19.08.2008

Nochmals über die Waldorgkindergärten. Was im Kommen ist.

Mein letzter Blogbeitrag handelte über eine Aussage von Wolfgang Saßmannshausen. Ich zitiere den Satz noch einmal: „In den Waldorfkindergärten haben gegenwärtig Menschen die Verantwortung, die keinen Bezug zu dem eigentlichen Kern der Waldorfpädagogik haben.“ Es gibt zwar begreifliche Gründe, die zu dieser Auffassung führen, trotzdem glaube ich eher nicht, dass die Aussage so stimmt.

Ich habe in meinem letzten Beitrag versucht deutlich zu machen, dass entscheidend ist, was man diesbezüglich sucht. Wenn man die üblichen waldorfpädagogischen und anthroposophischen Vorstellungen erwartet, kann man tatsächlich meinen, dass die Aussage stimmt. Hält man es aber für möglich, dass der Wille zur Anthroposophie sich auf andere Arten und Weisen zeigen, sieht die Wirklichkeit ganz anders aus. (In meinem Buch „Mittendrin – Anthroposophie hier und jetzt“ habe ich dieses Thema ausführlich behandelt.)

Heute möchte ich der Frage nachgehen, ob man tatsächlich von einem „eigentlichen Kern der Waldorfpädagogik“ sprechen kann. Gibt es so etwas? Und falls ja, was macht diesen Kern aus? Mit dem Begriff „Kern“ habe ich in diesem Zusammenhang ein Problem. Ein Kern ist ein Punkt, eine „Eindeutigkeit“ – nur als solcher erkennbar und vorstellbar in Raum und Zeit. In der geistigen Welt gibt es aber gerade keine „Kerne“. (Auch ein „Ich“ ist kein Kern – eher ein peripheres Phänomen, das atmosphärisch in einem sich ständig verwandelnden Umkreis erscheint. Der Gedanke, dass das „Ich“ eine Art geistige Murmel ist, die irgendwo in mir versteckt ist, ist irreführend.)

Nun könnte man sagen, dass das Wort „Kern“ in diesem Zusammenhang als Metapher verstanden werden soll. Das kann sein – mir scheint diese Metapher dann aber unglücklich gewählt zu sein. Denn wenn von einem „eigentlichen Kern der Waldorfpädagogik“ gesprochen wird, entsteht leicht der Gedanke, dass es dabei um eine bestimmte Wahrheit, eine spezifische Sichtweise, ja, um ein-zwei-drei Sätze, die ein für allemal festlegen, was den „eigentlichen Kern der Waldorfpädagogik“ ausmacht, geht. Ich meine aber, dass gerade das in Bezug auf die Waldorfpädagogik und die Anthroposophie nicht geht. Mit dem Sozialismus, dem Kapitalismus, dem Marxismus, dem Darwinismus und dem Liberalismus kann man das vielleicht machen – mit der Anthroposophie gerade nicht.

Was macht die Waldorfpädagogik aus? Mir scheint die Waldorfpädagogik eine spirituelle und soziale Bewegung zu sein, die darauf schauen will, was „vielleicht im Kommen“ (so würde Jacques Derrida das möglicherweise sagen) ist. Das Schauen auf das, was vielleicht im Kommen ist, in & mit & durch die Kinder, ist eine unbestimmte & absichtslose Tätigkeit, die von Liebe & Wärme & Neugier genährt wird. Die so genannte pädagogische „Methode“ der Waldorfpädagogik besteht daraus, dass jeder Mensch (ob Kind oder Vater oder Mutter oder Erzieher oder Lehrer) als ein einmaliges & verwirrendes & ungreifbares Rätsel gesehen wird, das alle Rahmen sprengt und trotzdem dringend einen Rahmen braucht.

Was vielleicht im Kommen ist, ist unbekannt. Was vielleicht im Kommen ist, braucht eine wohlwollende Einladung, einen Empfang, eine bejahende Kultur. (Rudolf Steiner würde sagen: eine michaelische Kultur.) Was vielleicht im Kommen ist, kann nur in Freiheit verstanden und gestaltet werden. Ja, dieses verwirrende Zusammenfließen von verstehen & gestalten, und auch umgekehrt: von gestalten & verstehen, macht die unmethodische Methode der Waldorfpädagogik aus. Was vielleicht im Kommen ist, ist nicht unbedingt nur gut & schön & wahr. Auch Schlechtes & Hässliches & Ungutes ist im Kommen. Die Waldorfpädagogik ist nicht so naiv, dass sie meint, in dieser Hinsicht eine bestimmte Moral durchsetzen zu können.

Die Waldorfpädagogik möchte überall anders aussehen. Ich meine nicht nur: in Peru anders als in Deutschland. Ich meine auch: in Solingen anders als in Erftstadt. Und ich meine auch: in Köln anders als in Köln. In der Waldorfpädagogik stehen die Schicksale der Menschen im Zentrum – die Schicksale der Kinder, der Eltern, der Erzieher, der Lehrer, der Vorstände... Aus den einzigartigen Schicksalen möchten die Kindergärten gestaltet werden. Denn das heißt ja: Anthroposophie hier und jetzt. Und das heißt auch: aus Freiheit gestalten. Um mit dem Pädagogen und Musiker Pär Albohm aus Schweden zu sprechen: die Waldorfpädagogik möchte eine intuitiv-improvisierende Pädagogik sein.

Die Waldorfpädagogik hat auch eine gesellschaftliche Aufgabe. Kindertagesstätten, Kindergärten und Schulen sind ja gesellschaftliche Einrichtungen. Und der Gesetzgeber schreibt vor, wie ein Kindergarten zu funktionieren hat – und gerade durch diese Tatsache drückt sich immer ein Denken, ein Fühlen und ein Wollen aus. Ich meine, dass diesbezüglich die Waldorfbewegung in eine Isolierung geraten ist. Was Waldorfleute denken, fühlen und wollen, ist auf der gesellschaftlichen Ebene leider kaum relevant. Auf Vertreter der Waldorfpädagogik wird in der öffentlichen Debatte nicht gehört.

In der Sozialen Dreigliederung von Rudolf Steiner und in den Betrachtungen von zum Beispiel Michel Foucault könnte die Waldorfbewegung wichtige Quellen zur Selbstbestimmung finden. Mit der Frage der Selbstbestimmung und Selbstgestaltung ist aber auch ein Kampf verbunden, der nie wirklich geführt worden ist. Die Waldorfbewegung hat sich – begreiflicherweise – hauptsächlich mit der Frage, wie Nischen in der öffentlichen Gesellschaft gefunden werden können beschäftigt. Eine inhaltliche und willentliche Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit hat nicht stattgefunden - aus Angst, die gefundenen Nischen aufs Spiel zu setzten.

Kampf ist Begegnung. Ich meine, dass die Waldorfbewegung die Begegnung mit der Öffentlichkeit dringend braucht.

Was ist vielleicht im Kommen? Ich würde sagen, dass sich in der heutigen Lage der Waldorfbewegung ein Wille zur Erweiterung ausdrückt. Die Anthroposophie hat tausend Gesichter. Statt auf einen „eigentlichen Kern“ zurückzugreifen, ist eine periphere Aufmerksamkeit gefragt, eine Beweglichkeit des Denkens, einen Schritt ins weite Feld der möglichen Intentionen. Schauen auf das, was im Kommen ist, heißt, das Fremde erstmal herzlich bejahen.

Mit Dank an Sophie Pannitschka

12.08.2008

Über die Waldorfkindergärten. Wo sind die Anthroposophen geblieben?

In einem nicht veröffentlichten Text über die Situation der Waldorfkindergärten in NRW schreibt Wolfgang Saßmannshausen: „In den Waldorfkindergärten haben gegenwärtig Menschen die Verantwortung, die keinen Bezug zu dem eigentlichen Kern der Waldorfpädagogik haben.“[i] Ich meine, dass die Bewertung dieser Aussage entscheidend für die Zukunft der Waldorfkindergärten ist.

Mit der genannten Aussage scheinen mir drei Fragen verknüpft zu sein. 1. Auch wenn Saßmannshausen nur halbwegs Recht hat, entsteht die Frage, wie diese Situation entstanden ist? 2. Wo sind die Menschen, die tatsächlich einen Bezug zum eigentlichen Kern der Waldorfpädagogik haben? (Oder gibt es diese Leute nicht mehr? Sterben sie aus? Haben jüngere Leute diesen Bezug nicht?) 3. Was ist gemeint mit dem Kern der Waldorfpädagogik?

Der „Kern“ der Waldorfpädagogik kann auf der inhaltlich-intellektuellen Ebene nur verstanden werden, wenn man sich inhaltlich-intellektuell mit der Anthroposophie beschäftigt. Ich bin geneigt zu denken, dass nur ganz wenig Menschen sich in der heutigen Zeit auf dieser Ebene mit der Anthroposophie beschäftigen. Die Werke Rudolf Steiners werden kaum noch gelesen und auch andere relevante Literatur wird wenig zur Kenntnis genommen. Ich glaube aber nicht, dass hier das Hauptproblem liegt.

Wolfgang Saßmannshausen schreibt nicht, dass der Kern der Waldorfpädagogik nicht „verstanden“ wird – nein, er meint, dass die gegenwärtigen Menschen „keinen Bezug“ zu ihm haben. Was heißt es, einen Bezug zu haben? Wie kann ein Bezug zum Kern der Waldorfpädagogik aussehen? Kann man zum Beispiel einen Bezug zum Kern der Waldorfpädagogik haben, ohne sich erst intellektuell-inhaltlich ausführlich mit der Anthroposophie zu beschäftigen? Ich meine: ja.

Bezüge (sind ja Beziehungen) leben sich auf drei „seelischen“ Ebenen aus: im Denken, im Fühlen und im Wollen. Es ist durchaus denkbar – und in unserer postmodernen Zeit eben sehr sehr sehr denkbar – dass jemand etwas will, ohne es auf der intellektuellen Ebene zu verstehen; oder dass jemand eine Beziehung auf der Ebene der Gefühle spürt, ohne die dementsprechenden Gedanken dazu zu haben.

Einen Bezug zu „etwas“ haben, ist nur selten eine eindeutige Sache. Klar ist aber, dass es in Bezug auf Bezüge eine klare Hierarchie-der-Intensität gibt: gewollte Bezüge sind kräftiger als gespürte Bezüge und gespürte Bezüge sind kräftiger als gedachte Bezüge. Ich meine, dass diesbezüglich sich in den letzten vierzig Jahren etwas verändert hat.

Der klassische anthroposophische Aufbau von Imagination (= eine spirituelle Beziehung auf der Ebene der Vorstellung), Inspiration (= eine spirituelle Beziehung auf der Ebene der Gefühle) und Intuition (= eine spirituelle Beziehung auf der Ebene des Willens) hat sich umgedreht – umgangssprachlich gesagt: ist in die Seele gekippt. Bernard Lievegoed hat diese Umkehrung schon in den achtziger Jahren wahrgenommen und „den Saturnweg“ genannt. Zu diesem Weg gehört, dass es anfänglich keine imaginativen Vorstellungen gibt, die das Bewusstsein tragen. Die Seele ist spontan auf Handlungen orientiert, die intuitiv ausgeführt werden und erst nachher über die Inspiration und die Imagination verstanden & bewertet & eingeordnet werden. (Philosophisch gesprochen, bedeutet dieser Weg einen radikalen Bruch mit dem Denken der Aufklärung. Er schließt eher bei Nietzsche an.)

Für die Art und Weise wie Anthroposophie „erscheint“, hat diese Umkehrung große Folgen. Der Bezug zur Anthroposophie liegt anfänglich gar nicht vordergründig im Denken, sondern im Fühlen und vor allem im Wollen. Anthroposophie wird gewollt und erstmal ganz und gar nicht gedacht. Stärker noch: zu dem Saturnweg gehört in gewissem Sinne eine spontane Abwehr gegen das Denken, weil die Seele über die Inspiration in der Imagination landen will. Das Denken tritt in der neuen Reihenfolge erst dann ein, wenn die Imaginationen gebildet sind – und nicht umgekehrt. Ich meine, dass diese Einsicht ein klares Licht auf den Umstand, den Wolfgang Saßmannshausen beschreibt wirft.

Nicht der Umstand ist bedauerlich, sondern die Tatsache, dass wir den Umstand nicht erkennen. Wenn wir „Anthroposophen“ („Menschen, die einen Bezug zu dem eigentlichen Kern der Waldorfpädagogik haben“) suchen, müssen wir auf die Ebene der Intuitionen & Intentionen & Willensrichtungen schauen. Der „postmoderne Anthroposoph“ offenbart sein Wesen nicht durch das was er sagt, sondern durch das was er tun will. Seine Sehnsüchte beziehen sich auf mögliche Handlungen.

So gesehen, bin ich mir gar nicht sicher, ob es stimmt, dass die Mitarbeiter in den Waldorfkindergärten keinen Bezug mehr zu dem eigentlichen Kern der Waldorfpädagogik haben. Ich halte es für möglich, dass ein tragisches Missverständnis vorliegt: die Generation der Sechziger und Siebziger kennt vor allem „Spezialisten“ im Bereich der „erlebten Vorstellung“; auf der Ebene der Handlung sind sie aber oft noch in institutionelle und funktionelle Gegebenheiten eingebunden, die für unveränderliche Tatsachen gehalten werden.

Das Missverständnis liegt darin, dass spontan unterschiedliche Sprachen gesprochen werden. Die spätere Generationen spricht eine andere Sprache: sie kennen „Spezialisten“ in kleinen Handlungsbereichen des Alltags und lesen – so wie es einer meiner Söhne einmal ausgedrückt hat – die Art und Weise, wie wir zum Beispiel zusammen in der Küche stehen. Diese „Spezialisten“ wollen über etwas sprechen, was tatsächlich geschieht und nicht über das, was geschehen müsste, sollte oder könnte. Die Welt der kleinen und großen Handlungen ist für sie zur Sprache geworden. Im Seminar für Waldorfpädagogik in Köln stelle ich immer wieder staunend fest, wie stark diese Fähigkeiten in den jüngeren Menschen vorhanden sind.

Die beiden Perspektiven (vielleicht gehört noch eine Dritte dazu, die seine Verankerung vor allem in die Inspiration findet?) brauchen einander. Die weise Ordnung-der-Zeiten hat eine uralte philosophische Fragestellung – die Spannung zwischen Idee und Tat – auf der sozialen Ebene programmatisch eingeschrieben. Mir scheint es deswegen nicht fruchtbar zu sein, zu behaupten, dass die verantwortlichen Menschen in den Waldorfkindergärten keine Beziehung zu dem Kern der Waldorfpädagogik haben. Für einen, der es für wichtig hält, die Welt zu verstehen, ist die Frage fruchtbar: wie kann ich diese Beziehung verstehen?

Was ansteht ist deswegen Begegnung. Und die fängt mit der Frage an: habe ich einen Bezug zum eigentlichen „Kern“ dieser Menschen?

(Fortsetzung folgt)



[i] Wolfgang Saßmannhausen hat mir die Veröffentlichung dieses Satz freundlicher Weise erlaubt.


06.08.2008

Was Samuel und Sammy einander heute sagen. Über Krankheit

Samuel: „Sammy, letzte Woche ist ein guter Bekannter von mir krank geworden. Er hat einen Schlaganfall im Gehirn bekommen. Er liegt nun in einem Bett in einem Krankenhaus und kann sich kaum mehr bewegen. Die Ärzte sagen, dass er nie mehr auf seinen Beinen stehen und gehen können wird.“

Sammy: „Ich merke an deiner Stimme, dass du ihn magst.“

Samuel: „Ja, sehr, sehr, obwohl wir noch nie richtig mit einander geredet haben. Er spricht nur Spanisch – und zwar sehr schnell & nuschelnd. Dazu kommt, dass er sich mit ganz anderen Sachen beschäftigt als ich. Er meint, glaube ich, dass die Welt ein Glückspiel ist. Entweder etwas klappt und dann hat man Glück – oder etwas klappt nicht und dann hat man Pech. Ich bewundere ihn sehr, weil er Mißgeschicke gut wegstecken kann.“

Sammy: „Er fängt immer wieder aufs Neue an?“

Samuel: „Seine Verwandten und Freunde – er selber redet nicht darüber – sagen immer wieder, dass er in seinem Leben mehr als vierzig Läden eröffnet hat. Und alle vierzig hat er wieder schließen müssen. Es gab immer irgendein Problem. Und stell Dir vor: kurz bevor er ins Krankenhaus kam, hat er seinen letzten Laden eröffnet.“

Sammy: „Ich glaube nicht, dass ich verstehe, was es heißt einen Laden zu eröffnen.“

Samuel: „Das kannst du nicht wissen, weil ich es auch nicht weiß. Ich habe wirklich keine Ahnung von solchen Sachen. Du kannst aber vielleicht verstehen, was es bedeutet, nicht mehr gehen zu können. Du bist ja damals im Wohnzimmer deiner Eltern einfach stehen geblieben. Du konntest Dich nicht mehr bewegen, weil du innerlich g elähmt warst.“

Sammy: „Stillstand gibt es nicht. Aber Stockungen schon.“

Samuel; „Wie meinst du das?“

Sammy: „Bei mir war es ein Schock. Ich war elf Jahre alt und stellte fest, dass meine Eltern mir nicht sagen oder mich nicht spüren lassen konnten, wer ich war. Erst dadurch, dass ich viel viel viel später merkte, dass ich mich nicht bewegen konnte, weil ich einen Schock hatte, habe ich ein bisschen verstanden, wer ich bin. Ich bin jemand, der lange im Schock gelebt hat. In der Zeit dieser Stockung ist aber unheimlich viel passiert. Ich habe viel nachgedacht. Und nachzudenken heißt in Bewegung zu sein.“

Samuel: „In innerer Bewegung?“

Sammy: „Bitte, frage nicht zuviel! Ich kenne den Unterschied zwischen Innerem und Äußerem nicht. Du scheinst in Bezug auf diesen Unterschied der bequeme Spezialist zu sein! Nein, solche Gedanken sind mir in der Zeit der Stockung nie gekommen. Ich meine nur, dass Nachdenken nichts anderes als in Bewegung sein ist. Ohne Gedanken bewegt sich gar nichts. So wie ich die Welt verstehe, heißt Gehen auch Denken.“

Samuel: „Gehen ist Denken?“

Sammy: „Klar! Wenn ich in einen Wald gehe, sehe ich die Bäume. Und was sind Bäume anderes, als für Augen sichtbar gewordene Gedanken?“

Samuel: „Kannst Du meinen kranken Bekannten sehen?“

Sammy: „Ich kann es versuchen. Ja, er liegt im Bett und bewegt sich kaum. Er hat einen Schock. Er kann nicht verstehen, dass sein Körper ihm nicht mehr zur Verfügung steht. Er erlebt in sich immer wieder und ganz selbstverständlich den spontanen Wunsch aufzustehen. Er möchte gerne einen Espresso trinken, oder einen Spaziergang machen, oder sehen, wie die Sachen in seinem Laden laufen. Dann merkt er aber, dass sein Wunsch sich nicht auf seinen Körper überträgt. Er merkt das immer wieder, immer wieder, immer wieder... Irgendwie & irgendwo gibt es immer wieder einen Kurzschluß. Und er denkt: das nennt man also einen Schlaganfall! Aber damit, dass dieses Wort in seinem Denken auftaucht, ist nicht viel getan. Er versteht es nicht. Er versteht es immer wieder nicht.“

Samuel: „Ich verstehe es auch nicht.“

Sammy: „Er versteht nicht, dass er einen Schock hat. Er versteht noch nicht, dass er auf seinen Schock schauen kann, so wie man im Wald auf einen Baum schaut. Ich weiß wirklich nicht, ob ihm das gelingen wird. Der Tod ist in sein Leben eingezogen, und das heißt, dass man auf eine andere Art und Weise auf sich selber schauen kann. Ich sage: kann, nicht muss oder soll. Nichts muss. Nichts soll. Sein Schock hat aber noch kein Gesicht. Dein Bekannter braucht Zeit. Es wird aber einmal anders sein, vielleicht schon bald, vielleicht erst dann, wenn er gestorben ist. Dann wird er sehen und verstehen. Weißt du, alles was mit Menschen geschieht, gehört zum Mensch-Sein. Auch die Sachen, die wir immer wieder nicht verstehen."


31.07.2008

José „Pepe“ Perez Gomiz. Über Krankheit und Betroffenheit

Vor etwa zwei Wochen fand die erste Operation statt. Ort: ein Krankenhaus in Gandia bei Valencia in Spanien. Zusätzlich zu den Krebsgeschwüren wurde auch seine Prostata, seine Blase und seinen Blinddarm aus seinem Körper entfernt. Als er nach etwa fünf Stunden auf die Intensivstation gebracht wurde, sah er erschöpft aus. Er war aber auch froh, weil die Operation offensichtlich gut verlaufen war. Und neben ihm, am Bettrand, hing ein Plastikbeutel – seine nagelneue Blase.

Fünf Tage später wurde eine zweite Operation durchgeführt. Weil er seinen Husten nicht unterdrücken konnte, war der Druck auf die Wunde zu groß geworden. Er musste nochmals zugenäht werden. Als er nach drei Stunden wieder zu sich kam, sah er nicht nur erschöpft, sondern auch stark verunsichert aus. Es war ihm anzusehen, dass er dachte: was geschieht, wenn ich wieder husten muss?

Noch eine Woche später wurde er nach Hause geschickt. Ich kenne durchaus die euphorische Freude, die hochkommt, wenn man nach einem Aufenthalt in einem Krankenhaus wieder nach Hause darf. Etwas Besseres & Schöneres & Heiteres gibt es gar nicht. Seine Frau erzählte später, dass er sich am gleichen Abend Tangomusik angehört hat. Warum das? Ich glaube, weil Tango unmittelbar das ausdrückt, was aus seiner Sicht das Leben ausmacht.

Am nächsten Morgen lief etwas in seinem Kopf „schief“. Ein kleines Blutgerinnsel stand auf einmal dem freien Strömen des Blutes im Weg. Was dann geschieht, nennt man einen Schlaganfall. Als er kurz darauf wieder ins Krankenhaus gebracht wurde, waren Arm und Bein der linken Seite seines Körpers gelähmt. Und er konnte nur noch schwer sprechen. Er war erschöpft, verunsichert und verzweifelt. Über die Sprache war er schwer zu erreichen.

Er heißt José Perez Gomiz, wird aber meistens einfach Pepe genannt. Er ist achtundsechzig Jahre alt. Die längste Zeit seines Lebens hat er in Argentinien verbracht, in Buenos Aires – in der Stadt, von der er immer wieder redet. Dort wurde er immer der gallego (der Spanier) genannt. Jetzt lebt er in Gandia, wo es im Sommer so richtig heiß ist; und wo die Menschen – wenn es richtig heiß ist – wie Puppen auf der Strasse gehen, angeblich ohne umwerfende Ziele. Hier ist er el argentino.

Pepe ist großzügig. Pepe mag Wein & Fleisch & Paella & Tapas & Espresso. Aber nur dann, wenn der Wein & das Fleich & die Paella & die Tapas & der Espresso so richtig gut sind. Er besucht gerne Orte wie Bilbao, San Sebastian, Toledo und Sevilla. Aber nie allein. Das Schönste ist in seinen Augen, anderen Menschen das Schönste zu zeigen. Und jedes Mal wenn wir (dass heißt: ich und meine Lebensgefährtin Vanda, die seine Tochter ist) in Spanien sind, bereitet er uns eine asado – tja, wie ist eine asado zu beschreiben? Dafür bräuchte ich einen ganzen Blog. Aber kurz gesagt: auf einem enorm großen Grill wird richtig gutes Rindfleisch stundenlang zelebriert.

Pepe ist Unternehmer. Er hat in seinem Leben – so lautet die aktuelle Einschätzung – bestimmt mehr als vierzig Läden aufgemacht. Und aus irgendeinem Grund hat er alle mehr als vierzig Läden wieder zugemacht. Noch eine Woche bevor er im Krankenhaus landete, hat er einen neuen negocio geöffnet, direkt am Strand von Gandia. Man kann da alles kaufen, was man dringend am Mittelmeer braucht: Sonnenbrillen, Handtücher, Schmuck, Kleider, Badehosen...

Pepe ist ein Weltmensch. Seine Beine (die er vielleicht nie mehr benutzen kann) stehen klar in Spanien, sein Herz klopft in Süd-Amerika und sein Kopf ist überall. Ihm ist aus eigener wirtschaftlicher Erfahrung bekannt, was Globalisierung bedeutet. Die Chinesen und Inder sind seine allzu mächtigen Konkurrenten. Und er weiß, dass er arbeiten muss. Weil aus Argentinien und Spanien – wo er ein Immigrant ist – kann er nicht viel Sozialhilfe erwarten.

Und jetzt ist er krank. Richtig krank. Die Frage, ob er nach einer intensiven Therapie wieder gehen kann, ist heute noch nicht zu beantworten. Die Ärzte haben aber bereits mitgeteilt, dass es nie mehr so sein wird, wie es war. So viel ist klar. Die Zukunft sieht also dunkel aus, gerade auch deswegen, weil Pepe ein richtiger „Gehmensch“ ist. Er ist immer unterwegs. Es fällt mir schwer, mir Pepe in einem Rollstuhl vorzustellen.

Darf man die Frage stellen, warum so etwas in einer Biographie geschieht? Gibt es an dieser Stelle überhaupt ein WOZU? Letztendlich sind die Geschehnisse, die Pepe passiert sind, ganz normal. Auf diese Art und Weise werden Menschen tagtäglich krank. Es ist mit einer Krankheit aber wie mit dem Tod: wenn er erscheint, stellt sich sofort die Frage nach dem Sinn. Das Zuleben auf den Tod (Heidegger) bringt Ereignisse, die die Biographie dramatisch „gestalten“. Oder kann hier nicht von Gestaltung gesprochen werden, sondern nur von „Demontierung“? Wird Pepe demontiert?

Was mich in den letzten Tagen am meisten beschäftigt, ist die Frage, was wohl in seiner Innenwelt vorgeht. Was denkt & fühlt & will er? Wohin wandern seine Gedanken? Und worauf beziehen sich seine Wünsche & Sehnsüchte & Hoffnungen? Auf welche Menschen & Orte & Momente richtet sich sein Wille jetzt, nachdem er körperlich so eingeschränkt ist?

Nein, ich kann ihm diese Fragen nicht stellen. Über solche Dinge redet Pepe einfach nicht. Höchstens wäre es möglich mit ihm zusammen Tangomusik zu hören, oder ihn noch mal von Buenos Aires erzählen zu lassen, oder von der Art und Weise wie die asado „richtig“ gemacht wird. Über die Musik & die Worte & die Gebärde hinaus, wird es bestimmt möglich sein, gemeinsam eine Innenwelt zu betreten, wo die Betroffenheiten spürbar werden.

(Mit dank an Sophie Pannitschka)

23.07.2008

Ökomed in Köln. Meditieren im Querilla-Still

„Ökomed ist Meditieren im Guerilla-Still.“ So schreibt Sebastian Gronbach. Und: „Ökomed ist die öffentliche und kollektive Meditation.“ Und: „Ökomed erobert gemeinsam den öffentlichen Raum und transformiert ihn zu einem Tor der Innerlichkeit und Stille“. Und: „Ökomed demonstriert: Weltrevolution beginnt mit innerer Revolution“.

Der erste Ökomed-Event hat schon stattgefunden. Letzten Sonntag. Um 15.00 Uhr. In Köln. Am Dom. Direkt unter dem neuen Fenster von Richter. Über das Fenster habe ich am 23.09.07 geschrieben: „Die Abertausend kleinen farbigen Quadrate holen den großen Außenraum-da-draußen in den Innenraum des Doms hinein“. Und so etwas ist auch mit Ökomed der Fall – aber umgekehrt. Im großen Raum der Öffentlichkeit wird die Tür zur Innerlichkeit dargestellt.

Ich konnte in Köln leider nicht dabei sein. Letzten Sonntag war ich noch in Valencia. Dort war es richtig heiß – und wie es ist, wenn es so richtig heiß ist in Spanien: die Menschen auf den Strassen und Plätzen sehen aus wie träge Puppen. Sie schleppen sich mühsam durch die feuchte Wärme. Ihre Ziele scheinen irgendwie grundsätzlich unerreichbar zu sein.

Als ich abends in Köln eintraf, war der Event am Dom schon längst vorbei. Er war, wie man das so nennt: Geschichte geworden. In einer SMS schrieb Sebastian Gronbach: „Es war ein Event. Der Dom hat uns angenommen“.

Am gleichen Abend noch konnte ich mir auf http://oekomed.blogspot.com ein paar Bilder und ein kleines Video von Ökomed anschauen. Ich sah eine Handvoll Leute in Meditationsposition: still, schweigend, die Hände gefaltet, ohne Kommentar. Nein, wie Mönche sahen die Leute ganz und gar nicht aus, eher wie Arbeiter. (Das Logo von Ökomed wirkt so als ob es sagen möchte: Passt auf, Baustelle!) Was & warum & wie die Arbeiter meditieren, wird nicht klar. Deutlich aber wird, DASS sie meditieren. Und dass sie das Meditieren für wichtig halten.

Kollektiv meditieren? In der Öffentlichkeit? Wozu? Um die Menschen darauf aufmerksam zu machen, dass das Meditieren Sinn macht? Antwort: ja. Um den Weg in der Stille zu zeigen? Antwort: ja. Um die uneigentliche Trennung zwischen privat=innerlich und öffentlich=aüßerlich zu durchbrechen? Antwort: ja. Um darauf hinzuweisen, dass es auch in der inneren Welt eine Menge von Baustellen gibt, wo gearbeitet werden kann? Antwort: ja. Um letztendlich den Gott-in-uns zur Erscheinung zu bringen? Antwort: ja.

Aber da ist noch mehr. Sebastian Gronbach meint: „Der Dom hat uns angenommen“. Er macht sein Urteil über den Event also (auch) am Dom fest. Er traut dem Dom ein Urteil zu. Und er traut sich selber die Fähigkeit-des-Hörens zu: ihn erreicht das Urteil des Doms. Oder anders gesagt: der Dom und die Domplatte waren nicht nur „Bühne für eine Show“, sondern auch „Partner in einem Event“ – Partner, die ernst genommen werden wollen.

Was ist meditieren? Es scheint mir nur eine halbe Wahrheit zu sein, dass Meditieren heißt, innerlich an sich selber zu arbeiten. So lange diese halbe Wahrheit für die ganze Wahrheit gehalten wird, ist sie ganz unwahr. Meditieren heißt nämlich auch: in der Welt tätig zu sein. Meditieren heißt auch: kräftig eingreifen auf einer unsichtbaren Ebene (wurde mal die „geistige“ Ebene genannt) – eine Ebene, wo Gebäude & Straßen & Plätze & Ereignisse keine reinen Umstände mehr sind, wie Teppiche an der Wand, sondern lebendige Orte & Zeitpunkte, die uns brauchen.

Dieser Einsicht macht Ökomed revolutionair. Ich hoffe, dass bald ganz Europa von Ökomed spricht.

(Mit dank an Sophie Pannitschka)

18.07.2008

Was soll ich mit meinem Traum anfangen?

Ich habe geträumt. In dem Traum hatte ich ein riesengroßes Haus mitten in einer Stadt. Rund um das Haus verlief ein Garten. Die Außenseite des Hauses war in einer melancholischen dunkelrot-braunen Farbe gestrichen, die Innenseite war voller dämmriger Zimmer, Flure und Treppen. Und vor allem: das ganze Haus war angefüllt mit Büchern & Bildern & bedeutungsvollen Objekten.

Die Stadt hatte zwar die Stimmung von Amsterdam (für Kenner: die Gegend rund um den Vondelpark), war aber weit vom Meer entfernt; und die Landschaft um die Stadt herum ähnelte eher der Puszta, so wie ich sie in Ungarn kennen gelernt habe. Und ganz eigenartig: im Garten gab es rostige Bahngleise, die gerade an der Hintertür des Hauses endeten.

Zwei mir gut bekannte Menschen besuchten mich in meinem Traum. Der eine war ein richtiger Freund – er lebt im realen Leben tatsächlich in Amsterdam, ist älter als ich und ich habe ihn in früheren Jahren als eine Art spirituellen Begleiter verstanden. Der andere war ein guter Bekannter, lebt in der Nähe von Utrecht und beschäftigt sich mit Organisationsberatung. Für beide gilt, dass ich sie sehr respektiere. Es sind beides Menschen, denen ich richtig etwas abnehme.

Mein Freund sagte zu mir: „Jelle, du sollst dein Haus leer räumen. Bald kommt ein Güterzug – er wird all deine Sachen holen und in die Welt verstreuen. Du brauchst das alles nicht mehr." Und wie das in Träumen möglich ist: sofort war der Zug in meinem Garten da und all meine Sachen wurden in den Wagen gepackt.

Als das geschehen war, änderte sich das Haus. Es verwandelte sich auf einmal in meine heutige Wohnung in Köln. (Nebenbemerkung: direkt neben meinem Garten in Köln laufen die Bahngleise zwischen Köln-West und Köln-Süd.) Mein zweiter Besucher sagte zu mir: „Jelle, die Bücher & Bilder & Objekte in deiner Wohnung werden die Lebensbücher & Lebensbilder & Lebensobjekte der Menschen sein. Deine Wohnung wird sich allmählich in den Zeitstrom der Gegenwart verwandeln. Bücher & Bilder & Objekte von gestern wird es nicht mehr geben. Du sollst dich in deinem weiteren Leben nur noch mit konkreten Fragen von konkreten Menschen beschäftigen. Alles andere sollst du lassen."

Und wie das in Träumen möglich ist: sofort waren in den Zimmern auf einmal eine Menge Leute da, die ruhig & intensiv & froh & entschlossen mit einander sprachen. Ich hatte das Gefühl, dass meine Wohnung eine Art Treffpunkt geworden war. Und ich hatte das Gefühl, in mir unendlich viel Energie & Raum & Lust für das neue Unternehmen zu spüren. Und auch hatte ich das Gefühl, die benötigten Fähigkeiten & Erkenntnisse & Erfahrungen zu haben. Mir schien meine Rolle ganz einfach zu sein: ich sollte den Menschen helfen ihre Lebensfragen zu formulieren – die Antworten würden dann einfach kommen.

Als ich aufwachte, war ich begeistert. So sollte es in meinem Leben weiter gehen! Als ich dann wieder einschlief – es war sehr früh morgens – und zwei Stunden später nochmals aufwachte, hatte meine Stimmung sich geändert. Die Traumbilder waren noch immer da, standen aber außerhalb von mir – wie die Bilder in meinem ersten Haus. Und ich dachte: was soll ich mit dem Traum anfangen? Der Traum wird sich nicht von alleine verwirklichen.

Ja, was soll ich mit dem Traum anfangen? Auch jetzt, wenn ich drei Tage später diese Sätze schreibe, spüre ich, dass der Traum wichtig ist. Profan gesagt: es ist etwas dran. Es sind vor allem zwei Aspekte, die mich beschäftigen. Erstens der Satz: „Du sollst dich in deinem weiteren Leben nur noch mit konkreten Fragen von konkreten Menschen beschäftigen." Und zweitens: „Alles andere sollst du lassen."

Welche Fragen sind gemeint?

Und was soll ich alles lassen?

In seinem Buch Politik der Freundschaft schreibt Jacques Derrida, dass Freundschaft in der Sphäre-des-Vielleichts zu Hause ist. Mit „vielleicht" meint er „perhaps" – „via Fortune, via Schicksal" (Proto-germanisch "hap" = geschehenes Schicksal: „happening")... Oder auf holländisch so wunderschön: „misschien" (etwa: etwas mag möglicherweise irgendwann wie die Sonne scheinen)... Wer aber widmet sich der Sphäre-des-Vielleichts? Was heißt es zu denken, dass es „vielleicht" die Mühe wert ist, sich um die offenen Fragen-des-Vielleichts zu kümmern?

Und was soll ich lassen? Irgendwann sagte Krishnamurti sinngemäß: „Die wichtigste Frage ist nicht, was wir tun sollen, sondern was wir besser lassen sollen".

10.07.2008

Über das Gespür für Nähe und die Freundschaft

Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, stelle ich fest, dass ich seit dem Tod von Rogier (Blog 04.06.2008) ein Gespür für Nähe habe. Ich war damals neun Jahre alt. Den Begriff der Nähe kannte ich damals aber noch nicht – ich vermute, dass ich eine erste Vorstellung davon bekam, als ich siebzehnjährig versuchte, die Gedichte der englischen Romantiker Coleridge, Wordsworth, Shelley und Keats zu lesen und zu verstehen.

In diesen Gedichten wurde etwas thematisiert, was ich jetzt „Nähe zur Welt“ nennen würde. Bäume, Blumen, Landschaften, Städte, Scheunen, Brücken, Wolken und auch Menschen wurden so beschrieben, als ob es sich dabei nicht nur um objektive Gegenstände handelte, die sich irgendwie & irgendwann & irgendwo ausserhalb von uns befanden, sondern die Gegenstände erzeugten in den Dichtern offensichtlich eine „gespürte Innigkeit“, die sich über die Sprache in uns als Leser fortsetzte. Die eigentlichen Themen der Gedichte waren gerade diese Innigkeiten.

Percy Bysshe Shelley schrieb: „So now my summer task is ended, Mary,/ and I return to thee, mine own heart´s home; (…)”. Einen anderen Menschen ernsthaft als “das Haus meines Herzens” zu beschreiben (leider scheint es uns nach beinah zweihundert Jahren ein Klischee zu sein) kann nur als ein Versuch angesehen werden, auf eine gespürte Nähe hinzuweisen, auf Innigkeit also. Mehr als ein Hinweis ist es aber nicht; Shelley war durchaus klar, dass seine Beschreibungen unzulänglich und zugleich göttlich waren. In einem Gedicht an den älteren Samuel Taylor Coleridge spricht er von „the voice of inexplicable things“, das heißt: „die Stimme der Dinge, die unfassbar sind".

Ein Gespür für Nähe ist nicht in konkrete Worte transportierbar. Und wenn etwas unfassbar ist, reden wir nicht darüber. Und weil wir nicht darüber reden, machen wir keine „Kultur“ daraus. Anders gesagt: obwohl das Gespür für Nähe, oder gerade die Abwesenheit davon (man nennt das: Einsamkeit) in unserem Alltag durchaus eine große und eben entscheidende Rolle spielt, schauen wir nicht darauf. Wir meinen, dass man Nähe nicht verstehen & lernen & entwicklen & ermöglichen & kultivieren kann. Und vielleicht stimmt das auch zur Hälfte – Nähe ist bestimmt nicht zu steuern & zu organisieren & zu erzwingen. Einer der wichtigsten Aspekte einer Kultur des Herzens ist aber der Versuch, sich der Nähe bewusst anzunähern.

Auf mein Leben zurückblickend stelle ich auch fest, dass ich das Gespür für Nähe spontan damit in Verbindung gebracht habe, was ich erst später Freundschaft genannt habe. Das Gespür für Nähe und Freundschaft scheinen mir miteinander verschränkt zu sein. Lange habe ich gemeint, dass diese spontane Verknüpfung selbstverständlich ist – dass alle Menschen das Gespür für Nähe als einen wesentlichen Bestandteil einer Freundschaft sehen würden. Mittlerweile ist mir aber deutlich, dass das nicht der Fall ist.

Und noch viel mehr ist mir klar geworden: in wichtigen Texten über Freundschaft, von Aristoteles über Montaigne und Nietzsche bis Jacques Derrida, wird das Gespür für Nähe überhaupt nicht erwähnt. Das Phänomen des Gespürs für Nähe spielt in philosophischen Betrachtungen über die Freundschaft überhaupt keine Rolle. Mich interessiert zum Bespiel brennend die Frage, ob Aristoteles in seiner Beziehung zu Alexander dem Großen – ich denke schon, dass die beiden sich als Freunde verstanden – etwas wie Nähe gespürt hat; und auch: wie er als Philosoph die gespürte Nähe zwischen ihm und seinem jüngeren Freund begriffen und bewertet hat.

(Mit dank an Sophie Pannitschka)

05.07.2008

Mein Lehrer Pietersen tauchte nicht auf

Ich erinnere mich noch an meinen Lehrer Pietersen – einen großen Mann, der sich geschmeidig bewegte, immer in einem braunen Anzug vor der Klasse stand und offensichtlich problemlos von Gott, Afrika, Willem van Oranje, amerikanischen Soldaten und vor allem Grammatik sprach. Ich saß ganz hinten im Klassenraum und meine Aufmerksamkeit war ganz auf ihn gerichtet.

Ich war neun Jahre alt. Der Lehrer Pietersen stand da vorne und sprach. Er schien irgendwie auf den Inhalten, von denen er erzählte, zu treiben, wie ein Stück Holz auf sanft fließendem Wasser. Es waren die Inhalte, die ihn bewegten: er kam, so schien es mir, nie davon los, um zum Beispiel einen Blick auf mich zu werfen. Ich hatte das Gefühl, in seiner Welt nicht zu existieren. Seine Aufmerksamkeit betraf ganz und gar nicht mich, und ich meinte, dass er auch die anderen Kinder nicht wirklich wahrnahm. Ja, als ein Klassenkamerad zu laut war, nahm er das schon war. „Mattheus, bald ist Pause“, sagte er dann geschmeidig und ohne Ärger, „dann kannst du in aller Ruhe mit Hans reden“. Mattheus muss aber das Gefühl gehabt haben, dass nicht er gemeint war, sondern sein zu lautes Sprechen.

Der Lehrer Pietersen war unerreichbar. Seine Aufmerksamkeit und meine Aufmerksamkeit – oft läuft das ja über Blicke – haben einander nie gekreuzt, berührt, getroffen. Es gab nur ein einziges Mal eine Ausnahme – ein Ereignis, dass in meinem weiteren Leben eine nicht unbedeutende Rolle gespielt hat. Es betraf eine Situation, vor der ich damals wie heute eine richtige Angst hatte und habe. Die Tatsache, dass gerade in dieser Situation das Gespür der Nähe auf einmal da war, hat mich als Erwachsenen sehr beschäftigt.

Ich war ein braves Schulkind. Aus irgendeinem Grund – ich weiss nicht mehr, was geschehen war – hatte der Lehrer Pietersen mich aber einmal in ein kleines Zimmer ganz oben unter dem Dach des Schulgebäudes eingesperrt. Es wird etwa drei Uhr nachmittags gewesen sein. Er war sofort wieder runter gegangen und ich wartete. Weil die Schulzeit gewöhnlich um vier Uhr zu Ende war, meinte ich, dass ich noch etwa eine Stunde da oben zu bleiben hätte. Es wurde aber vier, es wurde fünf, es wurde halb sechs... Und mein Lehrer Pietersen tauchte nicht auf.

Ich war verzweifelt. Ins Leere hinein zu warten, kann ich noch immer nicht. Warten ist okay – aber nur dann, wenn ich weiss, wie lange ich ungefähr zu warten habe. Die Tatsache aber, dass ich nicht wusste ob der Lehrer mich einfach vergessen hatte oder mich bewußt warten ließ, gab mir richtig zu schaffen. Ich saß da im Dachzimmer auf einem Stuhl und hatte Angst. Vor mir gab es nur eine leere & unbestimmte & dunkle Zeit.

Um sechs kam er. Ich hörte ihn mit schnellen Schritten die Treppe hoch kommen. Er öffnete mit dem Schlüssel die Tür, kam auf mich zu, kniete vor mir nieder, nahm meine beiden Hände und schaute mir in die Augen. „Es tut mir leid“, sagte er, „ich habe dich komplett vergessen. Du Armer...“ Später stellte sich heraus, dass mein Vater ihn zu Hause mit der Frage angerufen hatte, wo ich denn blieb. (Denn ich war ja ein braves Kind, und immer pünklich um halb fünf wieder zu Hause.)

„Du Armer...“. In seiner Stimme, seinen Händen, seinen Augen war auf einmal eine Aufmerksamkeit zu spüren, die mich völlig umgab, vereinnahmte, trug und innerlich wieder auf die Beine stellte... Und ich war dankbar, eigentlich nur dankbar. Ich war dankbar, weil ich auf einmal in seiner Welt existierte und offensichtlich genau so wichtig war wie Willem van Oranje oder amerikanische Soldaten. Und obwohl in den nächsten Tagen nichts mehr von der Nähe zu merken war, ist sie lange als eine Aura geblieben.

Bis heute weiss ich noch, wie mein Lehrer Pietersen gerochen hat, als er vor mir kniete.

27.06.2008

Wer sind denn eigentlich meine besten Freunde?

Wie viele Freunde habe ich? Als ich diese Frage beantworten wollte, enstand in weniger als zehn Minuten eine Liste von etwa zwanzig Personen. Ich hätte die Liste noch länger machen können, war aber darüber in Zweifel geraten, welche Kriterien ich eigentlich einsetzte. Um eine Sicht auf die spontanen Kriterien zu kriegen, habe ich dann mit Hilfe dieser Liste versucht eine Art Reihenfolge aufzustellen. Die Frage verwandelte sich: wer sind meine besten Freunde?

An der Spitze der Liste stehen nun fünf Personen. Nummer sechs, sieben und acht würde ich „ganz gute“ Freunde nennen, aber nicht „beste“ Freunde. An dieser Stelle scheint es also einen Unterschied zu geben. Irgendwie scheint es Freunde zu geben, die ich klar als meine „besten“ Freunde verstehe, und abgesehen davon „ganz gute“ Freunde, die aus irgendeinem Grund doch ein bisschen „weniger“ Freunde sind. Wenn ich in dieser Art und Weise weiter auf die Liste schaue, tauchen auch noch „gute“ Freunde und „ganz gute Bekannte“ auf. Alles was über zwanzig Menschen hinausgeht, würde ich einfach „gute Bekannte“ oder eben „Bekannte“ nennen. (Übrigens: meine Lebensgefährtin habe ich spontan nicht aufgelistet. Eine Frage für sich: Was ist der Unterschied zwischen Freunden und Geliebten?)

Heute möchte ich versuchen folgende Frage zu beantworten: haben die Beziehungen zu den fünf „besten“ Freunden etwas gemeinsam? Gibt es Gemeinsamkeiten?

Erst einmal stelle ich fest, dass es um drei Männer und zwei Frauen geht. Die Männer sind alle ungefähr so alt wie ich, zwischen fünfzig und sechzig. Die beide Frauen hingegen sind um einiges jünger bzw. älter. Die berufliche Tätigkeiten diese fünf Menschen liegen weit auseinander. Alle fünf haben Kinder, drei leben innerhalb einer Familie, zwei leben getrennt.

Alle fünf Freunde kenne ich schon länger. An dieser Stelle fällt mir eine signifikante gemeinsame Gegebenheit ein, die Tatsache nämlich, dass die Begegnung mit allen fünf Freunden direkt oder indirekt mit einem Buch von Bernard Lievegoed[i], das ich 1993 veröffentlicht habe, zu tun hat. (Einen der Freunde kannte ich schon vorher als „guten“ Bekannten – im Rahmen gemeinsamer Aktivitäten, die mit dem Buch von Lievegoed zusammenhängen, ist er dann später ein „bester“ Freund geworden.) Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass das Buch und meine Beziehung als Herausgeber dazu, eine Wende in mein Leben gebracht haben. Die fünf Freunde haben mit dieser Wende zu tun, ja gingen gleichsam aus ihr hervor.

Es gibt aber natürlich auch noch viel mehr Leute, die ich über das Buch von Lievegoed kennengelernt habe. (Und natürlich auch viele, die gar nichts mit dem Buch zu tun haben.) Was macht also diese fünf Freundschaften aus, was bringt mich dazu zu sagen, dass sie meine besten Freunden, meine wichtigsten Freundschaften sind?

Heute meine ich drei Aspekte zu erkennen. Der erste ist, dass sie mich sehen & verstehen & unterstützen als jemanden mit einer Aufgabe, die zwar mit dem Buch von Lievegoed zusammenhängt, gleichzeitig aber eigenständig mit meiner eigenen Biographie verbunden ist. Eigentlich müsste ich sagen, dass diese fünf das in gewisser Hinsicht besser verstehen oder verstanden haben als ich selbst. Sie haben mich mir und anderen gegenüber energisch & positiv & erwartungsvoll „vertreten“. Ich würde sagen, dass ich aus diesen fünf Freunden hervorgegangen bin. Sie wollten und wollen, dass ich wurde und werde, was ich in ihren Augen schon war und bin. Uneingeschränkt wollten und wollen sie das Gute für mich.

Und umgekehrt war und ist genau das Gleiche der Fall. So unterschiedlich die fünf Freunde sind, in mir rufen sie alle eine Art Sehnsucht hoch: ich möchte & wünsche mir & will, dass sie blühen. Und ich verstehe diesbezüglich meine eigene Person als Partner und meine Biographie & Fähigkeiten & Möglichkeiten als Dünger. Oder vielleicht ganz anders und besser gesagt: die Sehnsucht danach, meine Freunde erblühen zu sehen, erzeugt in mir die Kraft & die Bereitschaft & die Kreativität mitzutanzen.

Ein zweiter Aspekt hat damit zu tun, was wir Vertrauen nennen. Ich glaube, ich kann gar nichts dazu sagen, warum zwischen mir und gerade diesen fünf Menschen ein uneingeschränktes Vertrauen herrscht. (Um ehrlich zu sein: ich wüsste nicht einmal, was Vertrauen eigentlich ist. Liebe?) Aber klar ist, dass wir gegenseitig bereit sind (oder den Wunsch haben, oder die Entscheidung getroffen haben), alle lichten und dunklen Aspekte des Lebens im Lichte der Sehnsucht-nach-dem-Erblühen zu sehen. Ohne Vertrauen geht das nicht.

Und ein dritter Aspekt ist, dass diese Freundschaften auch lebendig existieren, wenn wir einander länger nicht sehen oder sprechen. Eigentlich ist die Freundschaft gar nicht davon abhängig, ob wir einander öfters treffen oder nicht. Denn die fünf Freunde sprechen & klingen & agieren in mir. Ich kann mit ihnen innerlich „reden“, und das über alle Themen, die in meinem Leben anstehen. Und ich mache das auch.

Interessant ist dabei übrigens, dass in dieser Hinsicht jede freundschaftliche Verbindung eine Welt für sich darstellt. Freund A redet auf seine Art und Weise über ganz bestimmte Aspekte des Lebens mit mir, während Freund B das auf eine andere Art und Weise und über andere Aspekte des Lebens tut. Jede Freundschaft hat eine bestimmte Signatur, jeder Freund hat seinen eigenen Blick und seine eigene Landschaft.



[i] Bernard Lievegoed: Über die Rettung der Seele. Verlag Urachhaus, Stuttgart, 1994.

18.06.2008

Verdattert & verdutzt & baff & von den Socken. Übers Klauen. Und mein Fahrrad

Ich bin Holländer, und das heißt, dass ich etwas von Fahrrädern verstehe. Ein Fahrrad ist nicht nur ein billiges Transportmittel, sondern weit darüber hinaus auch ein Übungsinstrument für die Seele. Auf dem Fahrrad balanciert man zwischen Himmel und Erde. Und: gerade dadurch, dass man sich mit einer gewissen Leichtigkeit fortbewegt und ständig ein bisschen nach links und sofort auch wieder ein bisschen nach rechts schwenkt, bleibt man in der Mitte. Anders gesagt: dadurch, dass man andauernd ein kleines bisschen zur falschen Seite kippt, ist man grundsätzlich in der richtigen Spur.

So far, so good.
Letzte Woche ist mir etwas passiert, wovon ich unbedingt erzählen will. Ich war mit Freunden in einer Kneipe in Köln. In einer anderen Kneipe, mit dem Fahrrad nicht mehr als fünf Minuten entfernt, saßen ein paar andere Freunde. Die beiden Grüppchen hatten – zusammen mit noch einer Menge anderer Leute – den ganzen Tag gemeinsam gearbeitet. Thema: Erziehung. Und jetzt war Feierabend. Ich wollte in der ersten Kneipe kurz mit meinen dortigen Freunden sprechen und dann mit meinem Fahrrad zur zweiten Kneipe fahren, um dort den Abend fortzusetzen. Mein Fahrrad stand draußen, allerdings nicht verschlossen, weil meine Freundin das Schloss mitgenommen hatte.

Als ich zur zweiten Kneipe fahren wollte, war mein Fahrrad verschwunden. Geklaut, entwendet, einfach weg. (Das ist in Köln ganz normal.) Es ist ganz komisch: wenn man irgendwo sein Fahrrad erwartet, und es nicht da ist, wirkt die Stelle auf einmal sehr-sehr-sehr leer. Ich sollte schreiben: LEER. Ich schimpfte ein bisschen vor mich hin. Und war schon so ein bisschen verärgert. Und ich dachte: na ja, Jelle, du hast dein Fahrrad nicht abgeschlossen, eigene Schuld also. Und ich dachte auch: jetzt sollst du also ohne dein Übungsinstrument zu Fuß weiter gehen, ohne andauernd ein bisschen nach links und nach rechts schwenken zu können. (Ich finde das als Holländer nämlich sehr angenehm.) Und ich sagte mir: Du wirst auch zu Fuß den richtigen Weg finden.

In der zweiten Kneipe warteten meine Freunde schon auf mich. Ich setzte mich neben meine Freundin und sagte: „Mein Fahrrad ist geklaut worden. Scheiße!“ Und meine Freundin sagte sofort: „Schon wieder? Scheiße!“ Ich meckerte eine Weile, beschimpfte den unbekannten Dieb und meinte, dass das Leben in Köln nun einmal nicht ohne Risiken wäre. Dann aber sagte einer meiner Freunde am Tisch: „Jelle, war das rechte Bremsseil deines Fahrrads kaputt?“ Ich verstand gar nicht, worum er das fragte, sagte aber: „Ja, das stimmt, das Bremsseil war aus der Halterung gesprungen.“ Und dann sagte mein Freund: „Dann brauchst du dir keine Sorgen zu machen!“

Ich brauchte mir keine Sorgen zu machen? Ich verstand überhaupt nicht was er meinte. Ein zweiter Freund aber stand sofort auf und ging raus. Der erste Freund, der so rätselhaft von dem rechten Bremsseil gesprochen hatte, nickte mir zu und sagte leise: „Jelle, geh raus und rede mal mit Wolfgang“. (Den Namen habe ich geändert.) Ich verstand aber noch immer gar nichts & wollte nicht raus & sowieso nicht mit Wolfgang über das rechte Bremsseil reden. Ich blieb also wo ich war.

Als deutlich wurde, dass ich bestimmt nicht raus gehen würde, wiederholte mein Freund: „Du brauchst dir keine Sorgen zu machen.“ Verdattert sagte ich: „Wieso nicht?“ „Nun ja“, sagte er mit einem Grinsen-zwischen-Freude-und-Angst, „weil wir gerade ein Fahrrad mitgenommen haben, das wir nicht weit von hier bei einer Kneipe ohne Schloss vorfanden und...“ Er schwieg und ich beendete den Satz: „...dessen rechtes Bremsseil kaputt war.“ Er nickte und grinste. „Vermutlich haben wir dein Fahrrad mitgenommen“, sagte er noch verlegen. „Es steht hier direkt um die Ecke.“

„Mitgenommen?“ sagte ich, „mitgenommen? Ich würde sagen: ihr habt mein Fahrrad geklaut. Nicht mitgenommen. Geklaut. Gestohlen. So nennt man das.“ „Nun ja“, sagte er beruhigend, „du hattest dein Fahrrad nicht abgeschlossen“. Und ich: „Das heißt aber nicht, dass mein Fahrrad auf einmal euch gehört. Auch ohne Schloss gehört mein Fahrrad mir.“ Und er wieder hoffnungsvoll grinsend: „Sei doch froh, dass du dein Fahrrad wieder zurück hast.“ Und dann auch noch: „Sei froh, dass wir es dir so ehrlich erzählen. Wir hätten auch schweigen können – du hättest es nicht gemerkt!“ Der letzte Satz war ein Hammer für mich.

Mittlerweile hatten die anderen Freunde am Tisch mitgekriegt was los war. Das Geschehen wurde gnadenlos heiter & beglückt & begeistert aufgenommen. Alle waren sich einig, dass etwas ganz Wunderbares & Interessantes & Einzigartiges geschehen war. Und meine Freundin sagte mir: „Jelle, das ist doch ein richtiges Ereignis!“ Ich aber war verdattert & verdutzt & bestürzt & verblüfft & perplex & platt & von den Socken & sprachlos & baff & wie begossen & konsterniert & durch den Wind & und so weiter und so fort. (Wunderbar, all diese deutschen Wörter, die ich so unheimlich mag.)

Und ich dachte. Ich fing richtig an zu denken. Nachzudenken. Ich dachte so viel, dass ich das alles nicht sofort einordnen konnte. (Und genau das heißt es ja, verdattert & verdutzt & baff zu sein.) Der Grund lag in dem Folgenden: Es war nicht das erste Mal, dass mir mein Fahrrad gestohlen wurde. In Amsterdam habe ich das bestimmt zehn Mal erleben müssen – und in Köln auch schon ein paar Mal. Ein Fahrrad zu haben und beklaut zu werden, gehört irgendwie zusammen. In all den vorangegangenen Fällen war der Dieb aber anonym geblieben und mit meinem Fahrrad in das Schattenreich seines Lebens verschwunden.

Aber heute saß der Dieb auf einmal vor mir. Und er grinste. Und was noch viel krasser war, er ist ein Bekannter von mir. Und dann noch: er versuchte mich zu beruhigen. Und noch heftiger: er verteidigte sich. Und er sagte genau das, was ich mir selber gesagt hatte: es ist deine eigene Schuld. Und er grinste wieder und immer weiter. Und er rühmte sich, wegen seiner Ehrlichkeit. Und meinte sogar mit dem Mut eines Verzweifelten: du hast ein paar gute Gründe froh zu sein. Und er hatte offensichtlich Recht, weil ich nicht nur verblüfft & platt & von den Socken war, sondern irgendwie auch froh & heiter & glücklich. Und heute, fast eine Woche später, denke ich: es war ein richtiges Ereignis. Gut, dass es Diebe & Fahrräder & all diese wunderbare deutschen Wörter gibt. Und, gut dass es Freunde gibt.

Mit Dank an Sophie Pannitschka

11.06.2008

Über die intensive Beziehung zwischen mir und meinen Feinden

(Über Kommentare freue ich mich sehr. Ich verstehe meine Blogsite als eine Werkstatt mit offener Tür – und es macht richtig Spaß, wenn Leute da hereinkommen, einfach zuschauen oder sogar mitmachen.) In einem der Kommentare schreibt ANONYM: „In welchem Verhältnis stehen Freundschaft und Feindschaft zueinander?“

Ich kenne zwei Arten von Feinden. Der erste Feind ist von Anfang an ein Feind. Sobald er oder sie in mein Leben tritt, sehe & erkenne & fürchte ich ihn oder sie als Feind oder Feindin. Aus irgendeinem Grund ist mir sofort klar, dass dieser Feind mir im Weg steht. Ich spüre, dass er nicht will, dass ich so bin, wie ich bin – er will eigentlich überhaupt nicht, dass ich existiere. Und umgekehrt genauso: ich will nicht, dass er existiert. Ich könnte sagen, dass dieser Feind mir von Anfang an „unsympathisch“ ist – in Wirklichkeit geht meine Abwehr aber noch darüber hinaus. Eigentlich wünsche ich mir, dass er einfach irgendwie „verschwindet“. Ohne ihn scheint mir die Welt besser zu sein.

Der zweite Feind war einmal ein Freund. Es gab einmal eine Nähe zwischen mir und ihm, ein Vertrauen, ein gemeinsames & offenes & faires & warmes hin-und-her-bewegen, also eine lebendige Beziehung. Dann aber geschah „etwas“ und auf einmal ist ein Bruch entstanden. Die Beziehung ist um-ge-kippt und hat sich in sein Gegenteil verwandelt. So ein Bruch hat immer mit Vertrauen zu tun; aus irgendeinem Grund ist die Sphäre der Intimität zerstört worden.

Weil für mich sowieso noch eine Frage ist, wann man von „Freundschaft“ sprechen kann (ja, wieviele Freunde habe ich eigentlich? Aristoteles meinte, dass es nicht zu viele sein sollten!), benutze ich das Wort in diesem Text un-eigentlich; das heißt, ich schreibe von „Freundschaft“ ohne genau zu wissen, was sie beinhaltet. Und das gilt genauso für das Wort „Feindschaft“. Spontan und naiv sage ich heute: Feinde sind Leute, die aktiv verhindern wollen, dass ich mich glücklich entfalte. Freunde jedoch wollen einen Beitrag daran leisten, dass ich glücklich werde - Feinde wollen gerade das Gegenteil.

Ein Ding scheint mir sicher zu sein: Genau wie meine Freunde, gehören meine Feinde zu mir. Damit meine ich, dass mich beide bis in meinen innersten Kern „mit-gestalten“. Feinde werfen ein Licht auf meine Person, auf dieses ungreifbare & wunderbare & erbärmliche Gefüge, dass eine spannungsvolle und immer verwirrende Mischung ist zwischen dem, was ich bin und dem, was ich meine zu sein. Meine Feinde unterscheiden zwischen Schein und Wesen in mir, und werfen vor allem ein Licht auf das Scheinbare. Der Blick meiner Feinde erzeugt die Vermutung, dass in mir gar nichts Wesentliches vorhanden ist.

Aus diesem Grund rede ich innerlich ständig mit meinen Feinden. Auch wenn ich äußerlich nicht einmal einen Kaffee mit so jemandem trinke, bin ich in der Sphäre, in der ich scheinbar alleine mit mir bin, intensiv mit meinen Feinden beschäftigt. Und die Gespräche die ich mit ihnen führe, sind aufschlussreich. Ich meine, dass es in diesen inneren Dialogen letztendlich immer um die Frage geht (mit Bob Dylan): „What good am I?“

Ich verteidige mich. Ich greife an. Ich entkräfte Argumente. Ich beharre immer wieder darauf: nein lieber Feind, so ist es nicht gelaufen – es ist SO gelaufen. Ich konstruiere & rekonstruiere & dekonstruiere die Geschichte. Und ich sage: du verstehst mich nicht. Und vor allem: ich hingegen verstehe dich durch und durch... Und manchmal sage ich sogar: ich verstehe dich nicht, weil man dich nicht verstehen KANN – du bist ja völlig und völlig daneben. (Neben was eigentlich?) Und dann schweige ich. Ich sage gar nichts mehr. Ich erkläre meinen Feind für tot & irrelevant & erbärmlich. Und ich sage meinem Freund: weißt du, mein Feind tut mir richtig leid...

Zwischen mir und meinem Feind gibt es also eine intensive Beziehung. In dem Film Novecento - 1900 zeigt Bertolucci wie man in der Freundschaft und in der Feindschaft gleichermaßen miteinander verschränkt ist. Am Ende des Filmes stehen die zwei alten Freunde/Feinde Robert de Niro und Gerard Depardieu auf einem Landweg einander gegenüber und schwingen ihre Stöcke. Das unvergessliche Bild zeigt, dass die beiden zueinander gehören und auseinander hervor gegangen sind.

What good am I? Oder auch: wie schlecht bin ich? Oder auch: sprechen meine Feinde die Wahrheit über mich? Für heute meine ich: ja und nein. Ich sage heute: man muss in seinem Leben Entscheidungen treffen – ein Leben ohne Entscheidungen ist keine Biographie. Und ohne Entscheidungen hat man keine Feinde, leider aber auch keine Freunde. So groß & bedeutungsvoll & strahlend & bestürzend Entscheidungen sein können, sie sind aber immer per definitionem beschränkt. Die Verantwortung für seine Entscheidungen zu nehmen, heißt ja auch, aufzuhören sich gekränkt über die Tatsache zu wundern, dass man Feinde hat.

04.06.2008

Mein erster Freund war ein Verstorbener. Über Rogier

Ein erstes Gespür für Nähe zwischen mir und jemand anderem entstand in mir, als plötzlich mein Schulkamerad Rogier starb. Er war mit seinem Fahrrad mitten auf einer Kreuzung stehen geblieben und ein Lastwagen konnte nicht mehr ausweichen. Auf der Beerdigung sagte der Pfarrer: „Jetzt ist Rogier bei Gott“. Der Begriff Gott war mir wohl vertraut – Gott war da ganz oben im Himmel; und bei ihm waren die verstorbenen Menschen, die in Übereinstimmung mit seinem Wollen gelebt hatten.

Zwischen mir und Rogier war die Welt immer in Ordnung gewesen. Er war klein, hatte große blaue Augen, sagte wenig und wollte immer spielen. Obwohl wir nicht in die gleiche Klasse gingen, trafen wir uns immer wieder auf dem Spielplatz der Schule um einander Tennisbälle zuzuwerfen. Ich meine mich zu erinnern, dass Rogier die Bälle immer so warf, dass ich sie leicht fangen konnte. Und weil Bälle fangen nicht so direkt meine Spezialität war, habe ich mich über das erfolgreiche Spiel immer gefreut.

Viel zu besprechen hatten wir nicht. Ich glaube, dass wir beide schweigsame und träumerische Kinder waren, die bis dahin die entscheidende Bedeutung von Auseinandersetzung, Kampf und Reibung noch gar nicht verstanden hatten. Die Welt war für uns beide in Ordnung, wenn wir es schafften, ungestört Bälle zu werfen und zu fangen. Wir brauchten nachher nicht einmal zu sagen: „Morgen wieder?“ Wir wussten einfach, dass wir es morgen wieder machen würden, wenn das Leben es uns ermöglichte.

Und dann war Rogier auf einmal nicht mehr da. Er war bei Gott. Dass er nicht mehr da und bei Gott war, hieß aber nicht, dass er nicht mehr da war. Er hatte auf dem Spielplatz eine leere Stelle hinterlassen, ein Vakuum, das seine Existenz deutlich bemerken ließ. In den ersten Wochen nach seinem Tod schien es mir so zu sein, dass Rogier fast noch nachdrücklicher anwesend war als vorher. Hätte ich damals die richtigen Worte gehabt, hätte ich gesagt: „Gerade weil er nicht da ist, spüre ich seine Nähe“.

Und in dieser Nähe geschah etwas. Rogier wurde in meine träumerische Innenwelt aufgenommen. Monate lang erschien er als Akteur auf meiner inneren Bühne, sprach entschieden von diesem und jenem, erlebte Abenteuer mit mir, machte Reisen mit mir. Er war immer dabei, wenn ich den langen Fußweg von der Schule nach Hause ging, an den Teichen entlang, wo ältere Herren saßen, rauchten und angelten. Ja, diese Herren: ich hatte mit keinem von ihnen je ein Wort gesprochen, meinte aber genau zu wissen, dass sie alle etwas Großes und Unbekanntes vorhatten. Und dankbar wusste ich, dass es ein Privileg war, die Herren beobachten zu dürfen. Was sie genau vorhatten? Ich hätte es nicht sagen können.

Und ich teilte mit Rogier all meine Geheimnisse, wovon es damals eine ganze Menge gab. Er wusste von meiner fast unerträglichen Faszination für die wunderbare und unberührbare Nase von meiner Klassenkameradin Klara, von den tödlich charmanten Sommersprossen von Tilly, von meiner höllischen Angst vor dem Zahnarzt, ja, von der Tatsache, dass ich gerade meinen Onkel Herman sehr mochte, obwohl er in unserer Familie aus irgendeinem Grund glatt als daneben galt.

Um Tennisbälle ging es ganz und gar nicht mehr.

Rogier war bei mir angekommen. Oder anders gesagt: er war in meine geheime Welt avanciert. Er war, so könnte ich jetzt sagen, ein richtiger Freund geworden.

Mit dank an Sophie Pannitschka

28.05.2008

Das Kinderhaus. Ein Ereignis im Sandkasten

Der Sandkasten hat fünf Ecken. Im Sand sitzen Sophie und Lucia. Sie spielen. Von der Terrasse, etwa sieben Meter vom Sandkasten entfernt, schaue ich den beiden zu. Ich habe keine Ahnung davon, wohin das Spiel die beiden Mädchen führt. Ich kann aber feststellen, dass die Stimmung heiter & fröhlich & intensiv ist. Obwohl die beiden auf ihrem Po sitzen, scheint es mir, als ob sie tanzen. Denn die Hände und Worte flattern wie Vögel hin und her.

Direkt neben dem Sandkasten steht Malte mit einem Fahrrad. Irgendetwas scheint ihn zu beschäftigen. Mir ist nicht klar, ob er gerade kurz und völlig in sein eigenes Spiel wegträumt, oder ob er Zugang zu der gewichtigen Leichtigkeit der beide Prinzessinnen – denn das sind Sophie und Lucia ja im Grunde genommen rund um die Uhr – gefunden hat. Er steht ganz unbeweglich da, wie ein Mittelpunkt der in sich selber versunken ist.

Dann erscheint Johann. Er ist ein paar Jahre älter. Er schaut kurz auf das Ganze, wartet keinen Moment zu lang und springt in den Sandkasten. Er denkt offensichtlich, dass es im Sand eine klare und dringende Aufgabe gäbe. Er fängt damit an, mit seinen Händen Sand um sich herum zu sammeln und aufzutürmen. Die beiden Mädchen gucken jetzt still & aufmerksam & unsicher auf die Taten von Johann.

Ich sitze auf der Terrasse und warte. Auf was? Ich habe keine Ahnung. Irgendetwas hängt in der Luft. Malte bleibt weiterhin einfach stehen und träumt, Lucia und Sophie schauen auf die großen Taten von Johann, und Johann macht kräftig weiter. Um sich herum hat er mittlerweile einen Wall aus Sand aufgetürmt. Er sitzt da so ein bisschen wie ein um sich herum greifender Buddha, mit einem Fettrand von Sand rund um seine Taille.

Plötzlich sehe ich Thomas rechts von mir. Er ist noch ein paar Jahre älter. Auch er scheint die Szene im Blick zu haben. Wartet er auf etwas? Kann sein. Ich habe das Gefühl, dass es ein Warten ohne eine konkrete Erwartung ist. Spürt er genau wie ich, dass etwas im Kommen ist, ohne zu wissen, worum es genau geht? Oder wartet er einfach auf...

Boris!!!

Also, Boris erscheint. Boris ist groß & rund & vierzehn & lächelt gerne & macht Witze & bringt die Welt gerne in Schwung & beherrscht die soziale Mitte wie ein Meister. Irgendwie richtet Gott immer wieder sein Spotlight auf ihn. Boris sieht Johann im Sandkasten direkt & dazu die Möglichkeit etwas Lustiges zu machen. Und sofort verstehen wir alle worauf wir gewartet haben. Ich stehe auf, gehe zum Sandkasten und setzte mich auf eine Ecke.

Boris nimmt einen Plastikeimer, füllt ihn mit Sand und gießt den Inhalt von oben in das Shirt von Johann. „Du sollst dein Shirt unten zu halten“, beauftragt er Johann. Nach fünf Eimern ist Johann tatsächlich zu dem Buddha geworden, den wir vorher nur erahnt haben. Malte sagt: „Johann, du bist ja fett!“ Und Lucia: „Du bist ja schwanger!“ Und ich denke: Boris hat den Buddha nicht nur als Möglichkeit gesehen, sondern auch tatsächlich hervorgerufen.

Das Spiel dauert eine Weile. Heiterkeit & Leichtigkeit & fröhliche Prinzessinnen machen die Welt aus. Ich mache ganz & gar nichts, bin aber innerlich voll dabei und genieße die Buddha-Gestaltung. Einmal Buddha, zweimal Buddha, dreimal Buddha – immer wieder einen neuen Buddha, noch dicker, noch gewichtiger, noch lustiger. Und jedes Mal steht Johann plötzlich auf, lässt den Sand aus seinem Shirt hinausströmen und lässt den Buddha so verpuffen.

Buddha da, Buddha weg.

Drei kleine Kinder, ein größeres Kind, zwei Jugendliche und ein Erwachsener sind in das Spiel eingebunden. Wir sind an einem Ereignis beteiligt. Und plötzlich nimmt das Spiel auf einmal eine Wendung, erfährt eine Steigerung – es wird ernst. Wie das genau geschehen ist, kann ich nicht erzählen. Es geschah einfach.

Thomas und Boris haben auf einmal Spaten in der Hand, womit sie in der Mitte des Sandkastens einen hohen Sandberg auftürmen, so hoch, dass ich meine, dass es ja höher gar nicht mehr gehen kann. Das Höchste wird gesucht & verfolgt. Boris schuftet und schuftet – ironische Bemerkungen macht er gar nicht mehr. Es ist, als ob der Showmaster auf einmal zurückgetreten ist und Platz für einen Baumeister gemacht hat. „Wir bauen eine Burg!“ sagt er.

Und Thomas? Er kümmert sich um die Schönheit & Richtigkeit der Burg. Als der Berg wirklich nicht mehr höher aufgetürmt werden kann, legt er seine Hände auf den Sand und macht ihn glatt. Er sorgt dafür, dass die Rundungen elegant & gleichmäßig verlaufen. „Das muss man von oben nach unten machen“, sagt er professionell – und uns allen leuchtet ein, dass er, genau so wie Boris, ein Baumeister ist. Wo Boris aber etwas von Masse versteht, beschäftigt sich Thomas mit Feinheiten.

Rund um den Sandkasten stehen Malte (sein Fahrrad ist mittlerweile verschwunden, ja, wann und wohin?), Johann (seine Haare sind noch voll Sand), Sophie, Lucia und ich. Irgendwann ist aber auch Melina aufgetaucht – ich nehme an, dass sie, wie immer, irgendwo im Garten alleine mit etwas unterwegs war, und dann gemerkt hat, dass im Sandkasten ein Ereignis im Kommen war, das man nicht verpassen sollte... Sie steht auf dem Rand des Sandkastens und lehnt sich gegen meinen Bauch. Sie sagt nichts.

Und ich denke: heute Nachmittag, kurz nach fünf, ist die Welt komplett & komplett in Ordnung. Boris schuftet, Johann liebkost den Sand, Malte staunt, Sophie schaut nachdenklich auf das Geschehen und bewegt ihre Lippen, als ob sie jemandem – ja, wem? – auf der Stelle wie eine Reporterin davon erzählt, Licia berät die beiden Jugendlichen mit hilfreichen Vorschlägen und Melina lässt mich merken, dass sie meinen Bauch gar nicht merkt.

Und ich? Ich denke: als Erzieher brauche ich nichts zu tun. Ich brauche nur für mich dabei zu sein.

23.05.2008

Das kleine Kind. Über das Selbst und Schicksalsflechtwerken

Wie können Tagesstätten-für-Kinder-unter-drei zu Orten einer Kultur des Herzens werden? In meinem letzen Blogbeitrag über das kleine Kind habe ich versucht, etwas über die physischen Räumlichkeiten einer Kindertagesstätte zu sagen (siehe 9.5.2008). Heute möchte ich versuchen, den sozialen Raum zu beleuchten.

Das kleine Kind ist eingebettet in eine soziale und familiäre Umgebung. Es gibt eine Mutter, einen Vater (oder nicht), Geschwister, die Großeltern, Onkel, Tanten und Cousinen – die Blutsverwandten also; und es gibt Paten, Bekannte, Freunde und Nachbarn – die sozialen Verwandten.

Oft wird eine Kindertagesstätte als Ersatz für die Familie gehalten. Mit dieser Vorstellung wird das Kind „abgegeben“, was impliziert, dass das Kind eigentlich zu Hause bleiben sollte; weil die Mutter aber arbeiten möchte, werden professionelle Tagesmütter und Erzieherinnen gesucht und bezahlt um das Kind zu betreuen. Diese Art und Weise über Kindertagesstätten zu denken, bleibt meistens unbewusst. Sie kreiert aber spontan eine Kluft zwischen der unmittelbaren Lebensumgebung des Kindes und dem Ort wo es „betreut“ wird.

Und weil der Staat sich in Bezug auf die Einrichtung von Kindertagesstätten stark einbringt und einmischt, entstehen im Sinne von Michel Foucault gesellschaftliche Institutionen, die nicht nur auf die Bedürfnisse der Kinder schauen, sondern auch die Ordnung der Gesellschaft bewahren. Kindertagesstätten stehen damit zwangsläufig in der massiven europäischen Tradition von Schulen, Kliniken und Gefängnissen. Das hierarchische Überwachungssystem dieser Tradition wird unbewusst übernommen.

Die Erziehung & Begleitung & Betreuung von Kindern ist aber prinzipiell eine private Angelegenheit. Die Eltern und nur die Eltern haben an dieser Stelle das Sagen. Ich meine, das dieses Sagen durch alle Beteiligten – Staat, Eltern, Verwandte, Bekannte – nicht ernst ergriffen wird. Gerade die Debatte über das kleine Kind macht deutlich, das etwas grundsätzlich aus dem Ruder gelaufen ist. Sobald die Eltern meinen, dass ihr Kind tagsüber nicht mehr zu Hause bleiben soll, tritt der Staat kräftig in Erscheinung, so wie das vorher schon mit Schulen und Kindergärten der Fall war. Das professionelle und institutionelle System wird automatisch nach vorne geschoben, bis an die Schwelle der Geburt.

Die Schwelle der Geburt ist aber eine richtige Bewusstseinswand. Je näher man rückwärts an die Geburt heran kommt, umso schwieriger es wird, das System der Steuerung & Rationalisierung aufrecht zu erhalten. In dem kleinen Kind wirkt das reine, noch nicht subjektivierte Selbst – das heißt, dass kleine Kind ist un(an)greifbar. In unserer Gesellschaft fällt der Unterschied zwischen Subjekt und Selbst haargenau mit dem Unterschied zwischen öffentlich und privat zusammen. Für die öffentliche Gesellschaft gibt es kein Selbst, weil so etwas rechtlich nicht zu definieren ist; wenn es um das Selbst geht, ist der Staat per definitionem ungeschickt.

Wenn man sich der Schwelle der Geburt annähert – und ich meine, dass gerade das zur Zeit in der Gesellschaft geschieht – hört man entweder auf zu denken, oder man steigert sein Denken ins Spirituelle. Die Frage, die an der Schwelle der Geburt gilt, lautet: wie wird man dem Selbst des Kindes gerecht? Oder in der Sprache des Alltags: wie kann man das kleine Kind in seiner Offenheit & Unvorsehbarkeit & absolutistischen Lernfähigkeit einerseits schützen, und anderseits aber Freiräume entstehen lassen?

Mir scheint ein wichtiger Schritt in dieser Richtung zu sein, dass die Kindertagesstätten gerade nicht als Ersatz verstanden werden. Die Kindertagesstätten für Kinder unter drei könnten als Dynamisierung & Erweiterung der menschlichen Nähe aufgefasst werden. Ich meine, dass mit dieser Sichtweise zwei Aspekte verbunden sind.

Erstens: Das Schicksalsflechtwerk um das kleine Kind herum wird aktiviert & dynamisiert. Das heißt, dass die Eltern & Nachbarn & Freunde & Großeltern & Onkel & Tanten sich kräftig ehrenamtlich einbringen. Der kranke Onkel zum Beispiel, der gerne im Garten arbeitet, kommt zweimal in der Woche und legt Pflanzenbeete an. Und die arbeitslose Tante kocht Nudeln, macht einen Spaziergang mit den Kindern oder malt in der Ecke ein Bild.

Zweitens: Neben der (so genannten) pädagogischen Arbeit haben die professionellen Mitarbeiter (Erzieher, Pädagogen, Tagesmütter) eine soziale Aufgabe. Sie schauen auf das ganze Schicksalsflechtwerk der Kinder, laden beteiligte Menschen ein aktiv zu werden, organisieren und koordinieren Aktivitäten, planen und leiten Treffen, pflegen Beziehungen, und so weiter. Die Profis küssen die Prinzen und Prinzessinnen wach.

Es wäre eine Illusion zu denken, dass diese Vorgehensweise leichter (und billiger) wäre als die übliche systemorientierte. Das ist klar nicht der Fall. Die Eltern die sich auf diese Art und Weise als freie „Bürger“ zusammen tun und mit Hilfe der Profis einen Weg gehen wollen, kriegen mit intensiven Fragen zu tun. Weil gerade das Geheimnis des Selbst im Mittelpunkt steht, funktionieren Rezepte nicht. Die Tatsachen des Lebens müssen jeden Tag neu entdeckt & die Beziehungen zwischen den Beteiligten jedes Mal neu erlebt und verstanden werden.

So aber wächst ein Selbst nach dem anderen in die Welt hinein.

(Mit dank an Sophie Pannitschka)

17.05.2008

Was Samuel heute Sammy sagt. Über die Welle der Würdigkeit

"Lieber Sammy, ja, du bist noch immer da. Ich sehe dich im Wohnzimmer unserer Eltern stehen – erstarrt & ratlos. Du schaust von rechts nach links, die Ereignisse laufen aber von links nach rechts. Du bist im Gegenstrom der Zeit gefangen, oder besser gesagt: im Stau zwischen Zukunft und Vergangenheit. Nein, ich wüsste noch immer nicht, wie dich zu befreien. Vielleicht fange ich aber an, dich zu erreichen? Ja, du hörst mich.“

„Vielleicht ist es so, dass du immer elf geblieben bist? Oder soll ich mir die Frage stellen: ist Sammy immer elf geblieben? Wer soll eine Antwort geben? Ich oder du? Oder die Person in der Tarnkappe?“

„Sammy, du bist eine Welle. Mir scheint es so zu sein, dass du wie eine Welle in mir immer im Kommen bist, genauso wie Freundschaft & Gemeinschaft & Wahrheit immer im Kommen sind. Einerseits bist du erstarrt und fixiert, andererseits aber trittst du in Erscheinung als eine Bewegung am Horizont. Und wenn ich Angst habe, meine ich: Sammy ist ein Tsunami – er wird mich bald erschüttern!“

„Ich sollte auf dich schauen, wie auf etwas was im Kommen ist. Deine kleine Gestalt im Wohnzimmer unserer Eltern ist höchstens ein Ankerpunkt, ein Signal in der bekannten Welt von etwas Unbekanntem, so wie eine singende Amsel am Abend viel mehr ist, als ein schwarzer Punkt auf einem Schornstein. Das Singen der Amsel deutet auf etwas, das aus der Nacht im Kommen ist. Hören wir nicht die Träume & Sehnsüchte & Vorsätze der Nacht?“

„Was hast du mit mir vor? Oder müsste ich sagen: was habe ich mit dir vor? Was ist die richtige Frage? Heute Morgen beim Aufwachen warst du auf einmal wieder da, wie eine Entzündung in meinem Bauch – eine kleine schmerzende Stelle zwischen Leber & Nieren & Galle. Es tat richtig weh, und ich dachte: Sammy ist wieder da. Und ich dachte wegen des Schmerzes: was ist mit Sammy los?“

„Ja, ich denke wegen des Schmerzes oft an Dich. So ist es mit dem Schmerz: in & durch & über den Schmerz können wir uns selber immer wieder ein bisschen besser kennen lernen. Aber nur wenn wir es wollen.“

„Beim Aufwachen heute Morgen wusste ich auf einmal wieder, dass du damals verliebt warst. Es gab ja Til, die kleine & leichte & rote Til-mit-Sommersprossen, die am Nachmittag nach der Schule immer wieder auf dich gewartet hat. Sie war oft verärgert, weil sie spürte, dass dir nicht klar war, dass sie auf dich wartete. Aber wie hättest du wissen können, dass auf dich gewartet wurde? Du wusstest doch nicht einmal, dass du existiertest?“

„Ist es letztendlich nicht Til gewesen, die dich zu dir gebracht hat? Du wirst dich bestimmt noch erinnern, was an diesem warmen Nachmittag im Mai geschah, als sie wieder auf dich gewartet hatte, und sagte: Komm Sammy, jetzt machen wir es... Und du hattest keine Ahnung wovon sie sprach, sagtest aber: Klar, jetzt machen wir es... Til hat deine Hand genommen und dich in den Park geleitet.“

„Komm, sagte sie immer wieder... Und sie hat dich im Park unter einen riesigen Rhododendron geführt. Erst schaute sie dir in die Augen und du hast gemerkt, dass ihr Blick voll & warm & weckend war. Irgendetwas Wichtiges und Lebendiges, so hast du gemerkt, gab es in diesem Blick. Und dann hat sie langsam deine beiden Hände genommen und auf ihre Brüste – die waren ja im Kommen! – gelegt. Und sie flüsterte: Jemand soll doch merken, dass es meine Brüste gibt! Und: Noch weiß niemand davon!“

„Und du hast die Brüste gespürt. Sie waren klein & glatt & fest. Und sie waren ein Geheimnis. Auch hast du gespürt, dass die Brüste Til gehören, und dass nur sie – nur ihre volle & warme & weckende Anwesenheit – dir die Brüste zeigen konnten. Ohne Til gibt es die Brüste nicht, so wie Til meinte, dass es sie ohne deine Berührung nicht gibt. Ist es nicht so, Sammy, dass du ihre Brüste noch immer im Gedächtnis deiner Hände spüren kannst?“

"Seitdem bist du heilig verliebt, bis zum heutigen Tag. Ja, um dich im Wohnzimmer deiner Eltern zu sehen und zu verstehen, müssen wir auch feststellen, dass du heilig verliebt bist. Du warst und bist noch immer erstart & verliebt. Und heute, Sammy, fallen mir ein paar Worte ein, die über dir und Til schweben. Die Worte sind: Welle der Würdigkeit."





09.05.2008

Das kleine Kind. Über Räume, Träume und Gegenstände.

In meinem Blog am 12.01.2008 habe ich etwas darüber geschrieben, dass in Kindergärten drei „Räume“ zu unterscheiden sind: ein physischer Raum, ein Raum in der Zeit und ein sozialer Raum.

Ich werde in den kommenden Wochen in meinen Blogbeiträgen versuchen die Frage anzugehen, wie die drei Räume für das Kind unter drei gestaltet werden könnten. Mir scheint diese Frage deswegen dringend zu sein, weil ich den Eindruck habe, dass das Denken über Tagesstätten für Kinder unter drei, stark von den Vorstellungen ausgeht, die in Bezug auf Kindergärten leben. Eine Kindertagesstätte scheint wie ein Kindergarten zu sein, der nur in der Zeit nach vorne verschoben ist.

Was aber für Kinder ab drei richtig ist, gilt nicht unbedingt für Kinder unter drei. Zwischen einem Kind von fünf und einem Kind von zwei Jahren liegen ja Welten. Das Denken über die Gestaltung der Tagesstätten für Kinder bis drei müsste beim Kind von null bis drei beginnen.

Ich fange mit dem ersten Raum an, dem physischen. Dabei lasse ich mich durch Henning Köhler inspirieren. In seinem Integrationskurs – das in Zusammenarbeit mit dem Kölner Seminar für Waldorfpädagogik stattfindet – hat er letztes Wochenende über eine „spirituelle Entwicklungspsychologie“ gesprochen. Ausführlich hat er die "Grundbedürfnisse" beschrieben, die in den ersten vier Lebensjahren des Kindes auf dem Vordergrund stehen. Mir wurde deutlich, dass seine Ausführungen interessante Konsequenzen für die Gestaltung der physischen Räume haben.

Ein kleines Kind ist völlig & völlig & völlig orientiert auf das sich Hineinleben in die Welt der Gegenständlichkeit. Seinem Wesen nach kennt das Kind die Wirklichkeit der Gegenstände gerade ganz und gar nicht. Das Kind ist von Gegenständlichkeit weit entfernt. Es „befindet“ sich träumend in einem undifferenzierten Zustand-des-Seins, in dem zum Beispiel Raum und Zeit keine Rolle spielen. Die inneren und äußeren „Bewegungen“ des kleinen Kindes sind völlig frei, ungezielt und ohne eine festgelegte Bedeutung.

Der französische Phänomenologe Maurice Merleau-Ponty spricht in diesem Zusammenhang aufschlussreich über Träume. Er meint, dass das kleine Kind „am Anfang seine Träume in die Dinge, seine Gedanken in die Anderen verlegt und mit diesen gleichsam einen gemeinsamen Lebensblock bildet, innerhalb dessen die verschiedenen Perspektiven sich noch nicht unterscheiden.“ (Und er meint dazu, dass diesbezüglich die Philosophie sich „dem Problem der Genese ihres eigenes Sinnes“ stellen muss.)1

Man kann das an kleinen Kindern beobachten. Wenn ein Kind auf einem Parkplatz aus dem Auto gehoben und auf seine wunderbar wackelig-stabilen Beine gestellt wird, befindet es sich nicht auf einem Parkplatz, sondern einfach in einem Raum. Es steht eine Weile in seinem Stehen, so wie ein Baum sich in seinem Stehen befindet, schaut herum ohne richtig zu schauen, und fängt dann „auf einmal“ an zu gehen. Das heißt, es bewegt seine Beine in eine unbestimmte Richtung – und „befindet“ sich einfach in seinem Gehen. Dann hört es „auf einmal“ auf zu gehen, plumpst charmant-elegant auf seinen Po, spürt, dass seine Hand „etwas“ berührt und bringt dieses „etwas“ selbstverständlich und wie in einem Traum an seinen Mund – ja, einen runden Stein genauso wie eine saftige Erdbeere.

(Der Vater ist aber schon dabei ihm den Stein abzunehmen, weil Steine auf Parkplätzen einen schlechten Ruf haben – es heißt, sie wären meistens nicht sauber. Das berühmte Reinheitsgebot in Deutschland hat sich mittlerweile über alle Aspekte des Lebens ausgebreitet.)

Was heißt das für die Einrichtung einer Tagesstätte für Kinder unter drei? Es heißt meines Erachtens erstens, dass es da Steine, Äste, Holzblöcke, Kastanien, Kieferzapfen, Wasser, Sand, Töpfe, ja, alte und robuste Schreibmaschinen, Lenkräder und Gießkannen aus Blech geben sollte. Und vieles anderes mehr. Es heißt zweitens, dass die Gegenstände sich frei, aber nicht unorganisiert im Raum befinden. Entscheidend scheint mir zu sein, dass die Kinder einerseits einen freien Zugang zu den Gegenständen haben, sich aber anderseits nicht in einem sinnlosen Chaos befinden. Vielleicht sind einfache, niedrige Regale hilfreich – möglich wäre aber auch eine Art Blume mit „Blüten“ zu gestalten: in eine Blüte die Steine, in eine andere die Äste, in noch eine andere Wasser, usw. In der Mitte könnte ein Kreis sein, in dem die Kinder sich frei bewegen können.

Etwas Drittes kommt aber dazu. Die Erwachsenen sind gerade NICHT da um die Kinder zu „betreuen“ oder eben zu „bewachen“. Die Erwachsenen sind für sich selber da, das heißt, sie machen ihr eigenes Ding. Ein Mann näht gerade eine Hose oder übt Gitarre, eine Frau schreibt einen Brief oder malt ein Bild oder drückt sich die Daumen. Die Erwachsenen sind tätig. Und die Kinder erleben, dass auch für die Erwachsenen das Leben und die Welt eine sinnvolle & spannende & höchst interessante Angelegenheit ist, genau so wie die vorhandenen Steine & Äste & Schreibmaschinen sinnvoll & spannend & interessant sind.

Ich behaupte, dass auf diese natürliche Art und Weise aus den Kindern intelligente & sorgsame & leidenschaftliche & kreative Naturwissenschaftler, Künstler, Unternehmer, Krankenschwestern, Gärtner und Journalisten werden. Nicht die Erwachsenen und auch nicht die implizit definierten Räumlichkeiten, sondern das Leben & die tausend Möglichkeiten werden zeigen, wozu die Kinder gemeint sind. Die Einrichtung des Raumes müsste erst mal auf dieser Ebene gerade keine Aussage machen, das heißt, dass im Prinzip alles Mögliche vorhanden ist.

Die Kinder werden in & aus & mit der Vielfalt sich selber gestalten.



1 Maurice Merleau-Ponty: Das Sichtbare und das Unsichtbare. München, 1986, Seite 28.

05.05.2008

Die Fragestellung der Kleinkindbetreuung ist sexy. Antwort an Michael Eggert

In seinem lesenswerten, oft sehr interessanten und ideologiefreien Blog (www.egoisten.de) reagiert Michael Eggert auf meine Behauptung, dass der gesellschaftliche Wunsch nach Kinderbetreuung in einer Sehnsucht nach anderen Lebensverhältnissen und anderen Beziehungen liegt. Eggert: „Ich denke, die primären Gründe sind schlicht das sinkende Realeinkommen von Familien, die ständig steigenden Anforderungen in den Berufen, aber auch die Gefahren des Abgleitens in den Berufen, bedingt auch durch ständige Umwälzungen darin. Die veränderten Lebenskonzepte und Rollen von Mann und Frau kommen nach meiner Beobachtung erst in zweiter Reihe.“

Michael Eggert macht also die Sache, wie das üblicherweise gemacht wird, an äußerlichen Umständen fest. Nun habe ich aber nicht gemeint zu sagen, dass diese Umstände keine Rolle spielen – sondern mein Anliegen ist es, vom „Kulturpessimismus“ (Eggert) weg zu kommen, der zwangsläufig entsteht, wenn Sehnsüchte ausgeklammert werden und das Handeln von Menschen als ein reines Reagieren auf materielle Parameter verstanden wird. Das heutige wissenschaftliche und politische Denken ist bis in alle Ecken durch diese Ansicht geprägt.

Menschen wollen immer etwas von-sich-aus, auch und vor allem wenn dieses Wollen gerade (noch) nicht in „veränderten Lebenskonzepten“ klar vor Augen steht. Es geht, so meine ich, gerade nicht um definierte Konzepte, sondern um Sehnsüchte. Eine Sehnsucht ist kein Konzept. Ein Konzept ist als solches mehr oder weniger bekannt und muss natürlich noch „umgesetzt“ werden; eine Sehnsucht ist aber auch ein Phänomen, dass mit Jacques Derrida immer wieder und immer wieder nur „im Kommen“ ist, so wie zum Beispiel auch die Freundschaft immer wieder nur „im Kommen“ ist.

Ich behaupte, dass die Fragestellung der Kinderbetreuung SEXY ist. Den Wunsch nach Kinderbetreuung an äußeren Umständen festzumachen, macht die Sache gerade dürr und trocken. Für etwas Saftiges wie Sehnsüchte & Willensrichtungen & Umwälzungen ist in dieser Sichtweise kein Platz. Und so ist es: die Fragestellung der Kleinkindbetreuung muss unter allen Umständen langweilig bleiben.

Michael Eggert nennt meine Sichtweise „pragmatisch“. Nun hatte das griechische „Pragma“ ursprünglich zwei Bedeutungen: Sache und Handlung. Wenn Eggert die zweite Bedeutung im Auge hat, bin ich einverstanden. Mich interessiert brennend, warum Menschen handeln wie sie handeln. Der Gedanke, dass Menschen handeln wie sie handeln, weil sie bestimmte Konzepte im Kopf haben, scheint mir den Ungeist-per-se zu repräsentieren. Was Menschen denken ist in der Regel weniger aufschlussreich, als was Menschen tun.

So etwas wie „reine“ Umstände gibt es im gesellschaftlichen Sinne nicht. In dem, was wir reine Umstände nennen (Karl Marx hat ja das ganze Leben auf reine Umstände reduziert – ich behaupte: in Europa wird zur Zeit marxistisch gedacht), lebt gewollter Widerstand und verborgene Innerlichkeit. Wir akzeptieren zum Beispiel kollektiv, dass jede Person das Recht oder eben die Pflicht hat, ihr Leben auf allen Ebenen in die Hand zu nehmen: kulturell, sozial-politisch und wirtschaftlich. Das Selbstbild – oder vielleicht besser gesagt: die Vorstellung der eigenen Biographie – kriegt dadurch eine völlig andere Bedeutung.

Die Schattenseite ist klar und heißt: jeder für sich und Gott gegen alle (Werner Herzog). Nicht nur die Götter ziehen sich zurück, sondern, auf der wirtschaftlichen Ebene auch der Staat. Die Lichtseite gibt es aber auch, und sie heißt: jeder Mensch ist der Künstler & der Unternehmer seiner Biographie. Ich meine, dass die gesellschaftlichen Veränderungen nur zu verstehen sind, wenn die Sehnsucht nach biographischer Identität bei Müttern & Vätern & Kindern & Freunden & Erziehern als verborgener Drahtzieher anerkannt wird.

Mit Dank an Sophie Pannitschka

Text von Michael Eggert: http://www.egoisten.de/files/kleinkinder.html