12.04.2010

Wie viele Freunde habe ich? Die Freundschaft als Frage

Mich bewegt die Frage der Freundschaft. Sie ist eine fröhliche Frage, die allerdings bis zum heutigen Tag noch nicht zu eindeutigen Antworten geführt hat. Was ist Freundschaft? Und welche meiner Beziehungen könnte ich als Freundschaften bezeichnen? Vielleicht ist die Frage gerade deswegen so fröhlich & heiter, weil sie sich nicht an die Wand nageln lässt.

Ich behaupte, dass die Frage-als-Frage aber schon eine heilsame Wirkung hat. Mit ihr ist nicht nur ganz gut zu leben – sie ist wie eine Gesellin, die ständig auf erfreuliche Sachen aufmerksam macht – sie heilt darüber hinaus auch Wunden. Sie macht nämlich deutlich, dass die Idee der Freundschaft eine Vollkommenheit beinhaltet, die im alltäglichen Leben nur selten in Erscheinung treten KANN. Was im Leben unvollkommen ist, bekommt im Licht der Freundschaft eine Berechtigung.

Mit der Freundschaft werden seit Aristoteles eine lange Reihe von Tugenden & Haltungen & Zielen verbunden. Alleine die Auflistung der entsprechenden Begriffe zeigt, dass die Frage der Freundschaft im Grunde genommen die Frage der Philosophie ist. (Das meint Jacques Derrida in seinem Buch „Politik der Freundschaft“). Es gibt keine großen Ideen, die den Diskurs der Freundschaft nicht irgendwie einbeziehen.

Freiheit, Gleichheit & Brüderlichkeit. Vertrauen, Achtung & Liebe. Wahrheit, Ehrlichkeit & Lüge (Nietzsche: „Ohne die Lüge keine Freundschaft“!), Anfang, Dauer & Trennung, Nähe & Distanz, Selbstbestimmung & Fremdbestimmung, Takt & Verständnis, Ich & Du (und der Dritte!!!), Sprache... Die Freundschaft ist nicht nur eine private Sache, sondern eine umfangreiche Baustelle, auf der alle großen Fragen des Zusammenlebens aktiviert werden.

Schon Aristoteles machte darauf aufmerksam, dass die meisten Beziehungen, die wir als „freundschaftlich“ bezeichnen, im Grunde genommen nur Analogien sind, das heißt: wir nennen sie so, weil sie der Freundschaft ähnlich sind, im Grunde genommen aber nicht einmal einen Anspruch auf Vollkommenheit haben. Eine Freundschaft – Aristoteles klingt an dieser Stelle fast wie Plato – kann keine Freundschaft sein, ohne wenigstens den Anspruch auf Vollkommenheit zu haben. Der Versuch das Unmögliche zu erreichen, ist ein Merkmal von Freundschaft.

Die Freundschaft – man soll das nie aus den Augen verlieren – ist eine Form der menschlichen Beziehung. Letzte Woche habe ich auf diesem Weblog eine „ästhetische“ Liste von Beziehungsformen veröffentlicht, die auf einen Schlag sichtbar macht, wie vielfältig es sich mit unseren Beziehungen verhält. Und nicht nur vielfältig, sondern auch verwirrend & unüberschaubar. Die Frage der Begriffe der menschlichen Beziehungen ist wie eine Ansammlung von Wolken, die weit oben an uns vorbei ziehen & sich ständig ändern.

Wie viele Freunde habe ich eigentlich? Der Philosoph Kant meint, dass im Prinzip alle Menschen auf der Erde meine (potentiellen) Freunde sind. Er verbindet das mit zwei Begriffen: dem Begriff der menschlichen Gattung (wenn man die Gattung liebt, liebt man alle Menschen) und dem Begriff der Brüderlichkeit (alle Menschen sind voneinander irgendwie abhängig). Hat aber diese Idee der Aufklärung (Beethoven: „Alle Menschen werden Brüder!“) wirklich etwas mit Freundschaft zu tun?

Ich glaube nicht. Ein Freund braucht einen Eigennamen. In diesem Sinne gibt es nur DEN Freund oder DIE Freundin, der oder die mit seinem oder ihrem Vornamen anzusprechen ist. Wie viele Eigennamen gibt es also in meinem Leben, die ich mit dem Begriff der Freundschaft in Verbindung setzen müsste? Ich schreibe „müsste“, vielleicht müsste ich aber eher könnte oder dürfte oder wollte... schreiben. Ja, mit dieser Frage – geht es darum was ich diesbezüglich soll oder darf oder will oder kann? – kommt die Frage der Freundschaft so richtig in Bewegung.

Ich lasse es für heute bei dieser Frage: wie viele Eigennamen darf ich mit der Idee der Freundschaft verknüpfen? Das Dürfen scheint mir eine Bedeutung zu haben, die sich auf die Wahrheit bezieht (was darf ich der Wahrheit nach sagen?) und eine, die sich auf das Einvernehmen der anderen Person bezieht (ist sie damit einverstanden, dass ich sie öffentlich als MEINEN Freund bezeichne?). Mit diesen zwei Präzisierungen wird es halbwegs möglich, die Frage nach der Zahl der Freunde zu beantworten.

Ich habe gezählt, bin mir zwar immer noch nicht ganz sicher, meine aber, dass ich zwischen fünf und zwölf Freunde habe. Von fünf bin ich mir in Bezug auf die Wahrheit und das Einvernehmen ganz sicher, von sieben muss ich sagen: da gibt es noch einiges zu untersuchen und nachzufragen. Ich meine nicht, dass die ersteren fünf Freundschaften vollkommen sind – das sind sie nicht. Man könnte höchstens sagen, dass ihre Vollkommenheit darin liegt, dass die Unvollkommenheit einen gegenseitig akzeptierten Bestandteil der Beziehung ausmacht.

Kommentare:

wim maas hat gesagt…

Lieber Jelle,

Manchmal können die Lauten der Wörter etwas Wesentliches offenbaren. Schön finde ich es dat Freund dieselben Anfangsbuchstaben hat wie Freude und Freiheit und auch bei Frische bemerkt man die F und die R.
F ist ein Konsonant mit starkem Verbundenheit mit dem Atem. Atem hat immer zu tun mit Anfang und Ende.
R ist ein Konsonant der stark verbunden ist mit dem Rythmischen in uns.
Vielleicht können die Lautqualitäten auch behilflich sein beim suchen nach Freundschaften.
Ich gratuliere dich mit der Anzahl
von 5 bis 12 Freunde.
Wim Maas

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

WAHRE FREUNDE

Wahre Freundschaft wiegt mehr
als Gold.

In Wag- und Fährnissen bleiben
Freunde Dir treu.

In den fetten Jahren ist die
Freundschaft lau.

Wahre Freunde schätzt Du
in der Not.

(Michael Heinen-Anders)

Anonym hat gesagt…

Lieber Jelle,
Für mich gibt es auch Freundschaften, die wahre Freundschaften sind, aber doch mehr oder minder unsichtbar bleiben; manchmal auch solche, die ich öffentlich nicht benennen würde, oder mich nicht getraute,und sie dennoch in meinem Innern als tiefe Freundschaft verstehe. Somit bin ich nicht auf die äußere Art der gegenseitigen Zustimmung angewiesen, um in mir diese Freundschaft als tiefe Wahrheit zu spüren, als eine Realität wahrzunehmen, die der äußeren Zustimmung nicht bedarf. Manchesmal als Lebenswirklichkeit, z.B. durch Entfernung, sehr verschiedene Lebensumräume etc.,nicht möglich ist.
Freundschaft auch, die sich scheinbar auf nichts oder wenig aus diesem Leben begründen läßt und dennoch da ist.
...
Von mir kann ich behaupten: ich bin Dein Freund.
Kann, darf ich auch behaupten: du bist mein Freund? - Ich für mich kann sagen: ja. Ob der andere, das Du, das dann für sich auch so spürt,dem zustimmt, weiß ich nicht. und dennoch ist es für mich wahr.
herzlich, S.St.

Ruthild hat gesagt…

Lieber Jelle!
Ich freue mich darüber, wie Du jetzt über Freundschaft schreibst. Ja, wirkliche Freunde sind mit Idealen verbunden, tragen in sich ein Ideal von Freundschaft oder, was mit anderen Worten dasselbe sagt, hohe Engelwesen inspirieren und befeuern die Beziehung.
Ich habe auch das Gefühl, dass echte Freundschaften oft nicht gut eine Öffentlichkeit vertragen. Die Öffentlichkeit macht sehr angreifbar.
In herzlicher Freundschaft
Ruthild

Anonym hat gesagt…

Zeige mir Deine Freunde und ich sage Dir wer Du bist.

Anonym hat gesagt…

Lieber Jelle,
wer von uns ist vollkommen? - Freundschaft entsteht durch irgendeine Gemeinsamkeit, man lernt sich näher kennen und es entwickeln sich Wertschätzung oder sogar freundschaftliche Liebe zum anderen Menschen. Ihre Probe besteht eine Freundschaft, wenn sie bestehen bleiben kann, auch wenn der Freund in Gedanken oder Empfindungen Wege gehen will, die man selbst nicht mitgehen kann.
Viele Grüße, Barbara 1

Andrea hat gesagt…

Also lieber Jelle als ich diesen Artikel las da dachte ich so "hüpfig" und spontan wie ich bin also "von mir aus kannst du mich nennen, bezeichnen als was und wann immer du willst. kannst aus deiner ästhetischen Liste noch so phantasievolle Benennungen holen und erfinden. Bei allen Freundschaftslisten und Namensnennung und Bedeutungsgrenzen, die wichtig sind, ist das eine Herzensbewegung, die so ist wie sie ist.

Jelle van der Meulen hat gesagt…

Liebe Andrea, um dich zu "benennen" brauche ich ein Wort, dass es gar noch nicht gibt!!! Aber ernsthaft: ich versuche zu verstehen, was wir meinen, wenn wir von "Freunden" oder "Bekannten" oder "Gefährten" usw sprechen. Mir geht es gar nicht darum meine Beziehungen zu benennen oder eben sprachlich festzulegen. Und dazu: jede Beziehung ist einzigartig. Einen Gruß aus Köln in die Schweiz... Herzlich, Jelle

Andrea hat gesagt…

Ja, danke Grüsse aus der Schweiz nach Köln!

Anonym hat gesagt…

Hallo.
Ich mochte mit Ihrer Website jellevandermeulen.blogspot.com Links tauschen