22.07.2011

Samuel ist unterwegs (5). Eine Spur bis zum Ende der Welt

Ich habe damals, als ich noch nicht geboren war, die Errichtung des Hauses, in dem ich meine Kindheit und Jugend in Arnhem verbringen würde, nicht bemerkt. Ich war auf einen anderen Ort orientiert, am gleichen Fluss auf eine andere Stadt, die in den Annalen wohl Colonia genannt wurde, auf einen Namen, der da oben nicht zur Sprache kam, weil es dort keine Wörter gab, und der nur Farbe war: grün und gelb und ein bisschen blau. Ich schaute ins Grün-Gelb-Blaue hinunter, suchte und suchte, fand aber kein Haus und keine Menschen, die meine Menschen waren, ich fand zwischen den Farben nur schwarze Löcher.

Die Menschen, die meine Menschen waren, gab es nicht mehr. Sie waren weggezogen. Vage meinte ich eine Spur ostwärts wahrnehmen zu können, eine Bewegung, die ich viel später – ich war bereits fünfzig – als einen Zug verstand, eine eiserne Schlange, die in einer dunklen Nacht Richtung Polen kroch, über Gleise und Weichen, die in verlässlicheren Zeiten festgeschraubt waren. Es ist noch nicht so lange her, dass ich den Ort fand, wo die Menschen, die meine Menschen waren, zusammen mit vielen anderen Menschen in den Zug getrieben worden waren, dort, an einem Ort, der heute Messe genannt wird. Die Uniformen der Verbrecher kenne ich nur von Bildern, nichtsdestotrotz gehören sie zu meinem Leben. Ich weiß, wie die Nazis gerochen haben.

Und irgendwo verlief sich die Spur auf einmal, als ob die Welt dort aufhörte, die Gleise und Weichen tragen konnte und meine Menschen noch haben wollte, eine Welt, die sich in ihr Gegenteil verwandelt hatte und zum Abgrund geworden war, zu einem Nichts – ich konnte da oben nicht einmal ein Flimmern oder ein Flüstern erahnen, das verraten hätte, wohin meine Menschen verschwunden waren, und was mit ihnen geschehen war. Meine Menschen waren sauber ausgelöscht worden, vom Tisch geschoben, in der Säure der Geschichte aufgelöst.

Das Haus meiner Jugend, in dem ich gelandet war, war nicht für mich gemeint. Es war eine zweite Wahl. Mein Leben fing mit einer Ausweisung an, die allerdings nicht dokumentiert war und ein unbeachtetes Ergebnis einer kalt durchgeführten Verschwörung bedeutete, eine Absage an mich und meine Menschen. Erst im Nachhinein habe ich verstanden, warum mich bereits als kleines Kind das Schicksal der „Juden“ – alleine der Name dieses Volkes wirkte wie ein warnendes Signal an der Wand meiner Seele – immer wieder zur brennenden Frage wurde.

Meine Eltern konnten nichts dafür, dass sie die zweite Wahl waren; auch sie waren, ohne es zu wissen, in die Verschwörung eingebunden, wie gekrümmte Äste in einer Dornenkrone. Sie waren mir fremd, sie waren stachelig, ich konnte mich auf ihre Geschichte nicht einlassen, die Haut meines Vater war mir zu blass, seine Augen zu blau; und meine Mutter fasste mich nicht an, weil sie spürte, dass ich ein fremdes Küken war. Erst nach tausend Umwegen habe ich es verstanden: Meine Mutter war vom Rätsel ihres ersten Sohnes überfordert. Nicht, dass sie mich nicht geliebt hätte, sie konnte ihre Liebe nur nicht einordnen, weil sie immer mit einer ungreifbaren und schmerzvollen Frage einherging. Sie war jung, so jung, und nicht vorbereitet auf düstere Fragen. Ja, irgendwann in der Biographie muss es passieren: Deine Eltern werden deine eigenen Kinder.

Und mein Vater? Als er jung, so jung war, hat der Niederländische Staat ihn zu einem Soldaten gemacht und ihn nach Indonesien geschickt, ihn eingebunden in eine andere Verschwörung, die in meiner Jugend nie thematisiert werden durfte, weil die Lügen und Verbrechen offenbar waren. Soldat ist er immer geblieben, seine Treue hat nie nachgelassen; sein Gott durfte sich nie auf die Feinde ausweiten, liebevoll und großzügig sein, wie es doch unmissverständlich die Heilige Schrift vorschrieb. Mein Vater hatte sein Herz in Indonesien verloren. Und als er zurückkam und ich geboren wurde, hat er es sofort gespürt: Meine Loyalität galt nicht ihm, nicht seinem Gott, nicht seiner Geschichte, nur seinen Schriften. Ich habe fünfzig Jahre gebraucht, um ihn lieben zu lernen.

Kommentare:

Andrea hat gesagt…

Lieber Jelle danke für deinen Text der hier ist tiefaufrüttelnd.
Die vorigen Samueltexte mit einbezogen möchte ich sagen, die sind immer schöner und vollendeter geworden. Ich kann sie wie einen ruhigen Film anschauen mit grossen Augen und manchmal Tränen darin. Ich habe manche Orte schon gesehen als Gast, als Frau, die mit ihrem zukünftigen Mann sein Land gezeigt bekommt. D.H. Amsterdam bin ich elend müde geworden bei einer Bootsrundfahrt bei der auf englisch, dann holländisch dann deutsch oder anders herum erklärt wurde, bis ich eingeschlafen bin. Von Utrecht habe ich schon viel mehr gesehn, ....
Nur so als Beispiel. Herzliche Grüsse Andrea

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

Das Rätsel der Nazis berührt auch meine karmische Biographie. Daher bin ich gerührt, berührt über das, was Jelle schreibt. Unter deutschen Anthroposophen gab es vor dem Dritten Reich viele Juden, denen ihre Stammesreligion fremd geworden war. Ich selbst fühle mich mit Ihnen verbunden, obwohl sie mir wohl in meinem letzten Leben fremd geblieben sind. Daher auch ist mein Text "1933 aus anthroposophischer Sicht" entstanden (als Teil meines Werks "Aus anthroposophischen Zusammenhängen"). Aus Betroffenheit. Auch ich habe als Kind und später als Jugendlicher immer die moralische Verantwortung der Deutschen für den Holocaust gespürt. Lange Zeit habe ich mir zu den jeweiligen Gedenktagen Filme über das Grauen angeschaut: über das Grauen des Todes und den Kult des Todes im 3. Reich.
Heute fühle ich mich verpflichtet, mit dafür zu sorgen, dass dergleichen nicht nochmals geschieht.

Herzlich,

Michael Heinen-Anders

Sophie Pannitschka hat gesagt…

Eine "2." Wahl ist immer schlechter als eine "1." Wahl.
Angeboten werden "Mängelexemplare", mit "kurzem Haltbarkeitsdatum", "Restposten", "Sonderangebote", Dinge mit "kleinen Rissen, Macken, oder Streifen", "Schnäppchen" eben - eine "2." Wahl ist immer billiger.
Retten kann in diesem Zusammenhang nur das Wort "Wahl" - denn es impliziert Freiheit, Samuel "darf" wählen.
Es mag also gute Gründe geben, sich für eine 2. Wahl zu entscheiden.
Und Samuel entscheidet sich zu kommen. Obwohl er nicht seine Menschen trifft, nicht in seinem Land und schon gar nicht in seinem Haus landet.
Das sind schmerzliche Bedingungen, die ein "Allein-Sein", ein "Fremd-Sein", ein "Nicht-zu-Hause-Sein" implizieren.
Was waren die Gründe für Samuel, sich zu entscheiden zu kommen? Was hat Samuel veranlasst "trotzdem" zu kommen, trotz des Verlusts?
Hat er "seine Menschen", "sein Land" und "sein Haus" im Laufe seines Lebens gefunden?
Was macht Samuel heute, wie geht es ihm?

Herzlich
Sophie Pannitschka

Jelle van der Meulen hat gesagt…

Liebe Andrea, lieber Michael, liebe Sophie - danke sehr für die Kommentare. Samuel freut sich über Rückmeldungen. Das Schreiben ist auch eine Reise, mit vielen Stationen. Und ja, jede zweite Wahl ist am Ende nur zu verstehen als erste Wahl. Herzlich...

Anonym hat gesagt…

Ist Samuel auch in 1950 geboren ? Dann ist er etwas 61 Jahr alt, bald 63 wenn eine neue Seite im Leben sich öffnet, wenn das Schicksal anfängt alles neu zu ermöglichen. Dann werden manche Menschen die uns "fremd" waren neue Wege öffnen und es kann erstaunlich sein. Wie eine neues Leben. Mann muss "nur" mit diese Freiheit umgehen lernen. Ein Geschenk dass aus die Zukunft anklopft, eine neue Sprache, neue Verantwortungen. Heile ohne Eile.
Josiane

KlausMaria hat gesagt…

…und ach, mein lieber Samuel, wie oft in meinem Leben habe ich mir gewünscht, dass all die Samuels sich begegnen würden und in der Gemeinsamkeit des Fremdseins eine Heimat finden würden, in der der abgerissene Strang neu geknüpft und Zukunft gestaltet werden würde. Geschah dann aber eine Begegnung zwischen Samuel und Samuel, sofort Erkennen, Vertrautsein – Du auch! …und die Wege trennten sich wieder.
Es gab da mal einen kleinen Jungen. Wenn er sein Nachtgebet gesprochen hatte, schaute er voll Freude seinen Engel an, der bei ihm stand, und der kleine Junge sagte jeden Abend denselben Satz: DU weißt es Ja! Es ist nur zweite Wahl. Ein wenig hast Du deswegen nachhelfen müssen damit ich gehe. Das nehme ich Dir manchmal ein bisschen übel. Doch es war an der Zeit. Aber eins musst Du wissen: Ich ging nicht um Meinetwillen, sondern ließ es zu um Deinetwillen. Da lächelte der Engel und der Junge barg sich unter des Engels Flügel und war ganz bei sICH.
Zweite Wahl? Ja! Doch auch immer das ahnende Wissen, dann Gewissheit: Es gab gar keine Wahl! Samuel musste sich inkarnieren. Es war an der Zeit! So wurde die gefühlte Un-Zeit, die verschobene Ver-Ortung gelebtes und auch geliebtes Leben.
Doch die Einsamkeit blieb. Auch die Trauer über etwas unwiederbringlich Verlorenem, das sich schon in frühen Kindertagen, in einem unbestimmten Sehnen nach einem fernen Osten, Herz schmerzend rührte. Benamt wurde es später: GALIZIEN.
Von dort fuhren die Züge, in den Westen.
Nie bin ich dort gewesen und doch führte mich mein Lebensweg in den mir möglichen äußersten Osten unseres Landes.
Grüße von der Oder an den Rhein.
KlausMaria
Anmerkung: Meine Samuels haben noch etwas gemeinsam: Sie sind alle zwischen 1950 und 1952 geboren

Andrea hat gesagt…

Ja und die "Samuels", die erst 1956 geboren sind, in das fleissige Bauen und vorerst nicht Zurückschauen. Die zu denen kamen, die überlebt haben, hoffnungsvoll und vorwärtsschauend leben wollten, denen dann doch ein langes Leben versagt war.

Anonym hat gesagt…

Ich komme inhaltlich nicht mehr mit - worum geht es hier jetzt gerade????
Mögt ihr euch nicht vielleicht etwas deutlicher ausdrücken - würde mich jedenfalls freuen.

Herzlich
sophie

Andrea hat gesagt…

Ja, wenn ich das so sagen darf, es geht um seine eigene Biographie -Zusammenhänge, die Ahnungen sind und die stark vom zweiten Weltkrieg geprägt sind

Andrea hat gesagt…

Fleissiges Bauen beinhaltet in diesem Fall das Bauen der Nachkriegszeit, das hat ja Jelle öfter schon von Köln erwähnt, wie da die Bombenkrater möglichst schnell zu gebautwurden mit praktischen und wenig schönen Gebäuden. Nicht in allen Städten, die Innenstadt von Nürnberg oder von Freiburg, wo ich herkomme sind mit mehr originalen Gebäuden wieder aufgebaut worden. Und ich nenne die Elterngeneration, die vorerst nicht zurückschauen wollten so sie wollten leben und es schön haben und es war damit die spiessige Ordentlichkeit verknüpft. Und jetzt, die, die "gar nichts" damit zu tun haben, tun ihren Teil Arbeit daran zu verarbeiten, aufarbeiten, Bücher wie zum Beispiel vom Österreicher Erich Hackel machen das. Filme machen das und Frauen machen das mit ihrer Art ....möcht ich nicht kann ich nicht deutlicher ausdrücken. Würde das nicht den Rahmen des Blogs sprengen?

Andrea hat gesagt…

Entschuldigung , ich habe mich zu dem lieblos gemeinten Wort "spiessig" hinreissen lassen, ich bin mit meiner eigenen Biographiearbeit im Rückblick einfach noch nicht so weit....
Also was ich spiessig nenne war doch die Freude am Leben. Und nach Chaos und Schrecken Wärme und Gemütlich keit herzurichten.

Anonym hat gesagt…

Vor meiner Geburt habe ich aus dem Osten nach Westen geschaut. Ich sollte im Westen geboren werden - weit aus dem Osten kommend. Und meine Eltern mussten erst aus dem Osten in den Westen ziehen - fliehen. Sie hätten sich nie kennengelernt, wenn die Umwälzungen nicht gewesen wären. Ich wollte schon früher kommen. Aber es galt zu warten. Es galt so lange zu warten, bis die beiden in der gleichen Stadt studierten.

Und wenn ich heute zurückschaue, dann weiß ich, dass all die Städte, in denen ich gelebt habe keine Rolle spielen. Für mich gab es keinen "bestimmten" Ort - nein, es gab nur Zusammenhänge, in denen ich mich zurechtfinden wollte, an denen ich wachsen durfte. Menschen galt es zu treffen. Bestimmte Menschen und mit ihnen bestimmte Vorhaben. Versuche, Wünsche, Hoffnungen und Visonen waren die unbewussten Leitmotive. Es gab und gibt etwas gemeinsam zu tun.

"Heimat" an einem Ort kenne ich nicht. Für mich gibt es nur eine Heimat im Geistigen. Das haben die Umwälzungen zu Beginn des letzten Jahrhunderts gebracht. Physische Orte werden transformiert. menschen treffeen einander im Irgendwo.

An diesem Bahnhof, an jenem.

Ohne Ort zu sein ist schmerzlich und anstrengend. Schenkt aber Kräfte im Zwischenmenschlich-Sozialen - und: ist eben nicht zu ändern.

Herzlich
Anna

Anonym hat gesagt…

lieber jelle,

du bist nicht alleine! viele springen in schwarze löcher oder nehmen mit der "2. wahl" vorlieb: es gibt unendlich viele verhütete schwangerschaften, in deutschland kommen auf 100 lebendgeburten 16 abtreibungen (in deinem kuckucksland sind es noch mehr) und unzählige fehl- und totgeburten...

kuckuck! ;)
roswitha *1959