19.02.2011

Meine Freunde, die Ägypter und ich. Alte Fragen in neuen Kleidern

Immer wieder weisen die wunderbaren Fäden des Lebens auf Zusammenhänge hin, die sich schwer erklären und „denken“ lassen. Ich bin manchmal in Bezug auf die fein-feurig-farbigen Flechtwerke zwischen Menschen sprachlos, staune über diese fast leichtsinnig hin und her springenden Funken, die gemeinsamen musikalisch klingenden Lebensmotive und vor allem auch über die so genannten „Aufgaben“, die erst in Begegnungen eine Gestalt bekommen.

Das Leben fügt sich, öffnet Türen, stellt Weichen. Im Moment befinde ich mich in einem gesteigerten Zustand der Sprachlosigkeit. Ich wäre nicht einmal halbwegs im Stande in einem Text zu beschreiben, wie die Schicksalsverbindungen, die Berührungen und Verkettungen, die Referenzen und Analogien sich gerade in den letzten Monaten in meinem Leben zeigen. Das Leben scheint mir im Moment ein Buch zu sein, dessen tausend Seiten sich gleichzeitig im Jetzt lesen lassen. Und ja, die Botschaften sind schwindelerregend.

Alte und fast vergessene – müsste ich sagen: abgehakte? – Verbindungen zu Menschen und Gruppen von Menschen werden auf einmal höchst aktuell. Sie drängen sich nicht auf, sondern erscheinen zögernd-schüchtern in meinem Blickfeld, stellen behutsame Fragen, knüpfen an Vergangenes an, orientieren sich allerdings auf Zukünftiges. Mir scheint es so zu sein, dass die alten und bekannten Themen neue Kleider gefunden haben und sich wieder auf den Boulevard St. Michel wagen.

Und ich brauche sie nur zu begrüßen, was ich allerdings nicht MUSS. Ich kann es auch lassen und mich abwenden, was im Grunde genommen bedeutet: in meiner Stube (Rainer Maria Rilke: „drin du alles weißt“) bleiben. In dieser Stube, die ich erst in den letzten zehn Jahren gebaut und eingerichtet habe, bin ich sehr gerne, weil es dort eine Ruhe zum Reflektieren und die Nähe zur Poesie gibt. In dieser Stube bin ich so richtig bei mir.

Es sind nicht nur alte Freunde, die sich melden, auch neue klopfen an die Tür meiner Stube, sagen etwa: „Hallo, ist jemand da? Habe gehört, dass hier jemand lebt...“ – und ich öffne dann die Tür und staune: Vor mir steht ein Mensch, den ich nicht kenne, dessen Blick mir aber sehr bekannt vorkommt, als ob er vertrauten Sternenstaub zu mir schickt. Nein, ich lasse die Menschen nicht in meine Stube hinein, setze mich aber mit ihnen auf eine Bank in meinem Garten und schaue auf die Schneeglöckchen, die gerade schüchtern anfangen zu blühen.

Und ich höre zu. Und rede. Und merke, dass offenbar etwas ganz Bestimmtes ansteht. Die Freunde scheinen sich im Moment eine bestimmte Frage zu stellen. Und diese Frage ist genau die Frage, die ich in den letzten zehn Jahren in meiner Stube versucht habe zu begreifen. Ich weiß leider nicht, wie diese Frage fest umrissen zu beschreiben wäre.

Sie scheint, wie die tausend Seiten des Lebensbuches, tausend Gesichter zu haben. Ich kann nur versuchen, die Frage annähernd zu beschreiben, in der Hoffnung, dass die Leser mich korrigieren, meine Worte ergänzen, neue Ebenen der Fragestellung erörtern, dringend nachfragen, Fragezeichen in Ausrufezeichen verwandeln... (Sprachlich übrigens eine interessante Angelegenheit: Diese Frage scheint nur als Performance in Erscheinung treten zu wollen.)

Die Frage hat mit Beziehung zu tun, und mit organischem und elegantem Umbruch. Sie scheint irgendwie ein Licht auf konkrete Schicksalsbezüge werfen zu wollen, etwa auf die Möglichkeit FLIESSEND miteinander in ein Kommen zu geraten, ohne großartige Entscheidungen treffen zu müssen, Vereine zu gründen, Kongresse zu organisieren, Fonds einzurichten... Die Frage hat die Aura von Merkur: Sie kommt und geht, glänzt und rollt wie Quecksilber (klingt also wie die Stimme von Silvio Rodríguez: „En busca de un sueño“), ist immer nur als Tropfen da und rutscht weg, wenn das Gleichgewicht fehlt.

Die Frage versucht die Vorhaben und Aufgaben und Ziele (und was es sonst noch so gibt) gleichzeitig nach unten und nach oben zu verschieben, in gewissem Sinne zu spalten. Nach unten geht es dabei um die Frage: Was macht unsere Beziehung aus, was kann sie tragen, was kann sie bewirken, welche Weichen können wir auf die Basis unserer Verbindung stellen? What difference can we make, just the two or three or four of us?

Und nach oben: Wie geraten wir in die Leichtigkeit des Fließens? Vielleicht ist diese Frage verkehrt formuliert, und sie müsste lauten: Wie kommen wir von der Schwere weg, von jeglichem „koordinieren“ und „planen“ und „umsetzen“ und „durchsetzen“ wollen, von „Projekten“ und „Konzepten“, von gewichtigen „Sitzungen“ und „Vereinbarungen“. Ich meine, gerade an dieser Stelle haben die Tunesier und die Ägypter uns in den letzten Wochen etwas gezeigt. Der Umbruch in diesen Ländern war (bis jetzt) gerade das: organisch und elegant, und Gott-sei-dank unaufhaltsam, genau wie Merkur auch.

12.02.2011

Praktiken einer Kultur des Herzens (3). Florian Lück erzählt

Florian Lück beantwortet gerne meine Fragen, die ich allerdings in diesem Text weglasse. Der Leser braucht meine Fragen nicht, um zu verstehen, was Florian zu sagen hat. Also spricht Florian, ohne eine Einmischung meinerseits:

„Ganz offensichtlich wohne ich in einem alten Gutshaus, das zu einem großen Teil immer noch eine Baustelle ist. Mit mir wohnen noch zehn andere Menschen mehr oder weniger fest hier und dazu kommen immer wieder Gäste, die kürzer oder länger bleiben. Der Grund für das, was hier passiert, ist die Idee einiger Menschen, einen sozialen Freiraum zu schaffen. Es geht um den Versuch, ein Milieu zu kultivieren, das dem einzelnen Menschen gewidmet ist. ´Schone fremde Freiheit – und zeige deine eigene!` ein Zitat Schillers, das im Weiteren beides als unendlich schwierig beurteilt.“

„Dieses innere Geschehen spielt sich äußerlich auf einem, sich im Wiederaufbau befindlichen historischen Gut ab, in einem kleinen Dorf in Nordvorpommern. Ich selbst befinde mich hier als Hausmeister, Gärtner, Handwerker, als Verwalter, Feuerwehrmann und Gemeindevertreter, als Nachbar und Dorfbewohner, aber auch als Gesprächspartner, als Gegenüber, als Wahrnehmender und Spiegelnder, als Freund oder Gefährte, bald als Vater, aber vor allem als Mensch, als ich selbst. Der eigentliche Bau, die unsichtbare Architektur des Freiraums, setzt voraus, dass ich bei mir bin, dass ich, so gut ich kann, so authentisch und wahrhaftig wie möglich, mich selbst lebe – für andere.“

„So geht es hier zuerst vielmehr darum, sich in Frieden zu lassen, zu üben, sich gegenseitig frei zu lassen; und auf der anderen Seite darum, das eigene Freiheitswesen, den eigenen Impuls zu finden und ihm Ausdruck zu verleihen. Mit dem Freiraum eröffnet sich ein offenes Feld das freilässt, was geschehen soll, was zu geschehen hat, was anstrebenswert wäre. Es geht einerseits um eine Balance zwischen dem Gefühl, ein absolut sinnloses Projekt zu machen, und andererseits der Ahnung, dass heute nichts wichtiger, notwendiger, fruchtbarer, ja schöner für eine zukünftige Gesellschaft ist, als diese Kultursubstanz.“

„Ich stehe meistens so um acht Uhr auf – öfters auch früher, manchmal auch später. So gut wie immer ziehe ich meine Baustellenklamotten an, packe Laptop und Handy, gehe kurz ins Badezimmer und dann in die Küche. Ich mache mir einen Kaffee und gehe auf die Veranda, schaue in den verwilderten Gutspark direkt gegenüber, lasse das Wetter und die ganze Atmosphäre auf mich wirken und horche, was bei mir so los ist – was aus der Nacht oder dem gestrigen Tag noch nachklingt oder was vielleicht vor mir liegt.“

„Ich will, dass das Haus bewohnbarer wird, mehr Gästezimmer entstehen, dass Park und Garten wieder glänzen. An einem normalen Tag – hm, normale Tage gibt es nicht! – findet man mich in entsprechenden Tätigkeiten. Aber genauso arbeite ich, wenn ich zwei Stunden in ein Gespräch vertieft einem anderen Menschen begegne; oder wenn mir eine neue Facette des Freiraums bewusst wird. Eigentlich wache ich gerade erst an meinem Arbeitsplatz auf, an dieser unsichtbaren Baustelle einer menschlichen Gesellschaft.“

„Unser Versuch, einen Freiraum zu kultivieren, erforderte unserer Ansicht nach auch einen freien Arbeitszusammenschluss, und eben keine gemeinsame existentielle Bindung an eine Rechtsform die ein Einkommen verteilt. Die Entscheidung zur Zusammenarbeit sollte nicht aus der Not geboren werden, ein Einkommen zu bekommen. Darüber hinaus begeistert mich die Idee der Trennung von Arbeit und Einkommen im Hinblick auf eine Gesellschaft, in der ich gerne leben würde. In einer solchen richten die Menschen ihre Biografie mehr und mehr danach aus, was sie ihrem eigenen Impuls nach tun wollen und nicht, und nicht danach, wo es Geld zu verdienen gibt.“

„Mir scheint es, dass die in unserer Arbeitswelt durchaus vorhandene Brüderlichkeit im Wirtschaften nicht zum Bewusstsein und zum Erleben kommt, weil das egoistische Motiv Geld-für-sich-selber-verdienen viel zu stark ist. Wie soll ich eine Arbeit lieben, zu der mich die Notwendigkeit eines Einkommens zwingt? Was mich nicht frei lässt, kann ich nicht lieben. Die Arbeit von diesem Bleischleier irgendwie zu erleichtern, scheint mir angemessen, sowohl für den Einzelnen als auch für die Arbeit selbst.“

„Mein Einkommen kommt dadurch zustande, dass verschiedene Menschen mir im Monat einen größeren oder kleineren Betrag auf mein Konto überweisen, so dass ich zurzeit gute 500 Euro habe, mit denen ich einigermaßen auskomme. Unser Freiraum, der sich dazu noch bis heute dagegen wehrt, sich von einer juristischen Person fassen zu lassen, entzieht sich auch einer ´Verkaufbarkeit von Ergebnissen`, zum Beispiel Stiftungen gegenüber, die auch noch das Problem haben, nicht Menschen, sondern gemeinnützige juristische Personen mit Geld fördern zu dürfen oder im höchsten Fall Menschen für bestimmte Ergebnisse honorieren dürfen. Aber wirklich schenken, frei, bedingungslos, mit vollem Risiko, ergebnissoffen? Was soll daran steuerrechtlich gemeinnützig sein?“

04.02.2011

Das offene Feld der Freundschaft. Über Ehrlichkeit und Treue

Ehrlichkeit und Treue gehören zu den Tugenden, die einer freundschaftlichen Beziehung dienlich sind. Sie machen allerdings im Grunde genommen eine Schere aus: Dort wo sie sich kreuzen, tut es manchmal richtig weh. Ehrlichkeit bezieht sich auf Wahrheit, und Wahrheit verstehen wir manchmal als Grundlage unserer Entscheidungen, was „scheiden“ und „trennen“ bedeutet. Mit einem Willen zur Wahrheit, mit Ehrlichkeit also, geht immer eine Gefahr einher: Mein Freund könnte mir etwas enthüllen oder verraten, (oder etwas tun), mit dem ich, warum auch immer, nicht leben könnte oder wollte.

Das Ideal der Treue hingegen, hat mit Wahrheit gerade nichts zu tun; es verspricht eine Verbindung, die darauf beruht, dass Scheidungen und Trennungen gerade nicht anstehen. Die Bedeutung des Wortes Treue geht auf das indo-germanische "deru" zurück, was Eiche bedeutet; Treue heißt also etwa: fest sein wie eine gewichtige Eiche. Vollkommene Treue ist bedingungslos, hat also einen Kern, in dem trennende Überlegungen keine Wirkung oder keinen Einfluss haben. Dort wo Treue herrscht, sind die Verhältnisse gefügt, ist die Welt eindeutig konstituiert, werden unwandelbare und unbezweifelbare Voraussetzungen geschaffen und gehandhabt.

Treue sucht man nicht, man übt sie höchstens aus. Wahrheiten hingegen müssen immer wieder gefunden werden. Wahrheiten nehme ich an, oder lehne ich ab. Die Feststellung, dass etwas „unwahr“ ist, gehört somit wesentlich zur Tätigkeit einer Wahrheitsfindung; anders gesagt: Die Idee der Wahrheit umfasst die Unwahrheit, eben auch die Lüge. Von seinem Wesen her ist Wahrheit vielfältig und differenziert, Treue hingegen erweist sich als einheitlich und geschlossen, was bedeutet, dass ein Akt der Untreue per definitionem das Ende von Treue bedeutet.

Die Tätigkeit der Treue – kann man eigentlich diesbezüglich von einer Tätigkeit sprechen? – umfasst keine Untreue, im Gegensatz zum Willen der Wahrheit der die Unwahrheit mit einschließt. Nur der Wille zur Wahrheit ist im Stande begrifflich Treue und Untreue zu umfassen. Eine Verletzung der Treue läuft deswegen immer über die Wahrheit: Sie stellt fest, dass etwas nicht oder anders gesagt worden ist, eine „Lüge“ also ans Tageslicht gekommen ist, die zu einer Vertrauensfrage führt. Im Zustand des Vertrauens berühren sich Ehrlichkeit und Treue.

Treue ist eine Urgewalt. Sie ist der Wille zum Tragen. Sie ist der Untergrund des Lebens, Basis und Fundament, Masse und Substanz. Auf meine Treue-zu-Dir allerdings ein Licht zu werfen, ist schwierig, vielleicht eben unmöglich, vor allem paradox: Sobald sie beleuchtet wird, wird sie in Frage gestellt. Treue ist eine Sache des reinen Wollens, vergleichbar mit dem Tiefschlaf: Wir kommen mit unserem normalen Bewusstsein nicht an die Treue heran, können sie höchstens „erleben“, was – als Erkenntnis verstanden – ein Akt der Intuition ist.

Treue ist eine Wirkung der Liebe, die sich mit einer Art Tarnkappe in den dunklen Bereich des Wollens hineinbegibt, in untergründige Tunnel und Höhlen des Lebens, und dort Verbindungen stiftet. Im Gewand der Treue zeigt sich die Liebe als eine gewaltige Kraft, die nie in irgendeiner Vorstellung anschaulich gemacht, höchstens innerlich „gehört“ werden kann. Das Warum einer bestimmten Treue ist undenkbar, liegt im Bereich der Sprachlosigkeit, kann höchstens als Gefühl gespürt werden.

Wahrheit hingegen bedeutet immer ein Reflektieren, eine beleuchtende Distanzierung, eine Trennung zwischen mir und Dir, zwischen mir und „Es“; mit ihr geht ein Schritt nach hinten und eine Öffnung nach oben einher, dorthin, wo das Licht von gestern auf den heutigen Tag scheint, wo die in der aktuellen Gegenwart vorhandenen Gegebenheiten in einer breiten Landschaft gezeigt werden. (Um es in den Worten von Sammy zu sagen: Wahrheit wird von links nach rechts, Treue von rechts nach links geschrieben.)

Die beiden Pole zwischen Ehrlichkeit und Treue öffnen in menschlichen Beziehungen ein dynamisches Feld von Spannungen; sie erzeugen kontinuierliche Unsicherheiten, die einen Grund in der Art und Weise haben, wie der Mensch beschaffen ist. Weil der Mensch beides ist, ein denkendes Wesen und ein wollendes Wesen, geht er in jeder menschlichen Beziehung zwischen zwei Säulen hindurch: An der einen Seite steht die leuchtende Wahrheit, an der anderen Seite die verhüllte Liebe; und in der Mitte sein damit ringendes Gefühl.

30.01.2011

Die Dämmerung der Philosophie. Über den Fluss der Sprache

Leider können wir nicht in die Zeit der alten Griechen zurück. Ich sage ‚leider‘, weil ich gestehen muss, dass ich mich manchmal nach der unbefangenen Frische im Denken der alten griechischen Philosophen sehne. Auch heute noch, mehr als zweitausend Jahre später, wirken ihre Texte wie Früchte, die gerade gepflückt wurden und noch nass vom Tau sind. Ihre Worte scheinen noch unbelastet zu sein, die Begriffe frei von Krieg, die Schönheit unmittelbar erotisch.

Solon aus Athen (640 – ca. 560 v. Chr.) soll gesagt haben: „Die Rede sei durch Schweigen zu besiegen, das Schweigen aber durch die Zeit“. Auch heute noch zwingt uns diese Aussage dazu, frisch über die Phänomene des Redens, des Schweigens und der Zeit nachzusinnen. Irgendwie scheint das Rätsel eine Wahrheit zu beinhalten, die wir vielleicht nicht sofort denken können, trotzdem aber spüren. Eine Wahrheit macht sich bemerkbar, bevor wir sie wirklich begreifen.

Von Pittakos aus Mylene (ca. 650 - 570 v. Chr.) ist überliefert: „Bemaltes Holz ist der beste Schutz der Polis“, eine Aussage, die wie die von Solon als Rätsel gemeint war. Klar ist, dass der alte Weise über die Gesetze gesprochen hat, die in Athen auf Holztafeln verzeichnet und in den Straßen aufgestellt wurden. Rätselhaft ist allerdings, warum Pittakos nicht einfach von Gesetzen gesprochen, sondern auf das Holz verwiesen hat.

Und dann der Hammer von Thales aus Milet (erste Hälfte des 6. Jahrhunderts) : „Das älteste der Wesen sei Gott, der unerzeugte, das schönste sei die Welt, das Werk Gottes, das größte der Raum, der allumfassende, das schnellste der Geist, der alles durchdringe, das stärkste die Notwendigkeit, die alles beherrsche, das weiseste die Zeit, die alles erfinde“. Mit dieser Aussage, meinte Thales, wären alle möglichen Fragen über das Leben und die Welt beantwortet. Hinter den Worten ist allerdings ein Lächeln spürbar, vor allem auch, weil der letzte Teil der Aussage – „das weiseste ist die Zeit, die alles erfinde“ – rückwirkend das Ganze fast ironisch in Frage stellt. (Weil es nicht ganz ironisch ist, bleibt die Weisheit dabei.)

Von solchen Aussagen sind wir in der heutigen Zeit weit entfernt. Philosophen schreiben sehr komplizierte Bücher, Politiker machen geschmeidige Aussagen, Wissenschaftler überladen uns mit Ergebnissen von Untersuchungen, Journalisten veröffentlichen täglich Nachrichten und vor allem auch Kommentare, Wikileaks kreiert einen Stau von Dokumenten. Einen Überblick in den Ozean der dringenden Meldungen hat kein Mensch.

In der aktuellen sprachlich-kulturellen und „weltanschaulichen“ Vielfalt werden Worte und Begriffe immer wieder neu definiert, dass heißt erst „dekonstruiert“ und dann wieder neu „konstruiert“. Egal wovon man redet, in fast jedem Diskurs müssen die Worte von Altlasten befreit werden, bevor sie eingesetzt werden können. Meistens, so meine ich, gelingt das nicht nachhaltig, höchstens für die Dauer des entsprechenden Textes.

Es gibt eine ganze Menge von Wörtern, die man nicht mehr benutzen kann, ohne mit Sicherheit Missverständnisse zu erzeugen. Alleine in dem Text, den ich jetzt gerade schreibe, wären als problematisch zu bezeichnen: Denken, Philosophen, Begriffe, Schönheit, erotisch, Leben, Welt, sprachlich, kulturell, weltanschaulich, dekonstruiert, (hat Jacques Derrida damit gerechnet, dass auch der Begriff Dekonstruktion ständig dekonstruiert werden würde?)... Und in jedem weiteren Satz werden Worte und Begriffe auftauchen, deren Bedeutungen (!) sich leicht in der Weite der Vielfalt verlieren.

Dieser Umstand, so scheint es mir, erzeugt zwei Bewegungen. Die erste Bewegung kennen wir alle, sie ist eigentlich gerade als eine Nicht-Bewegung zu beschreiben, weil sie Fixierung bedeutet: wir versuchen die Worte und Begriffe in bestimmten sprachlichen Zusammenhängen – man könnte auch sagen: in Diskursen – festzulegen. Um Missverständnissen vorzubeugen, versuchen wir krampfhaft den Worten eine steinige Eindeutigkeit zu verleihen. Das führt dazu, dass die Worte keine saftigen Früchte mehr sind, wie Pfirsiche, sondern nur noch Kerne ohne Fleisch.

Die zweite Bewegung bemerken wir weniger, sie ist allerdings wichtiger. Sie bedeutet, dass wir uns gerade von den Eindeutigkeiten entfernen und ins sprachliche Spielen geraten. Vor allen in den Kneipen, Schlafzimmern, Küchen, Straßenbahnen und auf der Straße ist diese Tendenz zu beobachten. Sie beruht auf der inneren Haltung, dass es „egal“ sei, wie wir die Dinge benennen, die Hauptsache wäre, dass wir „uns verstehen“. Und diese Haltung steigert sich schwindelerregend, sobald wir uns ins Internet begeben.

Man könnte es auch so sagen: in der Sprache wird immer wichtiger, dass Bedeutungen „intuitiv“ (!!!) ergriffen werden. Nicht das äußere Gewand der Sprache zählt, sondern ihre innere-spielende-verwandelnde Dynamik. Wir fangen langsam an, über die festgelegte Sprache hinaus zu lauschen, kommen somit von durchschaubaren Konzepten weg und finden Zugang zu einer ätherischen (excusez le mot!) Ebene, wo Gegenstände keine Gegenstände mehr sind, Worte keine Flaschen, Meldungen keine Nachrichten, Fußnoten keine semantischen Schrauben.

Und interessant: in der Dämmerung der Philosophie, die mit diesen beiden Bewegungen einher geht, kriegen die Aussagen von Solon, Pittakes und Thales – sie gehörten zu den sogenannten „Sieben Weisen“, die vor mehr als zweitausend Jahren die Philosophie angestachelt haben – eine unerwartete Wirkung. Sie wirken taufrisch, weil sie eine Nähe zum Fließen der ätherischen Welt haben. Um an ihre rätselhaften Bedeutungen heran zu kommen, verlangen sie etwas von uns, was wir gerade lernen wollen: uns dezentriert in der Vielfalt immer wieder neu erfinden.

22.01.2011

Sammy heute an Samuel. Auch über die dreiunddreißig Zaunkönige

Lieber Samuel, ich möchte Dir heute keine mitteilenden, sondern stiftende Worte schreiben, Worte also, die in der Schrift zwar von links nach rechts, im Innenraum zwischen uns allerdings von rechts nach links laufen, wie wir es damals, als wir noch auf der Suche waren und unsere Eltern nicht finden konnten, gelernt haben, da oben, wo der Rhein nicht von Süden nach Norden, sondern von Norden nach Süden fließt.

Wir müssen, so meine ich, in unserer Sprache jeden festen Grund vermeiden, jede Architektur ausschließen – alles was perfekt quadratisch oder perfekt rund ist, in einen Wirbel bringen, in eine verwirrende Bewegung nach oben auflösen, wie dreiunddreißig Zaunkönige, die sich auf einer Fliese versammelt haben – das würden sie natürlich nie tun – und sich dann auf einmal in die Höhe verlieren wollen.

Wir müssen also mit unserer Sprache aufsteigen, herum flattern, ungenau werden, oder vielleicht besser gesagt: eine neue Genauigkeit finden, die sich – wie die Würde des Menschen – nicht fotografieren lässt, nicht einmal in der Sprache selber dokumentiert werden kann, weil die Wörter und die Worte und die Redewendungen sich nur auf dasjenige beziehen wollen, was gerade nicht koordiniert ist.

Nun denkst Du vielleicht, dass die Redewendung „Bewegung von rechts nach links“ auch auf bestimmten Koordinaten beruht, und natürlich hast Du recht: unsere Sprache hat immer einen Bezug auf irdische Verhältnisse. Links ist auf der Erde nun einmal nicht rechts, rechts nicht links. Ich rede allerdings von einem Rechts, das gleichzeitig auch Links bedeutet, dass heißt: mein Rechts beinhaltet bereits von Anfang an auch ein Links. Und es wird Dir einleuchten: wenn man rechts lange genug weiter denkt, kommt man letztendlich von rechts zu rechts, was dann auf einmal links geworden ist.

Ja, Samuel, ich will Dich heute mit meiner Sprache verwirren, weil nur in der Verwirrung die großen Drei verborgen liegen: Anfang, Wink und Wandlung. Hat es nicht bereits Rainer Maria Rilke vom Dichter gesagt: „Da schufst du ihnen Tempel im Gehör“. Weißt Du – ja, jetzt wird es so richtig verwirrend – wer mit „ihnen“ gemeint war? Lies das einmal bei Rilke nach, und Du wirst finden: mit „ihnen“ sind die Tiere gemeint, die aufgehört haben zu brüllen und schreien, und „nicht aus Angst in sich so leise waren, sondern aus Hören“.

Was, wenn das Wilde auf einmal leise wird? Nein, dadurch, dass das Wilde auf einmal leise wird, ist es nicht gezähmt oder koordiniert oder auf einer Fliese übersichtlich zusammengebracht. Sind dreiunddreißig Zaunkönige auf einer Fliese „übersichtlich“? Nein, das sind sie nicht. Nichts ist so verwirrend und unmöglich und undenkbar wie dreiunddreißig Zaunkönige auf einer einzelnen Fliese. Wie gesagt: die kleinen-großen souveränen Hoheiten würden es nicht zulassen, so zusammen gepresst zu werden. Ich behaupte eben, dass es dies nicht ein einziges Mal in dem langen-langen-langen Werdegang unseres Planeten gegeben hat: dreiunddreißig Zaunkönige auf einer Fliese! (Nun ja, vielleicht einmal: in diesem Text.)

Was still wird, ist dadurch nicht quadratisch oder rund geworden. Stille mit Ordnung zu verwechseln, ist ein Fehler, groß genug für sieben mal sieben Jahre harter innerer Arbeit, Jahre die von rechts nach links verlaufen... So ist es mit Fehlern: sie beschäftigen uns immer wieder, leider von links nach rechts, und erst wenn wir uns auf die Verwirrungen einlassen, lösen sich die Knoten in uns.

Da oben sind die Wörter und Worte und Redewendungen frei von Flaschen. Etiketten und Alkoholprozentangaben, und die Logik der Nur-drei-Farben, grün, weiß und braun, gibt es da oben nicht. Der Reichtum der Farben wäre nicht auf drei Löcher in riesigen Containern zu reduzieren, nicht „im Grunde genommen nicht“ (ich will heute nicht gründen, sondern stiften), sondern „in der Luft genommen“ nicht. Gibt es so etwas wie drei oder sieben oder eben zwölf Löcher in der Luft?

Ich nenne Dich heute Samuel und Jan und Louis und Hannelore und Jessica und Vanessa und Rainer und Sebastian und Annette und Rob und eben Angela. Ich möchte Dich bei deinen dreiunddreißig wahren Namen nennen, bis zu Sammy, deinem letzten Namen, ganz rechts am Ende der Auflistung, dort also, wo rechts auf einmal links geworden ist. Und mit dreiunddreißig Namen sind nicht dreiunddreißig Namen gemeint, sondern ALLE Namen, die keine Namen sind, sondern Stiftungen, die entzünden. Von allen Namen gehen stiftend alle Namen aus.

16.01.2011

Konzepte sind immer fertig. Über die Hoffnung der Initiation

Wie fertig ist die Welt? Wenn wir auf das gesellschaftliche Leben schauen, könnten wir meinen, dass bereits alles, was wir brauchen, vorhanden ist. Für alle möglichen Fragen und Probleme gibt es Spezialisten, Verfahren und Lösungen: Um Krankheiten zu heilen, gibt es Ärzte und Therapeuten; um Konflikte zu lösen, gibt es Richter und Schlichter; um die (manchmal schwierige) Zusammenarbeit zu verbessern, gibt es Supervisoren; um finanzielle Engpässe zu bewältigen, gibt es Schuldenberater; um Kindern mit Defiziten zu helfen, gibt es Heilpädagogen; und um zu seinem höheren Selbst zu gelangen, gibt es sogar dafür mittlerweile spirituelle Dienstleister.

Vor allem gibt es aber eine ganze Menge von „Konzepten“. So wird von „strategischen Plänen“, „Evaluations-Techniken“, „Krisenmanagement“, „Schicksalslernen“ und sogar „Trauermanagement“ gesprochen. Es geht dabei um bestimmte „Methoden“, die gedanklich klar zu greifen sind – sie sind überschaubar und beinhalten immer zumindest drei „Schritte“, manchmal eben zwölf – und deswegen in unterschiedlichen Situationen operabel sind. Kennt man sich mit dem entsprechenden Konzept aus, kann man es anwenden.

Schon die Sprache verrät aber, auf welcher Ebene die Lösungen gesucht werden. Wörter wie Strategie, Management und Techniken haben zum Beispiel einen gemeinsamen Bedeutungskern – sie unterstellen, dass man das Leben im Griff haben KANN. Nun scheint es auch mir richtig zu sein, dass man sich Gedanken über das Leben macht und versucht, sich dementsprechend zu verhalten. Sobald man allerdings meint, dass damit alle Rätsel des Lebens gelöst werden können, erzeugt man ein noch größeres Problem.

Und das noch größere Problem könnte so beschrieben werden: Hoffnungen, die konzeptionell zu expliziten und evaluierbaren Erwartungen verdichtet werden, hören auf Hoffnungen zu sein. Das Wesen der Hoffnung ist offen, das Wesen der Erwartung geschlossen. Das berechtigte methodische Bedürfnis, gewisse Probleme über Konzepte in den Griff zu kriegen, hat einen Schatten, der manchmal von Supervisoren, Beratern oder Dienstleistern übersehen wird. Das konzeptionelle Denken, um es einfach zu sagen, ist immer ein Ergebnis des gestrigen Tages – es beruht einseitig auf etwas, was wir schon kennen, was also aus unseren Erfahrungen stammt.

Die Sachen und Dinge des Lebens die im Kommen sind, können prinzipiell nicht von Konzepten ergriffen werden. Sie sind immer neu. Und Neuigkeiten – man könnte an dieser Stelle auch von Ereignissen sprechen: etwas „ereignet“ sich – haben die wunderbare Wirkung, dass sie bestehende Konzepte sofort umkrempeln. Das Neue passt natürlich immer in das Alte, das ist keine Frage, aber nie in unsere Vorstellungen des Alten. Was wir DENKEN, was die Vergangenheit ausmacht, müsste sich nämlich ständig ändern, der Gegenwart entsprechend. Konzepte, vor allem wenn sie aus ideologischen Gründen nicht in Frage gestellt werden dürfen, sind hartnäckige Phänomene, die erstens die Laien verunsichern (sie blicken nicht durch) und zweitens den Profis einen bequemen Stuhl bieten.

Alle Menschen haben Probleme. Ohne Probleme hätte das Leben keinen Sinn. Nun scheint es mir so zu sein, dass in der direkten Nähe eines Menschen-mit-Problemen, wenn man also von Angesicht zu Angesicht steht, dieser Mensch immer als einzigartig und einmalig erscheint. Bernard Lievegoed – er war auch Arzt – hat es mir einmal gesagt: „Menschen mit Krebs gibt es nicht, es gibt höchstens Menschen, die sich auf ihrer Art und Weise mit der Krankheit namens Krebs auseinandersetzen“. Und noch radikaler über Aids: „Aidspatienten sind eine gesellschaftliche Erfindung. Eine neue soziale Entwicklung wird über eine sogenannte individuelle Krankheit hinweg definiert. Das Neue wird gar nicht gesehen, weil das alte Denken im Wege steht“.

Was das Neue in Bezug auf Aids beinhaltet, kann an dieser Stelle nicht ausgeführt werden. Mir geht es darum, zu betonen, dass die direkte Nähe zu einem Menschen-mit-Problemen immer dazu führt, dass die bekannten Kategorien sich auf einmal als weniger relevant erweisen. Jedes Lebensproblem ist im Grunde genommen mit dem Weg eines konkreten Menschen verbunden, mit einer (nun ja, sagen wir: biographischen?) Fragestellung, die wie ein Rätsel, oder vielleicht schöner: ein Mysterium im Raum der Nähe erscheint. (Ja, man könnte von einer biographischen Frage sprechen, müsste allerdings daraus kein neues „Fach“ machen: Lebensprobleme sind in diesem Sinne immer fachübergreifend.)

Ich kenne eigentlich nur einen Begriff, der zumindest halbwegs andeutet, wie die hier gemeinten „biographischen“ Vorgänge zu verstehen sind. Rudolf Steiner hat davon gesprochen, dass es einmal eine Zeit geben könnte, in der die „Initiation zum Zivilisationsprinzip wird“. Also: Initiation... In seinen hoffnungsvollen Vorstellungen – von Konzept kann man an dieser Stelle wirklich nicht sprechen – könnte es so sein, dass Kindergärten, Banken, Unternehmungen, Krankenhäuser und Bahnhöfe zu Orten der Initiation werden. Um dies zu erreichen, müssten allerdings Freiräume-der-Nähe geschaffen werden, Räume also, in denen sensibel auf Konzepte verzichtet wird. In diesen Räumen ginge es eher darum, auf die delikaten Dinge des Herzens zu schauen, und auf das zu lauschen, was im Kommen ist.

07.01.2011

Nochmals über das Lauschen. Hat die Konferenz schon angefangen?

Ich bleibe auch in dieser Woche beim Lauschen. Was höre ich im neuen Jahr? Welche Stimmen klingen in mir? Was steigt bei meinem Lauschen aus dem Ozean der Sehnsüchte hoch, was will verdichtet werden zum Vorsatz und zu einer Entscheidung? Welche Weichen wollen gestellt, welche Bestimmungen erreicht, welche Fäden geknüpft werden? Wohin geht die Reise im Morgenland?

Auf Spanisch spricht man von „Levante“, dem Osten, dem Bereich des Himmels, wo sich die Sonne „hebt“. Wenn man auf die Levante schaut, sich auf sie orientiert (Orient: der Osten) richtet man sich auf die Dinge, die im Kommen sind. Mit dem Ansteigen der Sonne werden die Schatten zwar kleiner, sie schrumpfen, ziehen sich quasi in die Gegenstände zurück, verschärfen und vertiefen sich allerdings auch. In den Osten zu blicken bedeutet innerlich: auf „Ostern“ zu zugehen, auf Tod und Auferstehung.

Was höre ich? Es gibt Stimmen in mir, die von der Vergangenheit sprechen. Sie erzählen von Ereignissen, an denen ich beteiligt war, und die aus irgendeinem Grund nicht ad acta gelegt werden können. Sie erscheinen allerdings traumhaft und in einem neuen Licht, das sie leichter und überschaubar macht. Die zarten Erzählungen betreffen zwar schmerzhafte Vorfälle, sind aber getragen von einem sanften Willen zur Versöhnung. Ihre behutsamen Beschreibungen wecken in mir ein Verlangen zum Verzeihen.

Gleichzeitig erzeugen sie Angst, Unsicherheit, Zweifel... Eine Stimme sagt mir, dass ich die Vergangenheit in Ruhe lassen soll, ich habe mich doch damals richtig bemüht, ja eben verausgabt, um den Ansprüchen gerecht zu werden, um mich mit den Beteiligten auseinanderzusetzten, um die hohen Ziele zumindest halbwegs zu erreichen? Mir im Nachhinein einen Vorwurf zu machen, so besagt die Stimme, würde heißen, dass ich mich selbst nicht respektiere.

Ich verstehe diese Stimme. Aber eine andere Stimme verstehe ich allerdings auch: Sie weist mich leise darauf hin, dass es gar nicht um mich geht, gar nicht um die Frage geht, ob ich „richtig“ gehandelt habe, sondern darum, ob ich heute, nach so vielen Jahren, einen neuen Blick auf die Vergangenheit werfen, neue Erkenntnisse haben, mich auf neue Stimmungen einlassen kann. Die Frage der Richtigkeit, sagt diese Stimme, bezieht sich nicht auf die Vergangenheit, sondern auf die Gegenwart.

Diese Stimme will nicht überzeugen. Sie sagt einfach, was sie zu sagen hat, und ist in eine freilassende Stimmung eingebettet, die vielleicht noch am besten mit dem Adjektiv „wohlwollend“ anzudeuten ist. Sie will zwar etwas von mir, überlässt mir allerdings das Wollen. Und seltsam: würde ich nicht wollen, was sie will, findet sie dies auch in Ordnung. Sie würde sich nicht einmal von mir abwenden.

Dann gibt es in mir Stimmen, die sich auf heute und morgen und übermorgen und das ganze kommende Jahr richten. Sie verwirren mich, sind schwer einzuordnen, kommen nicht aus einem Zentrum, das ich lokalisieren könnte, sondern bewegen sich aus einer „levantischen“ Peripherie auf mich zu. Sie beziehen sich auf konkrete Sachen: auf Freunde und Feinde, auf versöhnende Worte und öffnende Aussagen, auf Treffen auch, irgendwann und irgendwo, die nur dann stattfinden werden, wenn ich das will.

Vielleicht könnte ich es am besten so sagen: die Stimmen aus der Peripherie versuchen offenbar ein Licht auf die Möglichkeiten zu werfen. Was wäre, wenn ich Freund X, Feind Y und Weggefährte Z zu einem Gespräch einladen würde, um gemeinsam auf Vergangenes zu blicken? Was könnte ich dann, von Angesicht zu Angesicht, ihr oder ihm sagen? Wie könnte ich mich entschuldigen, wie könnte ich sie oder ihn erreichen, welche konkreten Worte könnten ausgesprochen werden?

Und durch diese Annäherung findet das Treffen eigentlich schon statt, zwar in mir, – dort, wo ich bei mir und bei dir bin - vielleicht allerdings somit auch schon in dir? Vielleicht lauschst Du schon längst mit, in dieser inneren Welt der Stimmen? Vielleicht schaust du, genau wie ich, auf diese verwirrenden und verlockenden Möglichkeiten, auf diese potentiellen Annäherungen, die nicht mehr potentiell sind, sobald wir sie annehmen und aufnehmen und ernst nehmen? Hat die Konferenz, das Konzil, das Treffen schon begonnen? Vielleicht rede ich schon in dir und du in mir.

Lebendige Vergangenheit bezieht sich immer auf lebendige Zukunft. Im inneren Lauschen gibt es keinen Unterschied zwischen Vergangenem und Kommendem. Im geistigen Raum der inneren Nähe gibt es nur eine Wirklichkeit, die der Gegenwart. Sich vertrauensvoll aus diesem aktuellen Lauschen zu Vorsätzen und Entscheidungen vorzutasten, bedeutet im Grunde genommen: Sich als souveräne Hoheit in das kommende Jahr hineinzubegeben. Das Jahr und ich: wir wollen auseinander hervorgehen.

31.12.2010

In den zwölf heiligen Nächten (2). Über das Lauschen, Fragen und Wollen

In den heiligen Nächten steht das Lauschen an. Im Lauschen, so schrieb ich letzte Woche, werden wir still. „Wir hören auf das, was im Kommen ist, was Anfang, Wink und Wandlung bedeutet, was geboren werden will und unser Lauschen braucht, um in der Gegenwart ankommen zu können“. In den Kommentaren auf meinen Text entstand darauf eine interessante Wendung, die mich seitdem beschäftigt.

Die Wendung hat mit einer Frage zu tun, und zwar mit dieser: Liegt dem inneren Lauschen nicht immer eine – vielleicht verborgene – Frage zu Grunde? Kann man lauschen, ohne zu fragen? Bedeutet Lauschen nicht einfach: Eine Frage zu haben, die sich darin zeigt, dass wir etwas hören wollen? Oder vielleicht anders gesagt: Wenn ein Wollen vorliegt, in diesem Fall ein Wollen zum Lauschen, können wir dann sagen, dass somit in uns immer auch eine – vielleicht verborgene – Frage lebt?

In dieser Wendung vom Lauschen zum Fragen öffnet sich ein ganz großes Thema, das nicht nur mit dem Lauschen, sondern überhaupt mit dem Wollen zu tun hat. Man könnte das Wollen als eine unbewusste seelische Tätigkeit verstehen – im Wollen schlafen wir, erst im Denken sind wir komplett wach – die überhaupt als die Quelle unserer Fragen zu definieren wäre. Die Wendung beinhaltet also drei Schritte: der erste Schritt führt zum Lauschen, der Zweite zum Lauschen-als- Frage, der Dritte zur Frage-als-Wollen.

Ich will immer ETWAS hören. Wenn wir diesem Gedanken nachgehen, kommen wir zwangsläufig zu Platon, der meinte, dass wir uns nur nach etwas sehnen können, was wir schon kennen – wir haben es nur vergessen. Alles Wollen und somit alles Fragen geht aus Sicht des griechischen Philosophen darauf zurück, dass es einmal eine Verbindung gab, eine Art einheitliche und runde Beziehung, die allerdings verloren gegangen ist. Platon zufolge sind wir immer auf der Suche, das zu heilen, was zerbrochen ist. Diese Sichtweise gehört zu den Kerngedanken einer spirituellen Lebensauffassung, und sie bedeutet im Grunde genommen, dass mich nur dasjenige berührt, was (schon) zu mir gehört.

Der (aristotelische) Einwand liegt nahe: In der platonischen Sichtweise kann es so etwas wie das „Neue“ nicht geben. Ich lasse die Spannung zwischen Altem und Neuem für heute einfach im Raum stehen. Um Platon allerdings nicht nackt dastehen zu lassen, diesbezüglich nur eine Bemerkung: das Neue liegt für Platon gerade in der Wiederkehr des Alten. Neu ist aus seiner Sicht, was wir aus dem Bereich des Verlustes bewusst zurück erobert haben.

Was ist aber eigentlich eine Frage? Spannend ist, was die Sprachwissenschaftler über das Verb „fragen“ zu sagen haben. Das Wort kommt so nur in der deutschen und niederländischen Sprache vor (vragen), und ist überraschenderweise mit „Furche“ (Ackerstrecke) verwandt. Die Grundbedeutung des Verbs ist also: „wühlen und aufreißen“, und damit sind wir in der Tat im Bereich des Wollens angekommen: erstens weil das unbewusste Wollen uns immer wieder aufwühlt, zweitens weil der Akt des Fragens zu etwas Aufgewühltem führt. Es ist wie mit einem Acker: Um neues Leben zu ermöglichen, muss er aufgewühlt werden.

Das innere und äußere Lauschen könnte also gleichzeitig in zwei Richtungen gehen: ich lausche auf „Etwas“ (eine zarte Stimmung in mir, das Singen einer Amsel beim Sonnenuntergang) und versuche mich so in meine Ohren hinein zu begeben, dass ich wirklich bei und mit und in diesem „Etwas“ bin. Um dies zu erreichen, muss ich mich irgendwie in etwas „Fremdem“ (was allerdings vielleicht gar nicht so fremd ist) verlieren. Und ich bewege mich gleichzeitig nach innen, zu diesem Ort, wo ich bei und mit und in mir bin, wo mein „sanfter Wille“ (Georg Kühlewind) sich bemerkbar macht.

Der vollkommene Akt des Zuhörens bedeutet so gesehen zweierlei: ich schlafe in „Etwas“ ein (verliere mich) und wache in einer Frage auf (finde mich wieder), die schon vorher meine unbewusste Frage war, im Aufwachen aber zur bewussten Frage wird. Wenn es zum Beispiel um das bezaubernde Singen einer Amsel geht, fällt mit sofort ein, was meine lebenslange Frage beinhaltet: Was macht die passionierte Mischung von Melancholie, Vertrauen und Dankbarkeit aus, diese herzzerreißende Hingabe zum Abschied? Und ich weiß, warum ich meine Freunde und Verwandten nicht gerne zum Bahnsteig begleite: Mit dieser leidenschaftlichen Art des Abschieds tue ich mich immer schwer. Ich sage lieber einfach: Tschüs!

Mit welcher Frage lebe ich aber in diesen heiligen Nächten? Ich sitze gerade in meiner Küche, schreibe diesen Text und höre auf Johann Sebastian Bachs „Wohltemperiertes Klavier“. Ich weiß nie, ob ich Bach hasse oder liebe, auf jeden Fall berührt er mich immer wieder. Und meine Frage ist auf einmal klar: Ich möchte so schreiben und leben, wie er Musik gemacht hat. Die unendlichen und vielseitigen Motive des Lebens trotz aller Dissonanzen transparent machen, das ist das, wonach ich mich heute sehne, da liegt meine Frage, das ist das, was ich will. Ich danke meinen Leserinnen und Lesern für diese schöne Wendung und hätte noch die Frage: was wollt ihr?

25.12.2010

In den zwölf heiligen Nächten. Die Entzündung einer Kultur des Herzens

In den zwölf heiligen Nächten, so besagt die Tradition, öffnen sich die Türen zur geistigen Welt. Die Schwelle zwischen Himmel und Erde, so heißt es, wird durchlässig. In der Verinnerlichung, die mit Weihnachten einher geht, wird ein gesteigerter Dialog zwischen mir und Mir, zwischen dir und Dir und – würde ich sagen – zwischen Dir und Mir möglich. Und weil es sich um einen geistigen Dialog handelt, der über die üblichen Erkenntnisse hinaus geht, steht die Tätigkeit des Lauschens an.

Lauschen gehört zu den schönsten Wörtern der deutschen Sprache. Lauschen ist eine Sache der Ohren, diese wunderbaren und eleganten Wölbungen an unseren Häuptern, die sanft das greifen, was eigentlich nicht zu ergreifen ist. Wenn man versucht die Laute des Wortes zu „schmecken“ – Wörter zu schmecken ist eine poetische Haute Cuisine – gerät man innerlich spontan in eine Bewegung, die irgendetwas mit schleifen und rauschen und tasten und auch mit fangen zu tun hat – einem Fangen allerdings, das eher passiv funktioniert, so, als ob es gelänge, Schmetterlinge dazu zu verführen, freiwillig ins Netz zu flattern.

Lauschen ist eine ganz leise und ganz zarte Implosion. Die Ohrmuscheln wölben sich nach außen, werden von Klängen berührt, die sie in sich aufnehmen und nach innen leiten, man könnte vielleicht besser sagen: nach innen begleiten, und dort – wo ich bei Mir bin – eine neue Form anbieten, eine wesentliche Existenz. Rainer Maria Rilke dichtete: „Da stieg ein Baum. O reine Übersteigung!/ O Orpheus singt! O hoher Baum im Ohr!/ Und alles schwieg. Doch selbst in der Verschweigung/ ging neuer Anfang, Wink und Wandlung vor.“

Im Lauschen werden wir still. Wir hören auf das, was im Kommen ist, was Anfang, Wink und Wandlung bedeutet, was geboren werden will und unser Lauschen braucht, um in der Gegenwart ankommen zu können. Ohne stilles Lauschen - keine Geburt. Das Bild ist uns ja vertraut: man setzt sich bei einer Kerze nieder, wird still wie die sanft flackernde Flamme, und lauscht... Und im Lauschen gelangt man in sich selber an eine Schwelle, wie im Winterwald: schüchtern wagen sich Rehe aus dem Dunkel auf die Lichtung.

Es geht beim Lauschen nicht um klare Gedanken, sondern um Gefühle, die wir manchmal ein bisschen unbeholfen mit Ahnungen, Sehnsüchten und Träumen gleichsetzten. Eigentlich müssen wir allerdings einräumen, dass uns die richtigen Worte fehlen. Die Stimmungen, die an der Schwelle zur geistigen Welt auf uns zu kommen, sind eher als Gestalten zu verstehen, mit denen man „sprechen“ kann – ein Sprechen, das eigentlich ein gegenseitiges Lauschen bedeutet. Gefühle – nicht Emotionen sind hier gemeint – sind tatsächlich wie Rehe: sie haben eine eigene Gestalt, einen eigenen Willen, eine eigene Domain.

In den heiligen Nächten geht es also um Natalität, um das ständige und meistens unbewusste Geschehen in uns, das uns leise nach vorne bringt. In den ersten heiligen Nächten bieten sich die Ahnungen und Sehnsüchte an, die uns berühren und verführen, dann folgen die Vorsätze, die wie Navigationsinstrumente im Reich-des-im-Kommen-Seins wirken: ein Vorsatz ist genau das, was das Wort ausdrückt: ein Vor-Satz, man kann sich immer statt nach links doch noch nach rechts bewegen. Und wenn die heiligen Nächte durch den Jahreswechsel geschritten sind, taucht das Bedürfnis nach Entscheidungen auf. Die Gestaltung des kommenden Jahres beruht auf der Aktivierung dieser großen Drei: Sehnsucht, Vorsatz und Entscheidung.

Interessant: beim Lauschen werden Sehnsüchte, Ahnungen und Träume aktiv. Sie bekommen einen Raum, einen inneren Ort, in dem sie in Erscheinung treten können, in dem sie ihre eigene Geschichte erzählen können, eine Erzählung, die es nur gibt, wenn wir ihr lauschen. Erzählungen, die nicht gehört werden, gibt es nicht, (so wie es auch keine Texte gibt, die nicht gelesen werden). Wäre es nicht schön, die verborgenen Erzählungen der heiligen Nächte ins Licht zu heben? Mit unserem Versuch entzündet sich eine Kultur des Herzens.

18.12.2010

Praktiken einer Kultur des Herzens (2). Über die Unternehmung Sil

In meinem vorletzten Weblog (05.12.2010) schrieb ich Folgendes über einen guten Freund, den ich als Schicksalsgefährten betrachte: „Sein Begabungsprofil besteht daraus, dass er konkret spüren kann, welche Potenziale zwischen den Menschen verborgen liegen. Man könnte nicht einmal sagen, dass er ein NETZWERKER ist, weil seine erweckenden Tätigkeiten weit darüber hinaus gehen. Ich betrachte ihn als einen SCHICKSALSWERKER“.

Auf der finanziellen Ebene, so berichtete ich weiter, kriegt er sein Leben allerdings nicht organisiert, was auch damit zu tun hat, dass die öffentliche Anerkennung für seine Begabung fehlt. Dazu schrieb ich: „Letztendlich müssen und können und dürfen es doch die „freien“ Bürger sein, die „Freunde“ also, die sich aus Freiheit dieser Verpflichtung stellen? Praktisch gesagt: zwanzig mal fünfzig Euro im Monat würden tausend Euro bringen. Und davon könnte ein erfahrener Schicksalswerker, der gewohnt ist, mit wenig Geld auszukommen, für eine Weile gut leben, sagen wir erst einmal: für ein Jahr?“ In den Kommentaren auf meinen Vorschlag entstand eine interessante Debatte – ich empfehle den Lesern, die neu dazu stoßen, die Beiträge nachzulesen.

Ich möchte an dieser Stelle von mir aus Folgendes sagen. Erstens sei gemeldet, dass viele Menschen per Email oder am Telefon auf den Vorschlag positiv reagiert haben. Es sieht so aus, dass Menschen aus drei Ländern – Belgien, Holland und Deutschland – sich an dem Projekt beteiligen werden. Die Gründe dafür sind unterschiedlich: manche Menschen haben geahnt oder erkannt, um wen es hier konkret geht, und halten die Arbeit meines Freundes für wichtig. Andere meinen, dass die Zeit für solche Projekte reif sei. Warten auf „politische Entscheidungen“ (zum Beispiel in Bezug auf das Bedingungslose Grundeinkommen) würde nicht nur heißen, dass Chancen verpasst werden, sondern vor allem auch, dass an der persönlichen Verantwortung von freien Bürgern vorbei gegangen würde.

Ich werde in der nächsten Zeit von diesem Projekt auf meinem Weblog weiter berichten. Ich nehme mir die Freiheit, dem Projekt einen Namen zu geben: „Unternehmung Sil“. Dieser Titel kommt von einem Strandgutsammler aus Terschelling namens Sil. Er hatte am Ende des neunzehnten Jahrhunderts den Mut, seinen Sehnsüchten zu folgen, entgegen den moralischen Gepflogenheiten seiner Zeit. Wie der Strandräuber Sil wandert mein Freund ständig zwischen sozialem Festland und dem Meer der Zukunft: die soziale Brandung ist sein weites Arbeitsfeld.

Zweitens möchte ich ein paar Missverständnisse wegräumen. In einer Kultur des Herzens wird nicht von „helfen“ gesprochen, sondern von „unterstützen“. Es geht ganz und gar NICHT darum, karitativ zu sein: von dem Gedanken, dass es „arme“ Menschen gibt, die von den Wohlhabenden Hilfe bekommen, ist eine Kultur des Herzens weit entfernt. Man sollte dazu an dieser Stelle auch verstehen, dass mein Vorschlag, 50 Euro pro Monat beizusteuern (was für manche Menschen viel Geld ist), nicht entscheidend ist. Einige Menschen haben dies auch erkannt, und sich auch mit einem geringeren Betrag gemeldet. Letztendlich könnte man auch EINEN Euro pro Monat beitragen – es geht nicht um die Menge, sondern um die Beteiligung. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob man diesbezüglich eigentlich – wie üblich – von „Schenkgeld“ sprechen kann.

Es geht um die Beteiligung an der Biographie eines anderen Menschen, und die geht ja nicht ausschließlich über eine finanzielle Ebene. Wenn wir von „neuen“ Gemeinschaften reden – und sehnen wir uns nicht danach? – bleibt alles Gerede nur Gerede, wenn der Ausgangspunkt nicht in den konkreten Beziehungen zu konkreten Menschen gefunden wird. Es sind die individuellen biographischen Fragestellungen, die zeigen wo es lang geht, nicht die gesellschaftlichen, ideologischen und politischen Ziele – die doch immer abstrakt sind – und den heutigen Diskurs beherrschen. Die Achsen neuer Gemeinschaften bestehen aus freien und gewollten Beziehungen, und aus entsprechenden Entscheidungen die von Angesicht zur Angesicht getroffen werden.

Der französische Beziehungsphilosoph Emmanuel Lévinas beschrieb die aktuelle Lage in der europäischen Gesellschaft so: „Man möchte [in der heutigen Gesellschaft; JvdM] ein Verständnisprinzip, das den Menschen nicht mehr umfasst, dass das Subjekt ein Prinzip aufstelle, das nicht mehr von der Sorge um das Schicksal des Menschen umfasst werde.“ An die Stelle konkreter Beziehungen sind Staaten, Banken und karitative Stiftungen getreten, die – so besagt das Dogma – „objektiv“ urteilen können. In einer Kultur des Herzens existiert diese Objektivität nicht, weil Schicksal immer eine persönliche-überpersönliche Angelegenheit ist.

Mit konkreten Schicksalen sind konkrete Aufgaben, Anliegen und Vorsätze verbunden. Andere Aufgaben, Anliegen und Vorsätze gibt es nicht. Die Zeit, dass Menschen sich im Rahmen einer politischen Partei, einer Gewerkschaft oder einer wohlwollenden Stiftung auf abstrakte Ziele einigen konnten, ist längst vorbei. Die Knotenpunkte in einer Kultur des Herzens beruhen auf der gegenseitigen und freien Anerkennung der Begabungen und Intentionen von Menschen, die sich als Schicksalsgefährten verstehen. (Und es muss nicht einmal sein, dass man seine Schicksalsgefährten auch privat kennt.)

Eine große Frage bleibt allerdings, wie solche Projekte gestaltet werden. Ich werde die „Unternehmung Sil“ in der nächsten Zeit als Anlass nehmen, auf die Frage des Geldes und seiner Existenz in einer Kultur des Herzens zu schauen. Ich würde mich über Beiträge, Kommentare und Vorschläge sehr freuen, weil in einer Kultur des Herzens der Weg nur gemeinsam gefunden wird. Ich würde sagen: was wir brauchen sind Konferenzen an der Brandung.

12.12.2010

Ein unsichtbares Komitee. Der kommende Aufstand

Ich räume ein, der Text hat mich elektrisiert. Vor allem die ersten siebzig Seiten sind brillant geschrieben, die Analysen scharf und manchmal sehr überzeugend, die rhetorischen Flammen heiß, Ton und Inhalt souverän. Der Text nennt sich ein Manifest, die Autoren kommen aus Frankreich, bleiben allerdings anonym. Ein Aufstand wird nicht ausgerufen, sondern einfach angekündigt. „Wir befinden uns schon jetzt in der Untergangsbewegung einer Zivilisation. Das ist der Punkt, an dem man Partei ergreifen muss“, schreibt das Komitee, das aus strategischen Gründen „unsichtbar“ bleiben will…

Die Probleme sind bekannt: Arbeitslosigkeit, Finanzkrisen, Umweltkatastrophen, Migration, das Auseinander fallen von Europa... Das unsichtbare Komitee meint allerdings, dass die eigentliche Krise eine andere ist. „Die Erhaltung des Ichs in einem Zustand des permanenten Halbverfalls, in einem chronischen Halbversagen, ist das am besten gehütete Geheimnis der aktuellen Ordnung der Dinge“, schreibt es.

Und: „Das schwache, deprimierte, selbstkritische, virtuelle Ich ist wesensmäßig das unendlich anpassungsfähige Subjekt, das von einer Produktion erfordert wird, die sich auf Innovation, beschleunigten Verfall der Technologien, beständige Umwälzung der gesellschaftlichen Normen, verallgemeinerte Flexibilität begründet“. Hier wird also nicht auf die „anerkannten“ Probleme geschaut, sondern auf die Stelle des individuellen Menschen in einer Gesellschaft, die mit dem individuellen Menschen nicht rechnet.

Der Mensch, so meint das Komitee, ist von jeder Zugehörigkeit losgerissen: von seiner Familie, seinen Freunden, seinem Viertel, seiner Geschichte, seinem Beruf und seiner Berufung, nichts gehört ihm mehr. Durch die Zwänge der Wirtschaft ist er „enteignet“ von seinem Selbst: er soll nicht arbeiten um sein Leben zu leben, sondern sein Leben aufgeben, um zu arbeiten. Was sein Leben ausmacht, innerlich und äußerlich, ist schon längst nicht mehr relevant. Der Mensch ist sich selber fremd geworden, und „sein Hass gegen den Fremden verschmilzt mit dem Hass gegen sich selbst als Fremden“.

Das sind kräftige Sätze, die viel Wahrheit beinhalten. Ganz stark sind auch die folgenden: „Es gibt keine Umweltkatastrophe. Es gibt diese Katastrophe, die die Umwelt ist. Die Umwelt ist das, was dem Menschen übrig bleibt, wenn er alles verloren hat.“ Und: „Was als Umwelt erstarrt ist, das ist eine Beziehung zur Welt, die auf der Verwaltung aufbaut, das heißt auf der Fremdheit“. Rudolf Steiner würde an dieser Stelle sagen, dass die Katastrophe keine Katastrophe, sondern eine Chance der jungen Bewusstseinsseele ist. Die Katastrophe bestünde aus seiner Sicht eher daraus, dass sie nicht als Chance wahrgenommen wird.

Als letzter starker Satz: „Zu jedem Leben gehört eine Dosis Wahrheit, die das abendländische Konzept nicht kennt.“ Weniger stark scheinen mir allerdings die revolutionären Vorschläge zu sein, die auf den letzten dreißig Seiten des Manifestes gemacht werden. Die erste Empfehlung ist immer noch stark: fange bei deinen Wahrheiten an. „Eine Wahrheit ist nicht etwas, das man besitzt, sondern etwas, das einen trägt“. Auch die zweite Empfehlung trifft zu: nimm deine Freundschaften ernst. „Jede Begegnung ist Begegnung IN einer gemeinsamen Affirmation“. Das klingt nach einer Kultur des Herzens.

Mit ein paar Aspekten habe ich allerdings Probleme. Das erste ist, dass in den Text immer wieder der „Partisan“ romantisiert wird. Der Kämpfer wird als eine Art Widerstandssoldat beschrieben, der machen darf, was er will, solange er der Sache dient und außerdem nicht erwischt wird. Schmerzen darf er den dummen oder gerade schlauen „Anderen“ offenbar zufügen, das ist man in revolutionären Bewegungen gewohnt. Wer mit den dummen Anderen gemeint ist, wird in dem Text klar: die sich anpassenden Bürger, (nicht WIR, die gerade das Manifest lesen!)

Anonym bleibt der schlaue Andere, der Feind, der in dem Text immer wieder „man“ genannt wird, der mit Erfolg seine offenbar unwürdigen Ziele verschwörerisch durchsetzt. Er scheint sich unsichtbar auf den Chefetagen großer Unternehmungen aufzuhalten. Ich glaube, dass so ein „man“ nicht existiert. Wenn es einen Feind gibt, so meine ich, dann müsste er in uns selber gesucht werden. Revolutionen, in ihren Ausgang darin finden, dass die Anderen Schuld haben, brauchen wir nicht mehr…

“Wenn wir einmal in die Sichtbarkeit eingetreten sind, sind unsere Stunden gezählt“, schreibt das Komitee. Diese Haltung ist verständlich, bedeutet allerdings einen Schritt zurück. Was eher hilft, sind strahlende „Iche“, die sich souverän ins Lichte der Öffentlichkeit stellen. Ein unsichtbares Komitee macht sich selber zum Geschwür, den angeblichen Komplizenschaften der großen Unternehmungen nicht unähnlich. „Man“ macht sich auf diese Art und Weise zu einem Feind, den es nicht gibt.

Dem Komitee zufolge müssen Gemeinschaften (in dem deutschen Text wird irreführend von „Kommunen“ gesprochen: romantisch-revolutionäre Rhetorik!) entstehen, die sich „nicht durch ein Drinnen und ein Draußen definieren, wie Kollektive es im Allgemeinen tun, sondern durch die Dichte der Verbindungen in ihrem Innern“. Das ist sehr richtig, eben entscheidend. Dieses Innen durch Anonymität zu schützen, führt allerdings zwangsläufig zu einer Trennung zwischen innen und außen. Und damit kreiert „man“ gerade das, was „man“ bekämpfen will: die Fremdheit.

05.12.2010

Praktiken einer Kultur des Herzens. Über die Finanzierung neuer Begabungsprofile

Wenn in der heutigen Gesellschaft von „Arbeit“ gesprochen wird, ist damit immer „bezahlte Arbeit“, eine Erwerbstätigkeit gemeint. Arbeiten bedeutet heute nicht mehr primär, etwas Sinnvolles zu tun, oder eben überhaupt etwas tun, was man von sich aus auch wirklich tun will, sondern, ein Einkommen zu generieren. In diesem Sinne ist arbeiten in unserer Gesellschaft eine heilige Pflicht: jeder mündige Bürger hat in dieser Hinsicht quasi eine souveräne Verantwortung für seine eigene Existenz.

Wenn jemand, warum auch immer, nicht im Stande ist, diese Verantwortung erfolgreich zu verwirklichen, dann kriegt er Geld vom Staat. In diesem Zusammenhang wird dann von so etwas wie „Solidarität“ gesprochen, was so viel heißt wie: In unserer aufgeklärten Gesellschaft lassen wir die Unglücklichen und Ungeschickten und „Arbeitsbehinderten“ nicht im Stich. Im Grunde genommen beruht diese Solidarität allerdings auf einer Angst: Zu viele Menschen mit gravierenden Existenznöten bringen Unruhe in die Gesellschaft, was letztendlich die aufgeklärte Ordnung der Dinge bedrohen könnte.

Von dem Gedanken, dass „freie“ Menschen das tun müssten, was sie von sich aus – auf der Basis von „freien“ Entscheidungen – tun wollen, sind wir diesbezüglich weit entfernt. Um zu dieser Freiheit zu gelangen, gibt es in der heutigen Gesellschaft eigentlich nur einen Weg, nämlich, sich als freier Unternehmer zu definieren. Mit allen anderen Formen der bezahlten Arbeit geht eine Einbindung in unfreie Zusammenhänge einher: man arbeitet für McDonalds, für das Ministerium, für eine Waldorfschule oder für Greenpeace. Dass die konkreten oder abstrakten Ziele der einen Organisation vielleicht „gut“ und die der anderen vielleicht „weniger gut“ sind, ändert daran nichts.

Ein freier Unternehmer zu werden, bedeutet allerdings nicht, dass man unbedingt das macht, was man machen will. Ich brauche an dieser Stelle nicht alle Faktoren zu beschreiben, die einen Unternehmer daran hindern, seine „Arbeit“ frei zu gestalten – sie sind bekannt. Dazu kommt noch die grundsätzliche Frage, ob die zu Grunde liegende Entscheidung wirklich frei war; der Impuls ein „freier“ Unternehmer zu werden, beruht manchmal auf unbemerkten Unfreiheiten.

Mir geht es in diesem Text vor allem um die Tatsache, dass es eine ganze Menge von Menschen gibt, die etwas wollen, etwas wirklich WOLLEN, was als Arbeitsmotiv – vielleicht besser gesagt: als Tätigkeitsmotiv – von der öffentlichen Gesellschaft nicht verstanden und anerkannt wird. Um einen pädagogischen Begriff des Heilpädagogen Henning Köhler in einen sozialen zu modifizieren: es gibt „neue Begabungsprofile“, die nicht als solche wahrgenommen werden. Anders gesagt: Menschen KÖNNEN etwas, was allgemein nicht als sinnvolle Tätigkeit anerkannt ist.

Ein Beispiel bietet ein guter Freund von mir. Es ist nicht leicht zu beschreiben, was er genau macht. Er ist ständig unterwegs, arbeitet an sogenannten „ökologischen“ und „sozialen“ Projekten, verbindet Menschen miteinander, kann „lesen“ was Menschen wollen, öffnet Türen, setzt erreichbar-unerreichbare Ziele, begeistert durch seine positive Lebenshaltung. Um es genauer zu sagen: sein Begabungsprofil besteht daraus, dass er konkret spüren kann (was nicht heißt, dass er es immer in Worte fassen kann), welche Potenziale zwischen den Beteiligten verborgen liegen. Man könnte nicht einmal sagen, dass er ein „Netzwerker“ ist, weil seine erweckenden Tätigkeiten weit darüber hinaus gehen. Ich betrachte ihn als einen „Schicksalswerker“.

Auf der finanziellen Ebene kriegt er sein Leben allerdings nicht organisiert. Er steht diesbezüglich vor einem Abgrund, den er übrigens mit einer gewissen Leichtigkeit akzeptiert. Trotzdem ist dieser Abgrund das, was ein Abgrund ist: ein Abgrund. Sich als „Arbeitsloser“ vom Staat durchfüttern zu lassen, das will er nicht, nicht weil er dann zu wenig Geld bekäme – er kommt mit ganz wenig aus – sondern weil mit dem Geld die Verpflichtung verbunden ist, sich für Jobs zu bewerben, die er nicht machen will. Er steht also vor einer Frage, die keine Frage ist: weitermachen mit dem, was er wirklich machen will, oder damit aufhören und sich beim Arbeitsamt melden.

In einem Blogtext kann man solchen biographischen Situationen nicht gerecht werden, weil immer hundert Sachen auch noch eine Rolle spielen, für die hundert Seiten nötig sind. Ich meine allerdings, dass diesbezüglich eine dringende Frage vorliegt, die für die Entfaltung einer Kultur des Herzens entscheidend ist. Einfach darauf zu warten, bis das bedingungslose Einkommen eingeführt wird, geht nicht, stärker noch, um einmal so weit zu kommen, werden schon heute gerade die angedeuteten neuen Begabungsprofile gebraucht. Was heißt das?

Das heißt meiner Meinung nach, dass die konkreten Schicksalsflechtwerke um den Beteiligten herum, eine Initiative ergreifen müssen. Letztendlich müssen und können und dürfen es doch die „freien“ Bürger sein, die „Freunde“ also, die sich aus Freiheit (man könnte auch sagen: auf Basis eines Verständnisses) zu einer Verpflichtung stellen? Praktisch gesagt: zwanzig mal fünfzig Euro im Monat würden tausend Euro bringen. Und davon könnte ein erfahrener Schicksalswerker, der gewohnt ist, mit wenig Geld auszukommen, für eine Weile gut leben, sagen wir erst einmal: für ein Jahr?

Sich an der Biografie eines „Freundes“ zu beteiligen, ist ein wichtiger Aspekt einer Kultur des Herzens. Ohne diese praktische Beteiligung gibt es keine Kultur des Herzens. Zu der Entfaltung einer solchen Kultur gehört eben, dass diesbezüglich Erfahrungen und Vorstöße gemacht werden. Mit dem Einstieg in diese Beteiligung werden die sozialen Orte der Zukunft, die auf gegenseitiger, freier Anerkennung basieren, kreiert. Mit einer alten solidarischen Unterstützung hat das nichts zu tun.

27.11.2010

Die Freundschaft als Gebet

Ich habe das Zitat von Jacques Derrida schon einmal als Motto rechts oben auf meinen Weblog gestellt. Und weil die zwei Sätze mich nicht loslassen, zitiere ich sie heute noch einmal. In seiner „Politik der Freundschaft“ schreibt Derrida: „Freundschaft ist nie eine gegenwärtige Gegebenheit, sie ist der Erfahrung des Wartens, des Versprechens oder der Verpflichtung anheimgegeben. Ihr Diskurs ist der des Gebets, er konstatiert nichts, er stiftet, er beruhigt sich nicht bei dem, was ist, er ist unterwegs zu jenem Ort, an dem eine bestimmte Verantwortung sich in der Zukunft öffnet“.

Der erste Satz beinhaltet ein Paradox. Erst wird gesagt, dass die Freundschaft „nie eine gegenwärtige Gegebenheit“ sei, dann jedoch, dass sie eine „Erfahrung“ sei, was darauf hin deutet, dass sie in der Gegenwart erlebt wird. Die Erfahrung bezieht sich auf das Warten, das Versprechen oder die Verpflichtung – solange wir in der Gegenwart (auf die Freundschaft? auf den Freund? auf meine Bereitschaft auch wirklich ein Freund zu sein?) warten können, solange wir an einem Versprechen festhalten, ist die Freundschaft als Erfahrung da.

Ihr Diskurs ist der des Gebets... Im Gebet richten wir uns auf etwas Größeres, etwas, dass über uns hinaus geht, auf etwas Göttliches. Wir glauben (nehmen an, ahnen, hoffen?), dass das Größere auch tatsächlich existiert, uns bemerkt, uns hört, auch wenn es nicht gegenständlich und handgreiflich in der Gegenwart vorhanden ist. Beten ist der Versuch einer Wiederverbindung, was das Wesen der Religion ausmacht: Im Gebet versuchen wir eine verloren gegangene Beziehung wieder herzustellen.

Er (der Diskurs der Freundschaft) konstatiert nichts... Konstatieren bedeutet auf schönem Deutsch: feststellen, also FEST STELLEN, etwas fixieren, etwas eine eindeutige Bedeutung zuschreiben. Im Diskurs der Freundschaft bleibt alles in der Schwebe, einem Zustand, der manchmal schwer auszuhalten ist, weil er uns in unseren Unsicherheiten nicht gerade bestärkt. Wir sind immer wieder geneigt, uns mit Urteilen (über Freunde und Feinde) Sicherheiten zu verschaffen.

Er stiftet... Derrida sagt nicht: der Diskurs der Freundschaft „gründet“, sondern „stiftet“, was eher eine luftig-feurige Angelegenheit ist. Die etymologische Herkunft des Wortes ist laut Duden 7 unbekannt, verrät in alten Wörtern wie „Stiftskirche“ und Redewendungen wie „Unheil stiften“ allerdings noch die ursprüngliche Bedeutung. Stiften heißt so etwas wie „verursachen“ – in der gegenwärtigen Erfahrung des Wartens wird etwas verursacht, das sich als Wirkung erst in der Zukunft entfaltet.

Er beruhigt sich nicht bei dem, was ist... Auch wenn man in Ruhe wartet – Gelassenheit ist eine hohe Tugend – bleibt man nicht bei dem, was ist, sondern bei dem, was noch nicht ist, anders gesagt: das was ist, wird als etwas Unvollkommenes vollkommen in seinem Im-Kommen-sein genommen. Das was ist, wird nicht genommen als etwas, das beruhigt, sondern es wird umgekehrt in Ruhe genommen als etwas, das in seiner Unvollständigkeit auf etwas Kommendes hinweist.

Er ist unterwegs zu jenem Ort, an dem eine bestimmte Verantwortung sich in die Zukunft hinein öffnet... In der Freundschaft (die eine nie gegenwärtige Gegebenheit ist) wird eine Verantwortung gespürt, die es noch nicht gibt, sondern sich erst in der Zukunft öffnet. Die Verantwortung, die es noch nicht gibt, so verstehe ich Derrida, bedeutet in der Gegenwart allerdings schon eine Verpflichtung. Noch ganz abgesehen von der wunderbaren Formulierung, dass Verantwortungen sich ÖFFNEN, überrascht an dieser Stelle der definitive Sprung Derridas in die Zukunft. Unbekannte Verantwortungen, die es in der Gegenwart noch nicht gibt, führen zu Verpflichtungen in der Gegenwart, einer Gegenwart jedoch, die es eigentlich nicht mehr gibt, sobald man „unterwegs“, das heißt: im Kommen ist.

Die Sichtweise Derridas auf die Freundschaft öffnet eine Verantwortung, die es noch nicht gibt. Sie geht somit mit einer konkreten und höchst aktuellen Verpflichtung einher, die vor allem bedeutet: nicht festlegen wollen, nicht urteilen wollen, ja, stattdessen: warten wollen, versprechen wollen und beten wollen. In der Freundschaft wird über eine hartnäckige Differenz hinaus die offene Zukunft zelebriert. Und weil Derrida von einem Gebet spricht, verstehe ich ihn so, dass es dabei aus seiner Sicht erst einmal um eine innere Tätigkeit geht, erst einmal...

21.11.2010

Fragment über die Feindschaft. Das Schicksal von Kain und Abel

Waren Kain und Abel Feinde? Ja, sie waren genauso Feinde, wie sie Brüder waren. In nächster Nähe hat Kain auf Abel und Abel auf Kain gewartet, in der Vertrautheit der Familie, dort wo Jacques Derrida zufolge „einzig der Freund willkommen ist.“ Weil die berühmte biblische Erzählung gerade in ihren Details sehr aussagekräftig ist, zitiere ich aus Genesis 4:

„Nach einiger Zeit brachte Kain dem Herrn ein Opfer von den Früchten des Feldes dar; auch Abel brachte eines dar von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Der Herr schaute auf Abel und sein Opfer, aber auf Kain und sein Opfer schaute er nicht. Da überlief es Kain ganz heiß und sein Blick senkte sich. Der Herr sprach zu Kain: Warum überläuft es dich heiß und warum senkt sich dein Blick? Nicht wahr, wenn du recht tust, darfst du aufblicken; wenn du nicht recht tust, lauert an der Tür die Sünde als Dämon. Auf dich hat er es abgesehen, doch du werde Herr über ihn! Hierauf sagte Kain zu seinem Bruder Abel: Gehen wir aufs Feld! Als sie auf dem Feld waren, griff Kain seinen Bruder an und erschlug ihn“.

Aus dieser Erzählung geht nicht zwingend hervor, wie man vielleicht meinen könnte, dass die Feindschaft zwischen Kain und Abel asymmetrisch war, als ob Kain seinen Bruder Abel gehasst hätte, und nicht umgekehrt. Was in Abel vorging, wird in der Genesis nicht erzählt; in alten jüdischen Legenden wird allerdings berichtet, dass vor dem Mord ein Gespräch zwischen Kain und Abel stattgefunden hat, in dem Kain versucht hat, seinem Bruder Abel, seinen Schmerz-von-Gott-abgewiesen-zu-sein, zu vermitteln.

Kain meint, dass Gott die Welt mit „willkürlicher Macht“ regiert, was aus seiner Sicht „nicht gut“ ist. Abel lässt sich auf die Argumente von Kain nicht ein und beharrt darauf, dass Kain offenbar „schlecht“ ist, sonst hätte Gott dessen Opfer doch nicht abgelehnt. Das Urteil Gottes, so wie er es versteht, ist Abel also wichtiger, als die Nähe zu seinem Bruder; ein Umstand, der Kain zusätzlich tief verletzt. Die Legende ist nur so zu verstehen: Aus Abels Sicht war Kain, wegen des Urteils Gottes, schon zum Feind geworden.

Was geschieht? Die Geschichte ist doppelt zu lesen. Einerseits ist deutlich, dass Kain nicht ertragen kann, dass seine „Möglichkeiten“ von der Seite Gottes und somit auch Abels, offenbar nicht anerkannt werden. Aus Neid – oder Enttäuschung? – tötet er Abel und wird dafür bestraft; andererseits scheint es gar nicht um eine Strafe zu gehen, sondern um eine große Aufgabe, die ihm zugeteilt wird: Herr über die Dämonen zu werden.

Die Geschichte zeigt, dass beide von Anfang an und jeder für sich, getrennte Wege gingen. Kain wollte Ackerbauer sein, was im Grunde genommen bedeutet, dass er aktiv in die natürlichen Gegebenheiten einzugreifen hatte; Äcker sind in der Natur nicht einfach so vorhanden, sie müssen aus der Natur erobert, jedes Jahr neu bereitet werden. Mit dem Ackerbau fängt in der Geschichte der Menschheit dasjenige an, was wir Kultur nennen: eine von Menschenhand gestaltete Kreation, in der von Gott gegebenen Wirklichkeit. Mit dem Ackerbau begibt sich der Mensch anfänglich aber grundsätzlich in den Bereich der Technik, die eine Instrumentalisierung der Schöpfung bedeutet. Mit dem Ackerbau ist eine Geisteshaltung verbunden, die als Emanzipation zu verstehen ist: der Mensch macht sich frei von einem unbewusst Eingebettet-Sein in Gottes Werk und kreiert von sich aus ein zusätzliches Werk.

Kains Bruder Abel wollte jedoch ein Schafhirt sein, das heißt, in der Nähe zu Gott bleiben. Er hütete, was Gott den Menschen gegeben hatte, ohne in die Natur einzugreifen oder von sich aus etwas Eigenes gestalten zu wollen. Er wollte einfach bei den Schafen SEIN und in diesem Sein bei Gott sein. Das Wollen Abels und das Wollen Kains waren somit polar: wo der jüngere Brüder sich in einem vertikalen Einklang mit Gott befinden wollte, das man im Sinne von Martin Heidegger als Sein beschreiben könnte, suchte der Ältere eine horizontale Spannung zur gegebenen Welt, die eher als das Seiende zu deuten wäre.

Der schicksalsträchtige Mord fand, laut den Legenden, gerade an dem Ort statt, wo später der Tempel von Salomo gebaut wurde, das Heiligtum also, das als sakraler Brennpunkt des jüdischen Volkes galt. In dem späteren Bau des Tempels wiederholte sich die Spannung zwischen Kain und Abel, was an der Tatsache sichtbar wurde, dass der König und Bauherr Salomo mit seiner religiösen Weisheit als ein Repräsentant Abels und der Architekt Hieram Abiff mit seinen technischen Fähigkeiten als ein Nachfahre Kains angesehen wurde. Das Herz der alten jüdische Kultur, so wurde es verstanden, lag also gerade in der Spannung zwischen den beiden Geisteshaltungen – der Weg des Volkes Israels ging aus dem Konflikt der beiden Brüder hervor, oder anders gesagt: Die Feindschaft, die eine Bruderschaft war, konstituierte die jüdische Gemeinschaft.

14.11.2010

Ein zweites Fragment übers Scheitern. Nochmals zu Elias und Adventura

Scheitern ist nur dann erfolgreich, wenn rückblickend aufrecht versucht wird, die Gründe die dazu geführt haben zu verstehen. Und mit einem Verständnis steht es so: um über die eigenen Beschränkungen hinwegzukommen, vor allem, wenn man an einem BESTIMMTEN Scheitern direkt beteiligt war oder ist, wird eine Lichtung benötigt, in der auch die Positionen der anderen Beteiligten beleuchtet werden können. Gehen wir also in den Wald und suchen eine Lichtung, die groß genug für einen Kreis von vielen Menschen ist.

Wie viele Menschen waren eigentlich an der Elias-Initiativgemeinschaft und an Adventura beteiligt? Das ist schwer zu sagen, weil sich zwischen Kern und Umkreis viele Übergänge befanden, viele intentionale Modalitäten, viele einzigartige und besondere Arten der Verbindung, die das Ganze recht vielfältig machten. Ich behaupte allerdings, dass der Kern – die Menschen also, die tatkräftig mit den Vorbereitungen der Treffen beschäftigt waren – aus etwa zwanzig Leuten bestand. Diese Menschen kamen aus Deutschland, Holland, Frankreich und der Schweiz.

Der Umkreis wird allerdings etwa 500 Menschen umfasst haben, vielleicht eben noch ein bisschen mehr. Von diesen Beteiligten kann gesagt werden, dass sie in ihrem eigenen Leben ein Anliegen hatten, das mit den Zielen der Elias-Initiativgemeinschaft und von Adventura erkennbar korrespondierte. Alleine die Liste der Herkunftsländer der Beteiligten (wahrscheinlich unvollständig) macht deutlich, dass Umkreis und Kern nicht identisch waren. Neben den vier oben genannten Ländern wären zu nennen: die Vereinigten Staaten, Canada, England, Schottland, Schweden, Finnland, Tschechien, die Slowakei, Österreich, Italien, Luxemburg, Belgien, Peru...

Der Impuls der Treffen lag ohne Wenn und Aber in dem Buch „Über die Rettung der Seele“ von Bernard Lievegoed, den darin dargestellten Impuls genau zu beschreiben, ist allerdings nicht einfach. Ich würde sagen, dass die Inhalte des Buches eine große Idee transportierten, die sich vielleicht folgendermaßen in Worte fassen lässt: in jeder einzelnen Biographie gibt es Wunden, die zu geistigen, sozialen und künstlerischen Fähigkeiten verwandelt werden können. Das Ziel der beiden Gemeinschaften – Elias und Adventura – lag darin, in der Begegnung zwischen Menschen eine Nähe und ein Vertrauen zu ermöglichen, die diese Verwandlung mit bewirkt. Die Leitlinie war: deine Probleme sind Weltprobleme, die Weltprobleme sind deine Probleme.

Das ist eine richtig GROßE Idee, die auf GROßE Gestalten der Geistesgeschichte zurückzuführen ist: Mani, Christian Rosenkreutz, Elias, Zarathustra, Rudolf Steiner – ich würde auch hinzufügen: Mahatma Gandhi, Joseph Beuys und Nelson Mandela... Die „manichäische“ Idee ist allerdings nicht nur groß, sondern auch brisant, weil sie einen ungewöhnlichen Blick auf sogenannte menschliche Defizite wirft. Dieser Blick lässt sich vielleicht in dem Satz: „Ohne meine (deine) Wunden, wo bliebe meine (deine) Kraft?“ halbwegs andeuten. Gerade dort wo unsere Schwächen liegen, verbirgt sich offenbar Gestaltungspotenzial.

Wie man diese Idee über das Persönliche hinaus in einer Gemeinschaft lebt, ist nicht eine schwierige zusätzliche Frage, die sich auf irgendeine eventuelle praktische „Umsetzung“ bezieht, sondern die Hauptfrage schlechthin, man könnte auch sagen: die einzige Frage, die sich erst einmal gar nicht umsetzen lässt. Ein Sich-offen-und-frei-in-dieser-Frage-„Befinden“, sie aushalten zu können, macht die Hauptsache aus. Die Neigung an dieser Stelle, auf bestimmten Lösungen zu beharren, führt zwangsläufig dazu, dass die Gemeinschaft auseinanderfällt.

Wenn man Treffen (Tagungen, Seminare, Vorträge) organisiert, fließt Geld – und wenn Geld fließt, wird auf der rechtlichen Ebene eine transparente Struktur gebraucht. Diesbezüglich gab es im Laufe der Jahre immer wieder zwei Positionen, die spontan als richtig empfunden wurden. Die erste Position war kommerziell-unternehmerisch ausgerichtet: ein paar Leute würden eine Unternehmung gründen, die die verschiedenen Treffen organisiert. Die Beteiligten könnten dann von den Gewinnen leben.

Die zweite Position gewann die Debatte. Sie war auf die ganze Gemeinschaft orientiert: es wurde ein Verein (die Elias-Initiativgemeinschaft e.V.) gegründet. Alle Beteiligten konnten Mitglied werden. Die Mitglieder wählten Vorstände, die im Namen der Mitglieder die tägliche Verantwortung für die Verwirklichung der Ziele übernahmen, so wie das in Vereinen üblich ist.

Einmal im Jahr fand eine Mitgliederversammlung statt, in der über Richtung und Tätigkeiten abgestimmt wurde. An dieser Stelle ist allerdings wichtig zu bemerken, dass die Treffen von Adventura, die erst später entstanden, im Elias-Verein keine Einbettung fanden, einfach weil nicht alle Elias-Mitglieder sich bei der Arbeit von Adventura wohl fühlten. Nach einigen Jahren wurde deutlich, dass der Verein als Rechtsträger an ein Ende gekommen war – immer weniger Treffen wurden organisiert, es fand weniger statt, „die Sache“ lief aus.

Mir scheinen heute beide Vorschläge zu schmal gewesen zu sein. Die sehr große „manichäische“ Idee braucht eine bewegliche Struktur, die von beidem etwas hat: unternehmerische Gesinnung und gemeinschaftliche Besinnung. Und mir ist es immer noch eine große Frage: wie sind Wirtschaft und Gemeinschaft im Rahmen eines geistigen Impulses sinnvoll und fruchtbar aufeinander zu beziehen? Ich behaupte, dass es noch immer keine konkrete Antwort auf diese Frage gibt.

Daran ist jedoch die Zusammenarbeit aus meiner Sicht nicht gescheitert. Der eigentliche Punkt lag darin, dass zu wenig Beteiligte, inklusive ich selber, den Blick auf der Lichtung der großen Idee aushalten, erwarten, ertragen und in sich halten konnten. Sich zumindest für eine Weile von den eigenen Vorstellungen und Erwartungen zu verabschieden, um einen offenen Raum zu kreieren für dasjenige, was im Kommen war, war nicht ausreichend möglich. Und das heißt letztendlich, dass die große Idee in all ihren Konsequenzen nicht hinreichend verstanden wurde.

07.11.2010

Ein Fragment übers Scheitern. Die Elias-Initiativgemeinschaft und Adventura

1993 weitete sich mein Leben schlagartig aus. Der Grund lag in der Veröffentlichung des letzten Buches von Bernard Lievegoed, erst in den Niederlanden – mit dem Titel "Over de redding van de ziel" – dann, noch im gleichen Jahr, in Deutschland: "Über die Rettung der Seele". Ich war am Schreiben des Textes beteiligt, weil Lievegoed krank auf dem Sterbebett lag und nur noch sprechen konnte. Er erzählte mir die Inhalte, die ich mit einem Tonband aufnahm und zu einem Manuskript verarbeitete. Auch bat er mich, eine Einleitung zu schreiben, um zu erklären, wie das Buch zustande gekommen sei. Als das Buch 1993 erschien, war Bernard Lievegoed bereits verstorben; er starb am 12. Dezember 1992.

In meinen Büchern "Mittendrin" und "Herzwerk" habe ich beschrieben, wohin die Publikation des Buches mich führte. Über die Inhalte brauche ich an dieser Stelle nichts zu sagen: wer interessiert ist, kann die Bücher lesen. Es reicht für heute zu schreiben, dass Lievegoed der Meinung war, dass die Anthroposophie im Laufe ihrer Entwicklung im zwanzigsten Jahrhundert in eine spirituelle Isolation geraten ist, die er mit seinen esoterischen Ausführungen in "Über die Rettung der Seele" versuchte zu durchbrechen. Er stellte die Anthroposophie als eine Bewegung mit einer spezifischen Aufgabe dar, die nur im Rahmen eines übergeordneten geistigen Impulses zu verstehen sei, nämlich dem manichäischen. Eine Orientierung auf diese Geistesströmung sei nötig, um die „untergeordneten“ Aufgaben der Anthroposophie besser zu verstehen und zu ergreifen.

Nur zehn Tage bevor er starb, sagte Bernard Lievegoed mir noch, dass er sich viel von dem Buch verspreche. Und er hatte recht: Direkt nach dem Erscheinen des Buches erreichten mich Anfragen für Vorträge und Seminare in ganz Europa. In den Jahren die folgten, reiste ich fast jedes zweite Wochenende irgendwo hin, um über die Inhalte des Buches zu sprechen: in Holland, Belgien, Deutschland, Österreich, der Schweiz, England, Frankreich, Griechenland, Finnland... Die meisten Anfragen kamen allerdings aus Deutschland. Entscheidend waren jedoch die ersten Seminare, sieben insgesamt, jeweils eine Woche lang, die in Griechenland stattfanden.

Auf der griechischen Insel Santorini traf ich Menschen, die seitdem und bis heute zu meinen Weggefährten gehören. Die Seminare in Griechenland wurden von der Elias- Initiativgemeinschaft organisiert, einer Initiative von Cornelia Härtelt und Brigitte Rauth aus Stuttgart. Im Rahmen dieser Gemeinschaft wurde ein paar Jahre später ein Verein gegründet, der als Ziel hatte, die inhaltlichen und sozialen Konsequenzen des Buches "Über die Rettung der Seele" weiter zu verfolgen, zu vertiefen und zu gestalten. Freundschaften, Bekanntschaften und Verbindungen entstanden, die sich wie ein Flechtwerk über viele Länder verbreiteten.

Die Arbeit in der Elias-Initiativgemeinschaft richtete sich stark auf die persönlich-biographischen Bedürfnisse der Teilnehmer. Es ging darum, die Wunden in der eigenen Biographie zu heilen, ohne sich auf eine therapeutische Ebene begeben zu müssen. Der Ausgangspunkt lag in der von Bernard Lievegoed vermittelten manichäischen Sichtweise, dass das Böse und die Folgen des Bösen „durch Milde verwandelt werden können“. In den Treffen hatten Gesprächsformen und künstlerische Tätigkeiten, die eine Nähe zwischen den Teilnehmern ermöglichen, eine große Bedeutung. In einem Buch, 2005 von der Elias-Initiativgemeinschaft herausgegeben, wird von einem dieser Treffen (Juli 2002, in Neukirchen bei Flensburg) ein dynamisches Protokoll unter dem programmatischen Titel: Ohne meine Wunde, wo bliebe meine Kraft? gegeben.

Nach ein paar Jahren entstand innerhalb der Elias-Initiativgemeinschaft eine zweite Initiative, die sich weniger auf die persönlichen Nöte der Menschen richtete und eher die öffentlich-gesellschaftlichen Fragen ins Auge fasste. Nicht alle Beteiligten der Initiativgemeinschaft machten dabei aktiv mit, weil bei manchen das Empfinden vorherrschte, dass ein gesellschaftlicher Ansatz nicht mit der Atmosphäre eines persönlichen Vertrauens zu vereinbaren sei.

Die zweite Initiative wurde „Adventura“ genannt, was bedeutet: „Was auf uns zukommt“. Ab 1997 fanden über Jahre hinweg größere Veranstaltungen statt, wo Menschen aus ganz Europa von ihrer sozial-gesellschaftlichen Arbeit berichteten. Der Beginn war in Bad Gandersheim auf einem Gelände, wo vor tausend Jahren Roswitha von Gandersheim gearbeitet und gewirkt hat und im Dritten Reich von den Nazis eine Außenstelle von Buchenwald betrieben wurde. Eine kleine Gruppe von Menschen bereitete die Treffen intensiv vor. Die großen Treffen wurden „umgekehrte Konferenzen“ genannt, das heißt: die Themen und Inhalte kamen von der Seite der Teilnehmer.

Nach drei Veranstaltungen in Bad Gandersheim, einer vierten in Brügge und einer fünften in Aachen ging uns die Kraft aus. Die Anzahl der Teilnehmer nahm ab: waren es das erste Mal in Bad Gandersheim noch 180, in Aachen waren noch etwa 40 übrig geblieben. Mit der Abnahme der Teilnehmer nahmen allerdings die Spannungen in der Kerngruppe zu. Die Meinungsverschiedenheiten betrafen unter anderem die Finanzen; in der offenen und nicht festgeschriebenen Struktur von Adventura gelang es uns nicht, die Geldströme transparent zu machen.

Nach etwa sieben Jahren löste Adventura sich allmählich auf. Adventura war eine Initiative, die sich eine Biographie leistete: sie wurde geboren, lebte leidenschaftlich und starb. Die Landschaft meiner Beziehungen, Bekanntschaften und Freundschaften wurde wieder überschaubar. Dazu kam, dass ich mittlerweile müde geworden war, vom Reisen, von endlosen Gesprächen, von organisatorischen Sachzwängen... Ich hatte mich über Jahre verausgabt. In mir kam das Bedürfnis hoch, meine Erfahrungen zu reflektieren, die Elias-Initiativgemeinschaft und Adventura als Ereignis für mich zu bewerten. Ich stellte mir die Frage: ist Adventura gescheitert?

31.10.2010

Das höhere Ich. Über die Hoheit des individuellen Menschen

Die jeweilige Hoheit eines Menschen verstehe ich als Bildhauer, der in der Gestaltung der Persönlichkeit ständig Entscheidungen trifft. Sie steht nicht nur für die positiven Ergebnisse ihrer Entscheidungen, sondern genauso für die negativen, was also bedeutet, dass sie die Urheberin der Möglichkeiten und Unmöglichkeiten eines Menschen ist, und damit auch von den grundlegenden Spannungen, die sich in einer Persönlichkeit ausleben wollen.

Die Hoheit kreiert in jedem Lebensgang eine Art Knoten, man könnte auch sagen: eine Frage, die meistens nur unterschwellig wirkt, allerdings in allen Aspekten der Persönlichkeit und des Lebens präsent ist. Ihre Handschrift ist nicht zu übersehen, genauso, wie ein Bild von Pablo Picasso nicht mit einem von Marc Rothko zu verwechseln ist. Das Anliegen der Hoheit ist es NICHT nur eine Statue auf ein Podest zu heben, eine Persönlichkeit also, die mit lauter Fähigkeiten behaftet ist, sondern ihr Anliegen ist es, ein körperlich-seelisch-geistiges Gefüge in Raum und Zeit hervorzurufen, das sich auf die Welt, auf die anderen Menschen und auf sich selbst zubewegt.

Die Hoheit eines Menschen hat also ein Anliegen. Sie will etwas ganz Bestimmtes, und sie will es so, dass dasjenige, was wir unsere widersprüchliche Persönlichkeit nennen, die Gesamtheit von Statue und Brocken etwa, sich nicht als ein fertiges Ergebnis versteht, als ein mehr oder weniger gelungenes in die Welt „Geworfen-sein“ im Sinne von Martin Heidegger, sondern als ein bestimmter-unbestimmter Vorgang im Raum und in der Zeit, der gestern schon im Gange war, heute im Gange ist und morgen im Gange sein wird.

Sich unbefangen auf die Welt, andere Menschen und sich selbst zuzubewegen, bedeutet nichts anderes, als sich auf das Anliegen der eigenen Hoheit einzulassen. Der Akt der Bejahung vollzieht sich in der Persönlichkeit, die sich in der Bewusstseinsseele (Rudolf Steiner) von ihrer Hoheit emanzipiert hat. In der Bewusstseinsseele wird der Mensch ein „freier Bürger“ im Reich seiner eigenen Hoheit.

Die höhere Instanz, die wir das Selbst oder das höhere Ich nennen, braucht die freie Anerkennung von der Seite der Persönlichkeit, die durch sie hervorgerufen wurde. Wenn die Perspektive der Hoheit von der Persönlichkeit ausgeklammert wird, was leicht geschehen kann, bedeutet das unmittelbar, dass das Anliegen in dem Lebensgang nicht ergriffen wird.

Die Hoheit ist – und hier liegt ein Paradox – zwar souverän, jedoch abhängig von den Taten und Untaten der eigenen Persönlichkeit. Ein Widerspruch ist das allerdings nicht: Auch die Hoheit eines politischen Souveräns, beispielsweise eines Königs, ist an das Wollen seiner Untertanen gebunden. Kein König kann lange gegen sein Volk regieren. Und auch: ein König ohne Untertanen ist kein König, das heißt: kann nicht werden, was er ist.

23.10.2010

Roter Text. Über Foucault und die Mission der Freundschaft

Drei Jahre vor seinem Tod, 1984, äußert sich Michel Foucault folgendermaßen über seine Beziehung zu seinem Freund Daniel Defert: „Ich lebe in einem Zustand der Leidenschaft zu jemandem. Vielleicht ist diese Leidenschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt in Liebe umgeschlagen. In Wirklichkeit handelt es sich um einen Zustand der Leidenschaft bei uns beiden, einen permanenten Zustand, der keinen anderen Grund hat zu endigen als sich selbst und dem ich vollkommen verfallen bin, der durch mich hindurchgeht. Ich glaube, dass es nichts auf der Welt gibt, nichts, was immer es sei, das mich hindern würde, wenn es darum ginge, ihn wiederzusehen, mit ihm zu sprechen.“

Diese Wortwahl ist für Foucault in den letzten Jahren seines Lebens bezeichnend: Er erwähnt die große Idee der Liebe, distanziert sich davon leise mit dem Wort „vielleicht“, evoziert in seinen Beschreibungen allerdings eine Intensität und Nähe, die keine Fragen bezüglich seiner Gefühle für Daniel Defert offen lässt. Sein Biograph Didier Eribon fasst schlicht und einfach zusammen: „Foucault hat ihn bis zum Ende geliebt“.

Foucaults Denken über die Freundschaft wurde von dem Umstand geprägt, dass er homosexuell war. Für Foucault bedeutete dies vor allem, dass die Gestaltung der Beziehung gesellschaftlich nicht vorprogrammiert war; eine homosexuelle Beziehung befand sich in einem dunklen und düsteren Bereich, in dem einerseits Geheimnisse gepflegt werden mussten – wir sprechen von den frühen sechziger Jahren – und andererseits eine homosexuelle Beziehungsform noch nicht festgelegt war. Schwule und Lesben „müssen von A bis Z eine Beziehung erfinden, die noch formlos ist: die Freundschaft“.

Foucault entwickelt eine Sichtweise auf Beziehungen, die im Grunde genommen eine hoffnungsvolle Prognose bedeutet: in seinen Augen dürften Beziehungen zwischen Menschen, zwischen zwei Menschen, immer mehr und mehr von dem Bedürfnis bestimmt werden, interne und externe Freiheiten zu erobern und zu pflegen. Foucault verallgemeinert die spezifische Position der homosexuellen Beziehung; für alle intimen Beziehungen, die sich auf der Basis einer persönlichen Nähe gestalten wollen, gilt, dass sie sich gesellschaftlich in einer besonderen Lage befinden.

Francisco Ortega fasst diese Sichtweise folgendermaßen zusammen: „Foucault zufolge leben wir in einer Welt, in der die sozialen Institutionen dazu beigetragen haben, die Zahl der möglichen Beziehungen zu begrenzen. Der Grund dieser Beschränkung liegt darin, dass eine Gesellschaft, welche die Zunahme der möglichen Beziehungsformen zuließe, schwieriger zu verwalten und zu kontrollieren wäre“.

Zugreifen auf die Freundschaft bedeutet „Minoritäten entstehen zu lassen, die der Macht Widerstand leisten“. Inspirierend an dieser Erweiterung der Idee der Freundschaft ist, dass sie eine Brücke zwischen Privatem und Öffentlichem schlägt. Sie verleiht der Freundschaft eine positive Würde, nicht nur für die Beteiligten, sondern auch für das soziale Leben und die Gesellschaft.

Diese Brücke wird für mein Verständnis von drei Pfeilern getragen: 1. Der Selbsterkenntnis und der „selbstbildenden Praxis“, das heißt: der souveränen und kreativen Beziehung von mir zu mir; 2. der Verbindung von mir zu dir, mit der eine gemeinsame Verantwortung für die souveräne Gestaltung der Beziehung einhergeht; 3. der Bedeutung der EINEN und der ANDEREN Freundschaft für das Leben von viel mehr Menschen, für die Menschen um die Freundschaftspaare herum, letztendlich für das öffentliche Leben mitsamt seinen Institutionen.

17.10.2010

Vögel als Freunde. Über die Elster, das Rotkehlchen und die Kohlmeise

Ich bin durch und durch ein Stadtmensch, und habe für mich festgestellt, dass ich damit auch gerne kokettiere. Mir geht es nach längerem Verweilen auf dem Land oder im Wald so, dass ich mich wieder nach der Großstadt sehne. Ich mag die Welt der Kioske, Kneipen, Straßenbahnen und Supermärkte. Die Nähe zu Bäumen, Pflanzen, Wiesen, Bächen und Tieren ist mir nicht gegeben; um eine innere Beziehung dazu herzustellen, muss ich in der Regel etwas tun. Um es auf einen Punkt zu bringen: Land und Wald wirken auf mich (leider) wie Museen: dort findet man schöne-aber-alte Sachen, die mit der Gegenwart nur wenig zu tun haben.

Eine klare Ausnahme sind die Vögel. Seit meiner Jugend pflege ich eine intensive Beziehung zu beispielsweise der Amsel (für mich heißt sie noch immer „merel“). Wenn ich als Kind abends am offenen Fenster saß und vor mich hin träumte, sang sie vom höchsten Punkt der Dächer aus ihren leicht melancholischen Gesang. Sie schien sich von demjenigen zu verabschieden, was auch mich ein bisschen traurig machte: dem Tag der hinter uns lag. Gleichzeitig sehnte sie sich nach etwas, was gerade im Kommen war: der Nacht. Mein Großvater nannte die Amsel, den „Singvogel der Stadt“. Es wäre denkbar, allerdings wahrscheinlich nicht ausführbar, mein Leben als eine Reihe von stillen „Sitzungen“ mit der Amsel zu beschreiben.

Vögel... Vor ein paar Wochen schickte mir eine gute Freundin aus der Schweiz (Andrea, sei herzlich gegrüßt!) drei kleine Büchlein mit drei kleinen Titeln: „Das Rotkehlchen“, „Die Kohlmeise“ und „Die Elster“. Die Büchlein, nur ein wenig größer als Bierdeckel, beinhalten kurze Texte und kleine Zeichnungen, die allerdings Türen zu großen Welten öffnen. Als ich sie gelesen hatte, war ich nicht nur begeistert, sondern auch bereichert: ich hatte ein paar neue Freunde bekommen. Die Büchlein sind als „adamitische“ (Walter Benjamin) Beschreibungen von „Wesenheiten“ zu bezeichnen. Kleine Welten werden auf einmal groß, einfach dadurch, dass zwei Menschen (Text: Wolter Bos; Zeichnungen: Johanne Hoek) sich liebevoll um etwas kümmern, was meistens nicht beachtet wird.

Zur Elster hatte ich schon eine Beziehung, das wird im zwanzigsten Kapitel meines Buches Herzwerk beschrieben. Mir war schon bekannt, was in mir geschieht, wenn ich den stolzen und frechen Bewegungen und krächzenden Geräuschen der beiden Elstern – man sieht sie meistens in Paaren – in mir „wiederhole“: sie verknüpfen Ignoranz mit Souveränität, eine fast unmögliche Leistung... Die Elstern sind beides: scheu und brutal, und auch in den Farben ihrer Erscheinung verraten sie, dass sie Widersprüche vereinen: tiefes Schwarz und klares Weiß beziehen sich konfus auf einander.

Das Rotkehlchen war mir bislang noch nicht so richtig begegnet. Wolter Bos: „Eine Weile sitzt das Rotkehlchen fast regungslos da (auf einem herunterhängenden Ast einer Buche. JvdM), dann fliegt es plötzlich zielsicher zum nächsten Strauch, von dort zum Boden. Flink und gewandt durchquert es die im Bewuchs ausgesparten Zwischenräume. Aber immer legt es eine Bewegungspause ein. So geht es wach, aber ohne Hast und Lärm, seiner Beschäftigung nach“. [...] Während wir es dabei beobachten, zieht auch in uns Ruhe ein. Es ist, als wären wir in einen stillen, beseelten Raum eingetreten“.

Neben diesem Text gibt es eine Zeichnung von Johanna Hoek: einen herunterhängenden Ast mit zartem Grün, wie aus dem Frühling des Himmels – und auf dem Ast sitzt (steht entschieden, müsste man eigentlich sagen) das Rotkehlchen, mit einem Raum um sich herum, der dadurch als Raum erlebt wird, weil das Vögelchen sich so klar und still als „Zentrum“ anbietet. Nein, die Zeichnungen sind keine Illustrationen zum Text: sie bieten eine Übung für die Augen. Mein Tipp an Leser: versenkt euch erst in die Zeichnungen, und lest dann erst den Text.

„Das Rotkehlchen [...] macht, bei aller Beherrschung und Distanz, niemals einen kühlen Eindruck. Zwar lebt es in einem eigenen Raum, und ist darin sich selbst genug. Aber im Gegensatz zum Neuntöter schimmert bei ihm immer eine Art innere Beteiligung an seine Umgebung hindurch“. Und: „Der reichhaltige Gesang des Rotkehlchens [...] nimmt einen mit in eine innere Provinz, in der es Schweres und Dunkles gibt; aber das immer wieder aufgehoben wird in Leichte und Helligkeit“.

Der Autor und die Künstlerin sind bescheiden. Sie stellen sich in den Dienst einer Sache, der Sache der Vögel nämlich, oder besser gesagt: der Sache der Beziehung zwischen uns und den Vögeln. Was sie erlebbar – und damit auch „denkbar“ – machen, ist die Nähe als ein Raum geistiger Natur.

Was philosophisch ein schwieriges Thema ist, nämlich die Bedeutung unserer feinen Gefühle (ich meine nicht unsere Emotionen), ihren Status und ihre Aussagekraft zu zeigen, kurz: ihren „Wahrheitsgehalt“ zu beleuchten, kriegt in den einfachen aber treffenden Zeichnungen und Beschreibungen eine unmittelbare Evidenz. Es macht deswegen richtig Spaß, sich die Zeichnungen anzuschauen und die Texte zu lesen. Sie machen die Welt ganz schön weit.

Und die Kohlmeise? „Ein Mensch, der sich die Fähigkeit aneignen will, sich rasch im Raum umzustellen, muss zunächst alles Schwerfällige ablegen. [...] Vor allem muss er lernen, im Loslassen der bisherigen Bewegungsform bereits die nächste gegenwärtig zu haben. Das gelingt ohne Nervosität, wenn er innerlich schon vorher am Ziel ist. Gerade das ist die Präsenz im Umraum, welche für die Kohlmeise so bezeichnend ist. Es sind dies alles Fähigkeiten geistig-seelischer Art, die ein Mensch sich erüben müsste. Der Kohlmeise sind sie fertig gegeben. Sie fließen ihr aus der Zugehörigkeit ihrer Art zu. Ja, sie sind die Art“.

Die Büchlein können unter wolterbos@zonnet.nl bestellt werden, es gibt sie auf Holländisch und auf Deutsch.

09.10.2010

Altwindeck: ein Dorf ohne Vergangenheit. Über Körbe und Texte

Ich war vor kurzem in Altwindeck, einem kleinen Dorf nicht weit von der Sieg. Entlang den schmalen windigen Straßen stehen dort Fachwerkhäuser, ganz große und ganz kleine, die sich ruhig und bescheiden verhalten, als wäre es nicht ihre Aufgabe, laut von einer Vergangenheit sprechen zu müssen. Die alte Mühle, das Bürgerhaus, der Dorfplatz und der Gasthof „Zur Linde“ bieten sich unaufdringlich an, sind für dich da, brauchen allerdings deine Aufmerksamkeit nicht, um das zu sein, was sie sind: in sich ruhende Erscheinungen.

Die Vergangenheit von Altwindeck scheint nicht groß zu sein. Ich meine, bedeutende Dichter, Musiker, Philosophen, Staatsmänner oder Unternehmer sind dort nicht geboren worden. Und entscheidende Schlachten haben im hügeligen Abseits dieses Dorfes, soweit ich weiß, nicht stattgefunden – ja, soweit ich weiß: von Altwindeck gibt es offensichtlich nicht viel zu wissen. In einer Broschüre über das Dorf wird nur von der „Gegenwart“ und der „Zukunft“ des Örtchens gesprochen.

Heute leben in diesem Dorf etwa 300 Menschen, nur wenige davon befinden sich an einem Samstagabend im Gasthof „Zur Linde“, trinken ein Bier, rauchen Zigaretten (das Rauchverbot hat Altwindeck noch nicht erreicht), und reden gelassen über die kleinen-großen Ereignisse der vergangenen Woche. Die Bewohner des Dorfes scheinen ganz gut miteinander auszukommen; drei Stunden lang verlaufen die Gespräche ohne Beschwerden oder Vorwürfe. So etwas wie „Politik“ scheint nicht zu existieren. Und die Schnitzel, die mit einem Haufen Zwiebeln und Bratkartoffeln serviert werden, schmecken vorzüglich.

Zusammen mit meiner Lebensgefährtin übernachte ich bei Karl und Annemie, zwei Windeckern, die eine ganze Etage für Gäste bereit halten. Unten im Keller des Hauses gibt es eine Bar mit heftigen Flüssigkeiten aus der ganzen Welt: ich entdecke sogar eine Flasche Jonge Jenever aus Holland. Anderthalb Stunden reden wir zu viert über die ganze Welt: kein Kontinent wird ausgelassen. Karl war mal als Ingenieur tätig, ist heute in Rente und hat „ganz viel“ um die Ohren. Wenn ich mich richtig erinnere, steht demnächst eine Reise nach Brasilien an. Annemie genießt vor allem den Umstand, dass sie mit meiner Freundin spanisch reden kann: „quiero espagñol“, sagt sie ständig fröhlich.

Dann wird vom Leben gesprochen: von Verantwortungen, Anliegen, Krankheiten, Stress, familiären Angelegenheiten – aber auch hier: keine Vorwürfe oder Beschwerden. Das Leben scheint grundsätzlich in Ordnung zu sein, man solle sich nur nicht verausgaben... Eine Art traditionelle Selbsterkenntnis prägt die Erzählungen, die nicht frei von Dramen sind, allerdings in einem „realistischen“ Rahmen betrachtet werden. Es ist eben so, dass das Leben manchmal weh tut, darüber solle man sich doch nicht wundern. Sind wir nicht alle „Menschen“?

Am nächsten Sonntagvormittag gibt es in Altwindeck einen traditionellen Handwerkermarkt. Mehr als zehntausend Besucher werden erwartet. Die Einfahrtstraßen des Dorfes werden von freundlichen Jugendlichen streng bewacht: kein fremdes Auto darf hinein fahren. Rund um das Bürgerhaus – dort kriegt man Kaffee, Bier, Reibekuchen und Süßigkeiten – sind Handwerker zu finden: Uhrmacher, Weber, Schmiede und Korbflechter, Besenbinder und Brotbäcker. Und: Ein Pferdchen ist beauftragt, die Mühle in Betrieb zu setzen.

Der Korbflechter, etwa vierzig Jahren alt, sitzt auf einem Hocker, hält in seinem Mundwinkel eine Zigarette, und befindet sich in einem langsamen Arbeitsrhythmus, den es nicht zu unterbrechen gilt. Um ihn herum liegen mindestens hundert wunderschöne Körbe die man kaufen könnte, wäre der Mann nicht gerade dabei zu flechten. Mir ist sofort klar welchen Korb ich kaufen will, ja kaufen muss, weil ohne ihn mein Leben leer und aussichtslos bliebe. Ich weiß auch bereits, wo ich den Korb hinstellen will, und zwar auf die breite Fensterbank direkt neben dem Küchentisch, wo ich immer meine Texte entstehen lasse.

Als seine Zigarette zu Ende ist, schaut der Korbflechter um sich her, bemerkt mich dann endlich, sagt nichts, bietet sich allerdings anscheinend irgendwie doch an, wie ein Fachwerkhaus, das unerwartet eines seiner winzig kleinen Fenstern öffnet... Ich darf also etwas fragen, zum Beispiel ob ich vielleicht einen Korb kaufen KÖNNTE. Als ich meine Frage schüchtern gestellt habe, nickt er mit seinem Kopf, was so viel bedeutet wie: na ja, wenn du magst... Ich kaufe also einen Korb, ich glaube aus Weidenruten (bin mir aber nicht sicher, traue mir allerdings auch nicht zu, das zu fragen – so etwas sollte man doch einfach wissen!) und lasse den Mann in Ruhe. Er hat kein Wort gesprochen. In seinem Mundwinkel steckt bereits eine nächste Zigarette und seine Hände haben den Rhythmus sofort wieder gefunden.

Jetzt steht der Korb neben mir in der Küche. Und ich schreibe. Und ich denke: ich möchte mich auch mal als Handwerker auf einem Markt anbieten, ich nehme dann meinen Küchentisch, meinen Hocker von Ikea und meinen Laptop mit, setzte mich hin und flechte betagt Texte. Und falls jemand vorbei käme und für neunzehn Euro einen Text kaufen möchte, würde ich nichts sagen. Ich würde nicht einmal wissen wollen, auf welcher Fensterbank in seiner Seele der glückliche Käufer meinen Text zu würdigen gedenkt. Ich würde mir sagen: Jelle, du bist ein traditioneller Handwerker, mehr nicht. Das reicht doch, oder?

03.10.2010

Nochmals Station 4. Über Stimmen in einer finsteren Nacht

Station 4 neigt sich der Nacht entgegen. Auf den Fluren wird alles langsamer. Die Schritte der Krankenschwestern werden träger, die Stimmen gedämpfter, das Klingeln der Patienten seltener. Der lautlose Übergang ins Dunkle & Unbestimmte & Unbewusste erfüllt mich mit dem Verlangen, mich von meinen Gedanken zu befreien & mich der unsichtbaren Hand Gottes anheimzugeben.

Heute gibt es Gott aber nicht. Gott ist weit weg. Und dadurch, dass er mich entschieden alleine lässt, erscheint mein Leben zerstückelt. Ich sehe nur noch Brocken & Fetzen & Splitter. Und ich verstehe: für die Tätigkeit, aus meinem Leben eine Einheit zu gestalten, bin ich auf mich selbst angewiesen. Ich werde heute Nacht nicht einschlafen & morgen nicht wieder neu aufstehen. Und vor allem: ich werde nicht begeistert sein.

Gedanken brauche ich mir in dieser Nacht nicht zu machen – sie kommen von alleine, wie hungrige Wölfe. Sie stürzen sich auf mich, zerfetzen mich. Ich kann sie nicht leugnen, nicht elegant aus ihrer Bahn werfen, nicht ausblenden, nicht mit Argumenten ablenken oder gar stoppen. Sie hören nicht auf mich.

Kurz erscheint vor meinem geistigen Auge mein Freund Jan Frans, der vor mehr als zwanzig Jahren starb – er war gerade fünfunddreißig geworden – weil seine Aorta platzte. Einfach so. Eines Tages hatte er mir gesagt: „Wenn die Nacht kommt, sollst du besser schlafen gehen, sonst kommen die Dämonen.“ In Sachen Dämonen wusste mein Freund Bescheid. „Unkontrollierbare Gedanken,“ so meinte er, „ferngesteuerte. Sie werden zu dir geschickt, um Ängste zu erwecken. Und weißt du warum? Weil deine Angst für die Dämonen Nahrung ist.“

Die Gedanken, die auf mich zukommen, sagen mir, dass das Leben eigentlich ganz einfach ist. Ich müsste einfach nur verstehen, dass es verantwortungslos ist zu rauchen, zu trinken, mich nicht sportlich zu bewegen, mich nicht auf die Rhythmen von Tag & Nacht zu orientieren, Briefe & Emails nicht zu beantworten, wichtige Post vom Finanzamt nicht zu öffnen, die Pflanzen in meiner Wohnung nicht zu wässern & den Kühlschrank nicht zu reinigen.