06.07.2009

Zwei Jahre Weblog. Über Nähe in einem unermesslichen Ozean

Vor zwei Jahren, am 8. Juli 2007, habe ich meinen ersten Blogtext durch diesen elektronisch erzeugten Ort unter dem Satz „Jede Woche eine neue Story“ veröffentlicht. Mein erster Beitrag war dem Buch „Missionen“ von Sebastian Gronbach gewidmet. Und nach zwei Jahren ist tatsächlich zu sagen, dass ich durch meinen Weblog eine Art Mission erfülle. Unterwegs ist mir deutlich geworden, dass ich etwas ganz Bestimmtes erreichen will.

Insgesamt habe ich in diesen zwei Jahren 121 Blogs „gepostet“. Und wenn ich auf die Liste von Themen schaue, fällt mir auf, dass alle meine Passionen dabei sind: Pico della Mirandola & Michel Foucault, Zaunkönige & Abgründe, Samuel Taylor Coleridge & Rainer Maria Rilke, Feuerzeuge & Filzbatterien, Köln & Lima, Freundschaft & Türme, Bob Dylan & Guns N` Roses, Klauen & Schenkgeld, Steiner & Barfield, Selbst & Subjekt, Erziehung & Sprache, Sammy & Samuel...

(Ich liebe Auflistungen. Vielleicht schreibe ich noch mal eine Doktorarbeit mit dem Titel: „Auflistungen aufgelistet“. Untertitel: „Über Schein und Wesen von Listen“. Ich wünschte mir dafür Peter Sloterdijk als Doktorvater. Irgendwie sind seine Bücher als burleske Auflistungen von vor- und weitläufigen Bemerkungen über die aufgelisteten Sachen zu verstehen, die uns in Europa schon mehr als zweitausend Jahre verwirren.)

Meine Mission ist es allerdings nicht, durch diesen elektronisch erzeugten Ort meine Passionen auszuleben. Die Passionen erzeugen aber gerade die Freude, die ich brauche, um das Projekt durchzuziehen. Ohne Spaß läuft nichts.

Die eigentliche Mission dieses Projektes betrifft Nähe. Als erstes betrachte ich meinen Weblog als einen Ort für mich. In den Texten versuche ich eine Nähe zu mir zu finden, ein „bei-mir-sein“, so wie ganz gute Freunde an einem Tisch sitzen & leise & ruhig & vertrauensvoll miteinander reden. Ich rede also in dieser Stille mit mir selber.

Die meditative Übung liegt dabei mehr und mehr darin, dass ich nur über Sachen schreibe, die mich berühren & dass ich versuche bei diesem Berührt-Sein zu bleiben. In der innerlichen Berührung liegt ja die Nähe zu den Dingen & Ereignissen & Menschen. Alle anderen guten Anlässe etwas zu schreiben, wie Wut & Ärger & Ungeduld & Schmerz & Neugier & Überzeugung versuche ich, so gut es geht, zum Schweigen zu bringen.

Nähe zu mir & Nähe zu den Sachen... Als zweites betrachte ich meinen Weblog als einen Ort der Begegnung. Dabei geht es um die Nähe zwischen mir & den Lesern, zwischen mir & dir & zwischen dir und dir also... In dieser Hinsicht ist mein Weblog ein verwirrender Ort, weil ganz unterschiedliche Beziehungen & Verbindungen gleichzeitig & in EINEM Raum eine Rolle spielen. Auf der elektronisch erzeugten Bühne herrschen einerseits Anonymität & Öffentlichkeit, anderseits geschehen oft ganz delikate & persönliche & rührende Sachen.

Diesbezüglich ist die Situation die folgende: In den Kommentaren reagieren manchmal Menschen, die ich aus unterschiedlichen Zusammenhängen persönlich kenne. Letzte Woche zum Beispiel war auf einmal Huub aus Den Bosch da (Hoi Huub, vader van Pelle! Sei herzlich gegrüßt von Jelle!) - sein Kommentar ist in eine vertraute Stimmung eingebettet, weil ich mich daran erinnere, wie wir öfters in Neukirchen bei Flensburg an einem Tisch zusammen saßen.

Dann gibt es Kommentare von Menschen, die ich persönlich nicht kenne. Von diesen Menschen gibt es immer wieder welche, die Kontakt suchen & mir zusätzlich noch eine Email schicken. Was aber auch sehr häufig vorkommt ist, dass Menschen mir nur eine Email schicken, also keinen Kommentar auf meinem Weblog veröffentlichen. Manchmal entstehen daraus intensive Kontakte, die den Lesern meines Weblogs verborgen bleiben.

Ganz wichtig sind die Menschen, die sich regelmäßig mit Kommentaren melden & sich so richtig in die Vorgänge einmischen. Sie zeigen mir die Koordinaten in meiner Suche nach Nähe in dem immensen Ozean. Sie sind mit im Boot. Ihre Meldungen gehen für mich immer über die aktuellen Inhalte hinaus, weil sie eine kontinuierliche Beziehung pflegen, die zu Ereignissen & Wendungen & Öffnungen führen.

Und dann gibt es die Menschen, die sich - warum auch immer - gar nicht melden. Weitaus weitaus weitaus die meisten Leser reagieren äußerlich (im www) nicht erkennbar, einfach weil sie keine Lust dazu haben oder sich die Öffentlichkeit nicht zutrauen oder meinen nichts zu sagen zu haben oder... Ich mag diese anonyme Schar von Lesern sehr, weil sie das Unbekannte & Ungewisse & Unsichtbare vertreten. Ohne Schweigende gäbe es keinen Ozean.

Nähe in dem immensen Ozean... Ich kriege es nicht in Worte gefasst... Meine Worte erreichen Dich-bekannte-unbekannte-LeserIn über die elektronischen Wellen des virtuellen Ozeans. Zwischen uns gibt es Tasten & Kabel & Schirme & Festplatten & Server & Schüsseln & eine Menge von Sachen mehr wovon ich nicht die blasseste Ahnung habe. Meine Worte erreichen euch via & via & via & via & via...

Die eigentliche Begegnung aber findet irgendwo anders statt. Durch den elektronisch erzeugten Ort hat sich auch ein Innenraum geöffnet, in dem ich die Nähe spüren kann – ich alleine mit mir, ich alleine mit dir, wir alleine mit uns & den Anonymen & den Verborgenen. Die letzten zwei Jahre haben mir klar gezeigt, dass es Unfug ist zu meinen, dass das World Wide Web uns zwangsläufig voneinander isoliert.

Mit Dank an Sophie Pannitschka

Kommentare:

Sebastian Gronbach hat gesagt…

WebWElt jubelt - Glückwunsch zum Geburtstag! Alles Liebe Dir und Deiner Mission.

Dein Missionar
Sebastian

Andrea hat gesagt…

"Ja so, jetzt ist das schon wieder zwei Jahre her, dass du deine Blogsite eröffnet hast." "wie schnell doch die Zeit vergeht" So antworten hier bei mir im Dorf die vielen Nachbarn von mir, wenn wir auf etwas Vergangenes zu sprechen kommen. Die meisten Leute antworten so und äussern sich so über die Zeit , zuerst dachte ich nur die Senioren, die es mittlerweile viel gibt. Aber auch die Jungen, die ihre Kinder in die Schule schicken. Ich vermute, wenn ich die Mütter frage die noch Kleinkinder haben sagen das weniger
schnell, aber leider auch die sagen das. Ich stand dann oft da wie vom andren Planeten, und hatte die Erfahrung, dass die Zeit langsam vergeht, niemandem erzählen können und heute verstehe ich es immer noch wenig, wie man das sagen kann. Diesen Menschen fehlt es an Nähe zu sich ? Nein, es muss was anderes sein. Aber in Gesprächen da erlebe ich Zeit so, das ich solche oben genannten Aussagen nicht machen kann. es ist komplex diese Thema. ...........Und seit dem erst veröffentlichten Artikel, da bin ich in einem unermesslichen Ozean umher geschwommen ohne unter zugehen. Gut ich gebe es zu ich war auch schon nahe dran zu Ertrinken, auf ein "sicheres Schiff" aufzusteigen und wollte nicht mehr mit schwimmen und vor diesem ewig brummenden, gleichförmig rauschenden PC sitzen und lesen und ab und zu zu schreiben. Soviel für heute. Liebe Grüsse von einer vielleicht, Möchte-Gern- Missionarin aus den Bergen.

Jelle van der Meulen hat gesagt…

Lieber Sebastian aus dem Rheinland und liebe Andrea aus den hohen Alpen, Missionar und Missionarin,sei herzlich gegrüßt. Und: Langsam oder schnell,die wahre Zeit steht still. Jelle

Anonym hat gesagt…

Lieber Jelle,

Deine Storys bewirken etwas in mir. Manchmal schreibe ich spontan einen Kommentar - manchmal lieber anonym. Manchmal denke ich einige Tage über ein bestimmtes „Ding“ nach. Manchmal spreche ich mit Freunden darüber. Und manchmal bleibt mir der Zugang zu dem Inhalt verborgen – aber eher selten. Auch zu diesem Geburtstagstext über Nähe im www kommen mir viele Gedanken die ich versuchen möchte zu formulieren. Hierbei kann ich Nähe zu mir selbst und zu Dir erfahren. Aber wenn ich am PC sitze und denke und schreibe, dann kann es sein, dass ich mich isoliert fühle, weil ich mir eine Antwort oder einen Kommentar auf meinen Kommentar wünsche.
Was ist das für eine Nähe die hier im „unermesslichen Ozean“ entsteht? Ist das wirklich Nähe? Vielleicht gibt es so etwas wie „isolierte Nähe“? Auf jeden Fall unterscheidet sie sich sehr von der Nähe die entsteht durch eine persönliche Begegnung mit dem Blick in die Augen eines anderen Menschen.
Vielen Dank für Deine Idee dieser Internetseite und weiterhin alles Gute für Deine Storys.
Herzliche Grüße, Birgitt

Annette Stroteich hat gesagt…

Lieber Jelle van der Meulen,
seit ca. einem Jahr lese ich Deine Beiträge und sie erzeugen in mir genau diese Stille und Nähe zu Gott in mir und der Welt, die mir das Leben lebenswert machen.
Danke für die vielen Gelegenheiten, wo ich anderen Menschen davon erzählen darf, wenn meine Worte und Bilder eine Ergänzung brauchen, um zu verdeutlichen, was moderne Waldorferzieherhaltung ist und braucht: nämlich die aus der Stille geborene Nähe zu den "Dingen" und uns anvertrauten Menschenkindern gleich welchen Alters.
Mir kommt ein Lebensgefühl und eine Bewusstseinshaltung wie sie vielleicht mittelalterliche Klosterbrüder und -schwestern hatten in den Sinn, die voneinander wussten und obwohl sie nur wenige persönlich kannten doch sicher sein konnten, dass auf der ganzen Welt Menschen aus dem gleichen Geiste handeln. Das ermutigt und stärkt und so grüße ich Dich als eine der (im weblog sonst) Schweigenden und gleichzeitig doch Mit-Arbeitenden herzlichst,

Annette

Murat Tchundyk hat gesagt…

Dearest lovely Jelle,
thanka ya for your blog. I always visit anda read your texts. I ama touched anda I also fan ofa Coleridge and Barfield. I feela here at home.
His Holiness
Murat Joy Tchundyk

Katharina hat gesagt…

Lieber Jelle, ich hoffe, Du schreibst hier noch viele Texte und Geschichten. Ich freue mich drauf. Und wenn ich mir etwas wünschen darf, dann würde ich mir ein Gespräch wünschen zwischen Sammy und Samuel über Nähe. Vielleicht gibt es eine Verbindung zwischen der Nähe hier im unermesslichen Ozean und Sammys Erlebnis im Koma? (Dies beschreibst Du in einem früheren Blog.)
Liebe Grüße!

Jelle van der Meulen hat gesagt…

Dearest Murat, your presence makes life more comfortable. Jelle

angelll hat gesagt…

Lieber jelle, deine Texte empfinde ich immer als tröstlich und heimatlich.
angelll

Anonym hat gesagt…

Lieber Jelle

Wenn ich Deine Entwicklung der letzten Jahre zusammenfassen darf, würde ich sagen du hast dicht entwickelt von Schreiber zu Erzähler. Heutemorgen habe ich ein kleines stückchen Poezie geschrieben. Erst nach dem schreiben dachte ich an deinem Weblog und an deiner Entwickelung.


Schein

Die Sonne selber
scheint nicht
sie ist
unsichtbar
schafft sie es
alles
im Spiegel ihrer Strahlen
er-scheinen
zu lassen.

Ein Schreiber beschreibt die Dinge.
Ein Erzähler ist wie die Sonne, der die Dinge erscheinen lässt.

Huub

Jelle van der Meulen hat gesagt…

Lieber Huub! Danke für dein Gedicht. Erzählung: Text als Ereignis. Jelle

Anonym hat gesagt…

ehh... nice post :)