29.06.2009

Die Bedeutung der Dinge. Über Autoreifen, Trambahnen und Feuerzeuge

Amares im Stadtwald von Köln ist ein Ort für Kinder. Drei Leitsätze machen das Leben mit den Kindern bei Amares aus: Räume schaffen, Zeit geben & dabei sein. Die Erzieherinnen & Pädagoginnen von Amares lassen sich durch pädagogische Denker, wie Loris Malaguzzi, Rudolf Steiner, Janusz Korczak & Henning Köhler inspirieren. Ihr Anliegen ist es vor allem, der unerschöpflichen Neugier & dem Tatendrang & den Gestaltungsfähigkeiten der Kinder eine Gelegenheit zu geben, sich zu entfalten.

Bei Amares gibt es eine Gruppe von etwa zehn Kindern unter drei Jahren. Ab August kommt eine zweite Gruppe dazu: etwa fünfzehn Kinder ab drei Jahren. Die Behörden der Stadt Köln scheinen Amares zu mögen. Obwohl die Wünsche von Amares sich manchmal ein bisschen quer zu den Regeln & Vorschriften & Gewohnheiten verhalten, benehmen die Beamten sich klüngel-technisch gesehen sehr entgegenkommend.

Amares hat seine Unterkunft in einem ehemaligen Betriebshof der Stadt Köln gefunden. Das kleine Gebäude & die offenen Garagen & die Mauer umrahmen den Hof – und mitten auf dem Gelände steht eine Linde, die gerade in den letzten Wochen üppig geblüht hat. Sie scheint mir die Wächterin von Amares zu sein, weil sie optisch gesehen Raum schafft, schweigend die Zeit vertritt & dazu noch voll dabei ist. Ohne die Linde läuft bei Amares gar nichts.

Rings um die Linde & in den Garagen liegt überall etwas... Kram, Sachen, Dinge, Zeug... Fast hätte ich geschrieben: Spielzeug. Eine der Mitarbeiterinnen hat vor ein paar Wochen eine Liste von vorhandenem Zeug gemacht & weil ich verwirrende Listen (das habe ich ja von Michel Foucault gelernt) über alles mag, zähle ich in diesem Weblog gnadenlos auf was dazugehört:

Puppen. Bücher. Autos. Parkhaus. Töpfe. Holzgarage. Wolltiere. Holztiere. Filzbälle. Puzzles. Matratzen. Schaufeln. Besen. Hacken. Gießkannen. Eimer. Teller. Siebe. Rohre. Bollerwagen. Roller. Fahrräder. Fahrzeuge. Kinderwagen. Kleider. Werkzeuge. Filmdosen. Wasserhahn. Schläuche. Papier. Scheren. Pinsel. Kreiden. Farben. Fingerfarben. Knöpfe. Becher. Ton. Steine. Stöcke. Tafeln. Autoreifen. Nähkisten. Wolle. Klopapierrollen. Murmeln. Murmelbahn.

(Liebe/r Leser/in, seid bitte so nett & merkt euch die Unmerkbarkeit dieser wunderbaren Liste! Diese Liste zu verstehen, heißt die Welt zu verstehen.)

Für heute interessiert mich gar nicht die Frage, was die Kinder mit den Eimern & Büchern & Holztieren & Stöcken & Schläuchen & Filmdosen machen. (Es heißt, wie bekannt, dass sie damit spielen.) Mir geht es heute um die umgekehrte Frage: was machen die Puppen & Röhren & Murmeln & Autoreifen mit den ganz kleine Kindern? Oder anders gesagt: welche Bedeutung haben die Gegenstände für die Kinder?

Für kleine Kinder gibt es keine Gegenstände. Sie existieren einfach nicht. So etwas Komisches wie: hier bin ich & dort ist die Puppe, gibt es in der Welt der kleinen Kinder nicht. Den Akt der Gegenstands-Schöpfung haben die Kinder noch nicht vollzogen – sie schwimmen & schweben & tanzen in die Dingen, wie ich in der wunderbaren Liste schwimme. Es ist übrigens ein Fehler zu denken, dass die kleinen Kinder die Dinge „noch nicht“ kennen. Auch so etwas Komisches wie „noch nicht“ kennen die Kinder „noch“ nicht.

Der große schwarze Autoreifen macht das Kind schwarz & rund & kautschukisch. Der große schwarze Autoreifen kann ja alles sein: ein Bett, ein Haus, ein Nest, ein Topf, eine Tür... Der große schwarze Autoreifen kann sich mit allem möglichen zusammen tun: mit Tüchern, Papieren, Stöcken, Steinen, Wasser, einer Röhre... Und was dann entsteht, ist ja gar kein Ding mehr, sondern ein Geschehen, ein Ereignis, ein Event. Der große schwarze Autoreifen ist nicht einmal „multi-funktionell“ (klingt ja fast „pädagogisch“), weil die Liste der möglichen Funktionen unbegrenzt ist.

Ein altes Wort für Versammlung ist „Ding“. Ein Ding war vor tausend Jahren noch ein Event, ein Zusammenkommen in einem Zentrum von Menschen aus einer weiten Peripherie. (Das Parlament in Norwegen heißt noch immer „Ting“.) Und die Kinder erleben es jeden Tag: nicht die kulturelle Bestimmung der Funktionen (mit einem Löffel soll man essen) macht die Dinge aus, sondern ihre Umgebung, ihre Aura, ihr sich zusammenziehender Umkreis. Für die kleinen Kinder sind die Gegenstände ständig im Kommen.

Und sie berühren uns im Kommen. Aber was machen diesbezüglich die Dinge mit uns? In einem Text über Puppen schreibt Rainer Maria Rilke über eine kleine Trambahn: „[...] Du, überzeugte Seele der Trambahn, die in uns fast überhandnehmen konnte, wenn wir nur mit einigem Glauben an unsere Wagen-Natur in der Stube herumfuhren.“ Räume schaffen heißt also auch: Innenräume öffnen & bewegen & gestalten.

Wenn wir „glauben“ gibt es diesbezüglich gar keinen Unterschied zwischen Kindern & Erwachsenen. Wenn die kleine Helena mich fragt, ob sie ein Feuerzeug entzünden darf (sie kann es leider nicht so gut & braucht dringend Hilfe dafür, was sie gerne zulässt) schaut sie auf die Flamme und spürt wie die Flamme sich in ihrem „Innenraum“ entzündet. Helena ist dann Flamme. Das billige BIC- Feuerzeug erzeugt ein Flammen-Erzeugen-in-ihr.

Wir Erwachsenen sind nicht mehr so dabei. Wir Erwachsenen meinen, dass der schwarze Autoreifen eigentlich ausgedient hat & jetzt nur noch ein Spielzeug ist. Für den Autoreifen fängt das richtige Leben aber erst nach seinem funktionellen Tod an. Er liegt auf dem Hof & macht lachend mit.

Mit Dank an Sophie Pannitschka

Kommentare:

Sophie Pannitschka hat gesagt…

Ja, das wusste schon Wolfram von Eschenbach - dass "Dinge" Mysterien und Wunder enthalten....

Im mittelhochdeutschen "Parzival" beschreibt er: ...daz was ein dinc, daz hiez der Grâl...
Und dieses "Ding" - der Gral - war ja auch zu allerhand fähig...

Irdische und spirituelle Speisung zum Beispiel, gleichzeitig ein Ge-bieter sowie ein Ver-bieter... und in Adolf Muschgs Version der Geschichte löst er sich dann selbst auf - nachdem der Gral "Fruchtwasser" gespendet hat, damit der neue Mensch geboren werden kann...

"Dinge" sind Wunder. Und selten kategorisierbar.... bei den Kindern ist das wohl nicht anders...

Herzlich!

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

Lieber Jelle,

es ist schön, dass es nun - wohl schon seit einigen Jahren - auch Waldorfeinrichtungen für unter dreijährige gibt.

In den achtziger Jahren war das noch nicht so. Meiner damaligen Lebensgefährtin, die Du auch einmal kennenlerntest, wurde auf einer Waldorfveranstaltung seinerzeit gesagt, es sei egoistisch von ihr weiter ihrem Beruf nachgehen zu wollen - und ihre (d.h. unsere) Kinder in Fremdbetreuung geben zu wollen.

So also gründeten wir unsere eigene 'altergemischte' Kitagruppe - zwar mit ein paar Waldorfelementen (eine der Erzieherinnen war Waldorfpädagogin), aber nach aussen hin ganz konventionell.
Die Kinder waren dort glücklich und ich glaube nicht, dass wir da wirklich etwas falschen unternommen haben - die Einrichtung existiert übrigens heute noch.
Ja, da kann man wohl sagen, so ändern sich die Zeiten!

Beste Grüße

von

Michael Heinen-Anders

Andrea hat gesagt…

Lieber Jelle, schön dein Dinge-Text.
Das ganz Flamme- sein, dieses mit den Dingen sein der Kleinkinder ist für mich mit die schönste Zeit meines Lebens mit meinen drei Kindern gewesen. Ich habe oft noch einmal mit ihnen diese Erlebnisse miterlebt.
Herzlich Andrea

Katharina hat gesagt…

Rainer-Maria Rilke:
>Die Dinge sind alle nicht so fassbar und sagbar, als man uns meistens glauben machen möchte; die meisten Ereignisse sind unsagbar, vollziehen sich in einem Raum, den nie ein Wort betreten hat.<
Ein Autoreifen als Ereignis, das einfach so passiert im Innern eines Kindes, oft ohne Worte.
Ganz liebe Grüße!

Anonym hat gesagt…

Lieber Jelle,

das ist ja ein Ding mit Deinen Wochen-Texten. Ich merke, daß sie was mit mir zu machen beginnen. Jetzt am Montag merkte ich es. Morgens gegen 10 schaute ich nach. Da war kein neuer Text. Irritation in mir. Wo bleibt der Text? Merkwürdigerweise kam ich gar nicht auf den Gedanken, daß Du krank sein könntest, dieser Gedanke kommt mir erst jetzt, während ich das schreibe. Nein, es war der Text, der im Kommen war, der aber noch nicht sichtbar war. Ich wußte doch, daß er im Kommen war, und ich wartete auf ihn.
Und dann war er da, der neue Text, dieses neue Ding. Und es begann etwas mit mir zu machen. Beim Autofahren. Beim Spülen. Während ich ganz andere Dinge dachte. Immer war dieses Ding, Dein neuer Text da. Und ab und zu sprach er mich an. Oder dann war es die Linde, die plötzlich in mir auftauchte. Oder die Autoreifen. Oder Kinder, die dort unter der Hut der Linde mit den Dingen sich versammelten. Ja, diese Versammlungen unter der Linde. Und dann war ich zwischendurch auch dabei, unter der Linde. Auch das ist ein Ding, daß ich plötzlich mit den Kindern, die ich doch gar nicht kenne unter einer Linde mit Autoreifen und anderen Schätzen bin, dort, wo ich doch gar nicht weiß, wo das ist.
Und dann begann ich festzustellen, daß Deine Wochen-Texte mich begleiten während der Woche - ja, sozusagen als Meditationen. Ja, eigentlich ist dann der Text ständig im Kommen. Ja, und er berührt mich im Kommen.
So ein Ding sind Deine Wochen-Texte. Ständig im Kommen. Ein Event. das Ungeplantes auf den Plan ruft aus meinem eigenen Innern und von außen. Dieses Ding macht mit mir, daß ich mich auf diese Versammlung einlasse, daß ich in mir den Raum schaffe für diese Versammlung.

Deine Website ist so ein Ding. Sie ist da. Und jede Woche wird sie zum Event. Ich kann sie aufrufen, öffnen. Und es tut sich mir eine Raum auf, nach außen in die Welt und nach innen in mich. Eine Versammlung von Wahrnehmungen, Gedanken, Gefühlen, Erinnerungen. In dieser Versammlung lebe ich also eine Woche und erlebe in dieser Zeit, was im Kommen ist zu dieser Versammlung. Ich könnte auch länger in der Versammlung bleiben. Aber das tue ich nicht. Ich verabschiede sie in Erwartung des neuen Textes, der im Kommen ist als neue Versammlung, die im Kommen ist.
(Im nächsten Kommentar geht es weiter.)

Anonym hat gesagt…

Ich sehe den Autoreifen bei der Linde, ein ausrangierter wertloser ausgedienter Autoreifen. Und dass er genau das ist, ist sein Glück. Das beschreibst Du. Und dieses Glück will er weiter schenken. Also bleibe ich bei ihm. Und da öffnet er sich. Er zeigt mir seine Welt. Er zeigt mir seine Erfahrungen. Er zeigt mir die Welt, die irdische und die himmlische, die sinnliche und die übersinnliche.Und vielleicht, wenn ich lange genug bei ihm bleibe, vertraut er mir auch an, wohin er zukünftig weiterkommen will.

Ein mir sehr lieber Mensch, kein Kind, ein ausgewachsener Mann hört, wenn er durch die Stadt geht, den Hilferuf der alten Dinge, die im Müllcontainer gelandet sind und denen vielleicht der Verbrennungstod bevorsteht. Der liebe Mann kann nicht vorbeigehen. Mitleid übermannt ihn. Er ist aber kein Kind mehr. Er muß vernünftig sein. Also redet er seinem inneren Vernunft-Mann ein: das kann man noch brauchen-----und rettet das hilferufende Ding vor der Vernichtung. Sein Haus ist eigentlich ziemlich groß. Und dort hat er ein Asyl eingerichtet für diese bedrohten Dinge. Und inzwischen ist das Asyl so voll, daß er selbst eigentlich kein Platz mehr hat in seinem Haus. Eine wunderbare Stimmung ist in diesem Asyl, in dem die Asylanten glücklich sind. Ab und zu kommt ein Erwachsener vorbei, einer von der schlauen Sorte. Sein schlauer Blick streift die Asylanten, die zusammenzucken in dieser Kälte, die sie vernichten will. Messie---------------zischt es durch den Raum. Glücklicherweise bleibt der schlaue Erwachsene nicht lange, denn hier kann man es ja nicht aushalten. Kaum ist er weg, öffnen die Dinge sich wieder. Und sie beraten: so geht es nicht weiter. Wir müssen was tun. Es geht ja wirklich nicht, daß der liebe Mensch selbst kein Platz mehr hat im eigenen Haus. Messie, fragt irgendwann irgendein Ding, was ist das eigentlich für ein Wort? Ein Schimpf-Wort? Das kann nicht sein, sagt ein Ding, das mal in Frankreich war. Ist das nicht so was wie ein Kind, fragt ein anderes Ding?

Herzliche Grüße
Johanna Giovannini

Jelle van der Meulen hat gesagt…

"Das war ein dinc..." Und: auch eine Website kann also "ein Ding" sein. Und: auf Deutsch kann man noch immer von einem Ereignis sagen: "Das war richtig ein Ding!" Schon interessant: ein Gegenstand als Ereignis. Und ein Ereignis als ein Gegenstand. Ist das "der Gral"? Herzlich, Jelle

Sophie Pannitschka hat gesagt…

JA!!!

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

Wo hier gerade der Gral angesprochen wird, so möchte ich nicht versäumen Peter Tradowskys Hinweis in seinem Buch "Stigmatisation" zur Frage der Nahrungslosigkeit der Judith von Halle hier wiederzugeben:
"Das Gralsmahl, das oft auch als Speisungswunder bezeichnet wird, stellt die ... Aufbauseite der Ernährung in einer wirklich wunderbar exakten Weise dar. Denn der Gral spendet bei Wolfram Trank und Speise in individueller Weise, dem Ich des Empfangenden angepasst, nicht die eine Speise gibt der Gral, sondern er wandelt sich in Hingabe zu dem, den er speisen will." (Peter Tradowsky: Stigmatisation, Vlg. am Goetheanum 2009, S. 56).
Auch das Kleinkind lebt nicht von der Mutterbrust allein, sondern wandelt die ihm nahe Christus-Kraft unbewußt in gewaltige leibliche Aufbauprozesse um (neben dem eigentlichen Körperwachstum sind hier auch die sich nacheinander entfaltenden Prozesse beim Erlernen des Gehens, des Sprechens und des Denkens zu würdigen). Somit ist es wohl nicht falsch, auch von einer Gralsnähe des Kleinkindes zu sprechen.

Beste Grüße

Michael Heinen-Anders