Die Waldorferzieherin (2). Eine sprachliche Evokation
Den heutigen Text verstehe ich als eine sprachliche Übung. Mit Sprache sind hier nicht nur: Wörter & Sätze & Redewendungen & Textkörper & grammatische Regeln gemeint, sondern auch das schillernde Spannungsfeld zwischen Wörtern und Bedeutungen. Ich zitiere hier nochmals den englischen Anglisten & Juristen Owen Barfield: „Wörter sind keine Flaschen“. Er wollte mit diesen vier schlichten Worten darauf hinweisen, dass man Bedeutungen nicht mit Wörtern & Redewendungen fixieren kann.
Owen Barfield schreibt in seinem Buch Poetic Diction in meiner Übersetzung: „Bedeutung kann nie von einem zu einem anderen Menschen transportiert werden; Wörter sind keine Flaschen; jeder Mensch muss die Bedeutung für sich selber intuitiv ergreifen, und die Funktion des Poetischen liegt darin, diese Intuition durch passende Suggestion zu vermitteln“.
Um den Sprung in die Welt der Bedeutungen zu machen, muss man also poetisch werden. Es ist dabei egal, ob man als Wissenschaftler, Journalist, Dichter, Blogger oder Jurist schreibt: die Bedeutungen lassen sich nur „suggerieren“ über eine Sprache, die bildhaft & musikalisch & rhythmisch & vor allem evokativ ist.
Der Gegenstand meiner poetischen Übung ist der Begriff „Waldorferzieherin“. Ich möchte versuchen, der Bedeutung dieses Begriffes einen Schritt näher zu kommen. Und wie ich schon in meinem vorigen Blogbeitrag schrieb: ich habe die Hoffnung, dass auch andere sich bemühen werden, die Berufung einer Waldorferzieherin als „Bestimmung“ sichtbar zu machen.
Weil ich Dozent am Seminar für Waldorfpädagogik in Köln bin, kenne ich viele Waldorferzieherinnen. Nach einer zweijährigen Fortbildung heißen diese Frauen – es sind eben fast nur Frauen - auf einmal „Waldorferzieherin“. Was ist in diesen zwei Jahren geschehen, dass sie mit einem Zertifikat der Vereinigung der Waldorfkindergärten mit ihrer Arbeit als Waldorferzieherin weiter machen können?
Mich berührt immer wieder, dass die Frauen in den zwei Jahren in sich selbst eine Art Umstellung bewirken. Wie in einem uralten Ritual sind zwei Kandelaber verschoben worden: was Außen war, ist Innen & was Innen war, ist Außen geworden. Anders gesagt: die Welt um mich herum gehört zu mir & meine inneren Erlebnisse gehören zur Welt. Der abstrakte Abgrund zwischen mir-als-Subjekt & dir-als-Objekt ist konkret & lebendig & begehbar geworden.
Für eine Waldorferzieherin ist jedes Kind eine „Weltmacht“, die auf sie zu kommt; und wie das mit Weltmächten nun einmal so ist: um sie kennen zu lernen, muss man auf die eigenen Gewohnheiten & Gepflogenheiten & Erwartungen verzichten, oder vielleicht besser: man muss sich selber neu kennen lernen wollen. Eine Waldorferzieherin weiß außerdem, dass eine Geschichte nur dann wirklich zu einer Geschichte wird, wenn Ereignisse stattfinden; und Ereignisse-im-Jetzt erlebt man nur, wenn man sich unbefangen am Kind beteiligt & das Kind sich an einem selbst beteiligen lässt.
Jedes Kind ist einzigartig & deswegen versucht eine Waldorferzieherin genau so einzigartig zu werden, weil sie erst dann auf die gleiche Augenhöhe mit dem Kind kommt. Wenn das Einzigartige-in-mir sich auf das Einzigartige-in-dir einlässt, entsteht eine neue Einmaligkeit: die Beziehung zwischen mir und dir; und so versteht die Waldorferzieherin ihre Präsenz in einer prinzipiell verwirrenden Gruppe von Kindern: als einen Ort der beteiligten Aufmerksamkeit für einzigartige Beziehungen.
Wo die Kinder andauernd in diesem & jenem verschwinden dürfen, in Kastanien, Würmern, Schrauben & Muttern, Autoreifen, Märchen & Klängen, jeder für sich, gemeinsam, zu zweit, oder zur dritt, versucht eine Waldorferzieherin ihre beteiligte Aufmerksamkeit zu handhaben, und zwar so, dass sie nicht zur Beobachterin wird. Wach dabei sein, kreativ Raum & Zeit schaffen, die Kinder selber gestalten lassen & trotzdem an dieser Gestaltung spielerisch beteiligt sein: diese Aufgabe stellt sich eine Waldorferzieherin.
In doppelter Hinsicht bedeutet diese Aufgabe eine Gratwanderung. Erstens braucht die Waldorferzieherin eine spielerische Beweglichkeit, die auf Intuition beruht. Eine offene Frage ist ihr zur Natur geworden: welche Bedeutungen sind hier & jetzt im Kommen? Sie muss also gleichzeitig Ruhe bewahren & ständig im Fluss sein. Zweitens braucht sie ein allgemeines Wissen von Kindern, um – wegen der Einzigartigkeit der Kinder & der Beziehungen – gerade darauf verzichten zu können.
Ihr Menschenbild ist Gegenstand ihrer fröhlich-ernsthaften Aufmerksamkeit. Man kann nicht Waldorferzieherin sein, ohne auch ein bisschen Philosophin zu werden. Die uralte Frage nach dem Menschen – wer ist der Mensch, woher kommt er, wohin geht er? - steht rund um die Uhr im Zentrum ihrer Arbeit. Und wenn sie gestern dachte, die Antwort auf die Frage bereits gefunden zu haben, wird sie heute feststellen müssen, dass dies Gott-sei-dank nicht der Fall ist.
Das sonnige Menschenbild einer Waldorferzieherin wird ständig aufgewühlt, weil sich eine kräftige Intuition von unten aus einmischt. Irgendwo unten im Dunkel, dort wo unsere Wille einen Weg durch den Tunnel des Lebens sucht, wirkt das Schicksal & das Wissen vom Schicksal & das Spüren des Schicksals. Waldorfpädagogik ist eine Schicksalspädagogik.
Ich meine jetzt gerade nicht den Gedanken, dass die Vergangenheit uns bis in die Gegenwart verfolgt & dass wir uns damit leider auseinander zu setzen haben. Ich meine eher das Umgekehrte, nämlich die dunkle Ahnung, dass das zukünftige Leben der Kinder & von mir, nur & nur in der Gegenwart gestaltet wird. Eine Waldorferzieherin geht davon aus, dass die Menschen in der Gegenwart aus einander hervor gehen, um in der Zukunft frei zu sein.