31.12.2010

In den zwölf heiligen Nächten (2). Über das Lauschen, Fragen und Wollen

In den heiligen Nächten steht das Lauschen an. Im Lauschen, so schrieb ich letzte Woche, werden wir still. „Wir hören auf das, was im Kommen ist, was Anfang, Wink und Wandlung bedeutet, was geboren werden will und unser Lauschen braucht, um in der Gegenwart ankommen zu können“. In den Kommentaren auf meinen Text entstand darauf eine interessante Wendung, die mich seitdem beschäftigt.

Die Wendung hat mit einer Frage zu tun, und zwar mit dieser: Liegt dem inneren Lauschen nicht immer eine – vielleicht verborgene – Frage zu Grunde? Kann man lauschen, ohne zu fragen? Bedeutet Lauschen nicht einfach: Eine Frage zu haben, die sich darin zeigt, dass wir etwas hören wollen? Oder vielleicht anders gesagt: Wenn ein Wollen vorliegt, in diesem Fall ein Wollen zum Lauschen, können wir dann sagen, dass somit in uns immer auch eine – vielleicht verborgene – Frage lebt?

In dieser Wendung vom Lauschen zum Fragen öffnet sich ein ganz großes Thema, das nicht nur mit dem Lauschen, sondern überhaupt mit dem Wollen zu tun hat. Man könnte das Wollen als eine unbewusste seelische Tätigkeit verstehen – im Wollen schlafen wir, erst im Denken sind wir komplett wach – die überhaupt als die Quelle unserer Fragen zu definieren wäre. Die Wendung beinhaltet also drei Schritte: der erste Schritt führt zum Lauschen, der Zweite zum Lauschen-als- Frage, der Dritte zur Frage-als-Wollen.

Ich will immer ETWAS hören. Wenn wir diesem Gedanken nachgehen, kommen wir zwangsläufig zu Platon, der meinte, dass wir uns nur nach etwas sehnen können, was wir schon kennen – wir haben es nur vergessen. Alles Wollen und somit alles Fragen geht aus Sicht des griechischen Philosophen darauf zurück, dass es einmal eine Verbindung gab, eine Art einheitliche und runde Beziehung, die allerdings verloren gegangen ist. Platon zufolge sind wir immer auf der Suche, das zu heilen, was zerbrochen ist. Diese Sichtweise gehört zu den Kerngedanken einer spirituellen Lebensauffassung, und sie bedeutet im Grunde genommen, dass mich nur dasjenige berührt, was (schon) zu mir gehört.

Der (aristotelische) Einwand liegt nahe: In der platonischen Sichtweise kann es so etwas wie das „Neue“ nicht geben. Ich lasse die Spannung zwischen Altem und Neuem für heute einfach im Raum stehen. Um Platon allerdings nicht nackt dastehen zu lassen, diesbezüglich nur eine Bemerkung: das Neue liegt für Platon gerade in der Wiederkehr des Alten. Neu ist aus seiner Sicht, was wir aus dem Bereich des Verlustes bewusst zurück erobert haben.

Was ist aber eigentlich eine Frage? Spannend ist, was die Sprachwissenschaftler über das Verb „fragen“ zu sagen haben. Das Wort kommt so nur in der deutschen und niederländischen Sprache vor (vragen), und ist überraschenderweise mit „Furche“ (Ackerstrecke) verwandt. Die Grundbedeutung des Verbs ist also: „wühlen und aufreißen“, und damit sind wir in der Tat im Bereich des Wollens angekommen: erstens weil das unbewusste Wollen uns immer wieder aufwühlt, zweitens weil der Akt des Fragens zu etwas Aufgewühltem führt. Es ist wie mit einem Acker: Um neues Leben zu ermöglichen, muss er aufgewühlt werden.

Das innere und äußere Lauschen könnte also gleichzeitig in zwei Richtungen gehen: ich lausche auf „Etwas“ (eine zarte Stimmung in mir, das Singen einer Amsel beim Sonnenuntergang) und versuche mich so in meine Ohren hinein zu begeben, dass ich wirklich bei und mit und in diesem „Etwas“ bin. Um dies zu erreichen, muss ich mich irgendwie in etwas „Fremdem“ (was allerdings vielleicht gar nicht so fremd ist) verlieren. Und ich bewege mich gleichzeitig nach innen, zu diesem Ort, wo ich bei und mit und in mir bin, wo mein „sanfter Wille“ (Georg Kühlewind) sich bemerkbar macht.

Der vollkommene Akt des Zuhörens bedeutet so gesehen zweierlei: ich schlafe in „Etwas“ ein (verliere mich) und wache in einer Frage auf (finde mich wieder), die schon vorher meine unbewusste Frage war, im Aufwachen aber zur bewussten Frage wird. Wenn es zum Beispiel um das bezaubernde Singen einer Amsel geht, fällt mit sofort ein, was meine lebenslange Frage beinhaltet: Was macht die passionierte Mischung von Melancholie, Vertrauen und Dankbarkeit aus, diese herzzerreißende Hingabe zum Abschied? Und ich weiß, warum ich meine Freunde und Verwandten nicht gerne zum Bahnsteig begleite: Mit dieser leidenschaftlichen Art des Abschieds tue ich mich immer schwer. Ich sage lieber einfach: Tschüs!

Mit welcher Frage lebe ich aber in diesen heiligen Nächten? Ich sitze gerade in meiner Küche, schreibe diesen Text und höre auf Johann Sebastian Bachs „Wohltemperiertes Klavier“. Ich weiß nie, ob ich Bach hasse oder liebe, auf jeden Fall berührt er mich immer wieder. Und meine Frage ist auf einmal klar: Ich möchte so schreiben und leben, wie er Musik gemacht hat. Die unendlichen und vielseitigen Motive des Lebens trotz aller Dissonanzen transparent machen, das ist das, wonach ich mich heute sehne, da liegt meine Frage, das ist das, was ich will. Ich danke meinen Leserinnen und Lesern für diese schöne Wendung und hätte noch die Frage: was wollt ihr?

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Lieber Jelle,
ich will es wagen zu antworten auf Deine Frage:

Ich will Maria sein mit dem Mantel, der schützt und schirmt, damit der Raum entstehen kann, indem Heil- werden möglich ist. Ich will Priesterin sein und segnen und klare Worte sprechen. Ich will Himmel und Erde verstehen und begreifen und durchs Leben schreitend meine vielen verschiedenen Fähigkeiten verstreuen.
Dazu brauche ich keine Furchen zu ziehen. Dennoch könnte es sein, dass es als Furche ziehend wahrgenommen wird.
Furchen, die gezogen wurden, aber nie geschlossen, will ich wahrnehmen und will helfend zum Wachstumsbeginn dienen.
Ich will sitzen und schreiben und lauschen und lauschend schreiben zum Heilwerden dessen was heil werden will.
SST

Anonym hat gesagt…

Ein gutes neues Jahr! Nitta

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

So wie Bach musiziert und komponiert hat, schreiben zu können, das ist ein hehres Ziel. Ich höre von ihm unglaublich gerne die Violinkonzerte sowie sein Orgelwerk. Die Musik von J.S.Bach ist schon hinreißend, um nicht zu sagen "himmlisch".
Was den "sanften Willen" angeht, von dem Kühlewind spricht, so findet man ihn sehr oft im asiatisch-chinesischen Kulturraum. Das 'Tai Chi' ist der nach außen gewendete "sanfte Wille" par Excellence.
Nicht versäumen möchte ich allen Mitlesern und Schreibern in diesem Blog-Forum ein Gutes Neues Jahr zu wünschen!

Herzlich,

Michael Heinen-Anders

Andrea hat gesagt…

Ich habe gestern mittag ein Sonett an Orpheus XII " Wolle die Wandlung. O sei für die Flamme begeistert" von R.M.Rilke gelesen und bin auch spontan zu meiner Nachbarin gegangen und habe es vorgelesen. Ich habe in diese Worte hineingelauscht.
Spontan hatte ich das Büchlein von Cordelia Böttcher von den 12 heiligen Nächten mal wieder aus dem Regal genommen und genau dem 31.12. erwischt mit eben diesem Gedicht.
Dir Jelle danke ich für deine Komposition vom Lauschen, Fragen und Wollen mit Bachmusik am
Küchentisch.
Ein gutes neues Jahr auch von mir und Peer.

Anonym hat gesagt…

Lieber Jelle,

ich freue mich gerade, dass du mich in meiner Annahme über Fragen bestätigt hast. Ich benutze sie gerade um meine Botschaften in meiner Arbeit zu unterstreichen und zu zeigen was mir wichtig ist, steht so zwar nicht im Leitfaden für solche Arbeiten ist mir aber egal, das ist wichtiger als der Leitfaden oder eine Bewertung.
Bach gefällt mir sehr gut, aber Schubert`s Forellenquintett und vor allem Schubert`s Goethe Lieder, von Fischer-Dieskau gesungen und interpretiert inspirieren mich im Moment richtig.

Auf ein 2011 was die Menschen in Bewegung bringt.

Viele Grüsse

Ralf G.

Ruthild Soltau hat gesagt…

Seit ich die sozialpolitischen Impulse Rudolf Steiners kennengelernt habe, fühle ich mich aufgefordert, an ihrer Verwirklichung mitzuwirken. Ich will offen sein, um das mir Mögliche in meinem Lebensumfeld zu tun, aber auch offen sein, um Fähigkeiten der Menschen, mit denen ich zusammenlebe und die mir begegnen, zu erkennen und zu unterstützen.
Ruthild

Jelle van der Meulen hat gesagt…

Lieber Ralf, eigentlich mag ich Schubert mehr als Bach. Und Zappa mehr als Schubert. Und Beefheart mehr als Zappa.

Bernhard Albrecht hat gesagt…

Lieber Jelle

Was ist denn meine Frage?
Da Du Deine Wege mit dieser Frage nur für Dich alleine gehen kannst (und Du bist zwischenzeitlich ja für Dich in dieser Frage ein weiteres Stück unterwegs gewesen), will ich mir für eine kleine Weile diese Deine Frage zu meiner machen und sehen, was sich damit in mir so bewegt!

Was ist meine Frage?
Ich lausche in mich hinein und als erstes tönt mir entgegen, wer lauscht?
Hmm! Wer lauscht?
Wer sonst als Ich formt sich mir die scheinbar klare und einzig mögliche Antwort. Es ist doch eben jetzt niemand anderes im Raum, der das Gleiche tut, nämlich lauschen.
Wer lauscht?
Ich! Und! Ein nicht so ganz einfach in Worte zu fassendes scheint sich an den Rändern meines Lauschens bemerkbar zu machen, etwas, das mir, ja was denn, etwas, das mich irgendwie darauf aufmerksam machen möchte, dass da noch jemand/etwas >unscheinbar< mit mir lauscht.
Damit ergeben sich zwei tiefer lauschend zu erfassende innere Bewegungsrichtungen.
(Fortsetzung im nächsten Kommentar!)

Bernhard Albrecht

Bernhard Albrecht hat gesagt…

(Fortsetzung meines vorausgehend Kommentars)
Ich folge zunächst der ersten Richtung.
Ich! Wer ist Ich? Dumme Frage! Wer ist Ich?
Wenn ich jene mehr oder weniger komplexen, mit Gedanken, Gefühlen und Willensstrebungen durchzogenen Selbstbezüge, jene einzigartigen Verhaltensmuster, die andere Menschen geneigt sind als typisch zu mir gehörig anzusehen und die ich mit mehr oder weniger grossen Abstrichen auch von mir aus mit mir verbinden kann, als Teil meiner besonderen Identität verstehe, wenn ich dies alles einmal kurz und bündig und ohne weitere Begründung hier dem Ego zuordne, was bleibt dann noch für das Ich übrig? Was ist dann also das Ich?
Wer ist dieses Ich, das da lauscht? Wer bin Ich?
Ist dieses Ich überhaupt eine fest gefügt konfigurierte Gegebenheit oder ist es weit eher eine fliessende, ständig sich neu hervorbringende innere Tätigkeit, ein mehr oder weniger sprudelnder Quell, der beständig neue Manifestationen aus sich heraus erschafft?
Wenn dem so ist, dann besteht wirklich aller Grund aus zu ziehen und das Fürchten zu lernen, wie es so schön in einem Märchen heisst. Denn in einem Ich Erfahren dieser Art bewege ich mich ständig über bodenlosem Grund, auf einem Hochseil über einem Grund ohne Fallnetze. Was verständlich macht, dass im Ich aufrecht zu stehen und sich zu bewegen nicht so ganz einfach ist.
Auch das Lauschen wird schwieriger! Ist doch Ich - Präsenz ein hoch fragiler innerer Gleichgewichtsakt im vorwärts Schreiten, der zahlreiche Gefahren nach sich zieht nach rechts oder links aus seiner Mitte heraus zu fallen.
Lausche ich also zum Beispiel dem Sagen eines Du, suche den tieferen Wortgehalt seiner Aussagen für mich zu erfassen, zu einem Verständnis über die rein sachliche Mitteilung hinaus zu gelangen; was kann mir da begegnen, was spricht da in mein Lauschen hinein, was sitzt da gewissermassen an den Rändern meines Lauschens und wartet darauf gehört, im Hören gesehen zu werden.
Wer lauscht mit, so sagte ich oben und damit laufen die beiden Beobachtungsrichtungen jetzt unmittelbar nebeneinander her, zwei Lauschende, lauschend aufeinander ausgerichtet.
Wenn ich mir über längere Zeit ein wenig Übung in dieser Weise auf ein Du hin zu lauschen angeeignet habe, dann schlafe ich „nicht mehr so ganz“ ein. Weil ich bereit bin aus den eigenen mitgebrachten Vorstellungsketten auszubrechen (Plato: Höhlengleichnis)(R.Steiner: Feuerprobe), mit denen ich vordem das Du wie durch einen Filter betrachtet habe - und was mich nicht selten in sogenannte Schattenboxkämpfe mit ihm verfilzt hat - , weil ich also unvoreingenommener, mit einem tieferen I n t e r e s s e zu lauschen lernte, habe ich mir eine erhöhte Wachheit erarbeitet für das, was da durch mein Lauschen hindurch gehört, gesehen werden will, was auf meine Bereitschaft wartet ihm zu begegnen.
Wem begegne ich da also lauschend: Ich begegne mir, ich begegne in den Worten des Du, dem ich lauschend mich innerlich zuneige, zunächst und in erster Linie mir selber - und erst in zweiter Linie dem zu mir sprechenden Du. Und dem zu mir sprechenden Du begegne ich nur insofern, als ich zuvor bereit war die mir hier zunächst mehrheitlich begegnende dunkle Seite meines Ich - Werde - Prozesses innerlich anzunehmen, sie zu integrieren.
Erwachen am anderen Menschen, Erwachen in eine erhöhte Ich - Präsenz hinein. Das Kommende will gehört werden, wartet darauf von mir lauschend gesehen und in Folge integriert zu werden. Insofern ist das Du mehr oder weniger „immer“ der verborgene Zuträger von Botschaften, die mich in eine erhöhte Ich -Präsenz hinein wachsen lassen, wenn ich mich lauschend für diese Botschaften, für meine kommenden Möglichkeiten zu öffnen bereit bin.
Was ist also meine Frage?

Bernhard Albrecht

Anonym hat gesagt…

Beim Lauschen nach innen werfe ich Deine Frage in mich. Hole das ungeordnet heraus:


Lieben

Lieben wollen

Verstehen

Verstehen wollen

Hören

Zuhören

Sprechen

Sprechen wollen

Sprechen können




Glasblume

Kaspar, Melchior und Balthasar hat gesagt…

13 heilige Nächte

-Bitteschön-

mfG Kaspar, Melchior und Balthasar

Andrea hat gesagt…

Du hättest noch die Frage: „was wollt ihr?“
Meine Antwort wäre dann auch gleichzeitig mein Versuch eine verborgene Erzählung ins Licht zu heben.

Ich will weiter lesen, lesen von deinem Küchentisch aus geschriebene Geschichten, die unendlichen Motive deines/des Lebens vielseitig, transparent und neu aus der Vergangenheit auftauchend und alt aus der Zukunft heran kommend. Ich will lesen, lesen bis ich von dem Ort, an dem ich bin, angenommen bin. Eingehüllt sein, getragen, aufgehoben gegenwärtig im Ort sein, das ist meine Sehnsucht und immer wieder möglich. Der Vorsatz dazu ist verwirrlich und kann nicht ausgesprochen werden. Er kann nur entstehen und die Entscheidung für die allernächste Tätigkeit kann ich tun. Ich arbeite mich in die Zukunft hinein mit jedem Entschluss:

die Wäsche ab zu hängen,
die Wäsche zusammenzulegen,
die Kartoffeln aus dem Keller zu holen,
das Sauerkraut auch mit zu nehmen,
an die Witwe Bolte zu denken,
zu Schmunzeln über mich,
aufpassen nicht mit allem zu stolpern,
die Staubwolken und Schmutzstapfen auf den Treppenstufen nichts als nur wahrzunehmen,
zu kochen, zu essen, zu spülen.
Zu Schreiben

Vorgestern war ich Leni besuchen, sie lebt im Altersheim und war meine Nachbarin.
Ich musste 10-12 Minuten warten bis sie von der Pflegerin gerichtet war. Das Warten war erfüllt von meinem ersehnten Gefühl an einem Ort angenommen zu sein, ich sass und schaute aus dem Fenster und war mit nichts anderem als mit Warten und Lauschen beschäftigt.
Nachher mit Leni am Tisch unten in der Caféteria sitzen, ihr das Dessert geben, ist schön. Sie betrachtet meinen Ring und ich ihren, ab und zu trinkt sie ein Schlückchen Kaffee, das kann sie mit links und den Mund abtupfen auch. Ich zeige ihr meine Jacke, hast du gemacht sagt sie, ich schüttle den Kopf, dein Halstuch ist schön, sage ich. Sie sei keine gute Unterhalterin mehr, meint sie, ich finde doch. Alles das war wichtig und wir uns selbst genug nahe, dass wir es schön fanden so wie es ist.

Martin hat gesagt…

Danke, KBM - dann haben wir ja noch eine Nacht!
Zum Lauschen.
Ich bin noch nicht mal beim Fragen, das ging mir schon zu schnell...
Dann das Wollen...
Schränken wir damit nicht schon das ein, "was im Kommen ist", "was geboren werden will und unser Lauschen braucht"?!
Wenn wir schon im Lauschen unsere Fragen, unser Wollen, unser Ego einbringen, wo bleibt da die Freiheit des kommenden Geistigen?
Für mich bedeutet Lauschen, dass die Gedanken zur Ruhe kommen, die Fragen mal frei machen und das Ich sich dem reinen Gewahrsein öffnet - ohne schon einen nächsten Schritt vorzubereiten, wie denn das Kommende zu verarbeiten wäre...
In den 13 ! Heiligen Nächten will ich nicht in mich selbst hineinlauschen, auf meine verborgenen Fragen und Willensimpulse schauen, sondern gerade frei von dieser Selbstbeschau auf das lauschen, was aus der geistgen Welt hereinkommt, was im Weltenbewußtsein lebt in den unendlichen Weiten zwischen den Atomen und Molekülen, was Wesen-haft wirkt in unserer physischen Welt und was wir nur ansatzweise begreifen mit unserem Verstand. Das möchte ich erlauschen, nicht erfragen und nicht mit meinem Wollen in irgend eine Richtung zwingen.

Ein recht neues Jahr wünsche ich allen!

Martin

Bernhard Albrecht hat gesagt…

Lukas 1, 26 ....

In jenen Tagen klopfte in Arequipa ein Mann an die Tür des Hauses einer Frau, nachdem er eine Weile wie suchend durch die verwinkelten Gassen dieser Stadt, mit ihren, in diesem Wohnviertel kraftvoll orange gestrichenen Häuserfronten gewandert war und obwohl ihr fremd, grüsste er sie voll Ehrerbietung. Sie aber war bestürzt über die Art des Umgangs, den er ihr gegenüber zeigte. Seine Worte verwirrten sie, denn sie tönten in einer Weise an ihr Ohr, die ihr gänzlich fremd war.
Sie bat ihn herein in ihre bescheidene Behausung und sagte dabei, dass ihr die Ehrerbietung, die er ihr bezeige wohl nicht gebühre, denn sie sei nur eine einfache Frau, die ihre drei Kinder zudem alleine erziehe. Dabei schaute sie durch das Fenster auf einen Innenhof, in dem zwei Mädchen und ein Junge fröhlich miteinander spielten.
Ein Baumhaus, mit einfachsten Mitteln auf der Astgabel einer Zeder errichtet, die sich kraftvoll über alle Dächer der umliegenden Häuser erhob, war der Mittelpunkt einer eigenen Welt. Ihr Wohnraum, weiss gekalkt, schmückten alleine zwei alte, wunderschön bemalte Holztruhen. In einer Nische standen nebeneinander drei kleinere Betten mit in drei Farben sauber auf geschütteltem Bettzeug. Ihr eigenes Bett, mit einem weissen Betthimmel überspannt, stand vor dem Fenster. Gegenüber, etwas in den Raum gerückt, erhob sich eine kräftige Mauerverstrebung, in die unten eine Rundung ausgespart war. Hier hingen, sauber geputzt, Töpfe, Pfannen und Geschirr über einem offenen Feuer.
Mit einem feinen Lächeln nahm der Mann an dem einfachen Holztisch Platz, während die Frau seinen blauen Mantelumhang an einen Haken neben der Türe hängte. Er erzählte, dass er gegenwärtig durch viele Länder reise, auf der Suche nach Menschen mit einem offenen und mutigen Herzen. Wie er so mit ihr sprach und von dem einen und anderen Erlebnis berichtete, nannte er sie eine Begnadete unter den Frauen, denn ihre Auffassungsgabe leuchte ihm entgegen in einer Reinheit ohne gleichen. Er fühle sich geehrt durch die Art, mit der sie seinen Worten lausche.
Und so wolle er ihr ein Geheimnis offenbaren, dass sie, so sie sich entschliessen könne, es in rechter Weise zu behüten, sie zu einer wichtigen Person innerhalb weltumspannender sozialer Erneuerungen machen würde. Sie aber antwortete: Wie kann das sein, da ich doch die unscheinbarste unter den mir bekannten Frauen bin? Wie kann mir ungebildeter Frau eine solche Aufgabe und Verantwortung übertragen werden? Wie könnte ich diese tragen, da mein ganz gewöhnliches Tag Werk mir oft schon den Rücken krümmt?
Er aber sprach zu Ihr: Sobald Du den Worten des geringsten unter Deinen Mitmenschen in gleicher Weise lauschen und ihre Kraft in Deinem Herzen bewahren wirst, wie Du mir jetzt von Deinem innersten Wesen her offen begegnet bist, wird Dich die Kraft des höchsten Geistes überschatten und Dir Worte in den Mund legen, die Welten bewegen werden. So wirst Du durch Dein Worten die Ichkraft der Menschen gründen und stärken, die das Glück haben für eine kleine Weile Gast in Deinem Haus sein zu dürfen.
Und er sprach weiter zu ihr. Fürchte Dich nicht Maria, denn unter allen Frauen hast Du Gnade vor dem Herrn gefunden die erstorbene Menschensprache unter Deines Gleichen wieder zu beleben und in ihrer Ichkraft aufgerichtete Menschen als Götterboten in eine dunkle Welt zu entsenden, auf dass das Licht in ihr wiederum erscheine und stetig wachse.
Siehe ich bin der Erzengel Michael, der Erzengel der Auferstehung aus dem Geiste der Metanoia.
Sobald dieses Erkennen aber in ihrem Geiste aufflammte, war der Unbekannte über die Schwelle ihres Hauses in der Nacht entschwunden. Sie aber sann noch lange über seine Worte und fasste dann einen Entschluss.

© Bernhard Albrecht

Jelle van der Meulen hat gesagt…

Erstaunlich, all die wunderbare und lebensnahe Erzählungen! Das Lauschen ist richtig zum "Projekt" geworden... Toll! An Martin: ich glaube nicht, dass "Wollen", so wie hier gemeint, eine Sache vom Ego ist. Ich würde eher sagen: im Lauschen und im Fragen gibt es kein Unterschied mehr zwischen "mir" und der geistigen Welt. Herzlich, Jelle

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

"Keine Religion steht höher als die Wahrheit" - dies ist ein Leitsatz (ehedem der Theosophischen Gesellschaft zur Rudolf Steiners Zeit als Generalsekretär der deutschen Sektion dieser Gesellschaft) der befriedend wirken kann angesichts religiösen Terrors - insbesondere gegen Christen in der muslimischen Welt.
Religiöse Intoleranz wirkt verheerend, so verheerend, als dass die Kopten in Ägypten, wegen der vorausgegangenen Anschläge, bereits auf die Feier des Weihnachtsfestes, welches ja ein Fest des Friedens sein soll, verzichten wollen.
Ich denke, solange Toleranz nicht nur im Munde geführt, sondern tatsächlich gelebt wird, muss es zu religiös bedingtem Terror in der westlichen Welt gar nicht erst kommen...

Herzlich,

Michael Heinen-Anders

Caroly hat gesagt…

Jelle,
Du nennst Bach, Schubert, Zappa und Captain Beefheart. In dieser Reihenfolge. Weist du dass Captain Beefheart letzten Monat gestorben ist? Vielleicht kannst du etwas darüber schreiben, und was seine Musik für dich bedeutet?

http://www.nrc.nl/nieuws/2010/12/17/icoon-captain-beefheart-dood-1941-2010/

P.S. Ich hatte eine Antwort auf dein Blog vom 18. Dezember. Das kommt noch mal. Versprochen. Und viel Inspiration für das neue Jahr!

Caroly hat gesagt…

Ich lese jetzt den letzten Satz von Jelle: "Die unendlichen und vielseitigen Motive des Lebens trotz aller Dissonanzen transparent machen, das ist das, wonach ich mich heute sehne." Ich fühle mich von dieser Aussprache berührt, aber würde es ein bischen anders sagen: "mit aller Dissonanzen", weil die Dissonanzen die Schönheit schaffen. Die Dissonanzen ergänzen das Kunstwerk.