09.05.2008

Das kleine Kind. Über Räume, Träume und Gegenstände.

In meinem Blog am 12.01.2008 habe ich etwas darüber geschrieben, dass in Kindergärten drei „Räume“ zu unterscheiden sind: ein physischer Raum, ein Raum in der Zeit und ein sozialer Raum.

Ich werde in den kommenden Wochen in meinen Blogbeiträgen versuchen die Frage anzugehen, wie die drei Räume für das Kind unter drei gestaltet werden könnten. Mir scheint diese Frage deswegen dringend zu sein, weil ich den Eindruck habe, dass das Denken über Tagesstätten für Kinder unter drei, stark von den Vorstellungen ausgeht, die in Bezug auf Kindergärten leben. Eine Kindertagesstätte scheint wie ein Kindergarten zu sein, der nur in der Zeit nach vorne verschoben ist.

Was aber für Kinder ab drei richtig ist, gilt nicht unbedingt für Kinder unter drei. Zwischen einem Kind von fünf und einem Kind von zwei Jahren liegen ja Welten. Das Denken über die Gestaltung der Tagesstätten für Kinder bis drei müsste beim Kind von null bis drei beginnen.

Ich fange mit dem ersten Raum an, dem physischen. Dabei lasse ich mich durch Henning Köhler inspirieren. In seinem Integrationskurs – das in Zusammenarbeit mit dem Kölner Seminar für Waldorfpädagogik stattfindet – hat er letztes Wochenende über eine „spirituelle Entwicklungspsychologie“ gesprochen. Ausführlich hat er die "Grundbedürfnisse" beschrieben, die in den ersten vier Lebensjahren des Kindes auf dem Vordergrund stehen. Mir wurde deutlich, dass seine Ausführungen interessante Konsequenzen für die Gestaltung der physischen Räume haben.

Ein kleines Kind ist völlig & völlig & völlig orientiert auf das sich Hineinleben in die Welt der Gegenständlichkeit. Seinem Wesen nach kennt das Kind die Wirklichkeit der Gegenstände gerade ganz und gar nicht. Das Kind ist von Gegenständlichkeit weit entfernt. Es „befindet“ sich träumend in einem undifferenzierten Zustand-des-Seins, in dem zum Beispiel Raum und Zeit keine Rolle spielen. Die inneren und äußeren „Bewegungen“ des kleinen Kindes sind völlig frei, ungezielt und ohne eine festgelegte Bedeutung.

Der französische Phänomenologe Maurice Merleau-Ponty spricht in diesem Zusammenhang aufschlussreich über Träume. Er meint, dass das kleine Kind „am Anfang seine Träume in die Dinge, seine Gedanken in die Anderen verlegt und mit diesen gleichsam einen gemeinsamen Lebensblock bildet, innerhalb dessen die verschiedenen Perspektiven sich noch nicht unterscheiden.“ (Und er meint dazu, dass diesbezüglich die Philosophie sich „dem Problem der Genese ihres eigenes Sinnes“ stellen muss.)1

Man kann das an kleinen Kindern beobachten. Wenn ein Kind auf einem Parkplatz aus dem Auto gehoben und auf seine wunderbar wackelig-stabilen Beine gestellt wird, befindet es sich nicht auf einem Parkplatz, sondern einfach in einem Raum. Es steht eine Weile in seinem Stehen, so wie ein Baum sich in seinem Stehen befindet, schaut herum ohne richtig zu schauen, und fängt dann „auf einmal“ an zu gehen. Das heißt, es bewegt seine Beine in eine unbestimmte Richtung – und „befindet“ sich einfach in seinem Gehen. Dann hört es „auf einmal“ auf zu gehen, plumpst charmant-elegant auf seinen Po, spürt, dass seine Hand „etwas“ berührt und bringt dieses „etwas“ selbstverständlich und wie in einem Traum an seinen Mund – ja, einen runden Stein genauso wie eine saftige Erdbeere.

(Der Vater ist aber schon dabei ihm den Stein abzunehmen, weil Steine auf Parkplätzen einen schlechten Ruf haben – es heißt, sie wären meistens nicht sauber. Das berühmte Reinheitsgebot in Deutschland hat sich mittlerweile über alle Aspekte des Lebens ausgebreitet.)

Was heißt das für die Einrichtung einer Tagesstätte für Kinder unter drei? Es heißt meines Erachtens erstens, dass es da Steine, Äste, Holzblöcke, Kastanien, Kieferzapfen, Wasser, Sand, Töpfe, ja, alte und robuste Schreibmaschinen, Lenkräder und Gießkannen aus Blech geben sollte. Und vieles anderes mehr. Es heißt zweitens, dass die Gegenstände sich frei, aber nicht unorganisiert im Raum befinden. Entscheidend scheint mir zu sein, dass die Kinder einerseits einen freien Zugang zu den Gegenständen haben, sich aber anderseits nicht in einem sinnlosen Chaos befinden. Vielleicht sind einfache, niedrige Regale hilfreich – möglich wäre aber auch eine Art Blume mit „Blüten“ zu gestalten: in eine Blüte die Steine, in eine andere die Äste, in noch eine andere Wasser, usw. In der Mitte könnte ein Kreis sein, in dem die Kinder sich frei bewegen können.

Etwas Drittes kommt aber dazu. Die Erwachsenen sind gerade NICHT da um die Kinder zu „betreuen“ oder eben zu „bewachen“. Die Erwachsenen sind für sich selber da, das heißt, sie machen ihr eigenes Ding. Ein Mann näht gerade eine Hose oder übt Gitarre, eine Frau schreibt einen Brief oder malt ein Bild oder drückt sich die Daumen. Die Erwachsenen sind tätig. Und die Kinder erleben, dass auch für die Erwachsenen das Leben und die Welt eine sinnvolle & spannende & höchst interessante Angelegenheit ist, genau so wie die vorhandenen Steine & Äste & Schreibmaschinen sinnvoll & spannend & interessant sind.

Ich behaupte, dass auf diese natürliche Art und Weise aus den Kindern intelligente & sorgsame & leidenschaftliche & kreative Naturwissenschaftler, Künstler, Unternehmer, Krankenschwestern, Gärtner und Journalisten werden. Nicht die Erwachsenen und auch nicht die implizit definierten Räumlichkeiten, sondern das Leben & die tausend Möglichkeiten werden zeigen, wozu die Kinder gemeint sind. Die Einrichtung des Raumes müsste erst mal auf dieser Ebene gerade keine Aussage machen, das heißt, dass im Prinzip alles Mögliche vorhanden ist.

Die Kinder werden in & aus & mit der Vielfalt sich selber gestalten.



1 Maurice Merleau-Ponty: Das Sichtbare und das Unsichtbare. München, 1986, Seite 28.

05.05.2008

Die Fragestellung der Kleinkindbetreuung ist sexy. Antwort an Michael Eggert

In seinem lesenswerten, oft sehr interessanten und ideologiefreien Blog (www.egoisten.de) reagiert Michael Eggert auf meine Behauptung, dass der gesellschaftliche Wunsch nach Kinderbetreuung in einer Sehnsucht nach anderen Lebensverhältnissen und anderen Beziehungen liegt. Eggert: „Ich denke, die primären Gründe sind schlicht das sinkende Realeinkommen von Familien, die ständig steigenden Anforderungen in den Berufen, aber auch die Gefahren des Abgleitens in den Berufen, bedingt auch durch ständige Umwälzungen darin. Die veränderten Lebenskonzepte und Rollen von Mann und Frau kommen nach meiner Beobachtung erst in zweiter Reihe.“

Michael Eggert macht also die Sache, wie das üblicherweise gemacht wird, an äußerlichen Umständen fest. Nun habe ich aber nicht gemeint zu sagen, dass diese Umstände keine Rolle spielen – sondern mein Anliegen ist es, vom „Kulturpessimismus“ (Eggert) weg zu kommen, der zwangsläufig entsteht, wenn Sehnsüchte ausgeklammert werden und das Handeln von Menschen als ein reines Reagieren auf materielle Parameter verstanden wird. Das heutige wissenschaftliche und politische Denken ist bis in alle Ecken durch diese Ansicht geprägt.

Menschen wollen immer etwas von-sich-aus, auch und vor allem wenn dieses Wollen gerade (noch) nicht in „veränderten Lebenskonzepten“ klar vor Augen steht. Es geht, so meine ich, gerade nicht um definierte Konzepte, sondern um Sehnsüchte. Eine Sehnsucht ist kein Konzept. Ein Konzept ist als solches mehr oder weniger bekannt und muss natürlich noch „umgesetzt“ werden; eine Sehnsucht ist aber auch ein Phänomen, dass mit Jacques Derrida immer wieder und immer wieder nur „im Kommen“ ist, so wie zum Beispiel auch die Freundschaft immer wieder nur „im Kommen“ ist.

Ich behaupte, dass die Fragestellung der Kinderbetreuung SEXY ist. Den Wunsch nach Kinderbetreuung an äußeren Umständen festzumachen, macht die Sache gerade dürr und trocken. Für etwas Saftiges wie Sehnsüchte & Willensrichtungen & Umwälzungen ist in dieser Sichtweise kein Platz. Und so ist es: die Fragestellung der Kleinkindbetreuung muss unter allen Umständen langweilig bleiben.

Michael Eggert nennt meine Sichtweise „pragmatisch“. Nun hatte das griechische „Pragma“ ursprünglich zwei Bedeutungen: Sache und Handlung. Wenn Eggert die zweite Bedeutung im Auge hat, bin ich einverstanden. Mich interessiert brennend, warum Menschen handeln wie sie handeln. Der Gedanke, dass Menschen handeln wie sie handeln, weil sie bestimmte Konzepte im Kopf haben, scheint mir den Ungeist-per-se zu repräsentieren. Was Menschen denken ist in der Regel weniger aufschlussreich, als was Menschen tun.

So etwas wie „reine“ Umstände gibt es im gesellschaftlichen Sinne nicht. In dem, was wir reine Umstände nennen (Karl Marx hat ja das ganze Leben auf reine Umstände reduziert – ich behaupte: in Europa wird zur Zeit marxistisch gedacht), lebt gewollter Widerstand und verborgene Innerlichkeit. Wir akzeptieren zum Beispiel kollektiv, dass jede Person das Recht oder eben die Pflicht hat, ihr Leben auf allen Ebenen in die Hand zu nehmen: kulturell, sozial-politisch und wirtschaftlich. Das Selbstbild – oder vielleicht besser gesagt: die Vorstellung der eigenen Biographie – kriegt dadurch eine völlig andere Bedeutung.

Die Schattenseite ist klar und heißt: jeder für sich und Gott gegen alle (Werner Herzog). Nicht nur die Götter ziehen sich zurück, sondern, auf der wirtschaftlichen Ebene auch der Staat. Die Lichtseite gibt es aber auch, und sie heißt: jeder Mensch ist der Künstler & der Unternehmer seiner Biographie. Ich meine, dass die gesellschaftlichen Veränderungen nur zu verstehen sind, wenn die Sehnsucht nach biographischer Identität bei Müttern & Vätern & Kindern & Freunden & Erziehern als verborgener Drahtzieher anerkannt wird.

Mit Dank an Sophie Pannitschka

Text von Michael Eggert: http://www.egoisten.de/files/kleinkinder.html


20.04.2008

Das Schweben über dem schwarzen Loch. Oder: der Fakir-in-mir

Jemand hat mir letzte Woche per Email das Folgende geschrieben: „Ich habe ein Loch in mir - ich nenne es das Einsamkeitsloch. Meistens kann ich in das Loch hineinsehen. Ich stehe am Rand des Loches, nein besser: ich schwebe über dem Loch und schaue tief hinein. Aber manchmal wächst das Loch. Es frisst sich dann weiter in mich hinein und wird größer und größer. Und es fängt an zu leben, es wird aktiv. Das heißt, es saugt alles zu sich heran und zieht es in sich hinein. Das Loch wird lebendig, wenn Dinge, die außerhalb von mir passieren oder auf mich zukommen und mich beschäftigen, sehr beschäftigen. Dann gibt es keinen Halt mehr und ich werde mit ins tiefe schwarze Loch gezogen. Das ist ein schreckliches Gefühl.“

Diese Sätze haben mich aus zwei Gründen berührt. Der erste Grund liegt in der Tatsache, dass ich aus Erfahrung weiß, wovon da gesprochen wird. Das fressende „Einsamkeitsloch“ hat etwa drei Jahre in meinem Leben – ich war um die vierzig – kräftig gearbeitet. Eigentlich gab es in diesen Jahren nur dieses Loch; alles andere war zweitrangig, unwesentlich und „circumstantial“. Die ganze Welt sah schwarz & schwer & abgründig aus. Der Psychiater, zu dem ich damals ging, sprach von einer „Depression“.

Im Nachhinein würde ich sagen, dass die Wirkung des fressenden Einsamkeitslochs richtig etwas in mir und mit mir gemacht hat. Nach der Erfahrung des Lochs oder des Abgrunds oder des Nichts ist einerseits alles so geblieben wie es war, andererseits ist alles komplett anders geworden. Geblieben sind meine Fähigkeiten & Vorlieben & Gewohnheiten – anders geworden sind meine Erwartungen & Hoffnungen & Zielsetzungen. Um es in einem Satz zu sagen: der Grund des Lebens hat sich als unergründlich erwiesen.

Ich meine, dass die Erfahrung des Abgrunds dazu geführt hat, dass ich gelernt habe zu „schweben“. In gewissem Sinne bin ich innerlich gesprochen ein Fakir geworden. Die entscheidende Erfahrung dabei war, dass ich nach drei Jahren, in denen alles schwarz & schwer & abgründig war, auf einmal festgestellt habe: das Loch frisst ja alles & alles & alles, nur mein Selbst bleibt unangetastet. Mein Selbst oder mein Ich war als teilnehmender Beobachter immer dabei und wurde in dem Akt des Beobachtens unbemerkt immer stärker und stärker. Erst als mir diese Tatsache blitzartig klar wurde – man könnte an dieser Stelle von einer Erleuchtung sprechen – war das Loch keine Bedrohung mehr.

Und so ist es: das Loch ist noch immer da, saugt noch immer, kann noch immer unangenehm sein – erzeugt aber kaum noch Angst sondern bringt eher Freude. Und Erkenntnisse. Die Erkenntnisse beziehen sich auf die grundlegenden & bedeutungsvollen Aspekte des Lebens, weil das Schweben des Selbst’ auf eine unmittelbare Art und Weise zwischen dem Wesentlichen und dem Unwesentlichen unterscheidet. Das, was den Fakir-in-mir versucht herunter zu ziehen, ist ja unwesentlich; und das, was das Schweben-des-Selbst’ ermöglicht, ist ja wesentlich.

Der zweite Grund hat mit Sprache zu tun. Irgendwie ist es daneben hier von „Loch“ zu sprechen. Auf der seelischen Ebene gibt es keine Löcher, da gibt es nur Gefühle. Wir verstehen „Loch“ an dieser Stelle als eine Metapher, ein Bild, eine helfende Vorstellung – ein reales Loch gibt es aber in der Seele nicht. Trotzdem scheint mir das Wort Loch genau stimmig zu sein, so wie Abgrund und Nichts auch. Wenn ich auf meine Erfahrungen schaue, die damaligen und die heutigen, komme ich nicht um das Empfinden herum, dass Löcher, seelisch-geistig gesprochen, tatsächlich existieren.

Was aber ist ein Loch? Die Geschichte des Wortes bringt Bewegung in unsere gefestigten Vorstellungen. Interessant ist, dass das Wort etymologisch eine verdoppelte und zweiseitige Bedeutung hat: es heißt „Verschluss“ und „Öffnung“. In dem englischen Wort „lock“ hören wir das noch; ein Loch-Lock schließt etwas ab, ist aber gleichzeitig eine Öffnung irgendwo hin. In Löcher passen Schlüssel.

Überraschend ist weiter, dass die indogermanische Wurzel „leug“ deutlich macht, dass die ursprüngliche Bedeutung des Wortes auch mit „winden“ und „drehen“ zu tun hat. „Lauch“ (das Gemüse) windet, dreht und kräuselt sich nach unten hin, verschließt und öffnet sich. Damit ist die statische Vorstellung des Loches auf einmal dynamisch geworden. Ein Loch ist kein Zustand und kein Gegenstand, sondern ein Vorgang oder ein Geschehen. Das Urbild des Wortes nimmt gerade die statische Bedrohung, die von dem modernen Begriff ausgeht, weg.

Das alles heißt nicht, dass die Erfahrung des schwarzen Lochs auf einmal weniger dramatisch wäre. Nein, die Wahrheit bleibt nach wie vor so: um zu seinem Selbst zu gelangen, muss man sterben; und sterben heißt auch, dass man nichts mehr vom Aufstehen weiß. Um aber zu seinem Selbst zu gelangen, das heißt schweben zu lernen, kommt man nicht an dem Punkt vorbei, wo man sich wie eine Stange Lauch „umdreht“ und zum innerlichen Beobachter wird. Erst wenn dieser Beobachter aktiv tätig wird, das heißt in Kontinuität aufmerksam wird & aus dem Nichts Vorsätze hervorzaubert & dementsprechende Entscheidungen trifft, ist man frei von den Bedrohungen des Abgrunds.


12.04.2008

Für das kleine Kind. Orte der Freiheit

Was ansteht, ist also die Frage: wie können kleine und sogar sehr kleine Kinder tagsüber außerhalb die Familie versorgt & begleitet werden? Wie könnte ein anthroposophischer Ansatz diesbezüglich aussehen?

Erster Gedanke. Die Mütter und Väter können nach wie vor die Verantwortung für die Gestaltung selbst in die Hand nehmen. In einem Stadtviertel von Hamburg oder Freiburg oder Siegen könnten sich Mütter & Väter & Großmütter & Großväter & Onkel & Tanten & Freunde dieser Aufgabe gemeinsam stellen. Im Grunde genommen wird dazu nichts anderes gebraucht als Räumlichkeiten & Zeitlichkeiten & Menschen. Ich würde die sozialen Knotenpunkte, die auf diese Art und Weise entstehen, als Bausteine einer Kultur des Herzens verstehen.

Solche freien Initiativen öffnen sich einerseits für alles Mögliche, grenzen sich aber gleichzeitig klar ab, vor allem vom Staat. Aus meiner Sicht hat der Staat ganz und gar nichts mit der Aufgabe zu tun, dem Eintritt des Kindes in das Leben und die Gesellschaft eine Form zu geben. Der Staat hat diesbezüglich die Aufgabe, die Liebe zur freien Tat zu schützen. Gerechtigkeit – was ja das Hauptanliegen des Staates sein müsste – heißt an dieser Stelle: die Gleichheit zur Freiheit zu gewährleisten.

Zweiter Gedanke. Freie Initiativen brauchen keine vorgefertigten Konzepte. Die immer wieder und überall auftauchende Vorstellung, dass es eine einheitliche Methode geben müsse, die beschreibt, wie Waldorfkindertagesstätten auszusehen haben, müsste demontiert und aufgeräumt werden. Ein anthroposophischer Ansatz liegt in dem Leitprinzip der Begegnung. Die Mütter & Väter & Großmütter & Großväter & Onkel & Tanten & Freunde können sich gemeinsam auf einen Weg begeben und erstens versuchen, die Ahnungen & Sehnsüchte in klare Begriffe zu fassen, und zweitens sich darum bemühen, auf Grund der gewonnenen Einsichten Vorsätze zu formulieren und Entscheidungen zu treffen.

Das „Konzept“ in Hamburg wird sich aus der Begegnung der Hamburger heraus kristallisieren und deswegen einen anderen Ton haben, als die Ansätze in Würzburg und Duisburg. Die lokalen Initiativen werden eigensinnig & stolz & strahlend auf eine eigene Art und Weise auf die zwei Pfeiler der anthroposophischen Pädagogik bauen: das Schicksal der Beteiligten und das anthroposophische Menschenbild. Das erhabene Spiel zwischen (meistens noch) verborgenen Willensrichtungen und geistigen Erkenntnissen wird das Herz der Sache ausmachen.

Dritter Gedanke. Aus dem Vorangehenden geht hervor, das die Initiativnehmer sich – wie leider in westlichen Ländern üblich – gerade nicht von Anfang an auf Satzungen & Gesetze & Rahmenbedingungen stürzen. Die Welt der Gesetze soll erst dann ins Auge gefasst werden, wenn eine anfängliche Klarheit in Bezug auf das eigene Wollen erlangt ist. Man könnte es auch so formulieren: erst wenn eine Schicksalsgemeinschaft sich auch wirklich als „Gemeinschaft“ erfährt (das heißt: sich über eine gemeinsame Geschichte und eine gemeinsame Zukunft definiert), kann die Begegnung mit der gewordenen Vergangenheitswelt-der-Gesetze angegangen werden.

Ein naiver Sprung in die Maschinerie der Gesetze zerfetzt Sehnsüchte & Ahnungen & Ideale. Die erste Arbeit liegt aus meiner Sicht eher auf einer „meditativen“ Ebene. Damit ist gemeint, dass die innere Aufmerksamkeit aktiviert und auf „inhaltliche“ Fragestellungen-des-alltäglichen
-und-allnächtlichen-Lebens gerichtet wird. Die Zusammenkünfte der Initiativnehmer sehen erst mal wie langsame & schnelle & stille & bewegte Diskurse aus – im Sinne von Emmanuel Lévinas: heilige Räume der Begegnung.

Diese erste Phase ist nicht als Vorbereitung gemeint. Die erste Phase ist die Sache selbst, so wie die Sache in der ersten Phase nun mal aussieht. In einer zweiten Phase wird ja die Sache wieder anders aussehen – es bleibt aber die gleiche Sache. Und die Sache ist: dem kleinen Kind einen herzlichen & würdigen Empfang zu bereiten.

Vierter Gedanke. Es geht um freie „Stiftungen“ im sozialen Leben. An diesen Stiftungen oder Knotenpunkten oder Orten-der-Freiheit sind Menschen & Menschen & Menschen beteiligt. Die Frage, ob diese Menschen & Menschen & Menschen sich Anthroposophen oder Kalvinisten oder Buddhisten oder „Bin-ja-gar-nichts“ nennen, ist nicht relevant. Entscheidend aber ist die Frage, ob zumindest Raum für die Vermutung gelassen wird, dass alle beteiligten Menschen, vor allem die Kinder, dazu berufen sind, im Leben eine eigene „geistige“ Mission zu finden und zu gestalten.

Fünfter Gedanke. Es scheint mir sinvoll, diesbezüglich so etwas wie eine "Stiftungsberatung" ins Leben zu rufen. So wie Virgil seinen Schützling Dante auf seiner Reise durch die Unterwelt bis in den Himmel begleitet, könnten erfahrene SupervisorInnen & Entdeckungsreisende & MeisterInnen die unerfahrenen Initiativnehmer auf ihren - zweifellos abenteuerlichen - Wegen begleiten. Der Gedanke, dass alles aus der Begegnung der Beteiligten entstehen muss, heißt ja nicht, dass man keine Hilfe akzeptieren darf. Vielleicht könnten im Rahmen der internationalen Kindergarten Vereinigung - die eigentlich heißen müsste: Vereinigung für Kindheit - Stiftungsberater geschult werden?

07.04.2008

Nochmals Waldorfkindergärten. Wie geht es weiter?

In der öffentlichen Gesellschaft lebt der dringende Wunsch, die institutionalisierte Erziehung des Kindes in der Zeit nach vorne zu schieben, so, wie das in den neuen Bundesländern schon lange der Fall ist. Kinder müssen möglichst schnell, eben schon mit vier Monaten, in eine professionelle Einrichtung (Kindertagesstätte) aufgenommen & begleitet & „erzogen“ werden. Klar ist, dass die Gemeinschaft der Waldorfkindergärten sich mit dieser Entwicklung schwer tut. Die Gemeinschaft ist an dieser Stelle gelähmt.

Der Grund der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung liegt meines Erachtens nicht darin, dass Mütter unbedingt arbeiten wollen - oder müssen. Ich glaube, der wirkliche Grund liegt darin, dass viele Menschen heute eine Sehnsucht nach anderen Lebensverhältnissen – und damit andere Beziehungen – haben. Sie ahnen, dass gerade auf der sozialen Ebene die Verhältnisse festgefahren sind. Das klassische Bild einer „geschlossenen“ Familie mit einer Mutter, einem Vater und zwei Kindern funktioniert nicht mehr, weil es generell gesprochen nicht mehr gewollt wird. (Gleichzeitig ist man sich darüber nicht im Klaren – das ist aber ein anderes Thema. Das Wollen geht dem Verstehen immer voraus.)

Der Wunsch, die institutionalisierte Erziehung in der Zeit nach vorne zu schieben, hängt also mit grundlegenden Änderungen in Bezug auf die Frage, wie die Menschen heute das Leben „ahnen“, oder anders gesagt, was sie halbbewusst träumen zusammen. Dass an dieser Stelle vom Staat etwas verlangt wird – so verstehen zumindest viele Politiker die Lage – scheint mir ein tragischer Fehler zu sein, der sichtbar macht, dass das sozialistische Denken in Deutschland alles andere als überwunden ist. Wir brauchen uns aber nicht vom Staat verführen zu lassen. Wir können tun, was wir tun WOLLEN.

Wenn wir diesbezüglich nicht tun was wir wollen, kriegen wir in der Zukunft richtig ein Problem. Rein praktisch sieht das Problem so aus, dass die Eltern den Weg zu den Waldorfkindergärten einfach nicht mehr finden werden, weil die Entscheidung für die „Richtung“ schon vorher gefallen ist. Wenn es nicht genügend schöne & interessante & waldorfeigene Angebote für sehr kleine Kinder gibt, werden die Waldorfkindergärten und die Waldorfschulen leer bleiben.

Das ist die praktische Seite. Es gibt aber auch eine moralische Seite. Und die liegt aus meiner Sicht gerade nicht in der Frage, ob es „gut“ für die ganz kleinen Kinder ist, sie in eine professionelle Einrichtung zu schicken. Natürlich soll diese Frage gestellt werden – letztendlich werden aber nur die Eltern diesbezüglich eine Entscheidung treffen. Für die Menschen, die sich mit dem anthroposophische Erziehungsimpuls verbunden wissen, steht aber eine andere Frage an, nämlich: sind wir freudig bereit in das Schicksal der Kinder einzusteigen? Oder vielleicht besser: wollen wir unsere Handlungen durch die oben erwähnten Ahnungen inspirieren lassen? Und dazu kommt dann direkt die Frage: sind wir bereit uns auf ein Abenteuer einzulassen?

Wie sieht eine anthroposophisch-inspirierte Einrichtung für das Kleinkind aus? Über diese Frage werde ich das nächste Mal etwas schreiben. Für heute noch dies: Mir scheint es ein Fehler zu sein, diese Frage aus der Perspektive eines Kindergartens anzugehen. Das würde heißen, dass wir versuchen, von der Vergangenheit in die Zukunft hinein zu denken. Die Fortsetzung-nach-vorne ist keine Fortsetzung der Waldorferziehung nach vorne. Die Frage des Kleinkindes ist eine Frage des Kleinkindes-für-sich, eine Frage also, die aus dem Nichts beantwortet werden muss.


Mit Dank an Sophie Pannitschka

30.03.2008

Was Sammy heute Samuel sagt. Über die Eltern

Sammy: „Es hat lange gedauert, bevor ich eine Ahnung davon bekam, dass ich existierte. Irgendwie schien alles ein Traum zu sein. Ich war aber glücklich & glücklich & glücklich, vor allem, wenn ich am Abend auf der Fensterbank meines Zimmers saß und die Amsel singen hörte. In einem Buch von links nach rechts hatte ich gelesen, dass die Amsel der Singvogel der Stadt genannt wird. Irgendwie schien mir das besser oder höher oder tiefer zu sein, als ein Singvogel im Wald. Weil im Wald niemand zu hört.“

„Ich habe lange nicht verstanden, dass Häuser gebaut werden. Ich meinte, ohne es wirklich zu meinen – ich hatte es irgendwie gemerkt – dass Häuser einfach da sind, so wie alles einfach da ist: die große Wiese im Park, der Bach an der anderen Seite der Strasse, die Schule auf dem Hügel, das Elektrizitätshäuschen um die Ecke... Alles ist immer vorhanden gewesen. Mein Vater und meine Mutter waren immer vorhanden gewesen. Und ich war immer vorhanden gewesen, obwohl ich gerade das nicht verstand – dass ich vorhanden war.“

„War ich vorhanden? Bin ich vorhanden? Was heißt es, vorhanden zu sein? Samuel, bist du vorhanden? Und bin ich für Dich vorhanden? (Und sind meine Hände vorhanden?) Irgendwie scheint es mir jetzt so zu sein, dass ich gerade nicht vorhanden bin, weil das Vorhandene doch vorhanden ist für mich? Ich kann doch nicht das sein, was für mich vorhanden ist?“

„Eine erste Ahnung davon, dass ich existiere, habe ich über die Augen meines Großvaters gekriegt. Er war klein & kahl & gegerbt. Er sagte nie etwas. Er rauchte alles mögliche: Zigaretten, Zigarren und Pfeife. Und er schwieg. Mein Großvater schwieg aktiv, so wie die meisten Menschen aktiv reden. Schweigen war seine Sprache. Seine Augen aber – braun, tief versteckt in großen Augenhöhlen – schauten auf alles was vorhanden war. Und alles was vorhanden war, steigerte sich in seinem Blick. Wenn er auf eine kupferne Granathülse schaute, stand sie auf einmal angenommen & überzeugend & mächtig im Raum.“

„Er schaute auch auf mich. Wenn er ins Wohnzimmer meiner Eltern eintrat, suchte sein Blick mich, berührte sein Blick mich, weckte sein Blick mich auf, so, als ob sein Blick eine Art Draht ist, der mich aus meinem inneren Meer an den Strand zog. Sein Blick brachte mich in die Luft und ins Licht hinein. In seinem Blick gab es etwas Lebendiges, dass mich ansteckte & nicht nur ins Weltenlicht brachte, sondern auch zu mir führte. Ja, ich würde sagen: in dem Blick meines Großvaters wurde ich geboren. Aus seinem Blick bin ich hervor gegangen.“

„Und manchmal frage ich mich: Ist er die Person in der Tarnkappe?“

„Mein Vater und meine Mutter waren mir fremd. Lieber Samuel, es fällt mir schwer zu beschreiben, wie ich die beiden gesehen habe, oder eben gar nicht gesehen habe. Sie waren irgendwie wie Gegenstände die man nicht anfasst, weil sie unbedingt sauber bleiben müssen. Sie zu berühren würde zu Krankheiten führen. Berühren würde zerstören. Berühren würde irgendwie die Welt in ihrem Kern aus dem Gleichgewicht heben. Die Körper meiner Eltern waren mir nicht zugehörig – sie befanden sich in einer anderen Welt, die sich parallel zu meiner, aber unerreichbar, fortbewegten in eine für mich nicht nachvollziehbare Richtung.“

„Es ist nicht so, dass ich die beiden nicht liebte. Und umgekehrt glaube ich bestimmt, dass sie mich liebten. Es war aber eine Liebe ohne eine wirkliche Verwandtschaft, so wie der Kuckuck in einem fremden Nest. Ist es nicht so, dass wir nur sehen & verstehen können, was wir irgendwie schon kennen? Samuel, sag mir, würde Plato das nicht bestätigen?“

„Ich glaube aber, dass man lieben kann, was man nicht kennt. Man kann lieben ohne zu erkennen. Die Liebe zu meiner Mutter und zu meinem Vater war aber nicht selbstverständlich, nicht vertraut, nicht von alleine... Jeden Tag wenn ich aus der Schule kam und über den Gartenweg ins Haus gelangte, war ich somewhere deep down überrascht meine Mutter anzutreffen, so, als ob ich nicht mit ihr gerechnet hätte. Ja, sie hatte immer Tee gekocht. Immer Tee. Und immer gab es Kuchen & Süßigkeiten & Schokolade. Und immer hat sie geraucht, wie mein Großvater, der ihr Vater war. Und immer habe ich gedacht: sie hat auch die braunen und tiefen Augen meines Großvaters - sie sah mich aber irgendwie nicht.“

"Samuel, ich muss jetzt schweigen. Weil ich weinen muss. Weil ich meine Mutter liebe, gerade auch deshalb, weil ich ihr fremd war. Weil sie meine Sehnsucht nach der Bewegung von links nach rechts nicht verstand. Weil sie, wenn sie auf mich schaute, immer etwas vermisst hat, ohne zu wissen, dass sie es vermisste. Sie muss das Gefühl gehabt haben, in ein schwarzes Loch zu schauen - genau das, was ich erlebte, als ich noch ganz ober war. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass sie mich nie spontan umarmen konnte?"

19.03.2008

Was Sammy heute Samuel sagt. Über das Loch

Sammy: „Auf einmal war da ein Loch, ein Nichts, ein offenes Ende ohne Licht, einen dunklen Geruch, den ich nicht erkennen konnte – ja, wenn Du, Samuel, mich jetzt fragst, würde ich sagen: es war so, als ob eine frische & prickelnde Frucht, die lange auf mich gewartet hatte, auf einmal auseinander fiel & einen faulen Kern offenbarte. Ich wusste nicht mehr, worauf ich mich noch orientieren konnte.“

„Ich war da ganz oben. Was es heißt, da ganz oben zu sein? Na ja, das ist schwierig zu beschreiben. Da ganz oben ist man eingebettet in tragende Ströme, wie Vögel in hohen Luftbewegungen – in Erwartungen & Hoffnungen & weiten Perspektiven & uralten Motiven & bedeutungsvollen Schwingungen. Alles da oben hängt mit allem zusammen, wie in einer Symphonie von Gustav Mahler oder auf einem Bild von Willem de Kooning. Die Töne & Rhythmen & Farben & Flächen bewegen sich wie ein Schwarm Stare. Und man ist da mittendrin.“

„Ja, ganz oben sein, das heißt noch nicht geboren sein, oder vielleicht besser gesagt: im Kommen sein. Man ist da ganz oben immer selbstverständlich unterwegs. Man geht auf etwas zu. Man neigt sich nach vorne und damit nach unten. Vorne ist da oben gleich unten. Aber unten riecht es gut, ganz gut, so wie es von hier unten ja gerade da oben frisch & prickelnd riecht. Da oben sind irgendwie Weg und Ziel immer eins und das Gleiche.“

„Als ich da oben war, was sah ich da unten? Na ja, das ist schwierig zu beschreiben. Ich würde sagen, dass ich da unten zwei Menschen sah, zwei dunkle Menschen, die alte Bücher liebten – ihre Zeigefinger waren immer & immer zwischen aufgeschlagenen Blättern mit fast brennenden Zeichen, die von rechts nach links liefen. Dieses von rechts nach links laufen von Zeichen, hat mich damals da oben sehr beschäftigt, weil ich spürte: der göttliche Reigen bewegt sich von rechts nach links.“

„Die zwei Menschen wohnten in einer Stadt an einem breiten Fluss. Ich meinte – na ja, da oben „meint“ man eigentlich gar nichts, man merkt die Dinge einfach – dass in dieser Stadt noch viele andere sich von rechts nach links bewegende Zeigefinger waren. Und ich wollte da hin. Ich wollte vor allem bei diesen zwei dunklen Menschen sein, die irgendwie etwas bewahrten, was ich abholen sollte – die auf mich warteten, genau so dringend, wie ich mich auf sie zu bewegen wollte. Sie hatten mir etwas zu sagen, zu enthüllen, zu zeigen über mich.“

"Aber dann war auf einmal das Loch da. Die beiden waren verschwunden. Ich konnte leider nicht sehen, wie das geschehen war. Ich spürte da unten eine heftige Unruhe, als ob alles durcheinander geraten & sich von rechts nach links bewegen irgendwie nicht mehr möglich war. Vage meinte ich einen langen & düsteren Weg in östliche Richtung zu sehen, von mir aus gesehen klar von links nach rechts, der sich in einem Nichts auflöste. Weil es da oben den Begriff Tod nicht gibt, konnte ich nicht verstehen, was passiert war.“

„Jetzt weiß ich es: die beiden waren tot.“

„Ich wusste nicht mehr, worauf ich mich in meinem Kommen richten sollte. Ich war nicht mehr unterwegs. Und fast hätte ich mich umgedreht & den Weg zurück eingeschlagen, den Weg in die oberen Schwingungen & Bedeutungen & Herkünfte. Nicht weil ich mich danach sehnte, nein, das war ganz und gar nicht der Fall! Ich wusste einfach keinen anderen Weg. Es gab nichts anderes.“

„Irgend jemand oder irgend etwas – war es ein Bild? Ein Song? Eine gebrochene Stimme? Ein Bluessänger? Ein Freund, der mich brauchte? – hat mir an dieser Stelle geholfen. Nein, ich kann leider nicht sagen, wie das geschah, weil mir dieser Moment verborgen ist. Wenn es eine Person war, hüllt sie sich bis auf den heutigen Tag in eine Tarnkappe. Aber irgend jemand oder irgend etwas hat mir den Weg zurück versperrt & meine Augen nach vorne und nach unten wieder geöffnet. Und was ich sah, waren zwei andere Menschen, in einer anderen Stadt, in einem anderen Land. Ja, auch diese zwei Menschen liebten ein altes Buch – die Zeichen dieses Buches verliefen aber gerade umgekehrt, also von links nach rechts.“

„Bei diesen beiden Menschen bin ich letztendlich mehr oder weniger angekommen. Ja, ich sage mehr oder weniger, weil die beiden mir irgendwie immer fremd geblieben sind. Ihre Haut, ihre Haare, ihre Bewegungen (von links nach rechts), ihre Worte & Redewendungen, ihre Art Fahrrad zu fahren & ihre Liebe zu Bach & ihr Ärger über Jazz, ja, ihre klaren Gedanken über Gott & die Menschen, über Arbeitgeber & Arbeitnehmer – das alles stand trocken und bewegungslos um mich herum. Es war, als ob ich wie ein Frosch in einem Schuhkarton gelandet war.“

„Als ich endlich aufwachte und zu mir kam, war ich elf Jahre alt. Ich stand im Wohnzimmer meiner Eltern und dachte: die Welt ist leer. Ich dachte: meine Welt gibt es hier nicht. Ich dachte sogar: die Welt gibt es nicht. (Jahre später hast Du, Samuel, in einem Buch von links nach rechts gelesen: „die Welt ist, was der Fall ist“. Dieser Gedanke bot Dir einen Ausweg – darüber schreibst Du vielleicht später mal ein paar Worte.) Ja, in diesem Wohnzimmer bin ich, der kleine Sammy, in gewissem Sinne bis auf den heutigen Tag stehen geblieben."

"Du, Samuel, bist weiter gegangen. Du hast Grenzen überschritten & Umzüge arrangiert & mittlerweile gelernt Dich von rechts nach links zu bewegen. Es wird aber Zeit, dass ich vom Fleck komme und mitmache."