29.01.2012

Drei große Fragen, die ich nicht beantworten kann

Eine Freundin schrieb mir in einer Email: „Feirefiz konnte den Gral nicht sehen, weil er nicht getauft war. Was ist der Gral-in-mir, den ich nicht sehe, weil ich nicht getauft bin?“ Und: „Wie kommt ein Mensch dazu, etwas zu initiieren, etwas beginnen zu können, das ohne ihn nicht in Erscheinung träte?“

Große Fragen also, die ich nicht beantworten kann, was allerdings nicht heißt, dass ich mich mit ihnen nicht beschäftigen müsste. Die Fragen umfassen ein paar große Themen. Erstens ist da Feirefiz, der Halbbruder von Parzival. Er ist aus der ersten Ehe von Parzivals Vater Gahmuret mit der „Mohrenkönigin“ Belakane hervorgegangen und ist muslimisch erzogen worden. Sein Name bedeutet so ungefähr: „schwarz-weiß “. Ganz am Ende der Gralserzählung von Wolfram von Eschenbach wird er getauft und in die Gralsgemeinschaft aufgenommen.

Zweitens ist da die Frage der Taufe. Im Neuen Testament wird von einer Kindertaufe gar nicht gesprochen. Angenommen wird allerdings, dass etwa ab 200 nach Christi Geburt in bestimmten Gemeinden die Kindertaufe praktiziert wurde. Aus dem sehr interessanten Buch „Am Ursprung des Christentums“ von Andrew Welburn geht übrigens hervor, dass – anders als von den meisten Theologen angenommen – in den Evangelien und den apostolischen Texten implizit wohl eine Art „Tauflehre“ vorhanden ist, die sich allerdings auf Erwachsene bezieht und recht dramatische Ansprüche hat. Welburn stellt die Taufe als eine richtige „Einweihung“ dar.

Und dann ist da drittens natürlich der Gral (und der Gral-in-mir), dieses mythische „Dinc“, das bis in die heutige Zeit die Aufmerksamkeit der Menschen immer wieder fesselt. Was ist mit dem Gral gemeint? In den beiden Fragen meiner Freundin wird der Gral offenbar mit einer Quelle in jedem von uns verknüpft, die ermöglicht, dass der einzelne Mensch etwas initiiert, „das ohne ihn nicht in Erscheinung träte“. Der Gral ist einerseits ganz allgemein für alle Menschen da, hat andererseits eine höchst persönliche Bedeutung.

Mein Wunsch für die nächsten Wochen ist, dass wir – ich und die Leser meiner Blogtexte – versuchen uns an die drei Fragen heran zu tasten. Die alten christlichen Vorstellungen der Taufe und des Grals haben gemeinsam, dass sie sich auf eine von uns gespürte „Schnittstelle“ zwischen allgemein-menschlichen Gegebenheiten und sehr individuellen Prägungen und Möglichkeiten beziehen. Hier liegt ein Paradoxon vor, das „philosophisch“ vielleicht zu denken, im Leben allerdings manchmal schwer zu handhaben ist.

Es lautet etwa: Der einzelne Mensch wird allgemein Mensch, wenn er die Begründung seines Handelns in sich findet, oder ein bisschen überspitzt gesagt: Der Mensch wird allgemein, wenn er damit aufhört, allgemein sein zu wollen, und somit auch umgekehrt: er wird einzigartig, wenn er damit aufhört, einzigartig sein zu wollen. Ich würde mich freuen, wenn ihr – die Leserinnen und Leser also – euch, in welcher Form auch immer, zu den drei Themen äußert: zur Taufe, zum Gral und zur Initiation.

Um sie handgreiflich zu machen, habe ich die Fragen differenziert. Sie können zum Beispiel auch so gestellt werden: Bin ich getauft worden? Und egal ob ja oder nein: Was bedeutet mir das? Gibt es im Leben spontane Vorgänge, die man als „Taufe“ bezeichnen könnte? Oder ist die Taufe immer ein bewusstes Ritual? Kenne ich die Taufe als „Einweihung“? Welche Vorstellungen tauchen in mir auf, wenn ich an den Gral denke? Kann ich das „Dinc“ (in mir, in der Welt) irgendwie „lokalisieren“? Habe ich den Gral „gefunden“? Und was hat das mit mir gemacht?

Muss man ein „Christ“ sein, um den Gral finden zu können? (In der Urzeit des Christentums meinten manche Christen, man müsste Jude sein, das heißt: die jüdischen Gesetze anerkennen, um ein Christ zu werden.) Was bedeutet es überhaupt „Christ“ zu sein? Und dann: Habe ich mal etwas in meinem Leben initiiert, das ohne mich so nicht in Erscheinung getreten wäre? Wie kam das zustande? Welche seelisch-geistig-soziale Verfassung braucht man, um „Urheber“ zu werden? Ist Initiieren von äußeren Umständen abhängig? Und geht es dabei nur um die „großen“ Dinge, oder kann es sich auch auf die „kleinen“ Momente im Leben beziehen? Könnte ich solche Momente beschreiben? Und was haben sie mit mir gemacht?

Ich freue mich auf Beiträge, poetische, praktische, philosophische, biographische, journalistische, entschiedene, tastende, begreifliche und vor allen auch unbegreifliche...

22.01.2012

Wie bist du eingestuft? Die Geheimnisse der Rating-Agenturen

Ich weiß nicht wie es mit euch steht, ich wurde in meinem Leben allerdings nie als AAA eingestuft. So etwas wie Solidität habe ich auf der finanziellen Ebene bislang nicht erreichen können, laut meinen Kindern, werde ich das auch nie, weil ich es nicht einmal ernsthaft in Erwägung gezogen habe. Solidität als Konzept hat sich mir leider nicht einverleibt. Meinem jüngsten Sohn war dies bereits klar, als er sechzehn Jahre alt war. Er bot damals an, mein „Geschäftsführer“ zu werden, „natürlich ehrenamtlich“ fügte er gnädig hinzu. Ich war so dumm, sein Angebot abzulehnen.

Ich bin von den Rating-Agenturen als AB+ eingestuft, hänge also gerade hinter Rumänien, der TAZ und Christian Wulff. Dass es überhaupt noch ein A in meinem Bonitätskode gibt, hängt wohl damit zusammen, dass ich als „kreativ“ gelte, ich kriege es jeden Monat über links oder über rechts immer wieder hin, meine Miete zu bezahlen. Einen Willen zur Verlässlichkeit gibt es also.

Das B steht für die Tatsache, dass ich zwar jeden Monat meine Gehälter (ich habe zwei Jobs) überwiesen kriege, feste und verlässliche Beträge also, worüber die Banken sich freuen, in meinen Ausgaben allerdings manchmal unvorhersehbar bin. Wenn ich mich zum Beispiel in einen Teppich verliebe, zögere ich nicht, egal was mein Konto mir sagt. Eine Sucht ist es nicht, das wäre C gewesen, solche Taten untergraben jedoch unbemerkt – von mir, nicht von den Agenturen – den Willen zur Verlässlichkeit.

Das + steht für Hoffnung. Die Agenturen meinen, dass ich verbesserungsfähig bin, weil ich über die Waldorfpädagogik das Prinzip der Selbsterziehung kennen gelernt habe. Ich erwecke den Eindruck, dass ich an mir arbeite, dass ich kritisch auf mich schaue, dass ich mich manchmal öffentlich ein bisschen prügele. Ich persönlich sehe das übrigens einen Tick anders. An dieser Stelle scheint mir meine Fähigkeit zu sein, immer wieder die richtigen Worte zu finden. Ich betrachte mich als ein Meister der Entschuldigung.

Ich blicke immer gerne auf die Listen der Agenturen, um zu schauen, welche Länder, Unternehmungen und Personen auch als AB+ eingestuft, also meine finanziellen Schicksalsgenossen sind. Ganz viele Künstler befinden sich in meiner Kategorie, Leute also, die bonitätsmäßig nicht so richtig einzuordnen sind. Fast alle Rapper haben AB+, und auch ganz viele Dichter und Vortragsredner. Irgendwie hat die Kategorie AB+ mit dem schönen Schein zu tun.

Auch die Stadt Köln hat AB+, was natürlich keine Überraschung ist. Alle richtigen Kölner sind nun einmal lockere Redner, die ihren Aussagen ständig mit einem + hier, da einem + und da noch einem + eine funkelnde Aura des geschmeidigen Versprechens verleihen. Ich meine, das + und das + und das + glitzern überall in der Domstadt wie kleine Sternchen zwischen den Worten, vor allem, wenn es sich um die Tragik des 1. FC handelt. Und egal wie tief die Manuskripte in der Grube gestürzt sind, überall blinken unverschämt die Sternchen der lockeren Entschuldigung.

Recht schön wird die Liste, wenn es noch weiter runter geht. Bei BB+ stehen zum Beispiel: Stuttgart (hat ein unlösbares Problem, wo nur +++ noch helfen würde, dieser Kode existiert allerdings nicht), Gregor Gysi (hat die verkehrte Partei gewählt, kann jedoch wie Gott daran vorbei reden) und die Vereinigung der Waldorfkindergärten (die sich gerade so hält, weil es immerhin die Kinder noch gibt, alle Erwachsenen haben bereits aufgegeben.).

Ganz eigenartig ist das Goetheanum in Dornach eingestuft. Die Agenturen haben einen Kode entwickelt, der widersprüchlicher nicht sein könnte: C+A. (Nein, hat nichts mit dem Klamotten-laden zu tun.) Das C steht klar für: nicht mehr zu helfen, abgründig verpeilt... Das A bedeutet: das Unmögliche versprechend, und zwar so, dass es die Experten für möglich halten, dass das Unmögliche tatsächlich einmal möglich wird (ist doch der Kern der Anthroposophie, oder?). Und das + steht natürlich für die Kneipe am Fuß des Dornacher Hügels, in der die Frühlingsrevolution bereits voll im Gange ist.

15.01.2012

Durchsage

Wegen eimer Augenentzündung diese Woche keine Story

07.01.2012

Für Dich. Die Angst braucht es, in der Stille geliebt zu werden

Für Dich, mein Gegenüber, für Dich diesen Text, diese Worte, diesen Versuch. Für Dich, mein Gegenüber-in-mir, weil ich mit Dir rede, immer wieder, über Sachen die uns beide betreffen, Dich und mich, sehr alte Sachen, sehr neue Sachen, Sachen, die mit uns verknotet sind. Für Dich, mein Freund, mein Feind, sind diese Worte geschrieben.

Und für mich, weil Deine Sachen und meine Sachen nicht getrennt werden können. Wenn ich mit Dir rede, in mir, rede ich auch mit mir. Redest Du in Dir auch mit mir? Ja, du tust es, ich weiß es... Du brauchst es mir nicht zu sagen... Und wie gelange ich an diese Stelle in Dir, wo Du mit mir redest? Wie sieht es aus in Dir, wo du mit mir sprichst? Bei mir, wo ich mit Dir rede, sieht es manchmal dunkel aus.

Ich habe Angst. Ich bin nicht sicher, ob Du es aushältst, dieses Hin und Her über die Sprache hinaus, dieses Gespräch in der Stille, diese Berührung ohne äußere Bestätigungen, ohne klare Koordinaten, ohne Anrufe, Briefe und Geschenke. Die Stille ist von einer Geschichte getragen, die wir beide nicht kennen, ich meine: vielleicht irgendwie schon ahnend erkennen, allerdings nicht erzählen und somit verstehen können.

Ich habe Angst, weil Du zu mir gehörst. Du könntest Dich zurückziehen, was heißen würde, dass ich wie ein Krüppel weitergehen müsste. Nein, Angst vor einer Verletzung habe ich nicht, ich bin bereits verletzt, manchmal habe ich das Gefühl, dass gerade die Wunden in Dir und die Wunden in mir unsere Geschichte ausmachen. Vielleicht warten wir auf die Einsicht, dass es nur um eine Wunde geht, die an zwei Stellen weh tut, an einer Stelle in Dir und an einer Stelle in mir?

Hast Du Angst vor mir? Ja, du hast es, ich weiß es... Du kannst es aber nicht sagen, so wie ich nicht sagen kann, dass ich Angst vor Dir habe. Ich kann es in diesem Text nur schreiben, weil Du anonym bleibst, eine Person ohne Eigennamen bist. Merkwürdig, oder? Haben nicht gerade Freunde und Feinde immer einen Eigennamen? Sind nicht gerade Freunde und Feinde nie anonym?

Du kannst es mir nicht sagen, weil es Dich verletzbar machen würde. Eigenartig an der Angst ist, dass sie sich immer auf sich selbst bezieht und sich nie von sich selber befreien kann. Angst verselbstständigt sich, vergräbt sich, richtet sich unmittelbar eine definitive Wohnung ein. Und am Ende wissen wir nicht mehr, wovon wir uns befreien wollen, von der Angst oder von den Tatsachen, die sie geweckt hat? Die Angst lässt die Tatsachen verschwinden.

Deine Angst vor mir ist berechtigt, weil ich eine berechtigte Angst vor Dir habe. Ich anerkenne Deine Angst vor mir, allerdings ohne es auszusprechen. Ich sage es Dir, ohne es Dir zu sagen. Und meine Bitte an Dich ist heute, es mir zu sagen, ohne es mir zu sagen. Ich meine: sage es mir bitte in Dir, ich werde es merken... Und vielleicht wird es einmal einen Tag geben, wo wir befreit sagen können: „Ja, ich habe eine Angst, die es gar nicht gibt.“

Ohne Dein inneres Geständnis komme ich mit Dir nicht weiter, weil an Dir, genau wie an mir, ein paar Unmöglichkeiten haften. Nicht die Unmöglichkeiten als solche machen es mir unmöglich, mit Dir weiter zu machen, nein, denke bitte nicht, dass es meine Unmöglichkeiten sind, die es Dir unmöglich machen. Was uns trennt, ist die Angst, die sich an zwei Stellen breit macht, an einer Stelle in Dir und an einer Stelle in mir. Die Angst braucht es, in der Stille geliebt zu werden.

30.12.2011

Bild mit Worten für Andrea. (3) Die Freundschaft zwischen Platonikern und Aristotelikern

Leben Platoniker und Aristoteliker in unterschiedlichen Welten? Geht es bei ihnen um zwei Arten des Erkennens, um zwei Entwürfe des erkennenden Verhaltens, die nicht vereinbar sind, die einander ausschließen und sich deswegen gegenseitig ignorieren oder bekämpfen müssen? Oder gibt es zwischen den beiden eine Mitte, einen Raum der Berührung, einen Ort, wo sie sich treffen und finden können?

Beide gehen von einer Mitte aus. Der Platoniker vollzieht in seiner Seele eine Art fließende Bewegung, die im Herzen anfängt, sich quasi wie ein Vogel von seiner vertrauten Stecke abhebt, erst behutsam nach vorne schwenkt, nicht weit – höchstens zwei Meter – und die Umgebung in sich aufnimmt, nicht so sehr die scharfen Konturen der Dinge, sondern mehr ihre strahlende Wirkung, vor allem auch ihre konzentrierte Weite hinter der Nähe.

Dann schwenkt der Platoniker mit kräftigen Flügelschlägen nach oben, wo er die eigentlichen Quellen des Lebens spürt, wo die Ideen-hinter-den-Dingen pulsieren und vibrieren, sich mäandernd konzentrieren wie die tausend Sonnen von Van Gogh. Er fliegt da zwischen den moralischen und ästhetischen „Wahrheiten“, und wenn er nach einer Weile wieder zurückkehrt – zurückkehren muss er leider immer – fühlt er sich bereichert. Er hat die Welt „verstanden“.

Der Aristoteliker ist vielleicht auch ein Vogel, er kann allerdings nicht fliegen (wie Laufenten). Von seinem Herzen aus gibt es eine kleine Treppe, die ihn sofort dorthin bringt, wo er sein möchte, nämlich zwischen den Dingen. Nach oben strebt er erst gar nicht, weil aus seiner Sicht im Blauen alles verschwindet, aufhört zu sein, irgendwie so göttlich sauber gewaschen wird, dass nichts mehr übrig bleibt. (Van Gogh scheint ihm ein Hysteriker zu sein, eine durchgedrehte Waschmaschine.)

Er sucht in seinen Bewegungen immer die gleiche Augenhöhe, eine Nähe ohne ausdehnende Weite und Breite. Er neigt sich eher nach unten, fängt sich im Leise-nach-unten-Gehen selber immer wieder elegant auf, ergreift sich in seinem Körper wie ein Schwan, der aufs Wasser gelangt ist. Wenn er nach einer Weile wieder in seine Stätte zurückgekehrt ist, fühlt er sich bereichert, weil er die Welt „kennengelernt“ hat.

Beide gehen vom Urgrund des Herzen aus. Wenn Platoniker und Aristoteliker Freunde werden, treffen sie sich an diesem Ort gelegentlich, zum Beispiel morgens früh, bevor der Tag anfängt, oder vielleicht eher am Abend, wenn die Reichtümer des Tages bereits versammelt sind. Und sie versuchen eine gemeinsame Sprache zu finden, eine Sprache des Herzens, für die jeweiligen Erfahrungen, Abenteuer und Entdeckungen.

Tagsüber sind Platoniker und der Aristoteliker getrennt voneinander unterwegs. Die Freundschaft zwischen den beiden besteht zur einen Hälfte daraus, dass die unterschiedlichen Arten des Erkennens respektiert werden. Der Platoniker wird dabei von einer melancholischen Selbsterkenntnis getragen: Er weiß sowieso, dass er nur die Hälfte der Wirklichkeit ausmacht. der Aristoteliker ist überhaupt im Stande auf umfassende Wahrheiten zu verzichten.

Die andere Hälfte beruht auf einem inneren Dialog, der von einem eher bescheidenen äußeren Dialog unterstützt wird. Solange die beiden noch zu viel miteinander reden – wenn sie den anderen zum Beispiel überzeugen wollen – entsteht nur sehr beschränkt eine gemeinsame Sprache. Erst wenn der Platoniker den aristotelischen Freund in seinem Innenraum als eine innere Gestalt zulässt und mit dieser lebendig gewordenen seelischen Gestalt „spricht“, fangen die Worte und Begriffe an, sich miteinander zu verbinden, sie verschmelzen ineinander. (Und umgekehrt.)

Was dabei herauskommt, scheint mir ein sozialer Zustand des schwebenden Erkennens zu sein. Die Wahrheit als eine quasi definitive Fixierung in gedanklichen Bildern, die „wissenschaftlich“ oder „journalistisch“ oder „belletristisch“ weitergegeben werden können, kommt an ihr Ende. Die Wahrheit wird (mit Martin Heidegger) zum Ereignis, zur Erfahrung – im Hier und Jetzt hat sie eine Bedeutung, nein, nicht „nur“ im Hier und Jetzt, sondern „voll“ im Hier und Jetzt.

Durch die Verschmelzung fangen Platoniker und Aristoteliker endlich an frei erkennend zu leben. Im Grunde genommen führt die Freundschaft zwischen den beiden einen Schritt weit ins Esoterische. Oder wie Ate Koopmans es vor vielen Jahren prägnant ausdrückte: „Die Worte und Begriffe werden zu Navigationsinstrumenten, die uns helfen, einen Weg ins Geistige zu finden.“

23.12.2011

Weihnachten im Hochsommer in Köln. Über die Sichtweise von Kindern

Vor fünf Monaten, es war Hochsommer, war ich in einem Kindergarten zu Besuch. Eines der Kinder war dabei, den Kindergarten zu verlassen. Die Kinder aus seiner Gruppe wollten sich von ihm verabschieden und hatten mit Spielständern, Kissen, Decken und Tüchern eine Art Bühne aufgebaut. Zum Abschied sollte also ein Theaterstück gespielt werden.

Die Stille vor dem Spiel war perfekt. Ich saß an der Wand und wartete. Als dann das Spiel anfing, erschien ein Hirte, er war offensichtlich dringend unterwegs. Er befand sich auf einer Suche, er wollte „ein Kind“ finden, das gerade geboren worden war. Und als das Spiel sich weiter entfaltete, machten sich von den Decken und Tüchern die mir bekannten Gestalten frei, sie lösten sich quasi aus dem wolligen Nichts: der kleine Johann als Josef, Andrea als Maria, Peter als das Kindlein Jesus, Paulo als der Esel...

Die Weihnachtsgeschichte wurde von Anfang bis Ende mit einer großen Intensität gespielt. Draußen schien die Sonne, es war richtig warm, von der winterlichen Wende waren wir damals weit entfernt. Für die Kinder schien das gar kein Problem zu sein, ganz im Gegenteil, souverän und entschieden weckten sie Maria und Josef und Jesus und den Esel aus der Ansammlung von Tüchern und Decken. Als Zuschauer wurde ich in eine weihnachtliche Stimmung mitgenommen.

Und mir war auf einmal ganz weihnachtlich zumute. Ja, ich war ein bisschen verwirrt, irritiert auch, und bemerkte, dass in mir ein Lied gesungen werden wollte, „Stille Nacht, heilige Nacht“, ein Lied, das man bekanntlich normalerweise nur im Winter, etwa in einem Supermarkt, hören muss. Meine Ohren sind im Sommer nicht auf „Stille Nacht, heilige Nacht“ eingestellt, die Nächte sind nur im Winter still und heilig.

Weihnachten ist ein Fest... Das Wort Fest geht auf das verloren gegangene indogermanische Urwort „fes“ oder „fas“ zurück, das „religiöse Handlung“ bedeutet. Das alte Wort hat sich in seiner Bedeutung wahrscheinlich nicht nur auf einen Moment in der Zeit bezogen, wie das in der heutigen Zeit meistens mit den Jahresfesten der Fall ist, sondern auch auf einen bestimmten Ort. Ein „Fest“ war eine feierliche Handlung, die zeitlich und räumlich definiert war.

Das heißt, um ein Fest zu feiern, ging man irgendwo hin. Nun ist es natürlich noch immer so, dass Menschen zu Weihnachten in die Kirche gehen, bestimmt nicht alle, vielleicht auch nicht mehr viele, aber immerhin noch einige. Der Gedanke, dass man Weihnachten eigentlich überall feiern kann, hat allerdings über die Jahrhunderte an Kraft gewonnen. Die „geographischen“ Koordinaten des Weihnachtsfestes sind frei geworden. In der Zeit ist Weihnachten noch immer fest fixiert, es wird nie im Hochsommer gefeiert.

Wie kamen die Kinder darauf, mitten im Sommer als Abschied ein Weihnachtsspiel zu spielen? Ich weiß es nicht, bin mir aber sicher, dass keine der Erzieherinnen auf diesen Gedanken gekommen ist. Erwachsene können nicht einmal denken, dass im Juli vielleicht Weihnachten ansteht (deswegen nennt man sie wohl Erwachsene.) Die Frage der damaligen Motive der Kinder tauchte in der Adventszeit wieder auf. Wie ist die spontane und entschiedene Wahl der Kinder zu verstehen?

Es ging im Sommer um einen Abschied. Mit einer Geburt ist auch immer ein Abschied verbunden, man kommt nicht nur irgendwo an, man verlässt auch etwas, geht irgendwo weg. Die Kinder haben vielleicht irgendwie sagen wollen: Du wirst uns verlassen und damit kommt eine vertraute Welt an ihr Ende, nicht nur für dich sondern auch für uns... Eine neue Welt fängt an, Neues kommt auf dich zu, und damit auch auf uns, und so wünschen wir dir, dass du vom wachsenden Licht getragen wirst!

Also: Weihnachten kann es immer geben...

18.12.2011

Bild mit Worten für Andrea. (2) Der Platoniker

Der Platoniker wird weniger von einer unbefangen Neugier und eher von einer melancholischen Sehnsucht getrieben. Er spürt, er hat etwas Großes verloren, ein spontanes und unmittelbares Wissen, ohne dies zu leben, einen süß-bitteren Schmerz erzeugt. Sein Aufwachen beruht auf ein Vermissen.

Auch ihm ist klar, dass die Götter sich zurückgezogen haben, dieses Empfinden haben Aristoteliker und Platoniker gemein, spürt allerdings, dass ein letzter Rest der übersinnlichen Schöpfungskraft noch vorhanden ist, und zwar in der Wirkung der großen Ideen. Gerechtigkeit, Wahrheit, Schönheit, Liebe und Freiheit sind heiligen geistigen Bestimmungen, inneren Orten, wo die gesamte Ordnung der Dinge zelebriert werden kann.

Der Platoniker sagt nie: „Wir haben es nicht gewusst“. Er hat es immer gewusst, seine Momenten des aufwachenden Verstehens sind immer Momente des Rückkehrens. Er kann nicht etwas wissen, was er nicht einmal gewusst hat. Die Gedanke, in seinem Blickfeld auf etwas Neues zu stoßen, zum Beispiel auf einen Elefant aus dem unbekannten Indien, ist ihm fremd. Seine Beziehung zu dem Elefant hat es immer bereits gegeben, auch wenn er nie einen mit seinen Augen gesehen hat.

So wie so sind Elefanten in ihrer äußeren Erscheinung für den Platoniker nicht besonders interessant. Was ihm berührt, ist, was der Elefant „verkörpert“, was der Elefant „inne“ hat. Was könnte das sein? Ich würde sagen: ein schweres und breites und stetiges Tragen, eine „saturnale“ und „tiefgründige“ Präsenz, ein kosmisches Gedächtnis auch... (Um den Platoniker zu verstehen, braucht der Aristoteliker eine Menge Anführungszeichen.)

Der Platoniker hört auf Platoniker zu sein, wenn er (vielleicht aus Versehen? Oder aus Verzweiflung?) damit anfängt seine Wahrheiten zu konservieren. Im Moment tun manche Platoniker das, weil der Zeitgeist darum bittet. Gerechtigkeit, Liebe und Freiheit können allerdings leider nicht konserviert werden, in Konzepten nicht, in Programme nicht, nicht einmal in der Sprache. Die große Ideen gehen wie Elefanten in der geistigen Welt frei herum.

Das Konservieren ist ein platonischer Akt der Selbstzerstörung. Es bedeutet im Grunde genommen, dass den Ideen das Lebenselixier genommen wird, und ja: Auf den Rücken der Elefanten bluten die Streifen der Peitsche. (In der deutschen Politik gibt es im Moment ein klares Beispiel eines Platonikers, der vor dem Abgrund steht, nämlich Oskar Lafontaine. Immer wenn er spricht, muss er jemand weh tun.)

Manche Platoniker meinen spontan, dass sie beides sind, Platoniker UND Aristoteliker. Das beruht allerdings auf ein Missverständnis aus Arroganz und Ignoranz, das nur bei Platoniker vorkommt. Manchmal meinen sie nämlich zu sein, was sie sich vorstellen können, dass sie sind. Bei Aristoteliker ist das übrigens umgekehrt, sie können sich manchmal nicht einmal vorstellen, dass sie Aristoteliker sind. Der Aristoteliker meint, dass die Idee „Aristoteliker“ nicht existiert. Der Platoniker ist manchmal nichts, weil er meint alles zu sein, der Aristoteliker ist alles, weil er meint nichts zu sein.

Schon ein verrücktes Spiel... Als ich diese Sätze schreibe, sitze ich in einem Bar in Gandia, eine Kleinstadt in Spanien. Der Kellner ist Idee-sei-dank ein Platoniker, er präsentiert mir mein café solo nicht nur, als wäre es ein Kunstwerk, sondern verspricht mir mit seinen feinen Gebärden den definitiven Rückkehr zu der vollen und runden Idee des Kaffees.