18.06.2011

Berufswege. Ein Film von Caroline Schwarz und Joshua Conens

Ich mag Filme. Seit ich die wunderbaren Geheimnisse der sich bewegenden Bilder bei Cineasten wie Fellini, Antonioni, Kubrick und Tarkovski kennengelernt habe, hat meine Faszination für den Zauber des Filmes nicht mehr aufgehört. Die Art und Weise wie Fellini in seinem „Roma“ die Kamera nicht verbirgt, sondern in den Verlauf der Bilder mit einbezieht, hat mich gefesselt; und die erste Szene von Tarkovskis „The Sacrifice“ – die Kamera läuft etwa neun Minuten ohne Schnitt – hat mir den Atem genommen.

In der Filmkunst steigert sich das Spiel zwischen Illusionen und Wirklichkeiten bis ins Unmögliche. In guten Filmen – davon gibt es nicht ganz so viele – ist alles gleichzeitig grundsätzlich falsch und grundsätzlich wahr. Schein und Wesen werden auf eine unerträgliche Art und Weise aufeinander bezogen; sie werden in eine Spannung versetzt, die eine „ästhetische“ Erfahrung erweckt. Ohne unwahre Repräsentationen ist eine Annäherung an die Präsenz nicht möglich. Das Wesen des Schönen (und Hässlichen – Hässlichkeit gehört zur Schönheit) zeigt sich in der Lüge des Zaubers, oder anders gesagt: Die Göttin Maya wird nicht ausgeschlossen, sondern gerade liebevoll eingeladen. Ihr Wille zum Schein wird vom Willen zum Wesen umfasst.

In dem Film „Berufswege“ von Caroline Schwarz und Joshua Conens liegt eine Kameraführung verborgen, die allerdings ständig sichtbar ist, weil sie in ganz bestimmten Händen liegt. Durch die Bewegungen dieser „Hände“ wird sichtbar, dass etwas ganz Bestimmtes gewollt wird. Rein äußerlich ist der Film, wie die beiden Filmemacher schreiben, „ein Filmporträt von drei Menschen mit individuellen Berufen und Berufswegen. Im Mittelpunkt steht für sie, etwas zu tun, was ihnen wirklich wichtig ist – dafür haben sie neue und ungewöhnliche Wege gefunden. Was sie verbindet, ist die Suche nach Selbstbestimmung“.

Sobald man sich von den Bildern mitnehmen lässt und den Schritten der drei „Menschen“ folgt – sie gehen zum Beispiel in Räumlichkeiten hinein, locker oder entschieden – kommt man in eine Art des Wahrnehmens, die filmisch nicht besonders stilisiert ist; es sieht manchmal einfach und selbstverständlich aus, der Blickwinkel der Kamera ist weder klug ausgedacht noch folgt sie einem ästhetischen Konzept. Die ruhigen Bewegungen der verborgenen Hände, das An- und wieder Aus-Zoomen und die rhythmischen Schnitte erzeugen die Illusion einer Nähe aus der Distanz, die eine Sehnsucht nach Nähe erzeugt.

Was gezeigt wird, ist schlicht und einfach liebenswert. Und stärker noch: Durch die Illusion der Nähe werden nicht nur drei Menschen „geliebt“, sondern auch die Zuschauer, die im Grunde genommen keine Zuschauer sind, sondern Beteiligte. Ich fühle mich als Wahrnehmender auf eine bestimmte Art und Weise wahrgenommen, und dadurch, dass ich wahrgenommen werde, fange ich an, auf eine bestimmte Art und Weise wahrzunehmen. Die wunderbare Illusion kann nicht größer sein: Ich empfinde mich als verborgener Gegenstand des Filmes. Der Film ist gleichzeitig für mich gemacht und er handelt über mich.

Schlicht und einfach ist nie schlicht und einfach. Schlicht und einfach ist immer das Ergebnis eines intuitiven Handelns, das nicht von schlauen Überlegungen gehindert wird, sondern ein direkter Ausdruck einer Liebesaufgabe ist. Am Anfang des Filmes wird ein Zitat von Goethe gebracht, ein Satz, der eigentlich nie im Hier und Jetzt ausgesprochen wird, weil er eine große Wahrheit beinhaltet. Von mir aus hätte der Film allerdings auch ohne die Aussage auskommen können, er braucht das Zitat nicht als Bestätigung.

Das Zitat lautet: „In dem Augenblick, in dem man sich endgültig einer Aufgabe verschreibt, bewegt sich die Vorsehung auch. Alle möglichen Dinge, die sonst nie geschehen wären, geschehen, um einem zu helfen. Ein ganzer Strom von Ereignissen wird in Gang gesetzt durch die Entscheidung, und er sorgt zu den eigenen Gunsten für zahlreiche unvorhergesehene Zufälle, Begegnungen und materielle Hilfen, die sich kein Mensch vorher je so erträumt habe könnte. Was immer du kannst, beginne es. Kühnheit trägt Genius, Macht und Magie. Beginne jetzt“.

Klar, ich hätte das Zitat auch gebracht. Es ist zu schön, um einfach im Bücherschrank zu verblassen. Es ist vielleicht die beste Umschreibung einer Kultur des Herzens, die ich je gelesen habe, weil es auf etwas setzt, was im Kommen ist. Der Film handelt nicht nur über drei Menschen, die sich endgültig einer Liebesaufgabe verschrieben haben, sondern auch von sich selber als Aufgabe, als Statement, als Ereignis. Und er handelt von allen Menschen, die sich auf die Aufgabe von Caroline Schwarz und Joshua Conens einlassen wollen, dass heißt: Vom Wahrnehmenden zum Beteiligten gemacht werden zu wollen.

Gute Filme entzünden, stiften, öffnen, verbinden, verknoten, verschränken, berühren, verführen, spielen das Spiel der wesentlichen Illusion... Ich würde sagen: Bestellt bitte den Film! Schaut mal bei: www.berufswege.com

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Lieber Jelle,
herzlichen Dank für Deinen Text und den Hinweis auf den Film. Ich bin sehr gespannt darauf. Vielleicht hilft er mir besser zu verstehen und zu vertrauen. Mein Sohn (22J) ist seit vielen Monaten auf der Suche nach seinem Platz und seiner Gesellschaft.
Viele liebe Grüße, Birgitt

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

Lieber Jelle,
den richtigen Platz in der Gesellschaft zu finden ist gewiß nicht immer einfach. Genau so ist es bei allem sozialem Engagement für eben die wichtige und unabweisbare Sache des Herzens - so verrückt sie auch sein mag.
Auch ich habe meinem Herzen einen Ruck gegeben und - trotz negativer Antwort der Gemeinnützigen Treuhandstelle - ganz auf mein geistiges und literarisches Vermögen gebaut und siehe da: es entstanden 7 mehr oder weniger gelungene Werke (Bücher), von denen eines auch bereits als E-book erhältlich ist.
Dennoch hält sich der wirtschaftliche Erfolg noch sehr in Grenzen - was auch daran liegt, dass je besser etwas ist, umso mehr dafür investiert und aufgewendet werden musste. Viele Menschen, die durchaus zu Liebhabern meines literarischen Werks zählen, sind bei Buchpreisen über 10 € nicht mehr bereit mitzugehen, nicht ahnend, dass sie bei dem Werk für 30 € den fünffachen Inhalt und eine aus Erfahrung gewonnene niedrige Fehlertoleranz, einkaufen.
Mithin ist das teuerste auch das beste Werk, wie mir in einigen Reaktionen und Rezensionen auch bereits bestätigt wurde.
Schaut doch einmal nach unter: www.amazon.de oder unter google.books. Die Ergebnisse können sich sehen lassen - auch ohne Lektor und Korrektorat...

Herzlich,

Michael Heinen-Anders

Jelle van der Meulen hat gesagt…

Liebe Birgitt, schön von dir zu hören! Könnte es sein, dass ein noch-nicht-so-ganz-genau Wissen mit 22 Jahren auf einen tiefen Ernst hinweist? Eine Antwort finden, die auch wirklich mit dem eigenen Wollen übereinstimmt, fragt nicht nur um Zeit, sondern auch um die Bereitschaft die Rätsel des Lebens für sich sprechen zu lassen. Die Antworten, die in der öffentliche Gesellschaft manchmal vorgefertigt liegen, sind dazu nicht geeignet. Herzlich,

Anonym hat gesagt…

Lieber Jelle,
was Du schreibst, kann ich bestätigen. Die Rätsel des Lebens sprechen in ihm, z.B. Sicherheit, Geld, Zeit, Pflicht, Recht, Arbeit und vieles mehr. Seine Antworten hierauf sind keineswegs identisch mit den Antworten, die unsere Gesellschaft dafür hat.
Vielleicht sucht mein Sohn nicht, das ist vermutlich meine Interpretation. Vielleicht hat er bereits gefunden, aber ich kann es noch nicht gut erkennen. Ich freue mich auf den Film.
Liebe Grüße, Birgitt

Andrea hat gesagt…

Ich habe nun auch den Film Berufwege gesehen. Auf einen Besuch im Mittendrin Café freue ich mich. Mein jüngster Sohn wird in Basel studieren und ich vermute er wird an einem solchen Ort Interesse haben.

Andrea hat gesagt…

Ich habe nun auch den Film Berufwege gesehen. Auf einen Besuch im Mittendrin Café freue ich mich. Mein jüngster Sohn wird in Basel studieren und ich vermute er wird an einem solchen Ort Interesse haben.

Ina hat gesagt…

Lieber Jelle,

wie schön! Danke für deinen Text. Ich habe den Film "Berufswege" mehrmals gesehen. Und nicht nur, weil ich die Mutter von Caroline, der Regisseurin, bin und einige der Protagonisten persönlich kenne. Ich selbst suche mit 42 Jahren meinen Berufsweg neu. Und wenn mal wieder Zweifel hochkommen und die Angst vor neuen unbekannten Ufern, dann lege ich mir "Berufswege" ein. Die Herzen der Beteiligten berühren mein eigenes.

Grüße von der Ostsee
Ina

Rembert Biemond hat gesagt…

Beste Jelle

Even een kommentaartje:
Vond dat Goethe Citaat zo mooi en wilde het in een catalogus gebruiken..(las je Artikel in "Das Goetheanum"

Toen ik op zoek ging naar de bron bleek het niet van Gioethe te zijn maar van William Hutchinson Murray die een boek schreef over zijn Himalaya Expedities in 1951
Maar het hele internet is er vol van onder de naam Goethe....
Hier de link: http://german.about.com/library/blgermyth12.htm
of ook wikipedia: http://en.wikipedia.org/wiki/W._H._Murray#
Het citaat is er natuurlijk niet minder om