10.05.2010

Bob Dylan und ich. Über einen kuriosen Twist of Fate

Als ich vor etwa fünfzehn Jahren einem meiner Söhne kurz vor einem Konzert von Bob Dylan in Utrecht erzählte, dass ich – ich arbeitete damals als Journalist – den tiefen Wunsch hätte, den großen Sänger aus den Vereinigten Staaten einmal zu interviewen, mir aber sicher wäre, dass es gar keinen Sinn mache, ihn über die offiziellen Wege zu kontaktieren, sagte mein Sohn zu mir: „Jelle, schreibe bitte auf einen kleinen Zettel worüber du mit Bob Dylan reden willst, ich werde deinen Wunsch weiterleiten.“

Zwei Tage meditierte ich und schrieb dann: „Dear Bob Dylan, I am a Dutch journalist and would like to ask you the question: what do you mean by The Queen of Space?“ (Mit der Königin des Raumes ist eine Gestalt gemeint, die in einer seiner Lieder auftaucht.) Und ich fügte meine Telefonnummer in Amsterdam hinzu. Obwohl ich befürchtete, dass er gerade diese Frage dumm finden könnte, konnte ich nicht darum umhin: es war für mich eine richtige Frage! Als wir dann in Utrecht im Konzert waren, wickelte mein Sohn den Zettel mit einem Gummiband um ein Feuerzeug und warf es auf die Bühne. „Jemand wird es finden“, sagte er, „und es vielleicht weitergeben“.

Nein, Bob Dylan hat mich nie angerufen und mein Wunsch ist noch immer nicht erfüllt. Die Aktion meines Sohnes hat aber meine Beziehung zu Bob Dylan grundsätzlich verändert und vertieft, erst einmal deswegen, weil die zwei Tage des Meditierens eine innerliche Nähe zu ihm erzeugten – es war, als ob das Gespräch schon angefangen hätte; und dann aber auch: weil mein Sohn auf diesen wunderbaren Gedanken kam, einfach ein Feuerzeug auf die Bühne zu werfen, entstand auf einmal die Möglichkeit eines Treffens. Ich konnte mir innerlich ausmalen, wie das gehen könnte: jemand würde das Feuerzeug finden, es Bob Dylan geben, er würde meine Frage lesen und denken: jemandem, der seine Hoffnung auf einen kuriosen Twist of Fate setzt, dürfte ich schon eine halbe Stunde meines Lebens schenken – wenn man seine Lieder kennt, weiß man, dass er so denken könnte.

Mein Sohn hat damals eine reale Möglichkeit, wie klein auch immer, arrangiert, weil er mich und Bob Dylan verstand und sich nicht in herkömmlichen Gedankengängen fesseln lies. Er öffnete ein Nadelöhr. Seitdem habe ich einige innerliche Gespräche mit Bob Dylan geführt, vor allem über die Eigenartigkeit, dass er in seinen Liedern manchmal große spirituelle Bilder verwendet, als Person an dieser Stelle aber sehr verschlossen wirkt, so, als ob er etwas fühlen kann, was er nicht in Gedanken repräsentieren und äußern will. Und freilich, da liegt die Verbindung zwischen ihm und mir: manchmal finde ich mich selber in dieser Position.

Ich würde sagen: Bob Dylan ist in meiner Innenwelt ein Gegenüber geworden.

Kommentare:

Maria Becker hat gesagt…

Genial & Herzoffen, davon zu berichten.
Dies ist für mich ein hoffnungsvolles Beispiel über Teile von seelischen Qualitäten, die wir(..dann..) mitnehmen werden!
Vielen Dank
Maria

Andrea hat gesagt…

Tiefen Dank für diesen Text, lieber Jelle.
Nicht nur für...(dann)... für jetzt, liebe Maria.

Joan hat gesagt…

Wenn Bob, oder Jelle, nicht l e b t was er sagt, singt dann taugt ES nicht.

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

Bob Dylan ist mir immer rätselhaft geblieben und er ist es immer noch, ganz anders als etwa Eric Clapton, ein Musiker der gleichen Generation, dessen wunderbare Balladen etwas in mir zum leuchten bringen.

Herzlich

Michael

Maria hat gesagt…

Um etwas mitnehmen zu können, muß man es (Jetzt) erst mal haben, liebe Andrea, da verstehen wir uns sicherlich ganz recht.
:-) + :-) + :-)
Eine Übung mit K schenke ich Dir dennoch jetzt schon einmal für alle Fälle!:

"Kandierte Künstler
kommentieren
kulinarisch
exkarnierten
Kammerkult."

terra canaillo hat gesagt…

(deutsj) Hallo! Erstens ein schöner und auch spannender text - könnte man für ein buch à la Nick Hornby verwenden.
Jetzt aber: ich weiß nicht ob, ich sag mal Du, dieses buch oder artikel oder sendung irgendwann begegnet bist - in der menschen über songtexten reden, die sie über jahre falsch verstanden haben, und daraus eine eigene semantik entwickelt haben. Da gibt es die abstrusesten und lustigsten sachen. Jeder hat so etwas auch schon selbst erlebt. So waren bei mir The Beatles mit I Want to Hold your Hand, da wo 'Inside' gesungen wird, 'in Sahar', irgendwo zwsichen kamelen. Ein frühe einlage richtung Uribistan. Es wäre gut zu wissen wo du The Queen of Space bei Dylan gefunden und gehört hast. Ich vermute, du hast aus The Queen of Spades (Pik-Königin, NL: Schoppen) eine Raumkönigin gemacht.
Zwei alben von Dylan finde ich bis jetzt noch immer ganz oben stehen: 'Blonde on Blonde' und 'John Wesley Harding'. Auf Blonde on Blonde gibt es das wunderbare lied 'I Want You', was man interpretieren kann als ein schrei nach einer liebe, die verloren zu gehen droht. Und dort tritt dann die Queen of Spades auf, zu ihr kehrt der erzähler zurück:

'...Well, I return to the Queen of Spades
And talk with my chambermaid.
She knows that I'm not afraid
To look at her.
She is good to me
And there's nothing she doesn't see.
She knows where I'd like to be
But it doesn't matter.
I want you, I want you,
I want you so bad,
Honey, I want you.'

So was kennt man doch als mann. :-)
Aber führen wir diese geschichte zu einem guten ende: Dylan bekommt das feuerzeug, er steckt es in seiner tasche, und erst viel später, im hotelzimmer, er möchte eine zigarette rauchen, holt er es hervor. Er sieht das papierchen, möchte es erst wegschmeißen (denkt, wieder jemand der etwas von mir will), aber schließlich faltet er es auf. Queen of Space liest er, was, Queen of Space? Er geht in gedanken seine texte seit 1960 durch. Bilder kommen hoch, sowohl von leichtbekleideten tigerfelldamen in minzfarbenen 50'er riesenschlitten, als von Maria im blauen mantel im unendlichen raum stehend. Er lacht, er steckt das zettelchen weg. Queen of Space, not bad, denkt er, irgendwann findet sie auch ihren platz in meinem gestalten-pandemonium. Und diesen typen,der das geschrieben hat, den rufe ich irgendwann an...

Übrigens: beim berüchtigen googeln im internet, mit Dylan and the Queen of Space, gibt es nur den eintrag von einem gewissen J. van der Meulen.

Lieben gruß von Joseph Canaillo

Michel Gastkemper hat gesagt…

Lieber Joseph,
Phantastischer Eintrag! (Oder Beitrag?)
Herzlich,
Michel

Anonym hat gesagt…

An Joseph: Herrlich!
S.St.

Anonym hat gesagt…

an Jelle:
wie schön, Kinder zu haben!
S.St.

Jelle van der Meulen hat gesagt…

Lieber Joseph Canaillo, Queen of Spades... Wie lange denke ich nicht schon: Queen of Space... Hartneckig falsch gehört. Doch die falsche Frage? Danke sehr, Jelle

Sophie Pannitschka hat gesagt…

Wunderbare Enthüllung!

Ich grüße mit Walter Benjamin und seinem Sprachaufsatz:

"Das sprachliche Wesen des Menschen ist seine Sprache. Das heisst: Der Mensch teilt sein eigenes geistiges Wesen in seiner Sprache mit."

Auch W.B. hat in seiner "Berliner Kindheit um 1900" wunderbare Sprachverwicklungen dargestellt...

Die Markthalle war für den Erzähler die Mark-Thalle, die Muhme Rehlen die Munnerehlen, aus der gnädigen Frau wurde die Näh-Frau, aus einem Kupferstich ein Kopf-verstich, die Steglitzer Straße in Berlin mutierte zum Herrschaftsbereich des Vogels Stieglitz und vieles mehr.

Interessant wäre es jetzt mehr darüber zu erfahren, welche Fragen, Gefühle und Bilder in dir bei der "Königin des Raumes" entstanden sind.

Herzlich, Sophie

Anonym hat gesagt…

Queen of spaces
living in shades of shadows,
between meadows of time,
floating through waves of rhythm
and rivers of unconscious rhyme.
You took my memory on a spade
and turned the cards of fate
like a dime gone to waist
like a word transposed
on the stage of my mind.

herzlich
Huub

Jostein hat gesagt…

Diese Sprachverwicklungsgeschichte mit Jelles biographischem Vorspann und Josephs Enthüllung und fiktive Fortsetzung finde ich würdig der "Königin des Raumes" (ich musste hierbei auf Manfred Schmidt-Brabandts Jahrestehmen für die AAG der 90er Jahre denken - einer davon galt das sogenannte Mysterium des Raumes) sowohl der "Pik-Königin" unter den klassischen Karten.
Vor einigen Jahren als meine älteste Tochter beim Waldorfabschluss in Stockholm ihren Rock-Lieder-Abend vorbereitete, las ich Bob Dylans ungewöhnlich offenherzige (er vermeidet ja sonst meistens alle Interviews) Autobiographie auf Schwedisch und erzählte ihr von diesem einmaligen musikalischen Meister.
Die deutsche Ausgabe von 2004 wird hier beschrieben:
http://www.hoffmann-und-campe.de/go/f445a286-508b-af43-91c8cf0872708a28

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

Manfred Schmidt-Brabandt ist sicherlich ein Thema für sich - aber ich bleibe dem Prinzip treu, wonach man über Tote nicht schlecht reden soll...

Bob Dylan's Autobiografie ist aber sicherlich die Lektüre wert und ich danke hiermit Jostein ausdrücklich für diesen Hinweis.

Herzlich,

Michael Heinen-Anders

Jelle van der Meulen hat gesagt…

Lieber Michael, wenn man über Toten nicht schlecht reden soll, soll man auch nicht suggerieren, dass es etwas Schlechtes zu sagen gäbe... Damit kreiert man nur Gespenster. Fand es übrigens schön die Welten von Bob und Manfred mal in einem Kommentar zusammen zu haben. Manfred hatte mit Rock gar nichts am Hut. Als ich ihm einmal von meiner Leidenschaft erzählte, sagte er traurig: "Unbegreiflich!" Herzlich, Jelle

Murat Tchundyk hat gesagt…

Dearest lovely Jelle!
I ama not Bob Dylan but you canna interview me, ifa you lika.
His Holine$$
Murat Joy Tchundyk

Jelle van der Meulen hat gesagt…

Dear Murat Joy Tchundyk, how can I contact you? Email? Jelle