18.12.2010

Praktiken einer Kultur des Herzens (2). Über die Unternehmung Sil

In meinem vorletzten Weblog (05.12.2010) schrieb ich Folgendes über einen guten Freund, den ich als Schicksalsgefährten betrachte: „Sein Begabungsprofil besteht daraus, dass er konkret spüren kann, welche Potenziale zwischen den Menschen verborgen liegen. Man könnte nicht einmal sagen, dass er ein NETZWERKER ist, weil seine erweckenden Tätigkeiten weit darüber hinaus gehen. Ich betrachte ihn als einen SCHICKSALSWERKER“.

Auf der finanziellen Ebene, so berichtete ich weiter, kriegt er sein Leben allerdings nicht organisiert, was auch damit zu tun hat, dass die öffentliche Anerkennung für seine Begabung fehlt. Dazu schrieb ich: „Letztendlich müssen und können und dürfen es doch die „freien“ Bürger sein, die „Freunde“ also, die sich aus Freiheit dieser Verpflichtung stellen? Praktisch gesagt: zwanzig mal fünfzig Euro im Monat würden tausend Euro bringen. Und davon könnte ein erfahrener Schicksalswerker, der gewohnt ist, mit wenig Geld auszukommen, für eine Weile gut leben, sagen wir erst einmal: für ein Jahr?“ In den Kommentaren auf meinen Vorschlag entstand eine interessante Debatte – ich empfehle den Lesern, die neu dazu stoßen, die Beiträge nachzulesen.

Ich möchte an dieser Stelle von mir aus Folgendes sagen. Erstens sei gemeldet, dass viele Menschen per Email oder am Telefon auf den Vorschlag positiv reagiert haben. Es sieht so aus, dass Menschen aus drei Ländern – Belgien, Holland und Deutschland – sich an dem Projekt beteiligen werden. Die Gründe dafür sind unterschiedlich: manche Menschen haben geahnt oder erkannt, um wen es hier konkret geht, und halten die Arbeit meines Freundes für wichtig. Andere meinen, dass die Zeit für solche Projekte reif sei. Warten auf „politische Entscheidungen“ (zum Beispiel in Bezug auf das Bedingungslose Grundeinkommen) würde nicht nur heißen, dass Chancen verpasst werden, sondern vor allem auch, dass an der persönlichen Verantwortung von freien Bürgern vorbei gegangen würde.

Ich werde in der nächsten Zeit von diesem Projekt auf meinem Weblog weiter berichten. Ich nehme mir die Freiheit, dem Projekt einen Namen zu geben: „Unternehmung Sil“. Dieser Titel kommt von einem Strandgutsammler aus Terschelling namens Sil. Er hatte am Ende des neunzehnten Jahrhunderts den Mut, seinen Sehnsüchten zu folgen, entgegen den moralischen Gepflogenheiten seiner Zeit. Wie der Strandräuber Sil wandert mein Freund ständig zwischen sozialem Festland und dem Meer der Zukunft: die soziale Brandung ist sein weites Arbeitsfeld.

Zweitens möchte ich ein paar Missverständnisse wegräumen. In einer Kultur des Herzens wird nicht von „helfen“ gesprochen, sondern von „unterstützen“. Es geht ganz und gar NICHT darum, karitativ zu sein: von dem Gedanken, dass es „arme“ Menschen gibt, die von den Wohlhabenden Hilfe bekommen, ist eine Kultur des Herzens weit entfernt. Man sollte dazu an dieser Stelle auch verstehen, dass mein Vorschlag, 50 Euro pro Monat beizusteuern (was für manche Menschen viel Geld ist), nicht entscheidend ist. Einige Menschen haben dies auch erkannt, und sich auch mit einem geringeren Betrag gemeldet. Letztendlich könnte man auch EINEN Euro pro Monat beitragen – es geht nicht um die Menge, sondern um die Beteiligung. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob man diesbezüglich eigentlich – wie üblich – von „Schenkgeld“ sprechen kann.

Es geht um die Beteiligung an der Biographie eines anderen Menschen, und die geht ja nicht ausschließlich über eine finanzielle Ebene. Wenn wir von „neuen“ Gemeinschaften reden – und sehnen wir uns nicht danach? – bleibt alles Gerede nur Gerede, wenn der Ausgangspunkt nicht in den konkreten Beziehungen zu konkreten Menschen gefunden wird. Es sind die individuellen biographischen Fragestellungen, die zeigen wo es lang geht, nicht die gesellschaftlichen, ideologischen und politischen Ziele – die doch immer abstrakt sind – und den heutigen Diskurs beherrschen. Die Achsen neuer Gemeinschaften bestehen aus freien und gewollten Beziehungen, und aus entsprechenden Entscheidungen die von Angesicht zur Angesicht getroffen werden.

Der französische Beziehungsphilosoph Emmanuel Lévinas beschrieb die aktuelle Lage in der europäischen Gesellschaft so: „Man möchte [in der heutigen Gesellschaft; JvdM] ein Verständnisprinzip, das den Menschen nicht mehr umfasst, dass das Subjekt ein Prinzip aufstelle, das nicht mehr von der Sorge um das Schicksal des Menschen umfasst werde.“ An die Stelle konkreter Beziehungen sind Staaten, Banken und karitative Stiftungen getreten, die – so besagt das Dogma – „objektiv“ urteilen können. In einer Kultur des Herzens existiert diese Objektivität nicht, weil Schicksal immer eine persönliche-überpersönliche Angelegenheit ist.

Mit konkreten Schicksalen sind konkrete Aufgaben, Anliegen und Vorsätze verbunden. Andere Aufgaben, Anliegen und Vorsätze gibt es nicht. Die Zeit, dass Menschen sich im Rahmen einer politischen Partei, einer Gewerkschaft oder einer wohlwollenden Stiftung auf abstrakte Ziele einigen konnten, ist längst vorbei. Die Knotenpunkte in einer Kultur des Herzens beruhen auf der gegenseitigen und freien Anerkennung der Begabungen und Intentionen von Menschen, die sich als Schicksalsgefährten verstehen. (Und es muss nicht einmal sein, dass man seine Schicksalsgefährten auch privat kennt.)

Eine große Frage bleibt allerdings, wie solche Projekte gestaltet werden. Ich werde die „Unternehmung Sil“ in der nächsten Zeit als Anlass nehmen, auf die Frage des Geldes und seiner Existenz in einer Kultur des Herzens zu schauen. Ich würde mich über Beiträge, Kommentare und Vorschläge sehr freuen, weil in einer Kultur des Herzens der Weg nur gemeinsam gefunden wird. Ich würde sagen: was wir brauchen sind Konferenzen an der Brandung.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Aha! Sil de Strandjutter van Cor Bruijn... Mooi boek. Ook nog een serie op tv van gemaakt, lang geleden... J. Pr.

Sophie Pannitschka hat gesagt…

Anerkennung und Geld, ist das wirklich eine Zwangsehe?

Ja, immer sind wir auf der Suche nach Möglichkeiten, unsere Begabungsprofile (das ist wirklich ein postmodernes Wort!) irgendwo einzubringen, jemanden zu finden, der sie anerkennt, der uns mit unseren Begabungsprofilen anerkennt – und uns dafür bezahlt…

Interessant scheint mir der Begriff „Begabungsprofil“ in seiner Bedeutung zu sein. Meint es nicht einfach unser Schicksal? Die Aufgaben und die Fähigkeiten, mit denen wir uns inkarniert haben? Die Art und Weise, wie wir uns irdisch einbringen wollen? Was wir hier tun wollen? Unsere Möglichkeiten und Unmöglichkeiten? Es geht doch um nichts anderes als die Individualität eines Menschen – mit seinen Licht- und Schattenseiten - oder?

Ja, wenn man einen Ort und einen Kreis von Menschen, eine Tätigkeit und eine Aufgabe „findet“ oder „kreiert“, in das man mit „seinem Begabungsprofil“ hineinpasst, dann hat man auf der finanziellen Ebene meistens schon gewonnen – oft gelingt aber gerade das nicht...

Ein Bäcker ist ein Bäcker und er verdient etwas mit seinen Brötchen. Aber ein Strandgutsammler, ein Mitmensch, ein Fragensteller, ein Prozessbeteiliger, ein Wortwahrnehmer, ein Handreicher, ein Sehender?

Mir scheint es in einer Kultur des Herzens darum zu gehen, einander wahrzunehmen – wer ist der andere, was bringt er mit, was sucht er und wo lässt es sich finden? Und deshalb ist es gut von diesem „Schicksalsgefährten“ zu erfahren!

Wirkungsorte gibt es genügend – aber Anerkennung findet sich erst dann, wenn ein anderer Mensch mich mit meinen „Begabungsprofilen“ erkennt. Man kann es auch den Stern eines Menschen nennen. Wie also machen wir uns sichtbar? Wie erkennen wir einander?

Arbeite ich in dieser Gesellschaft um Geld zu verdienen – werde also nach der Arbeit und für die Arbeit bezahlt?
Oder bekomme ich Geld um arbeiten zu können – bekomme also Geld, damit ich einen Freiraum für eine Arbeitstätigkeit habe?

Freundschaft und Geld ist ein interessantes Thema. Gerade in dieser Beziehung gibt es gleichzeitig eine Öffnung sowie ein Tabu. Warum hat Geld so einen privaten Charakter – was sagt es über uns?

Ich beteilige mich gerne an der Biographie des Strandgutsammlers – weil ich seinen Stern auch aus der Ferne leuchten sehe! Finanziell aber kann ich mich im Moment leider nicht beteiligen.

Herzlich, Sophie Pannitschka

Ruthild Soltau hat gesagt…

Das Verhältnis zu Geld kann etwas mit Vertrauen zu tun haben, mit dem Vertrauen in die Wirksamkeit der Engelwelt und die Möglichkeiten der Natur - und Elementarwesen.
Herzlich
Ruthild

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

Es geht m.E. nicht nur um die Organisation von lebenspraktischer Unterstützung für Einezlfälle, sondern um die Gesamtheit der 'neuen Begabungsprofile'. Und da hilft nur eine generelle Regelung, etwa die des Bedingungslosen Grundeinkommens kombiniert mit der Institutionalisierung von 'Anwälten' für eben diese 'neuen Begabungsprofile' zur Organisierung des notwendigen Schenkungsgeldes.
Jelle ist auf dem besten Wege, ein solcher 'Anwalt' zu werden...

Herzlich,

Michael Heinen-Anders

Anonym hat gesagt…

KÜSTE MEINER SEELE

Küste meiner Seele
so klar wie die Morgensonne
über ein vernebeltes Meer.
Wo das schreien der Vögel
die Stille unterstreicht,
manchmal schrill,
manchmal erleichternd,
wie eine Beichte.
Wo ein leises Flattern
gleitet über Weiten ohne Wellen
mit aufgelöste Grenzen in graublau.
Ich schaue nur mich
und meine Welt,
bis der feuchte Vorhang fällt
und die erlöste Sonne
das ganze Meer erhellt.

Da meldet sich der Horizont als neue Grenze.
Hinter der Grenze liegt ein unbekanntes Land
anders und doch verwandt
weil es an der gleiche Grenze liegt.
Weich ist die Grenze
ohne Weichen zu stellen
weil Grenze sich an Grenze schmiegt.

Huub

4 April 2009 8.15 Uhr am Strand von Neukirchen

Ruthild Soltau hat gesagt…

Die Engelwesen, hohe Engelwesen, wollen, dass die Menschen in Brüderlichkeit leben. Aber die Menschen können nur durch ihr freies Wollen die Brüderlichkeit auf der Erde verwirklichen. Wenn das nicht geschieht, werden die Elementarwesen immer heftiger mit Naturkatastrophen eingreifen, um die Menschheit wachzurütteln und die Erde vor einem Untergang zu bewahren.

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

WEIHNACHTEN

In der Einsamkeit der zwölf heiligen
Nächte erleben wir Abschied und
Neubeginn.
Inne halten, stille werden, angesichts
zagender Sehnsucht und zartem Heimweh,
endgültig auszubrechen
aus Kaufrausch und Schlaraffia,
der große Grund und Alles
liegt nur in dem einen Kinde,
das zu aller Erdenheile
uns aufs neue – jedes Jahr -
ins Herz hinein
geboren wird.

(Michael Heinen-Anders)