Alle großen Worte brauchen Respekt. Über das Wort „ Anthroposophie“
Wer aufhört sich die Frage zu stellen, wie bestimmte Gedanken & Gefühle & Intentionen & Ereignisse hier & jetzt sprachlich auszudrücken sind, steht im Abseits. Verbindungen zwischen Bedeutungen & Worten sind nicht fixiert. Immer wieder werden neue & frische & überraschende Sprachschöpfungen gebraucht & gemacht. Sie wirken wie Lichtungen ins Offene.
Sprache ist wie ein Kreuz, weil sie zwei Spannungsfelder in einem Punkt zusammenzieht. Ein stimmiges Wort, gesprochen oder geschrieben, erscheint im Nu wie eine Rose, in sich selber versunken, sich selber übersteigend. Die erste Spannung ist vertikal ausgerichtet: sie bezieht sich auf das Wechselspiel zwischen Lauten & Bedeutungen. Wenn der Satz „Sein Herz war ein Gefäß“ (Pablo Neruda) auf einmal klingt, lässt sich ein Gedanke oder eine Vorstellung über eine Sequenz von vertrauten Lauten intuitiv ergreifen.
Das zweite Wirkungsfeld ist horizontal. In diesem Feld bewegen sich die Worte zwischen den Menschen hin & her. Sprache ist immer auch eine Bewegung von mir zu dir, gleichzeitig von dir zu mir. Ich kann nicht mit dir reden, ohne mich in deine Sprache zu versetzen. Und erst wenn es gelingt den Punkt zu finden, an dem die Spannung zwischen oben & unten mit der zwischen mir & dir verschmilzt, findet eine Kommunion statt. Ob ein Wort richtig oder stimmig ist, hängt davon ab, ob die vier Perspektiven einen gemeinsamen Glühpunkt finden.
Kommunikation ist ein offenes Geschehen in Raum & Zeit. Richtige Aussagen erscheinen immer irgendwo & irgendwann. Behauptungen, die sich von Raum & Zeit gelöst haben, sind gleichzeitig leer und kraftlos & übermächtig und unantastbar geworden. Wenn Sigmar Gabriel in seinen Reden immer wieder „liebe Genossinnen & Genossen“ sagt, zeigt er, dass die Beziehung zwischen ihm als Vorsitzendem & den Mitgliedern seiner Partei durch die Geschichte fixiert ist. Auf der sozialen Ebene ist seine Aussage leer, auf der politischen gerade machtvoll.
Das Offene der Kommunikation hängt mit der Tatsache zusammen, dass Lebensvorgänge sich ständig verwandeln. Es wird eine Zeit geben, in der das Wort „cool“ auf einmal völlig daneben ist, weil sich die Perspektiven verändert haben. Und ist es nicht schon heute so, dass nicht alle Menschen sich dieses Wort bedienen können, einfach weil sie irgendwie & irgendwo im Lichte der heiligen Lässigkeit schon daneben sind?
Ein Wort, mit dem ich schon dreißig Jahre ringe, heißt „Anthroposophie“. Auch dieses Wort wird ständig hin & her manipuliert zwischen Nichts & Allem. Als kultureller Begriff hat das Wort jegliche Bedeutung verloren, weil es auf ein festgelegtes System von bestimmten Normen & Werten reduziert worden ist - geschätzt von einer kleinen Gruppe von Menschen. Für die Öffentlichkeit hat das Wort seine positive Wirkung verloren.
In anthroposophischen Kreisen & Einrichtungen kann das Wort allerdings eine sehr große Macht haben. Es bedeutet dort oft so viel wie: die unerreichbare geistige Wahrheit, die sich über Raum & Zeit befindet & nur von ganz wenigen Menschen verstanden werden kann. Man muss ein bestimmtes Alter haben, ganz viele Bücher gelesen (und bitte: geschrieben) haben & außerdem noch gut reden können. Wenn jemand an diesen Kriterien scheitert, ist er nicht im Stande, Anthroposophie zu vertreten.
Obwohl das Wort Anthroposophie sich in einer schwierigen Lage befindet, werde ich an dieser Stelle nicht vorschlagen, es einfach zu streichen. Wenn es um sprachliche Gepflogenheiten geht, funktionieren solche Entscheidungen nicht, weil Sprache ein Eigenleben führt. Sich bewusst auf bestimmte Ausdrücke festzulegen, gelingt nur im akademischen & rechtlichen Rahmen – was die Sprache dementsprechend trocken & abstrakt macht. Nein, wir müssen mit dem Wort Anthroposophie weiter leben.
Aber wie? Ich würde sagen: mit Liebe. Das bedeutet meines Erachtens, dass die zwei genannten polaren Bedeutungen, die zwischen Allem & Nichts, vermieden werden. Sie verletzen nicht nur die sozialen Beziehungen zwischen Menschen, sondern auch das Wort selbst. Ein Wort liebevoll zu benutzen, bedeutet etwa: auf den Anspruch zu verzichten, seine Bedeutung ganz zu durchschauen & festzulegen.
Alle „großen“ Begriffe & alle „großen“ Worte, die sich auf diese Begriffe beziehen, verdienen Respekt. Worte wie Wahrheit & Freiheit & Liebe sind in der Kommunion zwischen oben & unten und in der Kommunikation zwischen mir & dir nur dann fruchtbar wirksam, wenn sie als eine offene Bestimmung verstanden werden. Sobald man meint, die Bedeutung des Wortes ganz & komplett zu kennen, gerät man in eine Isolation.
Wer könnte schon definitiv in Worte fassen, was Liebe bedeutet? Die Anthroposophie ist vor allem eine Sache des Herzens. Wir brauchen zwar unsere Köpfe, entscheidend ist aber das, was Rudolf Steiner folgendermaßen versucht hat zu beschreiben: „Erleuchte/ unsere Häupter,/ Dass gut werde,/ was wir aus Herzen/ Gründen,/ was wir aus Häuptern/ Zielvoll führen wollen.“ Die Quelle liegt also im Herzen, und dessen Sprache nennt man Poesie.