06.07.2009

Zwei Jahre Weblog. Über Nähe in einem unermesslichen Ozean

Vor zwei Jahren, am 8. Juli 2007, habe ich meinen ersten Blogtext durch diesen elektronisch erzeugten Ort unter dem Satz „Jede Woche eine neue Story“ veröffentlicht. Mein erster Beitrag war dem Buch „Missionen“ von Sebastian Gronbach gewidmet. Und nach zwei Jahren ist tatsächlich zu sagen, dass ich durch meinen Weblog eine Art Mission erfülle. Unterwegs ist mir deutlich geworden, dass ich etwas ganz Bestimmtes erreichen will.

Insgesamt habe ich in diesen zwei Jahren 121 Blogs „gepostet“. Und wenn ich auf die Liste von Themen schaue, fällt mir auf, dass alle meine Passionen dabei sind: Pico della Mirandola & Michel Foucault, Zaunkönige & Abgründe, Samuel Taylor Coleridge & Rainer Maria Rilke, Feuerzeuge & Filzbatterien, Köln & Lima, Freundschaft & Türme, Bob Dylan & Guns N` Roses, Klauen & Schenkgeld, Steiner & Barfield, Selbst & Subjekt, Erziehung & Sprache, Sammy & Samuel...

(Ich liebe Auflistungen. Vielleicht schreibe ich noch mal eine Doktorarbeit mit dem Titel: „Auflistungen aufgelistet“. Untertitel: „Über Schein und Wesen von Listen“. Ich wünschte mir dafür Peter Sloterdijk als Doktorvater. Irgendwie sind seine Bücher als burleske Auflistungen von vor- und weitläufigen Bemerkungen über die aufgelisteten Sachen zu verstehen, die uns in Europa schon mehr als zweitausend Jahre verwirren.)

Meine Mission ist es allerdings nicht, durch diesen elektronisch erzeugten Ort meine Passionen auszuleben. Die Passionen erzeugen aber gerade die Freude, die ich brauche, um das Projekt durchzuziehen. Ohne Spaß läuft nichts.

Die eigentliche Mission dieses Projektes betrifft Nähe. Als erstes betrachte ich meinen Weblog als einen Ort für mich. In den Texten versuche ich eine Nähe zu mir zu finden, ein „bei-mir-sein“, so wie ganz gute Freunde an einem Tisch sitzen & leise & ruhig & vertrauensvoll miteinander reden. Ich rede also in dieser Stille mit mir selber.

Die meditative Übung liegt dabei mehr und mehr darin, dass ich nur über Sachen schreibe, die mich berühren & dass ich versuche bei diesem Berührt-Sein zu bleiben. In der innerlichen Berührung liegt ja die Nähe zu den Dingen & Ereignissen & Menschen. Alle anderen guten Anlässe etwas zu schreiben, wie Wut & Ärger & Ungeduld & Schmerz & Neugier & Überzeugung versuche ich, so gut es geht, zum Schweigen zu bringen.

Nähe zu mir & Nähe zu den Sachen... Als zweites betrachte ich meinen Weblog als einen Ort der Begegnung. Dabei geht es um die Nähe zwischen mir & den Lesern, zwischen mir & dir & zwischen dir und dir also... In dieser Hinsicht ist mein Weblog ein verwirrender Ort, weil ganz unterschiedliche Beziehungen & Verbindungen gleichzeitig & in EINEM Raum eine Rolle spielen. Auf der elektronisch erzeugten Bühne herrschen einerseits Anonymität & Öffentlichkeit, anderseits geschehen oft ganz delikate & persönliche & rührende Sachen.

Diesbezüglich ist die Situation die folgende: In den Kommentaren reagieren manchmal Menschen, die ich aus unterschiedlichen Zusammenhängen persönlich kenne. Letzte Woche zum Beispiel war auf einmal Huub aus Den Bosch da (Hoi Huub, vader van Pelle! Sei herzlich gegrüßt von Jelle!) - sein Kommentar ist in eine vertraute Stimmung eingebettet, weil ich mich daran erinnere, wie wir öfters in Neukirchen bei Flensburg an einem Tisch zusammen saßen.

Dann gibt es Kommentare von Menschen, die ich persönlich nicht kenne. Von diesen Menschen gibt es immer wieder welche, die Kontakt suchen & mir zusätzlich noch eine Email schicken. Was aber auch sehr häufig vorkommt ist, dass Menschen mir nur eine Email schicken, also keinen Kommentar auf meinem Weblog veröffentlichen. Manchmal entstehen daraus intensive Kontakte, die den Lesern meines Weblogs verborgen bleiben.

Ganz wichtig sind die Menschen, die sich regelmäßig mit Kommentaren melden & sich so richtig in die Vorgänge einmischen. Sie zeigen mir die Koordinaten in meiner Suche nach Nähe in dem immensen Ozean. Sie sind mit im Boot. Ihre Meldungen gehen für mich immer über die aktuellen Inhalte hinaus, weil sie eine kontinuierliche Beziehung pflegen, die zu Ereignissen & Wendungen & Öffnungen führen.

Und dann gibt es die Menschen, die sich - warum auch immer - gar nicht melden. Weitaus weitaus weitaus die meisten Leser reagieren äußerlich (im www) nicht erkennbar, einfach weil sie keine Lust dazu haben oder sich die Öffentlichkeit nicht zutrauen oder meinen nichts zu sagen zu haben oder... Ich mag diese anonyme Schar von Lesern sehr, weil sie das Unbekannte & Ungewisse & Unsichtbare vertreten. Ohne Schweigende gäbe es keinen Ozean.

Nähe in dem immensen Ozean... Ich kriege es nicht in Worte gefasst... Meine Worte erreichen Dich-bekannte-unbekannte-LeserIn über die elektronischen Wellen des virtuellen Ozeans. Zwischen uns gibt es Tasten & Kabel & Schirme & Festplatten & Server & Schüsseln & eine Menge von Sachen mehr wovon ich nicht die blasseste Ahnung habe. Meine Worte erreichen euch via & via & via & via & via...

Die eigentliche Begegnung aber findet irgendwo anders statt. Durch den elektronisch erzeugten Ort hat sich auch ein Innenraum geöffnet, in dem ich die Nähe spüren kann – ich alleine mit mir, ich alleine mit dir, wir alleine mit uns & den Anonymen & den Verborgenen. Die letzten zwei Jahre haben mir klar gezeigt, dass es Unfug ist zu meinen, dass das World Wide Web uns zwangsläufig voneinander isoliert.

Mit Dank an Sophie Pannitschka

29.06.2009

Die Bedeutung der Dinge. Über Autoreifen, Trambahnen und Feuerzeuge

Amares im Stadtwald von Köln ist ein Ort für Kinder. Drei Leitsätze machen das Leben mit den Kindern bei Amares aus: Räume schaffen, Zeit geben & dabei sein. Die Erzieherinnen & Pädagoginnen von Amares lassen sich durch pädagogische Denker, wie Loris Malaguzzi, Rudolf Steiner, Janusz Korczak & Henning Köhler inspirieren. Ihr Anliegen ist es vor allem, der unerschöpflichen Neugier & dem Tatendrang & den Gestaltungsfähigkeiten der Kinder eine Gelegenheit zu geben, sich zu entfalten.

Bei Amares gibt es eine Gruppe von etwa zehn Kindern unter drei Jahren. Ab August kommt eine zweite Gruppe dazu: etwa fünfzehn Kinder ab drei Jahren. Die Behörden der Stadt Köln scheinen Amares zu mögen. Obwohl die Wünsche von Amares sich manchmal ein bisschen quer zu den Regeln & Vorschriften & Gewohnheiten verhalten, benehmen die Beamten sich klüngel-technisch gesehen sehr entgegenkommend.

Amares hat seine Unterkunft in einem ehemaligen Betriebshof der Stadt Köln gefunden. Das kleine Gebäude & die offenen Garagen & die Mauer umrahmen den Hof – und mitten auf dem Gelände steht eine Linde, die gerade in den letzten Wochen üppig geblüht hat. Sie scheint mir die Wächterin von Amares zu sein, weil sie optisch gesehen Raum schafft, schweigend die Zeit vertritt & dazu noch voll dabei ist. Ohne die Linde läuft bei Amares gar nichts.

Rings um die Linde & in den Garagen liegt überall etwas... Kram, Sachen, Dinge, Zeug... Fast hätte ich geschrieben: Spielzeug. Eine der Mitarbeiterinnen hat vor ein paar Wochen eine Liste von vorhandenem Zeug gemacht & weil ich verwirrende Listen (das habe ich ja von Michel Foucault gelernt) über alles mag, zähle ich in diesem Weblog gnadenlos auf was dazugehört:

Puppen. Bücher. Autos. Parkhaus. Töpfe. Holzgarage. Wolltiere. Holztiere. Filzbälle. Puzzles. Matratzen. Schaufeln. Besen. Hacken. Gießkannen. Eimer. Teller. Siebe. Rohre. Bollerwagen. Roller. Fahrräder. Fahrzeuge. Kinderwagen. Kleider. Werkzeuge. Filmdosen. Wasserhahn. Schläuche. Papier. Scheren. Pinsel. Kreiden. Farben. Fingerfarben. Knöpfe. Becher. Ton. Steine. Stöcke. Tafeln. Autoreifen. Nähkisten. Wolle. Klopapierrollen. Murmeln. Murmelbahn.

(Liebe/r Leser/in, seid bitte so nett & merkt euch die Unmerkbarkeit dieser wunderbaren Liste! Diese Liste zu verstehen, heißt die Welt zu verstehen.)

Für heute interessiert mich gar nicht die Frage, was die Kinder mit den Eimern & Büchern & Holztieren & Stöcken & Schläuchen & Filmdosen machen. (Es heißt, wie bekannt, dass sie damit spielen.) Mir geht es heute um die umgekehrte Frage: was machen die Puppen & Röhren & Murmeln & Autoreifen mit den ganz kleine Kindern? Oder anders gesagt: welche Bedeutung haben die Gegenstände für die Kinder?

Für kleine Kinder gibt es keine Gegenstände. Sie existieren einfach nicht. So etwas Komisches wie: hier bin ich & dort ist die Puppe, gibt es in der Welt der kleinen Kinder nicht. Den Akt der Gegenstands-Schöpfung haben die Kinder noch nicht vollzogen – sie schwimmen & schweben & tanzen in die Dingen, wie ich in der wunderbaren Liste schwimme. Es ist übrigens ein Fehler zu denken, dass die kleinen Kinder die Dinge „noch nicht“ kennen. Auch so etwas Komisches wie „noch nicht“ kennen die Kinder „noch“ nicht.

Der große schwarze Autoreifen macht das Kind schwarz & rund & kautschukisch. Der große schwarze Autoreifen kann ja alles sein: ein Bett, ein Haus, ein Nest, ein Topf, eine Tür... Der große schwarze Autoreifen kann sich mit allem möglichen zusammen tun: mit Tüchern, Papieren, Stöcken, Steinen, Wasser, einer Röhre... Und was dann entsteht, ist ja gar kein Ding mehr, sondern ein Geschehen, ein Ereignis, ein Event. Der große schwarze Autoreifen ist nicht einmal „multi-funktionell“ (klingt ja fast „pädagogisch“), weil die Liste der möglichen Funktionen unbegrenzt ist.

Ein altes Wort für Versammlung ist „Ding“. Ein Ding war vor tausend Jahren noch ein Event, ein Zusammenkommen in einem Zentrum von Menschen aus einer weiten Peripherie. (Das Parlament in Norwegen heißt noch immer „Ting“.) Und die Kinder erleben es jeden Tag: nicht die kulturelle Bestimmung der Funktionen (mit einem Löffel soll man essen) macht die Dinge aus, sondern ihre Umgebung, ihre Aura, ihr sich zusammenziehender Umkreis. Für die kleinen Kinder sind die Gegenstände ständig im Kommen.

Und sie berühren uns im Kommen. Aber was machen diesbezüglich die Dinge mit uns? In einem Text über Puppen schreibt Rainer Maria Rilke über eine kleine Trambahn: „[...] Du, überzeugte Seele der Trambahn, die in uns fast überhandnehmen konnte, wenn wir nur mit einigem Glauben an unsere Wagen-Natur in der Stube herumfuhren.“ Räume schaffen heißt also auch: Innenräume öffnen & bewegen & gestalten.

Wenn wir „glauben“ gibt es diesbezüglich gar keinen Unterschied zwischen Kindern & Erwachsenen. Wenn die kleine Helena mich fragt, ob sie ein Feuerzeug entzünden darf (sie kann es leider nicht so gut & braucht dringend Hilfe dafür, was sie gerne zulässt) schaut sie auf die Flamme und spürt wie die Flamme sich in ihrem „Innenraum“ entzündet. Helena ist dann Flamme. Das billige BIC- Feuerzeug erzeugt ein Flammen-Erzeugen-in-ihr.

Wir Erwachsenen sind nicht mehr so dabei. Wir Erwachsenen meinen, dass der schwarze Autoreifen eigentlich ausgedient hat & jetzt nur noch ein Spielzeug ist. Für den Autoreifen fängt das richtige Leben aber erst nach seinem funktionellen Tod an. Er liegt auf dem Hof & macht lachend mit.

Mit Dank an Sophie Pannitschka

22.06.2009

Vom Wind weggepustet werden? Über die kleine Esmeralda

Ich komme nicht darum umhin, sie für heute, in meiner Welt der Worte, Esmeralda zu nennen. In der Wirklichkeit, außerhalb meiner Worte heißt sie ja anders, nein, nicht ganz anders, ich würde sagen: ein bisschen anders – aber eben anders. Warum sie heute Esmeralda heißen soll, weiß ich nicht so ganz genau. Als ich mir aber vornahm diesen Text zu schreiben, meldete sich für sie einfach dieser edle & schöne & doch auch ein bisschen düstere Name bei mir.

Esmeralda also. Ich kenne sie nicht, dass heißt: ich habe sie nicht mit eigenen Augen gesehen. Ein paar Freunde haben aber gerührt & aufgeregt & staunend über sie erzählt – und über diese Erzählungen ist Esmeralda irgendwie bei mir eingetroffen. Sie geht in mir herum, stiftet eine wunderbare Unruhe, bewegt Fragen & erweckt Aufmerksamkeit.

Esmeralda ist noch nicht einmal vier Jahre alt. Für ihr Alter ist sie – laut den Erzählungen – eher ein bisschen zu groß, nicht richtig zu groß, aber doch zu groß. Sie steht unsicher auf ihren Füßen, so, als ob sie sich das Gehen nicht so ganz zutraut. Sie scheint so zu wirken, als ob sie bodenlose Fragen hat - über alles, was mit dem Boden zu tun hat. Dass die Erde uns ein fußfestes Fundament bietet, ist Esmeralda offensichtlich nicht bekannt. (Oder weiß sie etwas, was wir nicht wissen?)

Einer der Freunde erzählte: „Esmeralda kriegt viel mit, sie sieht alles, fühlt sich von hundert kleinen Ereignissen wie belagert. Sie bemerkt jeden Vogel, der vorbei fliegt...“ Es sieht also so aus, als ob die kleinen Ereignisse für Esmeralda irgendwie groß & bedeutend sind. Ja, natürlich, alle Kinder erleben das Große in dem sogenannten Kleinen, längst nicht alle fühlen sich davon aber belagert. Liegt ihr Problem darin, dass ihre Füße zu unsicher sind? Oder sind ihre Augen & Ohren einfach zu groß, zu offen, zu sensibel?

Esmeralda ist aber, wegen einer ganz bestimmten Aussage, die sie irgendwann einmal gemacht hat, bei mir eingetroffen. Als sie einmal im Wald auf einer großen Wiese war, sagte sie zu ihrer Mutter: „Ich habe Angst davor, vom Wind weggepustet zu werden“. Ihre Mutter erzählte später meinen Freunden, dass Esmeralda öfters von dieser Angst spricht. „Ihr habt keine Idee davon, was wir diesbezüglich mit ihr schon erlebt haben. Wir waren mal in Holland bei den Windmühlen... Meine Tochter hat richtig Angst vor Wind.“

Was liegt hier vor? Ich weiß es nicht. Ich kenne Esmeralda nicht einmal persönlich & wüsste außerdem nicht, welche psychologischen Einsichten an dieser Stelle relevant oder hilfreich wären. Mich trifft aber diese unbegründete Angst vor dem Wind. Irgendetwas in mir versteht diese Angst durch & durch, so, als ob ich etwas weiß, was offensichtlich auch Esmeralda weiß.

Was ist Wind? Als erstes fällt mir ein Gedicht von Percy Bysshe Shelley ein, Ode to the West Wind. Der englische Romantiker spricht von der „unseen presence“ (unsichtbaren Anwesenheit) des Windes, der die toten Blätter vor sich her treibt: „Wild Spirit, which art moving everywhere;/ Destroyer and preserver;“ Der Westwind heißt bei Shelley „der Vernichter“, weil er alles was sich in seiner Gewalt nicht halten kann, zum Tode führt.

Und ich denke an Gerrit Achterberg, den holländischen Dichter, der sich genau wie Esmeralda & Shelley von den hundert Ereignissen-jede-Stunde immer wieder angesprochen fühlt. In seinem Gedicht „Hulshorst“ beschreibt er, wie der Bummelzug, in dem er sitzt, in Hulshorst – einem Dorf auf der Veluwe – „mit einem gottverlassenen Knarren“ anhält, und „niemanden heraus, niemanden herein lässt“... und wo er für ein paar Minuten ein „wenig Wehen“ hört...

Gerrit Achterberg im Original: „O minuten/ dat ik hoor het weinig waaien/ als een oeroude legende/ uit uw bossen: barse bende/ rovers, rans en ruw/ uit het witte veluwhart.“ Auf Deutsch müsste das mehr oder weniger heißen: Oh Minuten/ dass ich das wenige Wehen höre / wie eine uralte Legende/ aus ihren Wäldern: harsche Bande/ Räuber, ranzig und roh/ aus dem weißen Veluwherz.“

Achterberg versteht in diesem Gedicht den Wind als eine Art Medium. Über den Wind bekommt er Zugang zur Ortsgeschichte. Er „hört“ eine uralte Legende von Räubern, die mitten in der Veluwe (heißt: „gelbe Aue“) offensichtlich herumgetobt haben. (Das Herz der Veluwe ist laut Achterberg nicht strahlend gelb, so wie man das vielleicht erwarten dürfte, sondern weiß.) Aus dem Gedicht geht klar hervor, dass der Wind spricht.

Was ist Wind? Er ist unsichtbar – wir spüren seine Wirkungen aber mit unseren Augen & unseren Ohren & unserer Haut. Der Wind kann zart sein, wie ein Hauch, oder gewaltig, wie ein Stürmen. Aber ob leise oder gewaltig: der Wind bringt etwas in Bewegung. Vom Geist wird gesagt, dass er wie der Wind weht... Und der Wind raunt von alten Zeiten. Schon die alten irischen Barden standen am Meer und hörten in dem gewaltigen Wehen & Wenden & Blasen & Dröhnen & Toben des atlantischen Windes eine uralte Geschichte vom Vergehen & Untergehen.

Die Angst von Esmeralda, dass sie durch den Wind weggepustet werden könnte, ist physisch gesprochen unbegründet. Und klar: es wird bestimmt einen Moment geben, wo sie das verstehen wird & ihre Angst überwinden kann. Die Angst wird aber auf einmal nachvollziehbar, wenn man den Wind als ein poetisches Geschehen versteht, das von Tiefen & Höhen & Weiten einer unsichtbaren Welt erzählt.

15.06.2009

Sehen und gesehen werden. Über Peter Sloterdijk und Religion

Wir sind durch & durch mit der Erfahrung vertraut, dass uns ein Mensch anschaut. Gesehen werden gehört zum Leben, obwohl wir die Erfahrung manchmal als unangenehm erleben. Angeschaut & gesehen werden, führt zu der merkwürdigen Erfahrung, dass wir uns selber als Objekt erleben – in dem Blick des Anderen werden wir zum Gegenstand. Diese Spaltung zwischen Ich-als-Subjekt und Ich-als-Objekt verunsichert uns.

Am deutlichsten merken wir das, wenn wir einander länger in die Augen schauen. Sofort entsteht ein Spiel von sehen & gesehen werden. Die Augen bewegen sich unruhig hin und her & das innere Erleben springt blitzschnell vom Subjekt-Sein zum Objekt-Sein & wieder zurück. Offenbar scheint es schwierig zu sein, die beiden „Perspektiven“ gleichzeitig gelassen & souverän zu handhaben. Für das normale Bewusstsein stehen sie einander im Wege.

Angeschaut & gesehen werden, so meinen wir, geht nur, wenn das Gegenüber Augen hat. Menschen können uns sehen, Steine & Pflanzen & künstliche Gegenstände & Landschaften können das nicht. Bestimmte Tiere können es auch: manchmal erscheint neben mir im Garten kurz ein Zaunkönig & schaut mich neugierig an. (Aber nein, mit ihm entsteht das Spiel von sehen & gesehen werden nicht. Einem Vogel kann man merkwürdigerweise nicht in die Augen schauen.)

In seinem letzten Buch „Du mußt dein Leben ändern“ (Suhrkamp, 2009, S. 44) meint Peter Sloterdijk zu Recht, dass das religiöse Erleben die Beziehung zwischen Subjekt & Objekt exakt umdreht. In seinen Worten: „Auf der Position, wo üblicherweise das Objekt erscheint, welches ebendarum, weil es Objekt ist, niemals zurückschaut, ´erkenne` ich nun ein Subjekt, das die Fähigkeit besitzt, zu schauen und Blicke zu erwidern“.

Für das religiöse Erleben ist die objektive Welt genau so beseelt, wie die subjektive. Sterne & Wälder & Flüsse & Wolken & Findlinge schauen uns mit unsichtbaren Augen an. Dieses Tauschen (ich glaube, Sloterdijk meint eher ´Täuschung`) spielt sich nicht nur auf der Ebene des Sehens ab – sondern die Positionen wechseln sich auch im Sprechen & Hören. Für das religiöse Leben gilt, dass die objektive Welt uns hört & zu uns spricht.

(Interessant ist, dass diese Umdrehung sich nur auf das Sehen & Hören bezieht – wenn es um Riechen, Schmecken & Tasten geht, scheint die Beziehung zu den Dingen der Welt einseitig zu bleiben. Bäume & Teiche & Planeten riechen & berühren & schmecken uns nicht. Liegt das daran, dass Sehen und Hören irgendwie enger mit dem verwoben ist was wir das Selbstbewusstsein nennen?)

Sloterdijk kommt auf das Thema der sinnlichen Umkehrung, weil er den Titel seines Buches zu erklären versucht. Die Aufforderung „Du mußt dein Leben ändern“ kommt aus einem Gedicht von Rainer Maria Rilke, in dem das poetische Subjekt von einem Torso angeschaut & angesprochen wird. In dem Torso gibt es ein „Schauen“, dass sich „hält und glänzt“ – es gibt „keine Stelle, die dich nicht sieht“. Am Ende des Gedichtes spricht dann der Torso die berühmte Mahnung aus, die Sloterdijk als Titel seines Buches gewählt hat.

Anders als Peter Sloterdijk meinte Rainer Maria Rilke, dass die objektive Welt tatsächlich beseelt sei. Man könnte, wenn man wollte, Rilke diesbezüglich naiv nennen, aber nur wenn man es absichtlich wollte: denn die Frage, was hier genau vorliegt, wird nämlich auch von Sloterdijk nicht beantwortet. Auch wenn man mit Sloterdijk einverstanden ist, dass Religionen eigentlich Übungssysteme sind (ein Gesichtspunkt, der in der Soziologie geläufig ist – dort wird meistens nicht von „Übungen“, sondern von „Kontrolle“ oder „Regeln“ gesprochen) bleibt die Frage stehen: beruht die Verwechselung der Positionen auf einer Täuschung?

Falls ja, dann geht es um eine sehr hartnäckige Illusion, die aber alleine dadurch nicht einfach abgehakt werden kann, weil sie die moderne Sichtweise „ich-bin-das-Subjekt“ & „das-Ding-ist-das-Objekt“ mit hervorgebracht hat. Anders gesagt: ohne die „religiöse“ Disposition ist die „naturwissenschaftliche“ Disposition nicht zu denken. Ohne die Krücke namens Religion, kann das Bein namens Wissenschaft keinen Schritt gehen.

Wenn man nicht auf die geronnenen Religionen und „jüngeren Religionsexperimente“ (Sloterdijk, S. 141) schaut, sondern auf die religiösen Empfindungen die wir Menschen offensichtlich hatten & haben (und die sich in soziale Verhaltenssysteme umgesetzt haben), stößt man unvermeidlich auf die Frage: was sind Gefühle? Die Erfahrung, dass es Objekte gibt, die uns auf irgendeine Art und Weise sehen & dass die Welt auf irgendeine Art und Weise zu uns „spricht“, beruht auf einem Gefühl.

In Gefühlen gestalten sich Beziehungen. In meinen Gefühlen wird „dein“ Dasein nicht nur bejaht & bestätigt & aufgenommen, sondern auch mitgestaltet & vervollständigt. Erst in meinen Gefühlen bist du was du bist. Oder: erst in meinen Gefühlen, wird der Zaunkönig, was er sein will: ein Botschafter der neugierig schaut & tzik tzak spricht.

Mit Dank an Sophie Pannitschka

07.06.2009

Der Klavierspieler Johann spricht heute mit einer tüchtigen Reporterin

Im Stadtanzeiger hatte Johann flüchtig etwas über das Vorhaben des Oberbürgermeisters, die „wichtigen Gegenstände in der Stadt zu registrieren“, gelesen. Er erinnerte sich noch an den Satz: „Über den amtlichen Status der unterschiedlichen Gegenstände wird noch verhandelt“. Die Beamten um den Bürgermeister herum schienen sich nicht darüber einigen zu können, um welche Gegenstände es genau gehen sollte & wie sie eingeordnet werden müssten. Ein hoher Beamter meinte: „Klar ist, dass es sich vor allem auch um Kunstwerke, Musikinstrumente, Altäre, alte Bücher, Schmuck und Zelte aus der Mongolei handelt“.

Damals hatte die Sache Johann nicht besonders interessiert, jetzt aber wollte er sich erkundigen. Nach ein paar Telefonaten wurde ihm deutlich, dass tatsächlich das Amt des Oberbürgermeisters dafür zuständig war. Das sogenannte Gegenstands-Anerkennungs-und- Registrierungs-Monopol lag von A bis Z im Rathaus – nicht einmal das Finanzamt war in die Sache eingebunden. „Die Registrierungspflicht der unbekannten Gegenstände ist Chefsache“, wurde Johann mitgeteilt. Mehr wollte der Sekretär am Telefon aber nicht sagen, nicht einmal, welche offiziellen Unterlagen vorlagen & wie man sie erhalten könnte.

Ein Anruf beim Stadtanzeiger brachte mehr Erfolg. Die Stimme der Reporterin klang klar und kräftig: „Nein, am Telefon können wir über diese Sache nicht reden. Das geht gar nicht. Habe ich gut verstanden, dass Sie persönlich von RUG betroffen sind?“ „RUG?“ fragte Johann. „Ja“, sagte die Reporterin, „von der Registrierungspflicht der unbekannten Gegenstände“. „Ja“, sagte Johann, „sie wollen alles über einen Flügel wissen, der mir nicht einmal gehört“. „Verstehe!“, sagte die Frau, und sie nannte den Namen einer Kneipe am Alten Markt. „Können wir uns dort heute um fünf Uhr treffen?“

Die Reporterin war klein, aber wortgewaltig. Sie trank Bier, rauchte Davidoff-classic & schrieb & schrieb & schrieb. Sie schaffte es, alle wichtigen & unwichtigen Aussagen von Johann („Nein, bitte kein Bier – dann kann ich nicht mehr denken!“) auf das Papier zu kriegen. Ihre rechte Hand tanzte mit Johanns Lippen mit. Und ihre Fragen waren unausweichlich. Erst nach einer halben Stunde fand Johann die Gelegenheit seine Frage zu stellen: „Erzählen Sie mir bitte, was das alles auf sich hat.“

„Ich blicke ganz & gar nicht durch“, antwortete die Reporterin. „Ich weiß nur, dass RUG der dritte Schritt einer politischen Kampagne ist. Der erste Schritt wurde im Oktober vorigen Jahres durchgeführt, als der Oberbürgermeister in einer Rede an der Universität betonte, dass seine Aufmerksamkeit sich mehr & mehr & mehr auf die metropolische Gemeinschaft richten würde. So nannte er es: die metropolische Gemeinschaft... Ihm schien es wichtig zu sein, den Begriff ´metropolische Gemeinschaft´ in die Köpfe der Leute zu rammen. Seitdem redet man überall in der Stadt von der MPG. Die MPG soll das & das tun, das & das gerade nicht tun, das & das verstehen, das & das für wichtig halten.“

„Der zweite Schritt vollzog sich zwischen Weihnachten und Silvester. Der Oberbürgermeister hielt wieder eine Rede an der Universität, diesmal mit dem Titel: ´Der Wert der Gegenstände für die metropolische Gemeinschaft`. Er zitierte eine Reihe von Philosophen: Plato war dabei & Descartes & Kirchengarten & Heidegger. Ich kann nicht behaupten, dass ich verstanden hätte, was er alles sagte. Irgendwie schien er zu meinen, dass der moderne Mensch gerade dadurch ein moderner Mensch geworden sei, dass er Gegenstände wahrnehmen könne. So etwas. Der Oberbürgermeister sprach vom ´Gegenstands-Bewusstsein` der heutigen Menschheit. ´Wir müssen lernen`, sagte er, `die Gegenstände zu schätzen, weil wir ohne sie gar nichts sind `. So etwas.“

„Und dann kam RUG. Das war Anfang Februar. Ich war zu einer Pressekonferenz ins Rathaus eingeladen worden & dort waren der Oberbürgermeister & ein Beamter namens Schmitz & noch eine Menge Leute mehr. PowerPoint mäßig wurde von RUG 1 & RUG 2 & RUG 3 berichtet – irgendwie schien sich diese Nummerierung auf Kategorien zu beziehen: wirksame Gegenstände & gefährliche Gegenstände & nicht eindeutige Gegenstände... So etwas... Es ging irgendwie darum, die Gegenstände ins kollektive Bewusstsein der MPG zu heben. ´Bis jetzt`, sagte der Oberbürgermeister, ´ist das Wahrnehmen der Gegenstände leider nur eine individuelle Angelegenheit gewesen. Wir sind aber dabei, die Bedeutung der Gegenstände auf eine kollektive Ebene zu heben`. Der Beamte Schmitz hat dann eine Stunde lang über Beobachtung & Dokumentation gesprochen & irgendwie schien vor allem der Philosoph Heidegger diesbezüglich wichtig zu sein. Schmitz sprach davon, dass die Dinge in die Dunkelheit geworfen worden seien & dass dringend eine Lichtung gebraucht werde. ´Es geht ja eindeutig um die Ordnung der Dinge´, meinte er.“

„Ich gehe mal davon aus“, sagte die Reporterin noch, „dass der Oberbürgermeister mit MPG & RUG versucht, die politische Debatte neu zu bestimmen. Er will von der Finanzkrise & der Wirtschaftskrise & der Arbeitslosigkeit & der Kinderbetreuung weg. Alles was er nicht im Griff hat, soll hinter einer übergeordneten Sache verschwinden, die niemand versteht. Wir müssen also wach sein!“

Mit Dank an Sophie Pannitschka

01.06.2009

Der Klavierspieler Johann und der Flügel

(Im voraus: dieser Text gehört zu dem Text von letzter Woche und den Kommentaren dazu. JvdM)



Der Klavierspieler Johann saß auf dem Klappstuhl, den er vorher für den Beamten Schmitz hingestellt hatte. Seine großen Hände lagen auf seinen großen Knien, seine langen Beine waren weit auseinander gespreizt & sein Kopf hing nach hinten. Der Beamte hat recht, dachte er, es wird Zeit, dass ich mir ein paar Fragen stelle.

Was soll ich jetzt machen? Denken?

Die Geschichten meines Lebens treiben wie Schiffe auf dem Innensee meiner Seele: große & kleine & mit weißen Segeln & mit braunen Segeln & mit kleinen Motoren & eben ohne irgendetwas, sogar ohne Paddel... Von manchen Schiffen weiß ich nicht, woher sie kommen & ob ich sie erfunden habe & wer sie steuert & wohin sie überhaupt wollen. Meine Seele sieht schon ein bisschen so aus, wie die Bucht bei Hoorn an einem windigen, warmen Samstagmittag.

Und jetzt soll ich mir die Geschichten anschauen, vor allem die über den Flügel? Das wird schwierig sein. Ich kann mich nicht einmal auf einen Begriff einlassen: ist das Ding wirklich ein Flügel? Oder ein Klavier? Oder ist das Ding einfach „das Ding“ - das schwarz schimmernde Ding, das immer da war & immer bleiben wird?

Wo ich auch hinschaue, das Ding steht immer da. Über das Ding bin ich in die Welt eingetaucht. Die Tasten, die Saiten, die Fuß pedale, die spiegelnde Fläche, die perfekten Kurven rufen überall in der Welt Tasten, Saiten, Pedale, spiegelnde Flächen & Kurven hervor. Die schwarze Kiste ist ein Körper & wenn meine Ohren groß werden & ich die Tasten richtig berühre, dann steigt Musik auf: Chopin oder Oscar Peterson oder... Ich meine: wenn ich in die Kneipe gehe, nehme ich die schwarze Kiste innerlich mit & weite meine Ohren über die Menschen aus, so dass sie sich in meinen Ohren bewegen & aufstehen & ich berühre mit meinen Händen die Tasten & mit meinen Füßen die Pedale – da ganz unten...

Und was erklingt ist Musik.

25.05.2009

Der Klavierspieler und der Beamte

Der Flügel war groß & schwarz. Er stand inmitten eines Zimmers mit weißen Wänden & weißen Bodenfliesen & weißen Gardinen. Ohne auch nur einmal mit seinen Augen zu blinzeln, schaute der Beamte mit einem skeptischen Blick auf das Instrument und fragte: „Woher kommt das Ding?“ Der Klavierspieler faltete seine enorm großen Hände, schüttelte kräftig seinen Kopf – die langen Haare flatterten um ihn herum – und sagte: „Das kann ich Ihnen leider nicht sagen“.
„Ach so!“, sagte der Beamte. Er holte ein Notizbuch aus der Seitentasche seines Jacketts und kritzelte etwas hinein. „Das können Sie mir leider nicht sagen“, wiederholte er. Er schaute nochmals auf den Flügel, schwieg eine Weile und stellte dann fest: „Sie haben ein Problem!“ Er schaute kurz in sein Notizbuch, hob seinen Kopf und sagte: „Dann brauchen wir ein bisschen Zeit. Können Sie mir einen Stuhl bringen?“
Der Klavierspieler nickte, verschwand und kam unmittelbar mit einem Klappstuhl wieder zurück, den er gewandt ausklappte & hinstellte. „Machen Sie es sich gemütlich“, sagte er. Der Beamte tat so, als ob er nichts gehört hätte – hatte er vielleicht auch nicht – setzte sich hin & schwieg. Er schien all seine Erfahrungen & all sein amtliches Wissen zu sammeln, um herauszufinden, was in dieser schwierigen Lage der richtige Schritt wäre.
„Also“, sagte er, „erst müssen wir die genaue Bedeutung ihrer Aussage klären. Wissen Sie nicht woher das Klavier kommt? Oder gibt es einen anderen Grund, warum Sie mich nicht informieren können? Betrifft es vielleicht ein Geheimnis?“ Der Klavierspieler faltete wieder seine enorm großen Hände und sagte leise: „Ich weiß es nicht. Es ist aber eigentlich auch ein Geheimnis.“
Mit lauter Stimme, als wollte er betonen, dass Flüstern nicht passte, sagte der Beamte: „Es tut mir Leid, Geheimnisse können wir aber nicht dulden. Das wissen Sie wohl!“ Er öffnete sein Notizbuch, nahm den Stift in die Hand & wartete. „Bitte“, sagte er, „geben Sie mir jetzt ohne Umwege eine klare Erklärung.“
„Der Flügel war schon immer hier“, sagte der Klavierspieler.
„Immer, immer? Wieso immer? Nichts war schon immer da!“
„Doch, als ich hierher kam, war der Flügel schon da.“
„Jetzt müssen Sie aufpassen“, sagte der Beamte verärgert. „Alle Gegenstände haben eine Geschichte & meine Aufgabe ist es, die Geschichten der Gegenstände in dieser Stadt zu dokumentieren. Die Zeit ist vorbei, dass Gegenstände ohne Vermerke existieren können. Seien Sie also bitte so lieb und...“
„Der Flügel war schon immer da“, wiederholte der Klavierspieler. „Als ich hierher kam, war ich vier Jahre alt. Als ich fünf war, entdeckte ich das Zimmer – ich bin einfach hinein gegangen & habe das Klavier gefunden & seitdem mache ich Musik darauf. Und niemand konnte mir sagen, wem das Instrument gehört. Ja, ein Geheimnis ist es schon...“
„Warten Sie mal!“, sagte der Beamte. „Sie behaupten also, dass das Ding schon da war, als Sie als Kind hier einzogen? Und dass es damals niemanden gab, der Bescheid wusste? Ist es das, was Sie versuchen mir zu übermitteln?“
„Ja“, sagte der Klavierspieler leise.
„Und ihre Eltern?“
„Was ist mit meinen Eltern?“
„Nun, wussten sie auch nicht Bescheid?“
„Meine Eltern, meine Eltern...“ begann der Klavierspieler zögernd, „meine Eltern haben erst nach vielen Jahren mitbekommen, dass es das Zimmer mit dem Flügel überhaupt gab. Wieso hätten sie das auch wissen können? Beide sind übrigens bald danach gestorben.“
Der Beamte stand auf. Er lief auf das Fenster zu, schob die Gardinen zur Seite & schaute nach draußen. „Es regnet“, sagte er nachdenklich. Dann drehte er sich um, presste kurz und kräftig seine Lippen aufeinander und sagte: „Diese Geschichte gefällt mir gar nicht. Etwas stimmt hier nicht.“ Er nahm sein Notizbuch in die Hand und wollte etwas schreiben, hielt dann inne und sagte vor sich hin: „Was soll ich denn aufschreiben?“
„Nun ja, vielleicht die Wahrheit“, sagte der Klavierspieler.
„Reden Sie bitte nicht von der Wahrheit! Die Wahrheit in Bezug auf dieses Ding hier“ - sein Zeigefinger wies in die Richtung des Flügels - „muss noch aufgedeckt werden. Was Sie mir erzählen, kann nicht als vollständige & hinreichende & befriedigende Wahrheit gelten. Halbe Wahrheiten soll & darf & kann man nicht dokumentieren!“
„Sie scheinen das Ding hier nicht besonders zu mögen“, sagte der Klavierspieler.
„Bitte?“
„Den Flügel, meine ich...“
„Was soll denn das? Mir ist das Ding scheißegal. Was mir nicht gefällt, ist die Geschichte, die Sie erzählen. Ich meine...“
„Man kann Gegenstände nicht von ihren Geschichten trennen.“
„Gegenstände, Gegenstände...“ rief der Beamte. „Sie haben keine Ahnung von Gegenständen. Wissen Sie, heute geht es um ein Klavier, gestern war es eine alte Dampfmachine, vorgestern, ja, was war es vorgestern? Ach ja, ein holländisches Gemälde mit Windmühlen & Bauern & Schiffen & Wolken & Heringen... Was die Holländer sich nicht alles zusammen malen – nicht zu fassen! Sie haben aber recht: Gegenstände soll man nicht von ihren Geschichten trennen! Und deswegen...“
„Die Geschichte des Flügels ist leider ein Geheimnis“, sagte der Klavierspieler.
„Unfug“, sagte der Beamte, „wenn man will, kann man alles erklären.“ Er nahm sein Notizbuch & schrieb etwas hinein. „In sechs Wochen komme ich wieder“, sagte er dann. „Nutzen Sie die Zeit bis dahin bitte, um die Wahrheit aufzudecken.“