Zwei Jahre Weblog. Über Nähe in einem unermesslichen Ozean
Vor zwei Jahren, am 8. Juli 2007, habe ich meinen ersten Blogtext durch diesen elektronisch erzeugten Ort unter dem Satz „Jede Woche eine neue Story“ veröffentlicht. Mein erster Beitrag war dem Buch „Missionen“ von Sebastian Gronbach gewidmet. Und nach zwei Jahren ist tatsächlich zu sagen, dass ich durch meinen Weblog eine Art Mission erfülle. Unterwegs ist mir deutlich geworden, dass ich etwas ganz Bestimmtes erreichen will.
Insgesamt habe ich in diesen zwei Jahren 121 Blogs „gepostet“. Und wenn ich auf die Liste von Themen schaue, fällt mir auf, dass alle meine Passionen dabei sind: Pico della Mirandola & Michel Foucault, Zaunkönige & Abgründe, Samuel Taylor Coleridge & Rainer Maria Rilke, Feuerzeuge & Filzbatterien, Köln & Lima, Freundschaft & Türme, Bob Dylan & Guns N` Roses, Klauen & Schenkgeld, Steiner & Barfield, Selbst & Subjekt, Erziehung & Sprache, Sammy & Samuel...
(Ich liebe Auflistungen. Vielleicht schreibe ich noch mal eine Doktorarbeit mit dem Titel: „Auflistungen aufgelistet“. Untertitel: „Über Schein und Wesen von Listen“. Ich wünschte mir dafür Peter Sloterdijk als Doktorvater. Irgendwie sind seine Bücher als burleske Auflistungen von vor- und weitläufigen Bemerkungen über die aufgelisteten Sachen zu verstehen, die uns in Europa schon mehr als zweitausend Jahre verwirren.)
Meine Mission ist es allerdings nicht, durch diesen elektronisch erzeugten Ort meine Passionen auszuleben. Die Passionen erzeugen aber gerade die Freude, die ich brauche, um das Projekt durchzuziehen. Ohne Spaß läuft nichts.
Die eigentliche Mission dieses Projektes betrifft Nähe. Als erstes betrachte ich meinen Weblog als einen Ort für mich. In den Texten versuche ich eine Nähe zu mir zu finden, ein „bei-mir-sein“, so wie ganz gute Freunde an einem Tisch sitzen & leise & ruhig & vertrauensvoll miteinander reden. Ich rede also in dieser Stille mit mir selber.
Die meditative Übung liegt dabei mehr und mehr darin, dass ich nur über Sachen schreibe, die mich berühren & dass ich versuche bei diesem Berührt-Sein zu bleiben. In der innerlichen Berührung liegt ja die Nähe zu den Dingen & Ereignissen & Menschen. Alle anderen guten Anlässe etwas zu schreiben, wie Wut & Ärger & Ungeduld & Schmerz & Neugier & Überzeugung versuche ich, so gut es geht, zum Schweigen zu bringen.
Nähe zu mir & Nähe zu den Sachen... Als zweites betrachte ich meinen Weblog als einen Ort der Begegnung. Dabei geht es um die Nähe zwischen mir & den Lesern, zwischen mir & dir & zwischen dir und dir also... In dieser Hinsicht ist mein Weblog ein verwirrender Ort, weil ganz unterschiedliche Beziehungen & Verbindungen gleichzeitig & in EINEM Raum eine Rolle spielen. Auf der elektronisch erzeugten Bühne herrschen einerseits Anonymität & Öffentlichkeit, anderseits geschehen oft ganz delikate & persönliche & rührende Sachen.
Diesbezüglich ist die Situation die folgende: In den Kommentaren reagieren manchmal Menschen, die ich aus unterschiedlichen Zusammenhängen persönlich kenne. Letzte Woche zum Beispiel war auf einmal Huub aus Den Bosch da (Hoi Huub, vader van Pelle! Sei herzlich gegrüßt von Jelle!) - sein Kommentar ist in eine vertraute Stimmung eingebettet, weil ich mich daran erinnere, wie wir öfters in Neukirchen bei Flensburg an einem Tisch zusammen saßen.
Dann gibt es Kommentare von Menschen, die ich persönlich nicht kenne. Von diesen Menschen gibt es immer wieder welche, die Kontakt suchen & mir zusätzlich noch eine Email schicken. Was aber auch sehr häufig vorkommt ist, dass Menschen mir nur eine Email schicken, also keinen Kommentar auf meinem Weblog veröffentlichen. Manchmal entstehen daraus intensive Kontakte, die den Lesern meines Weblogs verborgen bleiben.
Ganz wichtig sind die Menschen, die sich regelmäßig mit Kommentaren melden & sich so richtig in die Vorgänge einmischen. Sie zeigen mir die Koordinaten in meiner Suche nach Nähe in dem immensen Ozean. Sie sind mit im Boot. Ihre Meldungen gehen für mich immer über die aktuellen Inhalte hinaus, weil sie eine kontinuierliche Beziehung pflegen, die zu Ereignissen & Wendungen & Öffnungen führen.
Und dann gibt es die Menschen, die sich - warum auch immer - gar nicht melden. Weitaus weitaus weitaus die meisten Leser reagieren äußerlich (im www) nicht erkennbar, einfach weil sie keine Lust dazu haben oder sich die Öffentlichkeit nicht zutrauen oder meinen nichts zu sagen zu haben oder... Ich mag diese anonyme Schar von Lesern sehr, weil sie das Unbekannte & Ungewisse & Unsichtbare vertreten. Ohne Schweigende gäbe es keinen Ozean.
Nähe in dem immensen Ozean... Ich kriege es nicht in Worte gefasst... Meine Worte erreichen Dich-bekannte-unbekannte-LeserIn über die elektronischen Wellen des virtuellen Ozeans. Zwischen uns gibt es Tasten & Kabel & Schirme & Festplatten & Server & Schüsseln & eine Menge von Sachen mehr wovon ich nicht die blasseste Ahnung habe. Meine Worte erreichen euch via & via & via & via & via...
Die eigentliche Begegnung aber findet irgendwo anders statt. Durch den elektronisch erzeugten Ort hat sich auch ein Innenraum geöffnet, in dem ich die Nähe spüren kann – ich alleine mit mir, ich alleine mit dir, wir alleine mit uns & den Anonymen & den Verborgenen. Die letzten zwei Jahre haben mir klar gezeigt, dass es Unfug ist zu meinen, dass das World Wide Web uns zwangsläufig voneinander isoliert.
Mit Dank an Sophie Pannitschka