03.05.2010

Zehn muntere Thesen in schwierigen Zeiten. Über die Waldorfkindergärten

Wegen des Themas dieses Blog-Textes bitte ich in dieser Woche noch einmal um Nachsicht, da es vielleicht nicht alle interessiert. Es geht um die Zukunft der Waldorfkindergärten in NRW. Diesmal geht es um ein paar Thesen, die sich auf die Vereinigung der Waldorfkindergärten beziehen. Die Thesen beinhalten „Visionen“, zurzeit ein gefährlicher Begriff – Visionen sollte man besser gar nicht erst haben, weil sie zu „groß“ sind. Besser wäre es, so hört man oft, die Sachen „klein“ und vor allem „konkret“ anzugehen.

Manchmal kommt es mir so vor, dass der Vorwurf „zu groß zu denken“ im Grunde eigentlich bedeutet: man sollte besser überhaupt nicht denken. Meine Thesen beziehen sich auf eine kleine Vereinigung mit überschaubaren Aufgaben. Sie sind deswegen eher als bescheiden und vor allem als sehr konkret zu bezeichnen. Ich freue mich auf Kommentare.

1.Die Vereinigung darf auf ihr geistiges Kapital vertrauen und auf Wachstum setzen. Der anthroposophische Erziehungsimpuls ist nach wie vor zeitgemäß. Die Vereinigung sollte sich in NRW bis 2015 als Ziel setzen: 25 neue Waldorfkindergärten.

2.Um das Ziel zu erreichen, soll auf die Hindernisse geschaut und die Frage gestellt werden: wie kann die Waldorfpädagogik wieder attraktiv werden?

3.Die Vereinigung sollte sich dadurch stärken, dass individuelle Personen für 50 Euro pro Jahr Mitglied werden können. Wie die individuellen Mitglieder sich zu den Vertretern der Einrichtungen verhalten, müsste geklärt werden. Das Ziel für 2015: 1000 individuelle Mitglieder.

4.Die Vereinigung sollte sich in der öffentlichen Gesellschaft stärker als eine Vereinigung für Kindheit definieren.

5.Die Vereinigung sollte sich aktiv auf die Suche nach Verbündeten begeben und derlei Beziehungen durchgehend pflegen.

6.Die Vereinigung sollte über die Waldorfkindergärten hinaus denken und den anthroposophischen Erziehungsimpuls auch für staatliche und andere private Einrichtungen attraktiv machen.

7.Die Vereinigung sollte neben Kindergärten auch andere Einrichtungsformen als „Waldorf“ anerkennen, wie Waldkindergärten, die Arbeit von Tagesmüttern und andere Kleinkindgruppen.

8.Die Vereinigung braucht ein freies Presseorgan, das statutengemäß unabhängig von den Entscheidungsgremien arbeitet und nicht als public relations gedacht wird.

9.Die Vereinigung sollte die Ausbildung und die Fortbildung der Erzieherinnen neu denken. Unterschiede sollten diesbezüglich zwischen Kindergartenleiterinnen und Erzieherinnen gemacht werden, die in den Gruppen arbeiten.

10.Die Vereinigung darf auf der finanziellen Ebene in die Offensive gehen. Mit den Aufgaben steigen auch die Ausgaben. Die Vereinigung sollte nicht nur sparen, sondern auch Geld aufnehmen um in die Zukunft zu investieren.

26.04.2010

Braucht Christus einen Eigennamen? Über die stumme Sprache

Eine Freundin hatte die Kommentare auf meinen letzten Weblogtext gelesen und sagte mir: „Jeder Mensch hat seine eigene persönliche Beziehung zu Christus“. Erst nahm ich ihre Aussage als ganz selbstverständlich hin. Ich dachte: „natürlich ist das so...“. Ein paar Stunden später leuchtete mir jedoch auf einmal ein, dass die Behauptung weitreichende Konsequenzen hat.

Zwei Aspekte dieser Aussage beschäftigen mich. Der erste ist, dass von einer „Beziehung“ die Rede ist – es gibt kaum ein Wort, das meine Aufmerksamkeit in den letzten Monaten mehr in Anspruch genommen hätte, als gerade dieses. Das Wort will von mir verstanden werden. Der zweite Aspekt betrifft den Eigennamen „Christus“, der sich auf einen Gott bezieht, der offenbar für alle Menschen da ist, allerdings nur von „Christen“ so genannt wird.

In der Aussage jener Freundin wird über die Beziehung zu Christus nicht nur gesagt, dass sie „persönlich“ ist, sondern auch, dass jeder Mensch seine „eigene“ persönliche Beziehung zu Ihm hat. Das bedeutet, dass es zwischen individuellen Menschen und dem Gott, der diesen Namen trägt, Milliarden von spezifischen und einmaligen Bezügen gibt oder geben kann. Und damit haben wir es mit einem Phänomen zu tun, dass sich wegen seiner unerschöpflichen Arten und Weisen über die Sprache hinaus erhebt.

Was ich meine, ist folgendes: In der Sprache wirken zwei Bewegungen – eine vertikale und eine horizontale. In der vertikalen Bewegung werden Phänomene benannt, das heißt: sie kriegen einen Namen. Walter Benjamin spricht diesbezüglich von der „adamitischen“ Sprache und ihre Wörter und Redewendungen nennt er „wahre Namen“. Die zweite – horizontale – Bewegung ist als eine kommunikative zu verstehen, die von Benjamin die „urteilende“ Sprache genannt wird, ich würde allerdings sagen „die teilende Sprache“. In der horizontalen Bewegung der Sprache „teilen die Menschen sich mit“ und machen damit sozial und kulturell gesprochen die eigenen Positionen kenntlich.

Namen beziehen sich zwar auf konkrete Begebenheiten, haben allerdings nur eine Bedeutung, wenn sie allgemein gültig angenommen werden. Wenn ich von etwas rede, sagen wir: von meinem Garten, hat mein Reden nur einen Sinn, wenn das Wort (der Name) „Garten“ von meinen Zuhörern verstanden und akzeptiert wird.

Rein sprachlich gesprochen kann ich nur dann meinem Garten einen anderen Namen geben, sagen wir: „mein Paradies“, wenn ich mich nur mit mir über ihn unterhalte. Ich würde, weil ich meinen Garten so liebe, die übliche Andeutung als unzulänglich zurückweisen und eine Analogie benutzen. Ich würde sagen: „Mein Garten ist für mich wie ein Paradies und deswegen spreche ich von meinem Paradies“. Oft ist es in der Sprache so, dass eine gesteigerte Beziehung sich sprachlich in einer Analogie ausdrückt.

Auch der Eigenname Christi ist eine Analogie. Er beruht auf einer direkten griechischen Übersetzung aus dem Hebräischen „Mašȋah“, was „der Gesalbte“ bedeutet. Von der sprachlichen Ebene aus gesehen ist er ein Beiname von Jesus von Nazareth, weswegen oft von Jesus Christus gesprochen wird. Um Jesus von Nazareth eine „gesteigerte“ Bedeutung zu verleihen, wurde er Christus genannt. Klar ist aber, dass dieser Eigenname nur im hebräischen und griechischen Sprachbereich – und in allen Sprachen die damit verbunden sind – seine Wurzeln hat und damit auch sein unmittelbares Verständnis.

Für einen Chinesen in Singapur ist dieser Eigenname fremd. Wenn er in seiner Innenwelt auf die Erscheinung Christi stößt, wird er erst einmal nicht auf den Gedanken kommen, von „Christus“ zu sprechen, und schon gar nicht, wenn dies bedeuten würde, dass er sich von seinen vertrauten Göttern verabschieden sollte. Nein, er würde versuchen die Erscheinung mit den ihm bekannten und vertrauten Analogien in Sprache zu verwandeln.

Singapur... Wenn wir mit Rudolf Steiner vom „ätherischen Christus“ sprechen, uns vergegenwärtigen, dass es dabei um eine Erscheinung geht, die weltweit wirkt und uns auch noch unbefangen auf diese wunderbare WELT, die Singapur ausmacht einlassen, wie kriegen wir dann Zugang zu den Analogien, die dort verbreitet sind? Wie kann die dortige „adamitische Sprache“ in eine Beziehung zu meiner „teilenden Sprache“ gesetzt werden?

Die Frage schneidet aber noch tiefer, weil es nicht nur um religiös zu definierende Gruppen von Menschen, sondern um zahllose Individuen geht, die alle „eine eigene persönliche Beziehung zu Christus“ haben (können). Die Frage öffnet einen Raum, der über die Sprache hinaus geht, in gewissem Sinne eine Sprachlosigkeit voraussetzt, die gerade nicht über die Sprache wieder geschlossen werden kann?

In Singapur habe ich diesen Raum der Sprachlosigkeit gespürt. Er lebt und webt und vibriert zwischen den Menschen, egal ob sie dem Konfuzianismus anhängen, Hindus, Buddhisten, Muslime oder Christen sind. In diesem Raum teilen sie etwas miteinander, was über die Sprache hinausgeht. Ist dieser Raum letztendlich nicht auch das, was Rudolf Steiner mit der „ätherischen“ Welt meinte? Ist dieser Raum-als-Innenraum nicht genau so „Erde“, wie die Erde die manchmal bebt?

Braucht Christus einen Eigennamen? Ich würde sagen: ja, weil wir nur auf etwas verzichten können, was es gibt. Auf der ätherischen Ebene ist es so: weil ich in Europa aufgewachsen bin, komme ich Christus über seinen Namen näher – muss aber sofort auf den Namen verzichten, wenn ich dem Verlangen nachgehen will, seine einmalige Präsenz im Leben eines Chinesen in Singapur zu spüren. Um Ihn in einem Mitmenschen zu finden, muss ich mich in das hinein begeben, was Walter Benjamin „die stumme Sprache“ nennt.

19.04.2010

Über Täter und Opfer. Und den Akt des Verzeihens

In der Beziehung zwischen Täter und Opfer werden die menschlichen Bezüge auf eine Spitze getrieben, die schwer eindeutig zu denken sind, ich meine: eine ganze Menge von Begriffen werden gebraucht, um das Spannungsfeld zwischen den beiden in den Blick zu bekommen. Und vor allem sind es dabei die Paradoxe, die es schwer machen, die beiden Begriffe transparent vor Augen zu führen.

Als erstes fällt auf, dass die beiden Begriffe miteinander verschränkt sind: es gibt keine Opfer ohne Täter und keine Täter ohne Opfer. Als solches ist das nichts Besonderes: es gibt auch keine Töchter ohne Mütter, keine aktiven Rechtsanwälte ohne Mandanten, keine Gewählten ohne Wähler. Trotzdem ist die Verschränkung bemerkenswert, weil sie nicht auf biologischer oder funktionaler Ebene liegt – sie liegt in einem schrecklichen Ereignis begründet. Dadurch, dass etwas Ungeheuerliches geschehen ist, sind zwei Menschen miteinander verbunden.

Die Beziehung zwischen Tätern und Opfern ist extrem asymmetrisch. Von dem einen ist ein Akt des Missbrauchs oder der Gewalt ausgegangen, der dazu führt, dass der andere für längere Zeit – vielleicht eben für sein ganzes weiteres Leben – in einem Schmerz gefesselt ist. Die Ungleichheit der Beziehung ist meistens „gefroren“ und lässt sich nur schwer ändern. Wenn eine „lösende“ Annäherung zwischen Opfer und Täter angestrebt wird, bedeutet dies immer einen Gang über den Abgrund.

Für Täter sind ihre Opfer sehr oft anonym. Die Persönlichkeit des Opfers muss durch den Täter verdrängt werden, egal ob er sein Opfer kannte oder nicht. Täter neigen dazu zu vergessen, dass es überhaupt Opfer gibt. Umgekehrt aber steht die Persönlichkeit des Täters in den Augen des Opfers mit klaren Konturen im Raum. Für das Opfer ist es oft so: es gibt diesen EINEN Menschen, der mir DIES angetan hat.

Und damit verschiebt sich die „gefühlte“ Beteiligung-als-Dauerzustand einseitig in die Richtung des Opfers. Es ist, als ob das Ereignis auf der einen Seite ausgeblendet und deswegen auf der anderen Seite doppelt so schwer erlebt wird. Aus der Literatur ist die bittere Tatsache bekannt, dass sich Opfer manchmal schuldig fühlen. Der Grund ist verständlich: um innerlich mit etwas fertig zu werden, wird eine Art Erklärung oder Schuldzuweisung gebraucht. Und weil der Täter sich nicht auf die Not des Opfers einlässt, bleibt der letztere mit sich selber alleine. Früher oder später kommt er oder sie auf den Gedanken: habe ich nicht aktiv zu dem Ereignis beigetragen?

Täter isolieren sich in der Anonymität und versuchen sich in einem Nichts quasi aufzuheben, Opfer dagegen verstecken sich in ihrem konkreten Erlebnis, das sie verheimlichen MÜSSEN, weil es nicht zu tragen und zu vertreten ist. Der Täter läuft vor dem Umstand weg, dass er Täter ist, das Opfer kann nicht anders, als sich immer wieder zu vergegenwärtigen, dass es Opfer ist. Der Täter schweigt in jeder Hinsicht, das Opfer redet ständig mit sich selber.

Eine unerträgliche Beziehung wird gestiftet, weil etwas Ungeheuerliches geschehen ist. Immer geht es dabei um eine Schwellenüberschreitung, die in unserer Gesellschaft strengstens verurteilt wird. Nun kann man natürlich die relativierende Frage stellen, warum in unserer Gesellschaft bestimmte Handlungen negativ belegt sind. Für die Beziehung zwischen Täter und Opfer ist diese Frage aber nicht relevant. Das (oft unausgesprochene) Verharmlosen eines Gewalt- Aktes – wenn es zum Beispiel um sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen geht – ist alleine dadurch grausam, weil es dem Opfer seine Würde nimmt.

Die Beziehung ist aber nicht nur extrem asymmetrisch, sondern in gewisser Hinsicht auch extrem symmetrisch. Das liegt erstens in der Tatsache begründet, dass ein Ereignis „geteilt“ wird – ich meine: dass eine gemeinsame Geschichte vorhanden ist. Was die beiden verbindet, ist der EINE Moment des Geschehens. Die einzigen Gesprächspartner, die auf gleicher Augenhöhe über das Ungeheuerliche sprechen könnten, sind Täter und Opfer. Alle anderen Menschen sind nur indirekt beteiligt.

Aber zweitens liegt die Gleichheit auch darin begründet, dass Täter und Opfer in Bezug auf die Erlösung nur aufeinander angewiesen sind. Das bedeutet, nicht nur gemeinsam auf das Geschehen zu schauen-um-zu-verstehen, was ja meistens nicht möglich ist, sondern sich darüber hinaus auch auf die weitreichenden Prozesse des Verzeihens und der Versöhnung einzulassen. In dem heiligen Bereich „zwischen uns“ (Emmanuel Lévinas) gibt es nichts Wesentlicheres als den Akt des Verzeihens.

An dieser Stelle taucht die Ungleichheit aber wieder auf, wenn vom Opfer (meist unausgesprochen) verlangt wird, dass sie oder er sich dem Täter öffnet (weil auch Christus das gemacht hat!). Niemand – und vor allem der Täter nicht – kann an dieser Stelle eine Erwartung oder eine Forderung haben. Der Täter kann höchstens aus einer ehrlichen Betroffenheit um Verzeihung bitten. Die extreme Asymmetrie muss aber respektiert werden, weil das Opfer sie braucht, um seine Souveränität und damit seine Würde wiederzuerlangen.

12.04.2010

Wie viele Freunde habe ich? Die Freundschaft als Frage

Mich bewegt die Frage der Freundschaft. Sie ist eine fröhliche Frage, die allerdings bis zum heutigen Tag noch nicht zu eindeutigen Antworten geführt hat. Was ist Freundschaft? Und welche meiner Beziehungen könnte ich als Freundschaften bezeichnen? Vielleicht ist die Frage gerade deswegen so fröhlich & heiter, weil sie sich nicht an die Wand nageln lässt.

Ich behaupte, dass die Frage-als-Frage aber schon eine heilsame Wirkung hat. Mit ihr ist nicht nur ganz gut zu leben – sie ist wie eine Gesellin, die ständig auf erfreuliche Sachen aufmerksam macht – sie heilt darüber hinaus auch Wunden. Sie macht nämlich deutlich, dass die Idee der Freundschaft eine Vollkommenheit beinhaltet, die im alltäglichen Leben nur selten in Erscheinung treten KANN. Was im Leben unvollkommen ist, bekommt im Licht der Freundschaft eine Berechtigung.

Mit der Freundschaft werden seit Aristoteles eine lange Reihe von Tugenden & Haltungen & Zielen verbunden. Alleine die Auflistung der entsprechenden Begriffe zeigt, dass die Frage der Freundschaft im Grunde genommen die Frage der Philosophie ist. (Das meint Jacques Derrida in seinem Buch „Politik der Freundschaft“). Es gibt keine großen Ideen, die den Diskurs der Freundschaft nicht irgendwie einbeziehen.

Freiheit, Gleichheit & Brüderlichkeit. Vertrauen, Achtung & Liebe. Wahrheit, Ehrlichkeit & Lüge (Nietzsche: „Ohne die Lüge keine Freundschaft“!), Anfang, Dauer & Trennung, Nähe & Distanz, Selbstbestimmung & Fremdbestimmung, Takt & Verständnis, Ich & Du (und der Dritte!!!), Sprache... Die Freundschaft ist nicht nur eine private Sache, sondern eine umfangreiche Baustelle, auf der alle großen Fragen des Zusammenlebens aktiviert werden.

Schon Aristoteles machte darauf aufmerksam, dass die meisten Beziehungen, die wir als „freundschaftlich“ bezeichnen, im Grunde genommen nur Analogien sind, das heißt: wir nennen sie so, weil sie der Freundschaft ähnlich sind, im Grunde genommen aber nicht einmal einen Anspruch auf Vollkommenheit haben. Eine Freundschaft – Aristoteles klingt an dieser Stelle fast wie Plato – kann keine Freundschaft sein, ohne wenigstens den Anspruch auf Vollkommenheit zu haben. Der Versuch das Unmögliche zu erreichen, ist ein Merkmal von Freundschaft.

Die Freundschaft – man soll das nie aus den Augen verlieren – ist eine Form der menschlichen Beziehung. Letzte Woche habe ich auf diesem Weblog eine „ästhetische“ Liste von Beziehungsformen veröffentlicht, die auf einen Schlag sichtbar macht, wie vielfältig es sich mit unseren Beziehungen verhält. Und nicht nur vielfältig, sondern auch verwirrend & unüberschaubar. Die Frage der Begriffe der menschlichen Beziehungen ist wie eine Ansammlung von Wolken, die weit oben an uns vorbei ziehen & sich ständig ändern.

Wie viele Freunde habe ich eigentlich? Der Philosoph Kant meint, dass im Prinzip alle Menschen auf der Erde meine (potentiellen) Freunde sind. Er verbindet das mit zwei Begriffen: dem Begriff der menschlichen Gattung (wenn man die Gattung liebt, liebt man alle Menschen) und dem Begriff der Brüderlichkeit (alle Menschen sind voneinander irgendwie abhängig). Hat aber diese Idee der Aufklärung (Beethoven: „Alle Menschen werden Brüder!“) wirklich etwas mit Freundschaft zu tun?

Ich glaube nicht. Ein Freund braucht einen Eigennamen. In diesem Sinne gibt es nur DEN Freund oder DIE Freundin, der oder die mit seinem oder ihrem Vornamen anzusprechen ist. Wie viele Eigennamen gibt es also in meinem Leben, die ich mit dem Begriff der Freundschaft in Verbindung setzen müsste? Ich schreibe „müsste“, vielleicht müsste ich aber eher könnte oder dürfte oder wollte... schreiben. Ja, mit dieser Frage – geht es darum was ich diesbezüglich soll oder darf oder will oder kann? – kommt die Frage der Freundschaft so richtig in Bewegung.

Ich lasse es für heute bei dieser Frage: wie viele Eigennamen darf ich mit der Idee der Freundschaft verknüpfen? Das Dürfen scheint mir eine Bedeutung zu haben, die sich auf die Wahrheit bezieht (was darf ich der Wahrheit nach sagen?) und eine, die sich auf das Einvernehmen der anderen Person bezieht (ist sie damit einverstanden, dass ich sie öffentlich als MEINEN Freund bezeichne?). Mit diesen zwei Präzisierungen wird es halbwegs möglich, die Frage nach der Zahl der Freunde zu beantworten.

Ich habe gezählt, bin mir zwar immer noch nicht ganz sicher, meine aber, dass ich zwischen fünf und zwölf Freunde habe. Von fünf bin ich mir in Bezug auf die Wahrheit und das Einvernehmen ganz sicher, von sieben muss ich sagen: da gibt es noch einiges zu untersuchen und nachzufragen. Ich meine nicht, dass die ersteren fünf Freundschaften vollkommen sind – das sind sie nicht. Man könnte höchstens sagen, dass ihre Vollkommenheit darin liegt, dass die Unvollkommenheit einen gegenseitig akzeptierten Bestandteil der Beziehung ausmacht.

02.04.2010

Eine Auflistung (2). Über Beziehungen, Verbindungen und Bezüge

Es
Du
Sie
Ihr
Ich
Wir
Fan
Opa
Gott
Gast
Oma
Chef
Täter
Sohn
Tante
Leser
Opfer
Feind
Onkel
Dekan
Coach
Kunde
Mutter
Chefin
Lehrer
Führer
Freund
Bruder
Patient
Tochter
Mentor
Vorbild
Schüler
Berater
Kumpel
Nachbar
Kollege
Ehefrau
Genosse
Geliebte
Mitglied
Nächster
Mätresse
Assistent
Elternteil
Kamerad
Ehemann
Verlobter
Beifahrer
Gläubiger
Schwester
Vorgänger
Patenkind
Liebhaber
Bekannter
Mitbürger
Fremdling
Patentante
Mitstreiter
Ehepartner
Mitmensch
Nachfolger
Verwandter
Herzbruder
Brieffreund
Angestellter
Weggefährte
Fachgenosse
Ersatzmutter
Lebenspartner
Busenfreundin
Lebensgefährte
Leidensgenosse
Bezugserzieherin
Facebook-Freund
Schicksalsgefährte
Gesinnungsgefährte
Schützgrabenkamerad
Allein-erziehende-Mutter

28.03.2010

Ungreifbare Flüssigkeiten. Ein neues Lernen in einer Kultur des Herzens

Die Menschheit betritt Neuland. Und das Betreten von Neuland fragt um eine neue Art des Lernens und Erkennens. Auf hunderterlei Arten und Weisen ist das neue Lernen im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts von Philosophen, Wissenschaftlern und Künstlern beschrieben worden. Spontan zu erwähnen sind an dieser Stelle, das „dialogische Denken“ von Jürgen Habermas, das „dialogische Prinzip“ von Martin Buber, die „soziale Plastik“ von Joseph Beuys, das „Diskurs-Denken“ von Michel Foucault und die „Dekonstruktion“ von Jacques Derrida. Hinter all diesen abenteuerlichen Sprachschöpfungen stecken Ahnungen, Sehnsüchte und Vorsätze.

Die Ahnung besagt, dass die Wirklichkeit nur scheinbar mit gegenständlichen und funktionalen Begriffen zu greifen ist. Die physische „Greifbarkeit“ der Welt scheint nicht mehr eindeutig „vorhanden“ zu sein und eine neue Art des Begreifens, das eher auf einem aktiven Mitmachen beruht, wird erahnt. Extrem einseitig wird dieses Ahnen im Konstruktivismus umgesetzt: was wir Welt nennen, ist nicht gegeben, sondern wird von Menschen ständig neu konstruiert.

Die Sehnsucht bedeutet beinhaltet ein Verlangen nach Ausfahrt, Lichtung, Erweiterung, Vertiefung, Erhöhung, Befreiung – sie hat hundert Namen. An der Tatsache, dass Rudolf Steiner an dieser Stelle die merkwürdige Andeutung ätherische Welt“ benutzt, übrigens neben weiteren Umschreibungen, brauchen wir uns nicht zu stören. Er war ja am Anfang des zwanzigsten Jahrhundert in seinem Diskurs nun einmal auf theosophische Begriffe orientiert. Die Wirklichkeit, nach der wir uns sehnen, lässt sich sprachlich nicht fixieren.

Der Vorsatz bezieht sich auf eine humane Beteiligung. Egal was gedacht und gemacht wird, die Quellen liegen nicht länger in Ideologien, Systemen, Theorien, Konzepten und Weltanschauungen, sondern in den Menschen selber. Entscheidend ist, was sich in meiner frei-zu-werdenden Beziehung zu mir, in meiner frei-zu-werdenden Beziehung zu dir, in dem Ringen um freie Beziehungen-zwischen-uns als fruchtbar, notwendig und bedeutungsvoll erscheint. Der Vorsatz ist ein neues Lernen, dass sich unterwegs vollzieht und nicht vorprogrammiert ist. Die Inhalte des Lernens haben nie einen abstrakten Status, sind nie losgelöst von Raum und Zeit, treten in konkreten Umständen auf, werden wachgerufen und zelebriert im direkten Antlitz der Erscheinungen.

Eine Kultur des Herzens ist zu verstehen als ein unüberschaubares Flechtwerk von Menschen, die gemeinsam versuchen, diesen Weg zu gehen. Sie ist gleichzeitig Quelle, Bedingung und Ziel – Ursache und Wirkung. Die Substanz einer Kultur des Herzens liegt in der ungreifbaren Flüssigkeit zwischen mir und dir, zwischen uns, letztendlich ist sie als eine machtvolle Kraft zu verstehen. Wenn zwei Menschen in Freundschaft etwas mit einander gestalten wollen, im privaten oder im öffentlichen Bereich, öffnet sich ein Feld, wo Macht in Freiheit neu geordnet werden kann.

Ein guter Freund meinte, dass man über eine Kultur des Herzens nicht schreiben könne, gerade weil sie nicht überschaubar sei. Ich glaube nicht, dass das stimmt. Ich glaube, dass die Kultur des Herzens tausend Texte braucht, geschrieben von mir und von dir, von ihr und von ihm, um gerade die Vielfalt erlebbar zu machen. Wenn ich versuche, mein Verständnis der Sache auf die sprachliche Ebene zu bringen, wird sofort deutlich: es gibt noch viel mehr Fenster. Sachen nicht fixieren zu wollen, heißt nicht, dass man schweigen muss.

Mit Dank an Sophie Pannitschka

5 Kommentare

21.03.2010

Ein Dialog. Über die holländische und die deutsche Sprache

Beste Ruthild Soltau, we hebben afgesproken dat we samen op mijn weblog een kleine tweetalige dialoog gaan voeren over de verschillen tussen het Nederlands en het Duits. We doen dit omdat we al enige tijd steeds weer spontaan in gesprek raken over de eigenheden van jouw en mijn moedertaal. Ik begin maar met een vraag. Als jij iemand Nederlands hoort spreken, welke indruk maakt dat op jou? Hartelijk, Jelle

Lieber Jelle! Ich habe eine spontane Sympathie mit der holländischen Sprache! Sie klingt gemütlich, warm. aber auch irgendwie bodenständig, handfest, ja, irgendwie zum Anfassen. Sie ist ganz zu Hause, scheint mir, im Fühlen, in dem, was zwischen den Menschen webt. Und es kommt mir so vor, als ob ich als Fremde gleich ins Wohnzimmer eingeladen werde. Ich kann nicht alles, was ich erlebe erfassen, noch weniger beschreiben, ich würde gern auch noch mehr die Sprache hören... Liebe Grüße, Ruthild

Het valt niet mee een afstand tot je eigen moedertaal te scheppen. Je zwemt in je eigen taal als een vis in het water. Maar iets van je beschrijvingen kan ik wel meevoelen. Het is me wel gebeurd dat ik bij het overstappen op het station van Arnhem voor een kort moment de Nederlandse taal als „vreemd“ ervoer. Wat ik dan beleefde is inderdaad zoiets als een gemakkelijkheid en een ongedwongenheid. Wat me vaak opvalt is, dat het Nederlands veel beelden heeft, zoals: een oog in het zeil houden. Het Duits is meer op begrippen orienteert.

Ja, ich habe auch bemerkt, dass Niederländer sehr auf das Sehen, auf die Wahrnehmung durch die Augen orientiert sind. Man hört an der Sprache fast so was wie Schmecken, eine subtile Ernährung durch die Augen kann bemerkt werden. Auch die Ausdrücke zeigen das, z. B. "lekker weertje vandaag" (schönes Wetter heute). Ich liebe meine Muttersprache, aber ich könnte nicht sagen, dass ich in ihr schwimme. Das Sprechen ist für mich  immer mit einem inneren Hören verbunden. Die deutsche Sprache lebt sehr mit Begriffen, sie öffnet sich der Begrifflichkeit und im Satzbau sind verschiedenste Verknüpfungen, Verbindungen von Begriffen möglich. Aber darin liegt auch eine große Gefahr. Ich habe einige Jahre Germanistik studiert und wissenschaftliche Texte gelesen, viel Literatur über Literatur. Ich habe sehr gerungen mit vielen Texten, nicht mit dem Verständnis, sondern mit dem, was ich dabei erlebte: Wie mit Sprache umgegangen wird. Die Sprache kann für inhaltsleere, komplizierte, abstrakte Geflechte verwendet werden, ein großer Dünkel ist oft damit verbunden und man bekommt den Eindruck : die Kompliziertheit der Begriffskombinationen und der Satzgeflechte sollen die Garantie für Wissenschaftlichkeit sein! Begriffe haben etwas Wesenhaftes und "wo keine Götter walten, walten Gespenster". Die Sprache kann so sehr manipulieren! Das ist ja gerade in Deutschland in so schlimmer Weise geschehen. In die Sprache können Dämonen einziehen. Wir Deutschen haben auch wie die Niederländer viele Bilder in der Sprache, in sprachlichen Wendungen, in der Dichtung, in Märchen... Ich habe das Gefühl, dass es der deutschen Sprache gut tut, wenn Niederländer deutsch sprechen.

Ik ervaar de Duitse taal als „architectonisch“. Ik bedoel: woorden en zinnen en teksten lijken een beetje op bouwsels die een inhoud omsluiten. Als je aanklopt, doen de woorden hun deuren open en geven hun inhoud prijs. Ook ken ik de merkwaardige ervaring, iets wat ik in het Nederlands heb geschreven, in Duitse vertaling te lezen. Het klinkt dan veel serieuzer.

Die Charakterisierung "architektonisch" finde ich für die Schriftsprache stimmig, aber diese Charakterisierung sagt ja noch nichts über die Qualität der Architektur aus. Es gibt architektonische Kunstwerke und phantasielose, riesige Einheitsbauten, die lieblos hingeklotzt werden und die freie Sicht versperren. Es gibt auch viel "Pfusch am Bau" der sprachlichen und gedanklichen Gebäude, die der Wirklichkeit nicht standhalten. Wenn die "Baufehler" nicht erkannt werden, kann damit sehr viel Schlimmes in sozialen und politischen Zusammenhängen angerichtet werden. Du findest die deutsche Sprache ernst? Ja, ich empfinde so etwas wie einen heiligen Ernst, die Sprache ist eine Gabe hoher geistiger Wesen  - "Im Urbeginne war das Wort..." Und als Kinderhausmutter empfinde ich eine große Verantwortung beim Sprechen. Ich bemühe mich für die Kinder ein Vorbild zu sein, so wahrhaftig zu sprechen, dass sie ihre Sprachfähigkeit an mir bilden können. Aber in der deutschen Sprache lebt nicht nur Ernst, sondern auch ganz viel Humor. Kinder brauchen für ihre seelische Gesundheit die Freude, die Lust am Sprechen, den Humor genauso nötig wie den Ernst. Eine humorlose Sprache wird bitter.

Ik sluit met Gerrit Achterberg af, een zeer hollandse dichter. „Woorden, ontwaak, ik ben uw naam,/ ik ben uw enige bestaan./ Ik zie mij ongeboren aan.“

14.03.2010

Winterhoffs Frustrationen. Und eine Replik von Henning Köhler

Machen wir unsere Kinder zu Tyrannen? Ja, meint Michael Winterhoff. In seinen beiden Büchern "Warum unsere Kinder Tyrannen werden" und "Tyrannen müssen nicht sein" haut der Kinderpsychiater bundesweit auf den Tisch. „Von etwa 25 Kindern in einer Grundschulklasse“, so meint er, „sind heute noch zwei bis vier komplett unauffällig, alle anderen zeigen [...] kombinierte Störungsbilder“. Der Weg aus der Hölle ist Winterhoff allerdings klar. Die dringende Aufgabe der Eltern & Pädagogen besteht aus „Führung durch stetiges Training“ & „Spiegelung bei Fehlverhalten“.

Winterhoff meint, dass wir unsere Kinder zu viel lieben. Wir sind zu soft. „Kinder werden geliebt, das scheint außer Frage zu stehen“, merkt er an. Alleine dieser merkwürdige Nachsatz „das scheint außer Frage zu stehen“ macht deutlich, wie glitschig Winterhoff argumentiert. Müssen wir aufhören unsere Kinder zu lieben? Müssen wir unsere Kinder auch ein bisschen hassen, oder vielleicht eben mehr als nur ein bisschen, damit sie keine Tyrannen werden? Was meint er eigentlich?

Er schreibt, dass die Kinder leider „einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert“ genießen – was natürlich barer Nonsens ist. Kinder werden laut Winterhoff eben als „Heilsbringer“ verehrt. In Wahrheit aber, so malt er uns aus, sind Kinder schlecht, genauso wie Calvin es gesagt hat: die Natur des Menschen ist von Geburt an amoralisch & nicht sozial. Auch wenn der protestantische Gott nicht erwähnt wird, er wird von Winterhoff adäquat vertreten.

Der Hammer ist aber, dass Winterhoff den Eltern & Pädagogen zwar „Zuwendung etwa in Form von altersgemäßem Körperkontakt beim Kuscheln“ oder „Über-den-Kopf-streichen“ billigt, aber nur um „eine gesunde kognitive Entwicklung [...] zum funktionstüchtigen Erwachsenen“ zu fördern. Anders gesagt: man darf schon ein kleines bisschen nett sein, weil dadurch die Kinder schlauer werden.

Auf der Website des Janusz Korczak Instituts hat Henning Köhler eine Replik veröffentlicht, die man lesen soll. Unter dem Titel „Dressurpädagogik? Nein danke!“ zerfranst er punktgenau die Argumentationen von Westerhoff. Noch ganz abgesehen davon, dass es ein Genuss ist den Text zu lesen – Köhler kann so richtig saftig polemisieren – kriegt man als Leser unmittelbar mit, worum es eigentlich geht.

Laut Winterhoff liegt ein Grundfehler darin, dass „schon Säuglingen eine eigene Persönlichkeit“ zugeschrieben wird. Und das kann natürlich nicht wahr sein. Ihm ist als Psychiater klar – und alle Eltern & Pädagogen & Erzieher müssten das unbedingt verstehen – dass „die Persönlichkeitsentwicklung im engeren Sinne“ erst im Alter „von etwa acht oder neun Jahren“ einsetzt. Das heißt: bis zum siebten Lebensjahr gibt es so etwas wie einen ernstzunehmenden Menschen nicht.

Henning Köhler sagt dazu unter anderem: „Wenn mich ein Säugling anblickt... wer oder was blickt mich an? [...] Überlasse ich mich der Magie dieses Ereignisses, stellt sich ein Evidenzerlebnis ein, für das es nur eine angemessene Formulierung gibt: Ecce homo! Siehe, ein Mensch! Und das heißt: eine Individualität. Eine Persönlichkeit im Status nascendi. Wer das nicht wahrzunehmen vermag, sollte die Finger von Kindern lassen“.

Fast am Ende seiner Replik macht Henning Köhler eine Bemerkung, die eine „Hoppla-Wirkung“ hat, ich meine: man kommt nicht so leicht darauf, aber wenn man den Gedanken erst einmal begriffen hat, dann wird die Sache komplett transparent. Er schreibt: „Mit dem selben Recht, mit dem man einem Kleinkind die Persönlichkeit abspricht, kann man sie auch einem schlafenden Menschen absprechen“. Für Winterhoff ist dieser Gedanke wahrscheinlich zu originell.

Und darin liegt das Hauptproblem bei Winterhoff: er denkt nicht, nicht einmal nicht-originell. Er merkt nicht, dass er sich ständig in Widersprüchen verliert. Das macht ihm auch nichts, weil er eigentlich nur ein Ding erreichen will, nämlich dass seine Ärgernisse als Psychiater einen Ausweg finden, genau so, wie „seine“ Kinder und Jugendlichen „leider“ manchmal ausrasten müssen. Winterhoff möchte nicht gerne an sich selber zweifeln müssen. Was ihm fehlt ist „ständiges Training“ & „Spiegelung bei Fehlverhalten“.

Ich danke Henning Köhler an dieser Stelle für sein Bemühen, vor allem auch, weil die Bücher von Winterhoff offensichtlich auch in Waldorfkreisen hier & da geschätzt werden. Ja, wie das sein kann, ist noch ein Thema für sich... Ich empfehle meinen Lesern den würzigen & ausführlichen & aufschlussreichen Text, den man finden kann unter: http://www.janusz-korczak-institut.de unter „Aktuelles“. Ich mache darauf aufmerksam, dass man auf der Website herzlich dazu eingeladen wird, den Text zu unterschreiben. Mit lieben Grüßen aus Köln, wo es bald Frühling wird.

07.03.2010

Eine Auflistung. Über Freunde, Bekannte, Kollegen, Geliebte und Feinde

Liebe Leserinnen und liebe Leser, wenn man versucht, die Freundschaft als eine spezifische Beziehungsart zu verstehen, tauchen sofort andere Wörter im Umkreis auf, mit denen man sich beschäftigen muss. Ich schreibe „Wörter“ und nicht „Begriffe“, weil es ja erst einmal die Worte sind, die erscheinen. Die Frage, was die Wörter genau bedeuten, dass heißt, auf welche Begriffe sie sich beziehen, kommt erst an zweiter Stelle.

Neben Freunden gibt es in der deutschen Sprache Kollegen, Feinde, Geliebte, Partner, Kumpel, Genossen, Bekannte, Kameraden, Lebensgefährten... Diese Auflistung bezieht sich auf menschliche Beziehungen, die nicht biologisch bestimmt werden. Ich bin mir sicher, dass sie nicht vollständig ist. Weil ich für ein Buch, das ich vorhabe zu schreiben, eine mehr oder weniger vollständige Liste brauche, würde ich mich über Ergänzungen sehr freuen.

Meine vorläufige Liste ist nicht geordnet. Wenn ich versuche, eine Ordnung in die Willkür zu bringen, ohne auf der rein sprachlichen Ebene zu bleiben, komme ich nicht darum hin, auf die Bedeutung der Wörter zu schauen. Eine sinnvolle Ordnung entsteht nur dann, wenn die entsprechenden Begriffe beschrieben werden. Was sich dabei aber zeigt, ist die Tatsache, dass die Begriffe sich nicht so einfach greifen lassen.

Eine halbwegs sinnvolle Reihenfolge der genannten Worte wäre diese: Bekannte, Kollegen, Partner (als Geschäftspartner), Genossen (in einer politischen Partei oder einem ideellen Verein), Kumpel, Freunde, Feinde, Lebensgefährten, nochmals Partner (als Lebenspartner) und Geliebte. Dieser Auflistung liegen zwei Begriffe zu Grunde, die mit den Wörtern Distanz und Nähe angedeutet werden können. In dieser Auflistung steigert sich die Nähe zwischen den entsprechenden Personen.

Zwischen mir und meinen Bekannten herrscht eine spontane oder bewusst gehandhabte Distanz, die es zwischen mir und meiner Geliebten nicht gibt. Die Steigerung der Nähe hängt mit einer Intensivierung des Vertrauens zusammen. Schon zwischen Kumpeln gibt es eine Nähe, die zwar beschränkt und von äußeren Umständen bestimmt wird, allerdings eine Herzlichkeit beinhaltet, die es bei Kollegen oder Bekannten so nicht gibt. Bei Freunden liegt eine Vertiefung des Vertrauens vor, die gewiss nicht immer unbeschränkt, aber nicht mehr ausschließlich von Äußerlichkeiten abhängig ist.

Wenn man weiter auf die Liste schaut, fallen sofort ein paar merkwürdige Gegebenheiten auf, die eher Unordnung suggerieren. Bemerkenswert ist, dass einige Kategorien einander ausschließen, andere jedoch miteinander verschmelzen können. Man kann zum Beispiel in einer Beziehung gleichzeitig Kollege und Freund sein. Was aber gar nicht geht, ist, gleichzeitig ein Bekannter und ein Freund zu sein: Die beiden Wörter dienen gerade dazu, einander abzugrenzen. Ist man einmal befreundet, spricht man von einem Freund und nicht mehr von einem Bekannten.

Genauso bemerkenswert ist: Einige Kategorien können sich in andere Kategorien verwandeln. Aus einem Bekannten kann ein Kumpel, ein Genosse, ein Freund, ein Feind oder ein Geliebter werden. An dieser Stelle ist die oben erwähnte Steigerung wirksam: mit dem Vertrauen (oder Misstrauen zwischen Feinden) steigt die Innigkeit der Beziehung. In der umgekehrten Richtung gibt es aber nicht nur Möglichkeiten, sondern auch Unmöglichkeiten.

Aus einem Geliebten kann ein Freund, ein Feind, vielleicht auch ein Kumpel oder ein Genosse, aber niemals ein Bekannter werden. Hat man einmal aufgehört, einfach nur ein Bekannter zu sein, kann man in diesen Zustand nicht mehr zurückkehren. Für alle „Rückschritte“ gilt allerdings, dass sie problematisch sind. Um zum Beispiel von einem Geliebten zu einem Freund zu werden, muss meistens richtig etwas geleistet werden. Es ist, als ob man gegen einen Strom arbeiten muss.

Die Stelle der/des Geliebten in der Liste ruft überhaupt schwierige Fragen auf. Einerseits scheint eine Liebesbeziehung die Krönung aller Beziehungen zu sein, weil sie alles umfassen kann – lediglich die Kategorie der Bekanntheit schließt sie aus. Anderseits aber wird die Liebesbeziehung oft als eine „ausschließliche“ Beziehung verstanden, dass heißt: jemand hat (im Moment) nur zu einer Person eine Liebesbeziehung. Mit der Liebe ist offenbar ein Paradox verbunden: sie kann alles umfassen und gleichzeitig alles ausschließen.

In diesem Zusammenhang interessiert mich die Frage eigentlich nicht, ob man gleichzeitig mehrere Geliebte haben kann oder darf oder eben soll. Auch wenn jemand fünf Geliebte hat, was mir schon viel scheint, bleibt die Tatsache, dass die Anzahl beschränkt ist. Ein Mensch kann tausend Bekannte, hundert Kollegen, siebzig Genossen, zwanzig Kumpel, zehn Freunde und neun Feinde haben – gleichzeitig mehr als eine Handvoll Geliebte verkraftet niemand.

Mit der qualitativen Steigerung der Nähe, ist offensichtlich eine quantitative Abnahme verbunden, was vor allem deutlich wird, wenn wir auf die Stellen an der Spitze meiner Auflistung schauen. In seinem Buch „Politik der Freundschaft“ stellt Jacques Derrida in Anlehnung an Aristoteles die aufschlussreiche Frage: wie viele Freunde kann ich eigentlich haben? Zu wie vielen Freundschaften bin ich fähig? Diese Frage stellt sich nur bei Freunden und Geliebten.

Noch vieles mehr wäre über die Auflistung menschlicher Bezüge zu sagen. Ich werde mich in den nächsten Wochen mit weiteren Aspekten beschäftigen und würde mich, wie gesagt, über Ergänzungen, andere Sichtweisen und sprachlich-begriffliche Verfeinerungen sehr freuen. Seid herzlich gegrüßt, in Freundschaft, Feindschaft, Kameradschaft, Bekanntschaft oder Anonymität. Jelle van der Meulen

Mit Dank an Sophie Pannitschka

01.03.2010

Alle großen Worte brauchen Respekt. Über das Wort „ Anthroposophie“

Wer aufhört sich die Frage zu stellen, wie bestimmte Gedanken & Gefühle & Intentionen & Ereignisse hier & jetzt sprachlich auszudrücken sind, steht im Abseits. Verbindungen zwischen Bedeutungen & Worten sind nicht fixiert. Immer wieder werden neue & frische & überraschende Sprachschöpfungen gebraucht & gemacht. Sie wirken wie Lichtungen ins Offene.

Sprache ist wie ein Kreuz, weil sie zwei Spannungsfelder in einem Punkt zusammenzieht. Ein stimmiges Wort, gesprochen oder geschrieben, erscheint im Nu wie eine Rose, in sich selber versunken, sich selber übersteigend. Die erste Spannung ist vertikal ausgerichtet: sie bezieht sich auf das Wechselspiel zwischen Lauten & Bedeutungen. Wenn der Satz „Sein Herz war ein Gefäß“ (Pablo Neruda) auf einmal klingt, lässt sich ein Gedanke oder eine Vorstellung über eine Sequenz von vertrauten Lauten intuitiv ergreifen.

Das zweite Wirkungsfeld ist horizontal. In diesem Feld bewegen sich die Worte zwischen den Menschen hin & her. Sprache ist immer auch eine Bewegung von mir zu dir, gleichzeitig von dir zu mir. Ich kann nicht mit dir reden, ohne mich in deine Sprache zu versetzen. Und erst wenn es gelingt den Punkt zu finden, an dem die Spannung zwischen oben & unten mit der zwischen mir & dir verschmilzt, findet eine Kommunion statt. Ob ein Wort richtig oder stimmig ist, hängt davon ab, ob die vier Perspektiven einen gemeinsamen Glühpunkt finden.

Kommunikation ist ein offenes Geschehen in Raum & Zeit. Richtige Aussagen erscheinen immer irgendwo & irgendwann. Behauptungen, die sich von Raum & Zeit gelöst haben, sind gleichzeitig leer und kraftlos & übermächtig und unantastbar geworden. Wenn Sigmar Gabriel in seinen Reden immer wieder „liebe Genossinnen & Genossen“ sagt, zeigt er, dass die Beziehung zwischen ihm als Vorsitzendem & den Mitgliedern seiner Partei durch die Geschichte fixiert ist. Auf der sozialen Ebene ist seine Aussage leer, auf der politischen gerade machtvoll.

Das Offene der Kommunikation hängt mit der Tatsache zusammen, dass Lebensvorgänge sich ständig verwandeln. Es wird eine Zeit geben, in der das Wort „cool“ auf einmal völlig daneben ist, weil sich die Perspektiven verändert haben. Und ist es nicht schon heute so, dass nicht alle Menschen sich dieses Wort bedienen können, einfach weil sie irgendwie & irgendwo im Lichte der heiligen Lässigkeit schon daneben sind?

Ein Wort, mit dem ich schon dreißig Jahre ringe, heißt „Anthroposophie“. Auch dieses Wort wird ständig hin & her manipuliert zwischen Nichts & Allem. Als kultureller Begriff hat das Wort jegliche Bedeutung verloren, weil es auf ein festgelegtes System von bestimmten Normen & Werten reduziert worden ist - geschätzt von einer kleinen Gruppe von Menschen. Für die Öffentlichkeit hat das Wort seine positive Wirkung verloren.

In anthroposophischen Kreisen & Einrichtungen kann das Wort allerdings eine sehr große Macht haben. Es bedeutet dort oft so viel wie: die unerreichbare geistige Wahrheit, die sich über Raum & Zeit befindet & nur von ganz wenigen Menschen verstanden werden kann. Man muss ein bestimmtes Alter haben, ganz viele Bücher gelesen (und bitte: geschrieben) haben & außerdem noch gut reden können. Wenn jemand an diesen Kriterien scheitert, ist er nicht im Stande, Anthroposophie zu vertreten.

Obwohl das Wort Anthroposophie sich in einer schwierigen Lage befindet, werde ich an dieser Stelle nicht vorschlagen, es einfach zu streichen. Wenn es um sprachliche Gepflogenheiten geht, funktionieren solche Entscheidungen nicht, weil Sprache ein Eigenleben führt. Sich bewusst auf bestimmte Ausdrücke festzulegen, gelingt nur im akademischen & rechtlichen Rahmen – was die Sprache dementsprechend trocken & abstrakt macht. Nein, wir müssen mit dem Wort Anthroposophie weiter leben.

Aber wie? Ich würde sagen: mit Liebe. Das bedeutet meines Erachtens, dass die zwei genannten polaren Bedeutungen, die zwischen Allem & Nichts, vermieden werden. Sie verletzen nicht nur die sozialen Beziehungen zwischen Menschen, sondern auch das Wort selbst. Ein Wort liebevoll zu benutzen, bedeutet etwa: auf den Anspruch zu verzichten, seine Bedeutung ganz zu durchschauen & festzulegen.

Alle „großen“ Begriffe & alle „großen“ Worte, die sich auf diese Begriffe beziehen, verdienen Respekt. Worte wie Wahrheit & Freiheit & Liebe sind in der Kommunion zwischen oben & unten und in der Kommunikation zwischen mir & dir nur dann fruchtbar wirksam, wenn sie als eine offene Bestimmung verstanden werden. Sobald man meint, die Bedeutung des Wortes ganz & komplett zu kennen, gerät man in eine Isolation.

Wer könnte schon definitiv in Worte fassen, was Liebe bedeutet? Die Anthroposophie ist vor allem eine Sache des Herzens. Wir brauchen zwar unsere Köpfe, entscheidend ist aber das, was Rudolf Steiner folgendermaßen versucht hat zu beschreiben: „Erleuchte/ unsere Häupter,/ Dass gut werde,/ was wir aus Herzen/ Gründen,/ was wir aus Häuptern/ Zielvoll führen wollen.“ Die Quelle liegt also im Herzen, und dessen Sprache nennt man Poesie.

22.02.2010

„Die unendliche Liste“ von Eco. Text über Obsessionen und Wahrheiten

Schreibt Umberto Eco in seinem Buch: „Die Unendlichkeit der Dinge überschaubar zu machen, ist eine der Obsessionen der Menschheit“. Angeloi, Archangeloi, Archai, Exusiai, Dynamis, Kyriotetes, Throne, Cherubime & Seraphime. (Sind aber keine Dinge.)

Rainer Maria Rilke, Gerrit Achterberg, Pablo Neruda, Samuel Taylor Coleridge, Ida Gerhardt. (Sind auch keine Dinge.) Und: Bob Dylan, Captain Beefheart, Sylvio Rodriguez, Van Morrison & Tom Waits. Und: Michel Foucault, Martin Heidegger, Simone Weil, Walter Benjamin & Hannah Arendt. Und: Denken, fühlen & wollen.

Kaffee, Tabak, Schokolade & Wein. (Sind ja Dinge. Oder?) Fahrrad, Auto, Zug, Straßenbahn & Flieger. Und: Marcel Proust, Virginia Woolf, Wolfram von Eschenbach, Saul Bellow, James Joyce. Und: Kubrik, Fellini, Herzog, Tarkowskij & Bertolucci. Sonne, Sternen, Glühbirnen & Kerzen. Competence & Performance. Instinkt, Trieb, Begierde, Motiv, Wunsch, Vorsatz & Entscheidung.

Das Wahre, das Schöne & das Gute. Ebertplatz (war mal Adolf Hitlerplatz), Friesenplatz, Rudolfplatz, Zülpicherplatz, Barbarossaplatz, Chlodwigplatz. Gehirn, Herz & Leber. Sex, Drugs & Rock ´n Roll. Merle, Elise, Matthijs & Joachim – (meine Kinder!) Doesburg, Arnhem, Utrecht, Zutphen, Amsterdam & Köln.

Jamon Ibiricon, Pesto Verde, Friese nagelkaas, Zeeuwse spek & asado. Und: Rudolf Steiner, Ita Wegman, Bernard Lievegoed, Owen Barfield & Walter Johannes Stein. Und: Lima, New York, Chicago, Paris & Singapur. Und: Rembrandt van Rijn, Mondriaan, Paul Cézanne, Mark Rothko & Barnett Newman.

Glaube, Hoffnung & Liebe. Vater, Sohn & heiliger Geist. Imagination, Inspiration & Intuition. Täter & Opfer & Zuschauer. Salz, Merkur & Sulpher. Morgen, Mittag, Abend & Nacht. Erde, Wasser, Luft & Feuer. Oben & unten. Messer, Schere, Schraubenzieher, Hammer & Feile. Amfortas, Parzival & Gawan. Kundry & Kundry & Kundry. Opium, Poesie & Sehnsucht. Süddeutsche, Frankfurter Allgemeine, TAZ & Kölner Stadtanzeiger.

Berlin, München & Dornach. Churchill, Roosevelt & Stalin. Yesterday, Ruby Tuesday, Yolanda. U2, Youtube & you-two-too. Leben & sterben. Dik & dun. De Dikke & de Dunne. Rot, blau, grün, gelb, braun & lila. Freiheit, Gleichheit & Brüderschaft. Matthäus, Markus, Lukas & Johannes. Osiris, Isis & Horus. Basilikum, Oregano & Rosmarin. Lichtung, Innenraum & Aura. Verpackungen, Papier & Restmühl. Marx, Engels & Lenin. Gaffel, Früh & Sion.

Liste, Aufzählung, Katalog, Summae, Enzyklopädie, Dichtung... Sagt Coleridge: „Poetry is the right words in the right order.“

14.02.2010

Eine Vereinigung für Kindheit. Über eine Lichtung ins Offene

Ich nehme mir diese Woche die Freiheit, auf diesem Weblog ein Thema anzusprechen, dass wahrscheinlich nur ganz wenig Leser interessiert. Es betrifft folgende Frage: welche Aufgabe hat die Vereinigung der Waldorfkindergärten in Deutschland? Mich beschäftigt diese Frage natürlich auch deswegen, weil ich im Rahmen dieser Vereinigung tätig bin. Darüber hinaus aber meine ich allerdings, dass hinter dieser Frage noch eine zweite steckt, nämlich: wie verhalten anthroposophische Einrichtungen sich zurzeit zu ihrem eigenen anthroposophischen Impuls?

Ich möchte anfangen mit einer Aussage von Bernard Lievegoed, einem Anthroposophen aus Holland, der eine ganze Reihe von anthroposophischen Einrichtungen gegründet hat. Er starb 1992. Kurz vor seinem Tod erzählte er mir von einem dieser Institute, dem NPI, einem erfolgreichen Büro für Organisationsentwicklung in Zeist. Sinngemäß sagte er: „Die eigentliche Aufgabe des NPI lag gar nicht darin, Organisationen in ihrer Entwicklung zu helfen. Nein, die spirituelle Aufgabe war diese: den Begriff der Entwicklung in Bezug auf Organisationen in die öffentliche Gesellschaft zu bringen“.

Die Waldorfkindergärtenvereinigung in Deutschland vereinigt zirka 500 Kindergärten. Die Struktur der Vereinigung ist ziemlich kompliziert, lässt sich aber vielleicht so beschreiben: Mitglieder der Vereinigung sind alle Kindergärten, die „Delegierte“ zu den Treffen schicken, wo Entscheidungen getroffen werden. Neben einem Vorstand und einer Geschäftsführung gibt es allerhand Gremien, wie zum Beispiel einen Wirtschaftskreis, eine Seminardelegiertenkonferenz, einen PR-Rat und verschiedene Arbeitsgruppen, die sich auf bestimmte inhaltliche Fragen konzentrieren.

Wichtig ist auch zu wissen, dass die unterschiedlichen Regionen, wie NRW und BW und Niedersachsen, autonom über bestimmte Sachfragen entscheiden können. Die oft unklare Beziehung zwischen Ländern und Bund, so charakteristisch für Deutschland überhaupt, spielt in der Vereinigung eine große Rolle. Die „reichen“ Länder haben dabei oft das Sagen, weil sie die meisten Kindergärten und deswegen die meisten Delegierten haben.

Seit mehreren Jahren wächst die Vereinigung nicht mehr. Es kommen kaum noch neue Waldorfkindergärten dazu. Stärker noch: es gibt schon ein paar Waldorfkindergärten, überall in Deutschland, die sich ernsthaft überlegen, aus der Vereinigung auszutreten. Sie meinen, dass die Vereinigung zu viel kostet, zu wenig leistet oder zu bürokratisch agiert. Im Grunde genommen ist es für Waldorfkindergärten nicht mehr eine Selbstverständlichkeit, Mitglied der Vereinigung zu sein.

Auf die Vereinigung kommen aber neue Aufgaben zu, die in finanzieller Hinsicht jeden Rahmen sprengen. Zu erwähnen sind: die Intensivierung der Öffentlichkeitsarbeit, die Vorbereitung der Ausbildung zum Erzieher auf Hochschulebene und die Finanzierung von zehn berufsbegleitenden Seminaren (statt sieben). Die Vereinigung steckt also in einer Klemme: um vorwärts zu kommen, wird mehr Geld gebraucht, was es aber nicht gibt. Das Loch betrifft locker zirka 300.000 Euro jährlich.

Was nun? Ich meine, dass die eigentliche Krise der Vereinigung in der Tatsache liegt, dass sie sich als eine „Vertretung-von-Einrichtungen“ versteht und definiert. Die Hauptsache in der Vereinigung ist immer wieder die Frage: Wie können die Waldorfkindergärten, die Fachschulen und die Seminare als Institutionen überleben? Auf unterschiedlichen Ebenen hat dieses Selbstverständnis eine verheerende Wirkung. Wenn es zum Beispiel um die berufsbegleitenden Seminare geht, kann man oft den Eindruck haben, dass sie sich manchmal wie Konkurrenten verhalten (was in gewissem Sinne natürlich auch stimmig ist).

Mir scheint es aber so zu sein, dass der anthroposophische Erziehungsimpuls eine öffentliche Vertretung braucht, die über die Belange der verschiedenen Einrichtungen hinausgeht. Letztendlich geht es nicht nur um die Frage, wie die Waldorfkindergärten überleben können, sondern vor allem um die „spirituelle Aufgabe“ (Lievegoed), nämlich, die anthroposophische Sichtweise auf aktuelle Erziehungsfragen weiter zu entwickeln und in der Öffentlichkeit FREI zu vertreten. Den Gedanken der Waldorferziehung könnte es überall geben, zum Beispiel auch in Kindergärten und Horten und Tagesstätten, die sich gar nicht als Waldorf-Einrichtung verstehen.

Um diese Aufgabe zu ergreifen, so meine ich, könnte die Vereinigung sich in eine Art „Amnesty International“ für Kindheit verwandeln. Das würde heißen, dass die Grundstruktur der Vereinigung aus individuellen Personen (also nicht aus Einrichtungen) bestehen wird, Privatpersonen also, die aus freiem Entschluss den Impuls der anthroposophischen Erziehung unterstützen. Eltern, Großeltern, Onkel und Tanten, Nachbarn, Erzieher und Erzieherinnen, aber auch Lehrer und Politiker und Journalisten und Künstler und Bäcker und Handwerker und (ja: sogar!) Dichter, können sich in diese neuen Strukturen finanziell und kreativ einbringen.

Ich meine, dass diese Wende auch im Sinne Rudolf Steiners wäre, dem Urheber des anthroposophischen Erziehungsimpulses. Natürlich bleibt die Frage offen, wie die Waldorfkindergärten sich im Rahmen dieser Lichtung-ins-Offene organisieren. Innerhalb der Vereinigung könnte es aber eine Ebene geben, auf der Qualitäts-, Rechts- und Wirtschaftsfragen getrennt angegangen werden. Anders gesagt: die Mitglieder der Vereinigung, die in einer Einrichtung als Erzieher oder Vorstand oder Geschäftsführer eine konkrete Verantwortung tragen, können sich dementsprechend auf gemeinsame Entscheidungsprozesse einigen.

Vieles gibt es noch zu überdenken. Im Kern aber meine ich, dass diese Wende ansteht. Eine Vereinigung, die sich primär als eine Vertretung von Organisationen versteht, kann sich nicht frei an den Nöten in der allgemeinen Gesellschaft beteiligen. Diese Vereinigung ist, wie man es auch kehrt und wendet, ein Auslaufmodel.

Und vielleicht als Hilfe noch eine rhetorische Frage: Sind an diesem Dilemma nicht schon in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts die Gewerkschaften gescheitert? Was erst als Instrument einer dynamischen sozialen Bewegung verstanden wurde, verengte sich zu einer Belangen- und Dienstleistungsorganisation.

07.02.2010

Die Leber der Dichter. Über Bundesländer, Pillen und Sumerer

August 2006, in einem Krankenhaus in Köln. Neben mir steht eine Krankenschwester, die sich als Monika vorstellt. Sie ist groß & schlank, ragt hoch über mich hinaus & lacht. Ihre blonden Haare sind kurz geschnitten, ihre Lippen dünn & ihre Augen grün. Wenn sie spricht, flattern ihre Wörter wie Kolibris um meine Ohren herum.

„Hopla“, sagt sie, „Sie sind Herr Moilen! Toll! Ich mag die Leute aus Holland. Weil sie locker sind. Ich fahre immer gerne nach Zeeland. Dort haben wir Freunde. Nein, keine Holländer. Deutsche! Ich meine: richtige Deutsche! Aus Stuttgart. Haben ein Haus bei Middelburg gekauft. Ich bin aber hier im Rheinland aufgewachsen. Sind die Rheinländer nicht ein bisschen wie die Holländer?“

Während sie meinen Blutdruck misst, verkündigt sie: „Holland müsste ein Bundesland von Deutschland werden. Wäre Klasse! Pfff, stellen Sie sich das mal vor! Holland wäre das stärkste Bundesland. Mächtiger als NRW oder Bayern. Dann hätten wir in Deutschland auch noch eine Monarchie zu allem dazu! Hätten wir alles! Stadtstaaten, Freistaaten, Saarland, Flächenländer... Von mir aus könnte Beatrix Königin der Republik werden! Das wäre ja was!“

Und als sie mir die Tabletten überreicht: „Die Kardiologen haben Ihnen eine ganze Batterie von Medikamenten verschrieben. Ist aber immer so bei Herzinfarkten. Mal gucken. Natürlich ein Beta-Blocker. Was sonst? Und ein Blutverdünner. Ist ja auch richtig, das Blut soll flüssig bleiben. Und was ist das? Ach ja, für den Blutdruck. Der muss ja niedrig gehalten werden, sonst platzen die Venen. Und das hier soll die Leber entmutigen, Cholesterin zu produzieren. Das kriegen Sie aber erst heute Abend. Die Leber arbeitet ja in der Nachtschicht...“ Und sie wirbelt weg.

Ihre Worte bleiben aber im Raum. Die Leber arbeitet also in der Nacht... Ich denke: Von meinem Herz weiß ich nur wenig, von der Leber fast nichts. Ich wüsste nicht einmal, wo sie sich genau in meinem Körper befindet – irgendwo rechts unten? Dass sie aber nachts arbeitet, so etwa drei Uhr, das hatte ich schon mal gehört. Und auch meine ich mich zu erinnern, dass sie vor allem damit beschäftigt ist, die Gifte aus dem Blut herauszufiltern.

Dass sie Cholesterin produziert, wusste ich nicht. Ich hätte eher gemeint, dass Cholesterin durch Fleisch & Eier, was wir alles so essen, in unseren Körper gerät. Meine weiteren Erkenntnisse besagen, dass Cholesterin aus irgendeinem Grund eine Bedrohung für das Herz ist: zu viel Cholesterin führt zu Herzinfarkten & deswegen sollte man wenig Fleisch essen. Was aber Cholesterin genau ist - ich habe keine Ahnung.

Dann fallen mir auf einmal kuriose Informationen ein, die offenbar irgendwo in mir gespeichert waren & sich jetzt zu Wort melden. Für die alten Sumerer, das Volk von Gilgamesch & Enkidu & Inanna, war die Leber das wichtigste Organ & nicht das Herz, wie das von der ägyptischen Zeit an bis tief in die europäische Kultur der Fall war. Die Sumerer sahen die Leber als Sitz der Seele an, als Heimat der starken Gefühle, wie Wollust, Neid & Zorn.

Ich wusste schon, dass es zwei Herzen gibt: das Herz der Ärzte & das Herz der Dichter. Und öfters habe ich mich gefragt: Wie hängen die beiden miteinander zusammen? Was hat das Herz von Goethe & Shelley & Rilke mit dem Herz als menschliches Organ zu tun?

Es gibt aber offenbar auch eine Leber der Dichter. Und ich denke: Irgendwann in der Neuzeit hat das Gehirn die Führung übernommen. Die historische Reihenfolge ist schon interessant: Erst die Leber, dann das Herz, jetzt das Gehirn...

Mit Dank an Sophie Pannitschka

31.01.2010

Der Mann im langen schwarzen Mantel. Er war schon immer da

The man in the long black coat... Das Lied von Bob Dylan trifft zu. Der Mann erscheint unerwartet & schweigend irgendwo am Rande deines Lebens, at the old dance hall on the outskirts of town, und bringt Katastrophales.

Es ist unmöglich seine Gestalt & sein stilles Verhalten auf irgendeine vertraute Herkunft zurückzuführen – er geht ja getarnt in einem langen schwarzen Mantel herum, had dust on his face & sagt kein Wort.

Der Mann hat offenbar irgendwann für sich eine Entscheidung getroffen, die ihn aus der bekannten Welt der umliegenden Dörfer & Städte & Regionen heraus gehebelt & seine Erscheinung in eine vertikale Spannung versetzt & damit eine andere Art der Wahrheit freigesetzt hat.

Von ihm geht eine ungreifbare Bedrohung aus, die darauf zu beruhen scheint, dass horizontale Ordnungen ihre Wirkung verlieren.

Der Mann ist der Tod.

Der Mann macht Geschichte, weil er keinen Grund zum Zweifeln hat. Er ist, was er ist & einen Freiraum für Interpretationen oder Überlegungen oder Spekulationen bietet er nicht. Um seinem Anliegen nachzugehen, braucht er nichts zu sagen, nichts zu tun oder zu lassen, nichts zu kombinieren.

Um zu sein, was er ist, braucht er nur zu sein, was er ist, was aber für dich heißt, dass er unvermeidlich erscheint. Du könntest meinen, dass es eine Zeit gab, in der er noch nicht da war; er weiß aber, dass er schon immer da war.

Du hast ihn nur nicht gesehen.

25.01.2010

Wie ich mir begegnete. Über meinen letzten LSD-Trip

Wir schreiben Herbst 1970. Mein Freund & ich haben zwei Stunden zuvor LSD eingenommen. Nach einer heiteren Wanderung sind wir aus Versehen auf dem Seitenstreifen einer Autobahn gelandet. Als ich eine Sirene höre, schaue ich nach links & sehe in der Ferne ein Blaulicht aufblitzen. Und irgendwo weit weg in mir klingt ein Wort, das ich aber nicht wirklich beachten kann, weil der Eindruck des pulsierenden Lichts mich komplett vereinnahmt.

„Polizei“, besagt das Wort. Eine tiefe & panische Angst kommt hoch, die sich bis in meine Gliedmaßen ausbreitet & mich überrumpelt. Alles, was irgendwie mit Gedanken oder Überlegungen oder Wörtern zu tun hat, wird aus mir weggeblasen, wie leere Plastiktüten in einem Sturm. Als die blitzenden rot-blauen Lichter mich erreichen & an mir vorbei sausen, scheinen sie ein riesiger Vogel zu sein, der wütend-heulend seine Opfer sucht.

Mit den Lichtern & der Sirene verschwindet auch die Angst. Was in mir übrig bleibt, ist eine Leere, eine Stille, ein Vakuum, wo ein silberner Glanz sich, wie das Licht des Mondes in einer frostigen Winternacht, bis in die letzten Ecken vorschiebt & verbreitet. Mein Freund will aber weiter. „Komm“, sagt er, „nicht weit von hier gibt es ein Kaffeehaus. Dort können wir etwas trinken.“

Mein Freund geht zügig voran & ich wackle hinterher. Nach einer Weile merke ich, dass ich nicht mehr alleine bin. Direkt rechts von mir geht ein schmaler Mann in einer braunen Jacke. Seine langen Haare liegen glatt auf seinen Schultern. Als er kurz seinen Kopf nach links dreht – nein, er schaut mich nicht an – sehe ich, dass er genau wie ich eine Brille aus Kupfer auf der Nase hat. Und sofort stelle ich erschreckt fest: der Mann sieht genauso aus wie ich.

Er scheint mir bis in seine Knochen arrogant & ignorant zu sein, als ob seine ganze Gestalt einen Stolz verkörpert, der peinlich unbegründet ist. Er scheint so zufrieden in sich selber zu sein, dass er auf nichts achtet, nichts für bemerkenswert hält, außer sich selbst. Obwohl er kein Wort sagt, weiß ich, dass er ein flottes Mundwerk hat. Er würde seinen Zuhörern das Gefühl vermitteln: ihr seid strohdumm.

Seine lockeren Bewegungen & seine selbstbewussten Schritte & die Worte die er sprechen könnte, sind gewandte Täuschungen, die gerade nichts offenbaren, sondern eine Leere verbergen müssen, ein grauenhaftes Nichts, das wie ein Loch in seinem Inneren gähnt. Das, was er vorgibt zu sein, nämlich, eine Person die sich auskennt in der Welt, ist er gerade nicht, weil seine Welt öde ist.

Mit dem Zunehmen der Angst gerate ich in eine Panik, die den Beobachter in mir zurückweist & schrumpfen lässt, bis zu einer winzigen Glühbirne ganz oben an einer Decke. Mir steht mein Denken nicht mehr zur Verfügung, meine Gefühle haben sich in Emotionen verwandelt & mein Wollen ist ein Nicht-Wollen geworden.

Ich will nicht mehr leben. Ich will weg von dieser Wahrheit, die eine Lüge ist. Ich kann den Anblick der Gestalt nicht mehr ertragen, weiß aber nicht, wie ich sie loswerden kann. Als ich auf dem Asphalt liege & nur noch ein Haufen Angst bin, denke ich: „Suche eine Brücke & springe runter!“

Mein Freund kommt auf mich zu gerannt, zieht mich auf meine Beine & sagt: „Jelle, Jelle, Jelle, du hast LSD genommen! Weißt du noch? LSD! Du bist in einem bad trip gelandet. Was du erlebst, ist nicht real. Alles sind Halluzinationen! Komm zurück! Schaue mich an! Ich stehe hier vor dir. Höre auf mich!“ Und das Wunder geschieht: ich komme langsam wieder zu mir, schaue meinem Freund in die Augen, spüre seine Hände in meinen Händen & merke, dass es ein Gegenüber gibt.

Ich habe Jahr um Jahr gebraucht, um die Begegnung mit meinem Doppelgänger zu verarbeiten. Ich verdanke der Erfahrung die Erkenntnis, dass in mir eine ungeheure Angst schlummert, die weit über alles Psychologische hinaus geht & anders als mein Freund damals meinte, sehr-sehr-sehr real ist.

In meinem Leben bin ich bis heute nie mehr an eine so düstere Stelle gekommen, wo ich mich hätte umbringen wollen – stärker noch: ich meine, dass die Erfahrung mich schützt, weil sie mir eine reale Schwelle aufgedeckt hat, die ich besser nicht unvorbereitet überschreite.

Mit Dank an Sophie Pannitschka

17.01.2010

Politik der Freundschaft. Vier berühmte Zitate poetisch arrangiert

Aristoteles:
O meine Freunde,
es gibt
keinen Freund.

Friedrich Nietzsche:
O meine Feinde,
es gibt
keinen Feind.

Jacques Derrida:
Freundschaft ist nie
eine gegenwärtige
Gegebenheit. Sie
ist der Erfahrung
des Wartens,
des Versprechens,
der Verpflichtung
anheim gegeben.
Ihr Diskurs ist der
des Gebets. Er
konstatiert nichts,
er stiftet, er beruhigt
sich nicht bei dem,
was ist. Er ist
unterwegs
zu jenem Ort,
an dem eine bestimmte
Verantwortung
sich die Zukunft öffnet.

Aristoteles laut Jacques Derrida:
Der eigentliche politische Akt
besteht darin
soviel Freundschaft
wie möglich
zu stiften.

*** *** *** *** ***

(Erläuterung: Das Zitat von Aristoteles ist in seinen Schriften nicht zu finden. In der Geschichte der Philosophie taucht es aber immer wieder auf, so, als ob er es ganz sicher gesagt hätte. Das Zitat ist als eine Anrede und als eine Klage zu verstehen. Aristoteles redet zu seinen „Freunden“ und sagt betrübt: „Es gibt keinen Freund“. Die Aussage von Nietzsche ist eine Reaktion auf das Zitat von Aristoteles. In seinem Zitat versucht Derrida das Paradox bei Aristoteles in Bewegung zu bringen. Freundschaft, meint er, ist immer im Kommen. Damit kreiert Derrida auf einer höheren Ebene ein neues Paradox: das Zukünftige wird als Gegenwart dargestellt. Alle Zitate aus: Jacques Derrida, Politik der Freundschaft, Suhrkamp 2002)

10.01.2010

Fragment übers Rauchen. (1) Wie ich als Jugendlicher dazu kam

Ich begann mit dem Rauchen, als ich sechzehn Jahre alt war. Ich erinnere mich an meine erste Zigarette noch ganz genau. Ich hatte eine Schachtel Philipp Morris gekauft, ohne Filter, weil ich den Tabak direkt an meinen Lippen spüren wollte. Noch vor dem Kiosk entzündete ich eine Zigarette, zog den Rauch tief in meine Lungen & stellte sofort fest: das Rauchen ist eine Bereicherung.

Anscheinend mögen viele Menschen ihre erste Zigarette nicht – bei mir war das also anders. Ich würde heute eher sagen, dass ich eigentlich schon abhängig war, bevor ich richtig angefangen hatte. Mit der Wirkung des Nikotins-als-Substanz konnte das allerdings nichts zu tun haben, weil es eben meine erste Zigarette war. Die offenbar veranlagte Abhängigkeit lag auf einer anderen Ebene.

Weil ich in der Schule als Jugendlicher Probleme hatte & mein Onkel Herman gut Deutsch und Englisch konnte & außerdem auch noch arbeitslos war, hatte mein Vater gemeint, dass er mir bei meinen Schularbeiten helfen könnte. Im Büro meines Vaters in unserer Wohnung – er war Gewerkschafter – saßen wir nachmittags einmal in der Woche an einem kleinen Tisch & beschäftigten uns mit englischen & deutschen Gedichten. Meine Mutter brachte Tee & Onkel Herman rauchte Zigaretten.

In der Art & Weise wie er eine Zigarette an seine Lippen nahm, kurz und kräftig zog & in einen Sog geriet, so dass er für eine kurze Weile gar nicht mehr da war, sondern irgendwo anders verweilte, und dann sofort wieder begeistert von deutschen & englischen Dichtern weiter erzählte, erlebte ich etwas Beruhigendes & Vertrautes & Dunkles. Sein Rauchen verriet eine innere Bewegung, die sich sonst nicht so deutlich offenbarte.

Und diese innere Bewegung vollzog sich auch in mir. Auch in mir gab es Dichter, obwohl ich sie gar nicht kannte. Sie schienen aber eine Wirklichkeit von Menschen & Schöpfungen & Bedeutungen zu repräsentieren, die weit über die mir bekannte Welt hinausgingen. Als mein Onkel Hermann von Novalis oder Shelley sprach, schien er mir ein Botschafter eines besonderen Landes zu sein, das ich unbedingt kennen lernen wollte.

Wenn er erzählte & ich zuhörte, war ich irgendwie so bei ihm, dass ich in mir nachspüren konnte, was geschah, wenn er rauchte. Ich spürte, dass ein kräftiger Sog ihn über eine Schwelle führte, bis ins verbotene Reich der Abenteuer. Dort blickte er kurz auf Johann Wolfgang Goethe & kam dann sofort wieder zurück, um aufgeregt von Sensationellem zu berichten.

Er sagte dann: „Weißt du, dass Goethe mit seinem Faust wirklich sagen wollte, dass wir ohne den Teufel gar keine Poesie hätten?“ Mein Vater, der manchmal zuhörte, war mit dieser Behauptung einverstanden – aus seiner Sicht waren Dichter sowieso teuflisch. Als mein Onkel eines Tages meinte, dass auch die Psalmen in der Bibel als Dichtung verstanden werden müssten, sagte mein Vater: „Erzähle deinen Unfug bitte in der Kneipe!“. Mein Onkel ging aber davon aus, dass man das richtige Leben erst in einer Kneipe kennen lernen konnte.

Mein Onkel war ein guter Lehrer, weil er nur mit Texten arbeitete, die er liebte. Die deutschen Fälle, Dativ & Akkusativ – für Holländer eine geheimnisvolle Sache, vor allem in Zusammenhang mit den Präpositionen – vermittelte er mir mit Hilfe von Gedichten. Er lies mich schreiben: „Hast auch du/ ein menschliches Herz,/ dunkle Nacht?/ Was hältst du/ unter deinem Mantel?“ & fragte dann, warum Novalis „deineM Mantel“ geschrieben hatte & nicht dein oder deine oder deiner oder deinen Mantel.

Ein M am Ende eines Artikels findet man in der holländischen Sprache weit & breit nicht. Für Holländer ist gerade dieses M sehr komisch. „Man nennt das in Deutschland den Wem-Fall“, erklärte mein Onkel. Und er listete die Präpositionen auf, die einen Wem-Fall erzeugen, wenn ein „Sich-dort-Befinden“ gemeint ist: „an, auf, hinter, neben, in, über, unter, vor & zwischen...“

Er fügte geduldig hinzu: „Wenn aber ein Dort-Ankommen gemeint ist, verlangen diese Präpositionen nicht einen Wem-Fall, sondern einen Wen-Fall.“ Er meinte, dass Novalis zum Beispiel hätte schreiben können: „Du dunkle Nacht,/ darf ich meine Hand/ unter deineN Mantel stecken?“ Er zog an seiner (nicht: seine) Zigarette & lachte alsdann wie eine Trompete.

Und irgendwie schien es mir so zu sein, dass seine würzige Geistigkeit mit den Zigaretten zusammenhing.

02.01.2010

Wie spüre ich meinen Körper? Über Körperlichkeit und Aufmerksamkeit

Ich liege in meinem Bett & stelle mir die Frage: Mit welchen Sinnesorganen spüre ich eigentlich meinen Körper? Oder genauer gesagt: Welche körperlichen Organe vermitteln mir, was in meinem Körper vorgeht? Wie nimmt mein Körper meinen Körper wahr?

Mit meinen Ohren? Nun ja, sehr beschränkt. Ich höre - weil es ganz still ist - ein Sausen in meinen Ohren & ich weiß, dass das durch das Strömen des Blutes verursacht wird. Und ich weiß auch, dass ich manchmal das Klopfen meines Herzens & das Knurren meines Bauches hören kann. Aber sonst?

Mit meinem Geschmack? Auch nur sehr beschränkt. Eigentlich schmecke ich im Moment nur den Speichel in meinem Mund – es schmeckt fade, ein bisschen wie Eisen, oder wie ein kraftloser Pfirsich... Mit meiner Nase? Ich rieche schon eine Menge Gerüche, die aber mit meinem Körper nichts zu tun haben, sondern externen Ursprungs sind.

Mit meinen Augen? Ich könnte meine Hände sehen, wenn ich es wollte. Und wenn ich es ganz bestimmt wollte, könnte ich mit meinem linken Auge die linke Seite & mit meinem rechten Auge die rechte Seite meiner Nase sehen. Der Rest meines Körpers liegt verborgen unter einer Decke.

Und mit meinem Tastsinn? Ich spüre, wie mein Körper auf dem Bett liegt – vor allem bei meinen Schultern & meinem Gesäß & den Fersen meiner Füße. Und wenn ich es wollte, könnte ich die Haut meines Gesichtes berühren, ich könnte sogar meine Hände sich gegenseitig anfassen lassen & quasi verdoppeln, das heißt: gleichzeitig wahrnehmen & wahrgenommenen werden.

Wohin ich meine Aufmerksamkeit in meinem Körper aber auch schicke, ich spüre überall etwas Unbestimmtes, in meinen Füßen, meinen Beinen, meinem Bauch, meiner Brust... Und was ich spüre, geht weit über die Wahrnehmungen meiner fünf Sinnesorgane hinaus – sie machen sich als ein leises Vibrieren oder Prickeln oder Schwingen bemerkbar. Ich nehme an, bin mir aber nicht sicher, dass ich meine Nerven spüre, bis in die kleinsten Verzweigungen, an den Orten wo sie sich bis zur Auflösung verästeln & verdünnen.

Und ich denke: das sanfte Vibrieren fängt gerade dort an, wo die Nerven nicht einmal mehr fein-feiner-feinst sind, sondern sich im Aufhören befinden, sich in der Auflösung ausweiten. Ist es nicht gerade dort, wo sich unsere Bewusstheit aufhält: dort, wo die Körperlichkeit aufhört? Oder ist es eher umgekehrt, dass die Körperlichkeit gerade da anfängt, wo das Bewusstsein aufhört?

Die Frage deckt eine Entscheidung auf, die ich unbewusst schon getroffen hatte, bevor ich meine Aufmerksamkeit auf meinen Körper richtete. Ich hatte mich nämlich dazu entschieden, auf die körperlichen Erscheinungen zu schauen, das heißt: ich hatte die Erscheinungen schon als „körperlich“ eingeordnet, bevor ich meine Aufmerksamkeit auf sie richtete. Ich hätte auch eine andere Entscheidung treffen können, nämlich auf meine Aufmerksamkeit zu achten. Hätte ich das gemacht, wäre ich erst in zweiter Instanz auf meinen Körper gestoßen.

Das Vibrieren & Prickeln & Schwingen wäre über diesen zweiten Weg erst einmal keine körperliche Erscheinung gewesen, sondern einfach ein Phänomen, das sich im Blickfeld meiner Aufmerksamkeit zeigt. Ich hätte die Phänomene dann eher als eine Art Abgrenzung meines Bewusstseins verstanden, als Boden & Wand & Decke meines Innenraumes. Und ich hätte gemeint: dort wo das Vibrieren sich im Dunkel verliert & aufhört Empfindung zu sein, fängt mein Körper an.

Mein Fleisch & meine Organe & meine Muskeln (das Herz ist auch ein Muskel) & meine Knochen befinden sich hinter diesem vibrierenden Schleier. Sie liegen dort verborgen wie lebendige Schätze, die man tötet, sobald man sie ausgräbt. (Das haben ja anscheinend die Azteken damals gemacht: die Herzen aus dem Brustkorb gerissen & den Göttern geopfert.) Vom Bewusstsein her gesehen ist mein Körper mir also fremd, genauso wie die ganze Erde mir fremd ist.

26.12.2009

Über Licht und Dunkel. Ein hinduistischer Mönch in Singapur

Die Erzählung von Licht & Dunkel gehört zweifellos zu den maßgebenden „Bedeutungsfeldern“ der Menschheit. Mit dem Zunehmen oder Abnehmen des Lichtes – und damit verbunden dem Zunehmen oder Abnehmen des Dunkels – sind entscheidende Begriffe verbunden, wie Leben & Tod, Gut & Böse, Wahrheit & Lüge, ja eben Schönheit & Hässlichkeit. Die Erzählung von Licht & Dunkel ist eine richtige Erzählung.

Was ist eine richtige Erzählung? Richtige Erzählungen erzählen nicht von Ereignissen, sondern sind Ereignisse. Sie machen die Ereignisse, von denen sie nicht erzählen, zum Ereignis. Richtige Erzählungen werden im Grunde genommen nur einmal erzählt, immer wieder nur einmal erzählt. Das Wiederholen von richtigen Erzählungen beruht auf der Tatsache, dass sie immer wieder neu erzählt werden können, als hätten sie keine Geschichte.

Das, was die Geschichte ausmacht, wird in richtigen Erzählungen bis zum Nullpunkt zurück gebracht. Erzählungen vibrieren im Jetzt. Richtige Erzählungen heben die zeitlichen Kategorien von Vergangenheit & Gegenwart & Zukunft auf. Sie stoßen diese drei in einen aufsteigenden Wirbel, den man selbstverständlich Gegenwart nennen darf – eine Gegenwart allerdings, die Vergangenheit & Gegenwart & Zukunft umfasst.

Die Gegenwart gibt es zweimal. Einmal als eine untergeordnete zeitliche Einheit in einem gedanklichen Rahmen, die mit den Begriffen Vergangenheit & Gegenwart & Zukunft angedeutet wird. Und einmal als eine übergeordnete Einheit, die alle drei Begriffe umfasst & im Grunde genommen mit der Zeit gerade nichts mehr zu tun hat. Nur in dieser übergeordneten Einheit finden die Vorgänge statt, die wir Ereignisse nennen.

Eine richtige Erzählung ist also die Erzählung vom Zunehmen des Lichtes. In unserer Gegend kennen wir diesen Vorgang in zwei Gestalten: einmal pro Tag & einmal im Jahr. Jeden Morgen wieder nimmt das Dunkel ab & das Licht nimmt zu. Und im Dezember, in der Weihnachtszeit & kurz danach, passiert das gleiche, allerdings so, dass das Dunkel für ein ganzes halbes Jahr ins ständige Abnehmen versetzt wird. Das Licht dagegen bleibt bis Juni im Kommen.

Es gibt Gegenden, in denen man diesen zweiten Vorgang nicht kennt. In Singapur zum Beispiel, nicht mehr als fünfzig Kilometer vom Äquator entfernt, findet die Abwechslung von Licht & Dunkelheit über das ganze Jahr morgens & abends genau um etwa sieben Uhr statt. Es gibt dort jeden Tag genau zwölf Stunden Dunkelheit & zwölf Stunden Licht. (Und ganz eigenartig: der Übergang ereignet sich immer innerhalb von fünfzehn Minuten. Stundenlange Dämmerungen sind dort ein unbekanntes Phänomen.)

Zu einer richtigen Erzählung vom Zunehmen des Lichtes gehört also die Gegebenheit, dass sie auf unserem Planet unterschiedlich wahrgenommen & erlebt wird. Oder vielleicht besser gesagt: das Wachsen des Lichtes kennt mehrere Gesichter. Und weil die Erde rund ist – mittlerweile dürften alle Erdbewohner das wissen – bedeutet dies, dass die Zahl der Gesichter festlegt werden kann. Es gibt nicht weniger als 360 richtige Erzählungen von Licht & Dunkel.

Dieses globale Wissen erzeugt in der Erzählung vom Zunehmen des Lichtes einen Sprung. Wenn wir daran festhalten, dass zu der Erzählung vom Zunehmen des Lichtes die Vorstellung von der Geburt eines Kindes gehört – geben wir ihm einen Namen: Jesus – und dazu noch immer meinen, dass diese Geburt für alle Menschen auf der Erde eine wesentliche Bedeutung hat, müssen wir einen Sprung in einen Wirbel machen.

Ich war vor ein paar Wochen in Singapur in einem hinduistischen Tempel, der Göttin Kali geweiht, Herrscherin der Dunkelheit. Genau um zwölf Uhr mittags erschien ein alter Mönch, der kaum noch gehen konnte – er wackelte durch den Raum, seine Augen noch oben gedreht. Erst meinte ich spontan, dass er betrunken wäre. Weil aber eine lange Reihe von Menschen gespannt auf ihn wartete, kam ich auf den Gedanken, dass er als ein Heiliger angesehen wurde.

Ich schloss mich der Reihe der Wartenden an. Als der Mann bei mir angekommen war, schaute er über mich hinweg – ich glaube nicht, dass er mich richtig gesehen hat – so, als ob ich eigentlich irgendwo anders wäre, ganz weit oben im Himmel. Wie bei den Anderen rieb er mit seinem Finger eine weiß-gelbe Farbe auf meine Stirn.

Ich hatte & habe keine Ahnung davon, in welchem Ritual ich mich eigentlich befand. Entscheidend für mich war aber die Erfahrung, dass der Blick des Mönchs mich an einer Stelle zu suchen schien, an der ich mich normalerweise bei Tagesbewusstsein gar nicht erlebe, nämlich ganz oben im Licht. Ich hatte die Neigung, mich umzudrehen & nach oben zu schauen, um mich zu finden.

Als ich kurz darauf wieder auf der bunten Straße war, merkte ich, wie die Ausweitung nach oben dazu führte, dass ich mich unten ganz klein & unbeholfen empfand. Das Leben hier unten schien keine Bedeutung mehr zu haben. Es war, als ob es eine Kluft zwischen oben & unten, Licht & Dunkel gab – ohne Brücke, ohne Beziehung, ohne Dialog. Und ich stellte fest, wie sehr mein Selbstverständnis mit Dämmerung zu tun hat. Ich verstehe mich als einen Menschen, der sich in der Dämmerung immer wieder findet.

Die Erzählung des hinduistischen Mönchs ist aber genau so richtig, weil die Erde eben rund ist. Sie scheint zu bedeuten, dass etwas von mir sich in der Tat weit weg von mir ganz oben im Licht befindet. Diese Erkenntnis dämmert mir nicht ein, sondern erreicht mich eher wie ein Schock & macht das Leben für eine Weile zum Witz. Ich sage mir, was die Göttin Kali sagt: das Leben auf der Erde ist Maya.

20.12.2009

Die Kerze ist eine uralte Erfindung. Über das Immer-wieder-neu-geboren-Werden

Es ist ein Winternachmittag & es ist draußen dunkel. Ich sitze an meinem kleinen Küchentisch, entzünde eine Kerze & schaue darauf, was geschieht. Zunächst „geschehen“ meine Gedanken – sie kommen & gehen, ohne dazu eingeladen zu sein. Besonders erleuchtend sind sie aber nicht. Sie wiederholen zwanghaft das, was ich den ganzen Tag schon gedacht habe, nämlich, dass ich die Arbeit A noch zu erledigen habe, die Kollegin B unbedingt anrufen & endlich mal meinen Kühlschrank sauber machen sollte.

Ich verabschiede mich von meinen Gedanken. Sie scheinen heute Nachmittag nicht sehr aufdringlich zu sein, vielleicht sind sie müde & sehnen sich nach Ruhe. Ich denke noch: wo gehen die Gedanken eigentlich hin, wenn ich mich von ihnen verabschiede? Weil diese Frage eine Menge weitere Gedanken erzeugt, lasse ich auch sie los.

Und dann bin ich leer. Nun ja, leer ist vielleicht nicht das richtige Wort. Was übrig bleibt, wenn sich meine Gedanken zurück gezogen haben, ist eine leise Stimmung, ein farbiges Lispeln, ein stilles Vibrieren, das sich schwer beschreiben lässt. An dieser Stelle taucht wieder eine Frage auf, von der ich mich ebenfalls verabschieden will, die ich aber in diesem Text trotzdem in Worte fassen muss.

Die Frage lautet: was da nach meinen Gedanken erscheint, ist das mein Körper? Sind die Stimmungen & das Lispeln & das Vibrieren als Erscheinungen zu verstehen, die von meinem Körper ausgehen, abstrahlen und dann im Blickfeld meiner Aufmerksamkeit auftauchen? Oder müsste ich diesbezüglich eher sagen, dass ich es hier mit seelischen Erscheinungen zu tun habe, die nicht körperlicher Natur sind?

Über diese Frage habe ich schon öfters nachgedacht. Ich bin zu der Annahme gekommen, dass hier eine Mischung vorliegt, ein ineinander Spielen von organischen & rein seelischen Vorgängen, die aber aufeinander bezogen sind & gerade dadurch die Empfindung eines Innenraums erzeugen. Die Stimmung & das Lispeln & das Vibrieren vollzieht sich „in“ Etwas – und dieses Etwas ist noch am besten mit dem Begriff von Rainer Maria Rilke zu beschreiben: Innenraum.

Ich lasse diese Annahme also im Raum stehen – und ja: sie drängt sich nicht weiter auf, ich vermute, weil ich höflich bin – und schaue darauf, was weiter geschieht. Ich befinde mich also in einer Lage, die sich so beschreiben lässt: ich bin einerseits ein Beobachter & andererseits ein leerer Raum, der zwar eine Stimmung beinhaltet, trotzdem aber für das, was kommen will frei ist. Ich bin gleichzeitig ein Schauender & eine Schale.

Die Kerze brennt ruhig. Sie beleuchtet sanft die Wände meiner Küche, berührt die weißen Lilien am Fenster, hebt das braune Holz des Tisches hervor. Sie bringt Ruhe. Nach einer Weile aber merke ich, dass die kleine Flamme sich in mir fortsetzt, mich leise vereinnahmt & sich in meinem Innenraum versetzt und dort ausbreitet. Eigentlich kann ich nicht mehr sagen, dass sich die Kerze außerhalb von mir befindet – sie ist eine Erscheinung in mir geworden. Und sie beleuchtet innere Erscheinungen.

Was ist Feuer? Feuer ist eine physikalische Erscheinung geistiger Natur. Im Feuer zeigt sich der Geist auf eine fast unmittelbare Weise. Ich versuche nicht, mit meinem Finger die Flamme zu berühren – Kinder machen das gerne – weil mir klar ist, dass mein Körper den Geist nicht ertragen kann. Brennen bedeutet eine unmittelbare Berührung von Geist & Materie, ohne einen seelischen Puffer. Im Feuer verwandeln sich die Substanzen.

Die Kerze ist eine uralte & geheimnisvolle Erfindung. Das Wunderbare an einer Kerzenflamme ist, dass sie – solange sie nicht physisch berührt wird – genau dem Maß meiner Seele entspricht. Was mit einem Waldbrand oder eben einem Lagerfeuer normal gesprochen nicht geht, ist mit einer Kerze immer möglich, nämlich, dass ich mich seelisch gesprochen auf gleiche Augenhöhe mit dem Geist begeben kann. Ich kann das Licht & die Wärme einer Kerze verinnerlichen, ohne in eine Bedrängnis zu geraten.

In meinem Innenraum brennt also die Kerze. Ich schaue darauf was kommt & nach einer Weile stelle ich fest, dass sich ein lautloser & leiser Gesang in mir bemerkbar macht. Es ist, als ob es in mir, unsichtbar, wie verborgen in einem Keller, einen Chor gibt, der leichte & ernsthafte & heitere Töne und Klänge von sich gibt. Und wenn ich mich, was nur ein paar Minuten gelingt, frei & bedingungslos an den stillen Gesang übergebe, fühle ich mich getragen. Ich bin auf einmal nicht mehr ein Beobachter, sondern komme im Zustand des Schwebens zu mir selber.

In mir verschmelze ich mit mir. Und „in mir“ bedeutet auf einmal nicht nur „in mir“, sondern auch: „in der Welt“. Innenwelt & Außenwelt schieben sich ineinander. Und ich sage mir: dein Dasein beruht nicht auf gespürten Innerlichkeiten & gespürten Äußerlichkeiten - sie spiegeln dich nur - sondern auf einem direkten Gespür von dir in dir. Und ich weiß, dass ich unabhängig von meinem Körper & meiner Seele existiere. Ich fühle mich wie neu geboren.

14.12.2009

In Singapur wird die Welt rund. Über eine Weltstadt

Großstädte haben mich schon immer beeindruckt. Schon als Kind glaubte ich, dass Städte wie Utrecht, Rotterdam & Amsterdam die „richtigen“ Orte seien. Dort sei das wirkliche Leben zu finden. Wichtig war mir die Vorstellung, dass Städte rund um einen Kern gebaut sind. Eine Stadt zu kennen, hieß, sich in ihrem Herzen auszukennen.

Letzten Monat war ich zehn Tage in Singapur. Die Stadt war allerdings nicht das Ziel meiner Reise – ich war dort hin geflogen, weil einer meiner Söhne mit seiner Familie in dieser großen Hafenstadt an der Südspitze von Malaysia lebt. Die Stadt hat mich aber trotzdem richtig gepackt, weil sie eine sehr kräftige Aussage macht.

Singapur ist nicht entstanden, sondern konstruiert worden. Dass der Stadtstaat überhaupt existiert, liegt daran, dass die Engländer ihn bewusst wollten. Die Gründung von Singapur war ein strategischer Willensakt, in London ausgedacht & vor Ort in Südostasien gezielt durchgeführt. Singapur basiert auf der Vorstellung einer Globalisierung, die von England aus gesteuert wurde.

Um eine Idee davon zu bekommen, wie Singapur vor Singapur aussah, muss man auf eine der kleinen benachbarten Inseln gehen, wie zum Beispiel Pulau Ubin. Man stellt dann sofort fest, dass Singapur aus dem Dschungel erobert worden ist. Würde man in Singapur drei Jahre den ständigen Kampf gegen die Natur vernachlässigen, wäre die Stadt bald wieder Regenwald. Dieser Willensakt findet also jeden Tag statt.

Die Stadt ist modern & bis in die kleinsten Einzelheiten geregelt & sehr sauber & sehr schön. Die Notwendigkeit des täglichen Willensakts hat dazu geführt, dass man Singapur keine Demokratie nennen kann. Vom Liberalismus hat Singapur nur die wirtschaftliche Seite übernommen, den Kapitalismus – politisch gesehen ist Singapur eine Art freundliche Diktatur. (Man könnte schon die Frage stellen, ob eine offene Demokratie im Stande wäre, das benötigte gemeinsame Wollen zu erzeugen.)

Die Herzkammer von Singapur sind die Einkaufzentren – die so genannten „Malls“ – bei Orchard Road. Auch für europäische Begriffe sind diese Zentren ausgesprochen expressiv, ich meine: sie sprechen sehr laut die Sprache des Konsums. Die Einwohner der Stadt sind ausgesprochen wohlhabend. In den Zentren findet man vor allem „europäische“ Läden, dort werden in ausgeräumten Räumen die Marken aus Paris & London & Berlin präsentiert.

Ganz anders wirken die Viertel, in denen die Leute aus Indien, China, Malaysia & Arabien leben und arbeiten. In Little India zum Beispiel findet man Hunderte von kleinen Läden, die dicht nebeneinander stehen & eine unübersichtliche Unmenge an exotischen Waren anbieten. Und in der Arab Street reihen sich die kleinen Kaffeehäuser aneinander, an deren Tischen die Muslime unergründliche kommerzielle Verhandlungen führen.

Nach ein paar Tagen stellte ich fest, dass sich Singapur an der Spitze der Globalisierung befindet. In Deutschland reden wir über die Globalisierung wie über ein bedrohenliches Phänomen, in Singapur kriegt man das Gefühl, irgendwie mittendrin zu sein. Die Globalisierung scheint dort locker & selbstverständlich & hautnah zu funktionieren. Oder vielleicht besser gesagt: man fühlt sich in der Globalisierung gut aufgehoben.

Wenn es wahr ist, dass Singapur ein Bild für ganz Südostasien darstellt, darf ohne Weiteres gesagt werden, dass die Region eine riesige Potenz hat. Das Lebensgefühl dort hat gar nichts vom Schwierigen & Schweren & Melancholischen, dass die Stimmung in Europa zu beherrschen scheint. Sehr auffallend ist ausserdem, dass die Religionen – Buddhismus, Hinduismus & Muslim – ganz lebendig bis auf jeder Ecke zu erleben sind. Einen Konflikt zwischen Modernität & Religion scheint es gar nicht zu geben.

Was mich aber am meisten getroffen hat, ist die Tatsache, dass die Vorstellung der Welt bei den Einwohnern von Singapur „rund“ ist. Ich meine das Folgende. Wenn ich an die Welt denke, stelle ich mir eine Spannung zwischen dem Osten & dem Westen vor. Die Welt sieht genau so aus, wie mein Flieger geflogen ist: über Polen, den Kaukasus, Afghanistan, Indien, Malaysia... Und ich denke diese Linie weiter bis China & Japan.

Dahinter liegt nichts, na ja, ein immenser Ozean... In Singapur aber stellt man sich die Welt ganz anders vor. Einerseits gibt es die westliche Verbindung zu Europa & Amerika, andererseits aber gibt es den östlichen Weg nach Amerika, OHNE Europa. Das heißt nicht nur, dass die Welt als „rund“ erlebt wird, sondern auch, dass es eine Verbindung gibt, die mit Europa gar nichts zu tun hat.

Was für uns in Europa oft ein schwieriger Gedanke ist, scheint für den Südostasiaten eine Selbstverständlichkeit zu sein: das „Entwicklungsfeld“ in der Welt liegt zwischen China & Amerika, ohne dass Europa dazwischen wie eine „Mitte“ fungiert. Europa wird nicht mehr so richtig gebraucht. Und so verhalten die Asiaten sich auch zu Europa: wenn ihr mitmacht, gerne, aber ohne euch wird es auch gehen!

08.12.2009

Brief Poliziano in het Nederlands

De Nederlandse versie van de brief van Angelo Poliziano is te vinden op de weblog van Michel Gastkemper. Datum: 7 december 2009. Adres:

http://antroposofieindepers.blogspot.com/

04.12.2009

Brief von Angelo Poliziano an Piero de Medici im Jahr 1493

An Piero, den Unglücklichen

Kleiner, ich legte meine Hand auf deine Haut und sah aus dem Braun deiner Augen den weißesten Blick nach oben schießen, weit an mir vorüber. Ich ahnte nicht, dass sich in einem Körper soviel verletztes Bewusstsein versteckt haben konnte, und soviel Sehnsucht. Kleiner, was ist ein Kind?

Heute ging ich wieder die schmalen Pfade meiner Jugend entlang, zwischen Montepulcianos Baumgärten, auf dem Weg nach Hause. Jeder Schritt verdunkelte meine Seele, denn im dunklen Haus meines Vaters, wie ich jetzt weiß, dass ich damals empfand, lebte schon der Schatten seines Mörders.

Der Tod war schon lange bevor mein Vater starb da. Er lebte in meines Vaters Angst vor der Einsamkeit, in der Angst auch vor der Liebe, die in ihm war. Ich wusste, wie es auch dieses Mal gehen würde: ich würde die große Türe langsam aufziehen und die Kühle des Marmors in der Halle spüren, und meine Mutter würde rufen, dass mein Vater auf mich wartete, schon ganz lange wartete, und jetzt weiß ich, dass ich die Frage spürte: auf wen wartete er eigentlich? Auf mich, Angelo? Auf sein Kind? Oder auf etwas, das es nicht wirklich gab und nur in seinen Erwartungen lebte?

Ja, Kleiner, was ist ein Kind? Ich glaube, du warst das erste Kind, das ich sah, als ich meine Hand auf deine Haut legte und diesen Blick hoch schießen sah, fast wie ein Fisch aus einem Dunkel, in dem ich kein Leben vermutete. Ich berührte dich, sonst nichts. Aber es ist wahr: ich berührte dich wirklich. Ich spürte deine Haut an der meinen, eine sich sehnende Haut, eine fiebernde Haut, eine unglückliche Haut…

Aber was ist Haut? Haut ist die Außenseite einer Innenseite, eine empfindliche Schale um eine noch empfindlichere Frucht. Haut ist Innenseite, die zur Außenseite geworden ist, ohne die Beziehung zur Innenseite verloren zu haben. Die Haut weiß noch, was sie einmal war: empfindsame Zusammenziehung. Du, Kleiner, mit deiner schaudernden Haut im Regen, mit deinen Augen, die immer wieder wanderten, um zu sehen, ob zufällig dein Vater, der Gelobte, in den Garten hinein käme um schließlich das Pferdchen zu bringen.

Wusste dein Vater aber, was ein Kind ist? Nein, er wusste es nicht. Und gerade dadurch, dass ich es jetzt verstehe, denn ich liebte deinen Vater wie sonst keinen, sehne ich mich nach dir mit einem Herzen, das im Zerbrechen ist. Ich sehne mich nach deiner Haut, nach deinem Blick, nach deinen Augen, und ich möchte, dass ich mit meiner Hand aufs Neue das Kind wachrufen könnte, das in dir versteckt lag.

Daran musste ich heute denken, als ich die schmalen Pfade meiner Jugend entlang lief, auf dem Wege zu dem Haus, das es nicht mehr gibt. Kleiner Unglücklicher, ich denke an dich und verstehe die Welt nicht mehr.
Dein Angelo

27.11.2009

Aus einem Manuskript (2). Über das neue Wort „Tuberkulose“

Als ich in Castricum ankam, konnte ich kaum noch auf meinen Füßen stehen. Im Wohnzimmer stand ein kleiner schwarzer Ofen mit kleinen Fenstern aus „Mica“. Was Mica war, hatte ich von meinem anderen Großvater gelernt: eine Schiefer Steinsorte, die durchsichtig war & nicht brennen konnte.

Ich sitze auf einem Kissen & blättere in einem Buch über die holländische Geschichte & schaue auf die Bilder von den Helden, die mir fremd sind. Mit Willem de Zwijger & Maurits & Michiel de Ruyter kann ich gar nichts anfangen; sie bleiben für mich blass & unbestimmt, wie kleine Häufchen Brotteig auf einem Küchentisch. Mein Großvater väterlicher Seite meinte aber: „Nimm dir die Helden als Vorbild!“

In dem Buch gibt es Bilder von Seeschlachten zwischen den Engländern & den Holländern. Auf hohen Wellen heben sich die Segler mit rot-weiß-blauen Fahnen & mutigen Männern & vor allem Kanonen, die Feuer spritzen. Überall Feuer. Ein englisches Schiff liegt schief zwischen zwei hohen & beinah brechenden Wellen & brennt & brennt... Und ich stelle mir die eigenartige Frage: wie ist es möglich, dass ich Zeuge eines Dramas bin, dass vor Hunderten von Jahren stattgefunden hat?

Ich schaue durch die Mica-Fenster in den Ofen & dort tobt die Schlacht weiter: ich sehe nur noch brennende Schiffe, brennende Fahnen, brennende Männer, ja, eben die Wellen lodern rot & gelb & blau. Ich bin Zeuge eines Geschehens, dass sich im Nu – hier & jetzt in Castricum – vollzieht. Schiffe gehen unter, Schiffe verschwinden hinter dem Horizont, Schiffe lösen sich im Feuer auf. Und ich höre die Stimmen von den holländischen Helden & den englischen Feiglingen – eine rot-rote Mischung von tierischer Freude & Todesängsten.

Meine Haut brennt. Ich spüre die Glut der Flammen auf meinen Wangen & Armen – ich schwitze & schwitze. Und irgendwie spüre ich, dass ich irgendwo angekommen bin, wo es nicht mehr weitergeht. Jetzt hört alles auf, jetzt höre ich auf, jetzt verzehren mich die Flammen, jetzt schluckt mich eine Geschichte, von der ich meinte: sie hat gar nichts mit mir zu tun. Und es ist wahr: irgendwo in diesem heißen Vorgang tauchte ein Wort auf, wie ein Vogel, das seitdem um mich herum wie ein Rätselbegriff flattert: das Wort Apokalypse.

Ich verlor mein Bewusstsein. Ich verschwand. Ich wurde über eine Schwelle geschoben. Ich war irgendwo anders. Und als ich nach drei Tagen wieder aufwachte, stand eine Krankenschwester neben mir, die mich lachend anschaute & sagte: „Du Armer, du hast Glück gehabt!“ Ich hörte, wie die Thermometer in ihrer Brusttasche klirrten. Und ich dachte: wie Vögel ohne Federn und ohne Fleisch. Ich schaute um mich herum & stellte fest: die Welt ist wieder kalt geworden.

Als später ein Arzt kam, lernte ich ein neues Wort kennen: „Tuberkulose“. Wir schrieben 1961.

20.11.2009

Aus einem Manuskript (1). Über einen Becher Milch in Ermelo

Ich stehe neben einer kleinen Wiese & stelle fest: ich bin genauso hoch, wie die braunen Pfähle des Zauns. Und ich sage es mir laut: „Jelle, du bist auf einmal richtig gewachsen!“ Wenn ich das sage, spüre ich die Hände meines Großvaters, die er gerade in diesem Moment von hinten auf meine Schultern legt.

„Was hast du gesagt?“, fragt er.
„Ich bin groß geworden“, antworte ich.
Mein Großvater lacht.

Auf der Wiese melkt der Bauer eine Kuh. Er sitzt auf einem kleinen Hocker, den er halb unter die Kuh geschoben hat – seine Beine streckt er unter dem riesigen Bauch des schwarz-weiß gefleckten Tieres aus. Mit seinen Händen berührt er die rosa Zitze der Kuh & die Milch spritzt für mich hörbar in den Zinneimer zwischen seinen Knien. Als er fertig ist, steht er auf & schaut um sich herum. Als er mich und meinen Großvater sieht, lacht er & sagt: „Du Kleiner, du hättest bestimmt gerne einen Becher frische Milch!“

An dieser Stelle hat meine Erinnerung eine kleine Lücke. Der Bauer steht jetzt vor mir, mit einem Becher in seiner Hand. Ich kann heute nicht sagen, woher er den geholt hat – in meiner Erinnerung ist er einfach auf einmal da. Der Bauer überreicht mir höflich den Becher, als wäre ich ein Prinz & sagt: „Für dich!“

Und ich trinke die Milch, die noch warm ist. Der Geruch der leicht schäumenden Masse & die leicht-schwere Substanz, die durch meine Kehle rinnt, gibt mir das Gefühl, als ob ich eine Minute lang eine Kuh bin. Das Tier, das ein paar Meter von mir entfernt, ohne etwas zu sehen, regungslos auf irgendetwas schaut, ist mir ganz nahe gekommen. Auf einmal verstehe ich, dass Kühe richtig existieren.

Mit diesem Schluck begann eine Reise in die Unterwelt.

In den Monaten die folgten, stand mein Großvater hinter mir, immer & immer; er war immer da, wie ein Schatten, der mich begleitete. Ich aber wurde immer dünner & dünner, schwächer & schwächer, lustloser & lustloser – und als ich klagte, sagte mein Vater: „Flauwekul“.

(Ohne das holländische Wort komme ich in dieser Erzählung nicht aus. Auf Deutsch würde man vielleicht so etwa sagen: „Quatsch!“ – klingt mir aber weniger vernichtend in den Ohren. Als mein Vater „flauwekul“ sagte, was er öfters tat, meinte er: „Schade, dass du selbst nicht einsiehst, welchen Unfug du redest.“)

Ich war also blöd. Anfang Dezember schaffte ich es kaum noch, die Treppen in unserer Wohnung hochzukommen, manchmal war mir kalt, manchmal heiß & ich hustete Blut, was ich aber geheim hielt, weil ich wusste, dass sich so etwas nicht gehört – Menschen husten ja kein Blut! Ich war der festen Überzeugung, dass ich grundsätzlich daneben war, auf allen Ebenen – und ich hielt es für weise, über meine Schieflage konsequent zu schweigen.

Zu Weihnachten wurde ich mit dem Zug zu meinen Großeltern väterlicherseits geschickt. Sie lebten in Castricum, nördlich von Amsterdam, zwei Kilometer vom Strand entfernt. Ich war dort nicht gerne, weil nie etwas geschah. Das Meer war immer Meer, mein Großvater war immer Großvater & meine Großmutter sagte nie etwas. Aufmerksame Blicke, bedeutungsvolle Worte, einladende Bewegungen – das alles gab es in Castricum nicht. (Fortsetzung nächste Woche.)

Mit Dank an Sophie Pannitschka

14.11.2009

Was der Beamte Enno Schmitz diese Woche zu erledigen hat

OB anrufen, Handy
Frau Ende anrufen (englisch?)
KSTA anrufen (Pappenheim)
80.000 Birnen?
Klaviermarken sortieren
- alphabetisch
- nach Herkunft
- nach Qualität (Preis!)
- Bilder nicht vergessen
Vermerk Bösendorfer!!!
Sitzung OdWG vorbereiten
StVergAbG lesen
Übersicht Rathenauplatz
Heidecker über Gegenstände???
Franzose über die Ordnung der Dinge???
Umstellen: HGOdWG §35 und §37b
Geld überweisen: Griet
Griet anrufen (schwanger?)
Reisekosten sortieren
Vorstand CDU-Köln schreiben
Protokoll lesen!!!
Und Düsseldorf?
Karte 1. FC für Maik (Bayern)
Maik anrufen (Griet schwanger?)
Medikamente
Auto waschen
Winterreifen!!!
Maik fragen?
Geburtstag Gertrud!!! (Freitag)

10.11.2009

Was hat er vor? Der Klavierspieler Johann reist morgen ab

Notizen Bösendorfer
Brief Mary Ending
Notizbuch (kaufen!!!)
Füller (von Magdalena)
Stift (von Alexander)
englisches Wörterbuch
Kalender
Lupe
Nagelschere
Notbrille
iPod
Arvo Pärth (downloaden)
Sting Wintersongs (???)
Goerke
die kleine Ikone (plus Kerze)
die neuen Socken
schwarze Hose
schwarze Unterhosen
die schwarzen Sportschuhe (sauber machen!!!)
Filzhut (suchen!!!)
Reisepass
Reiseführer
Zehn Blaue
Reiseaschenbecher
Feuerzeuge (drei)
Karte Devon
Fahrkarte Köln - London
Ticket London – Exeter
Hotel confirmation (noch ausdrucken)
Führerschein (nicht vergessen!!!)
Kreditkarte Dresdner Bank
Bargeld 100 Pfund Sterling
Hei 65
Malte
Handy (cell-phone)
Und: Adapter!!!
Ass 100
Procolaran
Leberwurst, fünf (REWE, Ja)

04.11.2009

Die Waldorferzieherin (4 – und Schluss). Die Bedeutung einer Bezeichnung

Ich bin zu folgender Schlussfolgerung gekommen: die Bezeichnung „Waldorferzieherin“ ist nicht nur berechtigt, sondern auch dringend notwendig. Der Einwand, dass damit ein „Etikett“ eingeführt wird, trifft nicht zu. Rein sprachlich betrachtet, unterscheidet sich eine Waldorferzieherin von einem Penner, einem Phänomenologen, einem Punker, einem Saxophonisten oder einem Biobäcker nicht.

Und außerdem: wenn es so etwas wie Waldorfpädagogik & Waldorferziehung & Waldorfkindergärten gibt, wieso sollte es dann keine Waldorferzieherin geben? Diese Frage hat noch niemand befriedigend beantwortet.

Es geht um eine Bezeichnung, so wie Bäume, Könige, Texte, Länder, Gegenstände, Stile auch bezeichnet werden. Kritisch wird es nur, wenn die Bezeichnung eine rechtliche Beschreibung beinhaltet, wenn also in Worten genau & präzise festgelegt wird, wer sich aus welchem Grund so nennen darf & wer nicht. Aber auch an dieser Stelle muss es kein Problem geben. Es könnte durchaus sein, dass zum Beispiel die Vereinigung der Waldorfkindergärten jemanden – nach bestimmten Verfahren, wie einer Ausbildung & praktischer Erfahrung – als Waldorferzieherin anerkennt, ohne jemand anderem verbieten zu wollen, sich auch so zu nennen.

Waldorferzieherinnen sind nicht unbedingt besser als andere Erzieherinnen. Sie kennzeichnen sich dadurch, dass sie eine bewusste Orientierung auf ein bestimmtes „geistiges“ Menschenbild haben & im Stande sind, die sozialen und pädagogischen Aufgaben dementsprechend zu handhaben. Dass auch andere Erzieherinnen sich unbewusst oder intuitiv auf ein „geistiges“ Menschenbild orientieren, scheint mir durchaus zu stimmen. Der Unterschied liegt aber in dem Begriff „bewusst“. Erst wenn man eine bewusste Beziehung hat, kann man innerlich frei seine Handlungen reflektieren.

Warum wird die Bezeichnung Waldorferzieherin gebraucht? Meine Zukunftsvision ist diese: Ich hoffe, dass wir in zehn oder zwanzig oder dreißig Jahren so weit sind, dass Kitas & Kigas & was-es-alles-noch-geben-wird, sagen werden: wir brauchen in unserer Einrichtung eine Waldorferzieherin, weil sie etwas bringt, was für uns & die Kinder gut ist.

In der Zukunft, so hoffe ich, wird es nicht mehr selbstverständlich sein, dass eine Waldorferzieherin in einem Waldorfkindergarten arbeitet. Waldorferzieherinnen werden überall arbeiten. Nur auf diese Art und Weise kann der Impuls der anthroposophisch inspirierten Pädagogik, ein Kulturfaktor werden. Und ohne Menschen eine dementsprechende Bezeichnung zuzutrauen, wird das nicht gelingen.