15.03.2013

Text in Uelg

Ich möchte heute einmal über eine Wolke schreiben, die gleichzeitig Außenraum und Innenraum ist; die sich um uns herum befindet, auch zwischen uns, vor allem in uns – um sie zu lokalisieren werden schon ein paar Präpositionen gebraucht: an, auf, hinter, neben, in... Und um sie zu verstehen, müssen wir weit in die Vergangenheit zurück gehen, dahin, als sie im Indogermanischen noch „uelg“ genannt wurde, was ungefähr „feucht“ bedeutete, „Nebel“ etwa, also Wasser in schwebendem Zustand, langsam von oben nach unten kommend, oder umgekehrt von unten nach oben steigend, leicht tanzend, weil sie von den Bewegungen der Luft getragen wird, sich ausdehnend oder zusammenziehend... Die Wolke umfasst und durchdringt uns, bewegt das, was hinter unserer Haut strömt, löst es auf, vermischt es mit dem Wasser draußen, mit dem Licht auch, das wie Milch ausgebreitet wird, wie Nahrung für die Augen... Wir denken nicht mehr oft daran, aber wahr bleibt wahr: Wir sind Wolkenwesen, die sich verirrt haben in feste Körper, in Händen und Füssen stecken geblieben sind, an einem Baby sieht man es noch: Es krabbelt, mammelt, löffelt, würmelt, verdrießelt und verdrasselt wie eine Wolke, die es umgibt, es krabbelt und frütselt und murmelt sich quasi aus der Wolke raus... Und wenn es mit seinen scharfen Zähnen in meine Nase beißt, das macht es gerne, hat es keine Ahnung davon, dass mir das weht tut, weil es als Wolke wohl keine Schmerzen gibt... Und mein halb gespieltes und halb gemeintes „Au“ ist höchstens der Schrei eines schwarzen Raben, der in der luftigen Feuchtigkeit gleich verschwindet, nur einen leichten Schrecken hinterlässt, ein befremdetes Staunen, das irgendwie zum Körper führt, dorthin, wo alles trocken scheint, nur scheint... Ja, das kleine und das große Bangen verankert uns in unserem Körper. Die Wolke, möchte ich heute sagen, ist überall, sie ist nicht verschwunden, auch wenn wir ihrer Präsenz nicht habhaft werden. Und sie heißt noch immer „uelg“, ein Wort, das unser Mundwerk wolkig und unsere Worte poetisch macht.

17.02.2013

Neun Monate. Husch, Husch, Husch!!!

Neun Monate. Husch, Husch, Husch!!!

Unsere Tochter gibt Töne von sich, die Bandbreite ihres kleinen Mundwerkes ist menschlich breit, wie sagte Nietzsche auch wieder? – ach ja: allzu menschlich weit, ich meine: sie kann fordernd schreien: ihr Anliegen mit ihrer Stimme so richtig unmissverständlich auf einen Punkt bringen; oder traurig-süß-sauer weinen: sich in den Weltschmerz hinein tönen; oder empört klagen: weil ich nicht mit ihr spielen will, ich gerade schreibe; oder vor reiner Freude einen Zitterstoß loslassen, einen gesteigerten energetischen Seufzer: wenn ich sie auf dem Arm trage und die Tür zum Garten öffne, dann weiß sie: jetzt gehen wir raus, Husch, Husch, Husch!!! Heute früh in der Küche, sie saß im Kinderstuhl, tönte sie einfach so vor sich hin, ich hörte zu, und überlegte: was sollen denn diese Töne bedeuten? Die Laute plätscherten ungezwungen hin und her, waren von gar nichts gesteuert, verweilten einfach, meine Frau sagte: sie waren ohne Absicht; sie schienen irgendwie impressionistisch etwas ausmalen zu wollen, ohne etwas mitteilen zu müssen, sie umfassten nichts, sie umfassten alles, allzu menschlich waren sie nicht, eher – ja, welche Worte soll ich wählen? – engelhaft, oder Willem-de-Kooning-haft, oder Chet-Baker-haft, nein, viele Worte fallen mir nicht ein. Sicher ist jedoch, dass weitaus die meisten Erwachsenen die Möglichkeit, sich ohne Absicht frei zu äußern, längst verloren haben. Ist es nicht gerade DAS, was wir verlieren, wenn wir „groß“ werden? Nur ein paar ganz große Künstler schaffen es, sich diese Freiheit zu bewahren oder zurück zu erlangen... Aber jetzt quengelt meine Tochter wieder, ich vermute mal, sie möchte auf den Arm genommen werden, um in den Garten gebracht zu werden, also: Husch, Husch, Husch!!!

27.01.2013

Universitätsstraße. "OOOAAA!!!"

Seine blonden Haare sind lang und wild, die Haut seines Gesichtes ist roh, als wäre er ein Rocker, was er allerdings bestimmt nicht ist, denn dafür ist er einfach too busy, den ganzen Tag, er findet immer etwas zu tun, für seine Hände. Er bringt Gegenstände von A nach B, von B nach C, deswegen ist er wahrscheinlich jeden Samstagvormittag auf dem Flohmarkt an der Uni zu finden, dort gibt es genug Dinge, die von A nach B, von B nach C transportiert werden müssen, alte Kaffeemühlen, Hocker, Stühle, Malereien, ich weiß nicht was alles, natürlich auch Bücher, Töpfe und Klamotten... Nein, ein Händler ist er nicht, ich glaube nicht, dass er sich auf das Kaufen und Verkaufen einlässt, irgendwie scheint es mir so zu sein, dass er zu dem Kerngeschehen auf dem Markt keine Beziehung hat, er ist einfach da, hilft den Leuten, geht zwischen den Marktständen herum, sieht was zu tun ist, und tut es... Und etwa alle neunzig Sekunden kommt etwas aus seinem Mund, ein wilder und stoßender Klang, ein dringendes Wort ohne Bedeutung, kurz aber laut, als ob er etwas von sich geben muss, dass ihn irgendwie beherrscht, irgendwie bestimmt, irgendwie bewegt... Ich wüsste nicht, wie der Klang hier wiederzugeben wäre, vielleicht kommt etwas wie „OOOAAA“ dem Ausstoß nahe, jedenfalls ohne Konsonanten und mit mindestens drei Ausrufezeichen!!!. Und jedes Mal fliegt dann ein Vogel befreit nach oben, schwarz wie ein Rabe, umkreist das Hochhaus und verschwindet in den Himmel, dorthin, wo die Wörter sowieso keine Bedeutung mehr haben.

16.01.2013

Rathenauplatz. "Weil mein Körper Bewegung braucht..."


Mit einem Regenschirm, einem Rucksack (an der Seite eine Flasche Wasser) und manchmal einem Apfel in der Hand geht er mit großen und langsamen Schritten durch den Park am Kölner Rathenauplatz, immer die gleiche Strecke, hundert Meter hin, hundert Meter zurück, jeden Tag, stundenlang, egal wie sich das Wetter gebärdet... Er dürfte etwa sechzig Jahre alt sein, sieht aus wie ein Iraner, distinguiert und fein, bestimmt ist er kein grober Handwerker, alles an ihm wirkt zart. Sein Blick geht nach innen, er schaut auf nichts um ihn herum, auch nicht auf mich, scheint in einer Wirklichkeit zu verweilen, die mit dem Park nichts zu tun hat. Etwas Großes, Tiefes und vielleicht Schweres entschleunigt seinen Gang. Als ich ihn vielleicht dreißig Mal im Park gesehen habe, halte ich es nicht mehr aus, ich will von seinem Geheimnis erfahren. Ich gehe auf ihn zu, frage warum er jeden Tag hundert Meter hin und hundert Meter zurück geht, er blickt mich an, lacht freundlich und sagt: „Weil mein Körper Bewegung braucht...“ Und das war es, mir ist klar: Ich soll nicht weiter fragen. Als ich ihn am nächsten Tag wieder sehe, wendet er seinen Blick ab, er will nicht angesprochen werden.

08.01.2013

Dasselstrasse. "Die Menschen haben keine Ahnung!"


Er wohnt bei mir in der Straße, ein paar Häuser weiter. Er droht vor Wut zu platzen, den ganzen Tag, jeden Tag. Sprechen kann er kaum, eine Krankheit hat ihm seine Stimme genommen. Wenn er anfängt zu sprechen, kommen dunkle Geräusche aus seinem Mund, fast scheint es, als ob sie eher aus seiner Brust kommen. Er hat einen Rollladen vor seinem Fenster, seine Wohnung wirkt blind. Wenn er draußen vor der Tür den Bürgersteig kehrt, was er jeden Tag mindestens einmal macht, schaut er wütend um sich. Die Fußgänger spüren, dass sie ihn besser nicht ansprechen sollten. Er würde platzen, vor Wut. Irgendwann, so sieht man, ist dem Mann etwas zugestoßen, irgendeine gravierende Ungerechtigkeit ist ihm widerfahren. Ich bin öfters an ihm vorbei gegangen, habe mich gewundert, ja geschämt, fühlte Mitleid und Unbeholfenheit. Und vorgestern habe ich ihn dann angesprochen, es war Sonntag, er hatte mal wieder gekehrt... „Guten Tag“, sagte ich, „ich wohne nebenan“. Er schaute mich an, wütend, und dreimal sagte er, es klang wie eine Tonne, die die Kellertreppe herunter stürzt: „Die Menschen haben keine Ahnung!“

17.12.2012

Kindergärten als Orte des Widerstands. Vertrauen ist prinzipiell subversiv

In einem sehr schönen Kommentar schrieb „b. b.“ letzte Woche über „das Wunder des Erwachens des kleinen Kindes an sich selbst“. Im Kommentar wird von einer „feinen Arbeit“ gesprochen, „die jeden Tag neu zu beginnen ist“. Vermutlich arbeitet „b. b.“ in einem Kindergarten, denn sie oder er stellt die Frage: „In welcher Art und Weise müsste ein Kindergarten sich gestalten im Übergang zur Schule, ohne dieses Wunder zu zerdrücken?“

Wer sich in Kindergärten ein bisschen auskennt, weiß, wie dringend diese Frage ist. Mit der Schule fängt der Leistungsdruck an, mit dem Leistungsdruck beginnt der Umstand, dass die Ansprüche-von-außen das freie Erwachen an und zu sich selbst in den Hintergrund rückt. Das Leben mit „Vorschulkindern“ (eine Kategorie die gesellschaftlich definiert ist) ist in Kindergärten manchmal ein Abenteuer. Die Schatten der Schule reichen bereits bis in Kindergärten.

Amares ist ein „Ort für Kinder“ auf einem ehemaligen Betriebshof der Stadt Köln. Der Ort liegt im Stadtwald, umfasst ein spannendes Gelände, eine Reihe alter Garagen (die als Werkstätten umgebaut wurden), hat ein Team von Erzieherinnen und Erziehern, die vor Ort ebenfalls tätig sind: zum Beispiel als Künstlerin, Schmied, Unternehmerin oder Tanztherapeutin. Bei Amares gibt es im Moment zwei Kindergartengruppen: eine für Kinder unter drei und eine für Kinder über drei.

Aus der Gruppe der „Großen“ ist vor kurzem ein Verein mit dem wunderbaren Namen „Schleifenverein“ hervorgegangen. In diesem Verein gibt es zwölf „Vorschulkinder“, die sich im Sommer von Amares verabschieden werden, um in die Schule zu gehen. Bekanntlich wird von Vorschulkindern erwartet, dass sie im Stande sind, die eigenen Schuhschleifen zu binden, deswegen der Name „Schleifenverein“.

Um in einem Kindergarten mit dem Übergang in die Schule umgehen zu können, wird Humor dringend gebraucht. Der Ernst der Lage sollte besser nicht dadurch noch schwerer und schwieriger gemacht werden, dass die Erwachsenen sich auf einen Krampf einlassen. Die Kinder reagieren erstmals gar nicht auf die „Objektivität der Ansprüche“, sondern auf die Art und Weise wie die Erwachsenen damit offenbar umgehen. Die Leichtigkeit des Humors, auch wenn er einen Tick Ironie mitbringt, wirkt wie ein Frühlingstag: Die Schatten sehen nicht mehr so schlimm aus.

Humor wird aus Weisheit geboren. Aber mit einer gewissen Leichtigkeit ist es allerdings nicht getan, und die Mitarbeiter von Amares wissen das auch. Wenn wir von einer Kultur des Herzens reden und meinen, dass es (wie in meinem Blog der letzten Woche beschrieben) dabei um die Erkenntnis geht, dass „nicht die Umstände & Vorgänge & Prozesse die Hauptsachen des Lebens ausmachen, sondern die Art und Weise wie wir uns als Ich zu ihnen verhalten“, stehen noch ein paar weitere Fragen an.

Ich möchte einen Aspekt beleuchten. Ich bin der Meinung, dass die Pädagogen von heute, wollen sie sich wirklich souverän vom Ich aus zu den Lebensfragen in Kindergärten verhalten, nicht anders können, als prinzipiell „konspirativ“ zu sein. Der Schleifenverein bei Amares ist eine „leichtsinnige“ (schönes Wort!) und „subversive“ Organisation – auch an dieser Stelle mischt sich ein bisschen Ironie hinein – die unausgesprochen im Sinne von Michel Foucault einen „Ort des Widerstands“ darstellt. Kindergärten ohne den Geist des Widerstands sind schlechte Kindergärten.

Die Zuwendung zum Selbst – meinem Selbst und deinem Selbst, zum Selbst des Kindes – verlangt zweierlei. Einerseits gilt es die Umstände & Vorgänge & Prozesse scharf ins Auge zu fassen und zu respektieren. Wir leben nun einmal in einer Gesellschaft, die naiv auf Leistungsdruck setzt. Andererseits brauchen die Kinder eine uneingeschränkte Loyalität von Seiten der beteiligten Erwachsenen, in der Tat eine „konspirative“ Aufmerksamkeit.

Das Selbst des Menschen ist eine delikate Sache. Was „Alma“ & „Bela“ & „Konrad“ & „Svea“ (vier prominente Mitglieder des Schleifenvereins) ausmacht, ist nicht in Worte zu fassen, nicht einmal annähernd zu fixieren. Sicher ist allerdings, dass sie NICHT das perfekte Gegenbild der gesellschaftlichen Ansprüche sind. Das delikate Eigene entfaltet sich in sozialen Räumen des Vertrauens (das trifft nicht nur auf Kinder zu, sondern auch auf Erwachsene). Und ist Vertrauen nicht prinzipiell subversiv?

16.12.2012

Aufbruch mit Scham. Im Zug nach Gummersbach


Mal wieder aufbrechen? Nach fünfundvierzig Jahren? Mich mal wieder in den Fluss der Zeit stürzen? Mich von Melodien leiten lassen? Mal wieder über eine Schwelle gehen? Ohne Scham?
Diesmal nicht ohne Scham.
Der Mann ist noch jung. Er ist unterwegs, im Zug, von Köln nach Gummersbach, lehnt sich bequem zurück, liest ein Buch das ich kenne, das ich durch und durch kenne: „Unterwegs“ von Jack Kerouac, „On the road“ heißt es bei mir, ich habe es vor einer Ewigkeit gelesen, weil, ja, damals war ich unterwegs, ich dachte: gegen den Strom, heute ist mit klar: es war mit dem Strom.
Heimlich beobachte ich den jungen Mann. Er liest über eine Vergangenheit, die nicht seine ist, warum sollte er sonst Kerouac lesen? Mit dem heutigen Tag hat Kerouac nur wenig zu tun, nicht gar nichts, weil eine Vergangenheit nur dann eine Vergangenheit ist, wenn sie die Gegenwart berührt; nur im Nu, im Jetzt gibt es so etwas Irriges wie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – ich meine: im Hier und Jetzt steigert sich die Gegenwart. Behaupten, dass Kerouac brennend aktuell wäre, käme jedoch der Aussage gleich, dass sich im Zug nach Gummersbach etwas bewegt.
Er liest weiter, ein Drittel des Buches hat er hinter sich. Wie war es auch wieder mit Kerouac? Er war ein Beat. Er wollte mit dem Herzschlag des Lebens leben, das heißt: immer im Bus, nach Frisco, nach Denver, nach NYC. Die Details sind mir nicht mehr so präsent, ich meine jedoch, er brauchte aus Mexiko Papiere, um sich von seiner Frau zu trennen, so etwas... Die Ehe war nicht in Ordnung, zu wenig Beat... Auch Allen Ginsberg kam in dem Buch vor, hieß aber anders, weiß nicht mehr wie; er redete allerdings über das Leben wie Karl Marx über das Kapital schrieb: ziemlich überzeugend.
Aufbruch also, weg vom Hier und Jetzt zu einem anderen Hier und Jetzt. Den Gesundheitsterror gab es damals noch nicht; den Gedanken, dass das Höchste im Leben die Abwesenheit von Krankheiten sei kursierte damals nicht, schlief noch wie ein Jagdhund im Korb. Überall wurde immer geraucht, getrunken, gekifft... Und gefickt... Die Poesie der Beats war irgendwie hart, irgendwie zart, irgendwie dringend, irgendwie grenzenlos... Sie sprach von Aufbruch ohne Scham...
Hit the road, Jack... Der Bummelzug nach Gummersbach kommt an Dierenhausen vorbei, hält ein paar Minuten, niemand steigt aus, niemand steigt ein, der junge Mann liest weiter, verschiebt seinen Po manchmal ein bisschen, die Sitze sind ja auch steif und unbequem. Aber er braucht sich nicht wirklich zu bewegen, Kerouac hat es bereits getan.
Ich schließe meine Augen und bewege mich. Und irgendwo spüre ich eine Sehnsucht nach Aufbruch, dieses Mal jedoch nach einem anderen, nicht einem in Bussen oder Zügen (die sind übrigens längst rauchfrei), nicht von dringenden Texten begleitet (die sind längst veröffentlicht; was gibt es noch zu schreiben?), nicht um Scheidungspapiere aufzutreiben (die Trennung hat längst stattgefunden). Und vor allem: nicht ohne Scham.
Ohne Scham komme ich nicht zu mir.

28.10.2012

Wouter Hanegraaff. (1) Der verdorbene Begriff des Esoterischen

In seinem bemerkenswerten Esotericism and the Academy. Rejected Knowledge in Western Culture, 2012 in Cambridge erschienen, beschreibt Wouter J. Hanegraaff die Geschichte des esoterischen Denkens in der westlichen Kulturwelt. Professor Hanegraaf geht diskursiv-konstruktivistisch vor und dass heißt, er bewertet die inhaltlichen Ergebnisse des esoterischen Denken als solche nicht, sondern dokumentiert an Hand zahlreicher Quellen, wie das westliche esoterische Denken in der Renaissance entstanden ist, sich während der Zeit der Aufklärung weiter entwickelte und das zwanzigste Jahrhundert erreichte.

Bemerkenswert an seinen Untersuchungen ist, dass er das esoterische Denken nicht als irgendeine komische Nische in der Geschichte des modernen Denkens behandelt, sondern als ein Hauptakteur ansieht. Hanegraaff stellt überzeugend da, dass etwa die philosophische Aufklärung ohne das esoterische Denken nie in Erscheinung getreten wäre. Esoterisches Denken und aufgeklärtes Denken zeigen sich wie Brüder, wie Kain und Abel.

Im fünfzehnten Jahrhundert sind es vor allem die platonischen Humanisten wie Marsilio Ficino und Pico della Mirandola, die sich in Florenz darum bemühen, eine Art Brücke zu schlagen zwischen den alten Weisheiten aus dem Orient und dem Christentum. In den alten vorchristlichen Mysterien sehen sie eine Vorbereitung der christlichen Offenbarungen. Für Ficino zum Beispiel war Orpheus ungefähr identisch mit Christus, für Pico war die jüdische Kabbala eine verborgene Lehre, die direkt auf Moses zurückging. Im Denken der Früh-Renaissance spielte auch der Perser Zarathustra eine große Rolle, er wurde als der Urheber des „magischen“ Weltbildes angesehen, was im Kern hieß, dass die Natur als eine von geistigen Wesenheiten erfüllte Wirklichkeit verstanden wurde.

Der geistige Humanismus von Ficino und Pico wurde von Anfang an von Seiten der christlichen Aristoteliker (sie waren auf Thomas von Aquin orientiert) kräftig attackiert. Hanegraaff spricht diesbezüglich von einem „Schatten“ des Humanismus: Je stärker die Platoniker die alten Weisheiten ins Licht ihrer Aufmerksamkeit rückten, je vehementer wiesen die Aristoteliker sie als heidnisch und häretisch zurück.

Und als sich dann etwa ein Jahrhundert später die Bühne verwandelte – was sich bisher als „theologische“ Debatte innerhalb der Katholischen Kirche vollzogen hatte, wurde eine „wissenschaftliche“ und somit „akademische“ Auseinandersetzung – kamen neue Werte ins Spiel. Was bis dahin noch „häretisch“ genannt wurde, wurde ab jetzt einfach „dumm“ genannt. Aus den sehr differenzierten Vorstellungen von Magie, Alchemie und Okkultismus wurden Karikaturen gemacht, die sich leicht anfechten ließen. Anders gesagt: die Inhalte und Arten des esoterischen Denkens wurden nicht mehr wahrgenommen, sondern als Aberglaube vom Tisch gewischt.

Dass allerdings Chemie nicht ohne Alchemie und Astronomie nicht ohne Astrologie denkbar ist, wurde aus dem europäischen Gedächtnis gestrichen. Hanegraaff betont die enge Beziehung zwischen dem esoterischen und dem naturwissenschaftlichen Denken, zeigt vor allem auch wie paradox die Verbindung ist. Der Vergleich zwischen Abel und Kain (kommt von mir, nicht von Hanegraaff) sagt etwas Wesentliches über die Beziehung aus. Was augenscheinlich wie zwei getrennte Welten aussieht, beruht im Grund genommen auf einem gemeinsamen Werdegang.

Über die Rosenkreuzer und die Freimaurerei (die „Erzählung“ von geheimen okkulten Organisationen) kommt Hanegraaff im neunzehnten Jahrhundert zu Figuren wie Eliphas Lévi und Arthur Edward Waite, autodidaktische und esoterische Forscher, die von der akademischen Welt vollkommen negiert wurden. Hanegraaff weist fein darauf hin, dass alles was irgendwie mit Magie zu tun hatte, von der akademischen Welt mit „magischer“ Macht ins Belanglose und Lächerliche befördert wurde.

Ich werde in den nächsten Wochen weiter über Hanegraaff schreiben. Für heute noch das Folgende. Aus den Ausführungen von Hanegraaff geht klar hervor, dass der Diskurs zwischen Esoterik und Aufklärung nicht vorbei ist, ganz im Gegenteil, wer den Werdegang der Moderne ernst nimmt, nicht nur historisch, sondern auch in Bezug auf die europäischen Werte (wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit), die er erzeugt hat, kommt nicht drum hin, sich die Frage zu stellen: Welche (ironisch genug: verborgenen) Bausteine hat das esoterische Denken der heutigen Kultur geliefert?

Der Ansatz von Hanegraaff kann dazu beitragen, dass der offenkundig verdorbene Begriff des Esoterischen und Okkulten aus einem muffigen Keller hoch geholt, ans Tageslicht befördert und gereinigt wird. Man wird dann sehen können, dass das esoterische Denken nicht einfach „dumm“ ist, sondern eine feinsinnige Betrachtungsweise des Lebens darstellt, ohne welche es so etwas wie Freiheit nicht gäbe.

14.10.2012

Eine alte Taube im Garten

Herbst, Samstagmorgen, der Wind spricht leise in den Bäumen. Nebenan öffnet eine Nachbarin ein Fenster, das Geräusch ist mir wohl vertraut, es ist jeden Morgen da, heute klingt es allerdings bescheiden und still. Die Wäsche steht zum Trocknen auf dem Innenhof, regungslos, gelassen, fast steif gefroren. Und ja, die Mülltonnen, sie schweigen dazu.

Und sogar die Züge – sie fahren im Minutentakt an meinem Garten vorbei – scheinen heute inne halten zu wollen. Komplett still zu bleiben schaffen sie nicht, es sind halt Züge, irgendetwas in der Luft dämmt jedoch die mechanischen Klänge, umarmt das, was übergriffig sein könnte, leitet es um, in eine Tiefe, in ein unterirdisches Ohr.

Etwas Mächtiges hört heute früh zu. Nun ist es mit dem Hören so, dass immer eine Hoheit dahinter steckt, „etwas“ hört zu, hören ohne eine Wesenheit gibt es nicht, Ohren haben immer einen bestimmten Träger. Mir ist klar, dass die Hoheit, die gerade zuhört, groß sein muss, vielleicht heißt sie Köln, vielleicht Rheinland, vielleicht hat sie einen Namen, den ich nicht kenne. Ich spüre jedoch, dass sie da ist, und auch die Vögel merken ihre Präsenz, sie sitzen auf den Ästen und Dachrinnen und warten ab.

Kleine Ohren können in großen Ohren aufgehen, mit den Elstern und Raben und Amseln höre ich also zu, versuche mit meinen Ohren das große Ohr zu finden, das gerade so mächtig zuhört. Mein Hören fügt sich in „etwas“ ein, in ein Hören, das sich zwar von mir nicht direkt identifizieren lässt, jedoch alles andere als anonym ist. Ich merke allerdings, dass die Hoheit sich nicht versehentlich verbirgt, ganz im Gegenteil, sie möchte bei ihrem wahren Namen genannt werden.

Und dann geschieht etwas Unwahrscheinliches. Neben mir, keine zwei Meter von mir entfernt, landet ganz still, sanft und leise, fast geräuschlos, eine Taube. Und sie schaut mich an. Sie ist groß und offenbar alt, sie wirkt erschöpft, als könne sie auf der Stelle sterben... Ihr oranger Schnabel leuchtet im Morgenlicht hell auf, wie ein Schmuckstück aus einer alten arabischen Geschichte. Sie wackelt auf ihren Füßen, schaut mich nochmals an und fängt dann holprig an, etwas Essbares im Gras zu suchen.

Und sie sagt mir: Der Name der bedachtsam zuhörenden Hoheit heißt Frieden. Und auf einmal ist mir klar, welche dringend-stille Frage mich aus der leisen Sprache des Windes in den Bäumen, aus der hängenden Wäsche auf dem Hof, aus den gedämmten mechanischen Geräuschen der Züge versucht zu erreichen. Die Frage lautet: Gibt es in Dir Platz für mich, für die Hoheit namens Frieden?

Ich schreibe in Frieden.

Und als mein Schreiben friedvoll vollendet ist, fängt der Wind an lauter zu sprechen, die Raben nehmen ihren üblichen Diskurs wieder auf, und ja: Hunderte von Gänsen ziehen laut kreischend hoch über mir her. Und die alte Taube ist auf einmal verschwunden. Der Friede ist mächtig, man braucht ihm nur zu lauschen und ihn in sich aufzunehmen.

30.09.2012

Die Genderdebatte. Über Frauen, Männer und Dämönchen

Die Genderdebatte ist ein schwieriges Thema, das mich schon lange bewegt: die Frage nach der Rolle der Geschlechter im sozialen Leben, oder zeitgemäßer gesagt: die „Genderproblematik“. Es ist leicht zu verstehen, warum in der heutigen Zeit gerade diese Thematik so brennt: Die weit fortgeschrittene Individualisierung des Einzelnen hat logischerweise dazu geführt, dass die Bedeutung kategorialer Einschätzungen des menschlichen Verhaltens in Frage gestellt wird.


Die immer wieder auftauchenden Fragen liegen deswegen auf der Hand: Verhalte ich mich so oder so, weil ich „Jelle“ oder weil ich „ein Mann“ bin? Ist meine Kollegin deshalb so einfühlsam, weil sie eine Frau ist? Ist mein Freund manchmal so stur, weil er ein Mann ist? Die Antworten auf solche Fragen werden allerdings, auch im akademischen Diskurs, erstaunlich weit gefächert. Eine Sicht auf einen gemeinsamen Ansatz in Sachen „Frauen und Männer“ ist nicht vorhanden.

In unserer Gesellschaft steht die Genderfrage groß wie ein Elefant im Raum, sie wird allerdings oft negiert. Dafür gibt es, so scheint es mir, zwei Gründe. Der erste Grund hängt eben damit zusammen, dass eine gemeinsame Sichtweise nicht vorhanden ist, dass heißt: jedes Gespräch über Frauen und Männer, über das Weibliche und das Männliche, über Mädels und Buben, über „nicht parken“ und „nicht denken“ können, über Venus und Mars droht unangenehm auszuufern.

In solchen Gesprächen wird selten etwas Neues, Originelles oder Offenes gesagt, Positionen sind bereits bezogen oder aus Ignoranz gar nicht vorhanden. Dass dies so ist, hängt damit zusammen, dass die Genderdebatte von intellektuellen Entweder-oder-Koordinaten festgelegt worden ist, die gerade die sensiblen Beziehungsfragen außer Acht lassen. Über Männer und Frauen wird manchmal abstrakt theoretisiert, ohne dabei auf konkrete Personen zu schauen.

Der zweite Grund des Negierens liegt darin, dass eingefrorene Positionen Gespenster herbei rufen, die ungreifbar aber kräftig im Sozialen herumirren. Es ist ein soziales Gesetz: Was ich denke, jedoch nicht sage, hat in meiner Umgebung eine verheerende Wirkung, vor allem wenn es um Gedanken geht, die eher „Meinungen“ sind – um unverarbeitete Vorstellungen also, zu denen ich innerlich keine Distanz bewahren kann. Gedanken, die ich nicht wirklich denken kann, sondern gerade umgekehrt, die „mich“ denken und bestimmen, haben die faszinierende Eigenschaft, sich als kleine „Dämönchen“ zu entpuppen, die unterschwellig die Rahmenbedingungen einer Beziehung festlegen.

Die soziale Landschaft menschlicher Beziehungen zwischen Männern und Frauen gehört zu den gesellschaftlichen Feldern, auf denen Gespenster ihr Unwesen treiben, Doppelgänger sich wohl fühlen und Zwerge und Trolle so richtig Spaß haben. Manchmal kann man das unangenehme Gefühl haben, dass die Genderdebatte darauf abzielt, Männer und Frauen definitiv lächerlich (was sie aus Sicht der „Dämönchen“ natürlich auch sind) oder eben zu Feinden zu machen.

Im Grunde genommen jedoch ist es richtig, dass die Frage gestellt wird: Was macht das Weibliche (in mir, in dir), was macht das Männliche (in mir, in dir) eigentlich aus? Und auch: Inwieweit werden Menschen diesbezüglich in Rollen gedrückt, die sie irgendwann einmal in ihrer Biographie als eine Last erfahren? Und: Was macht diese Last eigentlich aus?

Die Frage des Wahren sollte besser nicht von der Frage des Guten getrennt werden. Deswegen interessiert mich weniger, welche Theorien man an dieser Stelle zitieren könnte, um weitere Semi-Wahrheiten zu erzeugen. Wichtiger scheint es mir eher zu sein, unbefangen darauf zu schauen, wie Menschen offenbar untersuchend und vor allem auch gestaltend in ihrer jeweiligen Lebenspraxis mit den brennenden Fragen umgehen. Mich würde interessieren, was die Leserinnen ind Leser dazu zu sagen haben.

16.09.2012

Das Gespenst des Geldes braucht einen Eigennamen


Weitaus die meisten finanziellen Transaktionen, die weltweit jeden Tag stattfinden, beziehen sich nicht auf Produkte oder Leistungen, sondern auf Geld. Es geht dabei ums Zocken, Pokern, auch Spekulieren genannt, wobei positive oder negative Prognosen (Erwartungen, Hoffnungen) eine entscheidende Rolle spielen. Die Vermehrung des Geldes ist somit weitgehend im Geld selber begründet und kann nicht auf (Handlungen von) Menschen zurückgeführt werden.


Das Geld hat eine eigenständige Bedeutung gekriegt, ist nicht mehr nur noch Vermittler, sondern selbst Akteur geworden, vergleichbar mit dem Wetter. Was einmal eine Erscheinung kultureller Art war, eine menschliche Schöpfung also, ist ein Gespenst geworden, das wie der Golem im sozialen Leben herum geistert und eigenwillig handelt.

Das Geld-als-Gespenst ist der Elefant im Raum, der zurzeit von allen Erdenbürgern gespürt, trotzdem aber gar nicht (oder kaum) benannt und schon gar nicht erkannt wird. Es ist bemerkenswert, dass dieses Gespenst es schafft in allen Debatten über die Finanzkrise fast unsichtbar zu bleiben – seine Tarnkappe besteht aus den Ängsten der Bürger und funktioniert einwandfrei. Und so ist es auch: Die Gründe von Ängsten, belässt man lieber im Dunkeln.

Das Geld ist dem Geld überlassen. Aus esoterischer Sicht bedeutet dies, dass ein geistiges Vakuum entstanden ist – und weil es in der geistigen Welt so etwas wie „leere Orte“ nicht geben kann, ziehen Wesenheiten in dieses Vakuum ein und spekulieren mit den Ängsten der Menschen. Gespenster sind manchmal mächtige Hoheiten, die allerdings wohl eine Schwäche haben: Sie sind von den unbewussten Gefühlen der Menschen abhängig.

Das Gespenst hat ein Gesicht, das sich nicht fotografieren lässt, eine Stimme, die sich nicht auf Band aufnehmen lässt. Sein Wesen ist nicht lokalisierbar, befindet sich nicht in Manhattan, London, Frankfurt oder Tokio, ist aber rund um die Uhr weltweit aktiv und wird höchstens von ein paar vagen Begriffen angedeutet wie „Globalisierung“, „Kapitalismus“ oder „Gier“. Institutionen, die mit dem Schicksal der unsichtbaren und ungreifbaren Hoheit verbunden sind, werden „systemrelevant“ genannt.

Könnten wir dem Gespenst einen Eigennamen geben? Ein Gesicht? Oder eben eine Biographie? Vielleicht könnte es zu einem Gespräch eingeladen werden, es müsste doch etwas zu erzählen haben? Irgendwie könnte es doch sein, dass in diesem Gespenst eine Not lebt, die es dazu getrieben hat, sich in ein verlassenes Loch hinein zu begeben... Was „wirret“ dem Gespenst?

09.09.2012

Vier Monate alt. Über meine Tochter und ein Baumelding

Meine Tochter sitzt auf meinem Arm und schaut mich an. In ihren Augen sehe ich erst ein Lächeln, ich könnte nicht sagen, was es bedeutet – sie freut sich offenbar über irgendetwas. Dann wird sie wieder ernst, sehr ernst, sie schaut auf meinen Pullover, auf den Reißverschluss an meinem Hals. Dort hängt ein kleines Ding, womit der Verschluss auf und zu gemacht werden kann. Es ist aus grauem Metall, zwei Zentimeter lang, baumelt den ganzen Tag auf meiner Brust nutzlos vor sich hin, unbeachtet...


Aber gerade jetzt wird das Ding aufmerksam wahrgenommen von meiner kleinen Tochter, sie meint irgendwie, es wäre das Zentrum der Welt, alles andere um sie herum verschwindet, auch ich, der doch der stolze Träger des Dinges (und meiner Tochter) ist. Ihre Aufmerksamkeit ist ungeteilt, richtet sich auf das Eine, das im Moment zählt, das Ding (das den ganzen Tag nutzlos hin und her baumelt).

Dann bewegt sie ihren rechten Arm, versucht ihre rechte Hand in die Richtung des Dinges zu kriegen; sie weiß, dass es möglich ist, das Ding zu berühren, eben zu ergreifen, sie weiß jedoch nicht, wie das genau geht, sie versucht es und versucht es... Ein leichtes Zittern zieht erst in ihren Arm, dann in ihren ganzen Körper, eben ihr Köpfchen zittert mit. Ihr Blick bleibt nichtsdestotrotz fest auf das Ding gerichtet, sie ist bereits mit dem Ding verbunden und lässt nicht los.

Ich lasse sie, helfe nicht, was ich leicht tun könnte – ich könnte sie zum Beispiel ein bisschen nach vorne lehnen, sie dem Gegenstand näher bringen, den Abgrund zwischen ihrem Händchen und dem grauen Baumelding kleiner machen. Ihr Arm ist lang genug, sie könnte es schaffen. Und sie will es schaffen, ihre Augen verraten einen Ernst und eine Entschiedenheit, die mit so etwas Unwesentlichem wie Hilfe nicht rechnet.

Das Zittern, so scheint es mir, entsteht dadurch, dass ein Wollen vorhanden ist, das seinen Weg bis in die präzisen physischen Verhältnisse noch nicht gefunden hat. Mit einem kräftigen Maß an Willenskraft sucht meine Tochter die Berührung mit dem grauen Ding, die Kräfte fließen und schießen in alle Richtungen: in ihren Kopf, ihre Arme, ihre Beine. Ihr ganzer Körper ist dabei.

Ich schaue und staune. Und für ein paar Minuten bin ich ganz bei meiner Tochter, genauso wie sie bei dem Baumelding ist. Ich tue allerdings gerade kaum etwas, halte meinen Körper eher regungslos, will nichts greifen, nichts bewegen, nur meine Tochter auf meinen Armen tragen und zuschauen. Und doch gibt es irgendwo in mir auch ein Zittern, ganz leicht, ganz still, vielleicht vergleichbar mit dem Zucken der Haut eines gerade geborenen Eselchens. Auch das Staunen hat etwas Zittriges...

Als sie das Ding endlich mit ihrem Händchen ergriffen hat, scheint eigentlich gar nichts erreicht worden zu sein. Meine Tochter ist eher verwirrt, hält das Ding zwischen ihren Fingern und schaut um sich herum. Sie weiß nicht, wie es wieder loszulassen wäre, weiß nicht einmal, dass es so etwas wie loslassen überhaupt gibt. Sie fängt ein bisschen an zu quengeln, macht „uh“ und „brr“ und „möh“, sitzt auf meinem Arm, für ewig verbunden mit dem kleinen Baumelding.

Vorsichtig öffne ich ihr Fäustchen, sie merkt es nicht einmal. Als aber das Ding wieder frei und nutzlos auf meiner Brust hin und her baumelt, fängt meine Tochter von vorne an. Sie wird ganz ernst, schaut auf den Gegenstand, so, als ob sie ihn zum ersten Mal sieht, so, als ob er auf einmal ganz neu in der Welt erschienen wäre, versucht ihn zu ergreifen... Und arbeitet sich zitternd durch, bis sie aufs Neue ewig mit ihm verbunden zu sein scheint...

30.08.2012

Meiske pijs...(Holländisches Lied für ganz ganz ganz kleine Mädchen)

Hei meiske pijs,
meiske meiske pijs,
hei, wijske meis,
wijske wijske meis,
meisje meisje wijs,
wijsje wijsje meis,
hei meiske pijs,
meiske meiske pijs!

31.07.2012

Über "Meta" hinaus. (1) Die unendliche Geschichte der Geschichte


Unsere Geschichte ist weder verbürgt noch bewiesen, trotzdem wichtig geworden, wie eine rührende Erzählung, die mehr aussagt als manche harten Tatsachen des Lebens. Sie ist unüberschaubar lang, ich könnte nicht sagen, wo ihr Anfang liegt, und auch ein klares Ende hat sie nicht, wird sie wahrscheinlich nie haben, weil das Erfinden von neuen Bedeutungen ihre Aufgabe ist.


Sie hört unterwegs manchmal auf, wird unterbrochen und zögert in dunklen Ecken, tritt unerwartet wieder ans Tageslicht, und entfaltet lebendige Bilder aus einer Vergangenheit, die offenbar höchst aktuell sind. Mit diesen Bildern sind wir manchmal alleine, wir schauen einander in die Augen und staunen.

Sie besteht aus Fragmenten, losen Absätzen, Skizzen und Entwürfen, ihre Eckdaten befinden sich in großen zeitlichen Rahmen, ja, in Epochen die Fenster sind, die nichts einschränken oder festlegen, sondern den Blick frei machen für Weites und Breites, für Schmales und Enges. Richtige Worte für die Fenster gibt es eigentlich nicht, in der geschriebenen Geschichte heißen sie holprig das alte Persien & die Antike & das Reich der Wikinger & die Renaissance & das Dritte Reich.

Wir sind von der langen Geschichte umschlungen, wie die Fische vom Rheinwasser, werden von ihr getragen, weiter geführt, doch manchmal wenden wir uns auf einmal um, gerade wenn wir Ursprünge suchen, und schwimmen freudig gegen den Strom, werden am Widerstand wach, fühlen uns wie ganz kleine Kinder, im Leben strampelnd, sprachlos auch... Sich nur mitführen zu lassen, bedeutet zu sterben (was eine schöne Angelegenheit ist); sich zu wenden, bedeutet geboren zu werden (was vielleicht noch schöner ist).

Unsere Geschichte ist eine Geschichte, hat also eine bewegliche Architektur, kann sich von sich selber höflich und liebevoll distanzieren, beleuchtet sich selber ständig aus anderen Richtungen, richtet Epochen immer wieder neu ein, schmeißt dabei nichts weg, verliert nichts, findet höchstens neue Arten und Weisen des Präsentierens, des Darstellens, des Verstehens. Zu unserer Geschichte haben wir eine Beziehung.

Die Geschichte selber hat eine Geschichte, mit vielen Schichten, an dieser Stelle wird die Geschichte verrückt, undurchdrinlich. Wie wäre eine Geschichte zu benennen, die sich mit sich selber beschäftigt? Nein, eine Meta-Geschichte wollen wir sie nicht nennen, mit Meta sind wir längst fertig, Meta ist in der Geschichte-als-Geschichte bereits lange angekommen, integriert, herzlich aufgenommen, Organ des Verstehen geworden.

Es gibt nur eine Geschichte, sie umfasst die Geschichte der Geschichte, trägt sie wie einen kostbaren Schatz mit. Vielleicht ist sie die wahre Liebesgeschichte?

17.07.2012

Für Mundanomaniac

Du, unbekannter Kerl,
manisch Liebender, Du,
Buchhalter der Schwingung,
der Wendung – von weit,
von breit holst Du dir
die kleinsten Kreise:
scharf zusammen gezogene
Sprachlosigkeit, präzise
Markierungen in Raum
und Zeit. Wie weit, wie breit
ist deine Freiheit? Wo,
hinter den Worten, warten
die Götter auf dich? Wo
steht der große Tisch, vier-
dimensional, mit Flächen,
die recht krumm lachen?
Hört in den kleinen Kreisen
die wilde Bewegung auf?
Führen sie wie Löcher
ins Innere der Erde, dorthin,
wo Tubal Kain schmiedet,
das Eisen ins Feuer legt, es mit
Hammerschlägen zwingt
ein heiliges Schwert zu sein?
Du, dein Wollen ist sprachlos,
wie meines auch, wir wissen
nicht was wir tun, und wir tun,
was wir wissen wollen. Saturn
zieht uns an aus der Ferne,
der Mond flüstert hautnah,
und die Erde, sie wartet,
wartet dunkel und warm
auf dich, auf mich, auf uns,
auf das Werk der Entzündung.

09.07.2012

Die Krise in Europa. Über Abgründe


Bereits in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts fasste der holländische Anthroposoph Willem Zeylmans van Emmichoven die schwierige Frage ins Auge: Wie ist mit den Verschiedenheiten der europäischen Völker umzugehen? Er nahm sich damals vor, eine Psychologie der Völker zu entwickeln und wollte dafür in Den Haag ein Institut gründen. Damit scheiterte er allerdings; er fand zu wenig Leute, die sein Anliegen verstanden.

Zeylmans van Emmichoven wollte in der Gesellschaft ein Gespür dafür wecken, dass die Verschiedenheiten zwischen den europäischen Völkern nicht nur durch die jeweiligen geschichtlichen Eigenheiten und Ereignisse verständlich sind, sondern vor allem auf jeweils berechtigten Perspektiven und Lebenshaltungen beruhen. Sein Freund Herbert Hahn beschrieb übrigens in seinem Buch „Vom Genius Europas“ – ein Klassiker der anthroposophischen Literatur – mit viel Humor die Verhaltensweisen von zwölf der europäischen Völker.

Nun, im Moment sieht es mit dem Verständnis für die Verschiedenheit in Europa leider nicht gut aus. Die Griechen nennt man „faul“, die Spanier „leichtsinnig“, die Italiener „unzuverlässig“, die Franzosen „stolz“, die Deutschen „engstirnig“, die Holländer „kaufmännisch“ - was „geizig“ bedeutet - die Ungarn „gedankenlos“ - womit „dumm“, gemeint ist - und die Belgier „verpennt“. Nur die Schweden, die Norweger und die Finnen scheinen offiziell keine Schatten zu haben, na ja, ein bisschen selbstherrlich und in sich selbst versunken sind sie wohl schon...

Man könnte an dieser Stelle natürlich sagen, dass sich die europäischen Schatten eklatant voneinander unterscheiden. Jedoch sind alle gegenseitigen Vorurteile auf eine bestimmte Frage zurückzuführen, die vor allem in Ländern wie Deutschland, Finnland und den Niederlanden gestellt wird, nämlich: Wie tüchtig wird in den jeweiligen Ländern gespart? Der Umgang mit Geld ist in der Debatte der springende Punkt geworden.

Die Bedeutung des Geldes zu relativieren, ist vergebens. In der politischen Debatte liegt ein Tabu auf der „Anthropologisierung“ der Frage des Geldes, es beruht auf der Tatsache, dass weltweit die Globalisierung als eine rein wirtschaftliche Angelegenheit quasi ohne menschliche Vorlieben, Gepflogenheiten oder Schwächen verstanden wird. Wirtschaft müsste-sollte-dürfte mit den Eigenheiten der Völker nichts zu tun haben, es gibt nur eine Art und Weise wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Die Volkswirtschaften, die relativ viel Geld verdienen, meinen in der Debatte automatisch Recht zu haben.

Mit der Biographie von Europa wird es natürlich irgendwie weiter gehen, allerdings erst dann, wenn die Abgründe in der aktuellen Krise erst recht sichtbar geworden sind. Die Bemühungen Merkels und Schäubles zielen darauf hin, die Fahrt in den Abgrund zu verhindern, was nicht gelingen wird. Uns stehen noch spannende Zeiten bevor, und die Entscheidungen werden nicht in Brüssel, Paris und Berlin, sondern in den Leben der einzelnen europäischen Bürger getroffen. Sogar die Hoffnung, dass die Krise den Einzelnen nicht erreichen wird, ist abgründig.

02.07.2012

Lebensbuchführung. Über die Schönheit von Texten

Texte sind sonderbare Erscheinungen. Es ist noch nicht so lange her, dass sie erfunden wurden, die ältesten Texte sind etwa sechstausend Jahre alt. Die Sumerer haben damals in Uruk damit begonnen, die bereits mündlich existierenden Bezeichnungen (die „Namen“) von Gegenständen und Wesen mit grafischen Symbolen zu verbinden, und so wurde es möglich, eine Art Buchführung des Lebens zu handhaben. Dieser Akt des Verbindens wurde in den Tempeln gelehrt – was wir heute „schreiben“ nennen, war damals eine heilige Angelegenheit.

Die Heiligkeit des Schreibens beruht auf der Tatsache, dass Texte gerade unheilig sind. In Texten wird die göttliche oder geistige oder seelische Ordnung der Dinge auf eine Ebene gebracht, wo sie als göttliche oder geistige oder seelische Wirkung nicht überleben kann. Texte verzerren per definitionem, um in einem Text etwas Spezifisches hervorzuheben, muss ganz viel missachtet, die Fülle des Lebens verstellt werden.

Große Dichter und Schriftsteller – die Meister der Texte – wussten das auch. Beispielsweise Rainer Maria Rilke, Virginia Woolf und Dylan Thomas waren sich bewusst, dass ihre Texte prinzipiell daneben waren. Mit dem Akt des Schreibens geht – auch wenn man es nicht fühlen will – eine Scham einher. Die Schulung in den alten Tempeln war deswegen eine moralische, und das Ziel: lernen sich der Scham zu stellen. In modernen Zeiten haben sensitive Intellektualität (Rilke, Woolf) oder Alkohol (Thomas) oder einfach Ignoranz diese Aufgabe übernommen.

Texte sind paradoxe Erscheinungen. Der amerikanische Schriftsteller und Nobelpreisträger Saul Bellow erzählte mir vor Jahren, dass er nach der Veröffentlichung eines neuen Romans immer in eine Krise gelangte. Das frisch gedruckte Buch spiegelte ihm gerade das, was er nicht geschafft hatte. Was literarisch geleistet wird, so meinte er, tut im Nachhinein immer weh, und gerade darin liegt die Wirkung der Schönheit.

Um etwas zu sagen, muss man schweigen, was nicht heißt, dass man schweigen sollte – ohne Aussagen gibt es kein Schweigen. Texte die alles sagen wollen, sind keine Texte, sie sagen nichts. Worte bedeuten immer mehr, man könnte auch sagen: immer weniger, als in einer konkreten Aussage bemerkbar ist. Wenn ich „ja“ sage, evoziere ich gewollt oder ungewollt die Möglichkeit „nein“ zu sagen.

24.06.2012

Die Selbstregulierung unserer Tochter. Über das Schreien der Kleinen

Sie hat geschrien und geschrien. Stundenlang. Ihr Schreien hat nichts daran geändert, dass sie süß ist. Auch wenn sie zornig war – ihr Köpfchen rot, ihr kleiner Mund Ausdruck des äußersten Wollens – blieb sie das schönste & liebste & teuerste Mädchen auf der Welt. Wir wussten nur nicht, was los war und waren deswegen verzweifelt und ratlos. In der weiten Welt gab es nur noch eine dringende Frage, die uns wirklich interessierte, nämlich: Wie kann sie Ruhe finden?

Wenn Säuglinge schreien, schreit alles. Sie schreien mit Händen und Füßen, mit geballten Fäustchen, eben die Haare auf dem Köpfchen scheinen voll mitzumachen, sie bewegen sich zwar nicht, drücken jedoch schweigend einen Weltzorn aus und sehen wie die Friseur einer gewaltigen Kaiserin aus. Die ganz Kleinen sind reiner Wille – vor allem durch ihr Schreien wird das unverkennbar ersichtlich.

Und in uns schreit alles mit. Ich erzähle mal von mir. Wenn sie schreiend in meinen Armen liegt, kann ich mich von ihrer Verzweiflung nicht abgrenzen, die zwingenden Töne aus ihrem süßen Mund erreichen sofort meine Knochen, gehen bis in den dunkelsten Ecken meiner Seele, wühlen mich auf wie ein absolutes Gedicht von Dylan Thomas („Do not go gentle into that good night/ rage, rage against the dying of the light“).

Vielleicht – ja: vielleicht! – gibt es eine Stelle, die von diesem Schreien frei bleibt, die sich irgendwie souverän handhaben kann, die sozusagen aufmerksam dabei bleibt, ohne sich in den Schrecken zu verlieren. Ich meine sie manchmal in dem Blick meiner kleinen Tochter gefunden zu haben, in ihren Augen also, die beides machen: Sie schreien mit (und wie!) und sie schauen gleichzeitig auf das Geschehen wie aus einer höheren Warte. Etwas in dem Blick wird vom Schreien zwar berührt, jedoch nicht verführt.

Und seltsam, nun ja vielleicht – vielleicht! – spinne ich nur. Ich habe allerdings den Eindruck, dass der ferne & nahe Beobachter in meiner Tochter nicht nur auf das Schreien schaut, sondern auch auf mich, er sucht mich auf, hofft unbedingt darauf, dass Kontakt entsteht, dass wir sozusagen auf einer hohen & stillen & heiligen Ebene „zusammenarbeiten“, vielleicht besser gesagt: Uns einfach zusammen tun. (Johann Sebastian Bach: „Wir setzten uns mit Tränen nieder.“) Und wenn ich diesen souveränen Blick in mir zulasse, passiert ein Wunder: Ich finde die Ruhe, die meine Tochter beruhigt...

Die erste Diagnose lautete: Dreimonatskoliken. Damit sind Blähungen gemeint, die die ersten Monate eines neuen Lebens so richtig versauen können. Mittlerweile hat diese Diagnose sich jedoch bei unserer Tochter als falsch erwiesen, eher ist wahrscheinlich, dass umgekehrt die Blähungen durch das Schreien entstehen. Ein relativ neuer Begriff im medizinischen Denken trifft vielleicht – ja, vielleicht, was wissen wir eigentlich sicher? – besser zu, er nennt sich „Selbstregulation“.

Und damit ist gemeint, dass unsere Tochter damit beschäftigt ist, ihren kleinen & schönen & zerbrechlichen Körper (oder müsste ich gerade sagen: ihren weisen & starken Körper?) fürs irdische Leben zurechtzurücken. Sie reguliert ihren Körper selbst, ist dabei, das Eine und das Andere noch einzurichten, was offenbar auch Seiten hat, die weniger angenehm sind. Und das Schreien – so könnte es sein – hängt einerseits damit zusammen, dass die Arbeit unangenehm ist, ruft andererseits aber die „höheren“ Kräfte herbei, die dafür gebraucht werden.

Wir beide, Vater und Mutter, sind durch das Schreien so richtig an unsere Grenzen geführt worden. Es gab Momente, da lagen die Nerven blank. Es sieht im Moment so aus, dass mit Hilfe von Osteopathen, Kinderärzten und Hebammen, Medikamenten und Ritualen, Spaziergängen im „Slendang“ und interessanten „Tricks“ (darüber vielleicht ein nächstes Mal mehr) die Lage sich ein bisschen beruhigt hat. Das Schreien ist nicht ganz vorbei (muss auch nicht), die Verzweiflung ist jedoch mehr als halbwegs verschwunden.

Auf der Erde anzukommen, ist ein großes Ding. Unsere Tochter Ilana hat es mal wieder gezeigt: Auf der Erde voll präsent und geistig tätig zu sein, ist keine Selbstverständlichkeit. Ganz viel Selbstregulation ist von Nöten, und ganz viel Liebe, die offenbar in unseren Knochen schlummert und geweckt werden muss. Und ganz sicher ist wahr: Ohne ein praktisches Wissen vom Leben läuft überhaupt nichts.

10.06.2012

Samuel und Sammy. Über Geld und Angst vor der Macht

Samuel: „Wie kann es wahr sein, dass wir Menschen jeden Tag von Geld reden, manchmal so einfach nebenbei, so wie: 'Wie viel Geld brauchst du heute?' oder 'Wie viel Geld kostet eine Bahnfahrt von Köln nach Trier?' oder 'Mir ist das Geld ausgegangen' – ohne offenbar zu begreifen, was Geld eigentlich ist?“

Sammy: „Du brauchst nur der Frage nachzugehen, warum Vögel ohne Geld auskommen.“

Samuel: „Bitte...“

Sammy: „Bitte was?“

Samuel: „Vögel können nicht denken.“

Sammy: „Du hast gerade gemeint, dass die Menschen nicht über Geld denken können. Und so ist es auch: Geld beruht auf einer Idee, die die Menschen überfordert, wie manche andere große Ideen auch...“

Samuel: „Geld ist eine Idee?“

Sammy: „Würde ich sagen, ja...“

Samuel: „Und was beinhaltet die Idee?“

Sammy: „Ideen beinhalten nichts. Sie sind keine Flaschen. Ideen sind Türen, sie öffnen Räume, wecken Perspektiven, vergegenwärtigen eine geistige Geographie, sind Bestimmungen, die längst noch nicht erreicht worden sind.“

Samuel: „Ein Tauschmittel ist Geld nicht, das ist mir klar.“

Sammy: „Geld war nie ein praktisches Instrument. Rein praktische Instrumente existieren nicht, auch ein Hammer ist weit mehr als ein Hammer. Von Anfang an steckte der Teufel in diesem Zeug, nicht nur im Geld. Aber du weißt, auch der Teufel ist weit mehr als der Teufel“.

Samuel: „...“

Sammy: „Von rechts nach links gesehen, sieht Geld wie ein Glaube aus, an den Macht gebunden ist. Die gigantischen Geldblasen repräsentieren immaterielle Hoffnungen, von denen die Menschen sich längst verabschiedet haben, weil sie ihnen nichts zutrauen, sie nicht einmal mehr kennen. Auf Bankkonten werden Glaube und Hoffnung eingefroren. Das Problem liegt nicht im Geld, sondern in der unsichtbaren Macht.“

Samuel: „Du meinst, die Menschen verzichten auf Macht?“

Sammy: „Genau. Mit Geld sollte man etwas tun, immer etwas tun... Sparen bedeutet gerade: jetzt nichts tun. Die Handlung wird in der Zeit nach vorne verschoben, und damit auch die Hoffnung. Es gibt in jeder Gegenwart immer etwas zu tun. Menschen sparen nicht, weil sie Sicherheit brauchen, sondern weil sie Angst vor der Macht-im-Jetzt haben. Vögel haben diese Angst nicht, deswegen brauchen sie kein Geld.“

04.06.2012

Nach Deiner Geburt


Ich bin verstummt.
Mir sagt die Welt
zu viel. Ich heiße
willkommen ohne
Abwehr, ohne Text.
Hände & Ohren &
Lippen sind wach,
ich sage euch: sind
Haut des Lebens. Sie
blühen ohne Schmerz,
still und gewaltig.

Ich bin verstummt.
Aus einer Weite
kommt Dein Blick. Ich
kenne sie, die Breite,
die Du mir bringst,
sie dehnt sich aus, zieht
sich zusammen, heißt
Hierarchie & Ewigkeit &
Liebe – ich wüsste gerne,
wie diese weiße Macht,
politisch werden könnte,
Kraft in klaren Köpfen.
Aber die Weite ist weit,
die Breite ist breit,
die Tiefe ohne Sprache.
Die Köpfe sind zu laut.

Du schreist und schreist.
Du brichst aus, Du schreist
Dein Leben in meine Ohren,
es hält dort zusammen,
wie eine Blume, die gerade
noch keine Farbe hat,
weiß ist wie Unschuld,
deswegen politisch, jedoch
unerhört, jedoch nicht gehört,
jedoch in seiner Pracht
ungestört. Dein Saugen
ist weit und breit und tief,
Übergabe & Rückgabe
in Einem. Ich wüsste gerne,
wie Deine Zuwendung
die Dummheiten auflösen,
das Stumme & das Stille &
das Nichts wecken könnten.
In Deinem Blick schaut Gott

27.05.2012

Mal wieder die Vögel zu Pfingsten

Mal wieder die Vögel:
sie sind überall. Die Tauben,
versunken in uralte
Wiederholungen, sie sagen
immer das gleiche aus – ich
habe es vergessen, ich suche
den Klang in meinem Körper,
ich finde ihn nicht... Die Amseln
gestern noch und heute Morgen:
sie waren da, als ich ein Kind war,
sie singen noch immer
von Abschied und Anfang, sie
hüpfen über die grüne Wiese
an mir vorbei, sie wissen:
mal wieder die Vögel... Die Elstern,
noch immer zwei, arbeiten oben
auf den scharfen Rändern der Dächer,
brutal öffnen sie da das Blau
des Himmels, überlassen mir unten
die kleinen Worte... Das Rotkehlchen
ist alleine, wie immer alleine, es hat
kleine Räume um sich versammelt,
etwa tausend, ist hier kurz zu Hause,
dort kurz zu Hause, jetzt im Strauch
direkt neben mir. Es guckt mich an,
nimmt mich auf, nimmt mich mit
zum nächsten Baum... Von weit
kommt der Eichelhäher, aus Belgien
meine ich, er landet ausgeglichen
in dem Holunderstrauch, sitzt und ruht,
bringt Botschaften aus der Ferne,
die ich gerade noch verstehe... Mal
wieder die Vögel zu Pfingsten,
ohne Worte, wie immer. Sie weben
Verlorenes um mich herum.

19.05.2012

Gemeinschaft feiern. Über eine Party in einem Kinderhaus

Es ist Donnerstag, früh, Himmelfahrt. Ich sitze auf der Terrasse unserer Wohnung in Köln, die Sonne scheint, die Pfingstrosen im Garten neigen sich dunkelrot und voll zur Erde, die Vögel „twittern“, die vorbeifahrenden Züge geleiten meine Gedanken nach Bonn, Gerolstein und Frankfurt... Die Welt ist heute weit und offen, jedoch auch klein und vertraut.

In der Welt bin ich bei mir. Was mich heute vor allem bewegt, sind zwei Gegebenheiten. Erstens ist da die überwältigende Tatsache, dass ich vor einer Woche Vater geworden bin. Unsere Tochter Ilana ist noch winzig klein, sie bestimmt jedoch rund um die Uhr das kleine-große Leben zwischen den Pfingstrosen, den Vögeln und den Zügen. Es scheint mir so zu sein, als ob sie bereits eine Ewigkeit bei uns ist. Gab es eigentlich eine Zeit, in der sie noch nicht da war?

Und dann ist da zweitens die Tatsache, dass nächsten Samstag das Kinderhaus in Aachen so richtig feiern wird. Ich kann leider nicht dabei sein, weil ich meine Lebensgefährtin Vanda nicht mit unserer Tochter und den vielen Besuchern (Samstag kommt eine Truppe aus Holland) alleine lassen will, weil ich die Begrüßungen nicht verpassen möchte. Eigentlich würde man am Himmelfahrtstag meinen, man könnte überall gleichzeitig sein, leider erlaubt mir mein Körper dies jedoch nicht.

Dass am Samstag im Kinderhaus in der Mühle in Aachen so richtig gefeiert wird, hat gute Gründe. Wir haben über Jahre und Jahre – ja, gab es eigentlich eine Zeit ohne diese Bemühungen? – an einer Verwandlung gearbeitet, die äußerlich gesprochen vielleicht eher trivial aussieht, innerlich jedoch eine teure und stolze Leistung bedeutet. Es gab einmal eine Zeit, in der das Kinderhaus – mit etwa zwölf Kindern und Jugendlichen – von zwei Personen, Ruthild und Martin Soltau, die sich mit ihren eigenen vier Kindern für die Zukunft aller Beteiligten verantwortlich gemacht haben, getragen wurde. Die beiden waren über eine lange Zeit die zwei tragenden Säulen der Gemeinschaft.

Und am Samstag wird der Umstand gefeiert, dass diese Verantwortung nun von einem Team übernommen worden ist. Das soziale Gebäude des Kinderhauses wird jetzt von einem Kreis von Säulen getragen, einer Art Stonehenge, das in einer vielschichtigen menschlichen Zusammenstellung nun ihre Orientierung und Richtung finden will. Diese Verwandlung ist möglich, weil sie nicht nur gewollt, sondern auch bewusst Schritt für Schritt vollzogen wurde. Alle Beteiligten haben an diesem Vorgang mitgearbeitet - und vor allem auch an sich selber gearbeitet.

Die innerliche Verantwortung für Kinder und Jugendliche zu ergreifen, ist ein großes Ding. Als Begleiter dieses Prozesses habe ich über die Jahre hautnah erleben dürfen, wie sehr die Schicksale der Einzelnen – der Kinder und Erwachsenen – miteinander verflochten sind, wie sehr die Beziehungen immer wieder große und wesentliche Fragen über das Leben erwecken, über „mein“ Leben, über die dringenden Themen in der Gesellschaft. (Wer die Postmoderne in all seinen Aspekten kennen lernen will, möge sich sofort als Mitarbeiter in einem Kinderhaus bewerben...)

Ich möchte vor allen Martin und Ruthild, Ralf, Andrea und Willy an dieser Stelle meine Achtung zollen, nicht weil sie kompetent und fleißig sind (sind sie jedoch!), nicht weil sie zuverlässig und treu sind (sind sie auch!), sondern weil sie sich uneingeschränkt auf das Wesen der Verwandlung eingelassen haben. Sie haben sich selber immer wieder in Frage gestellt, haben ihre eigene Haltung kritisch angeschaut, sich von Freude und Schmerzen klug und mutig leiten lassen.

Offiziell hat Ralf Gundlach die Leitung des Kinderhauses in seine Hände genommen, und wird dabei von Andrea, Ruthild und Martin, sowie dem ganzen Team unterstützt. Ralf ist ein Mensch der Weite, der Nähe, des Vertrauens, des Dialogischen. Er hört auf die Bedürfnisse der Kinder und der Mitarbeiter, versucht Fähigkeiten zu erwecken, hält inne wenn nötig... Und vor allem: Wenn er in die Küche tritt und „Hallo“ sagt, ist er präsent.

Die verborgene Regie der Verwandlung – haben wir sie bemerkt? Ja, wir haben sie wahrgenommen! – lag in Wahrheit bei den Kindern und Jugendlichen. Wir wissen, dass für sie das Kinderhaus eine notwendige Alternative ist – wie gerne würden sie ganz „normal“ in einer Familie aufwachsen, mit Müttern und Vätern die im Stande sind, sie zu betreuen, zu versorgen, zu begleiten! Wir wissen allerdings auch, dass sie ihr Schicksal akzeptieren, annehmen, ja uneingeschränkt leben... Liegt nicht die Größe der Kinder gerade darin, dass sie das Leben nehmen wie es ist, jeden Tag wieder?

Heute ist Himmelfahrt, bald wird es Pfingsten werden. Aus den ehrlichen Bemühungen der abgesonderten Einzelnen entsteht durch das Pfingstfest eine Weite und Nähe der Gemeinschaft, das freudige und vielleicht auch ein bisschen wirre Teilen miteinander, wonach wir uns alle sehnen. Am Samstag feiern die Kinder und Erwachsenen des Kinderhauses „Gemeinschaft“, ich werde leider nicht dabei sein. Aber bereits heute spüre ich, wie sehr ich mich von der Wahrhaftigkeit des Bemühens getragen fühle.

13.05.2012

Geld schenken (2). Die Verwandlung der Gesellschaft

Ich weiß was es bedeutet, Geld geschenkt zu kriegen. Ich gehöre zu den Menschen, die manchmal kleinere zusätzliche Beträge brauchen, um über die Runden zu kommen. Mein jüngster Sohn Joachim hat darüber eine klare Meinung, er findet, dass ich nicht wirtschaftlich denken könne oder eben gar nicht wolle. Ich selber sehe das auch so, würde auf Anfrage allerdings hinzufügen, dass ich mich immer wieder in Tätigkeiten und Projekte verliebe, die gerade wenig Geld bringen. Ich bin immer wieder dort gelandet, wo die Ressourcen in dieser Hinsicht eher knapp sind.

Jedoch habe ich trotzdem immer wieder kleinere Beträge an Organisationen oder Personen verschenken können, die sich in einem Engpass befanden oder befinden. Mein finanzielles Selbstverständnis könnte man „kleinkariert“ nennen: Ich halte meine Finanzen für gesund, solange ich die mehr oder weniger sichere Einschätzung habe, dass meine Einnahmen und Ausgaben etwa für die nächsten drei Monate ungefähr ausbalanciert sind. Sobald ich etwas übrig habe, folge ich der Neigung Extra-Sachen zu kaufen oder eben jemanden zu unterstützen. Sparen ist mir noch nie gelungen, ein Vermögen werde ich deswegen wohl auch nicht aufbauen.

Im Entwurf seiner Master-Arbeit für die Universität in Plymouth (siehe meinen letzten Blogtext) berichtet Andrea Valdinoci von acht Personen, die ein deftiges Vermögen haben (zwischen einer halben Million und 75 Million Euro) und bereits über Jahre einen Teil davon an Organisationen und Personen verschenken. Die Lebenswirklichkeit dieser Vermögenden ist mir fremd, ich brauche richtig viel Phantasie, um mir ausmalen zu können, was es heißt, ein paar Million Euro auf meinem Konto zu haben. Und ja, ich räume ein, dass meine konservativ-rote Arbeiterseele (mein Vater war Gewerkschafter) in einer dunklen Ecke mit der Frage ringt: Kann es richtig sein, dass einer Person so viel Geld zur Verfügung steht? Wie ist das im Lichte der Gerechtigkeit eigentlich zu verstehen?

Gerechtigkeit... In den Beschreibungen von Andrea Valdinoci wird deutlich, dass die Tatsache viel Geld zu haben, nicht unbedingt nur eine Freude bedeutet. In seinem Text wird von einer „moralischen Belastung“ gesprochen, zum Beispiel im Zusammenhang mit der Tatsache, dass das Vermögen auf Kriegsgewinne zurückgeht, oder auf Unternehmensverkäufe, auf die die Entlassung von sämtlichen Mitarbeitern folgte. Valdinoci schreibt: „Zum Teil wiegt die Belastung so schwer, dass den Interviewpartnern klar wurde, diese Mittel möchte ich nicht an meine Kinder weitergeben, sondern sie müssen verwandelt werden“.

Schenken bedeutet an dieser Stelle: Auf Grund des Wunsches Gerechtigkeit zu schaffen einen Ausgleich zu ermöglichen... Nun gibt es natürlich auch Vermögen, die ethisch gesprochen einwandfrei sind, sie werden wohl am häufigsten vorkommen. Auch mit sauberen Vermögen geht jedoch eine „moralische“ Frage einher, die sich nicht auf die Herkunft des Geldes, sondern auf das Ziel des Schenkens bezieht. Andrea Valdinoci spricht diesbezüglich von einer „Glaubwürdigkeitsfrage“ oder auch „Prüfungsfrage“: Will ich (mit dem Schenken) wirklich Strukturen verändern, oder will ich Strukturen bestätigen, um meine Macht zu erhalten, beziehungsweise auszuweiten?

Die acht Personen, die die Begleitung von Andrea Valdinoci gesucht haben, stellen sich offenbar diese Frage. Ich nehme jedoch an, dass längst nicht alle vermögenden Menschen sich auf diese Frage einlassen, stärker noch, mein Vorurteil besagt diesbezüglich, dass nur die wenigsten dies tun. Oder liege ich an dieser Stelle falsch, und es ist ein Schicksalsgesetz, dass die Frage früher oder später zwangsläufig auftaucht? Aus Valdinocis Beschreibungen geht hervor, dass der Schritt zum freilassenden Schenken aus biographischen Erfahrungen erfolgt.

Und nicht nur das, zusätzlich leitet der Schritt offensichtlich eine Art Wende in der Biographie ein. Einer der Beteiligten sagt: „Das Geld haben wurde sehr viel leichter, seit ich schenken kann, seit ich da persönlich auch gegeben habe. Das fing schon an mit dieser großen Spende für die Schule, aber schön wurde es aber eigentlich im Persönlichen. Ja, ich freue mich seither, dass ich das Vermögen habe“. Und eine andere Aussage: „Ja, das schwierige ist nicht selber auf das Geld zu verzichten, sondern die Frage, wem gebe ich es, wie gebe ich es, was macht es mir, was macht es mit dem anderen, ist es überhaupt richtig, was will ich denn eigentlich?“

Was will ich denn eigentlich? Ich verstehe die Zitate so, dass bei den Beteiligten das individuelle Wollen aus irgendeinem Grund mit dem „mächtigen Wesen des Geldes“ (siehe meinen letzten Blogtext) in Berührung gekommen ist. Eine Stärkung des Wollens – getragen von anfänglichen Erkenntnissen – findet statt. Die Persönlichkeit des Menschen fängt damit an, sich nicht vom Geld fremd bestimmen zu lassen, sondern umgekehrt die Welt mit Hilfe des Geldes frei zu gestalten.

Ich habe zwar kein Vermögen, sehe jedoch ein, dass nicht die Menge (oder Unmenge) des Geldes entscheidend ist. Ob man zehn Euro oder zehn Million Euro zu vergeben hat, die Fragen sind grundsätzlich die gleichen. Und ist es nicht so, dass gerade die geringeren Beträge, die wir jeden Tag wieder gedankenlos ausgeben, die Ungerechtigkeit in der Gesellschaft bestätigen? Die Verwandlung der Gesellschaft läuft wohl übers Geld. Nächste Woche weiter..

11.05.2012

Sie ist da!

Unsere Tochter Ilana Malena
wurde gestern geboren. Sie schaut
mit großen Augen in die Welt,
von Anfang an auf der Suche.
Wir haben uns gefunden...

06.05.2012

Geld schenken. (1). Über Macht, Vermögen und einen neuen Weg


Geld ist ein explosives Thema. Obwohl es einen wesentlichen Bestandteil der Gesellschaft ausmacht – ohne Geld läuft ja kaum etwas – sind unsere Vorstellungen darüber nicht nur beschränkt, sondern eben manchmal grundfalsch. Man braucht sich eigentlich nur ein paar Minuten mit dem Thema zu beschäftigen, um einzusehen, wie kollektiv hilflos wir in diesem Bereich sind. Als ich vor kurzem einen Text von Andrea Valdinoci las, den Entwurf zur Einreichung einer Master-Arbeit für die Universität in Plymouth, habe ich mal wieder feststellen müssen, wie sehr mir diesbezüglich die begriffliche Schärfe fehlt.

Wer ist Andrea Valdinoci? Ich habe ihn vor ein paar Jahren in der GLS Treuhand e.V. kennengelernt. Er war damals als Mitarbeiter der Zukunftsstiftung Soziales Leben vor allem mit „Schenken“ beschäftigt, operierte sozusagen als Vermittler zwischen Menschen, die schenken und denen, die sich beschenken lassen. Und auch hier gilt: Man braucht sich nur ein paar Minuten mit der Geste des Gebens und Nehmens der Beteiligten zu befassen, um zu verstehen, wie delikat die Rolle des Vermittlers an dieser Stelle ist. Mir sind die Empfindlichkeiten durchaus bekannt, weil ich damals zu den Beschenkten gehörte.

Mittlerweile hat Andrea die Seite gewechselt. Er ist jetzt geschäftsführender Gesellschafter einer Holding mit dem Namen „Neuguss“, einem Verbund von fünf Unternehmungen in Deutschland und Holland, die einen Teil ihres wirtschaftlichen Gewinns an kulturelle Initiativen weiterleiten, an Einrichtungen und Organisationen also, die ihrer Natur nach nicht im Stande sind, die nötigen finanziellen Mittel selber zu generieren. Die Holding lässt sich von Gesichtspunkten inspirieren, die Rudolf Steiner vor fast hundert Jahren im Rahmen seiner „Sozialen Dreigliederung“ geäußert hat. Andrea Valdinoci ist somit sowohl zum Unternehmer als auch zum „Geldgeber“ geworden.

In seiner Master-Arbeit versucht er sich gedanklich an das Wesen des Schenkens heran zu tasten. In seinem Text vertieft er sich erst in die vorhandene wissenschaftliche Literatur, und macht deutlich, dass das Schenken im heutigen Denken über Wirtschaft und Geld keinen hohen Stellenwert hat. Die Frage zum Beispiel, inwieweit das Schenken ein „selbstloser“ Akt ist oder sein kann, wird in der Literatur ziemlich krude beantwortet, der Philosoph Pierre Bourdieu etwa bezeichnet diese Gabe als ein „Herrschaftsinstrument, um andere zu dominieren“. Der Geist des Kapitalismus – die Wirtschaft als Verteilung von knappen Ressourcen, gesteuert durch individuelle Gier (Adam Smith) – lässt wenig Spielraum für den „Gutmenschen“.

Andrea Valdinoci grenzt die Schenkung vom „Herrschaftsinstrument“ und vom „verschleierten Kauf“ ab, er schreibt: „Meine These lautet, dass es sich nur dann um eine Schenkung handelt, wenn der Schenker nicht auf eine Gegenleistung in jeglicher Form abzielt“. Er zitiert den Anthroposophen und Mitgründer der Triodosbank Lex Bos, der in einer Publikation aus dem Jahr 1998 von der Notwendigkeit sprach, „eine neue Schenkungs- und Dankkultur zu entwickeln“. In einem Kernsatz seiner Arbeit schreibt Andrea Valdinoci: „Das Schenken ist eine Möglichkeit, sich auf einen neuen Weg zu begeben, persönlich Verantwortung zu übernehmen, und die Welt freilassend mitzugestalten“.

Das Schenken hat klare Vorteile, auch wirtschaftliche – in den nächsten Wochen komme ich darauf noch zurück. Nach der Bewertung der wissenschaftlichen Literatur berichtet Andrea Valdinoci in seiner Arbeit von acht Personen, die er als Vermögensberater über mehrere Jahre begleitet hat. Die Vermögen der Beteiligten, so schreibt Valdinoci, liegen zwischen einer halben Million und 75 Million Euro. In den Interviews befragt er die Vermögenden über ihre Erfahrungen mit dem Schenken. Wie erfahren sie es, „vermögend“ zu sein? Wie sind sie zum Schenken gekommen? Warum machen sie es überhaupt? Was hat das Schenken mit ihnen gemacht? Mit welchen Problemen werden sie dabei konfrontiert?

Aus der Bewertung der Antworten geht unter anderem hervor, dass das Besitzen von Geld „eine Machtdynamik“ entwickeln kann, die die Beziehung zu anderen Menschen stark prägt. Die Wirkung des Geldes wird als Teil der eigenen Persönlichkeit erlebt, in meinen Worten: Mein Vermögen (oder gerade „Unvermögen“) lässt sich in der Lebenspraxis nur schwer von meiner Persönlichkeit trennen. Die Wirkung meines Geldes vermischt sich mit der Wirkung meiner Person auf andere Menschen, auch wenn ich davon keine Ahnung habe, oder es nicht für wahr haben will.

Grundfalsch ist die Annahme, dass Geld eine rein objektive und quantitative Hoheit ausmacht, die sich mit „Zahlen und Figuren“ (Novalis) begreifen und ergreifen lässt. Im Geld wirkt ein mächtiges Wesen, das uns täglich überfordert, uns somit auf einer unbewussten Ebene fremd ansteuert. Mit der bewussten Akzeptanz dieser Tatsache, so vermittelt uns Andrea Valdinoci, öffnet sich tatsächlich ein neuer Lebensweg, der anfänglich recht abenteuerlich aussieht. In den nächsten Wochen werde ich über einige Stationen dieses Weges berichten.

29.04.2012

Liebe Ruthild, liebe Roswitha, lieber Henning, mein Beitrag...

…in der vorletzten Woche über „Anthroposophie als Hebel in der Geschichte“ hat in den Kommentaren eine Auseinandersetzung ausgelöst, die es so auf meinem Weblog noch nie gegeben hat. Einerseits wundert mich das im Nachhinein nicht, denn mein Text war sicherlich einseitig, unvollständig, vielleicht eben „zu schön“, wie der Kommentator „Henning“ es formulierte. Es stimmt durchaus, dass ich manchmal den Dichter-in-mir (Friedrich Schiller: „Alle Menschen werden Brüder“! Stimmt das eigentlich? Und: Wie lange wird das bitte noch dauern?) in den Vordergrund schiebe. Einfach gesagt: Ich fühle mich wohl, wenn der Dichter-in-mir spricht...

Es gab also gute Gründe, mich auf die Einseitigkeiten meines Textes hinzuweisen. Auch mich beschäftigt immer wieder die Neigung zu einer Beliebigkeit, die bereits ein paar Jahrzehnte lang versucht, die spirituelle Landschaft quasi aufzuheitern. Und ich bin mit „Henning“ einverstanden, dass man sich immer wieder – nicht nur gedanklich, sondern vor allem auch willentlich – abgrenzen muss. Harte Beispiele machen das deutlich, Stichwort Holocaust... Und ja, manchmal werden in der Waldorfbewegung pädagogische Sichtweisen vertreten, die auch meiner Meinung nach weit von ihrem Wesen entfernt sind.

Andererseits hat mich die Auseinandersetzung jedoch verdutzt, verdattert, ja, aus dem Lot gebracht. Es kostet mich Mühe, die Schönheit in der Debatte zu sehen, sie zu schätzen, aufrecht zu erhalten, nicht weil es eine Debatte ist (der Dichter-in-mir liebt Streitgespräche – und kennt nichts Schöneres als die göttlich-geilen Beschimpfungen in der Edda!), sondern weil in den Kommentaren an zwei Stellen von „Abschied“ gesprochen wird. „Henning“ schreibt: „Ich weiß gar nicht so recht, in welches Wespennest ich da gestochen habe und halte jetzt mal sicherheitshalber den Mund an diesem Ort zu diesem Thema. Streit sollte man vermeiden, wo er nicht unbedingt nötig ist. Hier ist er komplett unnötig. Ich hatte auf eine nachdenkliche Diskussion gehofft“.

Und „Roswitha“: „nun habe ich den (buchstaben-)salat, (…) also werde ich wie zuvor den laptop nur als schreibmaschine und informanten nutzen und lasse euch wieder unter euch...“ Für den Dichter-in-mir („Alle Menschen werden Schwestern!“) sind das harte Worte, die weh tun. Das Innehalten von „Henning“ kann ich halbwegs hinnehmen, der Abschied von „Roswitha“ macht mich traurig, gibt mir das Gefühl, versagt zu haben. Auf meinem Weblog, so sagt eine naive Stimme in mir, sollte man sich gerade nicht verabschieden wollen!

Was macht das Wespennest aus? Ich verstehe die Auseinandersetzung in den Kommentaren so, dass zwei Wahrheiten aufeinander prallen; die erste besagt, dass Beliebigkeit bequem ist, die zweite, dass festgelegte Urteile genau so bequem sind. „Henning“ findet meinen Text „zu schön“, weil ich die Schattenseite der Toleranz nicht erwähne, „Roswitha“ und „Ruthild“ folgen der zweiten Spur. „Roswitha“ formuliert das so: „bequem??? was ist bequem daran, wenn alles gleiche gültigkeit hat? und man sich darum nicht nur um das, was geschieht, sondern auch um das, was nicht geschieht, scheren muss?“

Eigentlich müsste es nicht schwierig sein, die beiden Sichtweisen als berechtigt anzuerkennen. Warum aber dann doch die Unruhe im Karton? Ich bin mit „Roswitha“ nicht einverstanden, dass die Verärgerung dadurch entsteht, dass wir nicht von Angesicht zu Angesicht argumentieren, sondern in der virtuellen Welt des Internets, also ohne die physische (und seelische?) Nähe. Die gleiche Szenerie kann sich auch an einem Tisch abspielen.

Ich kann in die Seelen der Beteiligten nicht schauen, höchstens die Frage stellen: An welcher wunden Stelle bin ich berührt worden? Die Reaktion des Kommentators „Henning“ hat mich verunsichert, weil auf einmal der Dichter-in-mir nackt und hilflos im Raum stand, ich fühlte mich wieder mal naiv, schwärmerisch, allzu hoffnungsvoll... Meine Wunde, so stellte ich direkt nach dem Lesen des Kommentars fest, liegt in dem Umstand, dass ich zwar unverschämt Liebeserklärungen abgeben kann, manchmal dabei aber ein bisschen „unrealistisch“ werde. Meine Stärke, so erzählte ich mir, liegt nicht im differenzierten Argumentieren, sondern darin, die tragischen Schönheiten des Lebens sichtbar zu machen.

Zu schön... Können Texte auch „zu wahr“ sein, oder eben „zu gut“? (Heidegger sprach ja von den „großen Drei“: dem Wahren, dem Schönen, dem Guten...). Ich glaube, das Texte erst dann Texte sind, wenn sie gelesen und verinnerlicht werden, und wenn sie dann wieder nach außen treten, wenn auf die Texte reagiert wird – in welcher Form auch immer. Manchmal tut so etwas dem Autor weh, die Schönheit des Vorgangs liegt jedoch gerade darin, dass er seine Texte abgeben kann. Mein Text wird Dein Text, Dein Text wird unserer Text.

Die Rezeption eines Textes gehört zum Text. Texte haben eine Biographie, die von den Lesern mitgestaltet wird. („Der Zauberberg“ von Thomas Mann ist längst nicht mehr „Der Zauberberg“, den er 1924 veröffentlicht hat, und ich bin sicher, dass das der Autor auch klar erkannt hat.) Die Schönheit einer Biographie geht immer mit kleinen oder großen Schmerzen einher. Und davon sollte man sich, so meine ich, nicht verabschieden.

22.04.2012

Unterwegs, jedoch irgendwie bereits eingetroffen

Das Kinderzimmer ist fertig, Wiege und Kommode stehen bereit, die ersten Klamotten sind gekauft, die Stoffwindeln ebenso. Irgendwann in den nächsten Wochen wird sie kommen, unsere Tochter, die bereits einen Namen hat, den wir allerdings noch nicht verraten wollen. Meine Lebensgefährtin Vanda und ich sind im Warten, sehr im Warten, das Warten macht im Moment die Hauptsache unseres Lebens aus. Sie ist natürlich bereits da, unsere Tochter, sie ist im runden Bauch ihrer Mutter, der nicht nur rund, sondern auch schwer geworden ist. Vanda wackelt wie ein Schwan über den Flur, sitzt verträumt auf dem Hocker in der Küche, umfasst sanft seufzend mit ihren Händen den gespannten Innenraum, der längst unübersehbarer Außenraum geworden ist. Manchmal meldet unsere Tochter sich. Was sie dann genau macht, ist nicht immer klar. Sie bewegt sich, kreiert von Innen aus zum Beispiel einen kleinen Buckel an der Bauchwand, wir versuchen dann festzustellen, ob sie gerade ihren Po dreht oder mit einem Fuß spielt. Und ja, wir haben deutlich bemerkt, dass sie nicht nur etwas macht, sondern auch mitmacht, sie reagiert auf unsere vorsichtigen Annäherungen, Martin Buber würde an dieser Stelle sagen: Sie ist bereits „dialogisch“ eingestellt. Sie ist also da, allerdings irgendwie doch noch im Kommen, ich meine: Sie ist noch nicht „irdisch“ da, zwischen ihrer Präsenz in mir – in meinen Gefühlen und Vorstellungen ist sie sehr prominent anwesend – und ihrer handfesten Körperlichkeit, etwa drei Kilo schwer, befindet sich eine glatte Wand, die sie schützt, bedeckt, noch verborgen hält. Sie lässt sich nicht sehen, nicht riechen, kaum hören, nur indirekt betasten. Ich habe in der letzten Zeit immer wieder versucht, in mir ein Empfinden dafür zu erwecken, was es heißt, in einem Mutterbauch zu sein. Wir alle waren einmal dort, nur die Aller-Aller-Allerwenigsten können sich an den Zustand erinnern, ich würde sagen: Das Leben hat es gerade so eingerichtet, dass wir uns daran nicht erinnern sollen. Das Sein im Mutterbauch ist alles, deswegen völlig unbewusst. „Alles“ ist uns grundsätzlich zu viel (bis wir sterben: Der Tod bringt „alles“ wieder zurück). Als wir in der letzten Woche das Gestell der hängenden Wiege zusammen schraubten (danke Martin, Du hast es vor mehr als dreißig Jahren für deine Kinder gebaut!) und die süßen Klamotten in die Schubladen legten, wurde mir auf einmal klar: Unsere anreisende Tochter hat bereits die Regie ihres Lebens in die Hand genommen. Nein, sie wollte die Wiege nicht parallel an der Wand stehen haben, sondern quer zwischen Fenster und Wand. „Warum quer?“, fragte ich. „Weil ich das so will“, meinte sie. Ja richtig, das Gestell passt genau zwischen Fenster und Wand, genauer könnte es nicht sein... Ich war in meinem Leben noch nie so intensiv auf bekannt Unbekanntes orientiert, vielleicht weil ich bereits 61 Jahre alt bin, vielleicht weil ich mich oft wie eine reife Melone fühle, vielleicht weil mir der Tod mittlerweile ein bisschen vertrauter ist – an dieser Schwelle fängt das Leben ja erst recht an. Ich war noch nie so subtil-fragil dialogisch eingerichtet, so offen für kleine Sachen, die groß sind, so bereit auf die kleinen Risse in der Haut meiner Seele zu schauen, dort, wo das vertiefte und unsichtbare Leben süß-sauer duftet, wo die unsichtbaren Farben nicht für die Augen sichtbar, sondern für die innere Ohren hörbar werden, wo Eigennamen nicht gesprochen, sondern gesungen werden. Sie ist bereits da, jedoch noch unterwegs, und bringt das große Leben mit, das es bereits gibt. Ich warte und warte nicht. Und immer wieder gehe ich in ihr Zimmer, schaue auf die Wiege und staune darüber, dass die quere Position gerade zwischen Fenster und Wand passt. „Warum quer?“ Sie wird diese Frage, so bin ich sicher, mit ihrem Leben beantworten.

17.09.2011

Kognitionswissenschaft. Über selbstbildende Ereignisse

Die souveräne Existenz des Selbst (oder des Ich) des Menschen lässt sich nicht einwandfrei positiv „beweisen“ oder negativ „verneinen“. In der Kognitionswissenschaft wird gerade das Letztere versucht. Daniel C. Dennet zum Beispiel meint in seinem Buch Philosophie des menschlichen Bewusstseins klar belegen zu können, dass das Selbstbewusstsein nichts Souveränes innehat, sondern eher als eine wilde Ansammlung von willkürlichen „Erzählungen“, die der Mensch sich selbst „erzählt“, um in dem biologisch-evolutionären Prozess zu überleben, zu verstehen wäre.

Und der Gehirnforscher John R. Searle kommt in seinem Buch Geist. Eine Einführung zu der Schlussfolgerung: „Zusätzlich zu einer Abfolge von Erlebnissen und dem Körper, in dem diese Erlebnisse stattfinden, gibt es nicht noch so etwas wie das Selbst. Wenn ich versuche, meine Aufmerksamkeit nach innen zu richten und eine Entität zu beobachten, die mich wesentlich ausmacht, dann finde ich [...] nur einzelne Erlebnisse. Da ist kein Selbst zusätzlich zu diesen Erlebnissen“. Dass wir trotzdem so etwas wie eine kontinuierliche Identität erleben, beruht laut Searle auf dem Umstand, dass wir uns an Erlebnisse aus der Vergangenheit erinnern können.

Es ist in diesem Text nicht meine Aufgabe, die philosophischen und wissenschaftlichen Überlegungen gegen die Existenz des Selbst zu widerlegen – ich wäre damit auch heillos überfordert. Ich kann aber ein Denkangebot machen, das zwar von Argumenten unterstützt wird, im Grunde genommen aber auf Erfahrungen beruht, auf Erlebnissen also, die, anders als Searle meint, nicht als „zusätzlich“ zu verstehen sind. Die Begegnung mit meiner Hoheit und mit den Hoheiten der anderen Menschen ist aus meiner Sicht ein Ereignis, das als Ereignis keine Begründung braucht, genau wie ein Kuss, ein Krieg, eine Geburt, ein Sterben, ein Blitz vom Himmel oder eine Begegnung mit einem anderen Menschen dies auch nicht braucht, um das zu sein was sie alle sind: Ereignisse.

Wie kämen Dennet und Searle übrigens ohne Ereignisse aus? Auch sie begründen ihre Sichtweisen auf Erlebnisse, die allerdings in einem bestimmten Rahmen angenommen oder eben gerade abgewiesen, beziehungsweise dekonstruiert werden, nicht weil sie aus irgendeinem Grund als Ereignis nicht überzeugen, sondern weil sie Unbehagen erzeugen.

Anders gesagt: Die Erfahrung des Selbst lässt sich in der Tat schwer denken und einordnen, das heißt, es lässt sich nicht mit anerkannten Mitteln der Wissenschaft in das theoretische Gebäude der Wissenschaft integrieren. Eigentlich würde es schon reichen von der Idee (nicht einmal der Existenz) des Selbst zu sprechen: Sie sprengt alle Rahmen. Sich allerdings von dieser Idee zu verabschieden, würde einfach heißen, dass auch das Buch von Dennet nur „Erzählungen“, die er sich selber zum Überleben erzählt, beinhaltet.

Sein stolzes Buch, mit dem stolzen Titel und dem stolzen Eigennamen würde lediglich die Illusion bieten, die er gerade versucht zu demontieren. Sein Buch als Ereignis beruht auf einem Widerspruch, einfach deshalb, weil auch Dennet nicht ohne selbstbildende Ereignisse auskommt.

10.09.2011

Götz Aly. "Warum die Deutschen? Warum die Juden?"

In seiner vor Kurzem erschienenen Publikation „Warum die Deutschen? Warum die Juden?“ versucht der Historiker und Politikwissenschaftler Götz Aly den Holocaust als eine Beziehungsfrage zu verstehen. Er geht der Thematik nach, was etwa ab 1800 zwischen den Deutschen und den Juden geschehen ist und beschreibt die Spannungen, die dazu geführt haben, dass im Dritten Reich sechs Millionen Juden umgebracht wurden.

Die Kraft des Buches liegt in seiner Einfachheit. Götz Aly begibt sich kaum in philosophische oder zeitgeschichtliche Überlegungen, verzichtet fast komplett auf „grundlegende“ Fragen über das Gute und das Böse, spekuliert nicht über weltanschauliche Hintergründe, sondern lässt einfach Tatsachen sprechen. Der Leser begegnet einem sauberen Historiker mit trockenen Fingern, der sich durch Hunderte von schriftlichen Quellen gearbeitet hat. Viel mehr als zitieren, macht Götz Aly im Grunde genommen nicht.

Ein paar Tatsachen reichen, um eine Vorstellung davon zu bekommen, was das Buch beinhaltet. „In Preußen“, stellt Aly beispielsweise fest, „lag der Anteil jüdischer Studenten (an den Universitäten. JvdM) 1886/87 bei knapp zehn Prozent, der Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung bei knapp einem Prozent“. Und: „In der Regel begannen Juden das Studium erheblich früher und studierten schneller als die christliche Kommilitonen“. Ein preußischer Statistiker bemerkt in diesen Jahren: „Die jüdischen Studierenden scheinen danach durchschnittlich mehr Befähigung zu besitzen und mehr Fleiß zu entwickeln als die Christen“.

Und in einem Inspektionsbericht des großherzoglichen badischen Bezirksamts über die Geschicke des südbadischen Gailingen: „Noch vor 40 bis 50 Jahren hatte die große Mehrzahl der Israeliten dem ärmeren Teil der Einwohnerschaft angehört“. Jetzt übertrafen sie die christlichen Bürger „bedeutend an Vermögen.“ Der Inspektor stellt fest: „Fast alle größeren Häuser sind im Besitz von Israeliten“. Die Handelskammer der Stadt Köln beschrieb bereits Anfang 1800 die jüdischen Bürger als „üppiges Schlingkraut".

Die Deutschen dagegen zeigten sich als langsam, konservativ, träge. Sie kamen mit den rasanten Entwicklungen in der Gesellschaft nicht mit. Sie waren „die Dümmeren“, die an einem „sich über sich selbst unklaren Gefühl“ litten (Ludwig Bamberger, 1880). Der Zionist Heinrich York-Steiner schreibt 1932: „Das deutsche Selbstempfinden ist das unsicherste aller großen Nationen Europas“. Die Deutschen bleiben in den traditionellen und ländlichen Verhältnissen hängen, die Juden steigen aktiv ins moderne und städtische Leben ein.

Das Ergebnis war Neid, der sich über Jahrzehnte in vielen Deutschen einnistete. Der Neid wurde – wie ein Hund – ein fester Bestandteil des deutschen Haushalts, wurde eigentlich nicht beachtet, auch nicht wenn er gelegentlich laut gebellt hat. Langsam wurde der Jude zur Karikatur: er ist nicht schlau, sondern listig, nicht fleißig, sondern gierig, nicht wach, sondern herrschend...

In meinen Worten: Der Neid machte die jüdischen Bürger zu Doppelgängern. Sie wurden nur noch als bedrohende Unwesen wahrgenommen, ohne Seele, ohne Biographie, ohne Berechtigung. Sie sind die Schatten der Deutschen geworden. Ich brauche an dieser Stelle nicht auszuführen, wie in den dreißiger Jahren die Nationalsozialisten das über Jahrzehnte entstandene Schattenreich instrumentalisiert haben.

In der Einleitung seines – sehr überzeugenden – Buches spricht Götz Aly von „der Frage aller Fragen“: „Warum ermordeten Deutsche sechs Millionen Männer, Frauen und Kinder, und das aus einem einzigen Grund: weil sie Juden waren?“ Übrig bleibt die Frage: Hat Aly nun mit seinem Buch diese schwerwiegende Frage beantwortet? Ich würde sagen: mehr als halbwegs, allerdings nicht vollständig.

Im Kern seiner Betrachtungen steht der Neid. Um individuell oder kollektiv mit den verheerenden Wirkungen des Neides umgehen zu können, werden erstens Selbsterkenntnis und zweitens Ideen und Begriffe gebraucht. Nicht der Neid alleine war das Problem, sondern auch die Tatsache, dass eine kleinliche weltanschauliche Gesinnung herrschte. In seinen Betrachtungen wird klar, dass im damaligen Deutschland eine sehr beschränkte Auffassung von - zum Beispiel - Freiheit herrschte. Die Deutschen trauten sich eine innere souveräne Freiheit nicht zu.

Wie ist zu verstehen, dass gerade in Deutschland, dem Land der idealistischen Dichter und Philosophen, der großen Ideen und Begriffe, diese Wirkung weitgehend verloren ging? Was hatte dazu geführt, dass dem Neid nicht eine klare Stirn geboten wurde? Mir scheint diese Frage noch immer frei im Raum zu schweben. Und vermutlich ist es so, dass wir gerade auf der gedanklichen Ebene, heute nicht viel weiter sind als damals. Götz Aly hat deswegen auch völlig recht, wenn er am Ende seines Buches schreibt: „Ein Ereignis, das dem Holocaust der Struktur nach ähnlich ist, kann sich wiederholen".

04.09.2011

Der ferne Freund

Er kommt vorbei, der ferne
Freund, Meister der Hauses,
stündlich immer wieder,
sein Rhythmus ist ein Takt
ohne Ende. Ich höre
seine Stimme nicht, er schweigt;
ich höre die Schlüssel,
die ihn begleiten, die Tür,
die er öffnet. Er geht
stündlich über den Hof,
wie ein Mönch, trägt
seine großen Wahrheiten
in seinem Gang, er hört
einen Gesang in seinen Ohren,
er ist sprachlos von Wahrheit.
Er geht an den Tonnen
vorbei, den Gelben, Grauen
und Blauen, hält inne, flüstert,
versteckt den Schlüsselbund
in seiner schweren Jacke,
hebt den blauen lachenden Deckel,
drückt den Karton nach unten
und murmelt: Klappe halten...

27.08.2011

Die Mülltonnen im Hof

Die Mülltonnen warten und
warten, die entschlossenen Deckel
sprechen leise blau und grau
und gelb, und eine lächelt,
sie wird von nassem Karton
ein bisschen aufgehüpft, sie
ist bereits unterwegs. Sechs
Tonnen warten und warten
im Hof, ihre Tage kommen
erst langsam: Dienstag und
Mittwoch und Donnerstag, grau
einmal in der Woche, gelb und blau
zweimal im Monat, der Rhythmus
ist Takt ohne Ende. Sie schweigen,
die Tonnen, sie müssen verbergen,
verhüllen, lügen, sie verteilen
was übrig bleibt in Plastik, Papier
und Restmüll, die Braune stinkt,
die Gelbe bleibt leicht, die Blaue
lächelt sich nach vorne. Ich denke:
sie stehen nicht im Hof, ich habe sie
in meiner Seele aufgestellt.

20.08.2011

Immer Regen im Sommer

Du, belebtes Dunkel,
Schatten im August,
du gleitest wie Wasser
in meine Wohnung,
bringst runde Fische
und schweigende Frösche,
du sprichst verhalten
über Hoffnung und lässt
die gelben und grauen
und blauen Mülltonnen
vertieft warten im Hof.
Ich lasse dich an mich
heran, deinen nassen Atem
auf meine Haut, und ich
suche deine Worte. Du sagst:
sei von deiner Zukunft
umgeben und getragen,
vom wartenden Fließen
deines Flusses, vom Wollen
der Liebe im Schatten.

13.08.2011

Samuel ist unterwegs (7). Ein naiver Schmetterling

Die Liebesfähigkeiten des Gottes meines Vaters waren beschränkt. Er war ein kleiner Gott, der auf der trockenen Ecke seines Universums ins Exil geraten war und deswegen meinte, sich ständig rechtfertigen zu müssen. Seine großen Taten lagen in der Vergangenheit: Die Schöpfung (hatte Er in sechs Tagen hingekriegt), die sprachliche Nachschöpfung namens Bibel (dafür hatte Er allerdings Generationen von Menschen gebraucht, die nicht verstanden, was Er geschrieben haben wollte), letztendlich der Tod am Kreuz, die Höllenfahrt und die Auferstehung im Grab (geschah in drei Tagen).

Der Gott meines Vaters war immer damit beschäftigt, den Menschen seine Vergangenheit zu erklären. Als Kind bin ich Ihm nie begegnet, ich vermutete damals, dass er einfach zu viel Zeit benötigte, um seine Archive ständig anzupassen. Und als ich meinen Vater fragte, warum unser Gott so viele Namen hätte – Gott, Herr, Messias, Jesus, Christus – meinte er: „Um solche Fragen zu beantworten, muss man Pfarrer werden. Möchtest du das?“

Ich mochte das nicht. (Es ist wohl wahr, hätte ich diesen Wunsch gehabt und wäre ihm nachgegangen: mein Leben wäre glänzend verlaufen. Ich hätte jegliche mögliche und unmögliche Unterstützung seitens meines Vaters gekriegt, er wäre mit mir gestorben, in die Hölle gefahren, strahlend auferstanden. Als deutlich wurde, ich war heftig dreizehn, dass ich mit meinem Leben eigentlich gar nichts anfangen wollte, höchstens Gedichte schreiben und Jazzgitarre spielen, wendete mein Vater sich von mir ab. „Gott kann dich nicht gebrauchen“, sagte er. Und Jahre später meinte er: „Du bist leider ein Künstler.)

Die Welt meines Vaters war bis in die kleinsten Details bekannt, überschaubar, bestimmt... Seine Geliebte, die meine Mutter war, flatterte wie ein naiver Schmetterling über alle Zäune hinweg, sie meinte nicht einmal, dass es die Beschränkungen nicht gäbe, sondern sie flatterte einfach ohne irgendetwas zu bemerken umher. Sie wurde jedoch hundert Mal, tausend Mal, zehntausend Mal eingefangen, und am Ende waren ihre dünnhäutigen Flügel kaputt. Sie saß in ihrem Wintergarten, neben ihrem blühenden Oleander, trank Tee und fragte: „Sammy, warum bin ich so müde?“ Und ich sagte: „Weil Du neun Kinder zur Welt gebracht hast“.

Meine Mutter... Ja, meine Mutter... In Arnhem war sie noch ein Schmetterling, ein duftig-farbig-unschuldiger Du-willst-mich-haben-kannst-mich-nicht-haben. Wenn ich abends stundenlang auf der Treppe saß und auf sie wartete – ich sehnte mich immer wieder nach Versöhnung – kam sie meistens nicht, und ich wusste: „Sie ist längst nicht mehr bei uns, sie hat sich in einen Nachtschmetterling verwandelt, ist in Mondlandschaften unterwegs, die ich nicht kennen darf, die mir verschlossen sind.“

Meine Mutter... Wir waren in Dieren, einer Kleinstadt bei Arnhem, und warteten am Bahnhof auf den Bus. Sie war wohl wieder schwanger. Sie stand neben mir, sagte: „Sammy, ich bin wieder so müde“, und sank zur Boden, ihre Flügel konnten sie nicht mehr tragen. Dort lag sie ausgestreckt, bewegungslos, wie tot – ich meinte tatsächlich, sie wäre tot – und mit meinem Adlerblick schaute ich auf ihren Körper weit da unten und stellte fest: „Irgendwie gehört sie nicht zu mir, weil sie immer wieder auf einmal verschwindet“.

Es war nicht schwierig meine fremde Mutter zu lieben. Es war auch gar nicht schwierig, ihr zu verzeihen. Irgendwie war sie bereits von Anfang an meine Tochter, ich meine: Die Verantwortung lag bei mir, nicht weil sie das von mir verlangte, sondern weil ich es so wollte. Sie konnte nichts dafür, dass sie ohne je gefragt worden zu sein, in einer Verschwörung eingebunden war, die eher meine Verschwörung war. Schmetterlinge und Verschwörungen gehören nicht zusammen. (Schmetterlinge wollen keine Geschichte schreiben.)

Vor fünf Jahren ist sie gestorben. Genau am Tag ihrer Beerdigung (in Utrecht) fing mein Herz an, sich zu wehren. Es konnte, wollte, durfte nicht mehr. Die medizinische Sprache sagt es so: Ein Herzinfarkt bahnte sich an, der Dichter in mir meint: Ich trauerte dem Schmetterling nach, trauerte allem nach, was nicht anders geht, als sich vergeblich wie ein Schmetterling zu verhalten.

06.08.2011

Samuel ist unterwegs (6). Wir wollten nicht warten

Ja, die Zeit war reif. Warten war nicht mehr möglich. Worauf sollte ich warten? Wenn man bereits unten angekommen ist, wo Wendung und Entscheidung nicht länger transparent sind und der Zug des Lebens, der Verwandlung, der Geschichte spürbar ist, kann man ohne Orientierung nicht mehr warten. Die Wahl zur zweiten Wahl ist keine Wahl.

Die Menschen, die meine unmittelbaren Menschen waren, hatten eine Spur ostwärts und am Ende dieser Spur ein Loch bis ins Innere der Erde hinterlassen, das mich anzog. Als ich auf die dunkle Stelle schaute, drohte ich mich zu verlieren, als ob etwas mich dahin verführen, mich dahin verschwinden lassen wollte – wäre ich dahin gegangen, hätte ich mich aufgeben müssen. Ich hätte nicht die Kraft gehabt, mich in meinen Sehnsüchten, Vorsätzen und Entscheidungen aufrecht zu erhalten.

Ich wendete meinen Blick ab. Nein, ich spreche heute nicht von der Trauer, die bei mir einzog, nicht von diesem Schatten, die mich seitdem begleitet, von dieser zum Nachsterben geneigten Gestalt neben mit, dieser braun-gelb-roten Herbstfigur, die den Dichter in mir weckte. Mit dem Abwenden meines Blickes – war dies ein Verrat? – rettete ich mich, traf ich eine Wahl, die mich betraf, mich bestimmte, mich neu erzeugte. In meinen Augenwinkeln ist das Loch allerdings noch immer da, muss meinen Kopf nur ein wenig wenden, um es zu sehen.

Mit Elegien und Requien bin ich vertraut. Nein, ich möchte heute nicht von der Trauer sprechen, weil sie mir viel bedeutet – ohne sie, so meine ich manchmal, gibt es überhaupt keine Bedeutungen, keine Wahrzeichen, keinen Sinn. Die Trauer in mir ist wie eine alte Landschaft, in der mir die Pfade, Quellen, Kapellen, Hügel und Kreuzungen bekannt sind. Nur die Gesamtheit der Landschaft ist mir eine Frage, die Einzelheiten sind mir fraglos nahe. Gilt es heute nicht, mich von dieser Landschaft zu verabschieden?

Damals wendete ich meinen Blick ab und sah den Fluss. Und über dem Fluss schien es Träume zu geben, Wolken-voller-Bilder, Wolken-voller-Beziehungen, Wolken-voller-Vorhaben, die sich in einem Gegenstrom über die breiten und ruhigen Wellen Richtung Südwesten hin bewegten, wie schwer beladene Schiffe, die andocken wollen. Die Ufer des Flusses waren jedoch leer und verlassen, ohne Ohren und Augen, hier und da standen großen Gebäude und Brücken, die kaputt waren, Häuser ohne spiegelnde Fenster. Und mir war klar: Die Träume gehörten zu einer ganzen Generation von Menschen, die nicht warten wollten.

Wir wollten nicht warten. In den Wolken-voller-Bilder war von rechts nach links ein Ereignis eingeschrieben, das stattgefunden hatte, als wir nicht mehr so ganz oben waren, als wir die Nähe des Lebens in Raum und Zeit bereits spürten. Eine leuchtende Gestalt, die sich in der Mitte des bewegenden und webenden Zusammenseins zahlreicher Wesen aufhielt, wurde auf einmal verdunkelt, ich empfand es so, als ob eine Sonne verdeckt wurde. Irgendwie spürten alle Wesen, dass mit der Verdunkelung ein Opfer verbunden war, ein Verzicht der leuchtenden Gestalt gerade auf seine strahlende Kraft und seine tragende Macht. Was Kern und Mitte war, wurde aufgegeben, wurde abgegeben, wurde zersplittert.

Und an der Stelle der Sonne erschien ein schwarzes Kreuz, das neue Koordinaten kreierte, neue Richtungen öffnete, sich bin ins Unendliche ausdehnte, und sich in allen Erscheinungen zu wiederholen schien, alles zum Kreuz machte. In dieser Räumlichkeit des Kreuzes – ich kann es nicht beschreiben: ein Kreuz als Raum – wurde alles auf einmal in größere oder kleinere Kreuze verwandelt, nicht übersichtlich geordnet (wie auf den militärischen Friedhöfen in der Normandie), sondern wirr mäandernd durcheinander (wie in einem Tanz).

Das große Kreuz ging in die Diaspora. Es setzte nicht mehr auf Kern und Mitte, sondern auf Umkreis und Peripherie. Es war bereit sich zu verlieren, um Einzelheiten und Nebensachen groß zu machen, um Tod und Auferstehung in allen Ecken des Lebens wirken zu lassen, um Wink und Wendung in jedem Detail zu ermöglichen. Und wir alle wussten irgendwie: Die Verwandlung konnte nur da unten vollendet werden, konnte nur in Raum und Zeit gelingen, nur dort, wo der Abgrund sich öffnet, und das große Schweben gelernt werden muss.

Und als ich auf das kleine Kreuz schaute, das sich in mir aufgerichtet hatte, traf ich meine zweite Wahl. Ich schaute wieder nach unten und sah einen Soldaten in Indonesien, der für seine Geliebte in Holland verzweifelte Tagebücher schrieb. Er war, ohne es zu wissen, unterwegs zu mir. Und seine Geliebte wurde dann meine Mutter.