24.06.2012

Die Selbstregulierung unserer Tochter. Über das Schreien der Kleinen

Sie hat geschrien und geschrien. Stundenlang. Ihr Schreien hat nichts daran geändert, dass sie süß ist. Auch wenn sie zornig war – ihr Köpfchen rot, ihr kleiner Mund Ausdruck des äußersten Wollens – blieb sie das schönste & liebste & teuerste Mädchen auf der Welt. Wir wussten nur nicht, was los war und waren deswegen verzweifelt und ratlos. In der weiten Welt gab es nur noch eine dringende Frage, die uns wirklich interessierte, nämlich: Wie kann sie Ruhe finden?

Wenn Säuglinge schreien, schreit alles. Sie schreien mit Händen und Füßen, mit geballten Fäustchen, eben die Haare auf dem Köpfchen scheinen voll mitzumachen, sie bewegen sich zwar nicht, drücken jedoch schweigend einen Weltzorn aus und sehen wie die Friseur einer gewaltigen Kaiserin aus. Die ganz Kleinen sind reiner Wille – vor allem durch ihr Schreien wird das unverkennbar ersichtlich.

Und in uns schreit alles mit. Ich erzähle mal von mir. Wenn sie schreiend in meinen Armen liegt, kann ich mich von ihrer Verzweiflung nicht abgrenzen, die zwingenden Töne aus ihrem süßen Mund erreichen sofort meine Knochen, gehen bis in den dunkelsten Ecken meiner Seele, wühlen mich auf wie ein absolutes Gedicht von Dylan Thomas („Do not go gentle into that good night/ rage, rage against the dying of the light“).

Vielleicht – ja: vielleicht! – gibt es eine Stelle, die von diesem Schreien frei bleibt, die sich irgendwie souverän handhaben kann, die sozusagen aufmerksam dabei bleibt, ohne sich in den Schrecken zu verlieren. Ich meine sie manchmal in dem Blick meiner kleinen Tochter gefunden zu haben, in ihren Augen also, die beides machen: Sie schreien mit (und wie!) und sie schauen gleichzeitig auf das Geschehen wie aus einer höheren Warte. Etwas in dem Blick wird vom Schreien zwar berührt, jedoch nicht verführt.

Und seltsam, nun ja vielleicht – vielleicht! – spinne ich nur. Ich habe allerdings den Eindruck, dass der ferne & nahe Beobachter in meiner Tochter nicht nur auf das Schreien schaut, sondern auch auf mich, er sucht mich auf, hofft unbedingt darauf, dass Kontakt entsteht, dass wir sozusagen auf einer hohen & stillen & heiligen Ebene „zusammenarbeiten“, vielleicht besser gesagt: Uns einfach zusammen tun. (Johann Sebastian Bach: „Wir setzten uns mit Tränen nieder.“) Und wenn ich diesen souveränen Blick in mir zulasse, passiert ein Wunder: Ich finde die Ruhe, die meine Tochter beruhigt...

Die erste Diagnose lautete: Dreimonatskoliken. Damit sind Blähungen gemeint, die die ersten Monate eines neuen Lebens so richtig versauen können. Mittlerweile hat diese Diagnose sich jedoch bei unserer Tochter als falsch erwiesen, eher ist wahrscheinlich, dass umgekehrt die Blähungen durch das Schreien entstehen. Ein relativ neuer Begriff im medizinischen Denken trifft vielleicht – ja, vielleicht, was wissen wir eigentlich sicher? – besser zu, er nennt sich „Selbstregulation“.

Und damit ist gemeint, dass unsere Tochter damit beschäftigt ist, ihren kleinen & schönen & zerbrechlichen Körper (oder müsste ich gerade sagen: ihren weisen & starken Körper?) fürs irdische Leben zurechtzurücken. Sie reguliert ihren Körper selbst, ist dabei, das Eine und das Andere noch einzurichten, was offenbar auch Seiten hat, die weniger angenehm sind. Und das Schreien – so könnte es sein – hängt einerseits damit zusammen, dass die Arbeit unangenehm ist, ruft andererseits aber die „höheren“ Kräfte herbei, die dafür gebraucht werden.

Wir beide, Vater und Mutter, sind durch das Schreien so richtig an unsere Grenzen geführt worden. Es gab Momente, da lagen die Nerven blank. Es sieht im Moment so aus, dass mit Hilfe von Osteopathen, Kinderärzten und Hebammen, Medikamenten und Ritualen, Spaziergängen im „Slendang“ und interessanten „Tricks“ (darüber vielleicht ein nächstes Mal mehr) die Lage sich ein bisschen beruhigt hat. Das Schreien ist nicht ganz vorbei (muss auch nicht), die Verzweiflung ist jedoch mehr als halbwegs verschwunden.

Auf der Erde anzukommen, ist ein großes Ding. Unsere Tochter Ilana hat es mal wieder gezeigt: Auf der Erde voll präsent und geistig tätig zu sein, ist keine Selbstverständlichkeit. Ganz viel Selbstregulation ist von Nöten, und ganz viel Liebe, die offenbar in unseren Knochen schlummert und geweckt werden muss. Und ganz sicher ist wahr: Ohne ein praktisches Wissen vom Leben läuft überhaupt nichts.

10.06.2012

Samuel und Sammy. Über Geld und Angst vor der Macht

Samuel: „Wie kann es wahr sein, dass wir Menschen jeden Tag von Geld reden, manchmal so einfach nebenbei, so wie: 'Wie viel Geld brauchst du heute?' oder 'Wie viel Geld kostet eine Bahnfahrt von Köln nach Trier?' oder 'Mir ist das Geld ausgegangen' – ohne offenbar zu begreifen, was Geld eigentlich ist?“

Sammy: „Du brauchst nur der Frage nachzugehen, warum Vögel ohne Geld auskommen.“

Samuel: „Bitte...“

Sammy: „Bitte was?“

Samuel: „Vögel können nicht denken.“

Sammy: „Du hast gerade gemeint, dass die Menschen nicht über Geld denken können. Und so ist es auch: Geld beruht auf einer Idee, die die Menschen überfordert, wie manche andere große Ideen auch...“

Samuel: „Geld ist eine Idee?“

Sammy: „Würde ich sagen, ja...“

Samuel: „Und was beinhaltet die Idee?“

Sammy: „Ideen beinhalten nichts. Sie sind keine Flaschen. Ideen sind Türen, sie öffnen Räume, wecken Perspektiven, vergegenwärtigen eine geistige Geographie, sind Bestimmungen, die längst noch nicht erreicht worden sind.“

Samuel: „Ein Tauschmittel ist Geld nicht, das ist mir klar.“

Sammy: „Geld war nie ein praktisches Instrument. Rein praktische Instrumente existieren nicht, auch ein Hammer ist weit mehr als ein Hammer. Von Anfang an steckte der Teufel in diesem Zeug, nicht nur im Geld. Aber du weißt, auch der Teufel ist weit mehr als der Teufel“.

Samuel: „...“

Sammy: „Von rechts nach links gesehen, sieht Geld wie ein Glaube aus, an den Macht gebunden ist. Die gigantischen Geldblasen repräsentieren immaterielle Hoffnungen, von denen die Menschen sich längst verabschiedet haben, weil sie ihnen nichts zutrauen, sie nicht einmal mehr kennen. Auf Bankkonten werden Glaube und Hoffnung eingefroren. Das Problem liegt nicht im Geld, sondern in der unsichtbaren Macht.“

Samuel: „Du meinst, die Menschen verzichten auf Macht?“

Sammy: „Genau. Mit Geld sollte man etwas tun, immer etwas tun... Sparen bedeutet gerade: jetzt nichts tun. Die Handlung wird in der Zeit nach vorne verschoben, und damit auch die Hoffnung. Es gibt in jeder Gegenwart immer etwas zu tun. Menschen sparen nicht, weil sie Sicherheit brauchen, sondern weil sie Angst vor der Macht-im-Jetzt haben. Vögel haben diese Angst nicht, deswegen brauchen sie kein Geld.“

04.06.2012

Nach Deiner Geburt


Ich bin verstummt.
Mir sagt die Welt
zu viel. Ich heiße
willkommen ohne
Abwehr, ohne Text.
Hände & Ohren &
Lippen sind wach,
ich sage euch: sind
Haut des Lebens. Sie
blühen ohne Schmerz,
still und gewaltig.

Ich bin verstummt.
Aus einer Weite
kommt Dein Blick. Ich
kenne sie, die Breite,
die Du mir bringst,
sie dehnt sich aus, zieht
sich zusammen, heißt
Hierarchie & Ewigkeit &
Liebe – ich wüsste gerne,
wie diese weiße Macht,
politisch werden könnte,
Kraft in klaren Köpfen.
Aber die Weite ist weit,
die Breite ist breit,
die Tiefe ohne Sprache.
Die Köpfe sind zu laut.

Du schreist und schreist.
Du brichst aus, Du schreist
Dein Leben in meine Ohren,
es hält dort zusammen,
wie eine Blume, die gerade
noch keine Farbe hat,
weiß ist wie Unschuld,
deswegen politisch, jedoch
unerhört, jedoch nicht gehört,
jedoch in seiner Pracht
ungestört. Dein Saugen
ist weit und breit und tief,
Übergabe & Rückgabe
in Einem. Ich wüsste gerne,
wie Deine Zuwendung
die Dummheiten auflösen,
das Stumme & das Stille &
das Nichts wecken könnten.
In Deinem Blick schaut Gott

27.05.2012

Mal wieder die Vögel zu Pfingsten

Mal wieder die Vögel:
sie sind überall. Die Tauben,
versunken in uralte
Wiederholungen, sie sagen
immer das gleiche aus – ich
habe es vergessen, ich suche
den Klang in meinem Körper,
ich finde ihn nicht... Die Amseln
gestern noch und heute Morgen:
sie waren da, als ich ein Kind war,
sie singen noch immer
von Abschied und Anfang, sie
hüpfen über die grüne Wiese
an mir vorbei, sie wissen:
mal wieder die Vögel... Die Elstern,
noch immer zwei, arbeiten oben
auf den scharfen Rändern der Dächer,
brutal öffnen sie da das Blau
des Himmels, überlassen mir unten
die kleinen Worte... Das Rotkehlchen
ist alleine, wie immer alleine, es hat
kleine Räume um sich versammelt,
etwa tausend, ist hier kurz zu Hause,
dort kurz zu Hause, jetzt im Strauch
direkt neben mir. Es guckt mich an,
nimmt mich auf, nimmt mich mit
zum nächsten Baum... Von weit
kommt der Eichelhäher, aus Belgien
meine ich, er landet ausgeglichen
in dem Holunderstrauch, sitzt und ruht,
bringt Botschaften aus der Ferne,
die ich gerade noch verstehe... Mal
wieder die Vögel zu Pfingsten,
ohne Worte, wie immer. Sie weben
Verlorenes um mich herum.

19.05.2012

Gemeinschaft feiern. Über eine Party in einem Kinderhaus

Es ist Donnerstag, früh, Himmelfahrt. Ich sitze auf der Terrasse unserer Wohnung in Köln, die Sonne scheint, die Pfingstrosen im Garten neigen sich dunkelrot und voll zur Erde, die Vögel „twittern“, die vorbeifahrenden Züge geleiten meine Gedanken nach Bonn, Gerolstein und Frankfurt... Die Welt ist heute weit und offen, jedoch auch klein und vertraut.

In der Welt bin ich bei mir. Was mich heute vor allem bewegt, sind zwei Gegebenheiten. Erstens ist da die überwältigende Tatsache, dass ich vor einer Woche Vater geworden bin. Unsere Tochter Ilana ist noch winzig klein, sie bestimmt jedoch rund um die Uhr das kleine-große Leben zwischen den Pfingstrosen, den Vögeln und den Zügen. Es scheint mir so zu sein, als ob sie bereits eine Ewigkeit bei uns ist. Gab es eigentlich eine Zeit, in der sie noch nicht da war?

Und dann ist da zweitens die Tatsache, dass nächsten Samstag das Kinderhaus in Aachen so richtig feiern wird. Ich kann leider nicht dabei sein, weil ich meine Lebensgefährtin Vanda nicht mit unserer Tochter und den vielen Besuchern (Samstag kommt eine Truppe aus Holland) alleine lassen will, weil ich die Begrüßungen nicht verpassen möchte. Eigentlich würde man am Himmelfahrtstag meinen, man könnte überall gleichzeitig sein, leider erlaubt mir mein Körper dies jedoch nicht.

Dass am Samstag im Kinderhaus in der Mühle in Aachen so richtig gefeiert wird, hat gute Gründe. Wir haben über Jahre und Jahre – ja, gab es eigentlich eine Zeit ohne diese Bemühungen? – an einer Verwandlung gearbeitet, die äußerlich gesprochen vielleicht eher trivial aussieht, innerlich jedoch eine teure und stolze Leistung bedeutet. Es gab einmal eine Zeit, in der das Kinderhaus – mit etwa zwölf Kindern und Jugendlichen – von zwei Personen, Ruthild und Martin Soltau, die sich mit ihren eigenen vier Kindern für die Zukunft aller Beteiligten verantwortlich gemacht haben, getragen wurde. Die beiden waren über eine lange Zeit die zwei tragenden Säulen der Gemeinschaft.

Und am Samstag wird der Umstand gefeiert, dass diese Verantwortung nun von einem Team übernommen worden ist. Das soziale Gebäude des Kinderhauses wird jetzt von einem Kreis von Säulen getragen, einer Art Stonehenge, das in einer vielschichtigen menschlichen Zusammenstellung nun ihre Orientierung und Richtung finden will. Diese Verwandlung ist möglich, weil sie nicht nur gewollt, sondern auch bewusst Schritt für Schritt vollzogen wurde. Alle Beteiligten haben an diesem Vorgang mitgearbeitet - und vor allem auch an sich selber gearbeitet.

Die innerliche Verantwortung für Kinder und Jugendliche zu ergreifen, ist ein großes Ding. Als Begleiter dieses Prozesses habe ich über die Jahre hautnah erleben dürfen, wie sehr die Schicksale der Einzelnen – der Kinder und Erwachsenen – miteinander verflochten sind, wie sehr die Beziehungen immer wieder große und wesentliche Fragen über das Leben erwecken, über „mein“ Leben, über die dringenden Themen in der Gesellschaft. (Wer die Postmoderne in all seinen Aspekten kennen lernen will, möge sich sofort als Mitarbeiter in einem Kinderhaus bewerben...)

Ich möchte vor allen Martin und Ruthild, Ralf, Andrea und Willy an dieser Stelle meine Achtung zollen, nicht weil sie kompetent und fleißig sind (sind sie jedoch!), nicht weil sie zuverlässig und treu sind (sind sie auch!), sondern weil sie sich uneingeschränkt auf das Wesen der Verwandlung eingelassen haben. Sie haben sich selber immer wieder in Frage gestellt, haben ihre eigene Haltung kritisch angeschaut, sich von Freude und Schmerzen klug und mutig leiten lassen.

Offiziell hat Ralf Gundlach die Leitung des Kinderhauses in seine Hände genommen, und wird dabei von Andrea, Ruthild und Martin, sowie dem ganzen Team unterstützt. Ralf ist ein Mensch der Weite, der Nähe, des Vertrauens, des Dialogischen. Er hört auf die Bedürfnisse der Kinder und der Mitarbeiter, versucht Fähigkeiten zu erwecken, hält inne wenn nötig... Und vor allem: Wenn er in die Küche tritt und „Hallo“ sagt, ist er präsent.

Die verborgene Regie der Verwandlung – haben wir sie bemerkt? Ja, wir haben sie wahrgenommen! – lag in Wahrheit bei den Kindern und Jugendlichen. Wir wissen, dass für sie das Kinderhaus eine notwendige Alternative ist – wie gerne würden sie ganz „normal“ in einer Familie aufwachsen, mit Müttern und Vätern die im Stande sind, sie zu betreuen, zu versorgen, zu begleiten! Wir wissen allerdings auch, dass sie ihr Schicksal akzeptieren, annehmen, ja uneingeschränkt leben... Liegt nicht die Größe der Kinder gerade darin, dass sie das Leben nehmen wie es ist, jeden Tag wieder?

Heute ist Himmelfahrt, bald wird es Pfingsten werden. Aus den ehrlichen Bemühungen der abgesonderten Einzelnen entsteht durch das Pfingstfest eine Weite und Nähe der Gemeinschaft, das freudige und vielleicht auch ein bisschen wirre Teilen miteinander, wonach wir uns alle sehnen. Am Samstag feiern die Kinder und Erwachsenen des Kinderhauses „Gemeinschaft“, ich werde leider nicht dabei sein. Aber bereits heute spüre ich, wie sehr ich mich von der Wahrhaftigkeit des Bemühens getragen fühle.

13.05.2012

Geld schenken (2). Die Verwandlung der Gesellschaft

Ich weiß was es bedeutet, Geld geschenkt zu kriegen. Ich gehöre zu den Menschen, die manchmal kleinere zusätzliche Beträge brauchen, um über die Runden zu kommen. Mein jüngster Sohn Joachim hat darüber eine klare Meinung, er findet, dass ich nicht wirtschaftlich denken könne oder eben gar nicht wolle. Ich selber sehe das auch so, würde auf Anfrage allerdings hinzufügen, dass ich mich immer wieder in Tätigkeiten und Projekte verliebe, die gerade wenig Geld bringen. Ich bin immer wieder dort gelandet, wo die Ressourcen in dieser Hinsicht eher knapp sind.

Jedoch habe ich trotzdem immer wieder kleinere Beträge an Organisationen oder Personen verschenken können, die sich in einem Engpass befanden oder befinden. Mein finanzielles Selbstverständnis könnte man „kleinkariert“ nennen: Ich halte meine Finanzen für gesund, solange ich die mehr oder weniger sichere Einschätzung habe, dass meine Einnahmen und Ausgaben etwa für die nächsten drei Monate ungefähr ausbalanciert sind. Sobald ich etwas übrig habe, folge ich der Neigung Extra-Sachen zu kaufen oder eben jemanden zu unterstützen. Sparen ist mir noch nie gelungen, ein Vermögen werde ich deswegen wohl auch nicht aufbauen.

Im Entwurf seiner Master-Arbeit für die Universität in Plymouth (siehe meinen letzten Blogtext) berichtet Andrea Valdinoci von acht Personen, die ein deftiges Vermögen haben (zwischen einer halben Million und 75 Million Euro) und bereits über Jahre einen Teil davon an Organisationen und Personen verschenken. Die Lebenswirklichkeit dieser Vermögenden ist mir fremd, ich brauche richtig viel Phantasie, um mir ausmalen zu können, was es heißt, ein paar Million Euro auf meinem Konto zu haben. Und ja, ich räume ein, dass meine konservativ-rote Arbeiterseele (mein Vater war Gewerkschafter) in einer dunklen Ecke mit der Frage ringt: Kann es richtig sein, dass einer Person so viel Geld zur Verfügung steht? Wie ist das im Lichte der Gerechtigkeit eigentlich zu verstehen?

Gerechtigkeit... In den Beschreibungen von Andrea Valdinoci wird deutlich, dass die Tatsache viel Geld zu haben, nicht unbedingt nur eine Freude bedeutet. In seinem Text wird von einer „moralischen Belastung“ gesprochen, zum Beispiel im Zusammenhang mit der Tatsache, dass das Vermögen auf Kriegsgewinne zurückgeht, oder auf Unternehmensverkäufe, auf die die Entlassung von sämtlichen Mitarbeitern folgte. Valdinoci schreibt: „Zum Teil wiegt die Belastung so schwer, dass den Interviewpartnern klar wurde, diese Mittel möchte ich nicht an meine Kinder weitergeben, sondern sie müssen verwandelt werden“.

Schenken bedeutet an dieser Stelle: Auf Grund des Wunsches Gerechtigkeit zu schaffen einen Ausgleich zu ermöglichen... Nun gibt es natürlich auch Vermögen, die ethisch gesprochen einwandfrei sind, sie werden wohl am häufigsten vorkommen. Auch mit sauberen Vermögen geht jedoch eine „moralische“ Frage einher, die sich nicht auf die Herkunft des Geldes, sondern auf das Ziel des Schenkens bezieht. Andrea Valdinoci spricht diesbezüglich von einer „Glaubwürdigkeitsfrage“ oder auch „Prüfungsfrage“: Will ich (mit dem Schenken) wirklich Strukturen verändern, oder will ich Strukturen bestätigen, um meine Macht zu erhalten, beziehungsweise auszuweiten?

Die acht Personen, die die Begleitung von Andrea Valdinoci gesucht haben, stellen sich offenbar diese Frage. Ich nehme jedoch an, dass längst nicht alle vermögenden Menschen sich auf diese Frage einlassen, stärker noch, mein Vorurteil besagt diesbezüglich, dass nur die wenigsten dies tun. Oder liege ich an dieser Stelle falsch, und es ist ein Schicksalsgesetz, dass die Frage früher oder später zwangsläufig auftaucht? Aus Valdinocis Beschreibungen geht hervor, dass der Schritt zum freilassenden Schenken aus biographischen Erfahrungen erfolgt.

Und nicht nur das, zusätzlich leitet der Schritt offensichtlich eine Art Wende in der Biographie ein. Einer der Beteiligten sagt: „Das Geld haben wurde sehr viel leichter, seit ich schenken kann, seit ich da persönlich auch gegeben habe. Das fing schon an mit dieser großen Spende für die Schule, aber schön wurde es aber eigentlich im Persönlichen. Ja, ich freue mich seither, dass ich das Vermögen habe“. Und eine andere Aussage: „Ja, das schwierige ist nicht selber auf das Geld zu verzichten, sondern die Frage, wem gebe ich es, wie gebe ich es, was macht es mir, was macht es mit dem anderen, ist es überhaupt richtig, was will ich denn eigentlich?“

Was will ich denn eigentlich? Ich verstehe die Zitate so, dass bei den Beteiligten das individuelle Wollen aus irgendeinem Grund mit dem „mächtigen Wesen des Geldes“ (siehe meinen letzten Blogtext) in Berührung gekommen ist. Eine Stärkung des Wollens – getragen von anfänglichen Erkenntnissen – findet statt. Die Persönlichkeit des Menschen fängt damit an, sich nicht vom Geld fremd bestimmen zu lassen, sondern umgekehrt die Welt mit Hilfe des Geldes frei zu gestalten.

Ich habe zwar kein Vermögen, sehe jedoch ein, dass nicht die Menge (oder Unmenge) des Geldes entscheidend ist. Ob man zehn Euro oder zehn Million Euro zu vergeben hat, die Fragen sind grundsätzlich die gleichen. Und ist es nicht so, dass gerade die geringeren Beträge, die wir jeden Tag wieder gedankenlos ausgeben, die Ungerechtigkeit in der Gesellschaft bestätigen? Die Verwandlung der Gesellschaft läuft wohl übers Geld. Nächste Woche weiter..

11.05.2012

Sie ist da!

Unsere Tochter Ilana Malena
wurde gestern geboren. Sie schaut
mit großen Augen in die Welt,
von Anfang an auf der Suche.
Wir haben uns gefunden...

06.05.2012

Geld schenken. (1). Über Macht, Vermögen und einen neuen Weg


Geld ist ein explosives Thema. Obwohl es einen wesentlichen Bestandteil der Gesellschaft ausmacht – ohne Geld läuft ja kaum etwas – sind unsere Vorstellungen darüber nicht nur beschränkt, sondern eben manchmal grundfalsch. Man braucht sich eigentlich nur ein paar Minuten mit dem Thema zu beschäftigen, um einzusehen, wie kollektiv hilflos wir in diesem Bereich sind. Als ich vor kurzem einen Text von Andrea Valdinoci las, den Entwurf zur Einreichung einer Master-Arbeit für die Universität in Plymouth, habe ich mal wieder feststellen müssen, wie sehr mir diesbezüglich die begriffliche Schärfe fehlt.

Wer ist Andrea Valdinoci? Ich habe ihn vor ein paar Jahren in der GLS Treuhand e.V. kennengelernt. Er war damals als Mitarbeiter der Zukunftsstiftung Soziales Leben vor allem mit „Schenken“ beschäftigt, operierte sozusagen als Vermittler zwischen Menschen, die schenken und denen, die sich beschenken lassen. Und auch hier gilt: Man braucht sich nur ein paar Minuten mit der Geste des Gebens und Nehmens der Beteiligten zu befassen, um zu verstehen, wie delikat die Rolle des Vermittlers an dieser Stelle ist. Mir sind die Empfindlichkeiten durchaus bekannt, weil ich damals zu den Beschenkten gehörte.

Mittlerweile hat Andrea die Seite gewechselt. Er ist jetzt geschäftsführender Gesellschafter einer Holding mit dem Namen „Neuguss“, einem Verbund von fünf Unternehmungen in Deutschland und Holland, die einen Teil ihres wirtschaftlichen Gewinns an kulturelle Initiativen weiterleiten, an Einrichtungen und Organisationen also, die ihrer Natur nach nicht im Stande sind, die nötigen finanziellen Mittel selber zu generieren. Die Holding lässt sich von Gesichtspunkten inspirieren, die Rudolf Steiner vor fast hundert Jahren im Rahmen seiner „Sozialen Dreigliederung“ geäußert hat. Andrea Valdinoci ist somit sowohl zum Unternehmer als auch zum „Geldgeber“ geworden.

In seiner Master-Arbeit versucht er sich gedanklich an das Wesen des Schenkens heran zu tasten. In seinem Text vertieft er sich erst in die vorhandene wissenschaftliche Literatur, und macht deutlich, dass das Schenken im heutigen Denken über Wirtschaft und Geld keinen hohen Stellenwert hat. Die Frage zum Beispiel, inwieweit das Schenken ein „selbstloser“ Akt ist oder sein kann, wird in der Literatur ziemlich krude beantwortet, der Philosoph Pierre Bourdieu etwa bezeichnet diese Gabe als ein „Herrschaftsinstrument, um andere zu dominieren“. Der Geist des Kapitalismus – die Wirtschaft als Verteilung von knappen Ressourcen, gesteuert durch individuelle Gier (Adam Smith) – lässt wenig Spielraum für den „Gutmenschen“.

Andrea Valdinoci grenzt die Schenkung vom „Herrschaftsinstrument“ und vom „verschleierten Kauf“ ab, er schreibt: „Meine These lautet, dass es sich nur dann um eine Schenkung handelt, wenn der Schenker nicht auf eine Gegenleistung in jeglicher Form abzielt“. Er zitiert den Anthroposophen und Mitgründer der Triodosbank Lex Bos, der in einer Publikation aus dem Jahr 1998 von der Notwendigkeit sprach, „eine neue Schenkungs- und Dankkultur zu entwickeln“. In einem Kernsatz seiner Arbeit schreibt Andrea Valdinoci: „Das Schenken ist eine Möglichkeit, sich auf einen neuen Weg zu begeben, persönlich Verantwortung zu übernehmen, und die Welt freilassend mitzugestalten“.

Das Schenken hat klare Vorteile, auch wirtschaftliche – in den nächsten Wochen komme ich darauf noch zurück. Nach der Bewertung der wissenschaftlichen Literatur berichtet Andrea Valdinoci in seiner Arbeit von acht Personen, die er als Vermögensberater über mehrere Jahre begleitet hat. Die Vermögen der Beteiligten, so schreibt Valdinoci, liegen zwischen einer halben Million und 75 Million Euro. In den Interviews befragt er die Vermögenden über ihre Erfahrungen mit dem Schenken. Wie erfahren sie es, „vermögend“ zu sein? Wie sind sie zum Schenken gekommen? Warum machen sie es überhaupt? Was hat das Schenken mit ihnen gemacht? Mit welchen Problemen werden sie dabei konfrontiert?

Aus der Bewertung der Antworten geht unter anderem hervor, dass das Besitzen von Geld „eine Machtdynamik“ entwickeln kann, die die Beziehung zu anderen Menschen stark prägt. Die Wirkung des Geldes wird als Teil der eigenen Persönlichkeit erlebt, in meinen Worten: Mein Vermögen (oder gerade „Unvermögen“) lässt sich in der Lebenspraxis nur schwer von meiner Persönlichkeit trennen. Die Wirkung meines Geldes vermischt sich mit der Wirkung meiner Person auf andere Menschen, auch wenn ich davon keine Ahnung habe, oder es nicht für wahr haben will.

Grundfalsch ist die Annahme, dass Geld eine rein objektive und quantitative Hoheit ausmacht, die sich mit „Zahlen und Figuren“ (Novalis) begreifen und ergreifen lässt. Im Geld wirkt ein mächtiges Wesen, das uns täglich überfordert, uns somit auf einer unbewussten Ebene fremd ansteuert. Mit der bewussten Akzeptanz dieser Tatsache, so vermittelt uns Andrea Valdinoci, öffnet sich tatsächlich ein neuer Lebensweg, der anfänglich recht abenteuerlich aussieht. In den nächsten Wochen werde ich über einige Stationen dieses Weges berichten.

29.04.2012

Liebe Ruthild, liebe Roswitha, lieber Henning, mein Beitrag...

…in der vorletzten Woche über „Anthroposophie als Hebel in der Geschichte“ hat in den Kommentaren eine Auseinandersetzung ausgelöst, die es so auf meinem Weblog noch nie gegeben hat. Einerseits wundert mich das im Nachhinein nicht, denn mein Text war sicherlich einseitig, unvollständig, vielleicht eben „zu schön“, wie der Kommentator „Henning“ es formulierte. Es stimmt durchaus, dass ich manchmal den Dichter-in-mir (Friedrich Schiller: „Alle Menschen werden Brüder“! Stimmt das eigentlich? Und: Wie lange wird das bitte noch dauern?) in den Vordergrund schiebe. Einfach gesagt: Ich fühle mich wohl, wenn der Dichter-in-mir spricht...

Es gab also gute Gründe, mich auf die Einseitigkeiten meines Textes hinzuweisen. Auch mich beschäftigt immer wieder die Neigung zu einer Beliebigkeit, die bereits ein paar Jahrzehnte lang versucht, die spirituelle Landschaft quasi aufzuheitern. Und ich bin mit „Henning“ einverstanden, dass man sich immer wieder – nicht nur gedanklich, sondern vor allem auch willentlich – abgrenzen muss. Harte Beispiele machen das deutlich, Stichwort Holocaust... Und ja, manchmal werden in der Waldorfbewegung pädagogische Sichtweisen vertreten, die auch meiner Meinung nach weit von ihrem Wesen entfernt sind.

Andererseits hat mich die Auseinandersetzung jedoch verdutzt, verdattert, ja, aus dem Lot gebracht. Es kostet mich Mühe, die Schönheit in der Debatte zu sehen, sie zu schätzen, aufrecht zu erhalten, nicht weil es eine Debatte ist (der Dichter-in-mir liebt Streitgespräche – und kennt nichts Schöneres als die göttlich-geilen Beschimpfungen in der Edda!), sondern weil in den Kommentaren an zwei Stellen von „Abschied“ gesprochen wird. „Henning“ schreibt: „Ich weiß gar nicht so recht, in welches Wespennest ich da gestochen habe und halte jetzt mal sicherheitshalber den Mund an diesem Ort zu diesem Thema. Streit sollte man vermeiden, wo er nicht unbedingt nötig ist. Hier ist er komplett unnötig. Ich hatte auf eine nachdenkliche Diskussion gehofft“.

Und „Roswitha“: „nun habe ich den (buchstaben-)salat, (…) also werde ich wie zuvor den laptop nur als schreibmaschine und informanten nutzen und lasse euch wieder unter euch...“ Für den Dichter-in-mir („Alle Menschen werden Schwestern!“) sind das harte Worte, die weh tun. Das Innehalten von „Henning“ kann ich halbwegs hinnehmen, der Abschied von „Roswitha“ macht mich traurig, gibt mir das Gefühl, versagt zu haben. Auf meinem Weblog, so sagt eine naive Stimme in mir, sollte man sich gerade nicht verabschieden wollen!

Was macht das Wespennest aus? Ich verstehe die Auseinandersetzung in den Kommentaren so, dass zwei Wahrheiten aufeinander prallen; die erste besagt, dass Beliebigkeit bequem ist, die zweite, dass festgelegte Urteile genau so bequem sind. „Henning“ findet meinen Text „zu schön“, weil ich die Schattenseite der Toleranz nicht erwähne, „Roswitha“ und „Ruthild“ folgen der zweiten Spur. „Roswitha“ formuliert das so: „bequem??? was ist bequem daran, wenn alles gleiche gültigkeit hat? und man sich darum nicht nur um das, was geschieht, sondern auch um das, was nicht geschieht, scheren muss?“

Eigentlich müsste es nicht schwierig sein, die beiden Sichtweisen als berechtigt anzuerkennen. Warum aber dann doch die Unruhe im Karton? Ich bin mit „Roswitha“ nicht einverstanden, dass die Verärgerung dadurch entsteht, dass wir nicht von Angesicht zu Angesicht argumentieren, sondern in der virtuellen Welt des Internets, also ohne die physische (und seelische?) Nähe. Die gleiche Szenerie kann sich auch an einem Tisch abspielen.

Ich kann in die Seelen der Beteiligten nicht schauen, höchstens die Frage stellen: An welcher wunden Stelle bin ich berührt worden? Die Reaktion des Kommentators „Henning“ hat mich verunsichert, weil auf einmal der Dichter-in-mir nackt und hilflos im Raum stand, ich fühlte mich wieder mal naiv, schwärmerisch, allzu hoffnungsvoll... Meine Wunde, so stellte ich direkt nach dem Lesen des Kommentars fest, liegt in dem Umstand, dass ich zwar unverschämt Liebeserklärungen abgeben kann, manchmal dabei aber ein bisschen „unrealistisch“ werde. Meine Stärke, so erzählte ich mir, liegt nicht im differenzierten Argumentieren, sondern darin, die tragischen Schönheiten des Lebens sichtbar zu machen.

Zu schön... Können Texte auch „zu wahr“ sein, oder eben „zu gut“? (Heidegger sprach ja von den „großen Drei“: dem Wahren, dem Schönen, dem Guten...). Ich glaube, das Texte erst dann Texte sind, wenn sie gelesen und verinnerlicht werden, und wenn sie dann wieder nach außen treten, wenn auf die Texte reagiert wird – in welcher Form auch immer. Manchmal tut so etwas dem Autor weh, die Schönheit des Vorgangs liegt jedoch gerade darin, dass er seine Texte abgeben kann. Mein Text wird Dein Text, Dein Text wird unserer Text.

Die Rezeption eines Textes gehört zum Text. Texte haben eine Biographie, die von den Lesern mitgestaltet wird. („Der Zauberberg“ von Thomas Mann ist längst nicht mehr „Der Zauberberg“, den er 1924 veröffentlicht hat, und ich bin sicher, dass das der Autor auch klar erkannt hat.) Die Schönheit einer Biographie geht immer mit kleinen oder großen Schmerzen einher. Und davon sollte man sich, so meine ich, nicht verabschieden.

22.04.2012

Unterwegs, jedoch irgendwie bereits eingetroffen

Das Kinderzimmer ist fertig, Wiege und Kommode stehen bereit, die ersten Klamotten sind gekauft, die Stoffwindeln ebenso. Irgendwann in den nächsten Wochen wird sie kommen, unsere Tochter, die bereits einen Namen hat, den wir allerdings noch nicht verraten wollen. Meine Lebensgefährtin Vanda und ich sind im Warten, sehr im Warten, das Warten macht im Moment die Hauptsache unseres Lebens aus. Sie ist natürlich bereits da, unsere Tochter, sie ist im runden Bauch ihrer Mutter, der nicht nur rund, sondern auch schwer geworden ist. Vanda wackelt wie ein Schwan über den Flur, sitzt verträumt auf dem Hocker in der Küche, umfasst sanft seufzend mit ihren Händen den gespannten Innenraum, der längst unübersehbarer Außenraum geworden ist. Manchmal meldet unsere Tochter sich. Was sie dann genau macht, ist nicht immer klar. Sie bewegt sich, kreiert von Innen aus zum Beispiel einen kleinen Buckel an der Bauchwand, wir versuchen dann festzustellen, ob sie gerade ihren Po dreht oder mit einem Fuß spielt. Und ja, wir haben deutlich bemerkt, dass sie nicht nur etwas macht, sondern auch mitmacht, sie reagiert auf unsere vorsichtigen Annäherungen, Martin Buber würde an dieser Stelle sagen: Sie ist bereits „dialogisch“ eingestellt. Sie ist also da, allerdings irgendwie doch noch im Kommen, ich meine: Sie ist noch nicht „irdisch“ da, zwischen ihrer Präsenz in mir – in meinen Gefühlen und Vorstellungen ist sie sehr prominent anwesend – und ihrer handfesten Körperlichkeit, etwa drei Kilo schwer, befindet sich eine glatte Wand, die sie schützt, bedeckt, noch verborgen hält. Sie lässt sich nicht sehen, nicht riechen, kaum hören, nur indirekt betasten. Ich habe in der letzten Zeit immer wieder versucht, in mir ein Empfinden dafür zu erwecken, was es heißt, in einem Mutterbauch zu sein. Wir alle waren einmal dort, nur die Aller-Aller-Allerwenigsten können sich an den Zustand erinnern, ich würde sagen: Das Leben hat es gerade so eingerichtet, dass wir uns daran nicht erinnern sollen. Das Sein im Mutterbauch ist alles, deswegen völlig unbewusst. „Alles“ ist uns grundsätzlich zu viel (bis wir sterben: Der Tod bringt „alles“ wieder zurück). Als wir in der letzten Woche das Gestell der hängenden Wiege zusammen schraubten (danke Martin, Du hast es vor mehr als dreißig Jahren für deine Kinder gebaut!) und die süßen Klamotten in die Schubladen legten, wurde mir auf einmal klar: Unsere anreisende Tochter hat bereits die Regie ihres Lebens in die Hand genommen. Nein, sie wollte die Wiege nicht parallel an der Wand stehen haben, sondern quer zwischen Fenster und Wand. „Warum quer?“, fragte ich. „Weil ich das so will“, meinte sie. Ja richtig, das Gestell passt genau zwischen Fenster und Wand, genauer könnte es nicht sein... Ich war in meinem Leben noch nie so intensiv auf bekannt Unbekanntes orientiert, vielleicht weil ich bereits 61 Jahre alt bin, vielleicht weil ich mich oft wie eine reife Melone fühle, vielleicht weil mir der Tod mittlerweile ein bisschen vertrauter ist – an dieser Schwelle fängt das Leben ja erst recht an. Ich war noch nie so subtil-fragil dialogisch eingerichtet, so offen für kleine Sachen, die groß sind, so bereit auf die kleinen Risse in der Haut meiner Seele zu schauen, dort, wo das vertiefte und unsichtbare Leben süß-sauer duftet, wo die unsichtbaren Farben nicht für die Augen sichtbar, sondern für die innere Ohren hörbar werden, wo Eigennamen nicht gesprochen, sondern gesungen werden. Sie ist bereits da, jedoch noch unterwegs, und bringt das große Leben mit, das es bereits gibt. Ich warte und warte nicht. Und immer wieder gehe ich in ihr Zimmer, schaue auf die Wiege und staune darüber, dass die quere Position gerade zwischen Fenster und Wand passt. „Warum quer?“ Sie wird diese Frage, so bin ich sicher, mit ihrem Leben beantworten.

17.09.2011

Kognitionswissenschaft. Über selbstbildende Ereignisse

Die souveräne Existenz des Selbst (oder des Ich) des Menschen lässt sich nicht einwandfrei positiv „beweisen“ oder negativ „verneinen“. In der Kognitionswissenschaft wird gerade das Letztere versucht. Daniel C. Dennet zum Beispiel meint in seinem Buch Philosophie des menschlichen Bewusstseins klar belegen zu können, dass das Selbstbewusstsein nichts Souveränes innehat, sondern eher als eine wilde Ansammlung von willkürlichen „Erzählungen“, die der Mensch sich selbst „erzählt“, um in dem biologisch-evolutionären Prozess zu überleben, zu verstehen wäre.

Und der Gehirnforscher John R. Searle kommt in seinem Buch Geist. Eine Einführung zu der Schlussfolgerung: „Zusätzlich zu einer Abfolge von Erlebnissen und dem Körper, in dem diese Erlebnisse stattfinden, gibt es nicht noch so etwas wie das Selbst. Wenn ich versuche, meine Aufmerksamkeit nach innen zu richten und eine Entität zu beobachten, die mich wesentlich ausmacht, dann finde ich [...] nur einzelne Erlebnisse. Da ist kein Selbst zusätzlich zu diesen Erlebnissen“. Dass wir trotzdem so etwas wie eine kontinuierliche Identität erleben, beruht laut Searle auf dem Umstand, dass wir uns an Erlebnisse aus der Vergangenheit erinnern können.

Es ist in diesem Text nicht meine Aufgabe, die philosophischen und wissenschaftlichen Überlegungen gegen die Existenz des Selbst zu widerlegen – ich wäre damit auch heillos überfordert. Ich kann aber ein Denkangebot machen, das zwar von Argumenten unterstützt wird, im Grunde genommen aber auf Erfahrungen beruht, auf Erlebnissen also, die, anders als Searle meint, nicht als „zusätzlich“ zu verstehen sind. Die Begegnung mit meiner Hoheit und mit den Hoheiten der anderen Menschen ist aus meiner Sicht ein Ereignis, das als Ereignis keine Begründung braucht, genau wie ein Kuss, ein Krieg, eine Geburt, ein Sterben, ein Blitz vom Himmel oder eine Begegnung mit einem anderen Menschen dies auch nicht braucht, um das zu sein was sie alle sind: Ereignisse.

Wie kämen Dennet und Searle übrigens ohne Ereignisse aus? Auch sie begründen ihre Sichtweisen auf Erlebnisse, die allerdings in einem bestimmten Rahmen angenommen oder eben gerade abgewiesen, beziehungsweise dekonstruiert werden, nicht weil sie aus irgendeinem Grund als Ereignis nicht überzeugen, sondern weil sie Unbehagen erzeugen.

Anders gesagt: Die Erfahrung des Selbst lässt sich in der Tat schwer denken und einordnen, das heißt, es lässt sich nicht mit anerkannten Mitteln der Wissenschaft in das theoretische Gebäude der Wissenschaft integrieren. Eigentlich würde es schon reichen von der Idee (nicht einmal der Existenz) des Selbst zu sprechen: Sie sprengt alle Rahmen. Sich allerdings von dieser Idee zu verabschieden, würde einfach heißen, dass auch das Buch von Dennet nur „Erzählungen“, die er sich selber zum Überleben erzählt, beinhaltet.

Sein stolzes Buch, mit dem stolzen Titel und dem stolzen Eigennamen würde lediglich die Illusion bieten, die er gerade versucht zu demontieren. Sein Buch als Ereignis beruht auf einem Widerspruch, einfach deshalb, weil auch Dennet nicht ohne selbstbildende Ereignisse auskommt.

10.09.2011

Götz Aly. "Warum die Deutschen? Warum die Juden?"

In seiner vor Kurzem erschienenen Publikation „Warum die Deutschen? Warum die Juden?“ versucht der Historiker und Politikwissenschaftler Götz Aly den Holocaust als eine Beziehungsfrage zu verstehen. Er geht der Thematik nach, was etwa ab 1800 zwischen den Deutschen und den Juden geschehen ist und beschreibt die Spannungen, die dazu geführt haben, dass im Dritten Reich sechs Millionen Juden umgebracht wurden.

Die Kraft des Buches liegt in seiner Einfachheit. Götz Aly begibt sich kaum in philosophische oder zeitgeschichtliche Überlegungen, verzichtet fast komplett auf „grundlegende“ Fragen über das Gute und das Böse, spekuliert nicht über weltanschauliche Hintergründe, sondern lässt einfach Tatsachen sprechen. Der Leser begegnet einem sauberen Historiker mit trockenen Fingern, der sich durch Hunderte von schriftlichen Quellen gearbeitet hat. Viel mehr als zitieren, macht Götz Aly im Grunde genommen nicht.

Ein paar Tatsachen reichen, um eine Vorstellung davon zu bekommen, was das Buch beinhaltet. „In Preußen“, stellt Aly beispielsweise fest, „lag der Anteil jüdischer Studenten (an den Universitäten. JvdM) 1886/87 bei knapp zehn Prozent, der Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung bei knapp einem Prozent“. Und: „In der Regel begannen Juden das Studium erheblich früher und studierten schneller als die christliche Kommilitonen“. Ein preußischer Statistiker bemerkt in diesen Jahren: „Die jüdischen Studierenden scheinen danach durchschnittlich mehr Befähigung zu besitzen und mehr Fleiß zu entwickeln als die Christen“.

Und in einem Inspektionsbericht des großherzoglichen badischen Bezirksamts über die Geschicke des südbadischen Gailingen: „Noch vor 40 bis 50 Jahren hatte die große Mehrzahl der Israeliten dem ärmeren Teil der Einwohnerschaft angehört“. Jetzt übertrafen sie die christlichen Bürger „bedeutend an Vermögen.“ Der Inspektor stellt fest: „Fast alle größeren Häuser sind im Besitz von Israeliten“. Die Handelskammer der Stadt Köln beschrieb bereits Anfang 1800 die jüdischen Bürger als „üppiges Schlingkraut".

Die Deutschen dagegen zeigten sich als langsam, konservativ, träge. Sie kamen mit den rasanten Entwicklungen in der Gesellschaft nicht mit. Sie waren „die Dümmeren“, die an einem „sich über sich selbst unklaren Gefühl“ litten (Ludwig Bamberger, 1880). Der Zionist Heinrich York-Steiner schreibt 1932: „Das deutsche Selbstempfinden ist das unsicherste aller großen Nationen Europas“. Die Deutschen bleiben in den traditionellen und ländlichen Verhältnissen hängen, die Juden steigen aktiv ins moderne und städtische Leben ein.

Das Ergebnis war Neid, der sich über Jahrzehnte in vielen Deutschen einnistete. Der Neid wurde – wie ein Hund – ein fester Bestandteil des deutschen Haushalts, wurde eigentlich nicht beachtet, auch nicht wenn er gelegentlich laut gebellt hat. Langsam wurde der Jude zur Karikatur: er ist nicht schlau, sondern listig, nicht fleißig, sondern gierig, nicht wach, sondern herrschend...

In meinen Worten: Der Neid machte die jüdischen Bürger zu Doppelgängern. Sie wurden nur noch als bedrohende Unwesen wahrgenommen, ohne Seele, ohne Biographie, ohne Berechtigung. Sie sind die Schatten der Deutschen geworden. Ich brauche an dieser Stelle nicht auszuführen, wie in den dreißiger Jahren die Nationalsozialisten das über Jahrzehnte entstandene Schattenreich instrumentalisiert haben.

In der Einleitung seines – sehr überzeugenden – Buches spricht Götz Aly von „der Frage aller Fragen“: „Warum ermordeten Deutsche sechs Millionen Männer, Frauen und Kinder, und das aus einem einzigen Grund: weil sie Juden waren?“ Übrig bleibt die Frage: Hat Aly nun mit seinem Buch diese schwerwiegende Frage beantwortet? Ich würde sagen: mehr als halbwegs, allerdings nicht vollständig.

Im Kern seiner Betrachtungen steht der Neid. Um individuell oder kollektiv mit den verheerenden Wirkungen des Neides umgehen zu können, werden erstens Selbsterkenntnis und zweitens Ideen und Begriffe gebraucht. Nicht der Neid alleine war das Problem, sondern auch die Tatsache, dass eine kleinliche weltanschauliche Gesinnung herrschte. In seinen Betrachtungen wird klar, dass im damaligen Deutschland eine sehr beschränkte Auffassung von - zum Beispiel - Freiheit herrschte. Die Deutschen trauten sich eine innere souveräne Freiheit nicht zu.

Wie ist zu verstehen, dass gerade in Deutschland, dem Land der idealistischen Dichter und Philosophen, der großen Ideen und Begriffe, diese Wirkung weitgehend verloren ging? Was hatte dazu geführt, dass dem Neid nicht eine klare Stirn geboten wurde? Mir scheint diese Frage noch immer frei im Raum zu schweben. Und vermutlich ist es so, dass wir gerade auf der gedanklichen Ebene, heute nicht viel weiter sind als damals. Götz Aly hat deswegen auch völlig recht, wenn er am Ende seines Buches schreibt: „Ein Ereignis, das dem Holocaust der Struktur nach ähnlich ist, kann sich wiederholen".

04.09.2011

Der ferne Freund

Er kommt vorbei, der ferne
Freund, Meister der Hauses,
stündlich immer wieder,
sein Rhythmus ist ein Takt
ohne Ende. Ich höre
seine Stimme nicht, er schweigt;
ich höre die Schlüssel,
die ihn begleiten, die Tür,
die er öffnet. Er geht
stündlich über den Hof,
wie ein Mönch, trägt
seine großen Wahrheiten
in seinem Gang, er hört
einen Gesang in seinen Ohren,
er ist sprachlos von Wahrheit.
Er geht an den Tonnen
vorbei, den Gelben, Grauen
und Blauen, hält inne, flüstert,
versteckt den Schlüsselbund
in seiner schweren Jacke,
hebt den blauen lachenden Deckel,
drückt den Karton nach unten
und murmelt: Klappe halten...

27.08.2011

Die Mülltonnen im Hof

Die Mülltonnen warten und
warten, die entschlossenen Deckel
sprechen leise blau und grau
und gelb, und eine lächelt,
sie wird von nassem Karton
ein bisschen aufgehüpft, sie
ist bereits unterwegs. Sechs
Tonnen warten und warten
im Hof, ihre Tage kommen
erst langsam: Dienstag und
Mittwoch und Donnerstag, grau
einmal in der Woche, gelb und blau
zweimal im Monat, der Rhythmus
ist Takt ohne Ende. Sie schweigen,
die Tonnen, sie müssen verbergen,
verhüllen, lügen, sie verteilen
was übrig bleibt in Plastik, Papier
und Restmüll, die Braune stinkt,
die Gelbe bleibt leicht, die Blaue
lächelt sich nach vorne. Ich denke:
sie stehen nicht im Hof, ich habe sie
in meiner Seele aufgestellt.

20.08.2011

Immer Regen im Sommer

Du, belebtes Dunkel,
Schatten im August,
du gleitest wie Wasser
in meine Wohnung,
bringst runde Fische
und schweigende Frösche,
du sprichst verhalten
über Hoffnung und lässt
die gelben und grauen
und blauen Mülltonnen
vertieft warten im Hof.
Ich lasse dich an mich
heran, deinen nassen Atem
auf meine Haut, und ich
suche deine Worte. Du sagst:
sei von deiner Zukunft
umgeben und getragen,
vom wartenden Fließen
deines Flusses, vom Wollen
der Liebe im Schatten.

13.08.2011

Samuel ist unterwegs (7). Ein naiver Schmetterling

Die Liebesfähigkeiten des Gottes meines Vaters waren beschränkt. Er war ein kleiner Gott, der auf der trockenen Ecke seines Universums ins Exil geraten war und deswegen meinte, sich ständig rechtfertigen zu müssen. Seine großen Taten lagen in der Vergangenheit: Die Schöpfung (hatte Er in sechs Tagen hingekriegt), die sprachliche Nachschöpfung namens Bibel (dafür hatte Er allerdings Generationen von Menschen gebraucht, die nicht verstanden, was Er geschrieben haben wollte), letztendlich der Tod am Kreuz, die Höllenfahrt und die Auferstehung im Grab (geschah in drei Tagen).

Der Gott meines Vaters war immer damit beschäftigt, den Menschen seine Vergangenheit zu erklären. Als Kind bin ich Ihm nie begegnet, ich vermutete damals, dass er einfach zu viel Zeit benötigte, um seine Archive ständig anzupassen. Und als ich meinen Vater fragte, warum unser Gott so viele Namen hätte – Gott, Herr, Messias, Jesus, Christus – meinte er: „Um solche Fragen zu beantworten, muss man Pfarrer werden. Möchtest du das?“

Ich mochte das nicht. (Es ist wohl wahr, hätte ich diesen Wunsch gehabt und wäre ihm nachgegangen: mein Leben wäre glänzend verlaufen. Ich hätte jegliche mögliche und unmögliche Unterstützung seitens meines Vaters gekriegt, er wäre mit mir gestorben, in die Hölle gefahren, strahlend auferstanden. Als deutlich wurde, ich war heftig dreizehn, dass ich mit meinem Leben eigentlich gar nichts anfangen wollte, höchstens Gedichte schreiben und Jazzgitarre spielen, wendete mein Vater sich von mir ab. „Gott kann dich nicht gebrauchen“, sagte er. Und Jahre später meinte er: „Du bist leider ein Künstler.)

Die Welt meines Vaters war bis in die kleinsten Details bekannt, überschaubar, bestimmt... Seine Geliebte, die meine Mutter war, flatterte wie ein naiver Schmetterling über alle Zäune hinweg, sie meinte nicht einmal, dass es die Beschränkungen nicht gäbe, sondern sie flatterte einfach ohne irgendetwas zu bemerken umher. Sie wurde jedoch hundert Mal, tausend Mal, zehntausend Mal eingefangen, und am Ende waren ihre dünnhäutigen Flügel kaputt. Sie saß in ihrem Wintergarten, neben ihrem blühenden Oleander, trank Tee und fragte: „Sammy, warum bin ich so müde?“ Und ich sagte: „Weil Du neun Kinder zur Welt gebracht hast“.

Meine Mutter... Ja, meine Mutter... In Arnhem war sie noch ein Schmetterling, ein duftig-farbig-unschuldiger Du-willst-mich-haben-kannst-mich-nicht-haben. Wenn ich abends stundenlang auf der Treppe saß und auf sie wartete – ich sehnte mich immer wieder nach Versöhnung – kam sie meistens nicht, und ich wusste: „Sie ist längst nicht mehr bei uns, sie hat sich in einen Nachtschmetterling verwandelt, ist in Mondlandschaften unterwegs, die ich nicht kennen darf, die mir verschlossen sind.“

Meine Mutter... Wir waren in Dieren, einer Kleinstadt bei Arnhem, und warteten am Bahnhof auf den Bus. Sie war wohl wieder schwanger. Sie stand neben mir, sagte: „Sammy, ich bin wieder so müde“, und sank zur Boden, ihre Flügel konnten sie nicht mehr tragen. Dort lag sie ausgestreckt, bewegungslos, wie tot – ich meinte tatsächlich, sie wäre tot – und mit meinem Adlerblick schaute ich auf ihren Körper weit da unten und stellte fest: „Irgendwie gehört sie nicht zu mir, weil sie immer wieder auf einmal verschwindet“.

Es war nicht schwierig meine fremde Mutter zu lieben. Es war auch gar nicht schwierig, ihr zu verzeihen. Irgendwie war sie bereits von Anfang an meine Tochter, ich meine: Die Verantwortung lag bei mir, nicht weil sie das von mir verlangte, sondern weil ich es so wollte. Sie konnte nichts dafür, dass sie ohne je gefragt worden zu sein, in einer Verschwörung eingebunden war, die eher meine Verschwörung war. Schmetterlinge und Verschwörungen gehören nicht zusammen. (Schmetterlinge wollen keine Geschichte schreiben.)

Vor fünf Jahren ist sie gestorben. Genau am Tag ihrer Beerdigung (in Utrecht) fing mein Herz an, sich zu wehren. Es konnte, wollte, durfte nicht mehr. Die medizinische Sprache sagt es so: Ein Herzinfarkt bahnte sich an, der Dichter in mir meint: Ich trauerte dem Schmetterling nach, trauerte allem nach, was nicht anders geht, als sich vergeblich wie ein Schmetterling zu verhalten.

06.08.2011

Samuel ist unterwegs (6). Wir wollten nicht warten

Ja, die Zeit war reif. Warten war nicht mehr möglich. Worauf sollte ich warten? Wenn man bereits unten angekommen ist, wo Wendung und Entscheidung nicht länger transparent sind und der Zug des Lebens, der Verwandlung, der Geschichte spürbar ist, kann man ohne Orientierung nicht mehr warten. Die Wahl zur zweiten Wahl ist keine Wahl.

Die Menschen, die meine unmittelbaren Menschen waren, hatten eine Spur ostwärts und am Ende dieser Spur ein Loch bis ins Innere der Erde hinterlassen, das mich anzog. Als ich auf die dunkle Stelle schaute, drohte ich mich zu verlieren, als ob etwas mich dahin verführen, mich dahin verschwinden lassen wollte – wäre ich dahin gegangen, hätte ich mich aufgeben müssen. Ich hätte nicht die Kraft gehabt, mich in meinen Sehnsüchten, Vorsätzen und Entscheidungen aufrecht zu erhalten.

Ich wendete meinen Blick ab. Nein, ich spreche heute nicht von der Trauer, die bei mir einzog, nicht von diesem Schatten, die mich seitdem begleitet, von dieser zum Nachsterben geneigten Gestalt neben mit, dieser braun-gelb-roten Herbstfigur, die den Dichter in mir weckte. Mit dem Abwenden meines Blickes – war dies ein Verrat? – rettete ich mich, traf ich eine Wahl, die mich betraf, mich bestimmte, mich neu erzeugte. In meinen Augenwinkeln ist das Loch allerdings noch immer da, muss meinen Kopf nur ein wenig wenden, um es zu sehen.

Mit Elegien und Requien bin ich vertraut. Nein, ich möchte heute nicht von der Trauer sprechen, weil sie mir viel bedeutet – ohne sie, so meine ich manchmal, gibt es überhaupt keine Bedeutungen, keine Wahrzeichen, keinen Sinn. Die Trauer in mir ist wie eine alte Landschaft, in der mir die Pfade, Quellen, Kapellen, Hügel und Kreuzungen bekannt sind. Nur die Gesamtheit der Landschaft ist mir eine Frage, die Einzelheiten sind mir fraglos nahe. Gilt es heute nicht, mich von dieser Landschaft zu verabschieden?

Damals wendete ich meinen Blick ab und sah den Fluss. Und über dem Fluss schien es Träume zu geben, Wolken-voller-Bilder, Wolken-voller-Beziehungen, Wolken-voller-Vorhaben, die sich in einem Gegenstrom über die breiten und ruhigen Wellen Richtung Südwesten hin bewegten, wie schwer beladene Schiffe, die andocken wollen. Die Ufer des Flusses waren jedoch leer und verlassen, ohne Ohren und Augen, hier und da standen großen Gebäude und Brücken, die kaputt waren, Häuser ohne spiegelnde Fenster. Und mir war klar: Die Träume gehörten zu einer ganzen Generation von Menschen, die nicht warten wollten.

Wir wollten nicht warten. In den Wolken-voller-Bilder war von rechts nach links ein Ereignis eingeschrieben, das stattgefunden hatte, als wir nicht mehr so ganz oben waren, als wir die Nähe des Lebens in Raum und Zeit bereits spürten. Eine leuchtende Gestalt, die sich in der Mitte des bewegenden und webenden Zusammenseins zahlreicher Wesen aufhielt, wurde auf einmal verdunkelt, ich empfand es so, als ob eine Sonne verdeckt wurde. Irgendwie spürten alle Wesen, dass mit der Verdunkelung ein Opfer verbunden war, ein Verzicht der leuchtenden Gestalt gerade auf seine strahlende Kraft und seine tragende Macht. Was Kern und Mitte war, wurde aufgegeben, wurde abgegeben, wurde zersplittert.

Und an der Stelle der Sonne erschien ein schwarzes Kreuz, das neue Koordinaten kreierte, neue Richtungen öffnete, sich bin ins Unendliche ausdehnte, und sich in allen Erscheinungen zu wiederholen schien, alles zum Kreuz machte. In dieser Räumlichkeit des Kreuzes – ich kann es nicht beschreiben: ein Kreuz als Raum – wurde alles auf einmal in größere oder kleinere Kreuze verwandelt, nicht übersichtlich geordnet (wie auf den militärischen Friedhöfen in der Normandie), sondern wirr mäandernd durcheinander (wie in einem Tanz).

Das große Kreuz ging in die Diaspora. Es setzte nicht mehr auf Kern und Mitte, sondern auf Umkreis und Peripherie. Es war bereit sich zu verlieren, um Einzelheiten und Nebensachen groß zu machen, um Tod und Auferstehung in allen Ecken des Lebens wirken zu lassen, um Wink und Wendung in jedem Detail zu ermöglichen. Und wir alle wussten irgendwie: Die Verwandlung konnte nur da unten vollendet werden, konnte nur in Raum und Zeit gelingen, nur dort, wo der Abgrund sich öffnet, und das große Schweben gelernt werden muss.

Und als ich auf das kleine Kreuz schaute, das sich in mir aufgerichtet hatte, traf ich meine zweite Wahl. Ich schaute wieder nach unten und sah einen Soldaten in Indonesien, der für seine Geliebte in Holland verzweifelte Tagebücher schrieb. Er war, ohne es zu wissen, unterwegs zu mir. Und seine Geliebte wurde dann meine Mutter.

30.07.2011

Was ist am Menschen gemeinnützig? Über selbstlose Förderung

„Gemeinnützigkeit“, so besagt Wikipedia, „ist ein rein steuerrechtlicher Tatbestand“. Ich lese diesen Satz so, als hätte der Begriff der Gemeinnützigkeit nur im Rahmen des Steuerrechts eine Bedeutung. Laut deutschem Gesetz sind „Körperschaften“ gemeinnützig, „wenn ihre Tätigkeit darauf gerichtet ist, die Allgemeinheit auf materiellem, geistigem oder sittlichem Gebiet selbstlos zu fördern“.

Nur „Körperschaften“ können gemeinnützig sein – sie werden definiert als „mitgliedschaftlich verfasste und unabhängig vom Wechsel der Mitglieder bestehende Organisationen, die ihre Rechtssubjektivität nicht der Privatautonomie, sondern einem Hoheitsakt verdankt. Ihre Verfassung ist öffentliches Recht“.

Wenn eine „Körperschaft“ im Sinne des Gesetzes selbstlos arbeitet, braucht sie keine Steuern zu zahlen und darf Spendenbescheinigungen, die vom Finanzamt anerkannt werden, ausstellen. Wenn ich also einer Körperschaft hundert Euro spende, darf ich den Betrag von der Gesamtsumme der Einnahmen in meiner Steuererklärung abziehen. (Meine Schenkung bringt mir also einen Vorteil, der übrigens wesentlich geringer ist als der Betrag, von dem ich mich verabschiede.)

Mit „selbstlos“ ist gemeint, dass die betreffende Körperschaft keine (finanziellen) Gewinne nach sich zieht. Dass der Begriff „Selbstlosigkeit“ in moralphilosophischem Sinne weit über die finanzielle Ebene hinausgeht, spielt für das Steuerrecht keine Rolle. (Und weil das geschriebene Recht zurzeit das Denken in der Gesellschaft weitgehend beherrscht, hat der Begriff in der Öffentlichkeit kaum eine Wirkung.)

In einer Sitzung der Stiftung Soziale Zukunft (Treuhandstelle GLS) stellte mein Gesinnungsgenosse Johannes Stüttgen vor ein paar Wochen eine interessante Frage. Weil die Stiftung dringend Nachschub braucht – in manchen anthroposophischen und anthroposophisch angehauchten Kreisen scheint es nicht einfach zu sein, junge Menschen zu finden, die die Arbeit fortführen wollen. Ein Thema für sich... – waren wir gerade dabei, ein Treffen mit „jungen Leuten“ im Oktober vorzubereiten. Als Arbeitsthema für das Treffen schlug Johannes die Frage vor: „Was ist am Menschen gemeinnützig?“

Laut Steuerrecht kann es diese Frage gar nicht geben, weil sich Gemeinnützigkeit nur auf „Körperschaften“ bezieht, das heißt: Mit individuellen Personen kann und darf und soll sie gar nichts zu tun haben. In der öffentlichen Gesellschaft gilt allgemein, dass die „selbstlose“ Förderung von Personen den jeweiligen Familien, Freunden und Bekanntschaften überlassen wird. Um es präzise zu sagen: Als Bürger (als Subjekt des öffentlichen Rechts) kann ich eine Person nicht „selbstlos“ finanziell fördern, ich kann es nur als souveränes „Selbst“ (Laut Michel Foucault: eine Einheit, die nicht „subjektiviert“ ist).

Für die genannte Stiftung ist die Frage von Johannes Stüttgen allerdings wesentlich, weil sie gerade das Ungewöhnliche will: Mit finanziellen Schenkungen freie Personen fördern. Und wenn man das will, stellt sich die Frage: Was ist am Menschen gemeinnützig? Oder anders gefragt: Was am Menschen soll fürs Wohl der ganzen Gemeinschaft frei gefördert werden? Oder noch anders gefragt: Wenn mir nur beschränkte Mittel zur Verfügung stehen (die Mittel sind immer beschränkt, auch wenn man Bill Gates heißt), wie komme ich dann dazu, den einen Menschen zu fördern, den anderen aber nicht?

Um meine Launen, meine Sympathien und meine religiösen oder ideologischen Präferenzen kann es dabei nicht gehen. Auch kann Nützlichkeit, das heißt, der konkrete Vorteil einer bestimmten Förderung für die Gesellschaft, kein Thema sein. Ich muss in den betreffenden Menschen „etwas“ wahrnehmen, dessen Bedeutung über Lust, Ideologie und Nützlichkeit hinausgeht. Was könnte das sein?

Ich würde sagen, dass selbstlose Förderung nicht das „Subjekt“, sondern das „Selbst“ eines Menschen betrifft. (Über den Unterschied siehe meine Blogs über „Selbst und Subjekt“). Je stärker eine Person aus ihrem Selbst lebt und ihre Subjekte (den Bürger, die Mutter, die Lehrerin, den Künstler) von ihrem Selbst aus in Freiheit eine Richtung gibt, umso deutlicher tritt die Einmaligkeit eines Menschen ans Tageslicht. Foucault sprach an dieser Stelle davon, dass auf diese Art und Weise aus der Biographie ein Kunstwerk gemacht werden könne.

In einer Kultur des Herzens geht es um die Aktivierung des Selbst, vor allem auch im öffentlichen Bereich. Die selbstlose Förderung unseres Selbst ist nicht eine rein private Sache.

22.07.2011

Samuel ist unterwegs (5). Eine Spur bis zum Ende der Welt

Ich habe damals, als ich noch nicht geboren war, die Errichtung des Hauses, in dem ich meine Kindheit und Jugend in Arnhem verbringen würde, nicht bemerkt. Ich war auf einen anderen Ort orientiert, am gleichen Fluss auf eine andere Stadt, die in den Annalen wohl Colonia genannt wurde, auf einen Namen, der da oben nicht zur Sprache kam, weil es dort keine Wörter gab, und der nur Farbe war: grün und gelb und ein bisschen blau. Ich schaute ins Grün-Gelb-Blaue hinunter, suchte und suchte, fand aber kein Haus und keine Menschen, die meine Menschen waren, ich fand zwischen den Farben nur schwarze Löcher.

Die Menschen, die meine Menschen waren, gab es nicht mehr. Sie waren weggezogen. Vage meinte ich eine Spur ostwärts wahrnehmen zu können, eine Bewegung, die ich viel später – ich war bereits fünfzig – als einen Zug verstand, eine eiserne Schlange, die in einer dunklen Nacht Richtung Polen kroch, über Gleise und Weichen, die in verlässlicheren Zeiten festgeschraubt waren. Es ist noch nicht so lange her, dass ich den Ort fand, wo die Menschen, die meine Menschen waren, zusammen mit vielen anderen Menschen in den Zug getrieben worden waren, dort, an einem Ort, der heute Messe genannt wird. Die Uniformen der Verbrecher kenne ich nur von Bildern, nichtsdestotrotz gehören sie zu meinem Leben. Ich weiß, wie die Nazis gerochen haben.

Und irgendwo verlief sich die Spur auf einmal, als ob die Welt dort aufhörte, die Gleise und Weichen tragen konnte und meine Menschen noch haben wollte, eine Welt, die sich in ihr Gegenteil verwandelt hatte und zum Abgrund geworden war, zu einem Nichts – ich konnte da oben nicht einmal ein Flimmern oder ein Flüstern erahnen, das verraten hätte, wohin meine Menschen verschwunden waren, und was mit ihnen geschehen war. Meine Menschen waren sauber ausgelöscht worden, vom Tisch geschoben, in der Säure der Geschichte aufgelöst.

Das Haus meiner Jugend, in dem ich gelandet war, war nicht für mich gemeint. Es war eine zweite Wahl. Mein Leben fing mit einer Ausweisung an, die allerdings nicht dokumentiert war und ein unbeachtetes Ergebnis einer kalt durchgeführten Verschwörung bedeutete, eine Absage an mich und meine Menschen. Erst im Nachhinein habe ich verstanden, warum mich bereits als kleines Kind das Schicksal der „Juden“ – alleine der Name dieses Volkes wirkte wie ein warnendes Signal an der Wand meiner Seele – immer wieder zur brennenden Frage wurde.

Meine Eltern konnten nichts dafür, dass sie die zweite Wahl waren; auch sie waren, ohne es zu wissen, in die Verschwörung eingebunden, wie gekrümmte Äste in einer Dornenkrone. Sie waren mir fremd, sie waren stachelig, ich konnte mich auf ihre Geschichte nicht einlassen, die Haut meines Vater war mir zu blass, seine Augen zu blau; und meine Mutter fasste mich nicht an, weil sie spürte, dass ich ein fremdes Küken war. Erst nach tausend Umwegen habe ich es verstanden: Meine Mutter war vom Rätsel ihres ersten Sohnes überfordert. Nicht, dass sie mich nicht geliebt hätte, sie konnte ihre Liebe nur nicht einordnen, weil sie immer mit einer ungreifbaren und schmerzvollen Frage einherging. Sie war jung, so jung, und nicht vorbereitet auf düstere Fragen. Ja, irgendwann in der Biographie muss es passieren: Deine Eltern werden deine eigenen Kinder.

Und mein Vater? Als er jung, so jung war, hat der Niederländische Staat ihn zu einem Soldaten gemacht und ihn nach Indonesien geschickt, ihn eingebunden in eine andere Verschwörung, die in meiner Jugend nie thematisiert werden durfte, weil die Lügen und Verbrechen offenbar waren. Soldat ist er immer geblieben, seine Treue hat nie nachgelassen; sein Gott durfte sich nie auf die Feinde ausweiten, liebevoll und großzügig sein, wie es doch unmissverständlich die Heilige Schrift vorschrieb. Mein Vater hatte sein Herz in Indonesien verloren. Und als er zurückkam und ich geboren wurde, hat er es sofort gespürt: Meine Loyalität galt nicht ihm, nicht seinem Gott, nicht seiner Geschichte, nur seinen Schriften. Ich habe fünfzig Jahre gebraucht, um ihn lieben zu lernen.

16.07.2011

Samuel ist unterwegs (4). In einer Wunde des Krieges

Arnhem – Utrecht – Amsterdam: Horizontale Trinität in meinem Leben, eine Bewegung von einem sich öffnenden Anfang über eine geschlossene Mitte bis zu einem sinkenden Ziel. Ich sage es heute: Amsterdam ist dabei zu versinken, entfaltet seine letzten Kräfte im Geschehen eines langsamen Verschwindens, versucht jedoch definitiv Schiff zu werden, sich von innen aus beständig zu machen, um irgendwann mal als Gesamtheit auszufahren, dorthin, wo ihre Gründer, die Wikinger, stolz auf festen Felsen lebten. Der Versuch dürfte allerdings scheitern, weil die Stadt – hat Rembrandt es uns nicht gezeigt? – ihr Gold nur im Versinken findet.

In Arnhem bin ich aufgewachsen. Der Name bedeutet: Ort wo die Adler zu Hause sind. Und so ist es auch: eine Jugend in dieser Stadt führt dazu, dass man sich über die klaren Bäche, die sanften Hügel, die sandigen Pfade und die Lichtungen im Wald erhebt, einen in die Höhe gefestigten Blick entwickelt, der auf Überblick und Zusammenhang ausgerichtet ist. Nur der Adler ist in Arnhem wirklich zu Hause, alle anderen Tiere sind Gäste.

Die Adler sind jedoch längst verschwunden – aber wohin? – und haben den Menschen das Adlerbewusstsein überlassen, dieses In-Kreisen-Schweben, diesen Weitblick zu haben, um das Eine und Einmalige irgendwann einmal greifen zu können. Was es noch gibt, sind die Hügel und die Bäche, die Pfade und die Lichtungen, und auch die Geister, die ihr Verbleiben tief in der Veluwe haben, sich manchmal in die nördlichen Gegenden der Stadt wagen, und in den Menschen vage Sehnsüchte wecken, stille Gefühle, die mit den geräuschlosen Trolleybussen übereinstimmen.

Die Straße, in der ich lebte, ist etwa einen knappen Kilometer lang und läuft gerade von den sich im Stillstand bewegenden Hügeln im Norden bis zu der flachen und sich in der Weite verlierenden Rheinebene im Süden. In diesem Übergang tritt das Wasser ans Tageslicht, in Bächen, Teichen und Quellen, verlässt die verbergende Sauberkeit den Sand und bietet sich den Forellen, Karpfen und Schwänen an, den Millionen Stichlingen auch, die mühelos Generation auf Generation hervorbringen und irgendwie wissen: Für die Nachkommen müssen wir verlässlich da sein.

Sauberes Wasser, das aus einem dunklen Untergrund an die Oberfläche sprudelt, um von einer hohen Warte heraus bemerkt zu werden: Hat Arnhem nicht dieses Grundbild in meine Seele eingeschrieben? Bin ich nicht immer noch dabei staunend und begierig auf das Klare zu schauen, das aus einer Tiefe himmelwärts hoch sickert, um letztendlich von dem großen Fluss, dem allmächtigen Strom mitgenommen zu werden, bis zum Ozean, wo alles Wasser wieder in sich kehrt, und sich in einer Unendlichkeit verliert?

Arnhem vollzieht sich noch immer in mir. Und das gilt auch für die Schlacht, die sechs Jahre vor meiner Geburt in der Stadt wütete, als die Alliierten mit Fallschirmen kamen und – noch schwebend zwischen Himmel und Erde – von den deutschen Soldaten wie Rebhühner abgeschossen wurden. Die verzweifelten jungen Männer, die Jagenden und die Gejagten, tobten noch immer herum. Ich bin ihnen als Kind begegnet, gerade auch dort wo die Wohnung war, in der ich mit meinen Eltern und Geschwistern lebte. Gerade an dieser Stelle explodierte eine kräftige Bombe, und in diese Wunde wurde kurz vor meiner Geburt das Haus meiner Jugend gebaut.

08.07.2011

Nochmals über das Selbstbewusstsein. Der Übermensch von Nietzsche

Unser Selbstbewusstsein scheint uns aus einem dunklen Untergrund hervor gegangen zu sein, den wir „Körper“ nennen könnten, oder „Materie“ oder „göttlichen Urgrund“ oder eben (wie Nietzsche gelegentlich meinte) „eine Krankheit“, oder einfach „Welt“.

Das Selbstbewusstsein scheint einerseits in komplexe Vorgänge eingebettet zu sein, die wie ein ständiger Geburtsgrund zu verstehen sind, vollzieht aber andererseits sofort nach seiner Geburt eine negative Emanzipierung: Es dreht sich quasi hundertachtzig Grad um, schaut wie Orpheus in die Unterwelt, die er gerade hinter sich gelassen hat, und versucht sich davon adäquate Vorstellungen zu machen.

Was das Selbstbewusstsein dann allerdings zu sehen bekommt, sieht aus wie ein sich zurückziehendes Gespenst: seine Geliebte Eurydike, die im Nebelhaften verschwindet. Gerade das, was ihm vertraut ist, versinkt im Dunkel. Und weil das Selbstbewusstsein in der Welt keinen Halt findet, durch das es hervorgerufen wird, gerät es in einen merkwürdigen Zustand. Es konstruiert ununterbrochen Gedanken, die es, wenn es ehrlich ist, ständig wieder dekonstruieren muss.

Den EINEN Gedanken, der ihm seinen Platz in der Welt erklärt, findet er nicht.

Positiv formuliert könnte man allerdings über den Menschen am Abgrund sagen: Er ist uns ein Rätsel. Dank Friedrich Nietzsche ist dieses Rätsel schon von Anfang an grundsätzlich von psychologischen Spekulationen und moralischen Ansprüchen frei, und damit paradoxerweise unantastbar.

Bemerkenswert ist, dass Nietzsche in seinen Texten immer zwischen den beiden Positionen, der negativen und der positiven, hin und her schwankt. Er scheint zu wissen, dass es sinnlos ist, dem Leben einen gegebenen Sinn abzuverlangen, scheint aber zu wollen, dass er irgendwann einmal vom Gegenteil überzeugt wird.

Und stärker noch wagt er zu denken: Wenn das Leben bis zum heutigen Tag angeblich sinnlos war, können wir ihm vielleicht noch heute dadurch einen Sinn verleihen, dass wir ihm von uns aus die Bedeutung zuschreiben, die wir ihm zuschreiben wollen.

Der Mensch, der dementsprechend tut was er will, heißt bei Nietzsche bekanntlich „der Übermensch“. Der Versuch – Kern des postmodernen Denkens – die Frage der Bedeutung des Lebens in den Bereich des menschlichen Wollens zu verlagern, prägt das wollende Denken oder das denkende Wollen Nietzsches.

02.07.2011

Quantensprung des Bewusstseins. Nicht reflektieren, sondern initiieren

Die direkte und unumgängliche Erfahrung, dass am Menschen so etwas wie Bewusstsein haftet, hat zu der weit verbreiteten Vorstellung des Unbewussten geführt. Unbewusst ist alles das, was nicht bewusst ist. Und bei fast allen modernen und postmodernen Philosophen herrscht der Gedanke, dass das Unbewusste den Grund für das Bewusstsein ausmacht: Erst gab es das Unbewusste, dann kam das Bewusste hinzu.

Gerade dasjenige, was wir nicht direkt erfahren, wird also als Geburtsgrund unseres Bewusstseins verstanden. Dieser Umstand lässt sich mit dem Wasser eines Baches vergleichen. Wir wissen, dass der Bach eine Quelle hat, die irgendwo unter der Erde verborgen sein mag. Wenn wir wollen, können wir uns aufmachen, um sie ausfindig zu machen, und irgendwo, zum Beispiel in den Bergen, werden wir die Stelle finden, wo das Wasser ins Tageslicht dringt. Und wir sagen dann: „Hier fängt der Bach an!“

Von der entdeckten Quelle des Baches als dessen Anfang zu sprechen, ist allerdings nur sehr beschränkt richtig. Es ist gar nicht festzustellen, woher das Wasser letztendlich kommt: Von unten als Quellwasser oder von oben als Regenwasser? Von links oder von rechts? Ist zum Beispiel der Ozean letztendlich als Anfangsreservoir oder als finales Sammelbecken zu betrachten? Das Wasser hält sich überall auf, hat keinen Anfang und kein Ende, strömt manchmal mächtig, verliert sich manchmal hilflos im Sande, sprudelt hier, ruht dort, fließt oder hält inne, schmeckt süß oder salzig.

Mit dem Bewusstsein ist es nicht anders. Der hartnäckige Gedanke, dass das Bewusstsein aus den ungeheuerlichen (Nietzsche) Untergründen des Lebens hervorgeht, ist eine reine Annahme, eine Vorstellung des Bewusstseins, das offenbar meint, sich in seinem unvermeidlichen Zustand des Schwebens selbst nicht handhaben zu können. Der moderne Mensch ist deswegen als eine paradoxe Erscheinung zu beschreiben: Er traut sich nicht zu eine Verankerung darin zu finden, was ihn bestimmt, nämlich in seinem Selbstbewusstsein.

Das moderne Selbstbewusstsein ist als eine offene Wunde zu verstehen. Was allerdings weh tut, ist nicht das Bewusstsein selber, sondern der Schatten – der Rand der Wunde – der durch das Licht des Bewusstseins sichtbar und spürbar wird. Das rätselhafte Anecken an das Dunkle, das Fremde, ja, das Ungeheuerliche-der-Welt, an alles das, was „Ich“ offenbar nicht bin, was irgendwie in meinem spontanen Akt der Selbstfindung ausgeklammert werden muss, erzeugt einen tiefen Schmerz (der übrigens, wenn wir ihm in uns nachgehen, sowohl salzig als auch süß schmeckt).

Zurzeit wird in spirituellen Kreisen davon gesprochen, dass die Menschheit in Bezug auf das Selbstbewusstsein vor einer Art „Quantensprung“ steht. Ich glaube, dass das stimmt. In unterschiedlichen Diskursen gibt es diesbezüglich unterschiedliche Sprachregelungen, die ich hier nicht diskutieren kann und will. In meiner Sprache sieht dieser Sprung jedoch wie die Heilung einer Wunde aus, die den Menschen zu einem freien Weltbürger gemacht hat.

Der Sprung ereignet sich nicht dadurch, dass das Bewusstsein vom Ungeheuerlichen wegspringt, sich sozusagen umdreht und „in die Höhe“ weg katapultiert, sondern dadurch, dass es mit sich selber verschmilzt, sich mit seinem Zustand des Schwebens quasi „versöhnt“. Der Sprung scheint mir darin zu liegen, dass das Bewusstsein sich als eine frei schwebende Verankerung versteht, gleichzeitig als Nullpunkt und als Umkreis, als eine Erscheinung, MEINE Erscheinung, die wie das Wasser tausend Gesichter hat. Das neue Bewusstsein erlebt: Mit mir fängt die Welt an, egal wo ich mich befinde, egal wie ich mich verhalte, egal was ich „denke“.

Das Bewusstsein springt in sich selbst, und somit in die ganze Welt, oder besser gesagt: springt in alles. Für das menschliche Bewusstsein wird die Erfahrung entscheidend, dass nichts „existiert“, ohne dass es „dabei“ ist. Eine Blume, eine Landschaft, eine Begegnung oder ein Geschehen wird erst dann als Blume, Landschaft, Begegnung oder Geschehen vollständig, wenn das Bewusstsein des Menschen sich dafür aufschließt.

Nicht das Unbewusste hat das Bewusste hervorgezaubert, das Bewusste hat das Unbewusste kreiert. Das neue Bewusstsein wird sich als eine Kraft verstehen, die stiftend in der Welt wirksam ist. Nicht nur, dass das Unbewusste aus seinem Schlaf erweckt wird, es wird darüber hinaus zu einer Bestimmung geführt, die noch nicht vorhanden war. Das menschliche Bewusstsein wird bestimmen, was Blumen, Landschaften, Begegnungen und Geschehnisse ausmachen.

Es spiegelt oder repräsentiert nicht nur, sondern es gestaltet. In diesem Sinne ist auf Martin Heidegger zurückzugreifen, der vom Denken-als-Ereignis sprach. Das neue Bewusstsein verlegt sich von den geschlossenen Köpfen in die offenen und beteiligten Herzen der Menschen, was ja bedeutet, dass es sich als souveräner Erzeuger von Ereignissen ernst nimmt. Statt zu reflektieren macht ein Initiieren seine wesentliche Tätigkeit aus.

25.06.2011

Samuel ist unterwegs (3). Was Lehm war, wird Sand

Hinter Utrecht wird alles anders. Was Lehm war, wird Sand, der vor unvorstellbaren Ewigkeiten von Eismassen dorthin gedrängt wurde, wo ich mich gerade befinde. Von der damaligen Präsenz des Eises ist nicht einmal eine Erinnerung übriggeblieben, keine Legende, kein Name, nur eine Landschaft als Negativ, das sich durchgehend ins Positive bewegt. Der Sand ist wie eine offene Schale, in der altes-frisches Licht aus Vorzeiten hervorgezaubert wird. Die Hoheit des hohen Nordens hat die Landschaft nie verlassen.

Die Region heißt Veluwe, was „gelbe Aue“ bedeutet. Aus Sicht der Achse zwischen Amsterdam und Köln liegt sie links im Abseits, mehr als ein freilassender Hinweis auf Uraltes will sie nicht sein. In meinem Leben allerdings ist sie eine Hauptsache, geistige Gebärmutter, der Traum, aus dem ich aufgewacht bin. Sie war in meiner Jugend der Ort-der-echten-Dinge, die Bühne meiner wahren Empfindungen. Irgendwie ist aus ihr eine Gestalt hervorgekommen, die mir zum Gefährten geworden ist, und mir immer wieder hilft, mir eine Vergangenheit zu vergegenwärtigen, die ich nicht einmal denken kann.

Holland ist sichtbar dunkel und spürbar jung, kämpft um seine Existenz, jeden Tag wieder. Die gelbe Aue ist unsichtbar hell und unfassbar alt, braucht sich nicht zu beweisen, wartet einfach im Abseits, bis sie von erwachten Menschen als Hauptsache anerkannt wird. Ihre Sprache mag langsam sein, ihre Sanddünen schwer zu begehen, ihre Wasserquellen tief, ihre Götter in dunklen Wäldern versteckt, ihre Bewohner verschlossen, ihr Warten ist jedoch groß und unbeirrbar, wie das Warten des Nordens überhaupt. Mit der Veluwe fängt Hibernia an.

Was ich damals als Kind gefunden habe – die grünen Steine, die Heideblumen, die toten Eidechsen, die Häute der Schlangen – das liegt alles noch immer in meiner Hand. Und die Gerüche sind noch in meiner Nase, reichen tief und stiftend im mich hinein, wecken mich zu etwas Unbestimmtem, erzeugen undenkbare Gedanken, eröffnen Felder der Sehnsüchte, machen alles groß und unbeirrbar. Und vor allem: Was unvorstellbare Vergangenheit ist, verschmilzt mit unvorstellbarer Zukunft.

Als der Zug an der Kleinstadt Ede vorbei rast, sitze ich wieder in dem Wohnwagen. Ich bin dreizehn Jahre in der Zeit zurückversetzt, es ist Herbst, das Leben scheint an einem Nullpunkt angekommen zu sein, mein Herz ist schwer, mein Körper erschöpft, meine Arbeit kommt mir sinnlos vor, das Warten ist unerträglich geworden. Und ich weiß im Nachhinein, während der Zug nicht mehr als eine halbe Minute braucht, um den Ort hinter sich zu lassen: Damals hat der Text, den ich gerade schreibe, angefangen.

Das, was von rechts nach links läuft, was also im Kommen ist, wird von einer Sprache getragen, die langsam und gewaltig ist. Wahre Texte sind keine Nachrichten, auch keine Erzählungen oder Protokolle, sondern Ereignisse. Und Nullpunkte sind keine biographischen Krisen, sondern Durchgänge, geheime Passagen, Öffnungen außerhalb allem Vorstellbarem, Lichtungen jenseits bereits Bekanntem. Der kleine Wohnwagen in Ede, etwa vierzehn Quadratmeter Grabzimmer, ist in mir noch immer da. Es ist jedoch leer.

18.06.2011

Berufswege. Ein Film von Caroline Schwarz und Joshua Conens

Ich mag Filme. Seit ich die wunderbaren Geheimnisse der sich bewegenden Bilder bei Cineasten wie Fellini, Antonioni, Kubrick und Tarkovski kennengelernt habe, hat meine Faszination für den Zauber des Filmes nicht mehr aufgehört. Die Art und Weise wie Fellini in seinem „Roma“ die Kamera nicht verbirgt, sondern in den Verlauf der Bilder mit einbezieht, hat mich gefesselt; und die erste Szene von Tarkovskis „The Sacrifice“ – die Kamera läuft etwa neun Minuten ohne Schnitt – hat mir den Atem genommen.

In der Filmkunst steigert sich das Spiel zwischen Illusionen und Wirklichkeiten bis ins Unmögliche. In guten Filmen – davon gibt es nicht ganz so viele – ist alles gleichzeitig grundsätzlich falsch und grundsätzlich wahr. Schein und Wesen werden auf eine unerträgliche Art und Weise aufeinander bezogen; sie werden in eine Spannung versetzt, die eine „ästhetische“ Erfahrung erweckt. Ohne unwahre Repräsentationen ist eine Annäherung an die Präsenz nicht möglich. Das Wesen des Schönen (und Hässlichen – Hässlichkeit gehört zur Schönheit) zeigt sich in der Lüge des Zaubers, oder anders gesagt: Die Göttin Maya wird nicht ausgeschlossen, sondern gerade liebevoll eingeladen. Ihr Wille zum Schein wird vom Willen zum Wesen umfasst.

In dem Film „Berufswege“ von Caroline Schwarz und Joshua Conens liegt eine Kameraführung verborgen, die allerdings ständig sichtbar ist, weil sie in ganz bestimmten Händen liegt. Durch die Bewegungen dieser „Hände“ wird sichtbar, dass etwas ganz Bestimmtes gewollt wird. Rein äußerlich ist der Film, wie die beiden Filmemacher schreiben, „ein Filmporträt von drei Menschen mit individuellen Berufen und Berufswegen. Im Mittelpunkt steht für sie, etwas zu tun, was ihnen wirklich wichtig ist – dafür haben sie neue und ungewöhnliche Wege gefunden. Was sie verbindet, ist die Suche nach Selbstbestimmung“.

Sobald man sich von den Bildern mitnehmen lässt und den Schritten der drei „Menschen“ folgt – sie gehen zum Beispiel in Räumlichkeiten hinein, locker oder entschieden – kommt man in eine Art des Wahrnehmens, die filmisch nicht besonders stilisiert ist; es sieht manchmal einfach und selbstverständlich aus, der Blickwinkel der Kamera ist weder klug ausgedacht noch folgt sie einem ästhetischen Konzept. Die ruhigen Bewegungen der verborgenen Hände, das An- und wieder Aus-Zoomen und die rhythmischen Schnitte erzeugen die Illusion einer Nähe aus der Distanz, die eine Sehnsucht nach Nähe erzeugt.

Was gezeigt wird, ist schlicht und einfach liebenswert. Und stärker noch: Durch die Illusion der Nähe werden nicht nur drei Menschen „geliebt“, sondern auch die Zuschauer, die im Grunde genommen keine Zuschauer sind, sondern Beteiligte. Ich fühle mich als Wahrnehmender auf eine bestimmte Art und Weise wahrgenommen, und dadurch, dass ich wahrgenommen werde, fange ich an, auf eine bestimmte Art und Weise wahrzunehmen. Die wunderbare Illusion kann nicht größer sein: Ich empfinde mich als verborgener Gegenstand des Filmes. Der Film ist gleichzeitig für mich gemacht und er handelt über mich.

Schlicht und einfach ist nie schlicht und einfach. Schlicht und einfach ist immer das Ergebnis eines intuitiven Handelns, das nicht von schlauen Überlegungen gehindert wird, sondern ein direkter Ausdruck einer Liebesaufgabe ist. Am Anfang des Filmes wird ein Zitat von Goethe gebracht, ein Satz, der eigentlich nie im Hier und Jetzt ausgesprochen wird, weil er eine große Wahrheit beinhaltet. Von mir aus hätte der Film allerdings auch ohne die Aussage auskommen können, er braucht das Zitat nicht als Bestätigung.

Das Zitat lautet: „In dem Augenblick, in dem man sich endgültig einer Aufgabe verschreibt, bewegt sich die Vorsehung auch. Alle möglichen Dinge, die sonst nie geschehen wären, geschehen, um einem zu helfen. Ein ganzer Strom von Ereignissen wird in Gang gesetzt durch die Entscheidung, und er sorgt zu den eigenen Gunsten für zahlreiche unvorhergesehene Zufälle, Begegnungen und materielle Hilfen, die sich kein Mensch vorher je so erträumt habe könnte. Was immer du kannst, beginne es. Kühnheit trägt Genius, Macht und Magie. Beginne jetzt“.

Klar, ich hätte das Zitat auch gebracht. Es ist zu schön, um einfach im Bücherschrank zu verblassen. Es ist vielleicht die beste Umschreibung einer Kultur des Herzens, die ich je gelesen habe, weil es auf etwas setzt, was im Kommen ist. Der Film handelt nicht nur über drei Menschen, die sich endgültig einer Liebesaufgabe verschrieben haben, sondern auch von sich selber als Aufgabe, als Statement, als Ereignis. Und er handelt von allen Menschen, die sich auf die Aufgabe von Caroline Schwarz und Joshua Conens einlassen wollen, dass heißt: Vom Wahrnehmenden zum Beteiligten gemacht werden zu wollen.

Gute Filme entzünden, stiften, öffnen, verbinden, verknoten, verschränken, berühren, verführen, spielen das Spiel der wesentlichen Illusion... Ich würde sagen: Bestellt bitte den Film! Schaut mal bei: www.berufswege.com

12.06.2011

Samuel ist unterwegs (2). Unter dem Wasserspiegel von Utrecht

Die Landschaften warten bereits in mir. Sie sind von Ost nach West in mir aufgezeichnet, der Bewegung meines Lebens entsprechend. Ich reise allerdings von West nach Ost, gegen den Strom der Zeit, die von der Vergangenheit bis in die Gegenwart läuft. Ich gehe also auf meine Vergangenheit zu, die bereits in mir vorhanden ist. Ich buchstabiere heute – kann es leider nicht anders – von links nach rechts, begebe mich jedoch in eine Bewegung, die mich an Altes erinnert: an ein Schreiben von rechts nach links.

Reisen bedeutet: Altes in neuen Zusammenhängen wiederzufinden. Der Bahnhof von Utrecht ist als leere Mitte des Landes und meines Lebens gemeint, als Ort des notwendigen Aussteigens und des sofortigen Einsteigens. Dort verbleibt man eine kurze Weile, weil man gerade dort nicht bleiben will. In diesem Loch kauft man sich Zigaretten, englische Romane, Brötchen und Coffee-to-go – man nimmt sich, was man unterwegs zum Überleben braucht. Es gibt wenige Orte, wo ich so oft, so hastig und so dumpf war, so schläfrig im Vorübergehen, früh morgens, spät abends, umgeben von lebendigen Gespenstern der Leere, die Gespenster sind, weil sie nicht bemerkt werden.

Diesmal brauche ich nicht umzusteigen. Ich schaue aus dem Fenster, sehe meine fröhlichen Landsmänner und -frauen auf die Rolltreppen gehen, die Gratiszeitungen locker unter den Arm geklemmt. Und wieder kommt die Frage hoch: Was haben die Niederländer, was die Deutschen nicht haben? Sie scheinen im Gehen ein ganz kleines bisschen weniger Widerstand überwinden zu müssen, werden getragen von einem Hauch Luft, oder ist es Wasser-in-Luft? Bestehen ein paar Prozent des gehenden Bemühens nicht eigentlich aus einem Fliegen oder Schwimmen? Das Leben flattert ein bisschen vor sich hin, eine Grundlage scheint es nicht wirklich zu brauchen.

(Die Zeitungen in Deutschland sind nie gratis und dazu immer schwer mit Wahrheiten beladen; sie werden eher fest in Taschen gesteckt, am liebsten solide und unsichtbar eingebaut in Taschenfundamente.)

Utrecht. Ich habe etwa zehn Jahre in dieser Stadt gelebt. Sie ist in mein Inneres wie eine Mauerarbeit aus alten und nassen Backsteinen eingebaut, die gerade noch nicht auseinander fällt. Die Stadt hat mich als Jugendlichen und als jungen Erwachsenen erlebt, umgekehrt war sie für mich immer ein älterer Herr, der hauptsächlich damit beschäftigt war, nicht in seiner Vergangenheit zu ertrinken. Alles was an Utrecht fremd ist und mir vertraut, habe ich in dieser Stadt kennengelernt: die englischen romantischen Dichter, die deutschen Philosophen, den französischen Käse... Ich habe damals meine Seele wie einen Koffer mit auch mir unbekannten Geheimnissen in der Innenstadt herum geschleppt. Der ältere Herr wollte meine Grundlagen nicht erkennen, bot mir allerdings in seiner verzweifelten Unachtsamkeit die dunklen Keller direkt am spiegelnden Wasser an, wo ich den Schlüssel fand: Blues.

Utrecht, es ist wahr: in deinen unsichtbaren Untergründen, in dem, was unter deinem Wasserspiegel wartete, lag unbemerkt meine Zukunft. Ich brauche nur die Kellertür zu öffnen, um die Poesie wieder zu hören, das leicht-schwermütige Singen des freien Wollens, des rhythmischen Schreibens von rechts nach links, den lockeren Aufbruch aus der Dunkelheit ins kommende Leben. Du bist mir fremd geblieben, hast mich jedoch in Ruhe gelassen und mir den Weg zu mir erlaubt. Und jetzt, wenn der Zug noch ein wenig wartet, nehme ich mir zum ersten Mal in meinem Leben die Freiheit, dir zu danken.

04.06.2011

Ein Vertikal

Ein Vertikal
gebiert
die Welt,

wenn Vertikal
den Leib
fixiert;

wenn Vertikal
sich denkt
und lenkt;

wenn Vertikal
rechts links
ergreift;

wenn Vertikal
vibriert
und brennt;

wenn Vertikal
den Raum
nicht braucht;

wenn Vertikal
die Zeit
aufhebt;

wenn Vertikal
streng steht
wie Ich;

wenn Vertikal
auch mich
beschränkt;

wenn Vertikal
sich breit
verneint;

wenn Vertikal
kein Wort
versteht;

wenn Vertikal
erscheint
als Gott,

gebiert
die Welt
ein Vertikal.

27.05.2011

Samuel ist unterwegs. (1) Und radiert ein Selbstporträt

Der Zug macht sich frei von der Stadt. Langsam gleitet er über die Gleise, schüttelnd und manchmal eben singend, bedachtsam auch, als ginge es um seine letzte Fahrt, bei der er die Kurven durch die alten Viertel noch einmal in sich aufnehmen will. Als kurz darauf links und rechts die großen Bürotürme und Einkaufshallen am Stadtrand erscheinen, lässt er sich auf die Geradlinigkeit ein, gewinnt an Geschwindigkeit und akzeptiert was er ist: ein Eilzug. Ich spüre, wie mein Rücken gegen den Sitz gepresst wird, als ob der Zug mir sagt: Ich weiß, dass du da bist, ich befördere dich.

Ich schaue aus dem Fenster. Die Landschaft ist mir durch und durch bekannt, umschlingt nicht nur den Zug und meinen Körper, sondern auch mein Inneres, irgendwie eben mein ganzes Leben, das in meinen Erinnerungen aufbewahrt wird, ein grünes Leben in Wasser eingetaucht, von Kopfweiden und Holzbrücken und Fischreihern bevölkert. Und ich danke heute noch einmal dem großen Meister Rembrandt van Rijn, der mir den Blick geöffnet hat, für das, was im Sterben ist. Was das niedere Land einmal war, ist schon längst entschieden zur Seite geschoben worden, spricht allerdings noch in mir; und was da draußen spärlich übrig geblieben ist vom Alten, weckt die Sehnsucht zum Mitsterben.

Ich bin unterwegs. In etwa drei Stunden werde ich in Köln eintreffen, der soliden Stadt meiner Zukunft, in der Stadt mit der noch immer heilenden Haut, der Stadt der biegsamen Geschmeidigkeit... Für die Dauer der Reise werde ich allerdings dort sein, wo ich tatsächlich bin, am Fenster im Zug, bei den Orten und Landschaften also, die an mir vorüber ziehen. Ich will sie befragen. Sie gehören zu mir, zu meinem Leben, zu diesem merkwürdigen Vorgang des Daseins, des Werdens, vor allem auch des Gewordenen, dieser Kette von Ereignissen die hinter mir liegen und im Nachhinein immer wieder anders aussehen, und deswegen noch immer vor mir liegen. Irgendetwas aus der Zukunft scheint sich in meine Vergangenheit einzumischen, jeden Tag wieder, wie ein manipulierendes Gegenüber, das sich hinter den Tausend kleinen Dingen des Alltags verbirgt. Es macht alles zur Frage, auch die Orte und Landschaften, die zu mir gehören und gerade auf mich warten.

Ich heiße Samuel und mag es sehr, an einem Fenster zu sitzen. Ich bin ein Fenstermensch. Die Öffnungen für Licht und Luft sind in Vertrautes und Inneres eingebaut, gehen aus schützenden Wänden hervor, und bewirken etwas Doppeltes: Sie erlauben, dass ich bei und mit und in mir bleibe, dass ich ungestört bei mir nachfragen kann, mit mir selbst unterwegs, und wenn ich will, in mir versinken kann; und sie bieten Ausschau auf Fremdes, auf Leute und Straßen und Lastwägen und Wiesen und Esel (falls es welche gibt). Fenster ermöglichen eine sanfte Art des Tanzes, die zu mir passt, ein leises Schwenken von mir zu den Kopfweiden, Holzbrücken und Fischreihern. Der große Meister hat verstanden, was Fenster sind: Seine Radierungen sind gerade passende Ausschnitte, die ein Gleichgewicht zwischen Innerem und Äußerem herstellen.

Vielleicht werde ich heute noch öfters von Rembrandt erzählen. Sein Blick ist mein Blick geworden. Ein paar Kilometer außerhalb von Amsterdam, direkt am Fluss, steht eine alte Windmühle, eingeklemmt zwischen Ufer und Landstraße, an sonnigen Tagen wird ihrer Eigenheit laut durch gelbe Rennräder und rote Kinderwägen und orangen Hubschraubern widersprochen, allerdings noch immer angetrieben vom alten Westwind. Dass die Mühle nicht verloren geht, verdanken wir dem Blick des alten Meisters, der es auch im Nachhinein schafft, das Wesentliche im Erscheinenden hervorzuheben. Sein Blick ist mein Blick geworden, vielleicht aber noch nicht ganz: Werde ich je im Stande sein, so auf mich zu schauen, wie er gnadenlos auf sich geschaut hat?

(Fortsetzung folgt)

20.05.2011

Semai

Ich sah Dich sitzen,
plötzlich,
eingesunken,
vornübergebeugt
und weinend.

Du warst ausgehöhlt.

Das Gras war grün
und Pferde schnaubten
überall. Der Mann,
den Du nicht kanntest,
hatte um Deinen Hals
ein Seil gelegt.

Manchmal blickte er auf,
zu Dir,
sah aber nichts,
denn Deine Augen
waren von einem Vlies aus Schmerz
verdeckt.

Ich nenne Dich Semai,
so sagt es der Zug,
der sich langsam und singend
von der Stadt löst.
Ich höre die Stimme
Deines Vaters, sie spricht:
Du Traumkopf Semai,
singe das Lied über das Land,
das weit hinter den Dünen
im Nebel verschwand.

Und Du sangst. Und Dein Körper
bewegte sich schaukelnd
auf der Holzbank, hin
und her, sanft wie ein Schiff,
das ausgeladen wird. Hör!
Ein goldenes Segel erscheint
aus dem Nebel über dem Meer.
Und ein rauer Westwind
bringt alte Worte
von damals, als ein Gott
– er strahlte wie ein Mensch –
in dem kleinen Hafen eintraf,
die hohe Düne erklomm
aufs Meer zurückblickte,
schleppend, weinend sang und
weiter in den Osten zog, dorthin,
wo die leeren Orte warteten.
Und Dein Vater weiß es
wieder. Mit seinen Händen
knotet er die schweren Netze,
sieht die Schiffe wieder,
die nicht versinken konnten.
Sein Hafen ist wieder groß.

Das Gras war grün
und Pferde schnaubten
überall. Der Mann
hatte Dich gekauft.
Was wusste er vom Gold?
Was wusste er vom Hafen
und den schweren Netzen? Das Weinen
des Meeres kannte er nicht,
und sein Seil war grausam.
Er kannte nur die Hügel,
die nie schaukeln, das Gras
das nie singt, das Messer
das Brüder tötet.

Er kannte die Dämonen,
grün und groß und schnaufend,
die auf einmal erschienen,
flüchtend vor dem Glanz,
den er nicht sehen konnte.
Er schmiedete Amulette,
halbe, eiserne Monde,
die er mit seinen Stiefeln
im Boden zertrat.
Mit seinen Brüdern sprach er nicht
und seinem Pferd gab er
nur noch bittere Befehle.
Seine Angst war groß
vor den Dämonen, aber größer noch
die vor dem unsichtbaren Glanz,
dem Goldglanz aus dem Westen.

Manchmal blickte er auf,
zu Dir,
und sah auf Deinem Haar
einen Glanz, den er berühren
wollte, er tat es nie,
weil er sich nicht getraute.

Köln kommt näher und
ich habe es erfasst:
mich trägt der Boden
des Goldes, das Meer,
das einst die Schiffe brachte.

Semai: Goldkind. Küstenkind,
Beute. In der Einsamkeit
wurde Deine Seele tief. Hör
doch die Stimme Deines Vaters!
Er ruft Dich bei deinem Namen.

14.05.2011

Eine Kraftquelle in Köln. Über den umgekehrten Blues des Herzens

Zwei Jahre habe ich mit meiner Freundin in einem Penthouse in der Altstadt von Köln gelebt, direkt am Rhein. Ich habe mich in den Gassen dort sehr wohl gefühlt, immer gab es in irgendeiner Ecke Musik aus Südamerika, Jazz oder Blues aus Amerika, Chansons aus Frankreich. Vor allem in den Nächten, wenn ich bei geöffnetem Fenster an meinem Buch „Herzwerk“ geschrieben habe, genoss ich die Geigen der Zigeuner, die mich von tief unten erreichten.

Was mich vor allem immer wieder berührte, war das Wissen, dass die ganze Altstadt, nach den verheerenden Bombardements des Zweiten Weltkrieges, von den Kölnern peinlich genau wieder aufgebaut wurde. Das heutige Viertel ist ein Scheingebilde: Kein Stein liegt an der Stelle, an der er vor dem Krieg gelegen hat, nichtsdestotrotz wirkt das Ganze mehr oder weniger authentisch. Nur wenn man gut hinschaut, sieht man, dass es sich um eine Rekonstruktion handelt.

Eine falsche Schönheit also, die gerade schön ist, weil sie so liebevoll falsch ist. Die Altstadt von Köln ist in einer Wunde wieder aufgebaut worden, und in den noch immer brennenden Narben werden Lieder gesungen, Gläser leer getrunken, Bücher geschrieben, Kinder geboren und kosmische Visionen ergriffen.

Ohne Wunde keine Kraft. In seinem Buch „Wege der Erdheilung“ beschreibt Marko Pogacnik, dass sich nach seinem Empfinden in der Altstadt von Köln das Epizentrum eines sich neu bildenden Erd-Herz-Chakras befindet. Die genaue Stelle heißt „An Farina“ und liegt dem alten Rathaus gegenüber, etwa vierhundert Meter von meiner alten Wohnung entfernt. Die Erde „öffnet“ dort ein neues Kraftzentrum, das in der Zukunft einen Strahlungsumkreis von etwa 800 Kilometern haben wird.

An Farina ist ein stiller Innenhof, unter dem sich ein Parkhaus befindet. Ich kann bestätigen, dass dort etwas los ist. Immer wieder, wenn ich dort bin, mich hinsetzte und mich in die Stille hinein begebe, kommt es mir vor, als ob ich von einer goldenen Flut aufgenommen und getragen und geführt werde. Die Flut ist gleichzeitig leicht und kräftig, vergleichbar mit dem Gelb, das über einer Frühlingswiese schwebt. Sie zwingt zu nichts, ist allerdings sehr präsent.

In der heiter-ernsten Flut erscheine ich mir als ein Mensch, der – nur wenn er das will – mit seinen kantigen Widersprüchen ganz sachte in ein rhythmisches Fließen gebracht wird. Es ist nicht so, dass meine Widersprüche dort aufgehoben würden, nein, gerade nicht, sie werden sogar eher bestätigt, allerdings in Farben gehüllt, die sanft und freundlich sind. Ein inneres sanft-weiß-gelbes Licht beleuchtet die dunklen Ecken meiner Seele, und befreit dort Tausend leise fröhlich-traurige Melodien.

Die Flut wirkt wie ein Paradox. Einerseits ist sie groß und tief und mächtig, andererseits schüchtern und fein und heiter. Und wenn Du die Frühlingsflut einmal in Dir zugelassen hast, bleibt sie bei Dir, begleitet sie Dich, wohin Du auch gehst. Du brauchst nur die Stille in Dir aufzusuchen, um sie zu finden.

Durch die Flut wird eine Wunde geheilt, oder vielleicht besser gesagt: In ihr wird ein unbewusstes Weinen befreit und in eine leichte Musik verwandelt, die sich wie ein umgekehrter Blues verhält: Die Melodien tragen die tiefen Bässe. Die Melodien sind unerschöpflich, meine Aufmerksamkeit für sie ist noch im Kommen. Jedes Mal, wenn es mir gelingt, eine Melodie wirklich zu hören, dröhnen quasi von oben die Bässe, die die Instrumente der kosmischen Mächte sind.

Ich möchte an dieser Stelle Marko Pogacnik danken, dass er mich auf das Herz von Köln aufmerksam gemacht hat. Im Nachhinein verstehe ich, warum ich damals das Leben in der Altstadt gerade brauchte, um in einer Penthouse-Wohnung mein Buch „Herzwerk“ zu schreiben. Und meinen Lesern würde ich empfehlen: Geht mal an An Farina vorbei... Und stellt euch dann nebenbei auch noch die Frage, warum gerade dort die wunderschöne Statue „Frauen von Köln“ aufgestellt wurde.

06.05.2011

Brennende Reisepässe. Über die Aufgabe Deutschlands in veränderten Zeiten

Letzte Woche sagte mir ein Freund: „Innerlich habe ich meinen deutschen Reisepass schon längst verbrannt. Vom staatlichen Gebilde der deutschen Republik erwarte ich nichts mehr. Ich bin überzeugt, dass Deutschland als Nation seine Aufgabe verpasst hat.“ Als ich nachfragte, machte mein Freund einen Unterschied zwischen dem Staat und dem Kulturkreis Deutschlands. „Wenn es zum Beispiel um den deutschen Idealismus geht“, so meinte er, „bin ich noch immer voll dabei.“

Wie kam mein Freund zu dieser heftigen Aussage? Ich hatte von der historischen Entwicklung Europas gesprochen, und dabei vor allem auf die Süd-Nord-Achse hingewiesen: Im Süden gab es die alten Griechen, die die philosophische Reflexion, die zu den tragenden Ideen Europas führte, gebracht hatten. Diese Bewegung vom Süden aus, gipfelte in der Renaissance und der Aufklärung. Manchmal wird das moderne Europa als ein Ergebnis dieser historischen Entwicklung verstanden.

Es gab allerdings auch eine Bewegung, die vom Norden ausging. Sie drückte sich zum Beispiel in der schwindelerregenden Wirkung der Wikinger aus, die – anders als die Griechen – nie eine große Philosophie hervor zauberten. Die alten nordischen Mysterien, die übrigens relativ spät ihre Götterdämmerung erlebten, waren komplett anders gepolt. Dort ging es vor allen um die Verwandlung von Wut in Zorn, und um ein dementsprechendes Handeln. Ohne die Wikinger, so sagte ich, wäre das heutige Europa nicht entstanden.

Und so kam ich auf Deutschland zu sprechen, das zum Herzen Europas gehört. In der Spannung zwischen dem Norden und dem Süden hat aus meiner Sicht, der deutsche Kulturkreis eine ausgleichende Aufgabe, die im Grunde genommen beide Pole vereinigt. Und ich denke, dass diese Aufgabe bis heute aktuell ist: Nur augenscheinlich liegt die Spannung zwischen Nord und Süd in einer historischen Vergangenheit. Unter der Decke der Geschichte ist sie aber noch immer wirksam.

Ich sagte in dem Gespräch, dass Deutschland und die Deutschen in Bezug auf die ausgleichende Aufgabe vor allem seit dem Holocaust stark verunsichert sind. Mit dieser Verunsicherung geht allerdings eine Stimmung einher, „a mood of the country“, die ich – gerade weil ich Holländer bin? – immer wieder spüre, und die für mein Empfinden auch eine Hoffnung in sich birgt.

Ich würde diese Stimmung als ernsthaft, betroffen und nachdenklich beschreiben. Was die ganze Welt im Moment als „German Angst“ wahrnimmt, bedeutet nicht nur Lähmung, sondern auch ein positives Innehalten, eine Art innere Neuorientierung, die sich allerdings in den tieferen Schichten des Bewusstseins vollzieht.

Das postmoderne Europa ringt zurzeit mit großen Fragen, die direkt mit „aufgeklärten“ Kernideen zusammenhängen, die gerade nicht geklärt sind. Das ideelle Gefüge von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit (mein Freund sprach von „Geschwisterlichkeit“) droht auseinander zu fallen, weil die widersprüchlichen Lügen mittlerweile unerträglich geworden sind.

Ich behaupte, dass von allen Ländern in Europa gerade Deutschland sich weigert, ich müsste natürlich schreiben: noch verweigert, sich dem Populismus zuzuwenden. Um ein Wort zu benützen, das Nietzsche so gerne mochte: „vielleicht“ findet Deutschland in seinem Innehalten eine Tür ins Innere und Offene... Die Flammen der Reisepässe würden dann die Überschreitung einer neuen Schwelle ermöglichen. Es ist spannend in Deutschland zu leben.

30.04.2011

Versuch zu einer adamitischen Sprache. Über eine Freundin

Sie ist eine Freundin. Ihre ganze Art ist fest und gleichzeitig weich. Ihre Natur ist von einer Qualität geprägt, die Joseph Beuys dem Fett zuschreibt: Sie bewahrt, ruht in sich selber, ist nicht so sehr an einer Form interessiert, sondern an Masse und Tiefe.

Die Dauer der Zeit liegt ihr offen in ihrer Langsamkeit. Für Gespräche nimmt sie sich Zeit, viel Zeit, die sie auch hat. Sie sitzt dann fast unbeweglich auf einem Sofa, hört mit großen Ohren zu, spricht eine Sprache ohne Hast und Druck, ist bei jedem Wort, bei jedem Gedanken voll dabei, bewegt sich innerlich wie der große Saturn in weiten Kreisen, alles umfassend, alles tragend, alles in eine Breite und eine Tiefe ziehend.

Stille Momente, auch wenn sie länger dauern, sind ihr nicht unangenehm, ganz im Gegenteil: Sie meint, dass es so etwas wie eine sinnlose Leere nicht gibt oder eben überhaupt nicht geben könnte.

Ihr Wohnzimmer ist ein Ort-zum-Sein. Alle Gegenstände stehen an der richtigen Stelle, kommen einander nicht zu nah, stören nicht, sprechen nicht zu laut, sind nicht zum Schweigen verdammt. Für die Blumenvasen (die es immer reichlich gibt), die Kerzenständer, die sanften Kissen und eben die Bücher, die sie gerade liest – sie liest immer etwas, ist immer in ein Thema versunken – findet sie die richtige Stelle, ohne darüber nachdenken zu müssen.

Sie mag Fragen, weil sie Antworten mag. Um die Frage zu stellen, mit der sie gerade lebt, nimmt sie sich viel Zeit. Sie führt aus, bezieht sich auf die Vergangenheit, erwähnt vielleicht relevante Autoren, ohne sie zu zitieren, weil sie immer in umfassenden Zusammenhängen denkt, bewegt sich tastend vorwärts, bis die Frage-als-Frage einwandfrei im Raum erscheint.

Eigentlich stellt sie die Frage nicht, sie kreiert eine stimmige Umgebung, die EINE stimmige Umgebung. Sie nimmt sich die Zeit, um die Frage im Hier und Jetzt entstehen zu lassen. Auch wenn sie dazu Sachen erzählen muss, die schon längst bekannt sind, wiederholt sie in aller Ruhe die Details, als ob sie noch nicht bekannt gewesen wären.

Und wenn die Frage letztendlich erscheint, sieht sie wie ein weißer Schwan aus. (Ist der lange Hals des Schwans nicht reine Frage?) Und interessant: Wenn umgekehrt ihr jemand eine Frage stellt, hält sie inne, schaut auf die Regungen, die spiegelnd in ihrem Innersten erscheinen, wartet und wartet, bestimmt also das Tempo der Zeit, und versucht dann langsam die Frage in ihren Worten zu formulieren.

Sie will eine Meisterin der tragenden Tiefe sein. Nicht, dass sie keine Wut kennt. Ein aufkommender Ärger wird allerdings in ihrer Welt „verbuttert“, sie breitet sich verhalten in der inneren Masse aus, wirkt deswegen immer indirekt und wird gemäßigt aus allen Poren ihrer Seele fast anonym und atmosphärisch ausgeatmet.

Es wäre ein Fehler zu denken, dass dadurch ihr Ärger und ihre Wut weniger massiv wirken würden, ganz im Gegenteil, die mächtige Verhaltenheit erzeugt einen Schatten von einem enormen Kaliber. Selber merkt sie allerdings nicht, dass sie von dieser machtvollen Gestalt begleitet wird, die auf ihre Vertrauten und Kollegen manchmal erschreckend wirkt. Alle wissen: An dieser Stelle muss man bei ihr ein bisschen aufpassen.