19.05.2009

Neuigkeiten aus dem Badezimmer. Über Poesie & Zeit & Nachrichten

Psychologische Erklärungen sind fast nie poetisch. Sie decken auf, dass heißt: sie erzählen Geschichten hinter und über Geschichten. Mit einem psychologischen Blick wird die Geschichte eines seelischen Schmerzes in die Vergangenheit gestoßen & dort mit einer neuen Geschichte verwechselt, zum Beispiel über einen Vater, der mich oder dich oder ihn oder sie nicht angenommen hat, oder über eine Mutter die – naja, was könnte sie nicht alles getan haben.

Die aufgedeckte Geschichte gilt als Erklärung für die vorherige Geschichte, die immer irgendwie eine Beschwerde beinhaltet. Seelischer Schmerz wird in der Psychologie als eine Wirkung in der Gegenwart von einer Ursache die in der Vergangenheit liegt verstanden. Hinter der psychologischen Vorgehensweise steckt ein Zeitbegriff, der besagt, dass die Gegenwart durch die Vergangenheit bestimmt wird.

In der Poesie ist ein anderer Zeitbegriff wirksam. Der Dichter Novalis hat es so gesagt: „Der Sinn für Poesie hat nahe Verwandtschaft mit dem Sinn der Weissagung und dem religiösen, dem Sehersinn überhaupt. Der Dichter ordnet, vereinigt, wählt, erfindet – und es ist ihm selbst unbegreiflich, warum gerade so und nicht anders“. Man könnte es vielleicht auch so sagen: In der Poesie wirkt das, was im Kommen ist.

Mit Poesie ist hier nicht Dichtung gemeint. Man kann den Worten natürlich unterschiedliche Bedeutungen beimessen, ich meine mit Dichtung aber die Tätigkeit die zu literarischen Texten führt & die Texte selber. Poesie verstehe ich als eine Aufmerksamkeitshaltung, eine seelische Orientierung auf die Welt & das Leben & die Menschen & die Ereignisse & die Gegenstände. Poesie führt dazu, dass die stumme Sprache-der-Dinge auf einmal zur Botschaft werden. Man kann Poesie haben ohne Dichtung, Dichtung ohne Poesie gibt es nicht.

Auch ein Poet geht morgens ins Badezimmer um sich zu waschen, seine Zähne zu putzen & sich heute-oder-heute-vielleicht-doch-lieber-nicht zu rasieren. Gleichzeitig aber lässt er das Badezimmer auf sich zu kommen wie eine Art kuriose Neuigkeit, wie ein überraschendes Gebilde, das sich im Hier & Jetzt offenbart. Was er im Badezimmer hört & riecht & sieht & spürt & schmeckt & denkt & fühlt & will – was zeigt mir der Spiegel heute? - beinhaltet für den Poeten eine Bedeutung, die etwas über funktionale Bedeutungen hinaus geht.

Eigentlich ist es nicht richtig zu sagen, dass der Poet ins Badezimmer geht – treffender könnte man sagen, dass er das Badezimmer auf sich zu kommen lässt. Er befindet sich in einer „rückwärtsgehenden Evolution“ (Rudolf Steiner), die von der Zukunft ausgeht & uns in der Gegenwart trifft. In diesem zweiten Zeitstrom liegt das Ziel nicht in der Zukunft, sondern in der Vergangenheit – es ist die Verwandlung des Gewordenen. Laut Rudolf Steiner ist die Erkenntnis der zweiten Evolution eine Bedingung für das „geistige Schauen“.

Ein Poet praktiziert das geistige Schauen. Samuel Taylor Coleridge (siehe das aktuelle Motto meiner Website) spricht an dieser Stelle von einer ersten & einer zweiten Imagination. Die erste Imagination bezieht sich auf jegliche spontane & unbewusste menschliche Wahrnehmung, die zweite versteht er als ein Echo der ersten, mit dem wesentlichen Unterschied, dass sie mit unserem bewussten Willen zusammenfällt („co-existing“). Das geistige Schauen ist laut Coleridge eine bewusste Wiederholung-in-der-Endlichkeit von dem „ewigen Schöpfungsakt in das unendliche ICH BIN“. Novalis sagt an dieser Stelle: „Der Dichter erfindet“.

Wo in der Psychologie gerne eine zweite „erklärende“ Geschichte“erzählt wird, entwirft & kreiert & gestaltet die Poesie nur ERSTE Geschichten, die allerdings nicht als Erklärungen gelten, sondern eher als Bezauberungen & Weissagen & Öffnungen. Poetische Geschichten greifen in die Vergangenheit heftig ein, nicht weil sie dort etwas erklären, sondern weil sie berühren. Die Kraft der poetischen Verwandlung liegt darin, dass das Badezimmer zum Einweihungsort erhoben wird.

In einer Kultur des Herzens werden poetische Geschichten erzählt. Es wird eine Zeit geben – in fünfzig oder achtzig oder hundert Jahren? – in der die Nachrichtendienste sich nicht nur mit äußeren Tatsachen beschäftigen: so und so viele Arbeitslose, so und so viele Verluste im Krieg, so und so viele Verkehrsunfälle, und wie das alles zu bewerten wäre... Die journalistische Aufmerksamkeit wird auch die Neuigkeiten an der poetischen Front betreffen:

„Köln, 18. Mai. In einem Badezimmer in der Kölner Innenstadt wurde heute Morgen festgestellt, dass eine dreifache Spiegelung zwischen Fenster, Fliesen und Spiegel in der Seele eines achtundfünfzigjährigen Mannes eine Verwirrung hervorrief. Für einen kurzen Moment glaubte der Mann ein Gespenst zu sehen, dann verstand er aber, dass er sich selber sah. Der Mann freute sich darüber, sich selber unvorbereitet gesehen zu haben. Das bringt richtig etwas, meinte er.“

Kommentare:

Michel Gastkemper hat gesagt…

Lieber Jelle,
Sehr schön! Mehr von solche Nachrichten bitte! Weil ich sie nirgendwoanders finden kann. Dafür ist ja dein Blog erfunden.
Herzlich,
Michel

Anonym hat gesagt…

Hallo Jelle,

vielleicht solte man die Psychologie etwas poetischer gestalten, dann wäre sie nicht so wissenschaftlich und allwissend, dafür aber umso menschenfreundlicher und wärmer..

Gruß

Ralf

Anonym hat gesagt…

Der eigene Lebenslauf kann dann neu erfahren werden - nicht als "abgeschlossener Lebenskreis", wie die Redner auf den Beerdigungen erzählen und die Kränze es symbolisieren - sondern als die eine Hälfte der Lemniskate. Wenn wir wieder auf den Lemniskatenknoten zugehen, sehen wir auf einmal, dass wir, obwohl wir immer geradeaus gegangen sind, auf einmal wieder am Ausgangspunkt sind. Und wenn wir fein aufpassen in der zweiten Lebenshälfte, können wir erleben, dass der Strom der Zeit, der uns von der Vergangenheit in die Zukunft trägt, schwächer wird als der, der aus der Zukunft von jenseits des Knotens kommt, wo auf der Lemniskate innen zu aus und aussen zu innen wird.
Aber vielleicht muss man für diese Erfahrung dem Tod ganz real sehr sehr nahe gewesen sein.
Viele Grüsse, Barbara 1

Homer hat gesagt…

langweilig!

Katharina hat gesagt…

Wenn Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammen sichtbar werden, erscheint ein Gespenst = ICH.

Anonym hat gesagt…

Das bringt wirklch etwas! Von wegen Langweilig.

MonikaMaria hat gesagt…

Lieber Jelle
Damit kann ich sehr viel anfangen. Manuel Schoch, hellsichtiger Heiler aus der Schweiz, der leider im Oktober letzten Jahres gestorben ist, verfolgte genau diesen Ansatz mit seiner Timetherapie. Sein Institut: tune-in. Unter www.tune-in.ch

Er hat hier herausragende Arbeit geleistet und gründlich aufgeräumt mit den «Geschichten der Geschichten». In der Uni Zürich gab er viele Vorträge.

Thomas Hübl geht mit dem, was er sagt, in eine ähnliche Richtung.

Sehr schöner Beitrag. Vielen Dank. Hoffentlich nicht der letzte!
Herzlich
MonikaMaria