11.03.2011

Fragmentarisches zu einer Kultur des Herzens. Über Gefühle

In einer Kultur des Herzens wird der Ausgangspunkt des Handelns in den Lebensfragen des Einzelnen gesucht. Und wie es so mit unserem Herzen ist: es ist auch das Organ der Sehnsüchte, will deswegen nie alleine sein, das heißt: es will berührt werden. Eine Berührung ist immer eine Berührung zwischen mir und „etwas“, sei es zwischen mir und einer Landschaft, einem Ort, einer Idee, einem Lebewesen, einem Kollegen, einem Freund.

Begegnungen und Beziehungen werden in einer Kultur des Herzens als Quellen, Bausteine und Werkstätten verstanden. Was zwischen Menschen lebt und webt ist nicht einem abstrakten Ziel untergeordnet, einem bereits formulierten Missions-Statement oder einer vernünftigen Strategie, sondern gilt als Ansatz zu einem Vorsatz. Im immer wieder aufs Neue verwirrenden Gewebe der Gegebenheiten des Lebens wird vor allem nach dem Punkt der inneren Berührung gesucht: was spricht das Herz?

Weltanschauungen, Ideologien und Religionen werden in einer Kultur des Herzens mit Vorsicht genossen. Die Frage, ob jemand sich für einen Christen, einen Marxisten, einen Konstruktivisten, eine Feministin, einen Anthroposophen oder einen Muslim hält, ist zweitrangig. Nicht was man meint, was eine Lehre beinhaltet, ist Ausgangspunkt des Handelns: Wahrheiten sind zum Navigieren da, um Bestimmungen zu erkennen und ins Auge zu fassen, nicht um sie festzulegen.

Die Beschäftigung mit der Wahrheit ist in einer Kultur des Herzens eine sensible Angelegenheit, die nicht vorschreibt, was man in seinem Herzen spüren soll, sondern umgekehrt gerade dabei hilft, delikate Gefühle zu verstehen. Wahrheiten „repräsentieren“ etwas, das heißt: sie stellen vor, reflektieren, spiegeln; sie kreieren eine heilsame Distanz zu Gefühlen und ermöglichen deswegen etwas Doppeltes:

Sie befreien bestimmte Gefühle vom Ozean der Emotionen, erkennen sie an und verleihen ihnen das Recht auf Existenz, bekräftigen also, was vorher noch vage und unbestimmt war; und sie garantieren die Freiheit der Wahl, gerade weil sie die Gefühle halbwegs zu einem Gegenüber machen. Mit Hilfe der Wahrheit macht man sich von seinen Gefühlen frei, um sich ihnen dann souverän zu widmen – oder sich von ihnen abzuwenden.

Auch wenn Gefühle in einer Kultur des Herzens die eigentlichen Phänomene der Aufmerksamkeit ausmachen, ist sie nicht romantisch im üblichen Sinne; in einer Kultur des Herzens wird Romantik „erwachsen“, wie es der englische Anthroposoph Owen Barfield in seinem Romanticism comes of age formulierte.

Die Schattenseite der Romantik – schwelgen in subjektiven Empfindungen – wird gerade in einer Kultur des Herzens erfolgreich überwunden, und zwar dadurch, dass Gefühle im Umgang von mir zu mir und in der Begegnung von mir zu Dir nicht nur geprüft, sondern auch „gereinigt“, oder vielleicht besser gesagt: als sauberes Gefühl befreit werden.

Die Nähe von mir zu mir und von mir zu Dir ist die innere Werkstatt einer Kultur des Herzens, dort können sich unsere Emotionen und Gefühle verwandeln. Das Lauschen auf delikate Regungen in unseren Herzen, auf die oft verborgenen Sehnsüchte und Ahnungen, die spontanen Berührungen, die sanft-süß-bitteren Stimmungen, die uns jeden Tag wieder erwischen – all das konstituiert und bestätigt eine Kultur des Herzens. Die inneren Regungen machen immer eine Aussage über meine Beziehung zur Welt, zu den Menschen, zu den Sachen, die zu mir gehören. Im Gefühl und nur im Gefühl wird die Welt zum Ereignis.

Kommentare:

Ernst Seler hat gesagt…

Lese immer wieder gerne die Gedanken, neue Ansätze, sich "Selbst" auszuloten.

Wir holten Holz aus dem Wald, diese Tage. Da stand "Ich" am Waldrand, war verwundert, denn unerwartet "sah" ich, wie Nebel an mir in den Wald hinein in großer Schnelligkeit dahinzogen. Schloß verwundert die Augen, Sinnestäuschung?!
Nein, da waren diese Nebel und kündigten meinem Herzen große Dinge, welche die Menschheit erwarten, nicht nur meine Person.
Nächtlich hatten sich zuvor dramatische Bilder ergeben, es ist ein Ringen um das "Ich Bin".
Können Gefühle "sauber" sein?! Schwingt da nicht die Gefahr der moralischen Keule doch mit. Dürfen wir fragen, sind Gefühle echt, auch wenn sie "unsauber" sein mögen. Was flüstern wir unserer Geliebten Person nicht sehnsuchtsvoll ins Ohr, was keine Öffentlichkeit wissen darf?!
Am 18.März entscheidet das Europäische Gericht für Menschenrechte. Es ist ein Schicksalstag auch für Rudolf Steiner. Sein Werk, sein Impuls der Echtheit des Herzens. Europa selbst steht auf dem Prüfstand. Wird der Gott des Alten Testamentes, der "unsaubere" Gott endlich abgeschafft?! Der von Lievegoed prophezeite Geisteskampf, das Ringen der Geistigen Welten, versetzt ins Menschen-Ich. Heraus aus dem Gruppen-Ich, auch dem anthroposophischen Gruppen-Ich.
Es sind Tage der Bewährung für das Wir und das Ich.

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

Es ist interessant, was nach Rudolf Steiners Aussage nachtodlich von uns bleibt: Es ist neben einem Extrakt des Ich - als Entelechie über die Reihe der zurückgelegten Inkarnationen gewoben - vor allem unser Gefühls- und Willenswesen.
Dies zeigt: Gefühle sind wichtig und das ernstnehmen der Gefühle ist richtig.
In einer Kultur des Herzens gehören diese an die Seite der "Metaphysik des Herzens", damit nicht reine Theorie bleibt, was nur als reale Lebenstatsache seine Berechtigung finden darf.

Herzlich,

Michael Heinen-Anders

Anonym hat gesagt…

DU BIST DAS GEDICHT

Du bist das Gedicht
das ich nicht dichten kann.
Ich lese es in deinem Gesicht
wo es im Licht deiner Liebe
erscheint.

Ich meinte
ich konnte
auf deine Poezie verzichten.
Sie aber, lässt sich nicht schlichten
in dem ich sie verneine.
Ohne dich ist sie da
und umarmt mich in der Stille.
Sie reimt sich die Welt
zurecht,
die sich im Dienst der Liebe stellt.
Sie ist es,
die mich in den Armen hält.
Sie gesellt
mich bei Tag,
gesellt mich bei Nacht.
Sie hat mich in ihr erwacht,
und sanft in ihren Bann gebracht.
Sie führt mich an dem Gedicht heran,
das sich lange im Verlangen
an dir hat entfacht.

Es lacht
mit deine Lippen,
es liebt
mit deine Augen,
es wärmt
mit deine Armen,
es ist
mit deinem Körper,
dicht wie das Leben,
dicht wie die Liebe,
dichter noch als du
dem Dichter bist.

Du bist das Gedicht
das ich nicht dichten kann.
Denn so schlicht, so dicht
kann sicherlich nur
die Liebe
selber sein.

Huub.