04.11.2009

Die Waldorferzieherin (4 – und Schluss). Die Bedeutung einer Bezeichnung

Ich bin zu folgender Schlussfolgerung gekommen: die Bezeichnung „Waldorferzieherin“ ist nicht nur berechtigt, sondern auch dringend notwendig. Der Einwand, dass damit ein „Etikett“ eingeführt wird, trifft nicht zu. Rein sprachlich betrachtet, unterscheidet sich eine Waldorferzieherin von einem Penner, einem Phänomenologen, einem Punker, einem Saxophonisten oder einem Biobäcker nicht.

Und außerdem: wenn es so etwas wie Waldorfpädagogik & Waldorferziehung & Waldorfkindergärten gibt, wieso sollte es dann keine Waldorferzieherin geben? Diese Frage hat noch niemand befriedigend beantwortet.

Es geht um eine Bezeichnung, so wie Bäume, Könige, Texte, Länder, Gegenstände, Stile auch bezeichnet werden. Kritisch wird es nur, wenn die Bezeichnung eine rechtliche Beschreibung beinhaltet, wenn also in Worten genau & präzise festgelegt wird, wer sich aus welchem Grund so nennen darf & wer nicht. Aber auch an dieser Stelle muss es kein Problem geben. Es könnte durchaus sein, dass zum Beispiel die Vereinigung der Waldorfkindergärten jemanden – nach bestimmten Verfahren, wie einer Ausbildung & praktischer Erfahrung – als Waldorferzieherin anerkennt, ohne jemand anderem verbieten zu wollen, sich auch so zu nennen.

Waldorferzieherinnen sind nicht unbedingt besser als andere Erzieherinnen. Sie kennzeichnen sich dadurch, dass sie eine bewusste Orientierung auf ein bestimmtes „geistiges“ Menschenbild haben & im Stande sind, die sozialen und pädagogischen Aufgaben dementsprechend zu handhaben. Dass auch andere Erzieherinnen sich unbewusst oder intuitiv auf ein „geistiges“ Menschenbild orientieren, scheint mir durchaus zu stimmen. Der Unterschied liegt aber in dem Begriff „bewusst“. Erst wenn man eine bewusste Beziehung hat, kann man innerlich frei seine Handlungen reflektieren.

Warum wird die Bezeichnung Waldorferzieherin gebraucht? Meine Zukunftsvision ist diese: Ich hoffe, dass wir in zehn oder zwanzig oder dreißig Jahren so weit sind, dass Kitas & Kigas & was-es-alles-noch-geben-wird, sagen werden: wir brauchen in unserer Einrichtung eine Waldorferzieherin, weil sie etwas bringt, was für uns & die Kinder gut ist.

In der Zukunft, so hoffe ich, wird es nicht mehr selbstverständlich sein, dass eine Waldorferzieherin in einem Waldorfkindergarten arbeitet. Waldorferzieherinnen werden überall arbeiten. Nur auf diese Art und Weise kann der Impuls der anthroposophisch inspirierten Pädagogik, ein Kulturfaktor werden. Und ohne Menschen eine dementsprechende Bezeichnung zuzutrauen, wird das nicht gelingen.

Kommentare:

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

Das gibt es durchaus schon, dass WaldorferzieherInnen in Nicht-Waldorf-Einrichtungen arbeiten. Genauso, wie umgekehrt bereits etliche Menschen in Waldorfeinrichtungen arbeiten, ohne eine waldorfspezifische Ausbildung zu haben.

Man bedenke übrigens, dass von den Gründungslehrern der ersten Waldorfschule in Stuttgart, kaum einer eine pädagogische Vorbildung hatte.

Beste Grüße

Michael Heinen-Anders

Ruthild hat gesagt…

Lieber Jelle!
Ich finde Deine Klarstellung gut, aber ein Aspekt wurde mir nicht genügend beachtet oder wenigstens nicht erwähnt: Aus welchem Grund gibt es in unserer Gesellschaft geschützte Berufsbezeichnungen? Warum darf sich nicht jeder, ohne einen förmlichen schriftlichen Nachweis erbringen zu können, Arzt, Rechtsanwalt, Bäckermeister..." nennen? Alle diese geschützten Berufsbezeichnungen sind verbunden mit dem "Recht" auf bestimmte Gehaltsstufen, Gehaltsansprüchen, sie bedeuten auch immer eine wirtschaftliche Macht, die damit erworben werden kann, die also Menschen zurückweist und ausschließt, die diese "Berufsabschlüsse" nicht bnachweisen können. Es geht in der Diskussion um den Begriff "Waldorferzieherin" nicht nur darum, das Geistesleben vor der Übermacht des Rechtslebens zu schützen, sondern auch das Rechtsleben vor der Übermacht des Wirtschaftslebens! D.h. wir müssen, wenn wir den Begriff "freihalten" wollen, bewusst von einer wirtschaftlichen Absicherung Abstand nehmen.
Als Rudolf Steiner und Emil Molt die Waldorfschulbewegung begründeten, wollten sie damit grundlegende gesellschaftliche, politische Veränderungen auf dem Gebiet des Geisteslebens impulsieren!
Herzlich
Ruthild

Anonym hat gesagt…

Stell dir vor es gibt jemanden der Kinder gern hat und sich echt viel Mühe gibt mit dieser Arbeit.Der hat auch noch ein super Waldorfzeugnis. Und trotzdem fängt er jeden Tag neu an, immer wieder neu.Wann ist er denn dann ein Waldorferzieher?
Beim Vorstellungsgespäch ja, aber dann ist er ganz auf sich angewiesen.
Jeden Tag neu oder jeden Tag gleich?
Ich jedenfalls werde nie ein Waldorferzieher sein, ich bin ein Mensch der sich recht und schlecht bemüht.Und ich merke jeden Tag das es genau darauf ankommt: nicht fertig zu sein.
Und dieser nicht fertige Mensch bin ich überall, nicht nur im Waldorfkindergarten.
Somit "arbeite" ich überall, bei jeder Begegnung, auch beim Bäcker,
an der Tanke, mitten auf der Straße oder zu Hause. Einfach so als "Waldorferzieher" fühle ich mich nur als auf einen Weg gewiesen, den ich doch in den meisten Fällen schon vorher begangen habe.
Ja, sogenannte andere Einrichtungen haben großes Interesse an den praktischen Dingen der Waldorfpädagogik, doch der Inhalt und der Hintergrund wird oftmals abgelehnt, gar nicht hinterfragt.
Welche wundervolle Freiheit brauchen wir um uns einfach nur auszutauschen, ohne die Frage was bist du? lieben Gruß, Birgit

Susanne hat gesagt…

Lieber Jelle van der Meulen, ich stelle mich mal mitten in deine Gedanken HINEIN

"In der Zukunft, so hoffe ich, wird es nicht mehr selbstverständlich sein, dass eine Waldorferzieherin in einem Waldorfkindergarten arbeitet."

Ich gehe noch weiter: In der Zukunft, so hoffe ich, wird es nicht mehr selbstverständlich sein, dass die Spiritualität nicht nur an die Sensitiven und Empfänglichen weitergereicht wird (wer sonst öffnet hier im Internet esoterische Seiten), sondern dass man sich mal herab begibt aus seiner Haltung und den anderen so ansieht wie er ist ohne ihn verwandeln zu wollen. Vielleicht geschieht ja gerade dann das, was einem auf dem mühsamen Weg des Bekehren Wollens, ohne dogmatisch zu sein, nie richtig gelingt: MENSCHLICHE BEGEGNUNG.
Und die findet auf der Straße statt, überall.

"Waldorferzieherinnen werden überall arbeiten."

Ja!!!!
Nicht nur in unseren eigenen Gebäuden walten und wirken, sondern hinausgehen und dort Impulse in Menschen freisetzen, Impulse zum MUT ZUR VERWANDLUNG.
Die kann dann ganz anders aussehen und vielleicht uns wiederum bereichern. Das verstehe ich unter Freiheit.

"Nur auf diese Art und Weise kann der Impuls der anthroposophisch inspirierten Pädagogik, ein Kulturfaktor werden. Und ohne Menschen eine dementsprechende Bezeichnung zuzutrauen, wird das nicht gelingen."

Da muss aber noch einiges geschehen. Es muss jeder angehenden Waldorferzieherin die Freiheit zugestanden werden, dass sie selbst sein darf bzw. ihr zu ermöglichen, das zu werden, was sie ist. Sie nicht das machen zu lassen, was schon immer gemacht wurde, sondern ihre Authentizität voll ausleben zu dürfen. Das Gelingen sollte das Scheitern in den Schatten stellen. Das ganze Lernen, um später das Etikett Waldorferzieherin zu tragen, ist eine Vorbereitung. Vielleicht auch eine Einweihung. Die außen wirken soll in meinem Tun, gerade mit Menschen, die danach dürsten, ohne sich dessen bewusst darüber zu sein, wonach sie sich eigentlich sehnen.

Das ist unsere Mission, ohne Missionar zu sein.


Herzlich

Susanne

R hat gesagt…

Heute ist der 9. November,die Welt denkt an den Tag, an dem die Mauer fiel! Ich wünsche so sehr, dass noch mehr Mauern fallen, die Mauern, die durch die "staatlich anerkannten" Schul- und Berufsabschlüsse aufgerichtet werden und die Menschen trennen sollen von ihrer geistigen Berufung!
Herzlich
Ruthild

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

Liebe Ruthild,

Mauern werden in der Tat aufgerichtet durch den künstlich erzeugten Engpaß, in den manche Menschen auf dem Wege zu ihrer Berufung geraten. Nicht nur für Heilpraktiker und Steuerberater existieren außerordentlich hohe Hürden zum bestehen der Prüfung, zur Ausübung ihres Berufszieles. Seien wir also froh, dass die Hürden für den Waldorferzieher und den Waldorfpädagogen hinsichtlich der Abschlußprüfungen in diesen Berufsfeldern, doch durchaus überwindbar sind.

Herzlich,

Michael Heinen-Anders

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

Die Einmündung in den Wunschberuf ist zuweilen sehr schwer, diesen Aspekt lässt auch das folgende Gedicht anklingen:


STARTER

Mit zähen Hoffnungen
klebe ich hier
am Startblock,
sehe das Licht
noch blinzeln,
weiß aber nicht
ob es mir den Start
je noch erlaubt.

(Michael Heinen-Anders)

Jelle van der Meulen hat gesagt…

Leser haben darüber geklagt, dass ich mich die letzten Wochen zuviel mit der "Waldorferzieherin" beschäftigt habe. Sie meinten, es gäbe auch noch andere Themen... Es tut mir leid, die Sache war mir aber wichtig. Und natürlich ist das Thema längst noch nicht ausgeschöpft. Ich möchte nochmal die Leute bedanken, die sich eingebracht haben. Und: ich freue mich auf weitere Kommentare. Herzlich, Jelle van der Meulen

Michel Gastkemper hat gesagt…

Beschwerden ausserhalb dieses Weblogs? Das ist nicht so anständig... man müsste natürlich am Ort kommentieren.

Jelle van der Meulen hat gesagt…

Lieber Michel, sehe ich aus so. Es ist noch immer so, dass viele Leute sich ein Kommentar nicht zutrauen. Schade. Und: woran liegt das? Hartelijk, Jelle