30.04.2011

Versuch zu einer adamitischen Sprache. Über eine Freundin

Sie ist eine Freundin. Ihre ganze Art ist fest und gleichzeitig weich. Ihre Natur ist von einer Qualität geprägt, die Joseph Beuys dem Fett zuschreibt: Sie bewahrt, ruht in sich selber, ist nicht so sehr an einer Form interessiert, sondern an Masse und Tiefe.

Die Dauer der Zeit liegt ihr offen in ihrer Langsamkeit. Für Gespräche nimmt sie sich Zeit, viel Zeit, die sie auch hat. Sie sitzt dann fast unbeweglich auf einem Sofa, hört mit großen Ohren zu, spricht eine Sprache ohne Hast und Druck, ist bei jedem Wort, bei jedem Gedanken voll dabei, bewegt sich innerlich wie der große Saturn in weiten Kreisen, alles umfassend, alles tragend, alles in eine Breite und eine Tiefe ziehend.

Stille Momente, auch wenn sie länger dauern, sind ihr nicht unangenehm, ganz im Gegenteil: Sie meint, dass es so etwas wie eine sinnlose Leere nicht gibt oder eben überhaupt nicht geben könnte.

Ihr Wohnzimmer ist ein Ort-zum-Sein. Alle Gegenstände stehen an der richtigen Stelle, kommen einander nicht zu nah, stören nicht, sprechen nicht zu laut, sind nicht zum Schweigen verdammt. Für die Blumenvasen (die es immer reichlich gibt), die Kerzenständer, die sanften Kissen und eben die Bücher, die sie gerade liest – sie liest immer etwas, ist immer in ein Thema versunken – findet sie die richtige Stelle, ohne darüber nachdenken zu müssen.

Sie mag Fragen, weil sie Antworten mag. Um die Frage zu stellen, mit der sie gerade lebt, nimmt sie sich viel Zeit. Sie führt aus, bezieht sich auf die Vergangenheit, erwähnt vielleicht relevante Autoren, ohne sie zu zitieren, weil sie immer in umfassenden Zusammenhängen denkt, bewegt sich tastend vorwärts, bis die Frage-als-Frage einwandfrei im Raum erscheint.

Eigentlich stellt sie die Frage nicht, sie kreiert eine stimmige Umgebung, die EINE stimmige Umgebung. Sie nimmt sich die Zeit, um die Frage im Hier und Jetzt entstehen zu lassen. Auch wenn sie dazu Sachen erzählen muss, die schon längst bekannt sind, wiederholt sie in aller Ruhe die Details, als ob sie noch nicht bekannt gewesen wären.

Und wenn die Frage letztendlich erscheint, sieht sie wie ein weißer Schwan aus. (Ist der lange Hals des Schwans nicht reine Frage?) Und interessant: Wenn umgekehrt ihr jemand eine Frage stellt, hält sie inne, schaut auf die Regungen, die spiegelnd in ihrem Innersten erscheinen, wartet und wartet, bestimmt also das Tempo der Zeit, und versucht dann langsam die Frage in ihren Worten zu formulieren.

Sie will eine Meisterin der tragenden Tiefe sein. Nicht, dass sie keine Wut kennt. Ein aufkommender Ärger wird allerdings in ihrer Welt „verbuttert“, sie breitet sich verhalten in der inneren Masse aus, wirkt deswegen immer indirekt und wird gemäßigt aus allen Poren ihrer Seele fast anonym und atmosphärisch ausgeatmet.

Es wäre ein Fehler zu denken, dass dadurch ihr Ärger und ihre Wut weniger massiv wirken würden, ganz im Gegenteil, die mächtige Verhaltenheit erzeugt einen Schatten von einem enormen Kaliber. Selber merkt sie allerdings nicht, dass sie von dieser machtvollen Gestalt begleitet wird, die auf ihre Vertrauten und Kollegen manchmal erschreckend wirkt. Alle wissen: An dieser Stelle muss man bei ihr ein bisschen aufpassen.

22.04.2011

Ostern erleben. Über: Wie das Herz denkt

Solange wir bewusst oder unbewusst das alltägliche Denken als Vorbild für die übersinnliche Art des Erkennens nehmen, bleiben wir – vom Tagesbewusstsein aus gesehen – vor einer Schwelle stehen. Was wir „verstehen“ nennen, heißt für unsere Köpfe etwa: Aus einer Distanz eine Gegebenheit in größere Zusammenhänge einordnen zu können.

Wir meinen zum Beispiel zu verstehen, warum ein Jugendlicher sich so oder so verhält, sagen wir: „aggressiv“, wenn wir mitkriegen, dass seine Eltern sich trennen wollen, seine Klassenkameraden ihn mobben, und dazu noch die Schule kein Verständnis dafür hat, dass er sich im Moment nicht auf Mathematik konzentrieren kann.

Wir holen also in unserem Denken naheliegende Erkenntnisse herbei, die das Verhalten des Jugendlichen „erklären“. Das Ergebnis des Kopfdenkens ist ein Urteil, das in medizinischen und immer mehr auch in (heil)pädagogischen Zusammenhängen „Diagnose“ genannt wird.

Das Denken des Herzens geht ganz anders vor. Weil es mit Gefühlen arbeitet, und Gefühle immer etwas über Beziehungen aussagen, stellt das Herz erst die Frage der Verbindung. Was lebt zwischen mir und dem Jugendlichen? Welche Berührungen und Schnittpunkte sind dort vorhanden, welche Quelle öffnet sich „zwischen uns“?

Das Herz kreiert eben gerade keine Distanz, um zu einem Urteil zu gelangen, sondern kreiert eine Nähe, um die heilsamen Potenziale in der konkret vorhandenen Beziehung zu finden und zu aktivieren. Das Herz versteht sich also nicht als ein Beobachter, sondern als ein Beteiligter. Es spürt die gestaltenden Möglichkeiten in der Beziehung und bringt sich als Mitspieler ein.

Das Herz kennt eigentlich keine menschlichen Verbindungen, die rein funktional zu definieren wären. Das geöffnete Herz nimmt keine Rollen wahr, schaut zunächst nicht auf Beruf, Geschlecht und Herkunft, erlebt hingegen in jedem Menschen ein „Wesen“, das mit heiligen und geheimen und manchmal ungewöhnlichen Vorhaben in der Welt erscheint.

In der Bestrebung, heiligen und geheimen und manchmal ungewöhnlichen Sehnsüchten zu folgen, sind die Herzen miteinander verwandt. Sie brauchen einander, weil sich Sehnsüchte nie isoliert, etwa wie aufzudeckende Schätze, in einer einzelnen Seele befinden. Sie laufen wie Metalladern durch die seelische Landschaft, gehen von meiner Seele in deine Seele über.

Für das geöffnete Herz liegt das Urbild der sozialen Verbindung in der Liebesbeziehung. Es sucht die Fortsetzung meines verborgenen Vorhabens in deinem verborgenen Vorhaben, kennt sich bewusst oder unbewusst in einer Welt aus, in der sich die fließenden Gegebenheiten über einzelne Menschen verteilen. Das Denken des Herzens versteht das Fremde als zu sich gehörig.

Fremd ist nur dasjenige, worauf ich mich noch nicht eingelassen habe. Neu geboren wird man nur im Fremden. Das offene Herz sucht ständig das individuelle Sterben, um sich in anderen Menschen wiederzufinden. Tod und Auferstehung sind in diesem Sinne vor allem als soziale Vorgänge zu verstehen.

15.04.2011

Behinderung als Schicksal (4). Über: einfach herum brüllen

Er setzt sich entschieden neben mir auf. „Sie haben einen guten Vortrag gehalten“, schickt er direkt vorweg. Dann schweigt er. Mir ist klar, dass er keine unnötigen Missverständnisse wecken und mir nicht zu nahe treten will. Von der Seite her schaut er mich verstohlen an. Und ich denke: Er will mir etwas sagen, ist sich allerdings nicht sicher, ob ich bereit oder reif bin, mir seine Sicht auf die Sache anzuhören.

Er ist groß und lang. Auch im Sitzen ragt er weit über mich hinaus. Seine langen Arme liegen auf seinen langen Beinen, die eigentlich nicht fürs Sitzen gemeint sind. Auch wenn er sitzt, scheint er zu stehen und zu gehen, und auch wenn er schweigt, scheint er zu sprechen. Seine Augen schicken einen brennend-fragenden Blick in die Welt. Die von ihm getroffenen und betroffenen Dinge bewegen sich. Er bewegt mich. Und ich denke: „Er verhält sich wie ein Wikinger“.

„Wie heißt du?“, frage ich verunsichert. „Michael“, antwortet er. „Ich heiße Jelle“, sage ich. „Das weiß ich schon“, teilt er mir mit. Ich zünde mir eine Zigarette an und schweige. Dann sagt er stockend: „Das große Problem ist, dass die Menschen einfach herum brüllen. Sie brüllen einfach herum. Und sie verstehen nicht, dass das nicht geht, einfach herum zu brüllen.“ Während seines Sprechens bewegt er seinen Körper kräftig nach vorne und wieder zurück, so, als ob er die Worte mit Kraft aus sich heraus schieben muss.

„Sie brüllen und brüllen und brüllen“, wiederholt er. Seine Worte scheinen mir wie Brocken trockenen Tons auf den Boden zu fallen. Er scheint auf diesen Brocken gehen zu wollen. „Was meinst du“, frage ich, „gibt es bei dir in der Gruppe Leute, die ständig brüllen?“ Er bewegt sich einmal nach vorne, eine Art des bestätigenden Nickens, die ich noch nicht kannte. „Alle Menschen brüllen!“, meint er dann. Mit „alle“ meint er offenbar „alle“, nicht nur ein paar Leute in seiner Gruppe.

„Die Menschen sollen nicht brüllen“, fährt er fort, „sie sollen zuhören, einfach die Klappe halten und zuhören. Anders wird es nichts. Anders kommt nichts Gutes dabei heraus. Herum gehen und brüllen, bringt gar nichts“. Mir scheint es, als ob Michael bald platzen wird, als ob die trockenen Brocken warnende Vorboten einer Explosion sind. Dann hebt er auf einmal seinen Kopf, steht energisch auf und verschwindet, ohne sich zu verabschieden. Aus irgendeinem Grund scheint er sein Vorhaben, keine Missverständnisse wecken zu wollen, nicht handhaben zu können.

Erst Stunden später, auf dem Bahnsteig in Fulda, während des Wartens auf den Zug nach Frankfurt, gelingt es mir, die Begegnung mit Michael zumindest halbwegs einzuordnen. Die Veranstaltung der letzten zwei Tage in der Gemeinschaft Altenschlirf liegt hinter mir; ich sehe die etwa vierhundert Leute noch vor mir: Menschen „mit Hilfebedarf“, ihre Eltern und Angehörigen, die Betreuer und Mitarbeiter der Einrichtung. Meine Aufgabe in Altenschlirf war es, die Beteiligten miteinander ins Gespräch zu bringen.

Deutlich wurde, dass das soziale Dreieck zwischen Behinderten, Eltern und (professionellen) Betreuern unter Spannung steht. Ganz große Fragen standen dabei im Raum. Die Eltern rangen mit ihren Gefühlen, die manchmal von Schuld und Sorge geprägt sind. Und auch wenn ihre behinderten Kinder schon längst erwachsen sind, können die Eltern sich verständlicherweise von der Sorge nicht immer frei machen. Wie eine Mutter mir in der Pause sagte: „Mich bedrängt, dass die Betreuer mir öfters sagen, dass meine Beziehung zu meinem Sohn symbiotisch sei. Ich fühle mich als Mutter manchmal nicht ernst genommen“.

Auch die Betreuer fühlen sich bedrängt. „Wir leben tagtäglich mit den Menschen mit Hilfebedarf“, sagte einer, „wir haben allerdings immer wieder das Empfinden, dass die Schatten der Eltern ständig präsent sind“. Zwischen Eltern und Betreuern ragt also ein Fragezeichen, das sich auf ein gegenseitiges Vertrauen bezieht. Die Tatsache der „Behinderung“ führt offenbar zu schmerzvollen Erfahrungen, die im sozialen Miteinander nicht so einfach anzusprechen sind. Und gegenseitige Verletzungen liegen ständig auf der Lauer.

Und die sogenannten „Behinderten“? Sie sind manchmal sprachlos. Sie schweigen einfach, oder reden stockend vor sich hin, wie der Wikinger Michael. Er hat es mir allerdings klipp und klar gesagt: „Das große Problem ist, dass die Menschen einfach herum brüllen“. In gewissem Sinne hat er natürlich nicht Recht, denn keiner der vierhundert Menschen im Saal hat wirklich gebrüllt. Ein Brüllen war einfach nicht dabei.

Auf einer anderen Ebene stimmt es allerdings vielleicht doch, was er sagte. Innerlich haben wir alle ein bisschen gebrüllt, oder vielleicht nicht nur ein bisschen... Wir alle haben eine Not gespürt, die uns Schmerzen bereitet, und die uns wie verwundete Löwen innerlich brüllen lässt. In der Stille gab es vielleicht hier und da doch ein Brüllen – und was, wenn Michael gerade dort zu Hause ist: in der Stille unseres Brüllens?

08.04.2011

Bernard Lievegoed College. Über soziale Trampolins und mutige Sprünge

Letzte Woche hatte ich in Driebergen in den Niederlanden ein Gespräch mit Mitarbeitern des Bernard Lievegoed College for liberal Arts. Die Unterhaltung fiel mit der Tatsache zusammen, dass, wie Clarine van Lookeren Campagne es ausdrückte, der Todestag Lievegoeds (12. Dezember 1992) im Laufe des Jahres 2011, „seinen ersten Mondknoten erreichen wird“. Und weil Mondknoten immer Umschlags- und Wendepunkte sind, bewegte uns die Frage: Wie steht es heute mit den Impulsen Lievegoeds?

Nun kann man sich auf zwei Arten und Weisen mit dieser Frage beschäftigen. Erstens kann man auf die vielen Initiativen schauen, die Bernard Lievegoed ergriffen und initiiert hat. Wo stehen im Moment die Lievegoed'schen Institute, wie Zonnehuizen (eine heilpädagogische Einrichtung), das NPI (ein Büro für Organisationsentwicklung) und die Vrije Hogeschool (heute Bernard Lievegoed College for liberal Arts)?

Und zweitens kann man auf die innere Dynamik oder die „immanente“ Entfaltung seines Impulses blicken. Dabei geht es eher um Fragen, die weit über die genannten Institute hinaus gehen und generell die Lage unserer Zeit betreffen. In meiner Zusammenfassung des Gespräches von letzter Woche werde ich diesen zweiten Weg gehen. Es wird sich dann zeigen, dass die Willensrichtung von Bernard Lievegoed erstaunlich aktuell ist.

Lievegoed war ein Mensch, der aus kräftigen Intuitionen heraus arbeitete. Manchmal hatte er Mühe damit, seine Intuitionen rückwirkend über die Inspiration, die Imagination und die (wissenschaftlichen) Begrifflichkeiten so zu benennen, dass sie für das heutige Denken zugänglich und verständlich wurden. Aus diesem Grund war und ist seine Arbeit verletzbar. Manchmal muss man (zum Beispiel in seinen Büchern) durch eine Menge Unterholz kriechen, um die Lichtung im Wald zu entdecken.

Allerdings führt dieser Umstand dazu, dass man gezwungen wird, die eigenen Kräfte zur Aufnahme der Intuitionen zu stärken. Die Hindernisse in den Lievegoed'schen Darstellungen, vorausgesetzt, dass man ihnen souverän entgegen tritt, sind eine Hilfe, die Sphäre der lichtenden Intuitionen zu erreichen. Anders gesagt: Lievegoeds Stärke lag nicht darin, bestimmte Inhalte sprachlich unmittelbar zu vermitteln, sondern darin, auf einen Weg hinzuweisen – er sprach diesbezüglich vom „Saturnweg“ – den jeder Mensch eigenständig gehen kann.

Ich würde sagen, dass seine Impulse von drei großen Intuitionen geprägt worden sind. Die erste ist, dass es in der heutigen Zeit vor allem darum geht, die schlummernden „Missionen“ in den Biographien der Einzelnen frei zu setzen. Ausbildung, Fortbildung, Schulung, ja überhaupt das Leben als solches, müsste darauf gerichtet sein, die Menschen als freie Initiatoren zu erwecken.

Die zweite Intuition bezieht sich auf das soziale Leben. Nur im offenen und wohlwollenden Zusammenleben und Zusammenarbeiten der Menschen werden die geistigen Quellen des Einzelnen gefunden und geöffnet. „Statt die anderen klein zu machen, können wir lernen, einander größer zu sehen“, meinte Lievegoed in seinem Buch „Über die Rettung der Seele“. An dieser Stelle ist auch eine Notiz von Rudolf Steiner sehr hilfreich: „[...] auch die Furcht darf davon nicht abhalten, dass man in den Abgrund des Individuellen fällt, denn man steigt aus diesem Abgrund im Verein mit vielen Geistern auf und erlebt sich mit ihnen in Verwandtschaft; dadurch wird man aus der geistigen Welt geboren [...]“.

Die dritte Intuition hängt damit zusammen, dass – ich sage es in meinen Worten – das heutige Bestreben soziale Netze zu bilden, erweitert werden könnte durch die Einsicht, dass die Netze sich in Trampolins verwandeln können. Der Sturz in der individuellen Abgrund macht eine Kraft frei, die im Grunde genommen den befreienden Sprung nach oben ermöglicht. Diese Erkenntnis, so meine Lievegoed, müsste allen therapeutischen, pädagogischen, sozialen und sonstigen Bestrebungen eine neue Richtung geben.

Entscheidend ist, wie die „Institutionen“ sich auf diese Bewegung-der-Initiation einstellen. Mir scheint es so zu sein, dass gerade diese Frage im Moment am meisten brennt und lodert. Wie kann sich zum Beispiel ein Kindergarten oder eine Schule diesbezüglich „fähig“ machen? Welche Formen oder „Rituale“ werden gebraucht, um gemeinsam ein soziales Trampolin zu bilden?

Der erste Mondknoten (18 Jahre, 7 Monate und knapp 10 Tage nach der Geburt) hat einen stürmischen Charakter. Er ist geprägt von dem adoleszenten Verlangen, so richtig vorwärts zu gehen und zuzugreifen, auch wenn die nötigen Erkenntnisse noch fehlen. Am Ende des Gespräches in Driebergen wurde deutlich, dass alle einzelnen Mitarbeiter des College, aber auch das Team als Ganzes, diesbezüglich vor einer Schwelle stehen, die nur mit Mut überschritten werden kann.

Das theoretische Wissen, dass am Abgrund die Masken fallen und die Selbstverständlichkeiten nicht mehr tragen, fragt um praktische Sprünge nach oben. Es war berührend zu bemerken, dass die Bereitschaft sich in unsichere Bereiche zu begeben, dorthin wo alles schwebt, stark vorhanden ist. Das Bernard Lievegoed College wird unter der Leitung von Jeroen Lutters seinen Weg finden

03.04.2011

Mein Laptop wurde gestohlen

Da mein Laptop gestohlen wurde, werde ich erst in den nächsten Tagen einen neuen Blogtext veröffentlichen.

Jelle van der Meulen

27.03.2011

Kaufgeld ist langweilig, Schenkgeld ist recht brisant

Wie kommt man ins Kommen? Man öffnet und bewegt sich, lässt sich von Ideen begeistern, von Vorsätzen und Entscheidungen tragen, und vor allem von Begegnungen entzünden. Man kommt ins Kommen wenn man initiiert, stiftet, sich als Subjekt einer Initiation versteht. Ins Kommen kommen bedeutet: Initiation als Zivilisationsprinzip verstehen und handhaben.

Es gibt ein paar Bereiche im Leben, wo es manchen Menschen besonders schwer fällt, ins Kommen zu geraten. Sie denken, dass sie an diesen Stellen von Umständen umschlungen sind, verknotet und gefangen gehalten werden... Sie haben das Gefühl, wie ein Fisch an einem Haken zu hängen, merken allerdings nicht, dass der peinliche Stich ins Fleisch nicht eine äußerliche Gegebenheit, sondern reine Vorstellung ist.

Ein Bereich, in dem Menschen manchmal Schwierigkeiten haben, sich in ein Fließen zu begeben, betrifft das Geld. Gerade in Deutschland sparen die Menschen gerne. Vor ein paar Jahren noch wies der Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt darauf hin, dass alle große Aufgaben in Deutschland (zum Beispiel die Bildung betreffend) sofort zu erledigen wären, wenn die Bürger sich aufraffen würden, einen Teil ihrer Ersparnisse aktiv einzusetzen.

Aus Sicht der Zukunft sind Ersparnisse wie kleine oder große gefrorene Seen, die nicht zu bewegen sind. Egal wie fröhlich oder ernsthaft oder begeisternd oder wild der Wind der Zukunft auf uns zu kommt, die gefrorenen Wassermassen bleiben unberührt das, was sie sind: verhärtete und statische Potenzen. Gefrorenes Geld bewegt sich nicht.

Der Grund der Kälte liegt in einer Angst vor dem eigenen Schicksal. Ein guter Freund von mir, ein Steuerberater aus der fröhlichen Pfalz, sagte es einmal so: „Je stärker die Neigung, sein Vermögen fest zu halten, je größer die Angst vor dem Leben“. (Auf ganz Deutschland übertragen, stellt sich die Frage, wovor haben die Bürger eigentlich Angst?)

Und Bernard Lievegoed sagte einmal mit einem ironischen Unterton zu mir: „Wenn du arm bist, trotzdem aber etwas initiieren möchtest, solltest du damit anfangen, die Leute von ihren Ängsten und somit von ihrem Vermögen zu befreien. Ein doppelter Gewinn: die Leute werden frei und du hast das Geld, das du dringend brauchst!“ (Lievegoed war einer der tollsten realistischen Idealisten, denen ich in meinem Leben begegnet bin.)

Ein bisschen sparen ist natürlich immer okay. Und jeder darf selbstverständlich souverän für sich selber ausmachen, wie viel Geld er oder sie auf einem Sparkonto haben möchte. (Die Menschen, die nicht zum Sparen im Stande sind, einfach weil sie monatlich nichts übrig haben, sind die Glückspilze, die von dieser Frage befreit sind.) So bald aber das Sparen über konkrete Ziele hinaus geht und eine Gewohnheit oder eben eine Pflicht geworden ist, stimmt etwas nicht.

In einer Kultur des Herzens ist Geld eine warme Angelegenheit. Erstens gilt dort die Erkenntnis, dass es so etwas wie „mein Geld“ gar nicht gibt. Den hartnäckigen Gedanken, dass man Geld besitzen kann, tut richtig weh, wie der oben genannte Angelhaken. Die Lage ist eher so: für „mein“ Geld habe ich eine Verantwortung, der ich allerdings dadurch aus dem Wege gehe, indem ich sage: das Geld gehört mir, ich muss mich deswegen vor niemandem verantworten. So bald ich das Geld jedoch als ein soziales und darüber hinaus abenteuerliches (Abenteuer – Adventura – das was auf mich zukommt!) Phänomen verstehe, wird es warm.

Zweitens gilt die Tatsache, die Pietro Archiati so schön und einleuchtend in seinem Buch „Geld ist gut, vertrauen ist besser“ vermittelt, nämlich, dass Menschen und ihre Fähigkeiten mehr gelten als Geld. Ohne menschliche Fähigkeiten und Potenzen gibt es gar kein Geld. Angehäuftes Geld freizumachen bedeutet also: Fähigkeiten und Potenzen frei zu setzen. Und darin liegt gerade das Herz einer Kultur des Herzens: den Menschen in ihrer Biographie das Blühen zu ermöglichen.

In der berühmten Dreiheit von Kaufgeld, Leihgeld und Schenkgeld scheint das Schenkgeld eine Art softe Zugabe zu sein, eine schöne und „karitative“ Erscheinung, ein verletzbares und nicht ernst zu nehmendes Kind, das noch nicht auf eigenen Beinen stehen kann. Wenn das Schenken von Geld jedoch eine richtig persönliche Angelegenheit wird, die nicht auf Sicherheit, sondern auf ein konkret-gelebtes-Vertrauen-zwischen-uns setzt, wird es zu einer gestaltenden Macht in der Gesellschaft.

Kaufgeld ist eigentlich langweilig, Leihgeld schon ein bisschen abenteuerlicher, Schenkgeld von Person zu Person erst recht brisant. Es initiiert freie Beziehungen zwischen Menschen, die souverän tun, was sie wirklich wollen. Oder wie der Experte in herzlichen Angelegenheiten, Lothar Keye, es mir gelegentlich sagte: „Schenken und beschenkt werden bedeutet: unterwegs sein zu sich selbst und zu einer neuen Gesellschaft“. An dieser Stelle brauchen wir allerdings eine Art „Wissenschaft“, die als eine Initiationswissenschaft zu bezeichnen wäre.

20.03.2011

Je stond op...

Je stond op
in het donker,
nat en koud.
Je was stil.
Ik zag je wel,
herkende je niet.
Je bent een bloem
uit de nacht.
Ik heb je lief.

11.03.2011

Fragmentarisches zu einer Kultur des Herzens. Über Gefühle

In einer Kultur des Herzens wird der Ausgangspunkt des Handelns in den Lebensfragen des Einzelnen gesucht. Und wie es so mit unserem Herzen ist: es ist auch das Organ der Sehnsüchte, will deswegen nie alleine sein, das heißt: es will berührt werden. Eine Berührung ist immer eine Berührung zwischen mir und „etwas“, sei es zwischen mir und einer Landschaft, einem Ort, einer Idee, einem Lebewesen, einem Kollegen, einem Freund.

Begegnungen und Beziehungen werden in einer Kultur des Herzens als Quellen, Bausteine und Werkstätten verstanden. Was zwischen Menschen lebt und webt ist nicht einem abstrakten Ziel untergeordnet, einem bereits formulierten Missions-Statement oder einer vernünftigen Strategie, sondern gilt als Ansatz zu einem Vorsatz. Im immer wieder aufs Neue verwirrenden Gewebe der Gegebenheiten des Lebens wird vor allem nach dem Punkt der inneren Berührung gesucht: was spricht das Herz?

Weltanschauungen, Ideologien und Religionen werden in einer Kultur des Herzens mit Vorsicht genossen. Die Frage, ob jemand sich für einen Christen, einen Marxisten, einen Konstruktivisten, eine Feministin, einen Anthroposophen oder einen Muslim hält, ist zweitrangig. Nicht was man meint, was eine Lehre beinhaltet, ist Ausgangspunkt des Handelns: Wahrheiten sind zum Navigieren da, um Bestimmungen zu erkennen und ins Auge zu fassen, nicht um sie festzulegen.

Die Beschäftigung mit der Wahrheit ist in einer Kultur des Herzens eine sensible Angelegenheit, die nicht vorschreibt, was man in seinem Herzen spüren soll, sondern umgekehrt gerade dabei hilft, delikate Gefühle zu verstehen. Wahrheiten „repräsentieren“ etwas, das heißt: sie stellen vor, reflektieren, spiegeln; sie kreieren eine heilsame Distanz zu Gefühlen und ermöglichen deswegen etwas Doppeltes:

Sie befreien bestimmte Gefühle vom Ozean der Emotionen, erkennen sie an und verleihen ihnen das Recht auf Existenz, bekräftigen also, was vorher noch vage und unbestimmt war; und sie garantieren die Freiheit der Wahl, gerade weil sie die Gefühle halbwegs zu einem Gegenüber machen. Mit Hilfe der Wahrheit macht man sich von seinen Gefühlen frei, um sich ihnen dann souverän zu widmen – oder sich von ihnen abzuwenden.

Auch wenn Gefühle in einer Kultur des Herzens die eigentlichen Phänomene der Aufmerksamkeit ausmachen, ist sie nicht romantisch im üblichen Sinne; in einer Kultur des Herzens wird Romantik „erwachsen“, wie es der englische Anthroposoph Owen Barfield in seinem Romanticism comes of age formulierte.

Die Schattenseite der Romantik – schwelgen in subjektiven Empfindungen – wird gerade in einer Kultur des Herzens erfolgreich überwunden, und zwar dadurch, dass Gefühle im Umgang von mir zu mir und in der Begegnung von mir zu Dir nicht nur geprüft, sondern auch „gereinigt“, oder vielleicht besser gesagt: als sauberes Gefühl befreit werden.

Die Nähe von mir zu mir und von mir zu Dir ist die innere Werkstatt einer Kultur des Herzens, dort können sich unsere Emotionen und Gefühle verwandeln. Das Lauschen auf delikate Regungen in unseren Herzen, auf die oft verborgenen Sehnsüchte und Ahnungen, die spontanen Berührungen, die sanft-süß-bitteren Stimmungen, die uns jeden Tag wieder erwischen – all das konstituiert und bestätigt eine Kultur des Herzens. Die inneren Regungen machen immer eine Aussage über meine Beziehung zur Welt, zu den Menschen, zu den Sachen, die zu mir gehören. Im Gefühl und nur im Gefühl wird die Welt zum Ereignis.

06.03.2011

150 Jahre Rudolf Steiner. Was ich ihm verdanke

Als ich die Beiträge in den deutschen Zeitungen über Rudolf Steiner las, stellte ich mir die Frage: Was habe ich dem „großen Geistesforscher“ eigentlich zu verdanken? Und: Wie würde ich meine Beziehung zu ihm beschreiben? Ich werde versuchen, beide Fragen zu beantworten.

Ich habe Rudolf Steiners Arbeit über die Drogen kennen gelernt. Ich war damals zwanzig Jahre alt, rauchte gerne Haschisch und Marihuana, experimentierte bescheiden mit LSD und anderen Halluzinogenen, und war generell an „außerordentlichen“ Erfahrungen interessiert. Mit meiner halluzinogenen Neugier ging eine Liebe vor allem für die englischen romantischen Dichter einher: Blake, Wordsworth, Coleridge, Shelley, Keats... Brennend interessierte mich die Biographie von Samuel Taylor Coleridge, der von Laudanum abhängig geworden war.

Einer meiner damaligen Lehrer sorgte sich um mich und schenkte mir ein Buch von Rudolf Steiner: „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten“. Die Inhalte des Buches trafen mich tief. Der Autor sprach von geistigen Welten und dementsprechenden Erfahrungen, die ich sofort wiedererkannte. Steiner weckte in mir eine Frage und einen neuen Blickwinkel auf die Welt, die meinen weiteren Lebensweg entscheidend geprägt haben.

Die Frage lautete: Sind die „außerordentlichen“ Erfahrungen, die mich so stark beschäftigten, einfach als ‘durch „komische“ Substanzen hervor gezauberte Illusionen‘ zu betrachten, oder beziehen sie sich auf reale „geistige“ Vorgänge, auch wenn sie diese Vorgänge vielleicht verstellt darstellen? Die Frage ist eine SEHR große Frage, vor allem, wenn man sie von Drogen loslöst. Sie betrifft im Grunde genommen den Status unserer Vorstellungen, Phantasien und Imaginationen. Ich fand in Steiner einen Verwandten von Coleridge, der meinte, dass unsere imaginativen Kräfte eine Fortsetzung der göttlichen Schöpferkräfte auf Erden sind.

In seinem Buch macht Rudolf Steiner deutlich, dass in jedem Menschen die Fähigkeiten schlummern, sich souverän – also ohne Hilfe von außen, zum Beispiel ohne Drogen – in die geistige Welt hinein zu begeben. Diese Behauptung von Steiner hat mir damals die Kraft gegeben, mich von den Halluzinogenen zu verabschieden. Weil meine diesbezüglichen Sehnsüchte damals richtig groß waren, scheint es mir im Nachhinein nicht übertrieben zu sagen: Ich verdanke Rudolf Steiner mein Leben.

Und ich verdanke ihm einen Diskurs, der mich von damals an bis zum heutigen Tag, beschäftigt. Wenn ich auf die Vorstellung verzichte, dass die Bilder, die immer wieder in mir auftauchen, lauter Illusionen sind, stellt sich die Frage: Wie sieht das Leben aus, wenn ich diese Vorstellungen ernst nehme? Man könnte es auch anders sagen: Was bedeutet es eigentlich, Träume und Imaginationen ernst zu nehmen?

Nach vierzig Jahren kann ich sagen: Rudolf Steiner hatte recht, als er schrieb, dass die von ihm genannte „geistige“ Welt, auf einer Art „Ordnung“ beruht – mir fällt im Moment kein besseres Wort ein – die man allmählich kennen lernen kann. Die Ordnung ist so überzeugend, dass der Gedanke, dass sie nur auf Illusionen beruhen könne, seine Kraft verliert. Es ist, als ob man in einem Regenwald umher geht, und immer wieder die gleichen Bäume, Pflanzen, Tiere und Insekten sieht, und dann zu hören bekommt: Der Regenwald existiert gar nicht!

Man kann den Regenwald allerdings nur dann wirklich kennen lernen, wenn man sich in ihn hinein begibt. Die „Systematik“ überzeugt nur, wenn sie zur Erfahrung wird. Ich betrachte dieses „immer wieder suchen“, dieses „immer wieder einen Zugang finden“, dieses „mich immer wieder in der Sprachlosigkeit-des-Geistigen neu zu finden“, als eine entscheidende Bereicherung meines Lebens.

Rudolf Steiner hat auch vieles gesagt und getan, was ich nicht verstehe, manchmal auch nicht nachvollziehen kann. Ich behaupte allerdings, nicht im Stande zu sein, seine Person und seine Arbeit in der Tiefe beurteilen zu können, nehme mir allerdings die Freiheit, mich von ein paar Dingen zu distanzieren. Seine Aussagen über die „gelben“, „roten“ und „schwarzen“ Rassen zum Beispiel, finde ich peinlich daneben. Und ja, auch finde ich, dass diese Äußerungen nicht als nebensächlich abzutun sind.

Rudolf Steiner hat sich mit vollem Verstand und leidenschaftlich als Künstler-Forscher in die Welt des Unsagbaren gewagt, und er hat versucht, Worte für Sachen und Vorgänge zu finden, die sehr viele Menschen spüren, ohne sie greifen zu können. Die Art und Weise, wie er sich dieser Aufgabe gewidmet hat, ist mir ein großartiges Vorbild. Und die Art und Weise, wie er manchmal tragisch missverstanden worden ist, ist mir ein Schmerz, der mich freundschaftlich mit ihm verbindet.

25.02.2011

Umbruch in Arabien. Die Bedeutung einer tiefen Verwandtschaft

Die arabische Welt bewegt sich, und stellt in ihrer Bewegung, in ihrem Vorsatz, sich auf Kommendes zu orientieren, die europäischen Länder vor eine Probe. Was in Europa seit langem stillschweigend als Widerspruch akzeptiert wurde, als Lüge wenn man will, wird durch den Aufbruch auf einmal deutlich ins Licht gehoben, und aus diesem Grund ist die Ratlosigkeit in Europa groß.

Der Widerspruch beherrscht das europäische Handeln in der Welt bereits seit dem sechzehnten Jahrhundert. Einerseits meinen die „erleuchteten“ Länder etwas in die Welt bringen zu müssen: die humanistisch-christliche Moral, die Freiheit, die Demokratie, die Trennung von Staat und Religion, die Würde des Menschen... Europa hatte und hat diesbezüglich ein eindeutiges Selbstverständnis: es ist weltweit zuständig für alles was „Aufklärung“ heißt.

Andererseits hat Europa sich unverschämt aus der Welt geholt, was es braucht: Sklaven, Gold, Silber, Diamanten, Kaffee, Tee, Pfeffer und zuletzt auch billige Arbeitskräfte und Unmengen an Öl. Nur wenige Europäer wissen zum Beispiel, dass die Industrialisierung in ihren Ländern damals mit dem Gold und dem Silber aus Peru, Kolumbien und Bolivien finanziert worden ist. Und heute ist Europa absolut abhängig von den Öl-Lieferungen aus den arabischen Ländern. (Ein Drittel des Öls, das in Deutschland täglich verbraucht wird, kommt aus Libyen.)

Die Lieferung der Güter wurde und wird durch politische, diplomatische und militärische „Maßnahmen“ abgesichert, die nicht mit den aufgeklärten moralischen Botschaften zu vereinbaren sind. Mit der Botschaft der Freiheit kam gleichzeitig die Realität der Unterdrückung. Bereits 1860 veröffentlichte der Holländer Multatuli sein Buch „Max Havelaar“, in dem er an Hand der damaligen Situation in Indonesien den Widerspruch kristallklar aufdeckte. Und seitdem wissen die Europäer eigentlich auch, dass sie in einer Lüge leben, auch wenn sie dies meistens nicht zugeben.

Die arabisch diktatorischen Herrscher haben den europäischen Belangen bis zum gestrigen oder eben heutigen Tag gedient, und zwar in doppelter Hinsicht. Erstens haben sie die Lieferungen von Öl und anderen Produkten an Europa sicher gestellt, wofür sie (nicht die Völker) reichlich belohnt wurden. Das Geld, das die diktatorischen Clans auf diese Art und Weise gesammelt haben, wird auf Konten von europäischen Banken, vor allem in der Schweiz, aufbewahrt.

Zweitens haben die arabischen Herrscher die Angst der Europäer vor „muslimischem Fundamentalismus“ nicht nur übernommen, sondern in der eigenen Bevölkerung systematisch angestachelt. Eine negative Darstellung des Islams wurde kreiert und immer wieder neu belebt. Vor kurz noch meinte Libyens Machthaber Muammar al-Gaddafi, dass er dafür gesorgt hätte, dass Typen wie Osama bin Laden in ihre Schranken verwiesen wurden. Die tragische Verschränkung der europäischen Ängste mit den Interessen der arabischen Alleinherrscher hat zur Geburt eines Islam- Doppelgängers geführt.

Und nun sind es die arabischen Schwestern und Brüder, die Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit verlangen. Sie erinnern die Europäer nicht nur daran, dass sie ihre Nachbarn sind, sondern auch daran, dass sie eine gemeinsame Geschichte haben, die uralt ist. Die Zeugnisse dieser Geschichte sind zum Beispiel in den Büchern der drei Religionen – Judentum, Christentum und Islam – zu finden, vor allem allerdings auch in den politischen, kulturellen und sozialen Idealen, die sich auf die Frage der Gemeinschaft beziehen. Was ist Gemeinschaft? Gerade in dieser Frage begegnen sich die Nachbarn.

Die arabischen Schwestern und Brüder stellen die europäischen Nachbarn auf eine Probe. Rein intellektuell, so könnte man sagen, geht es dabei um eine alte „philosophische“ Frage: Wie sind Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ZUSAMMEN zu denken? Oder anders gesagt: Wie kann der Widerspruch zwischen christlich-humanistischer Moral einerseits und wirtschaftlichem Handeln (in der Gestalt des Kapitalismus) überwunden werden? Die Frage ist allerdings nicht als eine rein intellektuelle Sache zu verstehen, sie ist eine soziale Angelegenheit geworden. Aus europäischer Sicht stellt sich die Frage so: Was ist Europa ohne Arabien? Die Antwort ist schlicht und einfach: nichts.

Arabien ist im Kommen. Es ist ein Missverständnis zu meinen, dass alles, was im Kommen ist, auch unbedingt angenehm ist. Wenn Tunesien, Ägypten, Libyen, Jemen, Bahrein, Jordanien, Palästina und all die anderen arabischen Staaten sich in Richtung Demokratie bewegen, ändern sich die existentiellen Voraussetzungen, nicht nur für Israel im Besonderen, sondern auch für Europa und die USA insgesamt. Die arabischen Völker werden den Schatten der Vergangenheit – sie beruhen auf einem Denken, das aktuell noch immer in Europa herrscht - ohne Ängste thematisieren. Auch das ist nämlich Freiheit: Handeln ohne Angst.

Um Europa zu erhalten, das heißt, um den großen Ideen treu zu bleiben, die den europäischen Diskurs ausmachen, auch wenn sie angeblich paradox sind, ist es notwendig, dass Europa sich an dem arabischen Diskurs, der im Grunde genommen auf den gleichen Idealen beruht, allerdings einen anderen Weg gegangen ist, beteiligt. Was sagt uns dieser andere Weg über die Ideen und Ideale, die beides sind: Ein Startpunkt aus der Vergangenheit und eine Bestimmung für die Zukunft?

Als der große Europäer Friedrich Schiller so locker und selbstverständlich schrieb: „Alle Menschen werden Brüder!“, was schwebte ihm dabei vor Augen? Eine sichere Bestimmung? Oder war er einfach naiv idealistisch? Die Antwort auf diese Frage hängt davon ab, inwieweit Europa seine Brüder als Brüder und seine Schwestern als Schwestern annimmt. Ein wunderbarer Aspekt der Umbrüche in den arabischen Ländern liegt darin, dass diesbezüglich ein Angebot gemacht wird. Manche Araber hassen die Europäer und suchen trotzdem Anerkennung auf Grund der tiefen Verwandtschaft.

19.02.2011

Meine Freunde, die Ägypter und ich. Alte Fragen in neuen Kleidern

Immer wieder weisen die wunderbaren Fäden des Lebens auf Zusammenhänge hin, die sich schwer erklären und „denken“ lassen. Ich bin manchmal in Bezug auf die fein-feurig-farbigen Flechtwerke zwischen Menschen sprachlos, staune über diese fast leichtsinnig hin und her springenden Funken, die gemeinsamen musikalisch klingenden Lebensmotive und vor allem auch über die so genannten „Aufgaben“, die erst in Begegnungen eine Gestalt bekommen.

Das Leben fügt sich, öffnet Türen, stellt Weichen. Im Moment befinde ich mich in einem gesteigerten Zustand der Sprachlosigkeit. Ich wäre nicht einmal halbwegs im Stande in einem Text zu beschreiben, wie die Schicksalsverbindungen, die Berührungen und Verkettungen, die Referenzen und Analogien sich gerade in den letzten Monaten in meinem Leben zeigen. Das Leben scheint mir im Moment ein Buch zu sein, dessen tausend Seiten sich gleichzeitig im Jetzt lesen lassen. Und ja, die Botschaften sind schwindelerregend.

Alte und fast vergessene – müsste ich sagen: abgehakte? – Verbindungen zu Menschen und Gruppen von Menschen werden auf einmal höchst aktuell. Sie drängen sich nicht auf, sondern erscheinen zögernd-schüchtern in meinem Blickfeld, stellen behutsame Fragen, knüpfen an Vergangenes an, orientieren sich allerdings auf Zukünftiges. Mir scheint es so zu sein, dass die alten und bekannten Themen neue Kleider gefunden haben und sich wieder auf den Boulevard St. Michel wagen.

Und ich brauche sie nur zu begrüßen, was ich allerdings nicht MUSS. Ich kann es auch lassen und mich abwenden, was im Grunde genommen bedeutet: in meiner Stube (Rainer Maria Rilke: „drin du alles weißt“) bleiben. In dieser Stube, die ich erst in den letzten zehn Jahren gebaut und eingerichtet habe, bin ich sehr gerne, weil es dort eine Ruhe zum Reflektieren und die Nähe zur Poesie gibt. In dieser Stube bin ich so richtig bei mir.

Es sind nicht nur alte Freunde, die sich melden, auch neue klopfen an die Tür meiner Stube, sagen etwa: „Hallo, ist jemand da? Habe gehört, dass hier jemand lebt...“ – und ich öffne dann die Tür und staune: Vor mir steht ein Mensch, den ich nicht kenne, dessen Blick mir aber sehr bekannt vorkommt, als ob er vertrauten Sternenstaub zu mir schickt. Nein, ich lasse die Menschen nicht in meine Stube hinein, setze mich aber mit ihnen auf eine Bank in meinem Garten und schaue auf die Schneeglöckchen, die gerade schüchtern anfangen zu blühen.

Und ich höre zu. Und rede. Und merke, dass offenbar etwas ganz Bestimmtes ansteht. Die Freunde scheinen sich im Moment eine bestimmte Frage zu stellen. Und diese Frage ist genau die Frage, die ich in den letzten zehn Jahren in meiner Stube versucht habe zu begreifen. Ich weiß leider nicht, wie diese Frage fest umrissen zu beschreiben wäre.

Sie scheint, wie die tausend Seiten des Lebensbuches, tausend Gesichter zu haben. Ich kann nur versuchen, die Frage annähernd zu beschreiben, in der Hoffnung, dass die Leser mich korrigieren, meine Worte ergänzen, neue Ebenen der Fragestellung erörtern, dringend nachfragen, Fragezeichen in Ausrufezeichen verwandeln... (Sprachlich übrigens eine interessante Angelegenheit: Diese Frage scheint nur als Performance in Erscheinung treten zu wollen.)

Die Frage hat mit Beziehung zu tun, und mit organischem und elegantem Umbruch. Sie scheint irgendwie ein Licht auf konkrete Schicksalsbezüge werfen zu wollen, etwa auf die Möglichkeit FLIESSEND miteinander in ein Kommen zu geraten, ohne großartige Entscheidungen treffen zu müssen, Vereine zu gründen, Kongresse zu organisieren, Fonds einzurichten... Die Frage hat die Aura von Merkur: Sie kommt und geht, glänzt und rollt wie Quecksilber (klingt also wie die Stimme von Silvio Rodríguez: „En busca de un sueño“), ist immer nur als Tropfen da und rutscht weg, wenn das Gleichgewicht fehlt.

Die Frage versucht die Vorhaben und Aufgaben und Ziele (und was es sonst noch so gibt) gleichzeitig nach unten und nach oben zu verschieben, in gewissem Sinne zu spalten. Nach unten geht es dabei um die Frage: Was macht unsere Beziehung aus, was kann sie tragen, was kann sie bewirken, welche Weichen können wir auf die Basis unserer Verbindung stellen? What difference can we make, just the two or three or four of us?

Und nach oben: Wie geraten wir in die Leichtigkeit des Fließens? Vielleicht ist diese Frage verkehrt formuliert, und sie müsste lauten: Wie kommen wir von der Schwere weg, von jeglichem „koordinieren“ und „planen“ und „umsetzen“ und „durchsetzen“ wollen, von „Projekten“ und „Konzepten“, von gewichtigen „Sitzungen“ und „Vereinbarungen“. Ich meine, gerade an dieser Stelle haben die Tunesier und die Ägypter uns in den letzten Wochen etwas gezeigt. Der Umbruch in diesen Ländern war (bis jetzt) gerade das: organisch und elegant, und Gott-sei-dank unaufhaltsam, genau wie Merkur auch.

12.02.2011

Praktiken einer Kultur des Herzens (3). Florian Lück erzählt

Florian Lück beantwortet gerne meine Fragen, die ich allerdings in diesem Text weglasse. Der Leser braucht meine Fragen nicht, um zu verstehen, was Florian zu sagen hat. Also spricht Florian, ohne eine Einmischung meinerseits:

„Ganz offensichtlich wohne ich in einem alten Gutshaus, das zu einem großen Teil immer noch eine Baustelle ist. Mit mir wohnen noch zehn andere Menschen mehr oder weniger fest hier und dazu kommen immer wieder Gäste, die kürzer oder länger bleiben. Der Grund für das, was hier passiert, ist die Idee einiger Menschen, einen sozialen Freiraum zu schaffen. Es geht um den Versuch, ein Milieu zu kultivieren, das dem einzelnen Menschen gewidmet ist. ´Schone fremde Freiheit – und zeige deine eigene!` ein Zitat Schillers, das im Weiteren beides als unendlich schwierig beurteilt.“

„Dieses innere Geschehen spielt sich äußerlich auf einem, sich im Wiederaufbau befindlichen historischen Gut ab, in einem kleinen Dorf in Nordvorpommern. Ich selbst befinde mich hier als Hausmeister, Gärtner, Handwerker, als Verwalter, Feuerwehrmann und Gemeindevertreter, als Nachbar und Dorfbewohner, aber auch als Gesprächspartner, als Gegenüber, als Wahrnehmender und Spiegelnder, als Freund oder Gefährte, bald als Vater, aber vor allem als Mensch, als ich selbst. Der eigentliche Bau, die unsichtbare Architektur des Freiraums, setzt voraus, dass ich bei mir bin, dass ich, so gut ich kann, so authentisch und wahrhaftig wie möglich, mich selbst lebe – für andere.“

„So geht es hier zuerst vielmehr darum, sich in Frieden zu lassen, zu üben, sich gegenseitig frei zu lassen; und auf der anderen Seite darum, das eigene Freiheitswesen, den eigenen Impuls zu finden und ihm Ausdruck zu verleihen. Mit dem Freiraum eröffnet sich ein offenes Feld das freilässt, was geschehen soll, was zu geschehen hat, was anstrebenswert wäre. Es geht einerseits um eine Balance zwischen dem Gefühl, ein absolut sinnloses Projekt zu machen, und andererseits der Ahnung, dass heute nichts wichtiger, notwendiger, fruchtbarer, ja schöner für eine zukünftige Gesellschaft ist, als diese Kultursubstanz.“

„Ich stehe meistens so um acht Uhr auf – öfters auch früher, manchmal auch später. So gut wie immer ziehe ich meine Baustellenklamotten an, packe Laptop und Handy, gehe kurz ins Badezimmer und dann in die Küche. Ich mache mir einen Kaffee und gehe auf die Veranda, schaue in den verwilderten Gutspark direkt gegenüber, lasse das Wetter und die ganze Atmosphäre auf mich wirken und horche, was bei mir so los ist – was aus der Nacht oder dem gestrigen Tag noch nachklingt oder was vielleicht vor mir liegt.“

„Ich will, dass das Haus bewohnbarer wird, mehr Gästezimmer entstehen, dass Park und Garten wieder glänzen. An einem normalen Tag – hm, normale Tage gibt es nicht! – findet man mich in entsprechenden Tätigkeiten. Aber genauso arbeite ich, wenn ich zwei Stunden in ein Gespräch vertieft einem anderen Menschen begegne; oder wenn mir eine neue Facette des Freiraums bewusst wird. Eigentlich wache ich gerade erst an meinem Arbeitsplatz auf, an dieser unsichtbaren Baustelle einer menschlichen Gesellschaft.“

„Unser Versuch, einen Freiraum zu kultivieren, erforderte unserer Ansicht nach auch einen freien Arbeitszusammenschluss, und eben keine gemeinsame existentielle Bindung an eine Rechtsform die ein Einkommen verteilt. Die Entscheidung zur Zusammenarbeit sollte nicht aus der Not geboren werden, ein Einkommen zu bekommen. Darüber hinaus begeistert mich die Idee der Trennung von Arbeit und Einkommen im Hinblick auf eine Gesellschaft, in der ich gerne leben würde. In einer solchen richten die Menschen ihre Biografie mehr und mehr danach aus, was sie ihrem eigenen Impuls nach tun wollen und nicht, und nicht danach, wo es Geld zu verdienen gibt.“

„Mir scheint es, dass die in unserer Arbeitswelt durchaus vorhandene Brüderlichkeit im Wirtschaften nicht zum Bewusstsein und zum Erleben kommt, weil das egoistische Motiv Geld-für-sich-selber-verdienen viel zu stark ist. Wie soll ich eine Arbeit lieben, zu der mich die Notwendigkeit eines Einkommens zwingt? Was mich nicht frei lässt, kann ich nicht lieben. Die Arbeit von diesem Bleischleier irgendwie zu erleichtern, scheint mir angemessen, sowohl für den Einzelnen als auch für die Arbeit selbst.“

„Mein Einkommen kommt dadurch zustande, dass verschiedene Menschen mir im Monat einen größeren oder kleineren Betrag auf mein Konto überweisen, so dass ich zurzeit gute 500 Euro habe, mit denen ich einigermaßen auskomme. Unser Freiraum, der sich dazu noch bis heute dagegen wehrt, sich von einer juristischen Person fassen zu lassen, entzieht sich auch einer ´Verkaufbarkeit von Ergebnissen`, zum Beispiel Stiftungen gegenüber, die auch noch das Problem haben, nicht Menschen, sondern gemeinnützige juristische Personen mit Geld fördern zu dürfen oder im höchsten Fall Menschen für bestimmte Ergebnisse honorieren dürfen. Aber wirklich schenken, frei, bedingungslos, mit vollem Risiko, ergebnissoffen? Was soll daran steuerrechtlich gemeinnützig sein?“

04.02.2011

Das offene Feld der Freundschaft. Über Ehrlichkeit und Treue

Ehrlichkeit und Treue gehören zu den Tugenden, die einer freundschaftlichen Beziehung dienlich sind. Sie machen allerdings im Grunde genommen eine Schere aus: Dort wo sie sich kreuzen, tut es manchmal richtig weh. Ehrlichkeit bezieht sich auf Wahrheit, und Wahrheit verstehen wir manchmal als Grundlage unserer Entscheidungen, was „scheiden“ und „trennen“ bedeutet. Mit einem Willen zur Wahrheit, mit Ehrlichkeit also, geht immer eine Gefahr einher: Mein Freund könnte mir etwas enthüllen oder verraten, (oder etwas tun), mit dem ich, warum auch immer, nicht leben könnte oder wollte.

Das Ideal der Treue hingegen, hat mit Wahrheit gerade nichts zu tun; es verspricht eine Verbindung, die darauf beruht, dass Scheidungen und Trennungen gerade nicht anstehen. Die Bedeutung des Wortes Treue geht auf das indo-germanische "deru" zurück, was Eiche bedeutet; Treue heißt also etwa: fest sein wie eine gewichtige Eiche. Vollkommene Treue ist bedingungslos, hat also einen Kern, in dem trennende Überlegungen keine Wirkung oder keinen Einfluss haben. Dort wo Treue herrscht, sind die Verhältnisse gefügt, ist die Welt eindeutig konstituiert, werden unwandelbare und unbezweifelbare Voraussetzungen geschaffen und gehandhabt.

Treue sucht man nicht, man übt sie höchstens aus. Wahrheiten hingegen müssen immer wieder gefunden werden. Wahrheiten nehme ich an, oder lehne ich ab. Die Feststellung, dass etwas „unwahr“ ist, gehört somit wesentlich zur Tätigkeit einer Wahrheitsfindung; anders gesagt: Die Idee der Wahrheit umfasst die Unwahrheit, eben auch die Lüge. Von seinem Wesen her ist Wahrheit vielfältig und differenziert, Treue hingegen erweist sich als einheitlich und geschlossen, was bedeutet, dass ein Akt der Untreue per definitionem das Ende von Treue bedeutet.

Die Tätigkeit der Treue – kann man eigentlich diesbezüglich von einer Tätigkeit sprechen? – umfasst keine Untreue, im Gegensatz zum Willen der Wahrheit der die Unwahrheit mit einschließt. Nur der Wille zur Wahrheit ist im Stande begrifflich Treue und Untreue zu umfassen. Eine Verletzung der Treue läuft deswegen immer über die Wahrheit: Sie stellt fest, dass etwas nicht oder anders gesagt worden ist, eine „Lüge“ also ans Tageslicht gekommen ist, die zu einer Vertrauensfrage führt. Im Zustand des Vertrauens berühren sich Ehrlichkeit und Treue.

Treue ist eine Urgewalt. Sie ist der Wille zum Tragen. Sie ist der Untergrund des Lebens, Basis und Fundament, Masse und Substanz. Auf meine Treue-zu-Dir allerdings ein Licht zu werfen, ist schwierig, vielleicht eben unmöglich, vor allem paradox: Sobald sie beleuchtet wird, wird sie in Frage gestellt. Treue ist eine Sache des reinen Wollens, vergleichbar mit dem Tiefschlaf: Wir kommen mit unserem normalen Bewusstsein nicht an die Treue heran, können sie höchstens „erleben“, was – als Erkenntnis verstanden – ein Akt der Intuition ist.

Treue ist eine Wirkung der Liebe, die sich mit einer Art Tarnkappe in den dunklen Bereich des Wollens hineinbegibt, in untergründige Tunnel und Höhlen des Lebens, und dort Verbindungen stiftet. Im Gewand der Treue zeigt sich die Liebe als eine gewaltige Kraft, die nie in irgendeiner Vorstellung anschaulich gemacht, höchstens innerlich „gehört“ werden kann. Das Warum einer bestimmten Treue ist undenkbar, liegt im Bereich der Sprachlosigkeit, kann höchstens als Gefühl gespürt werden.

Wahrheit hingegen bedeutet immer ein Reflektieren, eine beleuchtende Distanzierung, eine Trennung zwischen mir und Dir, zwischen mir und „Es“; mit ihr geht ein Schritt nach hinten und eine Öffnung nach oben einher, dorthin, wo das Licht von gestern auf den heutigen Tag scheint, wo die in der aktuellen Gegenwart vorhandenen Gegebenheiten in einer breiten Landschaft gezeigt werden. (Um es in den Worten von Sammy zu sagen: Wahrheit wird von links nach rechts, Treue von rechts nach links geschrieben.)

Die beiden Pole zwischen Ehrlichkeit und Treue öffnen in menschlichen Beziehungen ein dynamisches Feld von Spannungen; sie erzeugen kontinuierliche Unsicherheiten, die einen Grund in der Art und Weise haben, wie der Mensch beschaffen ist. Weil der Mensch beides ist, ein denkendes Wesen und ein wollendes Wesen, geht er in jeder menschlichen Beziehung zwischen zwei Säulen hindurch: An der einen Seite steht die leuchtende Wahrheit, an der anderen Seite die verhüllte Liebe; und in der Mitte sein damit ringendes Gefühl.

30.01.2011

Die Dämmerung der Philosophie. Über den Fluss der Sprache

Leider können wir nicht in die Zeit der alten Griechen zurück. Ich sage ‚leider‘, weil ich gestehen muss, dass ich mich manchmal nach der unbefangenen Frische im Denken der alten griechischen Philosophen sehne. Auch heute noch, mehr als zweitausend Jahre später, wirken ihre Texte wie Früchte, die gerade gepflückt wurden und noch nass vom Tau sind. Ihre Worte scheinen noch unbelastet zu sein, die Begriffe frei von Krieg, die Schönheit unmittelbar erotisch.

Solon aus Athen (640 – ca. 560 v. Chr.) soll gesagt haben: „Die Rede sei durch Schweigen zu besiegen, das Schweigen aber durch die Zeit“. Auch heute noch zwingt uns diese Aussage dazu, frisch über die Phänomene des Redens, des Schweigens und der Zeit nachzusinnen. Irgendwie scheint das Rätsel eine Wahrheit zu beinhalten, die wir vielleicht nicht sofort denken können, trotzdem aber spüren. Eine Wahrheit macht sich bemerkbar, bevor wir sie wirklich begreifen.

Von Pittakos aus Mylene (ca. 650 - 570 v. Chr.) ist überliefert: „Bemaltes Holz ist der beste Schutz der Polis“, eine Aussage, die wie die von Solon als Rätsel gemeint war. Klar ist, dass der alte Weise über die Gesetze gesprochen hat, die in Athen auf Holztafeln verzeichnet und in den Straßen aufgestellt wurden. Rätselhaft ist allerdings, warum Pittakos nicht einfach von Gesetzen gesprochen, sondern auf das Holz verwiesen hat.

Und dann der Hammer von Thales aus Milet (erste Hälfte des 6. Jahrhunderts) : „Das älteste der Wesen sei Gott, der unerzeugte, das schönste sei die Welt, das Werk Gottes, das größte der Raum, der allumfassende, das schnellste der Geist, der alles durchdringe, das stärkste die Notwendigkeit, die alles beherrsche, das weiseste die Zeit, die alles erfinde“. Mit dieser Aussage, meinte Thales, wären alle möglichen Fragen über das Leben und die Welt beantwortet. Hinter den Worten ist allerdings ein Lächeln spürbar, vor allem auch, weil der letzte Teil der Aussage – „das weiseste ist die Zeit, die alles erfinde“ – rückwirkend das Ganze fast ironisch in Frage stellt. (Weil es nicht ganz ironisch ist, bleibt die Weisheit dabei.)

Von solchen Aussagen sind wir in der heutigen Zeit weit entfernt. Philosophen schreiben sehr komplizierte Bücher, Politiker machen geschmeidige Aussagen, Wissenschaftler überladen uns mit Ergebnissen von Untersuchungen, Journalisten veröffentlichen täglich Nachrichten und vor allem auch Kommentare, Wikileaks kreiert einen Stau von Dokumenten. Einen Überblick in den Ozean der dringenden Meldungen hat kein Mensch.

In der aktuellen sprachlich-kulturellen und „weltanschaulichen“ Vielfalt werden Worte und Begriffe immer wieder neu definiert, dass heißt erst „dekonstruiert“ und dann wieder neu „konstruiert“. Egal wovon man redet, in fast jedem Diskurs müssen die Worte von Altlasten befreit werden, bevor sie eingesetzt werden können. Meistens, so meine ich, gelingt das nicht nachhaltig, höchstens für die Dauer des entsprechenden Textes.

Es gibt eine ganze Menge von Wörtern, die man nicht mehr benutzen kann, ohne mit Sicherheit Missverständnisse zu erzeugen. Alleine in dem Text, den ich jetzt gerade schreibe, wären als problematisch zu bezeichnen: Denken, Philosophen, Begriffe, Schönheit, erotisch, Leben, Welt, sprachlich, kulturell, weltanschaulich, dekonstruiert, (hat Jacques Derrida damit gerechnet, dass auch der Begriff Dekonstruktion ständig dekonstruiert werden würde?)... Und in jedem weiteren Satz werden Worte und Begriffe auftauchen, deren Bedeutungen (!) sich leicht in der Weite der Vielfalt verlieren.

Dieser Umstand, so scheint es mir, erzeugt zwei Bewegungen. Die erste Bewegung kennen wir alle, sie ist eigentlich gerade als eine Nicht-Bewegung zu beschreiben, weil sie Fixierung bedeutet: wir versuchen die Worte und Begriffe in bestimmten sprachlichen Zusammenhängen – man könnte auch sagen: in Diskursen – festzulegen. Um Missverständnissen vorzubeugen, versuchen wir krampfhaft den Worten eine steinige Eindeutigkeit zu verleihen. Das führt dazu, dass die Worte keine saftigen Früchte mehr sind, wie Pfirsiche, sondern nur noch Kerne ohne Fleisch.

Die zweite Bewegung bemerken wir weniger, sie ist allerdings wichtiger. Sie bedeutet, dass wir uns gerade von den Eindeutigkeiten entfernen und ins sprachliche Spielen geraten. Vor allen in den Kneipen, Schlafzimmern, Küchen, Straßenbahnen und auf der Straße ist diese Tendenz zu beobachten. Sie beruht auf der inneren Haltung, dass es „egal“ sei, wie wir die Dinge benennen, die Hauptsache wäre, dass wir „uns verstehen“. Und diese Haltung steigert sich schwindelerregend, sobald wir uns ins Internet begeben.

Man könnte es auch so sagen: in der Sprache wird immer wichtiger, dass Bedeutungen „intuitiv“ (!!!) ergriffen werden. Nicht das äußere Gewand der Sprache zählt, sondern ihre innere-spielende-verwandelnde Dynamik. Wir fangen langsam an, über die festgelegte Sprache hinaus zu lauschen, kommen somit von durchschaubaren Konzepten weg und finden Zugang zu einer ätherischen (excusez le mot!) Ebene, wo Gegenstände keine Gegenstände mehr sind, Worte keine Flaschen, Meldungen keine Nachrichten, Fußnoten keine semantischen Schrauben.

Und interessant: in der Dämmerung der Philosophie, die mit diesen beiden Bewegungen einher geht, kriegen die Aussagen von Solon, Pittakes und Thales – sie gehörten zu den sogenannten „Sieben Weisen“, die vor mehr als zweitausend Jahren die Philosophie angestachelt haben – eine unerwartete Wirkung. Sie wirken taufrisch, weil sie eine Nähe zum Fließen der ätherischen Welt haben. Um an ihre rätselhaften Bedeutungen heran zu kommen, verlangen sie etwas von uns, was wir gerade lernen wollen: uns dezentriert in der Vielfalt immer wieder neu erfinden.

22.01.2011

Sammy heute an Samuel. Auch über die dreiunddreißig Zaunkönige

Lieber Samuel, ich möchte Dir heute keine mitteilenden, sondern stiftende Worte schreiben, Worte also, die in der Schrift zwar von links nach rechts, im Innenraum zwischen uns allerdings von rechts nach links laufen, wie wir es damals, als wir noch auf der Suche waren und unsere Eltern nicht finden konnten, gelernt haben, da oben, wo der Rhein nicht von Süden nach Norden, sondern von Norden nach Süden fließt.

Wir müssen, so meine ich, in unserer Sprache jeden festen Grund vermeiden, jede Architektur ausschließen – alles was perfekt quadratisch oder perfekt rund ist, in einen Wirbel bringen, in eine verwirrende Bewegung nach oben auflösen, wie dreiunddreißig Zaunkönige, die sich auf einer Fliese versammelt haben – das würden sie natürlich nie tun – und sich dann auf einmal in die Höhe verlieren wollen.

Wir müssen also mit unserer Sprache aufsteigen, herum flattern, ungenau werden, oder vielleicht besser gesagt: eine neue Genauigkeit finden, die sich – wie die Würde des Menschen – nicht fotografieren lässt, nicht einmal in der Sprache selber dokumentiert werden kann, weil die Wörter und die Worte und die Redewendungen sich nur auf dasjenige beziehen wollen, was gerade nicht koordiniert ist.

Nun denkst Du vielleicht, dass die Redewendung „Bewegung von rechts nach links“ auch auf bestimmten Koordinaten beruht, und natürlich hast Du recht: unsere Sprache hat immer einen Bezug auf irdische Verhältnisse. Links ist auf der Erde nun einmal nicht rechts, rechts nicht links. Ich rede allerdings von einem Rechts, das gleichzeitig auch Links bedeutet, dass heißt: mein Rechts beinhaltet bereits von Anfang an auch ein Links. Und es wird Dir einleuchten: wenn man rechts lange genug weiter denkt, kommt man letztendlich von rechts zu rechts, was dann auf einmal links geworden ist.

Ja, Samuel, ich will Dich heute mit meiner Sprache verwirren, weil nur in der Verwirrung die großen Drei verborgen liegen: Anfang, Wink und Wandlung. Hat es nicht bereits Rainer Maria Rilke vom Dichter gesagt: „Da schufst du ihnen Tempel im Gehör“. Weißt Du – ja, jetzt wird es so richtig verwirrend – wer mit „ihnen“ gemeint war? Lies das einmal bei Rilke nach, und Du wirst finden: mit „ihnen“ sind die Tiere gemeint, die aufgehört haben zu brüllen und schreien, und „nicht aus Angst in sich so leise waren, sondern aus Hören“.

Was, wenn das Wilde auf einmal leise wird? Nein, dadurch, dass das Wilde auf einmal leise wird, ist es nicht gezähmt oder koordiniert oder auf einer Fliese übersichtlich zusammengebracht. Sind dreiunddreißig Zaunkönige auf einer Fliese „übersichtlich“? Nein, das sind sie nicht. Nichts ist so verwirrend und unmöglich und undenkbar wie dreiunddreißig Zaunkönige auf einer einzelnen Fliese. Wie gesagt: die kleinen-großen souveränen Hoheiten würden es nicht zulassen, so zusammen gepresst zu werden. Ich behaupte eben, dass es dies nicht ein einziges Mal in dem langen-langen-langen Werdegang unseres Planeten gegeben hat: dreiunddreißig Zaunkönige auf einer Fliese! (Nun ja, vielleicht einmal: in diesem Text.)

Was still wird, ist dadurch nicht quadratisch oder rund geworden. Stille mit Ordnung zu verwechseln, ist ein Fehler, groß genug für sieben mal sieben Jahre harter innerer Arbeit, Jahre die von rechts nach links verlaufen... So ist es mit Fehlern: sie beschäftigen uns immer wieder, leider von links nach rechts, und erst wenn wir uns auf die Verwirrungen einlassen, lösen sich die Knoten in uns.

Da oben sind die Wörter und Worte und Redewendungen frei von Flaschen. Etiketten und Alkoholprozentangaben, und die Logik der Nur-drei-Farben, grün, weiß und braun, gibt es da oben nicht. Der Reichtum der Farben wäre nicht auf drei Löcher in riesigen Containern zu reduzieren, nicht „im Grunde genommen nicht“ (ich will heute nicht gründen, sondern stiften), sondern „in der Luft genommen“ nicht. Gibt es so etwas wie drei oder sieben oder eben zwölf Löcher in der Luft?

Ich nenne Dich heute Samuel und Jan und Louis und Hannelore und Jessica und Vanessa und Rainer und Sebastian und Annette und Rob und eben Angela. Ich möchte Dich bei deinen dreiunddreißig wahren Namen nennen, bis zu Sammy, deinem letzten Namen, ganz rechts am Ende der Auflistung, dort also, wo rechts auf einmal links geworden ist. Und mit dreiunddreißig Namen sind nicht dreiunddreißig Namen gemeint, sondern ALLE Namen, die keine Namen sind, sondern Stiftungen, die entzünden. Von allen Namen gehen stiftend alle Namen aus.

16.01.2011

Konzepte sind immer fertig. Über die Hoffnung der Initiation

Wie fertig ist die Welt? Wenn wir auf das gesellschaftliche Leben schauen, könnten wir meinen, dass bereits alles, was wir brauchen, vorhanden ist. Für alle möglichen Fragen und Probleme gibt es Spezialisten, Verfahren und Lösungen: Um Krankheiten zu heilen, gibt es Ärzte und Therapeuten; um Konflikte zu lösen, gibt es Richter und Schlichter; um die (manchmal schwierige) Zusammenarbeit zu verbessern, gibt es Supervisoren; um finanzielle Engpässe zu bewältigen, gibt es Schuldenberater; um Kindern mit Defiziten zu helfen, gibt es Heilpädagogen; und um zu seinem höheren Selbst zu gelangen, gibt es sogar dafür mittlerweile spirituelle Dienstleister.

Vor allem gibt es aber eine ganze Menge von „Konzepten“. So wird von „strategischen Plänen“, „Evaluations-Techniken“, „Krisenmanagement“, „Schicksalslernen“ und sogar „Trauermanagement“ gesprochen. Es geht dabei um bestimmte „Methoden“, die gedanklich klar zu greifen sind – sie sind überschaubar und beinhalten immer zumindest drei „Schritte“, manchmal eben zwölf – und deswegen in unterschiedlichen Situationen operabel sind. Kennt man sich mit dem entsprechenden Konzept aus, kann man es anwenden.

Schon die Sprache verrät aber, auf welcher Ebene die Lösungen gesucht werden. Wörter wie Strategie, Management und Techniken haben zum Beispiel einen gemeinsamen Bedeutungskern – sie unterstellen, dass man das Leben im Griff haben KANN. Nun scheint es auch mir richtig zu sein, dass man sich Gedanken über das Leben macht und versucht, sich dementsprechend zu verhalten. Sobald man allerdings meint, dass damit alle Rätsel des Lebens gelöst werden können, erzeugt man ein noch größeres Problem.

Und das noch größere Problem könnte so beschrieben werden: Hoffnungen, die konzeptionell zu expliziten und evaluierbaren Erwartungen verdichtet werden, hören auf Hoffnungen zu sein. Das Wesen der Hoffnung ist offen, das Wesen der Erwartung geschlossen. Das berechtigte methodische Bedürfnis, gewisse Probleme über Konzepte in den Griff zu kriegen, hat einen Schatten, der manchmal von Supervisoren, Beratern oder Dienstleistern übersehen wird. Das konzeptionelle Denken, um es einfach zu sagen, ist immer ein Ergebnis des gestrigen Tages – es beruht einseitig auf etwas, was wir schon kennen, was also aus unseren Erfahrungen stammt.

Die Sachen und Dinge des Lebens die im Kommen sind, können prinzipiell nicht von Konzepten ergriffen werden. Sie sind immer neu. Und Neuigkeiten – man könnte an dieser Stelle auch von Ereignissen sprechen: etwas „ereignet“ sich – haben die wunderbare Wirkung, dass sie bestehende Konzepte sofort umkrempeln. Das Neue passt natürlich immer in das Alte, das ist keine Frage, aber nie in unsere Vorstellungen des Alten. Was wir DENKEN, was die Vergangenheit ausmacht, müsste sich nämlich ständig ändern, der Gegenwart entsprechend. Konzepte, vor allem wenn sie aus ideologischen Gründen nicht in Frage gestellt werden dürfen, sind hartnäckige Phänomene, die erstens die Laien verunsichern (sie blicken nicht durch) und zweitens den Profis einen bequemen Stuhl bieten.

Alle Menschen haben Probleme. Ohne Probleme hätte das Leben keinen Sinn. Nun scheint es mir so zu sein, dass in der direkten Nähe eines Menschen-mit-Problemen, wenn man also von Angesicht zu Angesicht steht, dieser Mensch immer als einzigartig und einmalig erscheint. Bernard Lievegoed – er war auch Arzt – hat es mir einmal gesagt: „Menschen mit Krebs gibt es nicht, es gibt höchstens Menschen, die sich auf ihrer Art und Weise mit der Krankheit namens Krebs auseinandersetzen“. Und noch radikaler über Aids: „Aidspatienten sind eine gesellschaftliche Erfindung. Eine neue soziale Entwicklung wird über eine sogenannte individuelle Krankheit hinweg definiert. Das Neue wird gar nicht gesehen, weil das alte Denken im Wege steht“.

Was das Neue in Bezug auf Aids beinhaltet, kann an dieser Stelle nicht ausgeführt werden. Mir geht es darum, zu betonen, dass die direkte Nähe zu einem Menschen-mit-Problemen immer dazu führt, dass die bekannten Kategorien sich auf einmal als weniger relevant erweisen. Jedes Lebensproblem ist im Grunde genommen mit dem Weg eines konkreten Menschen verbunden, mit einer (nun ja, sagen wir: biographischen?) Fragestellung, die wie ein Rätsel, oder vielleicht schöner: ein Mysterium im Raum der Nähe erscheint. (Ja, man könnte von einer biographischen Frage sprechen, müsste allerdings daraus kein neues „Fach“ machen: Lebensprobleme sind in diesem Sinne immer fachübergreifend.)

Ich kenne eigentlich nur einen Begriff, der zumindest halbwegs andeutet, wie die hier gemeinten „biographischen“ Vorgänge zu verstehen sind. Rudolf Steiner hat davon gesprochen, dass es einmal eine Zeit geben könnte, in der die „Initiation zum Zivilisationsprinzip wird“. Also: Initiation... In seinen hoffnungsvollen Vorstellungen – von Konzept kann man an dieser Stelle wirklich nicht sprechen – könnte es so sein, dass Kindergärten, Banken, Unternehmungen, Krankenhäuser und Bahnhöfe zu Orten der Initiation werden. Um dies zu erreichen, müssten allerdings Freiräume-der-Nähe geschaffen werden, Räume also, in denen sensibel auf Konzepte verzichtet wird. In diesen Räumen ginge es eher darum, auf die delikaten Dinge des Herzens zu schauen, und auf das zu lauschen, was im Kommen ist.

07.01.2011

Nochmals über das Lauschen. Hat die Konferenz schon angefangen?

Ich bleibe auch in dieser Woche beim Lauschen. Was höre ich im neuen Jahr? Welche Stimmen klingen in mir? Was steigt bei meinem Lauschen aus dem Ozean der Sehnsüchte hoch, was will verdichtet werden zum Vorsatz und zu einer Entscheidung? Welche Weichen wollen gestellt, welche Bestimmungen erreicht, welche Fäden geknüpft werden? Wohin geht die Reise im Morgenland?

Auf Spanisch spricht man von „Levante“, dem Osten, dem Bereich des Himmels, wo sich die Sonne „hebt“. Wenn man auf die Levante schaut, sich auf sie orientiert (Orient: der Osten) richtet man sich auf die Dinge, die im Kommen sind. Mit dem Ansteigen der Sonne werden die Schatten zwar kleiner, sie schrumpfen, ziehen sich quasi in die Gegenstände zurück, verschärfen und vertiefen sich allerdings auch. In den Osten zu blicken bedeutet innerlich: auf „Ostern“ zu zugehen, auf Tod und Auferstehung.

Was höre ich? Es gibt Stimmen in mir, die von der Vergangenheit sprechen. Sie erzählen von Ereignissen, an denen ich beteiligt war, und die aus irgendeinem Grund nicht ad acta gelegt werden können. Sie erscheinen allerdings traumhaft und in einem neuen Licht, das sie leichter und überschaubar macht. Die zarten Erzählungen betreffen zwar schmerzhafte Vorfälle, sind aber getragen von einem sanften Willen zur Versöhnung. Ihre behutsamen Beschreibungen wecken in mir ein Verlangen zum Verzeihen.

Gleichzeitig erzeugen sie Angst, Unsicherheit, Zweifel... Eine Stimme sagt mir, dass ich die Vergangenheit in Ruhe lassen soll, ich habe mich doch damals richtig bemüht, ja eben verausgabt, um den Ansprüchen gerecht zu werden, um mich mit den Beteiligten auseinanderzusetzten, um die hohen Ziele zumindest halbwegs zu erreichen? Mir im Nachhinein einen Vorwurf zu machen, so besagt die Stimme, würde heißen, dass ich mich selbst nicht respektiere.

Ich verstehe diese Stimme. Aber eine andere Stimme verstehe ich allerdings auch: Sie weist mich leise darauf hin, dass es gar nicht um mich geht, gar nicht um die Frage geht, ob ich „richtig“ gehandelt habe, sondern darum, ob ich heute, nach so vielen Jahren, einen neuen Blick auf die Vergangenheit werfen, neue Erkenntnisse haben, mich auf neue Stimmungen einlassen kann. Die Frage der Richtigkeit, sagt diese Stimme, bezieht sich nicht auf die Vergangenheit, sondern auf die Gegenwart.

Diese Stimme will nicht überzeugen. Sie sagt einfach, was sie zu sagen hat, und ist in eine freilassende Stimmung eingebettet, die vielleicht noch am besten mit dem Adjektiv „wohlwollend“ anzudeuten ist. Sie will zwar etwas von mir, überlässt mir allerdings das Wollen. Und seltsam: würde ich nicht wollen, was sie will, findet sie dies auch in Ordnung. Sie würde sich nicht einmal von mir abwenden.

Dann gibt es in mir Stimmen, die sich auf heute und morgen und übermorgen und das ganze kommende Jahr richten. Sie verwirren mich, sind schwer einzuordnen, kommen nicht aus einem Zentrum, das ich lokalisieren könnte, sondern bewegen sich aus einer „levantischen“ Peripherie auf mich zu. Sie beziehen sich auf konkrete Sachen: auf Freunde und Feinde, auf versöhnende Worte und öffnende Aussagen, auf Treffen auch, irgendwann und irgendwo, die nur dann stattfinden werden, wenn ich das will.

Vielleicht könnte ich es am besten so sagen: die Stimmen aus der Peripherie versuchen offenbar ein Licht auf die Möglichkeiten zu werfen. Was wäre, wenn ich Freund X, Feind Y und Weggefährte Z zu einem Gespräch einladen würde, um gemeinsam auf Vergangenes zu blicken? Was könnte ich dann, von Angesicht zu Angesicht, ihr oder ihm sagen? Wie könnte ich mich entschuldigen, wie könnte ich sie oder ihn erreichen, welche konkreten Worte könnten ausgesprochen werden?

Und durch diese Annäherung findet das Treffen eigentlich schon statt, zwar in mir, – dort, wo ich bei mir und bei dir bin - vielleicht allerdings somit auch schon in dir? Vielleicht lauschst Du schon längst mit, in dieser inneren Welt der Stimmen? Vielleicht schaust du, genau wie ich, auf diese verwirrenden und verlockenden Möglichkeiten, auf diese potentiellen Annäherungen, die nicht mehr potentiell sind, sobald wir sie annehmen und aufnehmen und ernst nehmen? Hat die Konferenz, das Konzil, das Treffen schon begonnen? Vielleicht rede ich schon in dir und du in mir.

Lebendige Vergangenheit bezieht sich immer auf lebendige Zukunft. Im inneren Lauschen gibt es keinen Unterschied zwischen Vergangenem und Kommendem. Im geistigen Raum der inneren Nähe gibt es nur eine Wirklichkeit, die der Gegenwart. Sich vertrauensvoll aus diesem aktuellen Lauschen zu Vorsätzen und Entscheidungen vorzutasten, bedeutet im Grunde genommen: Sich als souveräne Hoheit in das kommende Jahr hineinzubegeben. Das Jahr und ich: wir wollen auseinander hervorgehen.

31.12.2010

In den zwölf heiligen Nächten (2). Über das Lauschen, Fragen und Wollen

In den heiligen Nächten steht das Lauschen an. Im Lauschen, so schrieb ich letzte Woche, werden wir still. „Wir hören auf das, was im Kommen ist, was Anfang, Wink und Wandlung bedeutet, was geboren werden will und unser Lauschen braucht, um in der Gegenwart ankommen zu können“. In den Kommentaren auf meinen Text entstand darauf eine interessante Wendung, die mich seitdem beschäftigt.

Die Wendung hat mit einer Frage zu tun, und zwar mit dieser: Liegt dem inneren Lauschen nicht immer eine – vielleicht verborgene – Frage zu Grunde? Kann man lauschen, ohne zu fragen? Bedeutet Lauschen nicht einfach: Eine Frage zu haben, die sich darin zeigt, dass wir etwas hören wollen? Oder vielleicht anders gesagt: Wenn ein Wollen vorliegt, in diesem Fall ein Wollen zum Lauschen, können wir dann sagen, dass somit in uns immer auch eine – vielleicht verborgene – Frage lebt?

In dieser Wendung vom Lauschen zum Fragen öffnet sich ein ganz großes Thema, das nicht nur mit dem Lauschen, sondern überhaupt mit dem Wollen zu tun hat. Man könnte das Wollen als eine unbewusste seelische Tätigkeit verstehen – im Wollen schlafen wir, erst im Denken sind wir komplett wach – die überhaupt als die Quelle unserer Fragen zu definieren wäre. Die Wendung beinhaltet also drei Schritte: der erste Schritt führt zum Lauschen, der Zweite zum Lauschen-als- Frage, der Dritte zur Frage-als-Wollen.

Ich will immer ETWAS hören. Wenn wir diesem Gedanken nachgehen, kommen wir zwangsläufig zu Platon, der meinte, dass wir uns nur nach etwas sehnen können, was wir schon kennen – wir haben es nur vergessen. Alles Wollen und somit alles Fragen geht aus Sicht des griechischen Philosophen darauf zurück, dass es einmal eine Verbindung gab, eine Art einheitliche und runde Beziehung, die allerdings verloren gegangen ist. Platon zufolge sind wir immer auf der Suche, das zu heilen, was zerbrochen ist. Diese Sichtweise gehört zu den Kerngedanken einer spirituellen Lebensauffassung, und sie bedeutet im Grunde genommen, dass mich nur dasjenige berührt, was (schon) zu mir gehört.

Der (aristotelische) Einwand liegt nahe: In der platonischen Sichtweise kann es so etwas wie das „Neue“ nicht geben. Ich lasse die Spannung zwischen Altem und Neuem für heute einfach im Raum stehen. Um Platon allerdings nicht nackt dastehen zu lassen, diesbezüglich nur eine Bemerkung: das Neue liegt für Platon gerade in der Wiederkehr des Alten. Neu ist aus seiner Sicht, was wir aus dem Bereich des Verlustes bewusst zurück erobert haben.

Was ist aber eigentlich eine Frage? Spannend ist, was die Sprachwissenschaftler über das Verb „fragen“ zu sagen haben. Das Wort kommt so nur in der deutschen und niederländischen Sprache vor (vragen), und ist überraschenderweise mit „Furche“ (Ackerstrecke) verwandt. Die Grundbedeutung des Verbs ist also: „wühlen und aufreißen“, und damit sind wir in der Tat im Bereich des Wollens angekommen: erstens weil das unbewusste Wollen uns immer wieder aufwühlt, zweitens weil der Akt des Fragens zu etwas Aufgewühltem führt. Es ist wie mit einem Acker: Um neues Leben zu ermöglichen, muss er aufgewühlt werden.

Das innere und äußere Lauschen könnte also gleichzeitig in zwei Richtungen gehen: ich lausche auf „Etwas“ (eine zarte Stimmung in mir, das Singen einer Amsel beim Sonnenuntergang) und versuche mich so in meine Ohren hinein zu begeben, dass ich wirklich bei und mit und in diesem „Etwas“ bin. Um dies zu erreichen, muss ich mich irgendwie in etwas „Fremdem“ (was allerdings vielleicht gar nicht so fremd ist) verlieren. Und ich bewege mich gleichzeitig nach innen, zu diesem Ort, wo ich bei und mit und in mir bin, wo mein „sanfter Wille“ (Georg Kühlewind) sich bemerkbar macht.

Der vollkommene Akt des Zuhörens bedeutet so gesehen zweierlei: ich schlafe in „Etwas“ ein (verliere mich) und wache in einer Frage auf (finde mich wieder), die schon vorher meine unbewusste Frage war, im Aufwachen aber zur bewussten Frage wird. Wenn es zum Beispiel um das bezaubernde Singen einer Amsel geht, fällt mit sofort ein, was meine lebenslange Frage beinhaltet: Was macht die passionierte Mischung von Melancholie, Vertrauen und Dankbarkeit aus, diese herzzerreißende Hingabe zum Abschied? Und ich weiß, warum ich meine Freunde und Verwandten nicht gerne zum Bahnsteig begleite: Mit dieser leidenschaftlichen Art des Abschieds tue ich mich immer schwer. Ich sage lieber einfach: Tschüs!

Mit welcher Frage lebe ich aber in diesen heiligen Nächten? Ich sitze gerade in meiner Küche, schreibe diesen Text und höre auf Johann Sebastian Bachs „Wohltemperiertes Klavier“. Ich weiß nie, ob ich Bach hasse oder liebe, auf jeden Fall berührt er mich immer wieder. Und meine Frage ist auf einmal klar: Ich möchte so schreiben und leben, wie er Musik gemacht hat. Die unendlichen und vielseitigen Motive des Lebens trotz aller Dissonanzen transparent machen, das ist das, wonach ich mich heute sehne, da liegt meine Frage, das ist das, was ich will. Ich danke meinen Leserinnen und Lesern für diese schöne Wendung und hätte noch die Frage: was wollt ihr?

25.12.2010

In den zwölf heiligen Nächten. Die Entzündung einer Kultur des Herzens

In den zwölf heiligen Nächten, so besagt die Tradition, öffnen sich die Türen zur geistigen Welt. Die Schwelle zwischen Himmel und Erde, so heißt es, wird durchlässig. In der Verinnerlichung, die mit Weihnachten einher geht, wird ein gesteigerter Dialog zwischen mir und Mir, zwischen dir und Dir und – würde ich sagen – zwischen Dir und Mir möglich. Und weil es sich um einen geistigen Dialog handelt, der über die üblichen Erkenntnisse hinaus geht, steht die Tätigkeit des Lauschens an.

Lauschen gehört zu den schönsten Wörtern der deutschen Sprache. Lauschen ist eine Sache der Ohren, diese wunderbaren und eleganten Wölbungen an unseren Häuptern, die sanft das greifen, was eigentlich nicht zu ergreifen ist. Wenn man versucht die Laute des Wortes zu „schmecken“ – Wörter zu schmecken ist eine poetische Haute Cuisine – gerät man innerlich spontan in eine Bewegung, die irgendetwas mit schleifen und rauschen und tasten und auch mit fangen zu tun hat – einem Fangen allerdings, das eher passiv funktioniert, so, als ob es gelänge, Schmetterlinge dazu zu verführen, freiwillig ins Netz zu flattern.

Lauschen ist eine ganz leise und ganz zarte Implosion. Die Ohrmuscheln wölben sich nach außen, werden von Klängen berührt, die sie in sich aufnehmen und nach innen leiten, man könnte vielleicht besser sagen: nach innen begleiten, und dort – wo ich bei Mir bin – eine neue Form anbieten, eine wesentliche Existenz. Rainer Maria Rilke dichtete: „Da stieg ein Baum. O reine Übersteigung!/ O Orpheus singt! O hoher Baum im Ohr!/ Und alles schwieg. Doch selbst in der Verschweigung/ ging neuer Anfang, Wink und Wandlung vor.“

Im Lauschen werden wir still. Wir hören auf das, was im Kommen ist, was Anfang, Wink und Wandlung bedeutet, was geboren werden will und unser Lauschen braucht, um in der Gegenwart ankommen zu können. Ohne stilles Lauschen - keine Geburt. Das Bild ist uns ja vertraut: man setzt sich bei einer Kerze nieder, wird still wie die sanft flackernde Flamme, und lauscht... Und im Lauschen gelangt man in sich selber an eine Schwelle, wie im Winterwald: schüchtern wagen sich Rehe aus dem Dunkel auf die Lichtung.

Es geht beim Lauschen nicht um klare Gedanken, sondern um Gefühle, die wir manchmal ein bisschen unbeholfen mit Ahnungen, Sehnsüchten und Träumen gleichsetzten. Eigentlich müssen wir allerdings einräumen, dass uns die richtigen Worte fehlen. Die Stimmungen, die an der Schwelle zur geistigen Welt auf uns zu kommen, sind eher als Gestalten zu verstehen, mit denen man „sprechen“ kann – ein Sprechen, das eigentlich ein gegenseitiges Lauschen bedeutet. Gefühle – nicht Emotionen sind hier gemeint – sind tatsächlich wie Rehe: sie haben eine eigene Gestalt, einen eigenen Willen, eine eigene Domain.

In den heiligen Nächten geht es also um Natalität, um das ständige und meistens unbewusste Geschehen in uns, das uns leise nach vorne bringt. In den ersten heiligen Nächten bieten sich die Ahnungen und Sehnsüchte an, die uns berühren und verführen, dann folgen die Vorsätze, die wie Navigationsinstrumente im Reich-des-im-Kommen-Seins wirken: ein Vorsatz ist genau das, was das Wort ausdrückt: ein Vor-Satz, man kann sich immer statt nach links doch noch nach rechts bewegen. Und wenn die heiligen Nächte durch den Jahreswechsel geschritten sind, taucht das Bedürfnis nach Entscheidungen auf. Die Gestaltung des kommenden Jahres beruht auf der Aktivierung dieser großen Drei: Sehnsucht, Vorsatz und Entscheidung.

Interessant: beim Lauschen werden Sehnsüchte, Ahnungen und Träume aktiv. Sie bekommen einen Raum, einen inneren Ort, in dem sie in Erscheinung treten können, in dem sie ihre eigene Geschichte erzählen können, eine Erzählung, die es nur gibt, wenn wir ihr lauschen. Erzählungen, die nicht gehört werden, gibt es nicht, (so wie es auch keine Texte gibt, die nicht gelesen werden). Wäre es nicht schön, die verborgenen Erzählungen der heiligen Nächte ins Licht zu heben? Mit unserem Versuch entzündet sich eine Kultur des Herzens.

18.12.2010

Praktiken einer Kultur des Herzens (2). Über die Unternehmung Sil

In meinem vorletzten Weblog (05.12.2010) schrieb ich Folgendes über einen guten Freund, den ich als Schicksalsgefährten betrachte: „Sein Begabungsprofil besteht daraus, dass er konkret spüren kann, welche Potenziale zwischen den Menschen verborgen liegen. Man könnte nicht einmal sagen, dass er ein NETZWERKER ist, weil seine erweckenden Tätigkeiten weit darüber hinaus gehen. Ich betrachte ihn als einen SCHICKSALSWERKER“.

Auf der finanziellen Ebene, so berichtete ich weiter, kriegt er sein Leben allerdings nicht organisiert, was auch damit zu tun hat, dass die öffentliche Anerkennung für seine Begabung fehlt. Dazu schrieb ich: „Letztendlich müssen und können und dürfen es doch die „freien“ Bürger sein, die „Freunde“ also, die sich aus Freiheit dieser Verpflichtung stellen? Praktisch gesagt: zwanzig mal fünfzig Euro im Monat würden tausend Euro bringen. Und davon könnte ein erfahrener Schicksalswerker, der gewohnt ist, mit wenig Geld auszukommen, für eine Weile gut leben, sagen wir erst einmal: für ein Jahr?“ In den Kommentaren auf meinen Vorschlag entstand eine interessante Debatte – ich empfehle den Lesern, die neu dazu stoßen, die Beiträge nachzulesen.

Ich möchte an dieser Stelle von mir aus Folgendes sagen. Erstens sei gemeldet, dass viele Menschen per Email oder am Telefon auf den Vorschlag positiv reagiert haben. Es sieht so aus, dass Menschen aus drei Ländern – Belgien, Holland und Deutschland – sich an dem Projekt beteiligen werden. Die Gründe dafür sind unterschiedlich: manche Menschen haben geahnt oder erkannt, um wen es hier konkret geht, und halten die Arbeit meines Freundes für wichtig. Andere meinen, dass die Zeit für solche Projekte reif sei. Warten auf „politische Entscheidungen“ (zum Beispiel in Bezug auf das Bedingungslose Grundeinkommen) würde nicht nur heißen, dass Chancen verpasst werden, sondern vor allem auch, dass an der persönlichen Verantwortung von freien Bürgern vorbei gegangen würde.

Ich werde in der nächsten Zeit von diesem Projekt auf meinem Weblog weiter berichten. Ich nehme mir die Freiheit, dem Projekt einen Namen zu geben: „Unternehmung Sil“. Dieser Titel kommt von einem Strandgutsammler aus Terschelling namens Sil. Er hatte am Ende des neunzehnten Jahrhunderts den Mut, seinen Sehnsüchten zu folgen, entgegen den moralischen Gepflogenheiten seiner Zeit. Wie der Strandräuber Sil wandert mein Freund ständig zwischen sozialem Festland und dem Meer der Zukunft: die soziale Brandung ist sein weites Arbeitsfeld.

Zweitens möchte ich ein paar Missverständnisse wegräumen. In einer Kultur des Herzens wird nicht von „helfen“ gesprochen, sondern von „unterstützen“. Es geht ganz und gar NICHT darum, karitativ zu sein: von dem Gedanken, dass es „arme“ Menschen gibt, die von den Wohlhabenden Hilfe bekommen, ist eine Kultur des Herzens weit entfernt. Man sollte dazu an dieser Stelle auch verstehen, dass mein Vorschlag, 50 Euro pro Monat beizusteuern (was für manche Menschen viel Geld ist), nicht entscheidend ist. Einige Menschen haben dies auch erkannt, und sich auch mit einem geringeren Betrag gemeldet. Letztendlich könnte man auch EINEN Euro pro Monat beitragen – es geht nicht um die Menge, sondern um die Beteiligung. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob man diesbezüglich eigentlich – wie üblich – von „Schenkgeld“ sprechen kann.

Es geht um die Beteiligung an der Biographie eines anderen Menschen, und die geht ja nicht ausschließlich über eine finanzielle Ebene. Wenn wir von „neuen“ Gemeinschaften reden – und sehnen wir uns nicht danach? – bleibt alles Gerede nur Gerede, wenn der Ausgangspunkt nicht in den konkreten Beziehungen zu konkreten Menschen gefunden wird. Es sind die individuellen biographischen Fragestellungen, die zeigen wo es lang geht, nicht die gesellschaftlichen, ideologischen und politischen Ziele – die doch immer abstrakt sind – und den heutigen Diskurs beherrschen. Die Achsen neuer Gemeinschaften bestehen aus freien und gewollten Beziehungen, und aus entsprechenden Entscheidungen die von Angesicht zur Angesicht getroffen werden.

Der französische Beziehungsphilosoph Emmanuel Lévinas beschrieb die aktuelle Lage in der europäischen Gesellschaft so: „Man möchte [in der heutigen Gesellschaft; JvdM] ein Verständnisprinzip, das den Menschen nicht mehr umfasst, dass das Subjekt ein Prinzip aufstelle, das nicht mehr von der Sorge um das Schicksal des Menschen umfasst werde.“ An die Stelle konkreter Beziehungen sind Staaten, Banken und karitative Stiftungen getreten, die – so besagt das Dogma – „objektiv“ urteilen können. In einer Kultur des Herzens existiert diese Objektivität nicht, weil Schicksal immer eine persönliche-überpersönliche Angelegenheit ist.

Mit konkreten Schicksalen sind konkrete Aufgaben, Anliegen und Vorsätze verbunden. Andere Aufgaben, Anliegen und Vorsätze gibt es nicht. Die Zeit, dass Menschen sich im Rahmen einer politischen Partei, einer Gewerkschaft oder einer wohlwollenden Stiftung auf abstrakte Ziele einigen konnten, ist längst vorbei. Die Knotenpunkte in einer Kultur des Herzens beruhen auf der gegenseitigen und freien Anerkennung der Begabungen und Intentionen von Menschen, die sich als Schicksalsgefährten verstehen. (Und es muss nicht einmal sein, dass man seine Schicksalsgefährten auch privat kennt.)

Eine große Frage bleibt allerdings, wie solche Projekte gestaltet werden. Ich werde die „Unternehmung Sil“ in der nächsten Zeit als Anlass nehmen, auf die Frage des Geldes und seiner Existenz in einer Kultur des Herzens zu schauen. Ich würde mich über Beiträge, Kommentare und Vorschläge sehr freuen, weil in einer Kultur des Herzens der Weg nur gemeinsam gefunden wird. Ich würde sagen: was wir brauchen sind Konferenzen an der Brandung.

12.12.2010

Ein unsichtbares Komitee. Der kommende Aufstand

Ich räume ein, der Text hat mich elektrisiert. Vor allem die ersten siebzig Seiten sind brillant geschrieben, die Analysen scharf und manchmal sehr überzeugend, die rhetorischen Flammen heiß, Ton und Inhalt souverän. Der Text nennt sich ein Manifest, die Autoren kommen aus Frankreich, bleiben allerdings anonym. Ein Aufstand wird nicht ausgerufen, sondern einfach angekündigt. „Wir befinden uns schon jetzt in der Untergangsbewegung einer Zivilisation. Das ist der Punkt, an dem man Partei ergreifen muss“, schreibt das Komitee, das aus strategischen Gründen „unsichtbar“ bleiben will…

Die Probleme sind bekannt: Arbeitslosigkeit, Finanzkrisen, Umweltkatastrophen, Migration, das Auseinander fallen von Europa... Das unsichtbare Komitee meint allerdings, dass die eigentliche Krise eine andere ist. „Die Erhaltung des Ichs in einem Zustand des permanenten Halbverfalls, in einem chronischen Halbversagen, ist das am besten gehütete Geheimnis der aktuellen Ordnung der Dinge“, schreibt es.

Und: „Das schwache, deprimierte, selbstkritische, virtuelle Ich ist wesensmäßig das unendlich anpassungsfähige Subjekt, das von einer Produktion erfordert wird, die sich auf Innovation, beschleunigten Verfall der Technologien, beständige Umwälzung der gesellschaftlichen Normen, verallgemeinerte Flexibilität begründet“. Hier wird also nicht auf die „anerkannten“ Probleme geschaut, sondern auf die Stelle des individuellen Menschen in einer Gesellschaft, die mit dem individuellen Menschen nicht rechnet.

Der Mensch, so meint das Komitee, ist von jeder Zugehörigkeit losgerissen: von seiner Familie, seinen Freunden, seinem Viertel, seiner Geschichte, seinem Beruf und seiner Berufung, nichts gehört ihm mehr. Durch die Zwänge der Wirtschaft ist er „enteignet“ von seinem Selbst: er soll nicht arbeiten um sein Leben zu leben, sondern sein Leben aufgeben, um zu arbeiten. Was sein Leben ausmacht, innerlich und äußerlich, ist schon längst nicht mehr relevant. Der Mensch ist sich selber fremd geworden, und „sein Hass gegen den Fremden verschmilzt mit dem Hass gegen sich selbst als Fremden“.

Das sind kräftige Sätze, die viel Wahrheit beinhalten. Ganz stark sind auch die folgenden: „Es gibt keine Umweltkatastrophe. Es gibt diese Katastrophe, die die Umwelt ist. Die Umwelt ist das, was dem Menschen übrig bleibt, wenn er alles verloren hat.“ Und: „Was als Umwelt erstarrt ist, das ist eine Beziehung zur Welt, die auf der Verwaltung aufbaut, das heißt auf der Fremdheit“. Rudolf Steiner würde an dieser Stelle sagen, dass die Katastrophe keine Katastrophe, sondern eine Chance der jungen Bewusstseinsseele ist. Die Katastrophe bestünde aus seiner Sicht eher daraus, dass sie nicht als Chance wahrgenommen wird.

Als letzter starker Satz: „Zu jedem Leben gehört eine Dosis Wahrheit, die das abendländische Konzept nicht kennt.“ Weniger stark scheinen mir allerdings die revolutionären Vorschläge zu sein, die auf den letzten dreißig Seiten des Manifestes gemacht werden. Die erste Empfehlung ist immer noch stark: fange bei deinen Wahrheiten an. „Eine Wahrheit ist nicht etwas, das man besitzt, sondern etwas, das einen trägt“. Auch die zweite Empfehlung trifft zu: nimm deine Freundschaften ernst. „Jede Begegnung ist Begegnung IN einer gemeinsamen Affirmation“. Das klingt nach einer Kultur des Herzens.

Mit ein paar Aspekten habe ich allerdings Probleme. Das erste ist, dass in den Text immer wieder der „Partisan“ romantisiert wird. Der Kämpfer wird als eine Art Widerstandssoldat beschrieben, der machen darf, was er will, solange er der Sache dient und außerdem nicht erwischt wird. Schmerzen darf er den dummen oder gerade schlauen „Anderen“ offenbar zufügen, das ist man in revolutionären Bewegungen gewohnt. Wer mit den dummen Anderen gemeint ist, wird in dem Text klar: die sich anpassenden Bürger, (nicht WIR, die gerade das Manifest lesen!)

Anonym bleibt der schlaue Andere, der Feind, der in dem Text immer wieder „man“ genannt wird, der mit Erfolg seine offenbar unwürdigen Ziele verschwörerisch durchsetzt. Er scheint sich unsichtbar auf den Chefetagen großer Unternehmungen aufzuhalten. Ich glaube, dass so ein „man“ nicht existiert. Wenn es einen Feind gibt, so meine ich, dann müsste er in uns selber gesucht werden. Revolutionen, in ihren Ausgang darin finden, dass die Anderen Schuld haben, brauchen wir nicht mehr…

“Wenn wir einmal in die Sichtbarkeit eingetreten sind, sind unsere Stunden gezählt“, schreibt das Komitee. Diese Haltung ist verständlich, bedeutet allerdings einen Schritt zurück. Was eher hilft, sind strahlende „Iche“, die sich souverän ins Lichte der Öffentlichkeit stellen. Ein unsichtbares Komitee macht sich selber zum Geschwür, den angeblichen Komplizenschaften der großen Unternehmungen nicht unähnlich. „Man“ macht sich auf diese Art und Weise zu einem Feind, den es nicht gibt.

Dem Komitee zufolge müssen Gemeinschaften (in dem deutschen Text wird irreführend von „Kommunen“ gesprochen: romantisch-revolutionäre Rhetorik!) entstehen, die sich „nicht durch ein Drinnen und ein Draußen definieren, wie Kollektive es im Allgemeinen tun, sondern durch die Dichte der Verbindungen in ihrem Innern“. Das ist sehr richtig, eben entscheidend. Dieses Innen durch Anonymität zu schützen, führt allerdings zwangsläufig zu einer Trennung zwischen innen und außen. Und damit kreiert „man“ gerade das, was „man“ bekämpfen will: die Fremdheit.

05.12.2010

Praktiken einer Kultur des Herzens. Über die Finanzierung neuer Begabungsprofile

Wenn in der heutigen Gesellschaft von „Arbeit“ gesprochen wird, ist damit immer „bezahlte Arbeit“, eine Erwerbstätigkeit gemeint. Arbeiten bedeutet heute nicht mehr primär, etwas Sinnvolles zu tun, oder eben überhaupt etwas tun, was man von sich aus auch wirklich tun will, sondern, ein Einkommen zu generieren. In diesem Sinne ist arbeiten in unserer Gesellschaft eine heilige Pflicht: jeder mündige Bürger hat in dieser Hinsicht quasi eine souveräne Verantwortung für seine eigene Existenz.

Wenn jemand, warum auch immer, nicht im Stande ist, diese Verantwortung erfolgreich zu verwirklichen, dann kriegt er Geld vom Staat. In diesem Zusammenhang wird dann von so etwas wie „Solidarität“ gesprochen, was so viel heißt wie: In unserer aufgeklärten Gesellschaft lassen wir die Unglücklichen und Ungeschickten und „Arbeitsbehinderten“ nicht im Stich. Im Grunde genommen beruht diese Solidarität allerdings auf einer Angst: Zu viele Menschen mit gravierenden Existenznöten bringen Unruhe in die Gesellschaft, was letztendlich die aufgeklärte Ordnung der Dinge bedrohen könnte.

Von dem Gedanken, dass „freie“ Menschen das tun müssten, was sie von sich aus – auf der Basis von „freien“ Entscheidungen – tun wollen, sind wir diesbezüglich weit entfernt. Um zu dieser Freiheit zu gelangen, gibt es in der heutigen Gesellschaft eigentlich nur einen Weg, nämlich, sich als freier Unternehmer zu definieren. Mit allen anderen Formen der bezahlten Arbeit geht eine Einbindung in unfreie Zusammenhänge einher: man arbeitet für McDonalds, für das Ministerium, für eine Waldorfschule oder für Greenpeace. Dass die konkreten oder abstrakten Ziele der einen Organisation vielleicht „gut“ und die der anderen vielleicht „weniger gut“ sind, ändert daran nichts.

Ein freier Unternehmer zu werden, bedeutet allerdings nicht, dass man unbedingt das macht, was man machen will. Ich brauche an dieser Stelle nicht alle Faktoren zu beschreiben, die einen Unternehmer daran hindern, seine „Arbeit“ frei zu gestalten – sie sind bekannt. Dazu kommt noch die grundsätzliche Frage, ob die zu Grunde liegende Entscheidung wirklich frei war; der Impuls ein „freier“ Unternehmer zu werden, beruht manchmal auf unbemerkten Unfreiheiten.

Mir geht es in diesem Text vor allem um die Tatsache, dass es eine ganze Menge von Menschen gibt, die etwas wollen, etwas wirklich WOLLEN, was als Arbeitsmotiv – vielleicht besser gesagt: als Tätigkeitsmotiv – von der öffentlichen Gesellschaft nicht verstanden und anerkannt wird. Um einen pädagogischen Begriff des Heilpädagogen Henning Köhler in einen sozialen zu modifizieren: es gibt „neue Begabungsprofile“, die nicht als solche wahrgenommen werden. Anders gesagt: Menschen KÖNNEN etwas, was allgemein nicht als sinnvolle Tätigkeit anerkannt ist.

Ein Beispiel bietet ein guter Freund von mir. Es ist nicht leicht zu beschreiben, was er genau macht. Er ist ständig unterwegs, arbeitet an sogenannten „ökologischen“ und „sozialen“ Projekten, verbindet Menschen miteinander, kann „lesen“ was Menschen wollen, öffnet Türen, setzt erreichbar-unerreichbare Ziele, begeistert durch seine positive Lebenshaltung. Um es genauer zu sagen: sein Begabungsprofil besteht daraus, dass er konkret spüren kann (was nicht heißt, dass er es immer in Worte fassen kann), welche Potenziale zwischen den Beteiligten verborgen liegen. Man könnte nicht einmal sagen, dass er ein „Netzwerker“ ist, weil seine erweckenden Tätigkeiten weit darüber hinaus gehen. Ich betrachte ihn als einen „Schicksalswerker“.

Auf der finanziellen Ebene kriegt er sein Leben allerdings nicht organisiert. Er steht diesbezüglich vor einem Abgrund, den er übrigens mit einer gewissen Leichtigkeit akzeptiert. Trotzdem ist dieser Abgrund das, was ein Abgrund ist: ein Abgrund. Sich als „Arbeitsloser“ vom Staat durchfüttern zu lassen, das will er nicht, nicht weil er dann zu wenig Geld bekäme – er kommt mit ganz wenig aus – sondern weil mit dem Geld die Verpflichtung verbunden ist, sich für Jobs zu bewerben, die er nicht machen will. Er steht also vor einer Frage, die keine Frage ist: weitermachen mit dem, was er wirklich machen will, oder damit aufhören und sich beim Arbeitsamt melden.

In einem Blogtext kann man solchen biographischen Situationen nicht gerecht werden, weil immer hundert Sachen auch noch eine Rolle spielen, für die hundert Seiten nötig sind. Ich meine allerdings, dass diesbezüglich eine dringende Frage vorliegt, die für die Entfaltung einer Kultur des Herzens entscheidend ist. Einfach darauf zu warten, bis das bedingungslose Einkommen eingeführt wird, geht nicht, stärker noch, um einmal so weit zu kommen, werden schon heute gerade die angedeuteten neuen Begabungsprofile gebraucht. Was heißt das?

Das heißt meiner Meinung nach, dass die konkreten Schicksalsflechtwerke um den Beteiligten herum, eine Initiative ergreifen müssen. Letztendlich müssen und können und dürfen es doch die „freien“ Bürger sein, die „Freunde“ also, die sich aus Freiheit (man könnte auch sagen: auf Basis eines Verständnisses) zu einer Verpflichtung stellen? Praktisch gesagt: zwanzig mal fünfzig Euro im Monat würden tausend Euro bringen. Und davon könnte ein erfahrener Schicksalswerker, der gewohnt ist, mit wenig Geld auszukommen, für eine Weile gut leben, sagen wir erst einmal: für ein Jahr?

Sich an der Biografie eines „Freundes“ zu beteiligen, ist ein wichtiger Aspekt einer Kultur des Herzens. Ohne diese praktische Beteiligung gibt es keine Kultur des Herzens. Zu der Entfaltung einer solchen Kultur gehört eben, dass diesbezüglich Erfahrungen und Vorstöße gemacht werden. Mit dem Einstieg in diese Beteiligung werden die sozialen Orte der Zukunft, die auf gegenseitiger, freier Anerkennung basieren, kreiert. Mit einer alten solidarischen Unterstützung hat das nichts zu tun.

27.11.2010

Die Freundschaft als Gebet

Ich habe das Zitat von Jacques Derrida schon einmal als Motto rechts oben auf meinen Weblog gestellt. Und weil die zwei Sätze mich nicht loslassen, zitiere ich sie heute noch einmal. In seiner „Politik der Freundschaft“ schreibt Derrida: „Freundschaft ist nie eine gegenwärtige Gegebenheit, sie ist der Erfahrung des Wartens, des Versprechens oder der Verpflichtung anheimgegeben. Ihr Diskurs ist der des Gebets, er konstatiert nichts, er stiftet, er beruhigt sich nicht bei dem, was ist, er ist unterwegs zu jenem Ort, an dem eine bestimmte Verantwortung sich in der Zukunft öffnet“.

Der erste Satz beinhaltet ein Paradox. Erst wird gesagt, dass die Freundschaft „nie eine gegenwärtige Gegebenheit“ sei, dann jedoch, dass sie eine „Erfahrung“ sei, was darauf hin deutet, dass sie in der Gegenwart erlebt wird. Die Erfahrung bezieht sich auf das Warten, das Versprechen oder die Verpflichtung – solange wir in der Gegenwart (auf die Freundschaft? auf den Freund? auf meine Bereitschaft auch wirklich ein Freund zu sein?) warten können, solange wir an einem Versprechen festhalten, ist die Freundschaft als Erfahrung da.

Ihr Diskurs ist der des Gebets... Im Gebet richten wir uns auf etwas Größeres, etwas, dass über uns hinaus geht, auf etwas Göttliches. Wir glauben (nehmen an, ahnen, hoffen?), dass das Größere auch tatsächlich existiert, uns bemerkt, uns hört, auch wenn es nicht gegenständlich und handgreiflich in der Gegenwart vorhanden ist. Beten ist der Versuch einer Wiederverbindung, was das Wesen der Religion ausmacht: Im Gebet versuchen wir eine verloren gegangene Beziehung wieder herzustellen.

Er (der Diskurs der Freundschaft) konstatiert nichts... Konstatieren bedeutet auf schönem Deutsch: feststellen, also FEST STELLEN, etwas fixieren, etwas eine eindeutige Bedeutung zuschreiben. Im Diskurs der Freundschaft bleibt alles in der Schwebe, einem Zustand, der manchmal schwer auszuhalten ist, weil er uns in unseren Unsicherheiten nicht gerade bestärkt. Wir sind immer wieder geneigt, uns mit Urteilen (über Freunde und Feinde) Sicherheiten zu verschaffen.

Er stiftet... Derrida sagt nicht: der Diskurs der Freundschaft „gründet“, sondern „stiftet“, was eher eine luftig-feurige Angelegenheit ist. Die etymologische Herkunft des Wortes ist laut Duden 7 unbekannt, verrät in alten Wörtern wie „Stiftskirche“ und Redewendungen wie „Unheil stiften“ allerdings noch die ursprüngliche Bedeutung. Stiften heißt so etwas wie „verursachen“ – in der gegenwärtigen Erfahrung des Wartens wird etwas verursacht, das sich als Wirkung erst in der Zukunft entfaltet.

Er beruhigt sich nicht bei dem, was ist... Auch wenn man in Ruhe wartet – Gelassenheit ist eine hohe Tugend – bleibt man nicht bei dem, was ist, sondern bei dem, was noch nicht ist, anders gesagt: das was ist, wird als etwas Unvollkommenes vollkommen in seinem Im-Kommen-sein genommen. Das was ist, wird nicht genommen als etwas, das beruhigt, sondern es wird umgekehrt in Ruhe genommen als etwas, das in seiner Unvollständigkeit auf etwas Kommendes hinweist.

Er ist unterwegs zu jenem Ort, an dem eine bestimmte Verantwortung sich in die Zukunft hinein öffnet... In der Freundschaft (die eine nie gegenwärtige Gegebenheit ist) wird eine Verantwortung gespürt, die es noch nicht gibt, sondern sich erst in der Zukunft öffnet. Die Verantwortung, die es noch nicht gibt, so verstehe ich Derrida, bedeutet in der Gegenwart allerdings schon eine Verpflichtung. Noch ganz abgesehen von der wunderbaren Formulierung, dass Verantwortungen sich ÖFFNEN, überrascht an dieser Stelle der definitive Sprung Derridas in die Zukunft. Unbekannte Verantwortungen, die es in der Gegenwart noch nicht gibt, führen zu Verpflichtungen in der Gegenwart, einer Gegenwart jedoch, die es eigentlich nicht mehr gibt, sobald man „unterwegs“, das heißt: im Kommen ist.

Die Sichtweise Derridas auf die Freundschaft öffnet eine Verantwortung, die es noch nicht gibt. Sie geht somit mit einer konkreten und höchst aktuellen Verpflichtung einher, die vor allem bedeutet: nicht festlegen wollen, nicht urteilen wollen, ja, stattdessen: warten wollen, versprechen wollen und beten wollen. In der Freundschaft wird über eine hartnäckige Differenz hinaus die offene Zukunft zelebriert. Und weil Derrida von einem Gebet spricht, verstehe ich ihn so, dass es dabei aus seiner Sicht erst einmal um eine innere Tätigkeit geht, erst einmal...