Amares in Köln. Ein Ort für Transporter, Künstler, Mathematiker, Feuermacher und Spieler
Amares ist ein Ort für Kinder. Räumlich gesprochen besteht er aus einem ehemaligen Betriebshof der Stadt Köln im Kölner Stadtwald. Der Hof ist von einer Mauer umgeben, an der Seite stehen eine Reihe alter Garagen, die mit offenen Augen nach innen auf den Hof schauen, und ein kleines, gemütliches Gebäude, das einen Kindergarten mit zwei Gruppen von Kindern beherbergt. Mitten im Hof steht eine Linde, die sich bemerkbar über die insgesamt dreißig Kinder im Alter von etwa zwei bis fünf Jahren freut.
Amares ist Spanisch und bedeutet: Arten des Liebhabens. Als Amares vor zweieinhalb Jahren gegründet wurde, gab es drei pädagogische Leitsätze: Räume für Kinder schaffen, Zeit geben & als Erwachsene einfach aufmerksam dabei sein. Mittlerweile gibt es zirka zehn MitarbeiterInnen und eine ganze Truppe von Eltern, die täglich mit den Kindern im Raum und in der Zeit unterwegs sind.
Amares versteht sich als eine Einrichtung, die sich zwischen Natur und Kultur hin und her bewegt. Die Natur ist durch den Stadtwald reichlich vorhanden, die Kultur wird von den MitarbeiterInnen und Eltern gebracht – und von den Kindern, die bauen & planen & malen & untersuchen & Fragen stellen & immer wieder spielend unglaubliche Ereignisse erzeugen. Jeden Tag ist bei Amares so richtig etwas los.
Weil ich zum Gründungsvorstand gehöre, kriege ich immer wieder die wunderbaren Geschichten mit. Sie belegen, dass die Leitsätze sich bewahrheiten. Wenn Erwachsene es schaffen, mit ihrem „sanften Willen“ (Georg Kühlewind) unbefangen und wach bei den Kindern zu sein und mitzumachen, kreieren die Kinder selber jeden Tag wieder genau die Welt, die sie gerne haben. In Amares entfalten sich geniale Transporter, Handwerker, Konstruktionsarbeiter, Mathematiker, Künstler, Pfleger, Naturwissenschaftler, Sozialarbeiter...
Und auch die Erwachsenen können sein, was sie (nicht länger heimlich) auch noch sein wollen: Malerinnen, Photographinnen, Bauarbeiter, Schmiede, Feuermacher, Köchinnen, Spielerinnen... So etwas wie „reine“ ErzieherInnen oder PädagogInnen gibt es bei Amares nicht. Und vielleicht liegt dort das Herz von Amares: die sogenannte „Pädagogik“ ist ins Leben eingebettet worden. Man geht nicht morgens früh zu Amares um zu betreuen oder betreut zu werden, sondern um immer wieder neu ins Leben einzusteigen.
Das heißt aber nicht, dass es bei Amares nur Spaß und Freunde gibt, sondern auch Sorgen und Tränen. Ein Thema, dass immer wieder in den Gesprächen zwischen MitarbeiterInnen und Eltern auftaucht, wäre vielleicht noch am besten mit den Begriffen Dienstleitung und Gemeinschaft anzudeuten. Manchmal wird Amares als eine Einrichtung verstanden, die im Auftrag der Öffentlichkeit einer bestimmten Aufgabe nachgeht, nämlich zwischen acht und vier Uhr für kleine Kinder zu sorgen.
Manchmal aber wird Amares eher als eine Gemeinschaft verstanden – diesbezüglich wird wohl von einer „erweiterten WG“ gesprochen, oder eben von „einer Familie“. Vor allem am Nachmittag, wenn die Kinder abgeholt werden, bleiben manche Väter und Mütter noch eine Weile da, sitzen auf den Bänken und Baumstämmen, reden miteinander über dieses und jenes, schauen auf die Kinder, die sich gar nicht von ihren Spielen verabschieden wollen, oder sprechen mit den MitarbeiterInnen über die „pädagogischen“ Sorgen.
Die Präsenz der Eltern ist wichtig für die Kinder. Sie fühlen sich eingebettet in eine Truppe von Erwachsenen, die eine lebendige Beziehung zueinander haben – und auch wenn die Kleinen an den Gesprächen gar nicht beteiligt sind, sondern sich entschlossen den eigenen Vorhaben widmen, spüren sie die wohlwollende Aufmerksamkeit der Erwachsenen. (Und es tut so richtig weh, wenn der eigene Vater oder die eigene Mutter nicht in der Lage ist, noch eine Weile zu bleiben, zum Beispiel weil die Arbeit ruft.)
Für das Team wäre es manchmal einfacher, sich auf die konkrete Dienstleistung zu beschränken und die Eltern nicht nur wegzuschicken, sondern auch grundsätzlich weg zu „denken“. Wenn man über die Dienstleitung hinaus auch eine Gemeinschaft ermöglichen will – und dazu Räume schafft und Zeit gibt und dabei ist – entstehen persönliche Beziehungen zwischen Vätern und Vätern, Müttern und Müttern, Müttern und Vätern, ErzieherInnen und Väter-Müttern, die bekanntlich manchmal auch verwirrend werden. So ist das nun einmal mit menschlichen Beziehungen: sie haben eine Dynamik, die über die Regeln der Dienstleistungen hinaus geht.
Und dadurch entstehen manchmal Spannungen, die vor allem von den MitarbeiterInnen gelöst werden sollen. Sie müssen hinkriegen, dass das Frühstück zum Beispiel zumindest halbwegs pünktlich stattfindet, denn sonst bleibt für die Kinder keine Zeit mehr übrig, um in den Wald zu gehen. An dieser Stelle sind die Eltern und MitarbeiterInnen von Amares manchmal gespalten: einerseits ist das Verlangen nach Gemeinschaft groß, andererseits scheint es manchmal notwendig zu sein, das Leben nach einfachen Regeln zu gestalten.
Für diese Spannung, so meine ich, gibt es keine Lösung. Sich auf reine Dienstleistungen zu beschränken, bedeutet der soziale und pädagogische Tod. Sich allerdings uneingeschränkt auf die tausend Möglichkeiten des Liebhabens einzulassen, bedeutet Chaos. Die Lösung-die-es-nicht-gibt liegt in der Akzeptanz der Spannung als eine sinnvolle Polarität, genauso wie wir Tag und Nacht akzeptieren. Der Weg nach vorne ist ein Tanz.