18.06.2008

Verdattert & verdutzt & baff & von den Socken. Übers Klauen. Und mein Fahrrad

Ich bin Holländer, und das heißt, dass ich etwas von Fahrrädern verstehe. Ein Fahrrad ist nicht nur ein billiges Transportmittel, sondern weit darüber hinaus auch ein Übungsinstrument für die Seele. Auf dem Fahrrad balanciert man zwischen Himmel und Erde. Und: gerade dadurch, dass man sich mit einer gewissen Leichtigkeit fortbewegt und ständig ein bisschen nach links und sofort auch wieder ein bisschen nach rechts schwenkt, bleibt man in der Mitte. Anders gesagt: dadurch, dass man andauernd ein kleines bisschen zur falschen Seite kippt, ist man grundsätzlich in der richtigen Spur.

So far, so good.
Letzte Woche ist mir etwas passiert, wovon ich unbedingt erzählen will. Ich war mit Freunden in einer Kneipe in Köln. In einer anderen Kneipe, mit dem Fahrrad nicht mehr als fünf Minuten entfernt, saßen ein paar andere Freunde. Die beiden Grüppchen hatten – zusammen mit noch einer Menge anderer Leute – den ganzen Tag gemeinsam gearbeitet. Thema: Erziehung. Und jetzt war Feierabend. Ich wollte in der ersten Kneipe kurz mit meinen dortigen Freunden sprechen und dann mit meinem Fahrrad zur zweiten Kneipe fahren, um dort den Abend fortzusetzen. Mein Fahrrad stand draußen, allerdings nicht verschlossen, weil meine Freundin das Schloss mitgenommen hatte.

Als ich zur zweiten Kneipe fahren wollte, war mein Fahrrad verschwunden. Geklaut, entwendet, einfach weg. (Das ist in Köln ganz normal.) Es ist ganz komisch: wenn man irgendwo sein Fahrrad erwartet, und es nicht da ist, wirkt die Stelle auf einmal sehr-sehr-sehr leer. Ich sollte schreiben: LEER. Ich schimpfte ein bisschen vor mich hin. Und war schon so ein bisschen verärgert. Und ich dachte: na ja, Jelle, du hast dein Fahrrad nicht abgeschlossen, eigene Schuld also. Und ich dachte auch: jetzt sollst du also ohne dein Übungsinstrument zu Fuß weiter gehen, ohne andauernd ein bisschen nach links und nach rechts schwenken zu können. (Ich finde das als Holländer nämlich sehr angenehm.) Und ich sagte mir: Du wirst auch zu Fuß den richtigen Weg finden.

In der zweiten Kneipe warteten meine Freunde schon auf mich. Ich setzte mich neben meine Freundin und sagte: „Mein Fahrrad ist geklaut worden. Scheiße!“ Und meine Freundin sagte sofort: „Schon wieder? Scheiße!“ Ich meckerte eine Weile, beschimpfte den unbekannten Dieb und meinte, dass das Leben in Köln nun einmal nicht ohne Risiken wäre. Dann aber sagte einer meiner Freunde am Tisch: „Jelle, war das rechte Bremsseil deines Fahrrads kaputt?“ Ich verstand gar nicht, worum er das fragte, sagte aber: „Ja, das stimmt, das Bremsseil war aus der Halterung gesprungen.“ Und dann sagte mein Freund: „Dann brauchst du dir keine Sorgen zu machen!“

Ich brauchte mir keine Sorgen zu machen? Ich verstand überhaupt nicht was er meinte. Ein zweiter Freund aber stand sofort auf und ging raus. Der erste Freund, der so rätselhaft von dem rechten Bremsseil gesprochen hatte, nickte mir zu und sagte leise: „Jelle, geh raus und rede mal mit Wolfgang“. (Den Namen habe ich geändert.) Ich verstand aber noch immer gar nichts & wollte nicht raus & sowieso nicht mit Wolfgang über das rechte Bremsseil reden. Ich blieb also wo ich war.

Als deutlich wurde, dass ich bestimmt nicht raus gehen würde, wiederholte mein Freund: „Du brauchst dir keine Sorgen zu machen.“ Verdattert sagte ich: „Wieso nicht?“ „Nun ja“, sagte er mit einem Grinsen-zwischen-Freude-und-Angst, „weil wir gerade ein Fahrrad mitgenommen haben, das wir nicht weit von hier bei einer Kneipe ohne Schloss vorfanden und...“ Er schwieg und ich beendete den Satz: „...dessen rechtes Bremsseil kaputt war.“ Er nickte und grinste. „Vermutlich haben wir dein Fahrrad mitgenommen“, sagte er noch verlegen. „Es steht hier direkt um die Ecke.“

„Mitgenommen?“ sagte ich, „mitgenommen? Ich würde sagen: ihr habt mein Fahrrad geklaut. Nicht mitgenommen. Geklaut. Gestohlen. So nennt man das.“ „Nun ja“, sagte er beruhigend, „du hattest dein Fahrrad nicht abgeschlossen“. Und ich: „Das heißt aber nicht, dass mein Fahrrad auf einmal euch gehört. Auch ohne Schloss gehört mein Fahrrad mir.“ Und er wieder hoffnungsvoll grinsend: „Sei doch froh, dass du dein Fahrrad wieder zurück hast.“ Und dann auch noch: „Sei froh, dass wir es dir so ehrlich erzählen. Wir hätten auch schweigen können – du hättest es nicht gemerkt!“ Der letzte Satz war ein Hammer für mich.

Mittlerweile hatten die anderen Freunde am Tisch mitgekriegt was los war. Das Geschehen wurde gnadenlos heiter & beglückt & begeistert aufgenommen. Alle waren sich einig, dass etwas ganz Wunderbares & Interessantes & Einzigartiges geschehen war. Und meine Freundin sagte mir: „Jelle, das ist doch ein richtiges Ereignis!“ Ich aber war verdattert & verdutzt & bestürzt & verblüfft & perplex & platt & von den Socken & sprachlos & baff & wie begossen & konsterniert & durch den Wind & und so weiter und so fort. (Wunderbar, all diese deutschen Wörter, die ich so unheimlich mag.)

Und ich dachte. Ich fing richtig an zu denken. Nachzudenken. Ich dachte so viel, dass ich das alles nicht sofort einordnen konnte. (Und genau das heißt es ja, verdattert & verdutzt & baff zu sein.) Der Grund lag in dem Folgenden: Es war nicht das erste Mal, dass mir mein Fahrrad gestohlen wurde. In Amsterdam habe ich das bestimmt zehn Mal erleben müssen – und in Köln auch schon ein paar Mal. Ein Fahrrad zu haben und beklaut zu werden, gehört irgendwie zusammen. In all den vorangegangenen Fällen war der Dieb aber anonym geblieben und mit meinem Fahrrad in das Schattenreich seines Lebens verschwunden.

Aber heute saß der Dieb auf einmal vor mir. Und er grinste. Und was noch viel krasser war, er ist ein Bekannter von mir. Und dann noch: er versuchte mich zu beruhigen. Und noch heftiger: er verteidigte sich. Und er sagte genau das, was ich mir selber gesagt hatte: es ist deine eigene Schuld. Und er grinste wieder und immer weiter. Und er rühmte sich, wegen seiner Ehrlichkeit. Und meinte sogar mit dem Mut eines Verzweifelten: du hast ein paar gute Gründe froh zu sein. Und er hatte offensichtlich Recht, weil ich nicht nur verblüfft & platt & von den Socken war, sondern irgendwie auch froh & heiter & glücklich. Und heute, fast eine Woche später, denke ich: es war ein richtiges Ereignis. Gut, dass es Diebe & Fahrräder & all diese wunderbare deutschen Wörter gibt. Und, gut dass es Freunde gibt.

Mit Dank an Sophie Pannitschka

6 Kommentare:

Jasna Caluk hat gesagt…

Lieber Herr van der Meulen,

wenn man so lässig mit Diebstählen umgehen kann und sie, trotz ein wenig ärger als “dazugehörig“ wahrnimmt, wie sie das mit Ihrem wunderschön beschriebenen Erlebnis darstellen, dann ist wohl die herzo-logische Schlussfolgerung, dass irgendwann die Freunde zu den lieben Dieben werden und dann irgendwann wird (oder ist) man dann selbst zu diesem lieben Dieb (ohne es gleich zu merken) und die bösen Diebe braucht man dann gar nicht mehr und die bleiben dann wohl auch tatsächlich weg und suchen sich andere Fahrräder, deren Besitzern sie den Gleichgewichtssinn klauen werden.

Einen schönen Fahrrad Sommer!

Alles Liebe
Jasna

Anonym hat gesagt…

Mich würde interessieren, welche Folgen dieses bizarre Ereignis hat - mir scheint, dass es jetzt so richtig spannend werden könnte. Denn wenn man den Schattenseiten eines Freundes begegnet - was passiert dann? Holt man ihn ins Licht? Falls das überhaupt geht. Oder gerät man an seine eigenen Schatten? Oder - geht man sich gar aus dem Weg? Entsteht so aus Freundschaft Feindschaft?

Anonym hat gesagt…

SO viel rheinischer Humor, mit kölschem Sprachgeist in dem unglaublichen Situationsmoment, hebt das Ganze in ein wunderbar menschliches Licht aus dem nur Freude(Freunde) entstehen kann!
Ein richtiges Ereignis,wie heraus gehoben in der Verzwickung von Möglichkeiten und der besten Lösung der Geschichte,die es überhaupt geben kann!
Lieben Gruß an Jelle,
Birgit

Michael Eggert hat gesagt…

Heute habe ich mitten in Köln Kioske gesehen, in deren Fenster das Schild hängt "Kaufe jedes Handy". Kann man da wahrscheinlich vorbestellen. Wie schon in Heinrich Bölls "Was soll aus dem Jungen nur werden" geschildert, gedeiht in Köln stets ein fröhlich, rheinischer Kleinkriminalismus. Vielleicht kann man auch diese unglaublichen Mietverhältnisse dazu zählen. So mancher vermietet noch die Besenkammer hinter der schwerkranken Oma als Studentenbude. Also, in Köln nie wundern.. schreibt ein Düsseldorfer

Anonym hat gesagt…

Die Balance zwischen Himmel und Erde. Das ist auch ohne Fahrrad ein großes Thema für mich. Ich fühle mich oft als Grenzgänger. Genau auf der Grenze zwischen Himmel und Erde. WEnn ich dem Himmel zu nah komme, bekomme ich Schmerzen - mal hier mal da! Oder ich habe plötzlich Geldprobleme oder mein Auto streikt oder ich schaffe meine Arbeit nicht! Dann gibt es wieder eine kurze Zeit, in der es sich anfühlt, als würde ich den Kontakt zur Erde verlieren. Alles o.g. ist dann nicht mehr wichtig. Und: es fühlt sich irgendwie gut an. Aber es ist so, als wenn das jetzt nicht dran ist. Und schon passieren wieder Dinge, die mich zurückholen.

Anonym hat gesagt…

eigentlich hat hier der feind ein gesicht bekommen, eine geradezu perplexe begegnung hat sich ereignet und eine verwandlung auf beiden seiten des freud/freindseins.
zwischen rechts und links schwankend eine mitte gefunden, eine möglichkeit des fast unmölichen, ein freiwerden voller heiterkeit und freude.
nochmal, danke jelle.
birgit