheint es mir, wird selten hinterfragt.

Eine Freundschaft wird als etwas Selbstverständliches angesehen, was nicht bewusst gestaltet wird. Man hat Freunde, oder man hat sie eben nicht. Die Tatsache, dass man den einen Menschen als Freund und den anderen als Kameraden oder guten Bekannten bezeichnet, beruht oft auf einer begrifflichen Willkür. Die entsprechenden Bezeichnungen werden gedankenlos aus der Luft gegriffen und je nach dem angewendet, so, als ob die Unterschiede eindeutig wären.

Man braucht sich aber gedanklich nur kurz mit dem Unterschied zwischen Freundschaft und zum Beispiel Bekanntschaft zu beschäftigen, um festzustellen, dass die Begriffsabgrenzung im realen Leben vage ist.

Die Unklarheit in Bezug auf die Bedeutung des Begriffs Freundschaft steigert sich noch, wenn sie aus dem rein privaten Bereich gehoben und in das Licht der gesellschaftlichen Zusammenhänge gestellt wird. Eine einfache Wahrnehmung macht vielleicht deutlich, was ich damit meine.

Wenn Aristoteles in seiner Nikomachischen Ethik behauptet, dass der Gesetzgeber vor allem die Aufgabe hat, die Freundschaft zu schützen, erzeugt das in unserer heutigen Gesellschaft ein Befremden. Was hat denn der Gesetzgeber mit Freundschaft zu tun? Freundschaft ist doch eine private Angelegenheit, damit hat der Staat doch gerade gar nichts zu tun?

In der heutigen Sprache würde Aristoteles sagen, dass Freundschaft ein „Eckstein“ der Gesellschaft ist. Unter dem Einfluss des kirchlichen Christentums hat in unserer Gesellschaft die Familie diese Rolle übernommen – und das ist gerade auch das, was viele politische Parteien heute versuchen: nicht die Freundschaft, sondern die Familie zu schützen. In gewissem Sinne ist die Freundschaft in gesellschaftlichen Zusammenhängen non-existent geworden und in den rein privaten Bereich verwiesen worden.

Freundschaft kann als eine freie Beziehung zwischen zwei Menschen verstanden werden, die eine freie Beziehung zu sich selber gestaltet haben. In der Freundschaft ist die Freiheit im Prinzip frei von biologischen, geographischen, wirtschaftlichen oder anderen Voraussetzungen. Es ist gerade der Aspekt der Freiheit, der Aristoteles damals dazu gebracht hat, der Freundschaft die höchste „soziale“ Bedeutung zu geben.

In einer Kultur des Herzens ist die Freundschaft der Ort, wo Freiheit gelebt & geübt & praktiziert werden kann.

30.01.2009

Das Eigenleben der Sprache. Über Wörter als Okulare

„Die Sprache hat, behaupte ich, ein Eigenleben. Sie macht etwas mit meinem Denken. Sie ist wie eine, die sich nicht festlegen lassen will, und die zugleich Genauigkeit, größtmögliche, einfordert.“ Diese Sätze schreibt Nicole in ihrem Kommentar zu meinem Text mit dem Titel „Intuitive Aufgeschlossenheit. Über Nähe und Sprache“ vom 9.1.2009. In diesem Text hatte ich Owen Barfield zitiert: “[…] words are not bottles […]“ - also, Wörter sind keine Flaschen.

Flaschen sind Behälter. Von einem Behälter erwarten wir, dass er seinen Inhalt gerade unverändert „be-hält“. Flaschen sind geeignet Wasser & Milch & Wein in ihren reinen Form aufzubewahren, weil das Glas neutral ist. Glas mischt sich sozusagen nicht in den Zustand des Wassers ein. Auf Wörter übertragen heißt das: wenn ich heute das Wort „Auto“ verwende, müsste es genau die gleiche Bedeutung haben wie gestern oder vor zehn Jahren. Dies ist aber eindeutig nicht der Fall.

Wörter werden aber oft wie Flaschen behandelt. Wenn in einem Gespräch zum Beispiel um „Begriffserklärung“ gebeten wird, heißt das meistens, dass auf der Ebene der Sprache so etwas Kurioses wie Eindeutigkeit verlangt wird. Begriffe müssen festgelegt werden, was praktisch heißt, dass die entsprechenden Wörter fixiert werden. In der kommunikativen Praxis führt semantische Fixierung aber immer dazu, dass die Beziehung zu den Begriffen unbeweglich wird.

Was sind Wörter? Wie vermitteln Wörter Bedeutungen? Und was kann damit gemeint sein, dass die Sprache ein Eigenleben hat? Eine einfache Tatsache macht deutlich, dass die Wörter nicht wie eindeutige Findlinge in der Landschaft der Bedeutungen liegen, sondern ständig ihren Ort wechseln. Um ein „holländisches“ Bild zu benutzen: Wörter sind eher wie Lichtflächen auf einem Binnensee.

Wenn ich ein Wort aufschreibe, zum Beispiel „Auto“, ruft das in den Lesern allerhand Vorstellungen hervor. Der stolze Inhaber eines Porsches stellt sich bei dem Wort etwas anderes vor, als ein Volkswagendealer in Köln-Porz oder ein Politiker der Grünen in Wiesbaden. Das Wort erzeugt in jedem von uns spontan eine komplexe Vorstellung, die mit unserer spezifischen Perspektive zusammenhängt.

Wenn ich ein zweites Wort dazu schreibe, zum Beispiel „Zug“, (also: ein weißes Blatt Papier mit nur diesen beiden Wörtern darauf geschrieben: Auto & Zug) ändert das neu dazu gekommene Wort sofort die Bedeutung des ersten Wortes. Das Wort „Zug“ wirft ein Licht auf das Wort „Auto“ und hebt neue Bedeutungen hervor, zum Beispiel diese: in einem Auto können nicht mehr als fünf Leute reisen (in einem Zug können das ja locker zweihundert sein).

Ein drittes Wort verändert wieder das Gefüge. Schreibe ich zum Beispiel das Wort „Freiheit“ dazu, werden unsere spontanen Vorstellungen sofort in eine neue Richtung gelenkt, und wir denken: mit dem Auto hat man die Freiheit wann man will zu reisen, mit dem Zug ist man an den Fahrplan der Deutschen Bahn gebunden. Oder: im Zug hat man die Hände frei und kann eine Zeitung lesen.

Wörter werfen ständig ein Licht auf andere Wörter. Sätze sind in diesem Sinne komplexe grammatikalische Strukturen, die wie ein delikates Gewebe ganz bestimmte Bedeutungen „suggerieren“ (Barfield). Erst in konkreten Sätzen kriegen Wörter konkrete Bedeutungen. Nicht alle Ansammlungen von Wörtern bilden aber einen Satz – wenn ich schreibe: „Auto Zug Freiheit“ ist damit noch kein Satz entstanden.

Das Eigenleben der Sprache liegt (auch) in ihrer grammatikalischen Struktur. Die Sprache hat eine Art Körperlichkeit, die sie durch uns als Sprecher & Zuhörer & Schreiber & Leser gehandhabt haben will. Wenn wir die Körperlichkeit der Sprache nicht ernst nehmen, macht sie einfach nicht mit; oder anders gesagt: um eine passende Aussage in Raum & Zeit zu realisieren, dass heißt eine konkrete Bedeutung hier und jetzt zu suggerieren, müssen wir den grammatikalischen Gesetzen der Sprache folgen.

Eigenartig ist dabei, dass gerade dieser Tanz mit der Sprache immer wieder neue Bedeutungen hervorruft. Sehr oft habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich als Schreiber auf der Suche war – irgendwie schwebte mir vage & traumhaft & inspirativ eine „Bedeutung“ vor Augen, die aber ganz & gar nicht konkret, sondern eher wie eine schwammige Ahnung in mir vorhanden war. Erst dadurch, dass ich auf die Sprache hörte, vor allem auf ihren grammatikalischen Eigenwillen, entstand der richtige Satz. Und mit dem Satz leuchtete die klare Bedeutung-als-Begriff auf.

Wörter & Sätze & Texte sind wie frei schwebende Okulare. Wenn man auf die holländische Wasserfläche schaut, sieht man, dass es zwischen Wasser und Licht noch ein drittes Element gibt, nämlich Luft. In den luftigen Bewegungen zwischen Wasser und Licht kommen die beiden zusammen: Wasser als Nebel und Licht als Fläche. In diesen frei schwebenden Okularen spiegeln sich Wasser und Licht und es offenbart sich die Landschaft.

In der Sprache lebt ein kräftiger Wille, der mit Weisheit verbunden ist. Das offene & behutsame & inspirierte Gespräch mit der Sprache bringt uns zu den Formulierungen, die wir suchen. Die Sprache ist eine eigenwillige Partnerin, die nur mit uns tanzt, wenn wir die Integrität ihres Körpers respektieren.

Mit Dank an Sophie Pannitschka

23.01.2009

Nähe und Distanz. Über Trennung als Voraussetzung

Ein Gespür für Nähe kann sich auf alles Mögliche beziehen: auf lebende oder verstorbene Menschen, Gegenstände (auch ein Gedicht von Paul Celan und eine Etüde von Chopin sind einzelne Gegenstände), Lebewesen, Orte & Landschaften, Räumlichkeiten, zeitliche Einheiten, Ereignisse, „göttlich-geistige“ Gestalten (Jesus Christus, Allah, Buddha, Engel, Naturwesen), Begriffe & Ideale & Vorsätze...

Und auf mich selbst. Auch zu mir selber kann ich ein Gespür der Nähe erleben, zum Beispiel wenn ich auf mich schaue, oder besser gesagt: wenn ich in mich gehe, bei mir bin & mit mir rede. Gerade diese Tatsache zeigt, wie paradox das Phänomen der Nähe ist. Um den Begriff Nähe zu beschreiben, brauche ich zwei Instanzen: „Ich“ und eine Erscheinung außerhalb von mir, einen Menschen, einen Baum, ein Lied.

In einem Gespür der Nähe verschmelzen diese beiden Instanzen miteinander – gerade die Distanz zwischen ihnen wird aufgehoben. Wenn „ich“ eine Nähe zu „mir“ erlebe (was ja ein zweifaches Ich bedeutet), findet offensichtlich eine Spaltung statt, die aber direkt wieder aufgehoben wird.

Um Nähe zu erleben, ist Distanz eine Vor-Bedingung Wenn es keine Distanz gibt, kann auch keine Nähe entstehen. Wenn man versucht das Erscheinen des Phänomens der Nähe in seiner Biographie aufzudecken, spielt das Phänomen der Distanz eine große Rolle. Ganz kleine Kinder erleben meistens – nein, nicht immer – noch gar keine Distanz zu Menschen & Dingen um sich herum. Was hier mit Nähe gemeint ist, kennen kleine Kinder nicht.

Das mag erstaunlich klingen. Ist die Vorstellung einer Mutter mit ihrem Kind an der Brust nicht der Inbegriff von Nähe & Innigkeit & Intimität? Vom Kind aus gesehen ist es aber eher so, dass es noch ganz in der mütterlichen Aura geborgen ist, so wie ein Fisch vom Wasser umschlungen wird. Das Kind ist noch nicht im Stande einen Abstand zwischen sich selbst und seiner Mutter zu erleben – ein Gespür für Nähe kann es also in diesem Sinne noch nicht geben.

Ich spreche hier von Nähe als einem Gespür, dass heißt, von der halb bewussten oder ganz bewussten Erfahrung von Nähe. Erst wenn Nähe ein Gespür ist und das Gegenüber auch wirklich als ein Gegenüber empfunden wird und deswegen verinnerlicht werden kann, findet eine Verschmelzung statt. Der erste Akt der Nähe ist die Trennung, der zweite die Vereinigung.

Das Gespür für Nähe ist ein religiöses Geschehen. Das Wort „Religion“ kommt vom lateinischen re-ligare, was bekanntlich soviel wie „zurückbinden“ bedeutet. Theologisch gesehen geht es dabei um eine Zurückführung zu Gott: die lebendige Beziehung zu den Göttern oder dem Göttlichen ist verloren gegangen, wird aber über Rituale & Übungen wieder hergestellt.

Ein Gespür der Nähe zwischen mir und mir & zwischen mir und dir & zwischen mir und euch & zwischen mir und den Gegenständen & zwischen mir und den Begriffen und Idealen & zwischen mir und der Welt kann sich erst nach einer Trennung vollziehen, aus einer erlebten Distanz heraus vollzogen werden. Der religiöse Aspekt liegt nicht darin, dass es unbedingt um eine rein geistig-göttliche Erscheinung im theologischen Sinne gehen muss.

Das Religiöse liegt in dem Wort „wieder“ beschlossen.

16.01.2009

Über das Gespür für Nähe als Gefühl. Engagement

Nähe ist ein Gefühl. Die Frage ob es Nähe gibt, wird nicht über das Denken beantwortet – das Denken entscheidet höchstens über die Frage, welche Bedeutung wir der Nähe verleihen. Auch wenn das Denken feststellt, dass das Gespür für Nähe auf einer Illusion beruht, was ja durchaus sein kann, ändert das nichts an der Tatsache, dass die – eventuell illusorische – Nähe im Gefühl gespürt und erlebt wird.

Auch kann Nähe nicht durch den Willen erzeugt werden. Entweder gibt es Nähe oder es gibt sie nicht. Wir können Nähe zwar wollen, was soviel heißt wie, uns nach Nähe zu sehnen, und wir können bestimmt auch etwas dazu beitragen, dass Nähe entsteht; uns zum Erscheinen der Nähe zu entscheiden, so wie wir uns zu einem Spaziergang entscheiden, geht aber nicht.

Nähe wird gespürt. Nähe offenbart sich unmittelbar. Nähe ist, wie gesagt, ein Gefühl und Gefühle sind souveräne Erscheinungen. Ein Gefühl ist ein Phänomen, genauso wie ein Baum & ein Auto & ein gesungenes Lied & ein Geruch auch Phänomene sind. Der Unterschied zu sichtbaren und hörbaren und „riechbaren“ und tastbaren Gegenständen liegt darin, dass ein Gefühl eine innere Angelegenheit ist. Gefühle scheinen in meinem Innenraum zu „schweben“.

Die Tatsache, dass Gefühle intentional sind, sich also immer auf etwas beziehen, bedeutet nicht, dass sie zweitrangig sind. Die Intentionalität der Gefühle erzeugt leicht den Gedanken, dass Gefühle keine Bedeutung-für-sich haben, oder anders gesagt: nur das, was Gefühle ausdrücken scheint wichtig zu sein, und nicht das, was Gefühle sind.

Gefühle, so meinen wir, drücken auf die eine oder die andere Art und Weise unsere Beziehungen zu den Dingen, Menschen, Begriffen, Erinnerungen & Handlungen aus. Sie drücken Sympathie oder Antipathie aus. Und in gewissem Sinne stimmt das natürlich auch: Wenn mir die Rosen in meinem Garten Freude bereiten, heißt das, dass ich eine positive Beziehung zu ihnen habe. Stärker noch: ich möchte mich gerne durch die Rosen verändern lassen, was ja den höchsten Ausdruck einer sympathischen Beziehung darstellt.

Dennoch reicht es nicht aus zu sagen, dass Gefühle etwas ausdrücken, so wie Gedanken das machen. In seinem Buch Phänomenologie der Wahrnehmung spricht Maurice Merleau-Ponty von dem „Gefühl als Engagement“, man könnte auch sagen: als Beteiligung. Durch unsere Gefühle sind wir an Dingen, Menschen, Begriffen, Erinnerungen & Handlungen beteiligt.

In meinen Gefühlen bin ich kein Beobachter mehr, sondern ein involvierter Partner, Freund (oder eben Feind) und Liebhaber. Gefühle sind Orte der intentionalen Beteiligung-als-reale-Beziehung, wo es keine Distanz mehr gibt, die für die Gedankenbildung essentiell ist.

09.01.2009

Intuitive Aufgeschlossenheit. Über Nähe und Sprache

Eine Ahnung davon, dass es zwischen mir und anderen Menschen so etwas wie Nähe geben könnte, bekam ich erst, als ich neun Jahre alt war. Das Wort und damit auch der Begriff „Nähe“ stand mir als Neunjähriger allerdings nicht zur Verfügung. So weit ich mich erinnere, gab es in der Sprache des Alltags in meiner direkten Umgebung so etwas wie „Nähe“ nicht. Es gab Brot & Schule & Park & Gott & Geld & Großvater und auch Krieg & Frieden – das Wort Nähe aber kam nicht vor.

Was sind die entscheidenden Erscheinungen-des-Lebens ohne Namen, ohne Worte, ohne Begriffe? Sie zeigen sich als undifferenzierte Stimmungen & Ahnungen & Sehnsüchte, die sich wie nicht greifbare Wolken über nicht erkannten Horizonten ausdehnen. Und wenn man sich in die Ausdehnung mitnehmen lässt, verliert man sich, hört man irgendwie auf zu sein. Man schläft in das Ungeheure & Geistige & Maßlose & Erhabene hinein.

Ein Gespür für Nähe war damals in mir verschwommen & weit. Manchmal war das Gespür für Nähe so verschwommen, dass ich meinte, es ginge um einen Schmerz; manchmal war es so weit, dass es unfassbar dünn wurde und verschwand; aber manchmal auch – zum Beispiel wenn ich Musik hörte – zog das Gespür für Nähe sich in mir zusammen und wurde dicht. In solchen Momenten war die Nähe wie eine Präsenz ohne einen physischen Gegenstand. „Etwas“ war da, ohne wirklich da zu sein.

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Über Nähe & Freundschaft & Beziehung & Liebe & Hass zu schreiben geht überhaupt nicht, ohne einen Blick auf die Sprache zu werfen. Der Grund dafür liegt darin, dass die gesuchten Bedeutungen über Horizonte hinausgehen. Eine gewisse Erweiterung des Begriffes „Sprache“ ist nötig, um zu verstehen, dass die Bedeutungen letztendlich nicht in meinen Worte zu finden sind.

Ich bin diesbezüglich auf das Verstehen-wollen der Leser angewiesen. Der englische Anthroposoph Owen Barfield demonstriert in seinem Buch Poetic Diction. A study in meaning, dass die Funktion der Sprache über das Vermitteln von Bedeutung hinaus geht. In der Sprache und mit der Sprache und durch die Sprache und über die Sprache hinaus, so Barfield, werden ständig neue Bedeutungen kreiert.

Barfield betrachtet die Sprache – in meinen Worten– als ein unerschöpfliches Reservoir von Klängen, Rhythmen & Bildern, die über die Welt-der-Gegenstände hinaus eine intime, bewegliche, lockende, erotische Beziehung enthält, zu dem, was er „Intuition“ nennt.

Es ist Intuition und nur Intuition durch die der Mensch Bedeutungen “begreift”. Einen Begriff zu begreifen ist ein Akt von intuitiver Aufgeschlossenheit. Barfield: “[…] meaning itself can never be conveyed from one person to another; words are not bottles; every individual must intuit meaning for himself, and the function of the poetic is to mediate such intuition by suitable suggestion”. (Owen Barfield, Poetic Diction. A study in meaning, Faber and Faber, 1928. Seite 133)

Suitable suggestion, also: passende Suggestion... Ein passendes Bild entstehen zu lassen... Das ist, was ich versuche zu tun: Bedeutungen, die Horizonte übersteigen zu suggerieren. Alle großen & weiten & unergründlichen Begriffe die im Spielfeld der Freundschaft auftauchen – Nähe, Vertrauen, Ehrlichkeit, Takt, Verbundenheit, Freiheit, Liebe & Hass – lassen sich ganz und gar nicht definitiv in Worte fassen.

Mit Dank an Sophie Pannitschka

02.01.2009

Blogs als Orte einer Kultur des Herzens. Autobahn oder Kneipentisch

„Zu einer Kultur des Herzens gehört das Eröffnen“. Dieser Satz findet sich in einem Kommentar von „Nicole“ hinter meinem Blog „Text mit Titel“ vom 22.12.2008. In einem zweiten Kommentar beschreibt die Autorin treffend alle entstandenen Kommentartexte zusammen, dass sie wie „ein gewebter, quergestreifter Teppich, mehr lang als breit, der ´Kommentare` heißt“ seien.

Und über diesen Teppich-von-Kommentaren schreibt sie dann: „Ein vogelfreier handgeknüpfter Text,/ ein herzgeknüpfter Teppich,/ urhebende Leser,/ eventuelle Autoren, / fremdsprachige, uribische, küchenlateinische und/ missionarische Weihnachtsgrüße,/ passierende Iche.“

In diesen poetischen Sätzen erkennen die Beteiligten einen Prozess, vielleicht besser: einen sprachlichen Vorgang, der mit meinem Text angefangen hat & dann mit einem Gedicht auf Niederländisch von Wim Maas einen nächsten Schritt gemacht hat. Das Gedicht wurde von „Nicole“ auf Deutsch übersetzt & darauf folgte ein Text von „Ch“. In diesem Text wurde unter anderem das Wort „Text“ als Textur = Gewebe, Geflecht und Zusammenhang erklärt.

Nach einem Dankeschön von Hermann Finkelsteen (Sei gegrüßt! Auch Murat!) kam ein Gedicht von Frank Fischer-Helweg (Sei auch du gegrüßt!), das mit den Worten endete: „Ich passiere mir/ ich passiert“. Nach einem Gruß von Maria Becker (Sei auch du gegrüßt!) kam dann der erste Kommentar von „Nicole“. Und nach einer Bemerkung von Sebastian Gronbach (Sei herzlich aus deinem Kölle gegrüßt!) ging es weiter & weiter...

Also, da ist ein richtiger Teppich von Worten, Bildern, Gedanken, Wendungen, Grüßen, Rückblicken, Fragen, Antworten, Sprüngen... entstanden und „Nicole“ schien mir mit ihren Kommentaren die spanische Tänzerin zu sein, die in einer Kneipe auf den Tisch springt & tanzt, und damit alle Anwesenden zu einem Ereignis zusammenführt.

In Blogs und Kommentaren werden oft Meinungen ausgetauscht. Blogger machen sich über dieses und jenes Gedanken, genauso wie auch ich das öfters mache - über Behinderung oder Kindheit oder Klauen oder Freundschaft. In den Kommentaren werden die Gedanken darauf bestätigt, bestritten oder erweitert. Und das ist auch gut so, weil es der Art und Weise entspricht, wie wir in der öffentlichen Gesellschaft Diskurse gestalten.

In einem Kommentar zu meinem Blog über Behinderung vom 7.12.2008 schreibt aber jemand: „Es ist hier fast so unverbindlich, wie auf der Autobahn“. Mit „hier“ ist offensichtlich mein Blog gemeint. Ich verstehe diese bittere Feststellung so, dass die Autorin enttäuscht ist. Sie wünscht sich Verbindlichkeit. Mit Meinungen ist es aber eben so (und das ist auch gut so), dass sie einsam machen.

Die Kommentare auf den Blog „Text mit Titel“ haben jedoch gezeigt, dass es auch möglich ist, über die Ebene der Meinungen hinaus zu schwingen. Wenn man über diese Schwelle hinweg tanzt, kommt man in einen Bereich, in dem Begriffe nicht herrschen, sondern dienen. Begriffe sind hier wie die Schuhe einer Tänzerin.

Man könnte diesbezüglich durchaus von einer Öffnung nach oben und nach unten sprechen. Man schwingt sich in die klaren & verwirrenden Welten von Apollo & Dionysos hinein.

Also, Autobahn oder Kneipentisch? Klar, auf die Autobahn können & wollen & müssen wir nicht verzichten. Trotzdem wäre es schön, zusätzlich auch manchmal einen Tanz auf einem Kneipentisch zu erleben. Um das zu ermöglichen, muss mein Blog neu eingerichtet werden - glaube ich. Das erste Problem ist, dass die Kommentare hinter meinen Texten verborgen bleiben. Und das Zweite: Es sind keine Kommentare, sondern Spielbeteiligungen.

Vielleicht gibt es noch ein paar Probleme & Fragen & Ideen? Es wird noch ein bisschen dauern, aber entsprechende Änderungen stehen an. Ein gutes neues Jahr!

27.12.2008

Die zwölf heiligen Nächte in postmodernen Zeiten. Über einen Eichelhäher

In den Nächten zwischen Weihnachten und Dreikönig, so besagt die Tradition, stehen die Türen zur geistigen Welt offen. Deswegen wird von den „heiligen“ Nächten gesprochen. In dieser Zeit wäre es besonders wichtig auf die Träume & Stimmungen & Eingebungen, die wir aus der Nacht bekommen, zu achten. Es ginge vor allem auch darum, offen für Unerwartetes zu sein.

In einigen östlichen Ländern wird von der „ungetauften“ Zeit gesprochen, weil das Kind Jesus erst mit der Ankunft der drei Könige (eigentlich Magier, oder vielleicht sogar „Wissenden“) getauft wird. Auch gibt es Gegenden wo interessanterweise von den zwölf „rauen“ Nächten gesprochen wird. Ein sehr schönes Bild – ich weiß leider nicht woher es kommt – ist das, in dem die Zeit der zwölf Nächte als „die Fontanelle des Jahres“ beschrieben wird.

Zwischen Weihnachten und Dreikönig sind wir im Kommen. Das Kindliche ist erschienen, das Licht wird wieder stärker, und in der Mitte dieser Zeit erleben wir den „Rutsch“ ins neue Jahr. Und offensichtlich gibt es eine enge Verbindung zwischen „neu“ und „geistig“. Dadurch, dass die Türen zur geistigen Welt geöffnet sind, können wir über unsere Träume & Stimmungen & Eingebungen eine bewusste Beziehung zum Kommenden finden.

Was ist hier mit „geistig“ gemeint? Friedrich Nietzsche würde an dieser Stelle dieses Wort gerade nicht benutzen und eher von dem „Ungeheuren“ sprechen. Er meinte damit das große Unbekannte, den riesigen Ozean der nicht eingeordneten Empfindungen, die tausend und abertausend Rätsel der Welt und des Lebens, die uns umschlingen. Gerade wenn ein kleines bisschen Licht da herein kommt, wird das Ungeheure sichtbar. (Das Licht wirft Schatten – tatsächlich ein rauer Vorgang.)

Auch Martin Heidegger würde das Wort „geistig“ vermeiden. Er würde sagen: was wir vom Leben meinen zu verstehen, erklärt uns das Sein nicht. Die Differenz zwischen dem Sein und dem Seienden (= was wir meinen für uns eingeordnet zu haben) eröffnet einen Abgrund. Und das Erleben dieses Abgrundes führt zur Philosophie oder Kunst oder Religion. (Die großen Drei: das Wahre, das Schöne, das Gute.)

Hannah Arendt hingegen würde sagen: wir betreten das Geistige & das Ungeheure & das Abgründige dadurch, dass wir auf Natalität setzen. Der Mensch hat nicht nur die Sicherheit, dass er sterben wird – er hat auch die Sicherheit, dass er jeden Tag wieder neu geboren werden kann. Das geschieht aber nicht von alleine. Gerade dadurch, dass er sich aktiv anfreundet mit dem Im-Kommen-sein und sich diesbezüglich als Schöpfer der Welt versteht, ist er Mensch.

In postmodernen Zeiten wird das Kind (in uns, in der Welt) nur geboren, wenn wir es wollen. Ja, ein erster Schritt bleibt: lauschen & lauschen & lauschen was das Ungeheure & das Abgründige & das Geistige uns zu sagen haben. Besonders während der zwölf heiligen Nächte bleibt deswegen die schöne und freiwillige Aufgabe, auf unsere Träume & Stimmungen & Eingebungen zu achten.

Genau so wichtig sind aber die Vorsätze & Entscheidungen. Oder anders gesagt: das Ungeheure & das Abgründige & das Geistige lässt uns keine Zeit zwischen lauschen & sprechen, verstehen & handeln zu trennen. Ein richtig verstandener Traum ohne einen Vorsatz oder eine Entscheidung, ist eine Illusion. (Ja klar, auch Illusionen brauchen wir!)

Als ich heute früh aufwachte und mich an meinen Schreibtisch setzte, erschien nach einer Weile in meinem Garten ein Eichelhäher. Er war scheu wie ein Botschafter der Nacht. Einen kurzen Moment saß er auf einem Geländer, etwa zwei Meter von meinem Fenster entfernt. Er guckte & guckte – sein stolzer Kopf zick-zackte hin und her, so wie nur Vögel das machen können. Und ich dachte: er will nur sicher sein, dass ich ihn wahrgenommen habe. Dann flog er wieder fort.

Eichelhäher gab es auch in Arnheim, wo ich aufgewachsen bin. In Holland heißen sie „Vlaamse gaaien“, also etwa: Häher aus Flandern. Ich habe das als Kind lange so verstanden, dass der Vlaamse Gaai tatsächlich in Flandern lebte, und - warum auch immer - gelegentlich nach Arnheim kam, um mich zu begrüßen. Ein bisschen verwirrend war immer, dass er sofort wieder verschwand.

Noch immer ist es so, dass ich an Belgien denken muss, wenn ein Eichelhäher auftaucht. Und auch ist es noch immer so, dass ich mich geehrt fühle, weil dieser wunderschöne & stolze Vogel eine lange Reise gemacht hat, um gerade mich zu begrüßen. Und auch ist es noch immer so, dass ich denke: schade, dass er sofort wieder weiter fliegt.

Vögel die uns begrüßen, sind Botschafter der Nacht. Und heute denke ich: der Eichelhäher erinnert mich daran, dass es mich freut zu merken, dass ich begrüßenswert bin. Ich mag es, begrüßenswert zu sein. Wäre das nicht ein guter Vorsatz für das nächste Jahr: begrüßenswert zu sein? Was das beinhaltet, überlässt der Eichelhäher mir. Ich soll das von mir aus gestalten.

(Und vielleicht wird nächstes Jahr mal eine Eule kommen, um zu schauen, was ich daraus gemacht habe.)

22.12.2008

TEXT MIT TITEL

Dieser Text handelt von diesem Text, den ich gerade schreibe. Über diesen Text wäre jetzt schon zu sagen, dass er selbstverständlich Wörter beinhaltet, und dass das Thema des Textes der Text ist. Auch ich bin in diesem Text vorhanden, weil ich geschrieben habe: „Dieser Text handelt von diesem Text, den ich gerade schreibe“.

Der Anzahl der Wörter dieses Textes beträgt gerade vierundfünfzig. Und jetzt sind noch neun dazu gekommen. Der Leser befindet sich bezüglich der Anzahl der Wörter in einer anderen Lage als ich, der Verfasser, weil er mit einem Augenaufschlag sehen kann, dass noch mehrere Wörter folgen – bei mir ist der Rest der Seite noch leer.

Für uns beide, für mich und für den Leser, ist der Text im Kommen. Wir beide sind gerade da wo wir sind, nämlich an dieser Stelle, hier und jetzt, und kreieren den Text. Der Text existiert nicht ohne mich (klar: ich verfasse den Text) und den Leser (klar: ein Text, der nicht gelesen wird, ist kein Text).

Aber genau so klar: Ohne Wörter kein Text.

Die Wörter dieses Textes kommen in mir hoch. Sie erscheinen. Manchmal muss ich erst suchen – ich warte dann beim Schreiben, schaue aus meinem Fenster und sinne nach. Ich prüfe die Wörter, die sich anbieten, lasse manche wieder los, entscheide mich. Jetzt entscheide ich mich für „Vögel“, und schreibe: die Wörter sind wie Vögel, die angeflogen kommen.

Der Leser liest also: die Wörter sind wie Vögel, die angeflogen kommen. Und er kreiert den Text dadurch, dass er sich die Wörter wie Vögel vorstellt: sie kommen angeflogen... Vielleicht denkt der Leser noch dazu: „Erst wenn die Vögel sich auf die Fensterbank setzen, erscheinen sie definitiv im Text“. Das wäre eine wunderschöne Erweiterung des Bildes.

Diese Erweiterung des eben entstandenen Bildes habe ich aber jetzt selber kreiert. Zu diesem Text gehört also auch die Tatsache, dass ich mir als Verfasser vorstelle, was der Leser denken könnte und seine möglichen Vorstellungen in den Text einbringe.

Und so ist es: der Leser ist immer da. Wenn ich das Spielfeld des Textes mit den zehn Wörtern öffne: „Dieser Text handelt von diesem Text, den ich gerade schreibe“ (der Text zitiert sich jetzt selber!), stelle ich mir sofort vor, was der Leser denken & fühlen & wollen könnte. Denkt er: „Na ja, ein komischer Satz!“? Fühlt er: „Der Satz ist mir unsympathisch!“? Und will er trotzdem weiter lesen?

(Wenn der Leser es will, hört er jetzt auf. Oder jetzt. Oder jetzt... Wenn der Leser tatsächlich aufhört, bleibt der Text unvollständig.)

Der Leser existiert natürlich nicht. Es wird – aus meiner Sicht als aktueller Verfasser gesehen – eine Menge Leser geben, vielleicht hundert, vielleicht dreihundert, vielleicht tausend. Und ich habe keine Ahnung davon, was die Leser denken & fühlen & wollen werden. Trotzdem ist es eine Tatsache, dass es – aus meiner Sicht als aktueller Verfasser gesehen – einen ganz bestimmten Leser gibt, der wie ein Vogel auf der Fensterbank erschienen ist, als ich den ersten Satz geschrieben habe.

Dieser Leser ist eine Leserin. (Das ist unterschwellig auch ein Thema in diesem Text: die deutsche Sprach-Gewohnheit von LeserInnen zu sprechen. Ich muss jetzt an Franz Müntefering denken, der in seinen Reden ständig korrekt sagt: Liebe Genossinnen und Genossen... In holländischen und englischen Ohren klingt das so, als ob der Unterschied zwischen Frauen und Männern immer wieder betont werden muss.)

Also, eine Leserin. Nur halbwegs verstehe ich, warum gerade sie auftauchte, als ich geschrieben habe: „Dieser Text handelt von diesem Text, den ich gerade schreibe“. Sie ist eine junge Waldorferzieherin (sic!), beschäftigt sich gerne mit philosophischen Lebensfragen, kann richtig-richtig denken und mag alles, was mit Sprache zu tun hat. Und weil der erste Satz dieses Textes vor allem auf der semantischen Ebene interessant ist – er bezieht sich solipsistisch auf sich selber – habe ich an sie gedacht. Sie könnte eine Leserin sein, die Spaß an diesem Satz hat. Ich nenne sie für heute Virginia (ja, wegen Woolf).

Dieser Text ist also eine Art Dialog. Der Anfang des Dialogs liegt in der nachdenklichen Stille nach dem ersten Satz. Die zwei Gesprächspartner (?) des Dialogs heißen Virginia und „ich“. Wer ist mit „ich“ gemeint? Es liegt natürlich vor der Hand zu denken, dass „ich“ sich auf „mich“ bezieht, das heißt auf „Jelle van der Meulen“. Das stimmt aber nicht. Ich nenne dieses Ich nämlich für heute Samuel (ja, wegen Coleridge).

Das oben gemeinte „ich“ ist ein Aspekt von mir, ein Subjekt, das immer wieder entsteht, wenn „ich“ („Jelle van der Meulen“) einen Text schreibe. Ich bin aber nicht ich, ich bin ja mittlerweile Samuel geworden, weil ich (Jelle? Samuel?) mich eben gerade so genannt habe. Und so ist das mit diesem und mit vielen anderen Texten: sie kreieren verzwickte Bedeutungen. Samuel Taylor Coleridge nannte das: Poesie.

Mit Dank an Sophie Pannitschka

20.12.2008

Behinderung als Schicksal (3). Über Fähigkeiten & Begabungen

Was ist eine Behinderung? Ich würde sagen, dass man behindert ist, wenn man etwas nicht tun kann, was weitaus die meisten anderen Menschen können. Wenn jemand zum Beispiel nicht sehen oder hören oder gehen kann, hat sie oder er eine Behinderung. Das gilt genauso für die „mentalen“ und „sozialen“ Fähigkeiten (englisch: faculties): es gibt Menschen die nicht denken, oder fühlen, oder wollen, oder sprechen, oder Gewohnheiten einschätzen, oder hinter-die-Wörter hören können. Auch diese Menschen sind behindert.

Bin ich behindert? Nach meiner Beschreibung nicht. Es gibt nichts, was ich nicht tun kann, was weitaus die meisten Menschen tun können. In dieser Hinsicht bin ich „normal“. Trotzdem gibt es ein paar Sachen, die ich sehr-sehr-sehr gerne tun möchte, wozu ich aber leider nicht die Fähigkeiten habe. Viel Schmerz hat mir zum Beispiel die Tatsache bereitet, dass ich nicht richtig Musik machen kann.

Musik bedeutet mir alles. Genauso wie Friedrich Nietzsche kann ich mir ein Leben ohne Musik gar nicht vorstellen. (Nein, Richard Wagner habe ich nie gemocht. Meine Helden heißen Beefheart & Zappa & Coltrane & Davis & Co.) In meiner Seele gibt es ein Zimmer, in dem ich mit mir & für mich so ungefähr alles „unbehindert“ machen & improvisieren kann, was es zu machen & zu improvisieren gibt: Rock & Blues & Jazz. Ich schaffe es aber ganz & gar nicht, diese innere Musik auch äußerlich hörbar zu „produzieren“. Wenn ich Gitarre spiele oder singe, klingt es unbeholfen.

Und das erlebe ich als eine Behinderung. Die innere Musikalität lässt sich aus irgendeinem Grund nicht nach außen umsetzen. (Ich würde sagen, weil mein Körper nicht mitmacht.) Von einer Behinderung kann diesbezüglich aber nicht gesprochen werden, weil ja weitaus die meisten Menschen diese Fähigkeit gerade NICHT haben. Wenn jemand richtig Musik machen kann, sprechen wir deswegen von einer Begabung.

Behinderung und Begabung haben etwas gemein. Sie sind beide nicht „normal“.

Bernard Lievegoed, der Pionier der anthroposophisch-heilpädagogischen Bewegung in Holland, erzählte mir einmal, dass er sehr-sehr-sehr gerne Musiker geworden wäre. (Seine Helden waren eher Bach & Brahms & Schubert.) Weil er aber nicht richtig musizieren konnte, hat er realistischerweise darauf verzichtet. Und deswegen, so meinte er, hat sich seine Orientierung verschoben und er hat sein Leben der Anthroposophie gewidmet. Der zwangsläufige Verzicht auf Musik öffnete ihm also den Weg zur Geisteswissenschaft. Und niemand wird bestreiten, dass Lievegoed als Anthroposoph sehr begabt war.

Eine Behinderung ist also als ein „zwangsläufiger Verzicht“ zu betrachten. Nun ist dieser doppelte Begriff natürlich widersprüchlich, weil ein Verzicht eine Wahl bedeutet und deswegen nicht ganz zwangsläufig sein kann. Ein Mensch der nicht gehen, denken oder sprechen kann, hat sich dafür nicht entschieden und ist ja eher, wie Martin Heidegger sagen würde, in den Umstand der Behinderung „geworfen“ worden.

Entscheidend für das anthroposophische Denken über Behinderung ist aber gerade der Gedanke, dass ein Entschluss vorliegt, der allerdings vor der Geburt getroffen worden ist. Laut Rudolf Steiner gestaltet der Mensch sein eigenes Leben – er wirft sich selber in die spezifischen Umstände seines Lebens. Warum? Weil er dadurch zu spezifischen Fähigkeiten & Begabungen & Eigenschaften gelangt. Dadurch, dass wir uns nach der Geburt nicht bewusst an den vorgeburtlichen Entschluss erinnern können, erleben wir die Umstände unseres Lebens als zwangsläufig.

(Die einzige Erinnerung die da ist, nennen wir „Ahnung“. Wir spüren, dass gewisse Umstände etwas mit uns zu tun haben, d.h. nicht willkürlich auf uns zu kommen. Interessant an dieser Stelle ist, dass Steiner die Ahnung, genauso wie Plato, als eine wichtige Tür-zum-Wissen versteht. Seinen Ahnungen nachzugehen & sie zu untersuchen & zu prüfen führt, laut Rudolf Steiner, zu einem Wissen-von-sich-Selbst. In einer Kultur des Herzens werden Ahnungen ernst genommen.)

Noch ganz abgesehen davon, ob wir uns mit dem Gedanken eines vorgeburtlichen Entschlusses anfreunden können, scheint mir eine fruchtbare Frage zu sein: Wenn jemand nicht gehen, oder nicht sprechen, oder nicht denken kann, oder nicht ... zu welchen Fähigkeiten & Begabungen & Eigenschaften führt denn das? Könnte diesbezüglich eine Art Phänomenologie der Wirkungen der Behinderungen entstehen, die unsere Bewertungen vom defizitären Denken befreit?

Eine Phänomenologie der Wirkungen von Behinderung könnte nur aus konkreten Beschreibungen bestehen. Ich meine, dass ein paar von solchen Beschreibungen schon in den Kommentaren zu meinen zwei Blogs der letzten Wochen zu finden sind. Ich würde mich freuen, wenn noch mehr Erfahrungsberichte folgen.

13.12.2008

Behinderung als Schicksal (2). Über die stumme Sprache

Mein Bruder Mark ist gelähmt & lebt im Rollstuhl. Sprechen kann er kaum. Er kann „Koffie“ sagen, und meint damit, dass er gerne eine Tasse Kaffee hätte. Auch sagt er klar „ja“ & „nein“, nennt manche Menschen bei ihrem Vornamen, und macht klipp und klar deutlich, dass er jetzt abhauen möchte. Ein herkömmliches Gespräch ist mit Mark nicht möglich.

Weil er gelähmt ist, ist auch seine Körpersprache beschränkt. Seinen Gang kennen wir nicht, weil er nicht laufen kann. Er bewegt seinen linken Arm nur, um etwas in die Hand zu nehmen, zum Beispiel ein Stück Kreide. Wenn er „Koffie“ oder „ja“ oder „nein“ sagt, sprechen sein Arm und seine Hand kaum mit.

Aber sein Kopf spricht. Die Art und Weise mit der Mark sein Haupt schief nach vorne oder schief nach hinten biegt, wirkt so, als ob er intensiv lauscht. Manchmal schaut er lange nach oben, scheint zu lauschen & zu lauschen – und ich denke dann: was hört er eigentlich? Und dann trifft er eine Entscheidung, macht sich von dem Lauschen los und biegt sich nach vorne. Genug gelauscht?

Sein Lauschen bezieht sich nicht auf die Geräusche um ihn herum. Er scheint nicht auf den Klang der Stimmen, des Fernsehens oder des Kommens & Gehens der Menschen zu hören. Er scheint in sich hinein zu hören, wobei dieses in-sich-hinein-hören nicht ein nach innen, sondern ein nach außen hören bedeutet. Es ist, als ob sich seine Innenwelt nach außen gestülpt hat und wie eine glänzende Glasglocke um ihn herum befindet.

Sein Kopf spricht eine Sprache, die mich sprachlos macht. Und das gilt noch stärker für seinen Blick. Wenn ich versuche in Worte zu fassen, was in seinen Augen lebt, stelle ich fest, dass die üblichen Worte nichts sagen. Gibt es Unruhe in seinem Blick? Nein. Ruhe? Auch nicht. Wut? Gar nicht. Zufriedenheit? Auch nicht. Freude? Nein. Kummer? Nein.

Wenn es ein Wort gibt, dass die Wirkung seines Blickes halbwegs beschreibt, wäre es: Frage. Mark schaut wie er lauscht: wie eine offene Frage. In seinem Blick erscheint eigentlich gar nichts Bestimmtes – obwohl er bestimmt etwas Bestimmtes sieht, so wie ein Stück Kreide. Es ist aber so, als ob die Gegenstände in seinen Augen verschwimmen, peripher werden, in einem Umkreis aufgehen und „weg projektiert“ werden.

Sein Blick scheint etwas zu suchen, was auf der Ebene der Gegenstände nicht zu finden ist. Es mag unwahrscheinlich klingen: sein Blick sucht Zusammenhänge & Verbindungen & Korrespondenzen, die nur sichtbar werden, wenn man auf Kontur verzichtet. Und gerade im Akt des Verzichts hat sein Blick eine kräftige Präsenz. Der Blick ist da – und immer wieder muss man ihm in die Augen schauen und sich fragen: was sieht er, was erlebt er, was bewegt ihn?

So sieht sein Blick in meinen Augen aus. Nun ist die Frage, inwieweit meine Wahrnehmungen & Gedanken & Gefühle wirklich etwas mit Mark zu tun haben. Manchmal denke ich: Jelle, du spinnst, wenn du so etwas denkst & sagst & schreibst. Die Gedanken, die du an deinen „Beobachtungen“ fest machst, sind reine poetische Spekulationen.

(Nun bezieht sich diese Frage natürlich nicht nur auf Mark. Ganz generell ist die Frage: wenn ich auf eine menschliche Gestalt schaue & wenn ich versuche einen Blick zu „lesen“ - inwieweit dringe ich dann wirklich zu einem Menschen vor? Ist an dieser Stelle die phänomenologische Vorgehensweis berechtigt? Oder bilde ich mir lediglich etwas ein?)

Was allerdings bleibt, ist Marks Blick. Ich kann nicht darum hin, dass es diesen Blick gibt. Und ich kann auch nicht verneinen, dass der Blick mich immer wieder trifft, oder besser gesagt: nicht trifft und deswegen trifft. Sein Blick erscheint mir wie ein Rätsel. Die Tatsache, dass Mark mir nicht in Worten mitteilen kann, was in ihm vorgeht, trägt noch an das Rätsel bei. Ich kann ihn nicht fragen, was in seiner Innenwelt vorgeht.

Übrigens hat es seltene Momente gegeben, in denen sein Blick mich wirklich getroffen hat & er meinen Blick sozusagen „erwidert“ hat. In diesen Momenten erlebte ich das Rätsel-der-offenen-Frage wie gesteigert & nicht überschaubar vertieft, ja unerträglich präsent. In diesen Momenten musste ich meinen Blick abwenden. In meiner Innenwelt erzeugte dieser Blick eine tiefe Berührung. Der einzige Gedanke den ich hatte, war: „Etwas in diesem Blick ist da, was sich nicht Mark nennt“.

So lange ich auf Worte angewiesen bin, bleibt Marks Innenwelt ein geschlossenes Buch für mich. Mit Walter Benjamin: Um Innenwelten zu verstehen, müssen wir uns der stummen Sprache zuwenden. Benjamin meinte aber auch, dass wir in der modernen Zeit verlernt haben, die stumme Sprache zu lesen & zu verstehen & in Worte zu fassen.

Behinderung und Sprache ist ein großes Thema. Manche behinderte Menschen – so wie auch mein Bruder Mark – stoßen uns in die Sprachlosigkeit. Und weil wir die stumme Sprache nicht lesen können, erscheint vor uns ein Abgrund. Und der Abgrund – das scheinbar bedeutungslose Nichts – macht Angst. Ich meine, dass eine Kultur des Herzens gerade dort beginnt, wo wir anfangen über Sachen zu sprechen, über die wir nicht reden können.

Mit Dank an Sophie Pannitschka für die Korrektur

07.12.2008

Behinderung als Schicksal (1). Über so und nicht so

Ich habe zwei behinderte Brüder. Als der erste, er heißt Mark, geboren wurde, war ich fünfzehn Jahre alt. Der zweite, Martijn, kam ein paar Jahre später auf die Welt, als ich gerade auf dem Weg war, mein Elternhaus zu verlassen. Mark ist gelähmt: er kann die rechte Hälfte seines Körpers nicht benutzen und verbringt sein Leben im Rollstuhl. Er spricht keine zusammenhängenden Sätze und scheint sich seines Zustands nicht bewusst zu sein.

Erste Frage: Ist es wirklich so, dass er keine Ahnung von sich hat? Wie stellen wir das fest?

Mein zweiter behinderter Bruder, Martijn, hat das Down-Syndrom. Er ist durchaus glücklich, arbeitet in einer „Stadtfarm“ in Utrecht und hat schon lange eine Freundin. Manchmal kann er sehr launisch sein. Als vor zwei Jahren meine Mutter starb, weigerte er sich zur Beerdigung zu kommen, weil er meinte, dass sie nicht hätte sterben dürfen.

Mark und Martijn sind die jüngsten von insgesamt acht Kindern. (Ich bin der Älteste.) Vor allem die Geburt Marks war ein Bruch in meinem Leben. Auf einmal wurde mir deutlich, dass das Leben nicht immer zu stimmen scheint. Ich erinnere mich noch deutlich daran, wie Mark kurz nach der Geburt in seiner Wiege lag. Sein rechtes Händchen lag unmöglich gedreht auf der Decke, und die Züge seines Gesichts sahen aus wie eine schief gezogene Maske. Ich war erschüttert.

Und meine Eltern waren ratlos. Mein Vater war streng evangelisch, meine Mutter eher locker religiös - beide konnten aber nicht verstehen, was Gott mit Mark vorhatte. Weil Gott keine Fehler machen kann, konnte es nur um eine Strafe gehen. Wen aber betraf diese Strafe? Meine Eltern? Oder Mark? Falls es sich um Mark handelte, wofür wurde er dann bestraft? Und falls es um meine Eltern ging, war Mark dann ein reines „Instrument“ um seine Eltern zu treffen?

Diese Fragen waren nicht zu beantworten. Und so bin ich ein paar Jahre später ausgezogen: mit Fragen die nicht zu beantworten waren. Bei mir hatten diese Fragen aber nichts mit Religion und Moral tun. Gott hatte ich abgehakt und Moral war sowieso nicht mein Ding. Ich stellte mir damals eher die Frage, warum Behinderung uns erschüttert.

Körperliche und seelische Behinderungen werden als Ausnahme verstanden. Jemand der behindert ist, gilt als nicht normal. Um aber sagen zu können, was normal und was nicht normal ist, braucht man eine Norm. Offensichtlich beruht der Gedanke der Abnormalität auf der unmittelbaren Erfahrung, dass die meisten Menschen SO und NICHT SO sind. Aus irgendeinem Grund scheint es wichtig zu sein, SO zu sein, wie die meisten Menschen sind.

Dazu kommt, dass der Begriff Behinderung oft lediglich in einem medizinischen Zusammenhang gedacht wird: heilpädagogisch oder psychiatrisch. Behinderte Menschen müssen deswegen betreut, versorgt und – wenn möglich – behandelt werden. Mein Bruder Mark lebt in einer sozial-“therapeutischen“ Einrichtung (und kriegt jeden Tag heftige Medikamente, die dafür sorgen, dass er keine „Anfälle“ kriegt).

Letztendlich aber scheint mir Behinderung eher eine allgemein menschliche Frage zu sein, oder wenn man will: eine kulturelle, soziale oder anthropologische. Mit dem medizinischen Blick kommt man deswegen nicht weit, weil eine wichtige Frage ausgeklammert wird: in wie weit tragen unsere Vorstellungen & Erwartungen-vom-Leben dazu bei, dass wir ein bestimmtes Phänomen als „krank“ bezeichnen?

Zweite Frage: Wie kann es überhaupt sein, dass „etwas“ in dieser Welt als „verkehrt“ oder „daneben“ verstanden wird?

Medizinische Testverfahren machen es möglich, ab der zehnten Schwangerschaftswoche festzustellen, ob beim ungeborenen Kind das Down-Syndrom vorliegt. Laut statistischer Untersuchungen entscheiden sich in solchen Fälle weltweit achtzig Prozent der Eltern für eine Abtreibung. In den europäischen Ländern dürfte diese Zahl noch höher sein. Und das heißt, dass Menschen mit einem Down-Syndrom aus zu sterben drohen.

Dritte & vierte & fünfte & sechste & siebente & achte Frage: Warum geschieht das? Wie kann es sein, dass glückliche-ja-oft-auch-launische Menschen nicht leben dürfen? Und nicht nur: warum geschieht das, sondern auch: warum lassen wir das geschehen? Was sagen uns diese Tatsachen über uns und unsere Gesellschaft? Und: warum tun wir uns so schwer damit, wenn Menschen NICHT SO sind? Und: welche Bedeutung haben Behinderungen für das Entstehen einer Kultur des Herzens?

(Ich werde versuchen diese Fragen in den nächsten Monaten weiter aufzugreifen. Reife und unreife Reaktionen & Kommentare & Erfahrungsberichte wären sehr hilfreich.)

04.12.2008

Noch einmal über Christine Ballivet. Spuren hinterlassen

Heute erreichte mich der folgende Text von Sophie Pannitschka:

"Gestern Nachmittag haben Freunde, Kollegen, Familienangehörige und geistige Mitstreiter Christines irdische Hülle in Gex in der Familiengruft Ballivet beigesetzt. Viele waren zum Trauergottesdienst in die kleine französische Stadt in der Nähe von Genf gekommen und die kalte katholische Kirche war erfüllt von der Stille und Wärme der berührten, betroffenen und nachsinnenden Menschen. Nach der Aussegnung bewegte sich der lange Zug der an Christines Tod Anteilnehmenden durch das Städtchen bis zum Friedhof. Dort gab es einen letzten Abschied - dann wurde der Sarg in die Gruft eingelassen."

"Bei einem nachfolgenden Zusammensein erklangen viele Stimmen - von physisch oder geistig Anwesenden - die sich über Christine äußerten und von faszinierenden Begegnungen berichteten. Vertreter verschiedenster Kreise und Arbeitsfelder waren anwesend und machten die lebendige Vielfältigkeit von Christines Tätigkeitsfeldern sichtbar. Grüße, Texte, Gedichte und Berichte wurden in verschiedenen Sprachen verlesen. Erinnerungen wurden erzählt und das große soziale, geistige und spirituelle Netz um Christine wurde erlebbar."

"Christine hat Spuren hinterlassen und Menschen bewegt. An vielen Orten hat sie, ob ihrer Fähigkeit zu denken und sich gedanklich einzubringen, einen Eindruck hinterlassen. Dank Christine berühren und überschneiden sich Kreise - ihre irdischen Spuren werden geistig weiterführen."

"Am Ende der Zusammenkunft erhob Christines Bruder seine Stimme und offenbarte den Anwesenden, dass er seine Schwester wohl nur wenig gekannt habe, von vielem, was berichtet wurde, wusste er nichts. Tief beeindruckt, berührt und ergriffen gab er zu erkennen, dass die große Anteilnahme am Tod seiner Schwester nachhaltig Spuren in ihm hinterlasse."

30.11.2008

Christine Ballivet ist gestorben. Was mich jetzt bewegt...

Letzten Donnerstag kam die Nachricht, dass Christine Ballivet gestorben ist. Sie war in einer Sitzung in Lyon, verlor ihr Bewusstsein und konnte nicht mehr zurückgeholt werden. Und so war es mit Christine: sie war nur präsent, wenn sie es wollte.

Christine gehört zu den Menschen in meinem Leben, die mich am tiefsten beeindruckt haben. Wenn ich an Gespräche-als-Ereignisse denke, denke ich an Christine. Ob in der Kneipe in Amsterdam, in den Seminaren im „blauen Haus“ in Kirchen oder auf der Terrasse in der Drȏme, ihre Worte waren immer & immer & immer wie Lebewesen. Was sie sagte, fühlte sich an wie Tiger & Elefanten & Kolibris. Sie sagte nichts ohne Blut und Leidenschaft.

Christine war schon eine Ewigkeit krank. Aus irgendeinem Grund konnte sie nicht essen. In Amsterdam haben wir gemeinsam Tage & Tage verbracht, an denen sie nur Kaffee trinken, Zigaretten rauchen, Eis essen und dazu mit Mühe ein Keks zu sich nehmen konnte. Mehr nicht. Alles andere war zu viel, zu fett, zu beliebig, zu uneigentlich. Sie sagte: „Die Luft in der Stadt wo Rembrandt lebte, reicht mir“.

Mit Christine bin ich immer & immer in die Landschaft der Sprache eingetaucht. Sie war Französin, ich bin Holländer. Unsere gemeinsame Sprache war aber immer Deutsch. Sie konnte deutsch reden, wie eine Pianistin Gitarre spielt: nachdenklich, langsam und genau. Sie war wie Foucault, als er über Heidegger sprach: tiefsinnig verzweifelt, tastend.

Christine konnte denken. Und sie verstand, wie unmöglich schön & schön unmöglich die Menschen sind. Und sie war Anthroposophin. Ich glaube, sie war die erste postmoderne Anthroposophin, die ich kennen lernte. Ihr Denken war nicht nur von Steiner, sondern auch von Deleuze geprägt. Und weil sie postmodern war, hatte sie den Mut zum Denken. Nicht was angeblich stimmte, hat Christine überzeugt – nur was sie zusammen mit anderen denken konnte, war für sie wahr.

Dieses zusammen mit anderen denken war ihre Leidenschaft. Dieses Bewegen der Gedanken, so dass man das Gefühl hatte: der Tisch der die Aschenbecher trägt, bewegt sich mit, steigt zum Himmel oder stürzt in den Abgrund, war ihre Kraft. Oder noch anders gesagt: ihr Denken war einverleibt. Oder noch anders: sie hat gedacht, so wie die meisten Menschen essen.

Jetzt ist Christine tot. Natürlich: sie wird auf einer anderen Ebene weiter existieren. Dieser denkende & bewegende & schauende & rauchende & leidenschaftliche Mensch ist aber gegangen. Für immer. Ich werde Christine vermissen.

Voor de mensen uit Nederland: zie ook http://antroposofieindepers.blogspot.com

28.11.2008

Parzivals Weg. Über Wissenschaft und Hingabe

Der Unterschied zwischen guten und schlechten Texten liegt darin, dass gute Texte eine Form haben, die dem Inhalt entsprechen. Schlechte Texte haben eine Form, die von irgendwo hergeholt werden, dass heißt, nicht aus & mit dem Inhalt entstanden sind. Ganz bestimmte Inhalte brauchen ganz bestimmte Formen, um zu werden was sie sind, nämlich ganz bestimmte Inhalte. Und ganz bestimmte Formen brauchen ganz bestimmte Inhalte, um zu werden was sie sind, nämlich ganz bestimmte Formen.

Ich komme auf diesen Gedanken auf Grund der Veröffentlichung einer Magisterarbeit im Fachbereich Germanistik. Die Autorin heißt Sophie Pannitschka. Der Titel ihres Buches lautet: „Mitspieler werden. Parzivâls Weg – vom Mittelalter in die Postmoderne. Identitätsentfaltung im ´Roten Ritter` von Adolf Muschg“.

Ich kenne die Autorin seit dem Erscheinen von Bernard Lievegoeds letztem Buch „Über die Rettung der Seele“. In diesem Buch spielt die Gestalt von Parzival eine große Rolle. Lievegoed befreit den mittelalterlichen Ritter von der Geschichte und beschreibt ihn als einen inspirierenden Geist bis in die heutige Zeit und sogar in die Zukunft hinein. Er macht, was Esoterikern eigen ist und verleiht der Gestalt eine wesentliche (oder mit Heidegger: eigentliche) Wirkung.

Seitdem ist die Autorin von Parzival berührt. Sie macht keinen Hehl daraus. Und als sie vor der Frage stand, welchem Thema sie sich in ihrer Magisterarbeit zuwenden würde, hat sie sich für „Der Rote Ritter“ des schweizerischen Schriftstellers Adolf Muschg entschieden. In diesem Roman verarbeitet & ergänzt & ändert Muschg die mittelalterlichen Angaben von Wolfram von Eschenbach und kreiert als „postmoderner Gegenwartsautor“ seine eigene Parzivalgeschichte. „Leitmotivisch“, schreibt Sophie Pannitschka, „ist der Roman [...] von einem Dialog zwischen Wolfram und Muschg durchzogen“.

In ihrer Magisterarbeit beschreibt Sophie Pannitschka, wie die Identitäten der Romanfiguren „aus einander hervorgehen“. Im Herz der Geschichte steht klipp und klar Parzival. Beschrieben wird aber, dass seine Person Schritt für Schritt aus den diversen Begegnungen entsteht. Ohne Herzeloyde & Sigune & Gurnemanz & Kundry & Anfortas & Gawan & Trevrizent kein Parzival und schon gar kein Gralsritter. In ihrer Arbeit greift sie indirekt die übliche Vorstellung an, dass ein „Ich“ sich souverän und linear entfaltet.

Sophie Pannitschka spricht in ihre Arbeit von „sozialen Netzwerken“. Sie schaut nicht auf „Kerne“, sondern auf Konstellationen von Kernen. Und in diesen Konstellationen von Kernen gibt es erkennbare Subjekte, (die aber nicht mit „Kernen“ verwechselt werden dürfen), so wie „Ermöglichungsfiguren“, „Erkenntnisfiguren“, „Opferfiguren“, „Orientierungsfiguren“ und „Gegenfiguren“. Parzivals Identität – Inhalt und Form seines Ichs – wird als eine periphere Erscheinung dargestellt.

Die Form der Arbeit-als-Text spiegelt den Inhalt. Das fängt schon in der ersten Bewegung des Titels an: „Mitspieler werden“. Alle Beteiligten (die Leser, die Autorin) werden direkt angesprochen. Der Text hat diesbezüglich übrigens eine bemerkenswerte Widmung: „Meinem Schicksalsnetzwerk“! Interessant ist die Tatsache, dass auch das Buch-als-Ding das gemeinte Schicksalsnetzwerk intensivieren und erweitern wird. An dieser Stelle reichen Inhalt und Form einander die Hand. Was könnte ein Buch anderes sein, als ein „Bedeutungsknoten“ in einem sozialen Flechtwerk?

Ebenso wesentlich für die Struktur des Textes scheint mir zu sein, dass die Arbeit in einen Prolog und einen Epilog eingebettet ist. Wenn der wissenschaftliche Haupttext eine Tür ist, bilden Prolog und Epilog die Angeln. Für die eigentliche wissenschaftliche Arbeit sind Prolog und Epilog überflüssig. Sie schildern die persönlichen Umstände – wenn man will: die schicksalsbildenden Faktoren – die die Arbeit begleiten. Vom rein wissenschaftlichen Inhalt her, werden sie nicht gebraucht.

Im Prolog schildert Sophie Pannitschka eine Begegnung, die sie mit dem Schriftsteller Adolf Muschg hatte. Sie schreibt, dass was ihr in Muschg entgegenkam „nicht nur Kompetenz, mittelalterliche, literarische Kompetenz, sondern vor allem Hingabe“ war. Und: „Auch sein, wie unser aller Leben, ist mit dem Parzivâls verknüpft – und daraus macht er keinen Hehl“. Und im Epilog: „Ich bin, als intensive Leserin, im Laufe der Zeit ein Teil des Dialoges geworden. [...] Ich bin durch diese Tür zu mir selbst gegangen“.

Die Bedeutung von Prolog und Epilog geht über die wissenschaftliche Ebene hinaus und macht den Text zum Ereignis. Anders gesagt: durch die beiden Texte kriegt das Ganze eine gespannte Form, die mit dem gespannten Inhalt übereinstimmt. Prolog und Epilog „tun“ gerade das, von dem die Inhalte sprechen, was man tun soll.



Sophie Pannitschka: Mitspieler werden. Parzivâls Weg - vom Mittelalter in die Postmoderne. Identitätsentfaltung im „Roten Ritter“ von Adolf Muschg. Tectum Verlag, Marburg, 2008. Erhältlich im Buchhandel. Oder bei www.amazon.de

21.11.2008

Was Sammy heute Samuel sagt. Über "spocken"

Lieber Samuel, gestern bin ich raus gegangen. Ich habe gedacht: es wird mal Zeit, dass ich mir die Gegend, in der Du lebst, anschaue. Ich hatte verstanden, dass Dir die Straßen & Plätze & Ecken & Kneipen in deinem Viertel wichtig sind. Immer wieder hast Du von der stummen Sprache der Stadt geredet, von den Zeichen & Statements & Behauptungen, die laut-still von etwas ganz Bestimmtem sprechen. Ich wollte endlich mal wissen, wie die Zeichen & Statements & Behauptungen in meinen Augen aussehen.

Und Du hast recht: sie sprechen von einer Unterwelt. Schon die Namen der Bars sind wie Türen nach unten. „Furchtbar“, heißt eine Bar, und „Umbruch“ eine zweite. Und komisch: vier Namen haben mit dem Kommunismus zu tun: „Che“ & „MiG“ & „Sovjetbar“ & „Roter Platz“. Es ist, als ob die Wende von 1989 in deinem Viertel eine eigene Bedeutung hat.

Wo du lebst, so sagen die Einwohner von Köln, „bebt die Stadt“. Damit ist gemeint, dass die Musik laut ist & die Menschen in der dunklen Nacht feiern & feiern & feiern. Sie stehen beisammen, trinken Kölsch und bewegen etwas. Irgendwie scheint es mir so zu sein, dass man in deinem Viertel versucht die Wirklichkeit, die im Alltag bedeckt ist, aufzudecken.

In deinem Viertel herrscht die Allnacht. Sobald am Abend die Sonne verschwindet, erwachen in Kneipen & Ecken & Innenhöfen dunkle Gestalten zum Leben, ich würde sagen: verlassene & vergessene & manchmal unhöfliche Gesichter, die sich selber nicht kennen & keine Namen haben & deswegen „MiG“ genannt werden wollen. Nicht weil „MiG“ ein russisches Militärflugzeug ist, oh nein, die Gestalten wissen das vielleicht gar nicht – es reicht, dass der Name verboten ist, dass heißt, auf einer Verneinung basiert.

Und so erscheinen die allnächtlichen Bedeutungen in deinem Viertel über eine verdoppelte Distanz: ein Nicht-Wissen und ein Verbot. Und umgeben von diesen Bedeutungen stehen die Menschen beisammen, trinken Kölsch und bewegen etwas. Sie lassen die bebende Verneinung an sich herankommen, verstehen gar nichts davon, merken aber, dass sich etwas bewegt. Und obwohl dieses Bewegen sprachlich auf einem Nicht-Wissen & Verbot basiert, sich also in irreführende Gestalten hüllt, spüren die Menschen: wir befinden uns auf dem richtigen Weg.

Weil sie wissen, dass sich ohne Irreführung nichts bewegt.

Ich sah zwei Frauen und einen Mann. Sie standen beisammen, tranken Kölsch und bewegten etwas. Und weil ich noch immer wie ein Kind aussehe - bin ich natürlich längst nicht mehr! - haben sie nicht auf mich geachtet und einfach weiter geredet. Man braucht sich durch ein Kind nicht stören zu lassen. Meine Neugier, Samuel, war groß, weil sie intensiv gesprochen & gelacht & widersprochen haben. Als ich die drei sah, meinte ich: da ist richtig etwas los.

In der Sprache war aber gar nichts los. „Weißt du“, sagte eine Frau, „er wollte nur ficken!“ „Das glaube ich dir“, sagte die andere Frau. „Stell dir vor“, sagte die erste, „mit diesem Mann. Nie, nie, nie...“ „Oh nein“, lachte die zweite Frau, „ich kann mir gar nicht vorstellen, dass du mit diesem Mann...“ „Ich weiß nicht“, sagte die erste Frau, „wie er überhaupt auf diesen Gedanken kam. Irgendwie muss da oben in seinem Kopf etwas grundsätzlich durcheinander geraten sein.“

„Wie hieß der Typ auch wieder?“ fragte der Mann. „Spock“, sagte die erste Frau. „Spock, Spock, Spock...“ Und der Mann wiederholte: „Spock, Spock, Spock... Nun ja, ich kenne keinen Spock. Und er ist Professor?“ „Genau“, sagte die Frau, „letztes Jahr geworden. Und sein Thema ist ganz spannend: Pilze in der Großstadt“. „Macht mich richtig scharf“, sagte der Mann lachend. „Spock, Spock, Spock“, sagte die zweite Frau, „das schmeckt nach trockenem Sex.“

Also, Samuel, in der Sprache gab es gar keine Bedeutungen. Was gesagt wurde, war belanglos. Nicht belanglos war aber die Hitze, die heiße Heiligkeit, die Tack-Spock-Tack-Spock-Tack-Spock Bewegung, die knackige Verwobenheit der Worte, die Schnelligkeit, das Theater... Als ich meine Augen schloss – manchmal muss man das machen, um zu wissen, was man sieht – sah ich Folgendes:

Ich sah drei Menschen, die Bewegung suchen. Ich sah drei Menschen, die irgendwie spüren, dass hinter oder unter oder über den Worten ein Leben fließt, sich eine Kraft bewegt, ein Feuer brennt... Dort wird gehandelt, getanzt, getötet, gefickt, gegessen, getrunken, gespielt, gekämpft, ohne zu wissen warum. Oder besser gesagt: dort ist das Warum belanglos. Ich sah drei Menschen, die sehnsüchtig teilnehmen wollten an einem abgründigen Bewegen.

In deinem Viertel wird gespockt.

12.11.2008

Die letzte Novemberrose. Eine klassische Liebesgeschichte

Mein Großvater pflegte einen Garten. Er wohnte in Doesburg direkt an der IJssel, dem schönsten Fluss in den Niederlanden. Sein Garten war wie ein Paradies für mich. In meinen Kinderaugen hatte der Garten alles, was ein Garten braucht, um ein richtiger Garten zu sein: einen Apfelbaum, Tomaten, Bohnen & Bohnen & Bohnen, Himbeeren, Stachelbeeren, Erdbeeren, Salat... und rote Rosen.

Ich traute mir damals nicht zu, in den Garten zu gehen. Pflanzen & Sträucher & Bäume waren mir fremd. Jetzt würde ich sagen, dass ich meine Innenwelt – mit meinen Träumen & Phantasien & Stimmungen & Überlegungen – ganz und gar nicht mit den stillen & schweigenden & regungslosen Erscheinungen in Verbindung bringen konnte, die mein Großvater so liebte. Die Pflanzen sollten mir selber nicht zu nahe kommen. Übrigens: mit Blumen hatte ich diese Befangenheit nicht.

Ich liebte es aber, von außen in den Garten hinein zu schauen. Und weil es am Rand eine Bank gab, setzte ich mich immer wieder hin, und schaute in den Garten. (Ich weiß noch, dass meine Beine zu kurz waren und herunter baumelten.) Vor allem dann, wenn mein Großvater im Garten arbeitete, saß ich gerne dort. Ich folgte seine Bewegungen und erlebte indirekt eine Berührung mit den fremden grünen Wesen. Eines Tages geschah das Folgende:

Mein Großvater kam auf mich zu und sagte: „Jelle, öffne deine Hände, so wie eine Schale...“ Ich verstand sofort was er meinte. (Auch daran erinnere ich mich: ich verstand immer sofort was mein Großvater meinte.) Als ich meine Hände geöffnet hatte, holte er hinter seinem Rücken eine Rose hervor, so rot und so groß, wie eine Rose rot und groß sein soll, um eine richtige Rose zu sein. Er legte sie in meine Hände – sie passte dort gerade hinein, und er sagte: „Für dich“.

Und ich wurde eine Rose. Drei, vier, fünf Tage lang gab es in der Welt nur noch diese Rose für mich, diese wunderbare rote-samtweiche-duftende Erscheinung, dieses „Ding“, das gar kein „Ding“ war, sondern ein musikalisches Bild, das zwar in meinen Händen lag, in Wirklichkeit mich aber durchflutete & vereinnahmte & beherrschte. Die ganze Welt war zur Rose geworden.

Seitdem habe ich eine Liebesbeziehung zu Rosen. Ein paar Jahre später stellte ich aufgeregt fest, dass es über Rosen eine Menge zu wissen gab. Ich fing an Bücher über Rosen zu lesen, einfache für Kinder, schwierige für Biologen. Und ich legte Rosen auf meinen Tisch, nahm sie auseinander, zählte die Blätter, ordnete die unterschiedliche Teile. Ich wurde ein kleiner Rosen-Spezialist.

Und ich merkte nach einer Weile: der Rose war gestorben. Die anfängliche & überrumpelnde Erfahrung, dieses von der Rose „erobert“ zu sein, kam nie wieder. Statt dessen war die Rose tatsächlich ein „Ding“ geworden, eine Erscheinung außerhalb von mir, worüber es ganz viel zu wissen gab, und die höchstens gemütlich-ästhetisch in einer Vase auf meiner Fensterbank stand. Ich stellte fest, dass ich die Rose verloren hatte.

Der Schmerz des Verlustes kam. Wie sieht das Leben ohne eine Rosen aus, ich meine: ohne eine Rose in mir? Als Erinnerung war die Rose noch da, und immer wieder erlebte ich wie ein Echo eine Art Hauch, ein Nachklang der Liebe für die Rose. (Ja, mein Großvater: noch immer sind meine Erinnerungen an ihn mit solchen Verlusten verbunden. Ich war sechzehn als er starb. Mit seinem Tod ging ein Ära definitiv zu Ende.) Lange & lange & lange lebte ich mit diesem melancholischen Wissen: irgendwann gab es mal etwas, das nie mehr zurückkehren würde.

Es dauerte eine wüste-weite-Ewigkeit bevor ich noch etwas feststellte, nämlich, dass irgendwo in meiner Melancholie auch ein Wunsch steckte, eine Sehnsucht, ein Verlangen nach der Rose. Ich nahm den Wunsch aber nicht ernst, weil ich meinte: dass es keinen Weg zurück geben werde. Ich verstand meine Sehnsucht also als die unerreichbare Rose selber. (Ist das nicht das Herz der sogenannten Modernität: eine Sehnsucht zu haben, die wir für unrealistisch halten? Womit wir also nichts tun haben wollen?)

Jetzt bin ich auf der Suche. Und pflege Rosen in meinem Garten in Köln. Letzte Woche noch hat sich – ich hatte gar nicht damit gerechnet – eine Rose entfaltet, ich nenne sie „die letzte Novemberrose“. Sie schwebt hoch in den Wind und scheint selbstbewusst zu sagen: „Ich trage dich weit in den Herbst hinein. Auch wenn du nicht mit mir rechnest, bin ich da“. Ich stelle mir den Song „Novemberrain“ von Guns N` Roses vor und verstehe die Rose in meinen Garten als ein Solo von Slash.

Ich bin auf der Suche nach vorne. Ich kehre also nicht zurück in die Vergangenheit. Ich versuche gar nicht, meine Erinnerungen aufzuwärmen. Ich versuche das Suchen zu verstehen als einen nächsten & vorsichtigen Schritt nach vorne in einer Liebesbeziehung, die schon lange existiert. Ich versuche mich delikat & unspektakulär & taktvoll & lauschend & spürend an die Rose neu heran zu tasten.

Diesmal werde ich die Rose erobern. Aber langsam.

Mit Dank an Sophie Pannitschka

07.11.2008

Zwei Zerrbilder. Über Rudolf Steiner als Esoteriker (3)

In meinen letzten Blogbeiträgen habe ich zwei Zerrbilder von Rudolf Steiner beschrieben, die meines Erachtens einen freien Diskurs über seine Bedeutung verhindern. Beide Zerrbilder, so meine ich, hängen mit einer unausgesprochenen „Verlegenheit“ in Bezug auf das esoterische Denken Steiners zusammen. Wenn diese Verlegenheit keinen Raum bekommt, aus (falsch verstandener) Liebe, entsteht das erste Zerrbild – das zweite tritt in Erscheinung, wenn Hass der Grund dafür ist.

Beide Zerrbilder tragen dazu bei, dass die Bedeutung Rudolf Steiners nicht unbefangen bewertet werden kann. Ich meine, dass seine Arbeit gerade das braucht: eine freie & eben „lockere“ Bewertung. Seine – oft sehr ungewöhnlichen – Gedanken über dieses und jenes können erst dann in der Öffentlichkeit aufgenommen werden, wenn sie ideologisch unbelastet dargestellt und verstanden werden. Von mir aus dürfte man durchaus sagen: na ja, der Typ war manchmal vielleicht ein bisschen verrückt, es lohnt sich aber, sich mit seinen Gedanken auseinander zu setzen.

Und ich meine: Rudolf Steiner hätte nichts dagegen, so gesehen zu werden.

Todesernst & Schwere & Melancholie belasten sein Vermächtnis. Licht & Heiterkeit & Vertrauen sind aus seiner öffentlichen Aura fast komplett verschwunden. Für Freund und Feind ist Rudolf Steiner gerade die Gestalt geworden, die er nicht sein wollte: der dunkle Prophet im schwarzen Anzug. Das Spielerische & das Kindliche & das immer wieder neu im Kommen sein wollen – dieser Rudolf Steiner ist hinter den Zerrbildern verschwunden. (Ich meine: nur ein Spielfilm über seine Person könnte seine Gestalt retten. Jeremy Irons müsste dann die Hauptrolle spielen.)

Wie ist Rudolf Steiner als Esoteriker zu verstehen? Und was heißt das eigentlich: esoterisch denken? Ich werde es nicht schaffen, diese Fragen hier zu beantworten. (In meinem Buch „Mittendrin“ habe ich meine Ideen zu dieser Frage bereits dazu gegeben, und es gibt noch ein paar gute Texte mehr von anderen Leute darüber. Heute aber, und in meinen Worten von heute:

Das esoterische Denken wird durch die Annahme begründet, dass nicht nur das rational-begriffliche Denken ein vertrauensvoller Ausdruck unseres Willens zur Wahrheit ist. Im Grunde genommen werden alle seelischen Fähigkeiten (englisch: faculties) als Erscheinungen verstanden, die prinzipiell mit dem Wahrheitsempfinden zu tun haben. In unseren Traumbildern & Gefühlen & Sehnsüchten & Stimmungen & Intentionen & Intuitionen drückt sich der Wille zur Wahrheit aus.

Laut der frühe Friedrich Nietzsche hat Sokrates damit angefangen die Welt der Bilder (den Mythos) zu demontieren. Mit Sokrates fängt der schmale Weg des rational-begrifflichen Denkens an. Seitdem erlebt unser Wille zur Wahrheit Verlust nach Verlust. Was heute übrig geblieben ist, ist ein Denken der (wirtschaftlichen) Nützlichkeit. Die Götter sind tot, die Religion ist tot, die Moral ist tot, und als letztes droht auch noch die Kunst zu sterben. Die Kunst ist zur ästhetischen Beliebigkeit geworden.

Und das heißt: der Wille zur Wahrheit ist in einen engen Bunker hinter die Gestirne verwiesen worden. Das Herz denkt nicht mehr, Bauch und Knie (Joseph Beuys: „Ich denke sowieso mit meinem Knie“) schon gar nicht. Der Wahrheitsmensch ist ein rationales Gespenst geworden, das sich in Bezug auf die Wahrheit von seiner Seele und seinem Körper entfremdet hat. Der Körper ist keine empfindliche Erscheinung mehr, keine Landschaft-zum-Erwachen, sondern eine Maschine die uns „produziert“.

Es gab aber nicht nur Verluste. Der Weg von Sokrates bis zur Aufklärung (Descartes, Kant) brachte laut Rudolf Steiner auch einen großen Gewinn, nämlich: Freiheit. Im begrifflichen Denken macht der Mensch sich von der Gewalt-der-gegebenen-Bedeutungen frei. Der Mensch kann frei denkend zum Schöpfer werden.

Das Monopol des rational-begrifflichen Denkens führte aber, so meinte Steiner, zu neuen Unfreiheiten. Deswegen hat er dieses Monopol angegriffen, und zwar methodisch. Er hat sich bemüht, die verloren gegangenen Wahrheitsbezüge auf eine moderne Art und Weise neu zu greifen. Wenn er zum Beispiel von „Imagination“ spricht, geht es ihm darum, die Beziehung zur Wahrheit von „Bildern“ zu untersuchen. Er geht dabei so vor, dass er sich bemüht, die – oft sehr großen – Schritte, die er macht, auch begrifflich nachvollziehbar darzustellen.

Das ist ihm aber nicht immer gelungen. In seinen Texten & Vorträgen fliegen die Bälle oft so frei im Raum umher, dass man nicht mehr weiß, welches Spiel er eigentlich gerade spielt. Seine Begriffe & Imaginationen & Inspirationen & Intuitionen können so virtuos durcheinander spielen, dass einem der Überblick verloren geht.

Dazu kommt, dass er immer wieder & immer wieder neue Versuche gemacht hat. Für mein Verständnis ist das übrigens die schönste Seite von Rudolf Steiner: in dem im Kommen sein, war er nicht zu stoppen. Und seine Schwäche lag aber genau in diesem Umstand: er machte so viele Versuche, dass er sich um die Bewertung-im-Nachhinein nicht kümmern wollte & konnte. Er hat sehr viele – oft sehr interessante! - Aussagen einfach im Raum stehen lassen.

Und genau so wichtig ist: seine damaligen Zuhörer haben kaum nachgefragt. Man traute sich nicht, den großen „Eingeweihten“ kritisch zu hinterfragen. Ich meine aber, dass seine großartige Arbeit erst dann fruchtbar wird, wenn der Diskurs über seine Person & seine Bedeutung frei wird. Und das geht erst, wenn der Schützengrabenkrieg zwischen den zwei Zerrbildern aufhört.

01.11.2008

Zwei Zerrbilder. Über Rudolf Steiner als Esoteriker (2)

Zwei Zerrbilder, so meine ich, beherrschen den Diskurs über die Bedeutung & die Wirkung Rudolf Steiners. In meinem letzten Blogbeitrag habe ich versucht, das erste Zerrbild zu beschreiben – heute geht es um das zweite. Beide Zerrbilder, so habe ich letztes Mal geschrieben, hängen mit der Tatsache zusammen, dass Rudolf Steiner Esoteriker war.

Das zweite Zerrbild macht aus Rudolf Steiner einen Feind der offenen Gesellschaft. Er wird in diesem Bild als ein Guru verstanden, der verantwortungslos mit dem Begriff Wissenschaft umgeht. Rudolf Steiner behauptet wissenschaftlich zu arbeiten, macht das aber ganz und gar nicht. Einfach gesagt: er spinnt. Er redet von Karma & Reinkarnation & Atlantis & geistigen Hierarchien (Engeln, Erzengeln und so weiter) & Naturwesen. 

Er redet also über Dinge, die es nicht gibt. Darüber hinaus behauptet er, dass er „geisteswissenschaftliche“ Fähigkeiten habe, die weitaus die meisten anderen Menschen nicht haben, einfach weil sie „geistig“ noch nicht so weit sind. Und das heißt, dass aus seiner Sicht zwei Arten von Menschen vorhanden sind: Menschen die wissen und Menschen die nicht wissen. Für die offene Gesellschaft ist das eine klare Bedrohung.

Diese Gestalt von Rudolf Steiner ist nicht fassbar. Man kann ihm in Bezug auf konkrete Aussagen nicht widersprechen. Er hat ja immer Recht, weil er sich beliebig von der einen zur anderen „geistigen“ Ebene bewegt. Es ist in seinem Denken wie in einem Kaleidoskop: er dreht ein bisschen an seinem geistigen Rohr, und alles sieht in seiner Spiegelwelt auf einmal ganz anders und doch ganz gleich aus.

Dass dieser Rudolf Steiner auch rassistische Aussagen gemacht hat, ist eigentlich nicht so schlimm. Schlimmer ist, laut Zerrbild, dass er auch diesbezüglich ungreifbar ist, das heißt: die „Anthroposophen“ drehen die Sachen so, dass die Aussagen „wahr“ bleiben, und trotzdem ganz und gar nicht rassistisch sind. Nur Menschen die ihn nicht verstehen, machen Rassismus daraus.

Dieser Rudolf Steiner hat einen sonderbaren Bruch in seiner Biographie. Bis zu seinem vierzigsten Lebensjahr war er noch ziemlich normal: er verfasste halbwegs vernünftige Texte über Goethe, Nietzsche, die Freiheit oder die Geschichte der Philosophie. Dann aber hat er sich auf einmal ein paar schwarze Stiefel und einen schwarzen Anzug gekauft, wurde Vorsitzender der Theosophischen Gesellschaft in Deutschland und fing an von der Akasha-Chronik zu berichten.

Was da genau geschehen ist, wissen wir nicht, und müssen es auch nicht wissen. Vermutlich liegt hier ein psychologisches Bedürfnis vor: er wollte von seinen Anhängern grenzenlos bewundert und geliebt werden. Seit diesem Bruch aber hält er Vorträge & Vorträge & Vorträge, bis zum Gehtnichtmehr. Und die Inhalte der Vorträge wurden immer abenteuerlicher.

Dieser Rudolf Steiner ist megalomanisch. Er meint über alles & alles & alles Bescheid zu wissen. Landwirtschaft, Philosophie, Medizin, Politik, Pädagogik, Naturwissenschaft, Kunst, Architektur, Geschichte, Sprachwissenschaft, Ökonomie – es gibt kaum ein Fachgebiet, in dem er nicht versucht hat, sich als Reformer zu profilieren. 

Und die Krönung ist: Er hat ja auch noch eine Kirche begründet.

Diesen Rudolf Steiner zitiert man nicht. Höchstens liest man seine Werke ganz im Geheimen (weil er ja manchmal ganz ungewöhnliche Gedanken äußert, die einem weiterhelfen...). Durchaus besser ist es aber, ihn zu meiden, weil von seinem Denken irgendwie eine infektiöse Wirkung ausgeht. Über die Art dieser Wirkung braucht man sich keine Gedanken zu machen, so wie man das mit Pornographie ja auch nicht macht. Über Rudolf Steiner sollte man besser schweigen.

Auch dieses zweite Zerrbild beinhaltet einen Widerspruch. Einerseits scheint dieser Rudolf Steiner eine Gefahr für die offene Gesellschaft zu sein. Eigentlich müsste man seine Ansätze also widerlegen wollen & müssen & dürfen. Anderseits lässt man sich auf seine Gedanken nicht ein, gerade weil er so völlig daneben ist. Über diesen Rudolf Steiner braucht man sich keine seriösen Gedanken zu machen, weil doch klar ist, dass er irgendwann angefangen hat zu spinnen.

Zur Wissenschaft gehört aber, dass man sich über alles klare Gedanken macht. Auch an dieser Stelle gibt es aus meiner Sicht eine Verlegenheit, genau so wie beim ersten Zerrbild: wenn Rudolf Steiner von den geistigen Erkenntnisfähigkeiten spricht – er redet von Imagination & Inspiration & Intuition, und zwar systematisch und ausführlich – ist man überfordert. Seine Denkvorgänge überstrapazieren die üblichen wissenschaftlichen Episteme.

Und deswegen wird dieser Rudolf Steiner in der öffentliche Gesellschaft richtig gehasst. So wie im ersten Zerrbild Wahrheit und unfreie Liebe vermischt werden, spielen im zweiten Wahrheit und unfreier Hass eine entscheidende Rolle. Obwohl die beiden Zerrbilder weit von einander entfernt scheinen und eben zum Schützengrabenkrieg führen, sind sie im Grunde genommen sehr ähnlich. Sie basieren beide auf einer Verlegenheit in Bezug auf das esoterische Denken von Rudolf Steiner.

Über das esoterische Denken von Rudolf Steiner das nächste Mal mehr.

Mit Dank an Sophie Pannitschka für die Korrektur