30.03.2008

Was Sammy heute Samuel sagt. Über die Eltern

Sammy: „Es hat lange gedauert, bevor ich eine Ahnung davon bekam, dass ich existierte. Irgendwie schien alles ein Traum zu sein. Ich war aber glücklich & glücklich & glücklich, vor allem, wenn ich am Abend auf der Fensterbank meines Zimmers saß und die Amsel singen hörte. In einem Buch von links nach rechts hatte ich gelesen, dass die Amsel der Singvogel der Stadt genannt wird. Irgendwie schien mir das besser oder höher oder tiefer zu sein, als ein Singvogel im Wald. Weil im Wald niemand zu hört.“

„Ich habe lange nicht verstanden, dass Häuser gebaut werden. Ich meinte, ohne es wirklich zu meinen – ich hatte es irgendwie gemerkt – dass Häuser einfach da sind, so wie alles einfach da ist: die große Wiese im Park, der Bach an der anderen Seite der Strasse, die Schule auf dem Hügel, das Elektrizitätshäuschen um die Ecke... Alles ist immer vorhanden gewesen. Mein Vater und meine Mutter waren immer vorhanden gewesen. Und ich war immer vorhanden gewesen, obwohl ich gerade das nicht verstand – dass ich vorhanden war.“

„War ich vorhanden? Bin ich vorhanden? Was heißt es, vorhanden zu sein? Samuel, bist du vorhanden? Und bin ich für Dich vorhanden? (Und sind meine Hände vorhanden?) Irgendwie scheint es mir jetzt so zu sein, dass ich gerade nicht vorhanden bin, weil das Vorhandene doch vorhanden ist für mich? Ich kann doch nicht das sein, was für mich vorhanden ist?“

„Eine erste Ahnung davon, dass ich existiere, habe ich über die Augen meines Großvaters gekriegt. Er war klein & kahl & gegerbt. Er sagte nie etwas. Er rauchte alles mögliche: Zigaretten, Zigarren und Pfeife. Und er schwieg. Mein Großvater schwieg aktiv, so wie die meisten Menschen aktiv reden. Schweigen war seine Sprache. Seine Augen aber – braun, tief versteckt in großen Augenhöhlen – schauten auf alles was vorhanden war. Und alles was vorhanden war, steigerte sich in seinem Blick. Wenn er auf eine kupferne Granathülse schaute, stand sie auf einmal angenommen & überzeugend & mächtig im Raum.“

„Er schaute auch auf mich. Wenn er ins Wohnzimmer meiner Eltern eintrat, suchte sein Blick mich, berührte sein Blick mich, weckte sein Blick mich auf, so, als ob sein Blick eine Art Draht ist, der mich aus meinem inneren Meer an den Strand zog. Sein Blick brachte mich in die Luft und ins Licht hinein. In seinem Blick gab es etwas Lebendiges, dass mich ansteckte & nicht nur ins Weltenlicht brachte, sondern auch zu mir führte. Ja, ich würde sagen: in dem Blick meines Großvaters wurde ich geboren. Aus seinem Blick bin ich hervor gegangen.“

„Und manchmal frage ich mich: Ist er die Person in der Tarnkappe?“

„Mein Vater und meine Mutter waren mir fremd. Lieber Samuel, es fällt mir schwer zu beschreiben, wie ich die beiden gesehen habe, oder eben gar nicht gesehen habe. Sie waren irgendwie wie Gegenstände die man nicht anfasst, weil sie unbedingt sauber bleiben müssen. Sie zu berühren würde zu Krankheiten führen. Berühren würde zerstören. Berühren würde irgendwie die Welt in ihrem Kern aus dem Gleichgewicht heben. Die Körper meiner Eltern waren mir nicht zugehörig – sie befanden sich in einer anderen Welt, die sich parallel zu meiner, aber unerreichbar, fortbewegten in eine für mich nicht nachvollziehbare Richtung.“

„Es ist nicht so, dass ich die beiden nicht liebte. Und umgekehrt glaube ich bestimmt, dass sie mich liebten. Es war aber eine Liebe ohne eine wirkliche Verwandtschaft, so wie der Kuckuck in einem fremden Nest. Ist es nicht so, dass wir nur sehen & verstehen können, was wir irgendwie schon kennen? Samuel, sag mir, würde Plato das nicht bestätigen?“

„Ich glaube aber, dass man lieben kann, was man nicht kennt. Man kann lieben ohne zu erkennen. Die Liebe zu meiner Mutter und zu meinem Vater war aber nicht selbstverständlich, nicht vertraut, nicht von alleine... Jeden Tag wenn ich aus der Schule kam und über den Gartenweg ins Haus gelangte, war ich somewhere deep down überrascht meine Mutter anzutreffen, so, als ob ich nicht mit ihr gerechnet hätte. Ja, sie hatte immer Tee gekocht. Immer Tee. Und immer gab es Kuchen & Süßigkeiten & Schokolade. Und immer hat sie geraucht, wie mein Großvater, der ihr Vater war. Und immer habe ich gedacht: sie hat auch die braunen und tiefen Augen meines Großvaters - sie sah mich aber irgendwie nicht.“

"Samuel, ich muss jetzt schweigen. Weil ich weinen muss. Weil ich meine Mutter liebe, gerade auch deshalb, weil ich ihr fremd war. Weil sie meine Sehnsucht nach der Bewegung von links nach rechts nicht verstand. Weil sie, wenn sie auf mich schaute, immer etwas vermisst hat, ohne zu wissen, dass sie es vermisste. Sie muss das Gefühl gehabt haben, in ein schwarzes Loch zu schauen - genau das, was ich erlebte, als ich noch ganz ober war. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass sie mich nie spontan umarmen konnte?"

19.03.2008

Was Sammy heute Samuel sagt. Über das Loch

Sammy: „Auf einmal war da ein Loch, ein Nichts, ein offenes Ende ohne Licht, einen dunklen Geruch, den ich nicht erkennen konnte – ja, wenn Du, Samuel, mich jetzt fragst, würde ich sagen: es war so, als ob eine frische & prickelnde Frucht, die lange auf mich gewartet hatte, auf einmal auseinander fiel & einen faulen Kern offenbarte. Ich wusste nicht mehr, worauf ich mich noch orientieren konnte.“

„Ich war da ganz oben. Was es heißt, da ganz oben zu sein? Na ja, das ist schwierig zu beschreiben. Da ganz oben ist man eingebettet in tragende Ströme, wie Vögel in hohen Luftbewegungen – in Erwartungen & Hoffnungen & weiten Perspektiven & uralten Motiven & bedeutungsvollen Schwingungen. Alles da oben hängt mit allem zusammen, wie in einer Symphonie von Gustav Mahler oder auf einem Bild von Willem de Kooning. Die Töne & Rhythmen & Farben & Flächen bewegen sich wie ein Schwarm Stare. Und man ist da mittendrin.“

„Ja, ganz oben sein, das heißt noch nicht geboren sein, oder vielleicht besser gesagt: im Kommen sein. Man ist da ganz oben immer selbstverständlich unterwegs. Man geht auf etwas zu. Man neigt sich nach vorne und damit nach unten. Vorne ist da oben gleich unten. Aber unten riecht es gut, ganz gut, so wie es von hier unten ja gerade da oben frisch & prickelnd riecht. Da oben sind irgendwie Weg und Ziel immer eins und das Gleiche.“

„Als ich da oben war, was sah ich da unten? Na ja, das ist schwierig zu beschreiben. Ich würde sagen, dass ich da unten zwei Menschen sah, zwei dunkle Menschen, die alte Bücher liebten – ihre Zeigefinger waren immer & immer zwischen aufgeschlagenen Blättern mit fast brennenden Zeichen, die von rechts nach links liefen. Dieses von rechts nach links laufen von Zeichen, hat mich damals da oben sehr beschäftigt, weil ich spürte: der göttliche Reigen bewegt sich von rechts nach links.“

„Die zwei Menschen wohnten in einer Stadt an einem breiten Fluss. Ich meinte – na ja, da oben „meint“ man eigentlich gar nichts, man merkt die Dinge einfach – dass in dieser Stadt noch viele andere sich von rechts nach links bewegende Zeigefinger waren. Und ich wollte da hin. Ich wollte vor allem bei diesen zwei dunklen Menschen sein, die irgendwie etwas bewahrten, was ich abholen sollte – die auf mich warteten, genau so dringend, wie ich mich auf sie zu bewegen wollte. Sie hatten mir etwas zu sagen, zu enthüllen, zu zeigen über mich.“

"Aber dann war auf einmal das Loch da. Die beiden waren verschwunden. Ich konnte leider nicht sehen, wie das geschehen war. Ich spürte da unten eine heftige Unruhe, als ob alles durcheinander geraten & sich von rechts nach links bewegen irgendwie nicht mehr möglich war. Vage meinte ich einen langen & düsteren Weg in östliche Richtung zu sehen, von mir aus gesehen klar von links nach rechts, der sich in einem Nichts auflöste. Weil es da oben den Begriff Tod nicht gibt, konnte ich nicht verstehen, was passiert war.“

„Jetzt weiß ich es: die beiden waren tot.“

„Ich wusste nicht mehr, worauf ich mich in meinem Kommen richten sollte. Ich war nicht mehr unterwegs. Und fast hätte ich mich umgedreht & den Weg zurück eingeschlagen, den Weg in die oberen Schwingungen & Bedeutungen & Herkünfte. Nicht weil ich mich danach sehnte, nein, das war ganz und gar nicht der Fall! Ich wusste einfach keinen anderen Weg. Es gab nichts anderes.“

„Irgend jemand oder irgend etwas – war es ein Bild? Ein Song? Eine gebrochene Stimme? Ein Bluessänger? Ein Freund, der mich brauchte? – hat mir an dieser Stelle geholfen. Nein, ich kann leider nicht sagen, wie das geschah, weil mir dieser Moment verborgen ist. Wenn es eine Person war, hüllt sie sich bis auf den heutigen Tag in eine Tarnkappe. Aber irgend jemand oder irgend etwas hat mir den Weg zurück versperrt & meine Augen nach vorne und nach unten wieder geöffnet. Und was ich sah, waren zwei andere Menschen, in einer anderen Stadt, in einem anderen Land. Ja, auch diese zwei Menschen liebten ein altes Buch – die Zeichen dieses Buches verliefen aber gerade umgekehrt, also von links nach rechts.“

„Bei diesen beiden Menschen bin ich letztendlich mehr oder weniger angekommen. Ja, ich sage mehr oder weniger, weil die beiden mir irgendwie immer fremd geblieben sind. Ihre Haut, ihre Haare, ihre Bewegungen (von links nach rechts), ihre Worte & Redewendungen, ihre Art Fahrrad zu fahren & ihre Liebe zu Bach & ihr Ärger über Jazz, ja, ihre klaren Gedanken über Gott & die Menschen, über Arbeitgeber & Arbeitnehmer – das alles stand trocken und bewegungslos um mich herum. Es war, als ob ich wie ein Frosch in einem Schuhkarton gelandet war.“

„Als ich endlich aufwachte und zu mir kam, war ich elf Jahre alt. Ich stand im Wohnzimmer meiner Eltern und dachte: die Welt ist leer. Ich dachte: meine Welt gibt es hier nicht. Ich dachte sogar: die Welt gibt es nicht. (Jahre später hast Du, Samuel, in einem Buch von links nach rechts gelesen: „die Welt ist, was der Fall ist“. Dieser Gedanke bot Dir einen Ausweg – darüber schreibst Du vielleicht später mal ein paar Worte.) Ja, in diesem Wohnzimmer bin ich, der kleine Sammy, in gewissem Sinne bis auf den heutigen Tag stehen geblieben."

"Du, Samuel, bist weiter gegangen. Du hast Grenzen überschritten & Umzüge arrangiert & mittlerweile gelernt Dich von rechts nach links zu bewegen. Es wird aber Zeit, dass ich vom Fleck komme und mitmache."

Was Sammy heute Samuel sagt.

Sammy: „Auf einmal war da ein Loch, ein Nichts, ein offenes Ende ohne Licht, einen dunklen Geruch, den ich nicht erkennen konnte – ja, wenn Du, Samuel, mich jetzt fragst, würde ich sagen: es war so, als ob eine frische & prickelnde Frucht, die lange auf mich gewartet hatte, auf einmal auseinander fiel & einen faulen Kern offenbarte. Ich wusste nicht mehr, worauf ich mich noch orientieren konnte.“

„Ich war da ganz oben. Was es heißt, da ganz oben zu sein? Na ja, das ist schwierig zu beschreiben. Da ganz oben ist man eingebettet in tragende Ströme, wie Vögel in hohen Luftbewegungen – in Erwartungen & Hoffnungen & weiten Perspektiven & uralten Motiven & bedeutungsvollen Schwingungen. Alles da oben hängt mit allem zusammen, wie in einer Symphonie von Gustav Mahler oder auf einem Bild von Willem de Kooning. Die Töne & Rhythmen & Farben & Flächen bewegen sich wie ein Schwarm Stare. Und man ist da mittendrin.“

„Ja, ganz oben sein, das heißt noch nicht geboren sein, oder vielleicht besser gesagt: im Kommen sein. Man ist da ganz oben immer selbstverständlich unterwegs. Man geht auf etwas zu. Man neigt sich nach vorne und damit nach unten. Vorne ist da oben gleich unten. Aber unten riecht es gut, ganz gut, so wie es von hier unten ja gerade da oben frisch & prickelnd riecht. Da oben sind irgendwie Weg und Ziel immer eins und das Gleiche.“

„Als ich da oben war, was sah ich da unten? Na ja, das ist schwierig zu beschreiben. Ich würde sagen, dass ich da unten zwei Menschen sah, zwei dunkle Menschen, die alte Bücher liebten – ihre Zeigefinger waren immer & immer zwischen aufgeschlagenen Blättern mit fast brennenden Zeichen, die von rechts nach links liefen. Dieses von rechts nach links laufen von Zeichen, hat mich damals da oben sehr beschäftigt, weil ich spürte: der göttliche Reigen bewegt sich von rechts nach links.“

„Die zwei Menschen wohnten in einer Stadt an einem breiten Fluss. Ich meinte – na ja, da oben „meint“ man eigentlich gar nichts, man merkt die Dinge einfach – dass in dieser Stadt noch viele andere sich von rechts nach links bewegende Zeigefinger waren. Und ich wollte da hin. Ich wollte vor allem bei diesen zwei dunklen Menschen sein, die irgendwie etwas bewahrten, was ich abholen sollte – die auf mich warteten, genau so dringend, wie ich mich auf sie zu bewegen wollte. Sie hatten mir etwas zu sagen, zu enthüllen, zu zeigen über mich.“

„Aber dann war auf einmal das Loch da. Die beiden waren verschwunden. Ich konnte leider nicht sehen, wie das geschehen war. Ich spürte da unten eine heftige Unruhe, als ob alles durcheinander geraten & sich von rechts nach links bewegen irgendwie nicht mehr möglich war. Vage meinte ich einen langen & düsteren Weg in östliche Richtung zu sehen, von mir aus gesehen klar von links nach rechts, der sich in einem Nichts auflöste. Weil es da oben den Begriff Tod nicht gibt, konnte ich nicht verstehen, was passiert war.“

„Jetzt weiß ich es: die beiden waren tot.“

„Ich wusste nicht mehr, worauf ich mich in meinem Kommen richten sollte. Ich war nicht mehr unterwegs. Und fast hätte ich mich umgedreht & den Weg zurück eingeschlagen, den Weg in die oberen Schwingungen & Bedeutungen & Herkünfte. Nicht weil ich mich danach sehnte, nein, das war ganz und gar nicht der Fall! Ich wusste einfach keinen anderen Weg. Es gab nichts anderes.“

14.03.2008

Die Art von Henning Köhler

„Ich bin ein Existentialist bis in meine Knochen“. Und: „Mein Thema ist die Freiheit“. Und: „Karma und Freiheit bedingen einander“. Und: „Man soll nichts aus Treue und Glauben annehmen“. Diese vier Sätze stammen von Henning Köhler. Er hat sie vor ein paar Wochen in Köln ausgesprochen. Der Titel des Seminars lautete: „Dem Karma auf der Spur“.

Ich war in den letzten Jahren öfters in der Gelegenheit Henning Köhler sprechen zu hören. Im Rahmen der integrativen Fortbildung, die er in Zusammenarbeit mit dem Seminar für Waldorfpädagogik in Köln anbietet, habe ich seine Ausführungen über ein breites Themenspektrum, wie ein Schwamm aufgenommen. Angst bei Kindern, die anthroposophische Sinneslehre, die so genannten ADS-Kinder, die Ethik des Beratungsgespräches, auffällige Verhaltensweisen und „ungewöhnliche Begabungsprofile“ bei Kindern, der Kindheitsgedanke... Und irgendwo und irgendwann habe ich Henning Köhler in einem Artikel „den warmen Philosophen der Kindheit“ genannt.

Was Henning Köhler denkt, kann man in seinen Büchern nachlesen. Mich interessiert heute eher die Frage: wie denkt und spricht er? Ich meine damit: wie verhält er sich zu den Gedanken, die er äußert? Wie „bewegt“ er sich in der Welt der Gedanken? Wie verwandelt er Gedanken in Sprache? Oder anders gesagt: wie wirkt seine „Gestalt“ als Philosoph? Und vor allem auch: wie spricht er seine Zuhörer an? Wie schafft er es, in einem Seminar seine Zuhörer zu einer Art philosophischen Spaziergang zu bewegen?

Also, nicht das Was, sondern das Wie steht heute in diesem Text an. Was immer auffällt, ist seine Ruhe. Henning Köhler steht da vorne am Rednerpult, hat ein paar Papiere und Bücher dabei, liest manchmal kurz, befreit sich dann selbstverständlich von den Unterlagen und bewegt sich im Raum. Er macht ein paar Schritte um das Pult herum, drei oder vier, nicht mehr, und spricht frei. Sein Blick schweift dabei nach vorne und um ihn herum, wobei er gleichzeitig zwei Sachen zu sehen scheint: die Gedanken, die er gerade in seinen Papieren gefunden hat, und seine Zuhörer.

Er scheint die Gedanken vor sich in einem Raum zu sehen, wie vertraute Objekte, die er mag (oder manchmal auch gerade nicht mag). Seine Gedanken & Begriffe wirken wie unsichtbare Gegenstände, die sich fast handfest & genau & differenziert in einer Landschaft befinden. Und was Henning Köhler macht, ist in einem gewissen Sinne nichts anders, als diese Landschaft zu öffnen & betretbar zu machen.

Wenn er meint, einen Teil der Landschaft hinreichend gestaltet zu haben, dreht er sich langsam und nachdenklich um, macht ein paar Schritte auf das Pult zu (so, als ob er kurz in eine Hütte geht), nimmt ein Blatt Papier in seine Hände, und liest. In dieser ruhigen hin-und-her-Bewegung, die sich ständig wiederholt, wirkt die Tatsache kräftig mit, dass sein Körper groß & tragend & rund ist. Irgendwie scheint er das Bild seines Körpers auf eine unsichtbare-aber-spürbare Ebene zu übertragen. Als Zuhörer fühlt man sich in dieser Körperlichkeit aufgehoben.

In seiner Sprache ist Henning Köhler erstaunlich genau & konsistent & liebevoll. Er liebt die Gedanken – mehr noch die Sprache. Seine Worte & Wortpaare & Sätze & Redewendungen erscheinen wie sorgfältig geschnittene Objekte, wie in einer Kirche aus dem Mittelalter. (Der Unterschied ist nur dieser: sein Geschnittenes befindet sich nicht in einer Kirche, sondern auf einem weiten Feld.) Und er lebt in der Sprache, wie sein Körper sich im Raum bewegt: sorgfältig & gehalten & irgendwie auch mächtig. Seine Stimme klingt sonor & eindringlich & warm.

Das Schönste ist, wenn er auf einmal etwas sagt, das nicht schon vorher gedacht war, sondern sich unerwartet neu aus dem schon Gesagtem ergibt. Es ist dann, als ob sich ein neuer Raum vor allen Zuhörern spürbar öffnet, erst anfänglich „leer“ im Raum schwebt, und dann mit Worten & Begriffen & Bildern, die von irgendwo tief unten hergeholt werden, gefüllt wird. Für solche Momente kenne ich nur ein Wort: Geburt.

Wie gesagt, Henning Köhler lebt in Gedanken & gestaltet Gedanken zu einer genauen und liebevollen Sprache. Durch & zwischen & mit den Gedanken fliesen aber immer tastende Gefühle, die sich zwischen Nähe und Distanz hin und her bewegen. Auf einmal aber können sich diese Gefühle in greifende & eingreifende & angreifende Emotionen verwandeln. Auf einmal ist dann Unruhe da. Ich meine beobachtet zu haben, dass diese Verwandlung immer dann stattfindet, wenn er irgendwie meint, dass der Freiheitsbegriff in Gefahr ist. Ein Zorn steigt auf, der zeigt, dass er nicht nur ein warmer Philosoph der Kindheit, sondern auch ein Kämpfer ist.

Mit Dank an Sophie Pannitschka

11.03.2008

Vortrag Essen. Über Macht und Freundschaft

Ich verstehe die Anthroposophie auch als einen Raum von Begriffen und Bildern, immer wieder neuen Begriffen und neuen Bildern, in denen sich unterschiedliche Willensrichtungen treffen und verständigen können. Um es mit einem Bild zu sagen: die Anthroposophie ist auch ein Saal mit klaren Spiegeln, die so aufgestellt sind, dass man sich selber und die anderen von allen Seiten sehen kann. Anthroposophie kann zu einem Verstehen führen, dass aus einem sich „rundum-bewegen“ gewonnen wird.

In meinem Vortrag heute Abend (12.03.2008) möchte ich versuchen, mich mit drei Gestalten in diesen Raum hinein zu begeben. Einer von diesen dreien hat sich auch Anthroposoph genannt, nämlich Bernard Lievegoed. Er hat mich bekannt gemacht mit dem Begriff der „Kultur des Herzens“. Die zwei anderen sind französische Philosophen, die im zwanzigsten Jahrhundert als Zeitgenossen in Paris gelebt und einander als Philosophen nicht besonders geschätzt haben: Emmanuel Lévinas und Michel Foucault.

Bernard Lievegoed war Arzt, Erzieher, Organisationsberater und Professor für Soziale Betriebswissenschaft. Im Rahmen meines Vortrages heute Abend könnte gesagt werden, dass einer seiner zentralen Anliegen das Folgende war: die Spannung zwischen der funktionellen Ebene und der allgemein menschlichen Ebene in der Zusammenarbeit zu beleuchten und zu bewegen. Lievegoed meinte, dass in der Zusammenarbeit nur dann spirituelle Ziele erreicht werden können, wenn die Menschen versuchen sich gegenseitig die Herzen zu öffnen.

Emmanuel Lévinas war der Philosoph der Begegnung. In seinem Buch „Zwischen uns“ spricht er von der „Perspektive der Heiligkeit“ in dem „Außer-sich-und-Für-den-Anderen“-sein. Er meinte, vereinfacht gesagt, dass das Leben erst dann an Bedeutung gewinnt, auch in religiösem Sinne, wenn wir uns durch den Anderen bewegen, verändern, bestimmen lassen. Das sogenannte „Ich“ des Menschen entsteht erst im Antlitz des oder der Anderen.

Michel Foucault war der Philosoph der Machtstrukturen. Er hat sich immer wieder die Frage gestellt, wie Menschen im doppelten Sinne zum Subjekt werden können: „subjektiviert“ in einer Unterworfenheit (als Sklave, als Angestellter, als Frau, als Bürger) oder gerade umgekehrt: als freies und kreatives Subjekt, als Person die ihre „Biographie wie ein Kunstwerk“ gestaltet. Sein ganzes Leben hat er versucht, sich von dem alten Begriff der Macht als einer düsteren Kraft-von-außen, zu befreien.

Francisco Ortega[i] fasst die Schlussfolgerung von Foucault folgendermaßen zusammen: „Foucault zufolge leben wir in einer Welt, in der die sozialen Institutionen dazu beigetragen haben, die Zahl der möglichen Beziehungen zu begrenzen. Der Grund dieser Beschränkung liegt darin, dass eine Gesellschaft, welche die Zunahme der möglichen Beziehungen zuließe, schwieriger zu verwalten und zu kontrollieren wäre“.

Am Ende seines Lebens (Foucault starb 1984) taucht in seiner Arbeit der Begriff Freundschaft auf. Er meint, dass die Freundschaft zu verstehen ist als eine Möglichkeit, der immer wirksamen Kraft der Macht aus Freiheit eine positive Bedeutung zu geben. Freundschaft wird damit auf einmal eine brisante soziale Einheit – ein Ort des Widerstandes und der Erneuerung. „Freundschaften zu knüpfen, heißt, Minoritäten entstehen zu lassen, die der Macht Widerstand leisten".

An dieser Stelle wird auf einmal die Arbeit von Lévinas relevant, weil er sich intensiv mit den Fragen der Beziehung beschäftigt hat. Wie ist eine Freundschaft zu leben, zu pflegen und vor allem zu gestalten? Was ist „zwischen uns“? Wie kann man von Angesicht zu Angesicht „sein“? Und: wenn man die Achse zwischen zwei Menschen als das Urphänomen des sozialen Lebens versteht, welche Bedeutung hat dann der dritte und vierte Mensch in der Beziehung? (Lévinas: So bald ein Dritter in der Beziehung auftaucht, braucht man Ethik.)

In einer Kultur des Herzens werden diese Themen aus der Sphäre der Selbstverständlichkeit geholt. Spannend ist dabei vor allem die Frage, welche Bedeutung die Freundschaft in institutionellen Zusammenhängen haben kann. In der Kneipe, mit einem Glas Bier, ist die Freundschaft relativ einfach zu handhaben – als Kollegen, beispielsweise in einem Lehrerkollegium, taucht sofort Widersprüchliches auf. In einer Kultur des Herzens geht es erst mal nicht darum, diese Widersprüche sofort aufzuheben. Die Aufgabe ist eher, an diesen Widersprüchen zu wachsen.

[i] Francisco Ortega, Michel Foucault, Rekonstruktion der Freundschaft, 1997, Wilhelm Fink Verlag, S.242

Mit dank an Sophie Pannitschka

02.03.2008

Esteecee heute. Von Musik getragen

Inwieweit hat der erwachsene Mensch etwas mit seiner Jugend zu tun? Und stimmt es, dass jeder Mensch in seiner Erinnerung die Stätten seiner Jugend in eine goldene Aura hüllt? Weil man dort noch immer den Glanz des Lebens vor der Geburt erlebt? Weil man noch an der Wirklichkeit teil hat, voller Vertrauen und sicher? Weil man die Einsamkeit noch nicht kennen gelernt hat und sich der Bruch mit den Dingen um einen herum noch nicht vollzogen hat?

Sind alle Menschen im Besitz eines solch harmonischen Weltbildes, das offensichtlich in der Jugend entsteht und das auf dem Boden der Seele weiterschlummert wie ein Verlangen, mit dem man nichts anzufangen weiß? Ist dies auch denjenigen Menschen vertraut, die in den Slums von Bombay oder Lima aufwachsen? Und auch solchen die zuerst vom Heroin entwöhnt werden müssen, weil ihre Mutter süchtig war? Und denjenigen, die, vom Vater getragen, auf die Flucht gehen mussten, weil Krieg kam?

Kannte Gloria diese Erfahrung? Ja, trotz allem. Denn dies musste sie gemeint haben, als sie damals an jenem warmen Sommernachmittag im Vondelpark auf einmal über ihre Schulferien zu erzählen begann. Dass nach dem letzten Schultag eine einzige große Freiheit vor ihr lag, eine goldene Ära ohne Ende, in der es nach Tannenduft riechen würde und ihr Vater abends auf die Querflöte spielen würde. Und in der sie nicht in dem großen Haus mit all diesen dunklen Zimmern sein würde.

Sie hatte erzählt, dass am letzten Schultag, wenn es endlich vier Uhr geworden war und die Tore der Schule zum letzten Mal geöffnet wurden, ihr der lange Weg nach Hause auf einmal wie ein sonnenüberströmter Weg der Freiheit erschienen war. Sie lief nicht, sondern es kam ihr vor, als ob sie nach Hause schwebte von den Klänge eines Musikstückes getragen, das gerade begonnen hatte.

Bei Gloria ging es letztendlich immer um Musik. Ihr tiefstes Weltbild bestand aus Klängen un nicht aus Bilder, wie bei mir. Ich sehe die Dinge immer vor meinem geistigen Auge wie ein Film oder ein Gemälde. Erst wenn ich etwas vor mir sehen kann, bekomme ich eine Verbindung damit. Gloria aber schien manchmal gar nichts zu sehen, als ob sie keine Augen hätte. Man brauchte sie nicht zu fragen, welche Kleider jemand am Tag hervor getragen hatte, denn sie würde es nicht wissen.

Ich bezweifle, ob sie irgendwann gesehen hat, dass meine Augen braun sind.

25.02.2008

Esteecee heute. Über die Unbekümmertheit des Geistes

Im Zug auf dem Rückweg nach Amsterdam saßen wir einander gegenüber. Einen ganzen Abend lang hatte Gloria nichts gesagt, aber nun legte sie auf einmal los. Nein, sie konnte nicht glauben, dass man unbedingt für die Kunst leiden müsse. Warum alles so kompliziert machen? Nimm z.B. die Musik von Schubert, die sie gut kannte, weil sie Klavier spielte. Schubert hatte doch einfach die endlosen Kombinationen genossen, die man mit Klängen machen kann? Seine Hände liefen spielerisch über die Tasten wie ein Kind, das auf dem Gehweg über die Platten hüpft und dabei entdeckt er wie vielerlei Kombinationen möglich sind.

Und Chopin. Ja, Chopin! Das ganze Gerede über sein polnisches Heimweh – das ist doch typisch für schwermütige Europäer, die immer einen tragischen Mythos brauchen, um Kunst schätzen zu können. Nein, Gloria selbst glaubte, dass Chopin vor allem eine Herausforderung darin gesehen hatte, die eine Hand rasend schnell und gleichzeitig die andere feierlich langsam spielen zu lassen. Als Chopin komponierte, dachte er an alles mögliche, nur nicht an Polen.

Gloria liebte das leichte Dasein. Sagte sie, und deshalb wollte sie Eurythmie studieren. Denn in der Bewegungen der Eurythmie wird „die Schwere der Erde aufgehoben“, so wie sie es ausdrückte. „Du lernst, dich über die Verdauung des Alltags zu erheben, über Ängste und Depressionen, über all dieses Getue mit Sex.“ Sie war nun sechsundzwanzig, hatte Sozialgeographie studiert und war fest entschlossen, ihrem Leben eine neue Richtung zu geben, die sie zu einer Art Unbekümmertheit des Geistes führen würde.

Während Gloria sprach, hatte ich ihr zugeschaut. Der Blick ihrer grünen Augen war wachsam durch das ganze Abteil gewandert und hatte nur einige Malen kurz meinem Blick begegnet. Auf ihrem Schoß hielten ihre Hände eine Baumwolletasche fest umklammert, als ob darin ein enormer Geldbetrag wäre oder zumindest ein handgeschriebenes Manuskript von Schubert. Ich wunderte mich darüber, dass ihre Kleidung in jeder Hinsicht zu lang war: die Hosenbeinen ihrer Jeans hingen über die Absätze ihrer festen Schuhe, die Ärmel der blauen Batikbluse rutschten bis zum Ansatz ihrer Daumen herunter und die Kragen waren hochgeschlagen. Ihre halblangen strähnigen Haare bedeckten Augenbrauen, Ohren und Nacken.

Am meisten traf mich das Nervenzücken in ihrem Antlitz, das im Laufe des Gesprächs allmählich zunahm. Ich konnte meine Augen nicht davon abwenden, als ob ich etwas sähe, von dem ich zwar nichts verstand, das ich aber, obwohl es mich auch verwirrte, sofort liebte. Auf die eine oder andere Weise erkannte ich diese Zuckungen. Sie zogen blitzartig über ihr Angesicht, besetzten kurz ihre Augen, die sich aufsperrten, schossen unter der haut weiter zu einer Mundecke, die sich daraufhin zusammenzog und wanderten dann in ihre Wange, die zitterte. Während ich schaute und schaute, schien es mir, als ob sich in ihrem Gesicht eine zweite Gestalt auszudrücken versuchte, eine weitere Person, mit einem völlig eigenen Leben, einem eindeutig gequältem Leben, und diese Person schien sich fortwährend auf der Flucht zu befinden.

Auf keinerlei Weise war Gloria anzumerken, dass sie sich dieses Nervenzuckens bewusst war. Es war, als ob es ihr nichts ausmachte, es sie nichts anging. Sie redete einfach darüber hinweg, so wie ein Klavierspieler unbeirrbar weiterspielt, während jemand im Saal einen erstickenden Hustenanfall hat.

20.02.2008

Die Mission von Sebastian Gronbach

Gerade ist das erste Buch von Sebastian Gronbach erschienen. Ich verstehe das Buch als ein Ereignis. Und weil es mir empfehlenswert erscheint, an Ereignisse teilzunehmen, sage ich: lest sein Buch! Und mehr noch: bewegt die Inhalte, diskutiert die Statements, prüft die Urteile, und vor allem: schaut auf das, was er zu erreichen sucht. Denn ein Ding wird in seinem Buch klipp und klar: Sebastian Gronbach hat etwas vor.

Was hat er vor? Oder anders gesagt: was ist seine Mission? Mir scheinen über seinem Buch die Sätze Rudolf Steiners zu strahlen: „Ich möchte jeden Menschen / aus des Kosmos` Geist entzünden,/ dass er Flamme werde...“ Das Buch von Sebastian Gronbach beinhaltet Zündstoff, nicht um irgendeine Bombe explodieren zu lassen (vielleicht sieht es oberflächlich betrachtet so aus), sondern um Menschen zu entzünden. Und sein literarisches Vorgehen ist dabei verwirrend einfach und deswegen simpel kompliziert: sein Schreibakt ist als eine Art Selbstentzündung zu verstehen.

Sebastian Gronbach meint, dass die Anthroposophie Menschen braucht, die sich selber geistig entzünden. In diesem Sinne ist sein Buch zu verstehen als eine Antwort auf den Terror. Implizit vertritt er in seinem Buch eine Strategie des Geisteskampfes: die Strategie der freien Tat. Sieht man in seinem Buch einmal dieses positive Gegenbild des Terrors, versteht man, was er vorhat. Sebastian Gronbach macht deutlich, dass der Weg zu Freiheit und Liebe über unsere Sehsüchte (was uns schon bekannt war), Vorsätze und vor allem Entscheidungen läuft.

Sebastian Gronbach will nicht warten auf „etwas“, das vielleicht kommt. Gerade von dieser Strategie hat er sich verabschiedet. Nix üben! Sondern tun! Er ist im Sinne von Dieter Brüll zu verstehen als eine „urielische“ Seele, d.h. eine Seele, die im Hier und Jetzt einmalige und entscheidende Ereignisse hervorzurufen wünscht. Auf Freiheit und Liebe braucht man nicht zu warten. Und so ist auch sein Buch zu verstehen. Es handelt nicht über dies und jenes, sondern versucht über die Inhalte und literarische Vorgänge eine Beziehung zu den Lesern herzustellen. Implizit fragt er: Na, macht ihr mit?

16.02.2008

Heute erzählt mir Esteecee vertraulich... (3)

Fünf Jahre nach ihrem Tod war ich in der Slowakei. Ich saß an einem rohen Holztisch neben dem Bahnsteig des Bahnhofes in Banska Bystrica. Es war früh am Morgen und die nächtliche Kälte hing noch in der Luft. An einem zweiten Tisch saßen Waldarbeiter, die in lärmender Runde Wodka tranken. Der Zug nach Cervena Skala sollte erst in einer Stunde abfahren.

Ich holte das grüne Heft hervor, das ich noch in Amsterdam gekauft hatte, schlug es auf und wollte einige Zeilen aufschreiben, die mir während der nächtlichen Zugfahrt in den Sinn gekommen waren. Die erste Zeile, die ich aufschreiben wollte, enthielt den Namen der gestorbene Freundin. Ich schrieb: „Es ist fast fünf Jahre her, dass...“, und geriet ins Stocken. Gerade als ich ihren Namen aufschreiben wollte, schien die Welt um mich herum zu verstummen. Es entstand mitten unten den Waldarbeitern, den Bahnhofsgebäuden, den Bäume eine Stille; in dieser Stille fühlte ich auf einmal mit großer Gewissheit, dass ich den Namen der Freundin nicht aufschreiben dürfte. Ich müsste einen anderen Namen für sie finden.

Während die Waldarbeiter wieder Witze rissen und ich einen zweiten Becher Kaffee leertrank, schaute ich vor mich hin. Was war passiert? Offensichtlich ist es also so, dachte ich, dass die Geschichte von ihrer Person losgelöst werden muss. Es geht nicht um sie als Person, sondern um etwas, dass darüber hinausreicht, etwas, das einen anderen Name hat. Einfach schreiben, dass sich zu der und der Zeit dies und jenes zugetragen hat, führt also nicht zu der Geschichte, die erzählt werden will. Aber wovon sollte die Geschichte dann wohl handeln?

Da fiel mir etwas ein: Geschichte ist Vergangenheit, ihr Leben ist Vergangenheit, auch ihr Selbstmord gehört der Vergangenheit an. Solange man auf der Suche nach Vergangenem ist, wird man im Dunkel herumtappen, wird man sich schuldig fühlen, wird man wie ein zurückgelassener Hund am Gartenzaun weiter heulen. Und sofort fiel mir der Namen ein, den ich ihr geben würde, den Namen, den ich an jenem frühen Morgen im Zug noch gehört hatte, als ich der Stimme von Van Morrison lauschte.

„Gloria“.

08.02.2008

50+. Schweben zwischen Abschied und Anfang

Die Lebensphase worin man sich gerade befindet, funktioniert wie ein Okular. Mit jeder Lebensphase geht eine bestimmte Sichtweise auf die Welt einher. Die Lebensphasen sind in gewissem Sinne „Erkenntnisorgane“, das heißt empfindliche & empfängliche & empfindsame Sensoren. Aus den Tiefen des Lebensgangs tauchen geistige Flechtwerke von Fragen & Ahnungen & Bildern & Stimmungen auf, die uns dazu bringen, das Leben und die Welt auf eine bestimmte Art und Weise zu „lesen“. (Michel Foucault würde an dieser Stelle nicht von Flechtwerken, sondern von „Epistemen“ sprechen.)

Ich bin 58 Jahre alt. Vor etwa vier Jahren ist in mir ein Flechtwerk von Fragen & Ahnungen & Bildern & Stimmungen erschienen, das ich erst als rein persönlich aufgefasst hatte. Ich meinte etwa, dass die Tatsache, dass ich älter wurde und damit der Tod näher rückte, in mir meiner Natur entsprechend eine Art melancholische Nachdenklichkeit hervorrief. Mittlerweile meine ich aber, dass das zu linear und psychologisch gedacht ist. Das auf den Tod Zuleben (Heidegger) ist zwar ein wesentlicher Vorgang, der tatsächlich Nachdenklichkeit & Innerlichkeit & Schwermut erzeugt, erklärt aber die Inhalte des Flechtwerks nicht.

Wie sieht das Flechtwerk von Fragen & Ahnungen & Bildern & Stimmungen in mir aus? Mir scheint es so zu sein, als ob sich in mir eine Art Spaltung vollzogen hat. Im Laufe der letzten Jahre sind zwei Perspektiven entstanden. Sie existieren gleichzeitig nebeneinander und suchen eine Wechselbeziehung zueinander. Sie sind, so meine ich, aus einander hervorgegangen. Die Aufgabe wäre, die beiden Perspektiven miteinander ins Gespräch zu bringen.

Die erste Perspektive hat mit Abschied zu tun. Irgendwie scheint es mir so zu sein, dass mein Leben & meine Aufgaben & meine Beziehungen nicht mehr selbstverständlich sind. Mein Körper, mein Charakter, meine Gewohnheiten, meine Überzeugungen, meine Vorlieben und meine sozialen Verbindungen haben eine spontane Evidenz verloren. Ich erlebe mich nicht länger als selbstverständlich getragen durch das, was ich denke, fühle und mache. Oder anders gesagt: Das Leben spricht nicht länger die mich gestaltende Sprache der Schöpfung.

Mit dieser Perspektive ist eine tiefe Müdigkeit verbunden. Das Leben sieht aus diesem Blickwinkel so aus, als ob alles schon mal gewesen ist. Mit dieser Müdigkeit geht auch eine Art Untergangsstimmung einher. Die konkreten Träume & Erwartungen & Sehnsüchte, die mein Leben bisher spontan und selbstverständlich bewegt haben, verlieren allmählich ihre spritzige Evidenz. Ein bisschen überspitzt gesagt: In mir gibt es keine bewussten Anliegen mehr. Oder vielleicht besser: Es geht gerade nicht mehr um meine Anliegen. Sie sind irgendwie „alt“ geworden.

Die zweite Perspektive lässt sich viel schwieriger beschreiben, weil sie ungreifbar ist. Ich habe in den letzten Jahren immer wieder feststellen müssen, dass in mir ein Gefühl von Sinn & Bedeutung & Richtung entsteht, wenn ich die Anliegen von anderen Menschen in mich hereinnehme und als Ausgangspunkt für mein Handeln akzeptiere. Es gibt ein paar Menschen in meinem Leben, die in dieser Hinsicht entscheidend auf mich wirken. Nicht überraschend ist vielleicht, dass die meisten dieser Menschen jünger sind als ich. Diese Menschen haben etwas vor, wollen dringend etwas erreichen, ringen mit bestimmten Fragestellungen, verstehen die Welt auf eine bestimmte Art und Weise, kriechen durch Nadelöhre und erleben eine Krise nach der anderen. Und vor allem: Sie stellen einiges auf die Beine.

Irgendwie scheint es mir so zu sein, dass diese Menschen in meinem Leben eine Landschaft erörtern, Wege zeigen und Baustellen einrichten, die ich betreten darf, wenn ich will. Wenn ich es nicht will, kann ich es auch lassen. Klar ist, dass ich nachdrücklich gefragt werde, die Baustellen zu betreten. Klar ist auch, dass die Menschen meinen, dass ich etwas beitragen kann. Gleichzeitig lebt in mir aber das klare Gefühl, dass es nicht meine Baustellen sind. Es fällt mir nicht immer leicht, mich gerade mit dieser Tatsache abzufinden.

Mir scheint es so zu sein, dass mit 50+ die Evidenz der Gegenwart auf eine andere Ebene gehoben wird. Ein „Ereignis“ in der Gegenwart ist nicht länger ein Schub aus der Vergangenheit in die Zukunft hinein, oder umgekehrt ein Zurückgreifen auf die Vergangenheit den sich gestalten wollende Zukunft entsprechend. Das Ereignis in der Gegenwart ist eher ein aufmerksames Schweben zwischen Geschichte und Utopie, ein nachdenkliches Hin- und Herneigen des Herzens zwischen Abschied und neuem Anfang. Und dieser Anfang ist nicht nur deswegen neu, weil er auf die Zukunft bezogen ist, sondern vor allem weil er über mich hinausgeht.

05.02.2008

Heute erzählt mir Esteecee vertraulich... (2)

In Schweden war es kalt. Die tausend und abertausend Birken standen gelassen im Schnee. Und ich meinte, mehr als einfach auf Frühling warten, konnten die Birken nicht aufbringen. Ich meinte aber auch, dass dieses Warten gleichzeitig ein Strahlen war, ein Zurückspiegeln eines horizontalen und souveränen Lichtes, dass klar und kalt aus dem Norden kam. Und ich fragte mich: „Samuel, warum magst du den Norden nicht?“

Ich denke südwärts. Alles was Bedeutung hat, liegt im Süden: der Tempel mit den Störchen, der Innenhof von Aristoteles, die Arbeitszelle von Pico della Mirandola, das unbeholfene Städtchen von Beethoven, der Turm von Rainer Maria Rilke und die Kneipen in der Südstadt. Der Süden ist nicht nur warm & geschmackvoll & berauschend, sondern auch reich an Bildern & Texten & Taten. Aristoteles hat die Wahrheit in Athen gesprochen und nicht in Göteborg.

Weil in Göteborg gewartet wird. Auf was? Irgendwie scheint es mir so zu sein, dass die Leute in Schweden auch im Frühling und Sommer auf Frühling warten. Auch wenn es nach dem langen Winter endlich Frühling ist, ist der Frühling noch immer nicht richtig da. Nein, das liegt nicht daran, dass der Frühling in Schweden nicht vollständig wäre – ganz im Gegenteil, es gibt kaum Gegenden, wo es im Frühling so kräftig sprießt und sprosst als da oben. Es hat eher damit zu tun, dass Frühling in Schweden einfach mehr ist als Frühling.

Und das macht mir Angst.

Ich war nach Göteborg gereist, um mich mit der ganzen Welt zu beschäftigen. Zwei Männer, einer aus Israel und einer von den Philippinen, hatten etwa hunderdfünfzig Menschen zu einer Weltberatung zusammengerufen. Der erste war ein Philosoph, groß & mächtig & melancholisch & duftig wie eine Zeder aus dem Libanon. Er sprach von „geistigen Ereignissen“, die nur in der seelischen Versenkung erkennbar sind. Der zweite war ein Aktivist, klein & beweglich & immer erfolgreich, wie eine Schere aus Solingen. Er sprach von „sozialen Ereignissen“, die nur mit politischen Taten hervorzurufen sind. Die hundertfünfzig Menschen hörten zu, tranken Kaffee und Tee, schauten auf die tausend und abertausend Birken und versuchten, die Zukunft der Welt in den Griff zu kriegen.

Mir ging es nicht gut. Mir war die Welt zu groß. Mir war mein Herz zu groß. Mir schien es zu viel Blut und zu viel Schmerz zu geben. Mir schienen sich die hundertfünfzig Menschen wie hundertfünfzig Chaplins auf einer Leinwand hin und her zu bewegen. Aber natürlich hatten der Philosoph aus Israel und der Aktivist von den Philippinen recht: Die Welt brauchte dringend Hilfe. Geistige Versenkung und politische Handlung standen an – Einwände hatte ich also nicht. Ich schaffte es nur nicht, in die Haut von Chaplin hineinzuschlüpfen und mich auf der Leinwand wiederzufinden. Ich war in mir gefangen.

An einem Abend hielt der Philosoph aus Israel einen Vortrag. Ich saß ganz oben und ganz hinten im Saal und hörte zu. Ganz unten und ganz vorne stand der Philosoph wie eine Zeder auf der Bühne, die groß & breit & dunkel war. Niemand dachte an die Birken draußen; so weit es Bäume gab, war es nur noch dieser eine, der mächtig duftete. Das Dunkel um ihn herum schien mir aber alles andere als leer zu sein. Ich meinte, dass das Dunkel vollgepackt war mit unsichtbaren Wesen, die aus der ganzen Welt gekommen waren, um die Worte des Philosophen zu hören.

Und dann auf einmal geschah es. Mir fehlen immer noch die richtigen Worte, um genau sagen zu können, was passierte. Es geschah ungefähr Folgendes. Auf einmal sah ich mich hinter dem Philosophen auf der Bühne stehen. Ich saß also ganz oben und ganz hinten und sah mich ganz unten und ganz vorne. Ich meinte, ich wäre da unten wie ein Wächter-im-Dunkeln, ein Soldat, damit beauftragt, „etwas“, (nein, nicht den Philosophen – der brauchte das nicht) vor den Wesenheiten zu schützen. Und ich sagte mir: „Samuel, du hast eine Aufgabe in einem dir noch unbekannten Kampf“. Dann aber gab es ein kurzes Rauschen. Ein Pfeil wurde geschossen. Und dieser Pfeil traf mich, da vorne auf der Bühne, in meiner Brust. Ich sah, wie ich mit meiner Hand den Pfeil umfasste und überrascht um mich herum schaute. Woher kam der Pfeil? Ich schaffte es, stehen zu bleiben.

Seitdem gibt es diesen Pfeil in meiner Brust. Seitdem gibt es die Frage: Woher kam er? Und: wer hat ihn geschossen? Seitdem habe ich das Gefühl, eine Wunde zu haben. Egal was ich mache oder gerade nicht mache, mir fehlt eine Kraft. Und irgendwie meine ich, dass Sammy mir den Pfeil aus meiner Brust herausziehen kann. Ich stehe aber noch immer auf der Bühne in Göteborg, wie Sammy im Wohnzimmer seiner Eltern.

30.01.2008

Heute erzählt mir Esteecee vertraulich... (1)

Ich heiße Samuel Ton Coster, bin 54 Jahre alt und habe keinen Job. Ich bin Dichter. Weitaus die meisten Gedichte, die in mir leben, haben aber die richtigen Worte noch nicht gefunden. Sie verbleiben im Status Nascendi. Ich habe mich dazu entschlossen, mein Leben diesen noch ungeschriebenen Gedichten zu widmen.

Ich wohne in einem Dachgeschoss mit zwölf schrägen Fenstern. Um mich herum in den Dachrinnen gibt es Tauben, zwei brutale Elstern und Katzen. Mich interessiert jeden Tag neu, was denen widerfährt. Auf meiner Terrasse, mit Ausblick auf den Dom, stehen zwei schlanke eiserne Stühle und ein kleiner runder Tisch aus Paris. Ich sitze dort gerne, trinke Kaffee und rauche Zigaretten. Ich schaue dann auf die Züge nach Paris, Zürich, Wien, Aachen und Koblenz, die langsam und gelassen ihrem von vornherein festgelegten Ausweg aus der Stadt folgen.

Es gibt nur noch ganz wenige Menschen, die mich Samuel oder eben Sam nennen. Meine Eltern sind schon lange gestorben und mein einziger Bruder lebt in Lima. Meine Freunde und ehemaligen Kollegen nennen mich noch immer STC, ausgesprochen klingt es wie Esteecee. Die Leute hier im Haus – Italiener, Türken und Iraner – kennen mich als Herrn Coster. Wenn ich mit mir selber rede, bezeichne ich mich als Sammy.

Sammy ist ein Kind. Und so ist es: Wenn ich zurzeit spontan an mich denke, sehe ich ein Kind, elf Jahre alt, das gerade aus dem Sanatorium entlassen wurde und versucht, sein Leben bei seinen Eltern zu Hause wieder aufzugreifen. Sammy hatte Tuberkulose, lag zehn Tage in einem Koma, verblieb dreizehn ewig lange Monate in dem Sanatorium, und steht jetzt im Wohnzimmer seiner Eltern, schaut um sich herum und fragt sich: Was jetzt?

Damals hatte Sammy keine Ahnung. Es war ihm, als ob er einen Fieberbrand in seinem Körper und seiner Seele erlebt hatte, wie ein lodernder Ausbruch von brennenden Todeskräften & Visionen & Träumen, die irgendwie versuchten, ihn aus seinen Schranken zu heben. Der Brand war jetzt aber vorbei, sein Bewusstsein wieder wach und die Welt leer. Die Welt war Brachland geworden. Ohne die richtigen Worte zu finden, fragte sich Sammy: Was ist zu tun in einer leeren Welt? Er wusste es nicht.

Ich weiß es eigentlich immer noch nicht. Dreiundvierzig Jahre später sind mir nur noch die Worte übrig geblieben. Alles andere ist weg oder scheint bedeutungslos zu sein. Eine Ahnung ist aber dazugekommen. Was mich von dem damaligen Sammy unterscheidet, ist gerade, dass ich mittlerweile diese Ahnung habe. Woher sie kommt, weiß ich nicht so genau, und wohin sie führt, weiß ich noch weniger. Sie ist aber da, stark & breit & tief & beglückend. Sie ist wie eine zurückgekehrte Vision aus der Zeit der Tuberkuloseerkrankung.

Bevor ich gleich auf meine Terrasse gehe, eine Tasse Kaffee trinke und auf die Tauben und die beiden Spitzen des Doms schaue (das Wetter ist heute crystal clear, die Spitzen werden sich also scharf und souverän in den Himmel hinein spritzen), werde ich versuchen, meine Ahnung in Worte zu fassen. Ich ahne, dass ich Sammy helfen soll, vom Fleck zu kommen. Ich ahne, dass er dreiundvierzig Jahre lang im Wohnzimmer seiner Eltern stehen geblieben ist. Ich ahne, dass nach dem Brand die Welt leer geblieben ist, weil Sammy die richtigen Worte nicht gefunden hat. Ich ahne aber auch, dass er in all den Jahren viel gesehen & erlebt & über die Worte hinaus verstanden hat. Ich ahne, dass er Esteecee braucht um die Worte zu finden. Und ich ahne, dass Esteecee Sammy braucht um sich in den Himmel hinein zu spritzen.

Sammy ist dreiundvierzig Jahre dabei gewesen und hat gestaunt und geschwiegen. Er war dabei, als sein Freund Louis starb. Er war dabei, als sein Freund Francis starb. Er war dabei, als gleichzeitig sein Meister Alexander und seine Freundin Gloria starb. Und er war dabei, als mich vor vier Jahren – ich war in Schweden – ein Pfeil ins Herz traf. Ich ahne, dass Sammy mir sagen kann, woher dieser Pfeil kam.

Mir fallen heute zum Schluss noch ein paar Sätze von Bob Dylan ein. „I am a poet, I know it, I hope I don´t blow it.“

(Mit Dank an Birgitt Kähler)

20.01.2008

Waldorfkindergärten. "Distanz und Nähe"

In Kindergärten geht es um die Beziehung zu den Kindern. Diese Beziehung sollte immer im Zentrum stehen, unabhängig davon, was in einem Kindergarten passiert. Auch wenn die Mitglieder des Teams anfangen sich miteinander zu beschäftigen, geht es letztendlich darum, einen Raum für die Kinder zu schaffen.

Die Beziehung zu den Kindern wird durch eine eigenartige und oft auch verwirrende Verdoppelung konstituiert, die sich mit den beiden Begriffen Nähe und Distanz beschreiben lässt. In seinem Büchlein „Urdistanz und Beziehung“ (1965) spricht Martin Buber vom „Prinzip des Menschen“, d.h. von „einer Seinskategorie, die mit dem Namen des Menschen bezeichnet wird“. Diese Seinskategorie hat laut Buber ihren Grund und Anfang „in einer doppelten Bewegung“, die zwischen „Urdistanz“ und „In-Beziehung-treten“ abläuft.

Also, beides gleichzeitig: Abstand halten und Nähe suchen. Diese doppelte Bewegung ist ein Wesenszug in allen Menschen, nicht nur im psychologischen Sinne, sondern weit darüber hinaus. Es geht um eine Bewegung, die sich in der ganzen Dreiheit von Körper, Seele und Geist vollzieht. Diese doppelte Bewegung macht den Menschen aus, oder anders gesagt: In dieser Bewegung wird ein Mensch zum Mensch. Sobald diese Bewegung ins Stocken gerät oder sich in einer Einseitigkeit auflöst, hört der Mensch auf Mensch zu sein.

Ich meine, dass dieses Urphänomen in erzieherischen Beziehungen oft nicht genug respektiert und positiv-aktiv bewertet wird. Alles was Erziehung ausmacht, steht oft so stark im Vordergrund, dass die Beziehung unbemerkt in die Peripherie der Zufälligkeiten & Beliebigkeiten & Non-Ereignisse getrieben wird. In der Erziehung ist Erziehung eigentlich als die wichtigste Nebensache aufzufassen. Die Hauptsache ist die Beziehung, und die geht über die Erziehung hinaus.

In Bezug auf die Beziehung zu den Kindern gibt es zwei Fallen. Die erste ist, dass Beziehung einseitig als Nähe aufgefasst wird. Laut dieser Sichtweise gibt es erst dann Beziehung, wenn es Nähe gibt. Aber auch Abstand ist ein Ausdruck der Beziehung – vor allem wenn der Abstand nicht aus Beliebigkeit oder Unvermögen entsteht, sondern auf Bewusstheit basiert. Gerade in dem Abstand kann eine andere Art von Nähe entstehen. Diese andere Art ist nicht warm oder kuschelig, sondern eher frisch, wie eine Brise im Januar, ermöglicht aber Eigenheit. Viele Kinder sind dankbar und fühlen sich respektiert, wenn sie sich ohne physische Berührung und ohne Worte wahrgenommen wissen.

Die zweite Falle ist, dass wir den Grund der Beziehung im Kind suchen, d.h., dass wir das Kind beobachten und das tun, wovon wir meinen, dass das für das Kind richtig sei. Mir scheint es aber genauso wichtig zu sein, dass die Erwachsenen einfach machen, was sie von sich aus machen wollen. Wenn Erwachsene – ja, gerade auch in den Kindergärten – einfach tun was sie gerne tun, bieten sie den Kindern die Möglichkeit, über eine interessante Tätigkeit eine Beziehung anzuknüpfen. Wenn zum Beispiel eine Erzieherin sich gerne mit Pflanzen beschäftigt, soll sie in den Garten gehen und Rosen pflegen. Die Kinder kommen dann von alleine dazu, einfach weil sie neugierig sind.

Die Verdoppelung von Buber – Nähe und Distanz – lässt sich nicht in ein erzieherisches Konzept „umsetzen“. Sobald versucht wird aus dieser Bewegung eine Art Programm zu machen, ist die Bewegung und damit das Leben schon erstarrt. Das einzig denkbare Programm bedeutet, dass man sich auf das Leben-so-wie-es-kommen-will (Adventura – das was auf uns zukommt) einlässt. Und so wie das im Leben nun einmal ist, sind erzieherische Angebote per Definitionem immer uninteressant, weil sie eine Ansicht haben. (mit Dank an Birgitt Kähler)

12.01.2008

Waldorfkindergärten. "Wie geht es Euch mit mir?"

In einem Kindergarten sind drei „Räume“ zu unterscheiden. Der erste Raum ist der physische Raum, d.h. der Raum, der mit den Händen gebaut wurde. In diesem Raum gibt es unter anderem einen Eingangsbereich, einen Spielbereich, eine Küche und einen Garten. Meistens ist der physische Raum eines Waldorfkindergartens warm und einhüllend gestaltet. Über die Gestaltung des physischen Raumes hat man sich bis in die kleinsten Details viele Gedanken gemacht. An dieser physischen Ebene kann man deswegen immer einen Waldorfkindergarten eindeutig erkennen.

Der zweite Raum ist ein Raum in der Zeit. Der Tag, die Woche, die Jahreszeit und das Jahr sind in Waldorfkindergärten auf eine bestimmte Art und Weise gestaltet. Das Ideal ist eine rhythmische Einrichtung, die auf das pulsierende Tragen der Zeit basiert. Auch hier geht es um Einhüllung: Das Kind wird durch die rhythmischen Wiederholungen durch den „Zeitleib“ getragen. Die Gefahr auf dieser Ebene liegt darin, dass sich Rhythmus unbemerkt in Takt verwandelt. Was ursprünglich als ein tragender und freier Raum gemeint ist, verwandelt sich in einen Zwang.

Der dritte Raum ist ein sozialer Raum. Es geht dabei um eine sozial-räumliche Wirklichkeit, die durch die Erwachsenen stark mitkreiert wird. Dieser Raum besteht aus einem Flechtwerk von Beziehungen zwischen Menschen – Kinder, Erzieher, Eltern und Vorstände. Und weil nur die Erwachsenen im Stande sind, sich bewusst (aus dem Ich, oder Selbst) zu diesem Flechtwerk zu verhalten, sind sie angewiesen, die Verantwortung dafür zu übernehmen. Mir scheint es gerade diese Ebene zu sein, diese sozial-räumliche Wirklichkeit, die, generell gesprochen, nicht genügend beachtet wird in Waldorfkindergärten (und in vielen anderen Organisationen auch).

„Kinder leben in dem Schatten zwischen den Erwachsenen“. Diesen Satz sagte mir einmal Bernard Lievegoed. Er meinte damit, dass die Kinder seelisch und unbewusst in den Verhältnissen zwischen den Erwachsenen „leben“ – und vor allem auch in den Unmöglichkeiten & Verstrickungen & unfinished business & Ängsten & unterschwelligen Kämpfen zwischen ihnen. Die Kinder sind in dieser Hinsicht wie Fische im Meer: Sie können sich nicht gegen die tiefen und oft kräftigen Unterströmungen im Wasser wehren. Für Kinder bilden diese sozialen Strömungen genauso eine reale Umgebung, wie die physischen und zeitlichen Räume.

Ich meine, dass Bernard Lievegoed genauso gut hätte sagen können, dass die Kinder auch in den „Lichtungen“ (Heidegger) zwischen den Erwachsenen leben. Die Kinder leben nicht nur in dem sozialen Schatten, sondern auch in Möglichkeiten & Befreiungen & Öffnungen & Freuden & gemeinsamen Zielsetzungen zwischen den Erwachsenen. Wenn etwas zwischen zwei Erwachsenen geklärt ist, und dadurch eine Öffnung entsteht, bedeutet das für die Kinder eine lichtende Öffnung ins Leben hinein.

Wie kann dieser dritte Raum in Kindergärten gestaltet werden? Ein erster Schritt wäre natürlich Selbsterkenntnis, d.h., dass jeder Erwachsene ehrlich und gleichzeitig liebevoll auf sich schaut. (Ja, ehrlich und liebevoll, denn einen Kampf mit sich selber anfangen, bringt nichts.) Michel Foucault nennt das „die Sorge um sich“. Diese Sorge besteht laut Foucault darin, dass ein freies Selbst eine freie Beziehung zu sich selber konstituiert. Erst wenn ich eine freie Beziehung zu mir selber suche, entsteht die Möglichkeit, eine freie Beziehung zu den anderen Menschen zu suchen.

Rudolf Steiner meint, dass Selbsterkenntnis die erste Bedingung für eine erzieherische Tätigkeit ist. In einer Kultur des Herzens aber kann noch ein zweiter Schritt gemacht werden. Die Voraussetzung dafür aber ist, dass ein Team eines Kindergartens erstens den dritten Raum bewusst anerkennt (als genauso wichtig nimmt wie die physischen und zeitlichen Räume), und zweitens versteht, dass deren Gestaltung nicht von alleine läuft. Das Verstehen dieser beiden Aspekte ist nicht nur aus pragmatischen Gründen erforderlich, sondern auch weil nur eine klare Einsicht der Sache, die Freiheit gewährleistet. Diesen dritten Raum kann man nur aus Freiheit betreten. (Genauso, wie man nur aus Freiheit fruchtbar Selbsterkenntnis betreiben kann.)

Meistens werden Fragestellungen auf der sozialen Ebene erst dann angesprochen, wenn es Probleme gibt. Das führt oft dazu, dass Personen sich angegriffen fühlen, und meinen, sich verteidigen zu müssen. In einer Kultur des Herzens werden soziale Fragestellungen auf eine „phänomenologische“ Ebene gehoben, d.h., dass regelmäßig (einmal im Monat?) in dem Team die Fragen gestellt werden: Wie geht es mir mit mir in der Arbeit, wie geht es mir mit Dir (und Euch), wie geht es Dir (und Euch) mit mir? Das „Phänomenologische“ liegt darin, dass versucht wird, die gegenseitigen Wahrnehmungen ohne moralische Bewertung im Raum stehen zu lassen. Die Mitglieder des Teams versuchen so ehrlich wie möglich zu beschreiben, „wie es mir mit Dir in der Arbeit geht“ und hören unbefangen zu „wie es Dir mit mir geht“.

Mit diesen Fragen wird ein Weg in einer Landschaft, wo wir meistens träumerisch herumgehen, erörtert. Was ich hier als Vorschlag beschreibe, kann nur ein Anfang sein. Letztendlich wird es um die Pflege einer Kultur gehen, die Neuland beinhaltet. Bis heute liegt diese Pflege nur in den Händen professioneller Spezialisten, wie Konfliktberater und Supervisoren. Der Gedanke aber, dass man manchmal unbedingt Spezialisten braucht, mag berechtigt sein, kann im Grunde aber auch ein Hindernis sein, wenn es darum geht, die wichtigen Sachen des Lebens selber in die Hand zu nehmen.

Klar ist, dass nicht nur Freiheit sondern auch Vertrauen erforderlich ist. Meine Erfahrung aber ist, dass gerade dann das Vertrauen wächst, wenn ein gemeinsamer Versuch gemacht wird. Das heißt aber auch, dass Unzulänglichkeiten in diesem Vorgang akzeptiert werden. Das betreten dieses Raumes müssen wir noch lernen. Dieser Vorgang wird oft beanstandet mit der Begründung, dass man die persönliche und die sachliche Ebene in der Zusammenarbeit trennen soll. Ich meine, dass gerade das in pädagogischen (und generell sozialen) Zusammenhängen nicht mehr geht. Die Kultur des Herzens rüttelt an dem alten römischen Dogma der Trennung zwischen privat und öffentlich.
(Mit Dank an Birgitt Kähler)

03.01.2008

Über die Waldorfkindergärten in Deutschland (3) Werner Kuhfuss

Mir scheint es, in meiner Reihe von kurzen Beiträgen über die Waldorfkindergärten in Deutschland, unausweichlich zu sein, etwas zu dem Buch „Die Waldorfkindergartenpädagogik“[i] von Werner Kuhfuss zu sagen. Obwohl das Buch schon länger vorliegt, hat, so weit mir bekannt ist, kaum jemand darauf öffentlich reagiert.

Das Buch hat zwei Schichten. In der ersten Schicht geht es um die Frage, wie die Waldorfkindergartenpädagogik eigentlich zu verstehen ist. Ich muss schlichtweg sagen, dass die Beschreibungen von Kuhfuss diesbezüglich nicht nur sehr inspirierend sind, sondern eine seltsame Evidenz haben. Hier spricht ein Mensch, der souverän die Pädagogik im Sinne von Rudolf Steiner verinnerlicht hat und weit entfernt bleibt von Phrase & Routine & Konvention. Obwohl Wahrheit aus meiner Sicht eine wackelige Kategorie ist, meine ich sagen zu können, dass in dem Buch von Kuhfuss der Geist der Wahrheit wandert.

In der zweiten Schicht irrt aber ein Gespenst herum. Am Anfang des Buches, in einer „Vorbemerkung“, wird das Gespenst ins Leben gerufen. Werner Kuhfuss schreibt da unter anderem ein paar Sätze über Helmut von Kügelgen. Ich bin von Kügelgen persönlich nie begegnet, habe aber von ihm erzählt bekommen. Daraus habe ich verstanden, dass er einer der führenden Persönlichkeiten in der Gemeinschaft der Waldorfkindergärten in Deutschland war. Er hat eine entscheidende Rolle in der Entwicklung der Waldorfkindergärten in Europa und den USA gespielt. Von Kügelgen ist im Jahr 1998 gestorben.

Werner Kuhfuss schreibt: „Die Rolle Helmut von Kügelgens, den der Verfasser noch als Seminarist Anfang der fünfziger Jahre an der Uhlandshöhe in Stuttgart erlebte, müsste – in aller Hochachtung und Würdigung seiner Persönlichkeit und sonstigen pädagogischen Arbeit – ohne Vorbehalte untersucht werden“. Und: „Dem Verfasser scheint, dass die Wucht und die Bürde der Verantwortung für die Geisteswissenschaft eine haltbare und die Zeiten überdauernde Kindergartenpädagogik schaffen zu sollen, einen seelischen Mechanismus in Gang gesetzt haben, aus dem von Kügelgen sich nicht zu befreien vermochte und über dessen Folgen gegen Ende seines Lebens, so wird gesagt, er unglücklich gewesen ist“.

Was mit dem „seelischen Mechanismus“ gemeint ist, wird nicht erklärt. Klar aber ist, dass von Kügelgen, laut Kuhfuss, seiner Aufgabe nicht gewachsen war. Stärker noch, laut Kuhfuss scheint von Kügelgen dazu beigetragen zu haben, dass die Waldorfpädagogik in den Kindergärten sich in ihr Gegenteil verwandelt hat. Direkt nach den Bemerkungen über Helmut von Kügelgen erwähnt Kuhfuss einen Vortrag von Rudolf Steiner, in dem vom „Jesuitismus“ gesprochen wird. Steiner meinte damit eine Geisteshaltung, die darauf hinzielt, den Willen der Menschen gerade nicht frei zu lassen, sondern gezielt und absichtlich vorzuprogrammieren.

Laut Kuhfuss ist nun die Praxis in den Waldorfkindergärten als „jesuitisch“ zu verstehen. Er schreibt: „Durch die normierte Zeiteinteilung, die weltweit (...) auf angebliche Notwendigkeiten im Kleinkinderleben hinzielen, werden die Gewohnheitsleiber stereotyp und unindividuell präpariert, ganz im Sinne des den Jesuiten zugeschriebenen Satzes: ´Beeinflusse ein Kind bis zu seinem siebten Lebensjahr und du hast den Menschen fürs ganze Leben`.“ Über von Kügelgen schreibt Kuhfuss noch: „Mit dem Wort Jesuitismus ist somit nicht die Person Kügelgens gemeint, sondern eher der Charakter eines Verantwortungsmechanismus, der sich dann, nicht nur bei ihm, einschleichen konnte und kann (...).“

Die Rolle Helmut von Kügelgens in der Entwicklung der Waldorfkindergärten wäre also laut Werner Kuhfuss „vorbehaltlos“ zu untersuchen – und zwar „in aller Hochachtung und Würdigung seiner Persönlichkeit“. Mir scheint es aber alles andere als „würdigend“ zu sein, der Persönlichkeit Kügelgens ohne Argumente & Gesichtspunkte & Erklärungen eine Art „jesuitische“ Gefangenschaft, aus der er sich „nicht zu befreien vermochte“, zuzuschreiben. An dieser Stelle hat, so scheint es mir, Werner Kuhfuss noch einiges zu erklären. So lange er das nicht macht, trägt er dazu bei, dass die Gemeinschaft der Waldorfkindergärten von Gespenstern heimgesucht wird.

Rein inhaltlich, d.h. ohne den unbegründeten Vorwurf des Jesuitismus´, kann ich aber gut nachvollziehen, was Werner Kuhfuss in seinem Buch versucht zu übermitteln. Er hat meines Erachtens recht, wenn er z. B. sagt, dass die weltweit uniforme Zeiteinteilung in den Kindergärten, die individuelle Entfaltung gerade nicht fördert. Ganz am Ende seines Buches fasst Kuhfuss sein Anliegen treffend zusammen. „Der heutige Waldorfkindergarten“, schreibt er, „ist einer der Gefühle, und zwar von Erwachsenen, die sie in die Kinder hinein projizieren. Der zukünftige Kindergarten ist einer, der die kosmische Intelligenz, die dem Wollen, Fühlen und Denken des Kindes innewohnt, (...) auf Erden zu bestätigen hat.“ Wenn das gelingt, werden Kindergärten freie Orte in einer Kultur des Herzens sein.
(Mit Dank an Birgitt Kähler)
[i] Werner Kuhfuss, Die Waldorfkindergartenpädagogik, Verlag Ch. Möllmann, 2005

28.12.2007

Über die Waldorfkindergärten in Deutschland (2) Gespenster

In sozialen Traumlandschaften gehen Gespenster herum. Auch in der Gemeinschaft der Waldorfkindergärten gibt es welche. Es geht dabei um Vorstellungen, die auf irgendeiner Art und Weise an den in meinem vorigen Blog beschriebenen Positionen festgemacht werden. So gibt es das Gespenst des Vorstandsmitgliedes eines Kindergartens, meistens ein junger Mann, der von Anthroposophie „keine Ahnung“ hat und versucht, den Laden „vernünftig“, d.h. „ahrimanisch“ zu verwalten. Dazu kommt das Gespenst des „orthodoxen“ Anthroposophen, der von „Reform“ nichts hören will, und an bereits Gesagtem festhält.

Dann gibt es die überforderte junge Erzieherin. Sie hat zwar ein bisschen Ahnung von Anthroposophie, schafft es aber nicht, ein eigenständiges und kreatives Verhältnis dazu zu entwickeln. Die Eltern haben leider „gar keine Ahnung von Anthroposophie“, müssen aber keine Ahnung haben – die Waldorfkindergärten sind ja für alle Kinder gemeint – sind aber oft ärgerlich ignorant. Zum Schluss muss hier der Funktionär der Vereinigung erwähnt werden, der in seinem dicken Auto anreist, links und rechts gute Ratschläge erteilt und Protokolle schreibt.

Das Spiel der Gespenster ist umnachtet. Um die Gemeinschaft der Waldorfkindergärten herum gibt es die sogenannte öffentliche Gesellschaft, die weiterhin als eine Bedrohung verstanden wird. Pisa, Kibitz und Sprachstandsverfahren sind nicht nur untaugliche politische oder pädagogische Instrumente (was sie aus meiner Sicht klar sind), sie kriegen in der Welt der Gespenster etwas Dämonisches. Sie werfen große Schatten und machen die Gespenster fast unsichtbar. Wie das öfters mit Dämonen ist: Sie werden für die Unzulänglichkeiten in der Gemeinschaft der Gespenster verantwortlich gemacht.

Es gibt in der Gemeinschaft der Waldorfkindergärten nicht nur Gespenster, wie es in der öffentlichen Gesellschaft nicht nur Dämonen gibt. Es gibt in der Gemeinschaft vor allen Dingen Menschen, die unbedingt ein bewusstes Verhältnis zu den Gespenster finden müssen. Die Gespenster sind in dieser Hinsicht nur zu verstehen als hilfreiche Erscheinungen in sozialen Traumlandschaften; sie sind hilfreich, weil sie klipp und klar zeigen können, wo es welche Nöte gibt. Gespenster verneinen oder totschweigen, bringt nichts – sie arbeiten dann einfach ungestört weiter. Gespenster angreifen hilft auch nicht – sie werden dadurch nur stärker.

In einer Kultur des Herzens werden Gespenster als Kreaturen verstanden, die sich in Bezug auf ganz bestimmte Nöte gut auskennen. Gespenster haben Nöte geschluckt, weil sie Nahrung brauchen. Gespenster haben Nöte bis zur Vergessenheit verinnerlicht. Und weil sie von unseren Nöte leben, die wir aber nicht als Nöte verstehen, und weil die Gespenster außerdem nicht glauben, dass wir bereit sind, die Nöte auch wirklich als Nöte zu akzeptieren und anzuerkennen, bleiben die Gespenster sicherheitshalber im Dunkel. Umgekehrt glauben wir nicht, dass die Gespenster bereit sind, sich zu öffnen, gerade weil sie Nahrung brauchen. Zwischen uns und unseren Gespenstern existiert ein klassischer Vertrauensbruch.

In einer Kultur des Herzens werden Gespenster zum Gespräch eingeladen. Wie geht das? Die üblichen Rituale in Vorstandssitzungen, Teambesprechungen und Elterntreffen reichen nicht aus, oder besser gesagt, wirken in Bezug auf die Gespenster eher ausladend. Das Top 1 - Top 2 - Top 3 – plus – Protokoll – Schema erzeugt nicht nur eine scharfe Trennung zwischen dem was relevant und irrelevant wäre, sondern auch zwischen Licht und Dunkel. Was dunkel ist, bleibt draußen vor der Tür. Die Frage ist: Wie führt man Gespräche in Traumlandschaften?

Mit Gespenstern ins Gespräch zu kommen, ist eine Kunst. Auf der Ebene einer größeren Traumgemeinschaft, wo die Verbindungen meistens anonym sind, gilt es vor allem, nicht nur funktionell zu kommunizieren. Gespenster gedeihen in einem Klima, wo das verbale Hin und Her (oder leider oft nur das „Hin“) auf die sachliche Ebene reduziert wird. Dringend notwendig ist eine Kultur, in der Personen hinter den Positionen zum Vorschein kommen und in der (relativen) Öffentlichkeit sichtbar werden. Gerade persönliche Anliegen & Verletzungen & Hoffnungen & Träume & Unsicherheiten & Grollen & Wünsche & Vorsätze könnten ins Spiel gebracht werden.

Dabei braucht es aber nicht zu bleiben. Wenn sogenannte „subjektive“ Wahrnehmungen & Empfindungen & Erlebnisse sichtbar sind, können sie angeschaut und „objektiviert“ werden. (So ist das: Der zweite Schritt der Objektivierung kann erst fruchtbar vollzogen werden, wenn der erste Schritt der Subjektivierung stattgefunden hat. Den ersten Schritt zu unterdrücken, zum Beispiel dadurch, dass er nicht für „geistig“ gehalten wird, führt zu einer sozialen Lähmung.)

Es gibt in der Gemeinschaft der Kindergärten zwei „Spielfelder“, in denen das Gespräch mit den Gespenstern geübt werden kann: in den unterschiedlichen regionalen und überregionalen Treffen, und in der schriftlichen Form der Kommunikation. Mir scheint es eine Herausforderung zu sein, für beide Spielfelder neue Spielregeln zu finden. (Fortsetzung folgt)
(Mit dank an Birgitt Kähler)

21.12.2007

Über die Waldorfkindergärten in Deutschland (1) Ereignisse

In der Waldorfkindergartenbewegung in Deutschland stehen zumindest drei grundlegende Fragen an. Die erste Frage betrifft die Grundidee des Kindergartens selbst. Aus welchen Gründen meinen wir, dass es Kindergärten geben soll? Und wie sollen sie aussehen? Die zweite Frage betrifft die Vorstellungen, die wir davon haben, was ein Kind eigentlich ist. Wenn wir meinen, dass es dieses wunderbare Wesen wirklich gibt (d.h. keine soziale „Konstruktion“ ist), was macht dann sein Wesen aus?

Und die dritte Frage bezieht sich auf die Bedeutung der Anthroposophie im Leben und Arbeiten in und um den Waldorfkindergarten. Wenn die Anthroposophie kein ideologischer Lieferant von pädagogischen Methoden & Rezepten ist, welche Bedeutung hätte sie dann? Klar müsste sein, dass diese drei Fragen – besser wäre vielleicht zu sagen: diese drei Untersuchungsfelder – eng miteinander verknüpft sind. An dieser Stelle gilt, dass man sich nicht in dem einen Untersuchungsfeld bewegen kann, ohne ständig auf die zwei anderen Bezug zu nehmen..

Über die zweite und die dritte Frage könnte gesagt werden, dass Rudolf Steiner sie schon beantwortet hat. Das stimmt durchaus, reicht allerdings nicht mehr aus. Erstens sind Antworten immer Aussagen unter bestimmten Umständen – und seit dem Tod Rudolf Steiners im Jahr 1925 hat sich viel verändert. Zweitens geht es gar nicht mehr um die Frage, was Rudolf Steiner damals gemeint hat. Die heutige Lebenspraxis wird dadurch bestimmt, was Menschen heute denken, fühlen und vor allem wollen. Und was die erste Frage angeht: Rudolf Steiner hat sich einfach nie mit der Einrichtung eines Kindergartens beschäftigt. Die Bewegung der Waldorfkindergärten ist erst nach seinem Tod entstanden.

Eine Falle wäre, sofort in die drei genannten Untersuchungsfelder einzusteigen und klare Statements abzugeben. Das wird hier und da getan, bringt aber nichts. Mir scheint nämlich, dass die drei Fragen eine Vierte hervorrufen, die eigentlich nie gestellt wird. Gerade diese Frage müsste ins Zentrum des Denkens gerückt werden. Die Frage lautet: Was sagt uns die Tatsache, dass die drei Fragen zu einer träumenden Gemeinschaft gehören? Oder anders gesagt: Wie wäre zu erreichen, dass diese Gemeinschaft von Menschen, die mit dem Impuls der Waldorfpädagogik verbunden sind, in Bezug auf die Fragen wach wird? Oder noch anders gesagt: Wie könnte in dieser Gemeinschaft wirklich ein Diskurs entstehen?

Hinter dieser Frage steckt ein klares Urteil. Die eigentliche Krise der Waldorfkindergärten liegt darin, dass leider von einer wachen Gemeinschaft nicht gesprochen werden kann. Dieser Umstand wäre auf unterschiedlicher Art und Weise zu beschreiben – heute versuche ich es folgendermaßen. Wenn man auf die unterschiedlichen „Positionen“ in der Waldorfkindergartenbewegung schaut, fallen ein paar Probleme auf. Mit Positionen meine ich hier: Man ist ein „Elternteil“ (excusez le mot, man müsste eigentlich sagen: ein Vater oder eine Mutter), ein Kind, eine Erzieherin, eine Kindergartenleiterin, ein Vorstandsmitglied, ein Funktionär der Internationalen Kindergartenvereinigung oder ein wohlwollender Unterstützer. (Für mich gilt, dass ich ein Funktionär bin. Ich bin in der Leitung des Seminars für Waldorfpädagogik in Köln tätig, und Mitglied des Verantwortungskreises der Internationalen Kindergartenvereinung in NRW.

Die lange und reiche Vergangenheit der Waldorfkindergartenbewegung hat dazu geführt, dass eine formale Welt von Positionen und dementsprechend mit scheinbaren Verantwortungen entstanden ist. Diese Verantwortungen sind aber losgelöst vom wirklichen Leben. Das heißt, dass Entscheidungen zwar formal getroffen werden können, in der Lebenspraxis aber nur von ganz Wenigen getragen werden. Egal, ob man auf die internationale Kindergartenvereinigung bundesweit, auf die Kindergartenvereinigung in beispielsweise NRW oder auf die einzelnen Kindergärten schaut, grundlegende Entscheidungen haben nie die Bedeutung, die sie haben müssen um wirklich Entscheidung zu sein, nämlich die Bedeutung eines Ereignisses.

In der Gemeinschaft der Waldorfkindergärten gibt es keine Ereignisse mehr. Was ist ein Ereignis in einer Gemeinschaft? Ereignisse erzeugen Geschichte. Ereignisse gestalten die Biographie der Gemeinschaft. Das geht aber nicht von alleine. Mit Ereignissen ist es halt so, dass sie erst dann auch wirklich Ereignisse sind, wenn sie als Ereignis wahrgenommen und erlebt werden. Ereignisse die nicht gemeinsam wahrgenommen & erlebt & bewertet & integriert werden, sind kollektive Träume. Sie bleiben wie Schatten an der Wand. Sie bestimmen zwar eindringlich die Gefühle – und über die Gefühle auch die Gedanken und Taten – der Mitglieder der Gemeinschaft, sie erreichen aber nie die Transparenz, die als Bedingung für freie Entscheidungen notwendig ist. Erst wenn eine Gemeinschaft um gedankliche Transparenz ringt, d.h. einen aktiven und wachen Diskurs führt, entsteht ein gemeinsames Erleben von Ereignissen. (Fortsetzung folgt)
(Mit Dank an Birgitt Kähler)

14.12.2007

Mani heute. "Stand up to be discontinued"

Stuttgart, den 6. Dezember. Roland van Vliet steht auf der Bühne im Saal von Forum3. Er redet. Ich schaue ihn an und komme an drei Phänomene nicht vorbei. Das erste ist seine riesige Gestalt. Nur weil ich Roland zu meinen Freunden rechne, darf ich schreiben, dass er physisch enorm ist. Sein Bauch ist groß, sein Kopf ist groß und seine Gebärden sind groß. Und weil seine Haare richtig lang sind – nein, wegen seinem vornehmen dreiteiligen Anzug sieht er gerade nicht wie ein Sechziger aus – wirkt das Ganze imposant. Irgendwie meint man, dass sich in seinem Körper alles Mögliche zusammengefunden hat, um strahlend & unausweichlich präsent zu sein.

Das zweite Phänomen betrifft sein Denken. Sein Denken ist groß & weit & gewichtig. Seine Gedanken haben Gewicht. Als er etwas über Nietzsche und Foucault sagt, spürt man ein Kilo Philosophie – ein Kilo, das übrigens trotz seines Gewichts frei & schwebend bleibt. So denkt Roland van Vliet: Er nimmt gewichtige Gedanken zwischen seine Arme und bewegt sie mit einer erstaunlichen Leichtigkeit, als ob er ein Tänzer wäre mit einer Partnerin, die er mühelos hin und her bewegt. Alle wunderbaren Seiten der Partnerin werden uns gezeigt. Und müde scheint Roland nicht so werden – ganz am Ende schwitzt er nur ein bisschen.

Dann aber das dritte Phänomen. Ich bin mir noch nicht ganz sicher, was der richtige Begriff dafür ist. Wirkt er charmant? Ja. Wirkt er liebevoll? Ja. Wirkt er empathisch? Durchaus. Ich würde es vorläufig so beschreiben: Er scheint eine Innenwelt zu haben, die sich weit über seinen Bauch und seine breiten Gebärden bis an die Hinterwand des Saals ausbreitet und den Zuhörern einen „Verbleib“ bietet, wo Wärme & Licht herrschen. Ich fühle mich in diesem Innenraum nicht nur „aufgehoben“, sondern auch zu mir geführt. Irgendwie scheint es mir so zu sein, als ob Roland ein jungfräuliches Lächeln verbreitet, das einen milden Riss in der harten Wirklichkeit verursacht.

Das Thema in Stuttgart ist der Manichäismus. Anlässlich des Erscheinens eines Buches von Roland über Manichäismus[i] sind etwa hundertfünfzig Leute aus Deutschland, Schweden, der Schweiz, Belgien und Holland zusammengekommen. Als Erster spricht Professor Alois van Tongerloo aus Leuven. Am Ende seines Vortrages erzählt er von den Namen der Hauptfiguren in der Gralsgeschichte. Als er den Namen „Parzival“ behandelt und die Bedeutung dessen beschreibt, klingt bisher Ungesagtes. Van Tongerloo meint, dass der Name Parzival nichts anderes bedeutet als: „Der das Umherschweifende erleidet in einer nicht koordinierten Bewegung“.

Dann bin ich dran. Ich hatte geplant, mit einem Zitat von Captain Beefheart anzufangen, nämlich: „Stand up to be discontinued“ – und ich mache das auch. Ich stelle aber fest, dass Beefhearts Aussage unerwartet eingebettet ist in der Übersetzung des Namens Parzival. Hatte die Aussage Beefhearts für mich schon eine Aura, so findet sie noch eine zweite nach innen gerichtete Strahlung in der neuen Bedeutung des Namens Parzival. Und ich denke: Wie kann es wahr sein, dass heute in Stuttgart diese beiden Sätze ungeplant (nicht koordiniert) zusammenkommen? Und ich merke, dass durch dieses Zusammenkommen das Umherschweifende greifbar wird.

Als Roland als Letzter auf der Bühne erscheint, kriegt das Umherschweifende eine Gestalt. Er lässt seinen geplanten Vortrag sein was er ist, (nämlich ein geplanter Vortrag), und reagiert spontan auf das, was Alois van Tongerloo und ich gesagt haben. Er spricht von der „ungeteilten Aufmerksamkeit“ – d.h. von der Fähigkeit, sich im wachen Bewusstsein mit den Dingen & Worten & Menschen & Gedanken & Gefühlen & Taten zu verschmelzen. Und er redet von Einheit und Verschiedenheit – ein Thema, das schon Plato sehr beschäftigt hat. Wo findet man die Einheit in der Vielfalt? Und umgekehrt natürlich genau so: Wo findet man die Vielfalt in der Einheit? Wenn ich Roland gut verstehe, meint er, dass wir die Einheit finden in dem Akt – was ja ein Ereignis ist – der Verschmelzung im wachen Bewusstsein. Das Bewusstsein ist die Stelle, wo die Spannung zwischen Einheit und Vielfalt nicht nur erlebt, sondern vor allem erst kreiert und dann wieder aufgehoben wird.

Das Treffen in Stuttgart war ein Ereignis und ich empfehle, das Buch von Roland zu lesen.

[i] Roland van Vliet, Der Manichäismus. Geschichte und Zukunft einer frühchristlichen Kirche, Urachhaus, 2007

03.12.2007

Der Beamte und Maler Janssen aus 1850

Frau Janssen führt uns über die breiten Treppen in ihr vornehmes Haus in Aachen. Unsere Stimmen klingen ein wenig hohl. Weil wir mit einer ganzen Truppe aus dem Kinderhaus „Kahlgrachtmühle“ zu ihr gefahren sind, schaffen wir es aber ohne Mühe das große Treppenhaus mit diskontinuierlichem Leben zu füllen. Frau Janssen bleibt ruhig. Das Haus bleibt auch ruhig. Die Statuen, die Möbel und die Teppiche ruhen in einer Zeit, die schon längst vorbei ist. Und wenn Björn und Marina aus Neugier verbotene Türen ausprobieren wollen, greift Frau Janssen ruhig ein. In diesem Haus herrscht noch feine Aristokratie.

Das Ziel unseres Besuches steht improvisorisch aufgestellt auf einem uralten Sofa, das wahrscheinlich sonst nie benutzt wird. Es betrifft ein Gemälde nach holländischer Art, hundertfünfzig Jahre alt. Frau Janssen heißt ja Janssen, weil ihre Familie aus der holländischen „Zelfkant“ stammt. Frau Janssen ist die Urenkelin eines Aachener Beamten, eines Herrn Janssen, der damals „nicht viel zu tun hatte und deswegen Zeit übrig hatte um zu malen“. Etwa 1850 ist der Maler auch mal an der Kahlgrachtmühle vorbei gekommen, hat sich dort hingestellt und sich über die Landschaft gefreut, die sich über die Dächer der Mühle in der Richtung nach Aachen offen und frei entfaltet.

Das Gemälde ist entzückend. Der Maler Janssen muss ein frischer, fantasievoller und liebender Beamte gewesen sein. Einerseits öffnet das Bild einen weiten Raum. Es übermittelt das Gefühl, dass die ganze Welt bereitwillig zu deinen Füßen liegt. Die Landschaft ist da, um herzlich betreten zu werden; die Welt ist da, um die Freiheit zu genießen. Andererseits zeigt das Bild wunderbare Details, die man leicht übersieht (wenn man sich, anders als die Janssens, die Zeit und die Ruhe nicht nimmt). Es gibt meditierende Störche, einen Mann, der gehetzt einen Esel forttreibt, Bauern, die entspannt Äpfel pflücken, eine Frau, die mit einem Kind unterwegs ist, die Spiegelung der Häuser in einem Teich, Rauch, der kerzengerade aus einem Schornstein steigt... Der Maler Janssen hat die Weite der Freiheit und die einzigartigen Einzelheiten des Lebens geliebt. Vor allem trifft mich aber, dass die Zeit in der Landschaft wie ausgeschaltet scheint – genau so, wie in dem vornehmen Treppenhaus und wie in der gehaltenen Gebärde der Urenkelin. Die Ruhe im Gemälde ist die gleiche Ruhe wie im Haus. Frau Janssen bewahrt noch immer die Ruhe, die ihr Urgroßvater innehatte.

Der Beamte und Maler Janssen aus dem neunzehnten Jahrhundert öffnet meine Augen für unsere Gegenwart. Mit seinen Augen schaue ich bei der Kahlgrachtmühle-von-heute herum und stelle fest: es gibt vieles, dass es damals noch nicht gab, und es gab vieles, dass es heute nicht mehr gibt. Nein, Störche gibt es nicht mehr. Nein, den Mühlenteich gibt es nicht mehr. Nein, die wunderbare Öffnung in der Landschaft nach Aachen gibt es nicht mehr.

Gibt es die Freiheit noch? Klar ist, dass die heutige Autobahn die weite und entzückende und zur Freiheit verführende Sicht auf die Landschaft weggenommen hat. Anders als damals liegt die Mühle heute in einer Ecke, fast verborgen in einer Achse zwischen Autobahn und künstlichen Hügeln von Schutt aus dem Krieg. Seit hundertfünfzig Jahren ist ja unheimlich viel passiert – und man merkt es! Mir scheint es, als ob das Leben dichter und dringender geworden ist.

Als wir aber versuchen die genaue Stelle zu finden, wo der Maler Janssen damals gestanden und auf die Mühle geschaut hat, sagt Martin Soltau: „Die Apfelbäume stehen noch genau so am Abhang wie damals“. Und so ist es. Ich schaue und sehe, dass die Obstbäume eine Art Sprung machen, als ob sie sich mit einem Ruck halb drehen, in den freien Himmel hoch „springen“ und sich dort an Licht und Luft freigeben. Gerade dieses Springen und sich in den freien Himmel Preisgeben, hat der Maler vor hundertfünfzig Jahren gesehen. Er hat es aber nicht nur gesehen, sondern auch in sich selber nachvollzogen, so dass er es malen konnte.

Auf einmal meine ich das Springen und das sich nach oben in Luft und Licht Freigeben-wollen, überall in der Landschaft zu sehen. Die Obstbäume präsentieren irgendwie ein Urbild für die Landschaft um die Kahlgrachtmühle herum. (Eben der kerzengerade Rauch aus dem Schornstein scheint mir auf einmal auch an dem freigebenden Springen beteiligt zu sein.) Und hundertfünfzig Jahre später kann ich es bestätigen Dieses sprunghaft sich Freigeben nach oben, in Luft und Licht hinein, ist gerade, was ständig mit uns in die Mühle passiert. Der Unterschied zu der damaligen Zeit ist nur, das die Voraussetzungen ein wenig bedrängter geworden sind. Die Sprünge sind aber dementsprechend schöner geworden.
(Mit dank an Ruthild Soltau)

21.11.2007

"Mani heute"

Am 6. Dezember erscheint in Deutschland von Roland van Vliet das Buch „Der Manichäismus. Geschichte und Zukunft einer frühchristlichen Kirche“. Ich bin gefragt worden anlässlich des Erscheinens einen Vortrag zu halten. Als Titel für meinen Vortrag habe ich „Mani heute“ gewählt.

Ich habe diesen Titel gewählt, weil das Anliegen von Roland van Vliet darin besteht, den Manichäismus zu aktualisieren. Roland möchte alles andere, als den Eindruck erwecken, dass der Manichäismus als historisches Ereignis vorbei wäre. Auch wenn Roland sich in seinem Buch ausführlich mit der Vergangenheit beschäftigt, macht er das nur, um gedanklich und intentional ein Licht auf die spirituellen Brennpunkte der heutigen Zeit zu werfen. Als ich sein Buch las, musste ich ständig an diese Sätze von Michel Foucault denken: „Was geschieht heute? Was geschieht jetzt? Und was ist dieses `Jetzt´, innerhalb dessen wir die einen und die anderen sind ...?“

Was ist dieses `Jetzt´? Hat das `Jetzt` einen Inhalt? Wenn man versucht, sich dem Begriff ´Jetzt` tastend anzunähern, taucht sofort ein zweiter Begriff auf, nämlich `Ereignis´. Der Inhalt des `Jetzt´ ist immer ein Ereignis. Wenn man im Nu lebt, erlebt man ein Ereignis, man wird zum Ereignis. Das Ereignis kann alles sein: z. B. ein Gedanke, eine Erinnerung, aber auch ein wunderbares Tor von Podolski, ein Lied von Sting, ein Kuss, ein Unfall, die Stille, ausgesprochene Worte und unausgesprochene Worte, ein Espresso... Im `Jetzt´ - Martin Heidegger würde sagen: im Sein – gibt es nur Ereignisse.

Was ist ein Ereignis? Es gibt große Ereignisse, kleinere Ereignisse und winzig kleine Ereignisse. Ein winzig kleines Ereignis gab es letzte Woche noch in meinem Garten, als ich sah, wie ein Birkenblatt leise nach unten wirbelte und sich auf die Wiese zur Ruhe hinlegte. Ich war betroffen von der Leichtigkeit, der Ruhe und dem sich ohne weiteres Fallenlassen wollen – und das Geschehen vollzog sich nicht nur außerhalb von mir, sondern auch in mir. Tausende von Birkenblätter lagen schon auf der Wiese – niemand hat aber gesehen, wie diese heruntergefallen sind. Weil ich sah, wie gerade dieses Birkenblatt nach unten wirbelte, wurde es ein Ereignis. Ein Ereignis wird erst dann ein Ereignis, wenn es als Ereignis wahrgenommen, miterlebt und nachvollzogen wird.

Ein Ereignis scheint mir eine Schöpfungstat zu sein. Nicht nur Blätter sind daran beteiligt, sondern auch aufmerksame Bewusstseine. Ohne Aufmerksamkeit keine Ereignisse. Rudolf Steiners Beitrag an das Christentum scheint mir vor allem zu sein, dass er das Christentum – besser gesagt: den Tod und die Auferstehung von Christus, damals als historisches Geschehen in Palästina – als Ereignis verstanden hat. Nicht die Lehre von Christus stand für Steiner zentral, sondern die Tatsache, dass etwas geschehen war. Er spricht dann auch vom Christentum als „mystische Tatsache“. Das Geschehen auf Golgatha nennt er ein „Mysterium“ – was auch ein Ereignis ist. Und er behauptet kühn, dass diese Tatsache für alle Menschen einen zentralen Wert hat.

Mit dieser Stellungnahme ist ein Problem verbunden. Ereignisse treten immer in Raum und Zeit auf, das heißt, Ereignisse haben eine geschichtliche Einbettung. Die Art und Weise wie wir von einem Ereignis sprechen, wird durch Raum und Zeit bestimmt. Wir wissen mittlerweile, dass das Christentum als historischer Strom in Europa vom jüdisch-hellenistischen Denken und Erleben geprägt ist. Anders gesagt: Die mystische Tatsache, das Ereignis, wurde auf eine ganz bestimmte Art und Weise, vor allem über den Apostel Paulus, weitergetragen. Andere Perspektiven sind historisch gesprochen in den Hintergrund geraten.

Um zu verstehen, worum es sich handelt, brauchen wir an dieser Stelle Michel Foucault. Er hat einfach festgestellt, dass Menschen auf Ereignisse reagieren. Warum? Weil, reagieren auf Ereignisse heißt, dass man Ereignisse schöpft. Foucault würde sagen: Auf Ereignisse reagieren, heißt schöpferisch leben. Michel Foucault hat verstanden, dass es ohne Bewusststein keine Ereignisse gibt. Dann hat er einfach festgestellt, dass Menschen nicht auf die gleiche Art und Weise auf Ereignisse reagieren. In individuellen Menschen, in Gruppen von Menschen, in Kulturen und Epochen herrschen, was er „Episteme“ nennt, dass heißt in meinen Worten: unterschwellige Vorstellungen, Normen und Werte, ja, vor allem Intentionen, die insgesamt selbstverständlich als „Erkenntnis-Systeme“, als „Wahrheits-Grundlagen“ genommen werden. Diese unterschiedlichen „Wahrheits-Grundlagen“ führen zu was Foucault „Diskurs“ nennt.

Die Frage, woher diese Episteme stammen, konnte Foucault nicht beantworten. Er meinte, die Episteme entstehen spontan und beliebig, ja unbewusst experimentell. Laut Foucault werden alte und neue Episteme immer wieder einfach ausprobiert. Rudolf Steiner hätte aber an dieser Stelle gesagt: Episteme sind karmisch bedingt. Er hätte die großartige Entdeckung von Michel Foucault, dass es unterschiedliche Episteme gibt und dass diese Episteme zu unterschiedlichen Diskursen führen, als einen wichtigen Schritt verstanden. Er hätte gesagt: Schau auf die innere Logik der unterschiedlichen Episteme und du wirst die karmischen Hintergründe verstehen.

Das oben erwähnte Problem liegt eben darin, dass das Christentum-als-Diskurs schon rein sprachlich in ganz bestimmte Episteme eingebettet ist. Christus heißt ja Christus, was ein griechischer Name ist. Christus heißt nicht Krishna oder Zarathustra. Wenn, wie Steiner behauptet, das christliche Ereignis, das Mysterium von Golgatha, für alle Menschen gilt und wenn man auch behauptet, dass eine bewusste Beziehung zu diesem Ereignis entscheidend ist – ohne Bewusstsein kein Ereignis! – stellt sich die Frage: Wie kann das Ereignis für andere Episteme geöffnet werden? Das heißt: Wie kann über die europäische Geschichte hinaus von einem Ereignis gesprochen werden, das wir nur über die europäische Geschichte kennen gelernt haben?

Ich werde in meinem Vortrag versuchen, deutlich zu machen, dass diese Fragestellung eine manichäische ist. Das Auftreten von Mani im dritten Jahrhundert ist gerade so zu verstehen: Er hat sich damals mit unterschiedlichen Epistemen auseinandergesetzt und in diesen Epistemen die Bilder, Vorstellungen, Normen,Werte und Intentionen gefunden, die es ermöglichen, vor Ort eine bewusste Beziehung zu der mystischen Tatsache zu finden. Dieses „vor Ort“ war zentral in seinem Bemühen.
(Mit dank an Birgitt Kähler)

12.11.2007

Wovon spricht die menschliche Gestalt? (2)

Bochum, den 27.10.2007. Ich nenne sie für heute Eveline. Sie steht (da) ganz vorn und schaut mit offenem forschenden Blick auf uns, die ja auf sie schauen. Auch heute dürfen wir wieder unverhohlen schauen, weil das die Übung ist. Eveline hat sich zur Verfügung gestellt, weil wir eine Antwort finden wollen auf die Frage: Wovon spricht die menschliche Gestalt?

Die stumme Sprache ihrer Gestalt spricht. Erst sehen wir „Stabilität“, dass heißt, die Gestalt steht richtig auf der Erde. Es scheint so, als ob es an der rechten und linken Seite ihrer Gestalt eine Art umgekehrtes U gibt, ein ∩ also, was das Ganze zusammenhält und festigt. Und ständig taucht das Wort „Kraft“ auf, als ob die ganze Gestalt darauf hingerichtet ist, nicht nur Kraft zu sammeln, sondern auch „kräftig“ zu handeln. Ich weiß, dass Eveline Bildhauerin ist, und denke: Wenn es um Granit geht, weiß ihre Gestalt Bescheid. Einer der beobachtenden Anwesenden drückt es wunderschön aus: „Die Schultern haben die Hände zur Verfügung“.

Wir schauen genauer auf die Einzelheiten und stellen fest, dass es überall asymmetrische Verhältnisse gibt. Die Augenbrauen, die Augen, die Mundwinkel, die Schultern, die Hände (die rechte hängt ein kleines bisschen tiefer als die linke) – alle Doppelungen sind auf einer feinen Art und Weise dem Gesetz der Asymmetrie untergeordnet. Jemand sagt: „Die Stabilität scheint mir eine zu sein, die sicher in der Asymmetrie gelandet ist.“ Jemand anders stellt fest: „Die Asymmetrie bildet einen Rhythmus, der sich von oben nach unten bewegt“. Und so ist es: Hat man den Rhythmus der Asymmetrie einmal bewusst gesehen, sieht man ihn überall.

Und dann sagt jemand auf einmal: „Deine Lippen sind perfekt!“

Wir konzentrieren uns auf Evelines Blick. Mit dem Blick sind Aufmerksamkeit und Bewusstsein verbunden. Alexander Schaumann stellt uns wieder eine unmögliche-wunderbar-mögliche Frage: „Woher kommt der Blick?“ Ich schaue und schaue und schaue, und langsam ensteht in mir ein unmöglich-wunderbar-möglicher Satz: „Der Bewusstseinsstrom kommt von oben, taucht im Herzbereich unter und nimmt dort ein warmes und schlafendes Wissen auf, steigt wieder nach oben, geht durch die Augen in den Raum und befragt frei die Welt“.

Diesmal malen wir nicht, sondern wir dichten. Das heißt: Wir schreiben gemeinsam ein Gedicht um unseren Beobachtungen außerhalb von uns eine Form zu geben. Glauben Sie mir, der Weg war lang. Gemeinsam um Worte ringen, ist nicht einfach. Trotzdem gab es auf einmal ein gemeinsames Empfinden, einen Strom von gegenseitigen Bejahungen – der Text fing auf einmal an, sich selber zu schreiben. (Ich kenne das als Schriftsteller: Wenn der Text selber tätig wird und sich von sich aus in den Prozess einmischt, entsteht Gutes. Der Titel des Gedichtes heißt natürlich „Hymne“.

= Hymne=
Deine Lippen sind perfekt!
Du
U.
Deine Schultern
haben die Hände zur Verfügung.
Stabil ist dein Stand. Deine Gestalt:
Rhythmus der Asymmetrie.
Vorbehaltlos ist dein Atmen.
In deinem conkaven Flach
spürst du den Hauch von außen.
Deine Brust speist die Hand.
Ruhe –
Dein Blick sammelt sich in der Frage:
Wer bist du?

31.10.2007

Der Tod und die Betroffenheit

Herzwerk und Tod hängen eng zusammen. Die Betroffenheit, die mit dem Tod einhergeht, weckt die Fähigkeit, die Botschaften des Lebens auf eine nicht-triviale Art und Weise zu lesen und zu verstehen. Die immer einzigartigen Ereignisse, die mit einem Sterben zusammenhängen, haben eine Intensität, die auf der Ebene des Herzens wirkt. So ist das mit dem Tod-im-Leben: Er steigert die Fähigkeit zum Leben.

In den letzten Wochen wurde in meinem Leben viel gestorben. Anfang Oktober starb Uwe Gronbach, der Vater meines Freundes Sebastian. Ich bin am 12. Oktober nach Bad Godesberg gefahren um in der Kirche der Christengemeinschaft an der Trauerfeier teilzunehmen. Es war ein wunderschöner Herbsttag mit einem warmen Licht, das sich sanft über uns ausbreitete. Nach der Trauerfeier sagte Sebastian über seinen Vater: „Seine Liebe zur Tat... Seine große, große Liebe zu den Menschen... Zu jedem einzelnen und zu allen... Das wird in diesen Stunden frei und es steht Ihnen und uns zur Verfügung. Bitte bedienen Sie sich. Es ist reichlich vorhanden.“

Genau sieben Tage später war ich in Kosiče in der Slowakei, um Marianka Novak zu kremieren. Ich hatte im August auf meiner Blogsite schon über sie geschrieben (siehe: „Hidasnemeti. Oder: die Puszta und ich“.) Auch in Kosiče konnte man spüren, dass etwas frei wurde. Mit ihrem Tod hat Marianka uns den Mut zum Verzeihen zur Verfügung gestellt, das heißt, die Bereitschaft, auch dann die Menschen aktiv zu lieben, wenn sie uns schwer verletzt haben. Als ich mich am Flughafen von ihren beiden Söhnen Boris und Brano verabschiedete, war uns klar: Der Tod Mariankas hat nochmals bestätigt, dass wir uns gegenseitig als „Stützpunkte“ in unseren Biographien verstehen.

Eine Stunde nach meiner Ankunft spät abends in Deutschland kam die Nachricht, dass mein Vater Harm van der Meulen gestorben war. Als ich am nächsten Morgen in Utrecht ankam, waren meine Geschwister schon dabei, die Beerdigung zu regeln. Wir saßen in seinem Zimmer, rauchten seine letzten Zigaretten und sprachen über sein Leben und sein Sterben. Zwei Aspekte standen immer wieder im Zentrum unserer Aufmerksamkeit: seine tiefe – und in den letzten Jahren auch milde – Liebe für unsere Mutter (die im August 2006 gestorben war) und die entschiedene Art und Weise, wie er sich als Gewerkschafter und Politiker verstanden hat.

Mein Vater meinte, dass Gott der Gestalter seiner Biographie war. Ich glaube das nicht. Ich glaube, dass er selbst sein Leben gestaltet hat, und zwar entschieden und ohne wenn und aber. Gerade mit Kunst hatte mein Vater nichts am Hut – Künstler waren in seinen Augen irgendwie halbwegs schon „subversiv“. Kunst war „flauwekul“. Und die einzige Kunst die er liebte, nämlich die Poesie der Bibel, fasste er nicht als Kunst auf, sondern als Gesetz. Als Lebenskünstler war er aber wie ein Bildhauer, der aus hartem Granit sein Leben gestaltete. Diese Fähigkeit kam frei als er starb: das Leben zu verstehen als eine Skulptur – und vor allem auch die Fähigkeit, am Ende seines Lebens die Skulptur zu verfeinern, glatt und lieb, ja, berührbar zu machen.

Einen Tag nach der Beerdigung meines Vaters in Utrecht kam Aachen. Für den Abend war dort in der Waldorfschule ein Vortrag geplant: „Die Freundschaft als Baustein einer Kultur des Herzens“. Am Vormittag kam dann die unfassbare Nachricht, dass ein Vater seine Frau und seine zwei Kinder mit einem Beil getötet hatte. Der Vater, die Mutter und die zwei Kinder gehörten zum Umkreis der Waldorfschule. Einige meiner Freunde in Aachen kannten die Familie sehr gut. Eine Freundin der getöteten Frau schrieb mir: „Ich kann es immer noch gar nicht begreifen und bin fast nicht in der Lage, es auch nur auszuhalten.“

Am Abend kamen etwa sechzig Leute in der Waldorfschule zusammen um meinen Vortrag zu hören. Ich glaube nicht, dass ich jemals zuvor dem Wesen der Betroffenheit so stark und unausweichlich begegnete, wie an diesem Abend. Was in den letzten Wochen in meinem Leben schon fast physisch handgreiflich geworden war, die geistige Substanz der Betroffenheit, vertiefte sich ins Unermessliche. Spürbar war, dass das schreckliche Ereignis eine Bedeutung für die ganze Gemeinschaft hatte. Die Betroffenheit wurde zu einem gemeinsamen Boden. Was aber das schreckliche Ereignis in Aachen freigesetzt hat, ist nicht zu sagen. Mir scheint es an meiner Stelle respektlos zu sein, mir darüber Gedanken zu machen.

Die Betroffenheit ist ein Geschenk. Die Betroffenheit öffnet Türen in das große Da-oben, Da-hinten, Da-unten, Da-drinnen. Die Betroffenheit führt in den weiten Innenraum der Ahnungen. Die Betroffenheit ermöglicht Beziehung. Das Leben lehrt aber, dass es bei diesem Geschenk nicht bleiben kann und nicht bleiben muss. Erst wenn wir aus der Betroffenheit heraus entschieden Entscheidungen treffen, wird sie nachhaltig wirksam. Das Leben als Herzwerk setzt sich über die Betroffenheit hinaus fort in die Bereitschaft, die eigene Biographie und die Gemeinschaft bewusst und tatkräftig zu gestalten. Bleibt das aus, wird der Tod im Nachhinein doch wieder sinnlos.