06.03.2011

150 Jahre Rudolf Steiner. Was ich ihm verdanke

Als ich die Beiträge in den deutschen Zeitungen über Rudolf Steiner las, stellte ich mir die Frage: Was habe ich dem „großen Geistesforscher“ eigentlich zu verdanken? Und: Wie würde ich meine Beziehung zu ihm beschreiben? Ich werde versuchen, beide Fragen zu beantworten.

Ich habe Rudolf Steiners Arbeit über die Drogen kennen gelernt. Ich war damals zwanzig Jahre alt, rauchte gerne Haschisch und Marihuana, experimentierte bescheiden mit LSD und anderen Halluzinogenen, und war generell an „außerordentlichen“ Erfahrungen interessiert. Mit meiner halluzinogenen Neugier ging eine Liebe vor allem für die englischen romantischen Dichter einher: Blake, Wordsworth, Coleridge, Shelley, Keats... Brennend interessierte mich die Biographie von Samuel Taylor Coleridge, der von Laudanum abhängig geworden war.

Einer meiner damaligen Lehrer sorgte sich um mich und schenkte mir ein Buch von Rudolf Steiner: „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten“. Die Inhalte des Buches trafen mich tief. Der Autor sprach von geistigen Welten und dementsprechenden Erfahrungen, die ich sofort wiedererkannte. Steiner weckte in mir eine Frage und einen neuen Blickwinkel auf die Welt, die meinen weiteren Lebensweg entscheidend geprägt haben.

Die Frage lautete: Sind die „außerordentlichen“ Erfahrungen, die mich so stark beschäftigten, einfach als ‘durch „komische“ Substanzen hervor gezauberte Illusionen‘ zu betrachten, oder beziehen sie sich auf reale „geistige“ Vorgänge, auch wenn sie diese Vorgänge vielleicht verstellt darstellen? Die Frage ist eine SEHR große Frage, vor allem, wenn man sie von Drogen loslöst. Sie betrifft im Grunde genommen den Status unserer Vorstellungen, Phantasien und Imaginationen. Ich fand in Steiner einen Verwandten von Coleridge, der meinte, dass unsere imaginativen Kräfte eine Fortsetzung der göttlichen Schöpferkräfte auf Erden sind.

In seinem Buch macht Rudolf Steiner deutlich, dass in jedem Menschen die Fähigkeiten schlummern, sich souverän – also ohne Hilfe von außen, zum Beispiel ohne Drogen – in die geistige Welt hinein zu begeben. Diese Behauptung von Steiner hat mir damals die Kraft gegeben, mich von den Halluzinogenen zu verabschieden. Weil meine diesbezüglichen Sehnsüchte damals richtig groß waren, scheint es mir im Nachhinein nicht übertrieben zu sagen: Ich verdanke Rudolf Steiner mein Leben.

Und ich verdanke ihm einen Diskurs, der mich von damals an bis zum heutigen Tag, beschäftigt. Wenn ich auf die Vorstellung verzichte, dass die Bilder, die immer wieder in mir auftauchen, lauter Illusionen sind, stellt sich die Frage: Wie sieht das Leben aus, wenn ich diese Vorstellungen ernst nehme? Man könnte es auch anders sagen: Was bedeutet es eigentlich, Träume und Imaginationen ernst zu nehmen?

Nach vierzig Jahren kann ich sagen: Rudolf Steiner hatte recht, als er schrieb, dass die von ihm genannte „geistige“ Welt, auf einer Art „Ordnung“ beruht – mir fällt im Moment kein besseres Wort ein – die man allmählich kennen lernen kann. Die Ordnung ist so überzeugend, dass der Gedanke, dass sie nur auf Illusionen beruhen könne, seine Kraft verliert. Es ist, als ob man in einem Regenwald umher geht, und immer wieder die gleichen Bäume, Pflanzen, Tiere und Insekten sieht, und dann zu hören bekommt: Der Regenwald existiert gar nicht!

Man kann den Regenwald allerdings nur dann wirklich kennen lernen, wenn man sich in ihn hinein begibt. Die „Systematik“ überzeugt nur, wenn sie zur Erfahrung wird. Ich betrachte dieses „immer wieder suchen“, dieses „immer wieder einen Zugang finden“, dieses „mich immer wieder in der Sprachlosigkeit-des-Geistigen neu zu finden“, als eine entscheidende Bereicherung meines Lebens.

Rudolf Steiner hat auch vieles gesagt und getan, was ich nicht verstehe, manchmal auch nicht nachvollziehen kann. Ich behaupte allerdings, nicht im Stande zu sein, seine Person und seine Arbeit in der Tiefe beurteilen zu können, nehme mir allerdings die Freiheit, mich von ein paar Dingen zu distanzieren. Seine Aussagen über die „gelben“, „roten“ und „schwarzen“ Rassen zum Beispiel, finde ich peinlich daneben. Und ja, auch finde ich, dass diese Äußerungen nicht als nebensächlich abzutun sind.

Rudolf Steiner hat sich mit vollem Verstand und leidenschaftlich als Künstler-Forscher in die Welt des Unsagbaren gewagt, und er hat versucht, Worte für Sachen und Vorgänge zu finden, die sehr viele Menschen spüren, ohne sie greifen zu können. Die Art und Weise, wie er sich dieser Aufgabe gewidmet hat, ist mir ein großartiges Vorbild. Und die Art und Weise, wie er manchmal tragisch missverstanden worden ist, ist mir ein Schmerz, der mich freundschaftlich mit ihm verbindet.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Danke sehr! Nitta, aus Berlin

Andrea hat gesagt…

Danke auch! Andrea aus Graubünden

Andrea hat gesagt…

Mein Kennenlernen von Rudolf Steiner, geschah mündlich in zwei Etappen: Erst einmal bei einem Streitgespräch zwischen einer Gartenbaulehrtochter und einem weiss nicht wer gescheiten Behaupter. Sie stritten ob der Garten, das Feld umgegraben, gepflügt werden sollte oder nicht. Also nach dem Biologisch Dynamischen musste ich suchen, das wurde mir klar während diesem Gespräch.
Die zweite Etappe war dann als ich den Studentenarbeitskreis gefunden hatte und das erste Mal dort zuhörte und teilnahm und ich gesagt bekam bevor ich verabschiedete "so nun sagt sie nur Tschüss und nicht Auf Wiedersehen" Sie meinten ich käme bestimmt nicht wieder. Ich muss wohl nach zwei Stunden Theosophie lesen und Gesprächen zuhören ziemlich mitgenommen und benebelt ausgesehen haben. Der Heimweg dann war auch sehr merkwüdrig, die Bäume, "der Regenwald" waren also mehr als nur so sichtbar vorhanden, sie waren auch noch geistig anwesend.
Ich bin natürlich die Woche darauf wieder hingegangen, mit solchen Bemerkungen lies ich mich nicht klein kriegen!
Es verging dazwischen viel Leben
bis ich durch dein Buch, Jelle, Mittendrin hier und jetzt, dann wirklich auch Freundschaft schliessen konnte mit Ihm, Rudolf Steiner, so wie ihn du dort beschrieben hast konnte ich ihn mir vorstellen als Mensch und von da an erwärmten und begeisterten mich die Vorträge, die ich zu lesen bekam und sprachen mich tiefer oder direkter an als je zu vor. Herzliche Grüsse Andrea

Jelle van der Meulen hat gesagt…

Liebe Andrea, danke für deine Beschreibung! Und ja, auch ich habe nie Tschüss sagen wollen, obwohl ich manchmal verzweifelt war. Und öfters habe ich gedacht: Wie hätte es nach einem realen Begegnung mir Rudolf Steiner ausgesehen? Gerne, gerne, gerne würde ich mal ein Stündchen mit ihm reden können, über dies und jenes...

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

Rudolf Steiner bleibt auf immer mit seinem Werk verbunden, auch wenn er sich mutmaßlich erneut "im Westen" (gemeint ist Amerika) inkarniert hat. Den Weg zu ihm findet man durch seine Werke.
Wie war ich doch erstaunt als 19-jähriger, als ich durch glückliche Umstände angeregt, 1979 seine Werke zu studieren begann. Es leuchtete mir unmittelbar ein, dass die geistige Welt und Ebene ebenso wirklich ist, wie die physische.
Und auch seine Gedanken über die Weltentwicklung schienen mir sofort logisch - ja das von ihm vorgetragene und geschriebene Werk beanspruchte eine unmittelbare Evidenz.
Nachdem ich anschließend zwar einzelne Anthroposophen kennenlernte, aber mit ihnen nie so richtig warm wurde, war für mich das Seminar von Jelle über die "Rettung der Seele" (von B. Lievegoed) auf Santorin eine unmittelbare und bis in das äußere reichende geistige und menschliche Erfahrung mit wirklich außerordentlich beeindruckenden Menschen. Ich bin Jelle und der damaligen Organisatorin und Veranstalterin Cornelia Härtelt immer noch sehr dankbar für das, was ich damals dort als Anthroposophie aufnehmen durfte.
Mein Weg führte mich anschließend weiter - aber immer weiter voran
beim Erkennen der Wahrheit und Wahrhaftigkeit im Werke Rudolf Steiners. War ich vorher hin- und hergerissen, ob ich ein Anthroposoph wäre, so war mir seit dem Sommer 1994 sehr deutlich: Ich bin ein Anthroposoph - gewissermaßen 'mit Haut und Haaren' und bis in die Knochen hinein...

Herzlich,

Michael Heinen-Anders

Ernst Seler hat gesagt…

Lieber Jelle van der Meulen,
es ist mutig von den jugendlichen Drogenerfahrungen zu berichten. Es fiel ein, in Asien wird in bestimmten Traditionen dem angehenden Schüler mit Hilfe von Drogen ein erster, realer Eindruck von "Geistigen Welten" vermittelt. Der angehende Schüler hat dann bereits eine lebendige Erfahrung vom Ziel.
Dies geschieht unter fachkundiger Anleitung. Ihre Experimente gingen letztlich gut aus.
Bedauerlich finde ich Ihre Worte zum Schluß zu den Rassen, den Ansichten Steiners. Wer seine vielen Hinweise zu dem Thema kennt, der weiß, Steiner sieht in der Überwindung der Rassenunterschiede das Ziel, welches durch Christus in uns veranlagt ist. Wie er etwa die Völker, ihre Unterschiede in den Temperamenten erklärt, Franzosen, Italiener, Engländer, wird nicht umhin kommen, zu erkennen, Steiner spricht aus tiefer Erkenntnis der Zusammenhänge, wie etwa "Luft" verschieden erlebt wird. Das Zusammenspiel der Unterschiede, ja das "Zurückbleiben", hat seine Berechtigung, Sinn. Herr K.Th. Willman sprach zu mir, der ich damals eine Zeit lang mit der Hare Krsna-Bewegung verbunden war, es wirken dort "Verwesungskräfte". Es werde dieses in der Zukunft sich wieder mit der Hauptströmung der Menschheit verbinden. Verwesung, das klingt erst einmal negativ und hat doch seinen Sinn, vor allem wenn Steiners Hinweis beachtet wird, in Krsna wirkte die Wesenheit des Christus.
Wenn "wir" tiefer gehen, auch mit den scheinbaren Widersprüchen bei Steiner, hinsichtlich der Rassen, dann spüren wir "seine" Liebe, sein Ringen zur Menschheit....