17.10.2010

Vögel als Freunde. Über die Elster, das Rotkehlchen und die Kohlmeise

Ich bin durch und durch ein Stadtmensch, und habe für mich festgestellt, dass ich damit auch gerne kokettiere. Mir geht es nach längerem Verweilen auf dem Land oder im Wald so, dass ich mich wieder nach der Großstadt sehne. Ich mag die Welt der Kioske, Kneipen, Straßenbahnen und Supermärkte. Die Nähe zu Bäumen, Pflanzen, Wiesen, Bächen und Tieren ist mir nicht gegeben; um eine innere Beziehung dazu herzustellen, muss ich in der Regel etwas tun. Um es auf einen Punkt zu bringen: Land und Wald wirken auf mich (leider) wie Museen: dort findet man schöne-aber-alte Sachen, die mit der Gegenwart nur wenig zu tun haben.

Eine klare Ausnahme sind die Vögel. Seit meiner Jugend pflege ich eine intensive Beziehung zu beispielsweise der Amsel (für mich heißt sie noch immer „merel“). Wenn ich als Kind abends am offenen Fenster saß und vor mich hin träumte, sang sie vom höchsten Punkt der Dächer aus ihren leicht melancholischen Gesang. Sie schien sich von demjenigen zu verabschieden, was auch mich ein bisschen traurig machte: dem Tag der hinter uns lag. Gleichzeitig sehnte sie sich nach etwas, was gerade im Kommen war: der Nacht. Mein Großvater nannte die Amsel, den „Singvogel der Stadt“. Es wäre denkbar, allerdings wahrscheinlich nicht ausführbar, mein Leben als eine Reihe von stillen „Sitzungen“ mit der Amsel zu beschreiben.

Vögel... Vor ein paar Wochen schickte mir eine gute Freundin aus der Schweiz (Andrea, sei herzlich gegrüßt!) drei kleine Büchlein mit drei kleinen Titeln: „Das Rotkehlchen“, „Die Kohlmeise“ und „Die Elster“. Die Büchlein, nur ein wenig größer als Bierdeckel, beinhalten kurze Texte und kleine Zeichnungen, die allerdings Türen zu großen Welten öffnen. Als ich sie gelesen hatte, war ich nicht nur begeistert, sondern auch bereichert: ich hatte ein paar neue Freunde bekommen. Die Büchlein sind als „adamitische“ (Walter Benjamin) Beschreibungen von „Wesenheiten“ zu bezeichnen. Kleine Welten werden auf einmal groß, einfach dadurch, dass zwei Menschen (Text: Wolter Bos; Zeichnungen: Johanne Hoek) sich liebevoll um etwas kümmern, was meistens nicht beachtet wird.

Zur Elster hatte ich schon eine Beziehung, das wird im zwanzigsten Kapitel meines Buches Herzwerk beschrieben. Mir war schon bekannt, was in mir geschieht, wenn ich den stolzen und frechen Bewegungen und krächzenden Geräuschen der beiden Elstern – man sieht sie meistens in Paaren – in mir „wiederhole“: sie verknüpfen Ignoranz mit Souveränität, eine fast unmögliche Leistung... Die Elstern sind beides: scheu und brutal, und auch in den Farben ihrer Erscheinung verraten sie, dass sie Widersprüche vereinen: tiefes Schwarz und klares Weiß beziehen sich konfus auf einander.

Das Rotkehlchen war mir bislang noch nicht so richtig begegnet. Wolter Bos: „Eine Weile sitzt das Rotkehlchen fast regungslos da (auf einem herunterhängenden Ast einer Buche. JvdM), dann fliegt es plötzlich zielsicher zum nächsten Strauch, von dort zum Boden. Flink und gewandt durchquert es die im Bewuchs ausgesparten Zwischenräume. Aber immer legt es eine Bewegungspause ein. So geht es wach, aber ohne Hast und Lärm, seiner Beschäftigung nach“. [...] Während wir es dabei beobachten, zieht auch in uns Ruhe ein. Es ist, als wären wir in einen stillen, beseelten Raum eingetreten“.

Neben diesem Text gibt es eine Zeichnung von Johanna Hoek: einen herunterhängenden Ast mit zartem Grün, wie aus dem Frühling des Himmels – und auf dem Ast sitzt (steht entschieden, müsste man eigentlich sagen) das Rotkehlchen, mit einem Raum um sich herum, der dadurch als Raum erlebt wird, weil das Vögelchen sich so klar und still als „Zentrum“ anbietet. Nein, die Zeichnungen sind keine Illustrationen zum Text: sie bieten eine Übung für die Augen. Mein Tipp an Leser: versenkt euch erst in die Zeichnungen, und lest dann erst den Text.

„Das Rotkehlchen [...] macht, bei aller Beherrschung und Distanz, niemals einen kühlen Eindruck. Zwar lebt es in einem eigenen Raum, und ist darin sich selbst genug. Aber im Gegensatz zum Neuntöter schimmert bei ihm immer eine Art innere Beteiligung an seine Umgebung hindurch“. Und: „Der reichhaltige Gesang des Rotkehlchens [...] nimmt einen mit in eine innere Provinz, in der es Schweres und Dunkles gibt; aber das immer wieder aufgehoben wird in Leichte und Helligkeit“.

Der Autor und die Künstlerin sind bescheiden. Sie stellen sich in den Dienst einer Sache, der Sache der Vögel nämlich, oder besser gesagt: der Sache der Beziehung zwischen uns und den Vögeln. Was sie erlebbar – und damit auch „denkbar“ – machen, ist die Nähe als ein Raum geistiger Natur.

Was philosophisch ein schwieriges Thema ist, nämlich die Bedeutung unserer feinen Gefühle (ich meine nicht unsere Emotionen), ihren Status und ihre Aussagekraft zu zeigen, kurz: ihren „Wahrheitsgehalt“ zu beleuchten, kriegt in den einfachen aber treffenden Zeichnungen und Beschreibungen eine unmittelbare Evidenz. Es macht deswegen richtig Spaß, sich die Zeichnungen anzuschauen und die Texte zu lesen. Sie machen die Welt ganz schön weit.

Und die Kohlmeise? „Ein Mensch, der sich die Fähigkeit aneignen will, sich rasch im Raum umzustellen, muss zunächst alles Schwerfällige ablegen. [...] Vor allem muss er lernen, im Loslassen der bisherigen Bewegungsform bereits die nächste gegenwärtig zu haben. Das gelingt ohne Nervosität, wenn er innerlich schon vorher am Ziel ist. Gerade das ist die Präsenz im Umraum, welche für die Kohlmeise so bezeichnend ist. Es sind dies alles Fähigkeiten geistig-seelischer Art, die ein Mensch sich erüben müsste. Der Kohlmeise sind sie fertig gegeben. Sie fließen ihr aus der Zugehörigkeit ihrer Art zu. Ja, sie sind die Art“.

Die Büchlein können unter wolterbos@zonnet.nl bestellt werden, es gibt sie auf Holländisch und auf Deutsch.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Lieber Jelle,
Ja, es ist tatsächlich eine Frage: Warum gibt es Stadtvögel? Losgelöste von Großem, von "uralte Gesetze"? Gingen sie schon immer dorthin wo die Menschen sind? Andere Vögel meiden den Menschen. Bleiben in geschaffener
Zusammenhängen einer gewaltigen Natur.

Aber die Elster, die Amsel, das Rotkehlchen, die Kohlmeise, sie gehen mit. Mit denen, die nunmehr eigene Gedanken haben, Städte Gedanken, Elster-,Kohlmeise-, Amsel-, Rotkehlchen-artige Gedanken.

Die zartere Beobachtung an Vögel zeigt, dass sie gerade Gedankenartiges fein wahrnehmen.Denke ich eine Vogel richtig, dann meldet er sich in Kürze.
Ich machte solche Versuche und des öfterem mit erstaunlichen Begebenheiten.
Der Vogel reagiert auf Gedankenartiges außerordentlich empfindlich, viel empfindlicher als wir Menschen.

Ist es ein neugieriger,oder fest definierender Gedanke, sticht es ihm wie eine Federschacht auf der falschen Stelle,und er flieht davon. Es müssen Gedanken sein, die zwischen Zusammenhängendes Offen lassen, sich verknüpfen, sich entfernen, damit es bewegt, und die das Verhalten der Vogel selber im Tun einfangen.

Interessant ist es, das der Amsel sehr
geliebt wird von den Menschen in den Städten. Vielmehr als von denjenigen auf dem Lande. Dort bringt man sein Singen leicht in einem Verhältnis zum erquickenden, ordentlichen Brausen in hohen Wälder oder anderer Mächtigkeiten und Überrasschungen des Naturwillens.
Da kommt ihnen der allabendlich sich wiederholende Sang höchst langweilig,
bis zuweilen sogar nervig vor.

Aber für der Stadtmensch, in seine beleuchteten, warmen Innenräumen wo er sein ganz eigenes mit ander eigenes unter Menschen austauscht und ausziseliert, singt der Amsel Töne die seine Seelebewegung nahe sind.


Wie glücklich einen Stadtmenschen zu hören! Nur er vermag das Innere zu bemerken und es in Worte zu fassen, wenn er ein zum Objekt-gewordenes
in der Hand hält. Nicht alle Stadtmenschen, aber die, die mit Vogelsingen leben.

Ich danke dir lieber Jelle, deine Worte sind voll menschlicher Wärme und somit werden sie sicher, ja haben sie schon, Weiteres im Gang setzen/gesetzt.

Dir einen fortwährend anregende Widerhall auf all deine Logs wünschend, wer weiss auch einmal von mir, die sie nun auch gelegentlich wird besuchen, grüßt herzlich, Johanna Hoek

Anonym hat gesagt…
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Anonym hat gesagt…
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Anonym hat gesagt…
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Anonym hat gesagt…

Noch bist du da

Wirf deine Angst
in die Luft

Bald
ist deine Zeit um
bald
wächst der Himmel
unter dem Gras
fallen deine Träume
ins Nirgends

Noch
duftet die Nelke
singt die Drossel
noch darfst du lieben
Worte verschenken
noch bist du da

Sei was du bist
Gib was du hast

Rose Ausländer

Anonym hat gesagt…

Anbei einen Gruß von Parzival via Wolfram von Eschenbach - Parzival hat mit einer Elster zu tun...
und später mit (Grals)tauben.

Ist zwîvel herzen nâchgebûr,
daz muoz der sêle werden sûr.
gesmæhet unde gezieret
ist, swâ sich parrieret
unverzaget mannes muot,
als agelstern varwe tuot.
der mac dennoch wesen geil:
wand an im sint beidiu teil,
des himels und der helle.
der unstæte geselle
hât die swarzen varwe gar,
und wirt och nâch der vinster var:
sô habet sich an die blanken
der mit stæten gedanken.
diz vliegende bîspel
ist tumben liuten gar ze snel,
sine mugens niht erdenken:
wand ez kan vor in wenken
rehte alsam ein schellec hase.
zin anderhalp ame glase
geleichet, und des blinden troum,
die gebent antlützes roum,
doch mac mit stæte niht gesîn
dirre trüebe lîhte schîn:
er machet kurze fröude alwâr.
wer roufet mich dâ nie kein hâr
gewuohs, inne an mîner hant?
der hât vil nâhe griffe erkant.
sprich ich gein den vorhten och,
daz glîchet mîner witze doch.

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

DIE ELSTER

Frech fast
wie ein Rabe
und dennoch
manchmal scheu
stolziert und
horcht die Elster
in sich
in mich hinein.

Sie sucht nach
kleinen Fluchten
nach Orten die ganz
ausgedehnt
und labt sich
an manchen Worten
die eben ein Weiser
sprach.

(Michael Heinen-Anders)

Andrea hat gesagt…

Ich bin erfreut über die Wogen der Freude ausgelöst von den Vogelbüchleins, die ich nun nicht alleine lese sondern mit gleich mehr erfreuten Lesern und Vogelbeobachtern. Mercie vielmal

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

KÖLN IM TAUBENDRECK

Wohin man sich
auch wendet
etwa in Richtung
Dom
erleichtert sich
die Taube
der Tourist
filmt es mit Zoom.

(Michael Heinen-Anders)

Martin hat gesagt…

Lieber Jelle.
Vögel wie Gedanken -
Gedanken wie Vögel?
Ziehen sie mit den Menschen in die Städte -
oder bleiben sie bei den Menschen, obwohl die Städte immer größer werden um sie herum?
Ich habe das Gefühl, die Vögel in der Stadt verbinden uns mit den Vögeln der "freien" Natur, ziehen unsere Gedanken hinaus ins Freie, in die Weite.
Bei mir bewirken die Vögel auch gegenteiliges: sie bringen mich oft ruckartig in die Gegenwart zurück, geben mir deutliche Hinweise auf meine Umgebung. Vor allem das Rotkehlchen und der Zaunkönig sind meine "persönlichen" Vögel, sie sprechen mich an, wann immer meine sofortige Aufmerksamkeit nötig ist. Ich habe gelernt, auf sie zu hören / zu schauen. Immer wieder schaffen sie mir eine Verbindung zur geistigen Welt.

Herzliche Grüße
Martin

Sophie Pannitschka hat gesagt…

Vögel mit Wurzeln

Meine Worte sind Vögel
mit wurzeln

immer tiefer
immer höher
Nabelschnur.

Der Tag blaut aus
Die Worte sind schlafen gegangen.

Hilde Domin

Anonym hat gesagt…

Lieber Jelle,

ich erinnere mich, dass meine Mutter
(1913-2000) mir mal gesagt hat, dass die Amsel in ihrer Jugend nicht in der Stadt zu finden war und dass es ein Ereignis war, wenn man ihr tief in den Wald mal singen hörte.

Huub

Michael Heinen-Anders hat gesagt…

MEIST RÖHREN MOTOREN...

Nur morgens in aller Frühe
kann ich die Singvögel
rufen hören.
Doch der Stadtlärm
deckt bald wieder
alles zu.
Noch bis tief in die Nacht
höre ich nur Autolärm.
Der Amsel rufen
hört man nur auf
dem Lande noch zu.
Stadtlärm ebnet
alle feinen Klänge
ein, deckt alle Laute
wieder zu,
zu einem Einheitsbrei.
Die Lautmalerei der Vogelwelt
hat in der Stadt keinen
Artenschutz.
Meist röhren Motoren
und bellen Hupen, -
wie ein tollwütiges
nimmersattes Ungetüm.
Meist röhren Motoren,
es kreischen die Bremsen.
Lärm nimmt uns
die Luft zum atmen.

(Michael Heinen-Anders)

Anonym hat gesagt…

Hallo feiner Federfreund,
Dir sagen Kioske, Supermärkte und asphaltietrte Großflächen zu.
Ja Fein ein Poet des Unterganges, scheiß doch was darauf wenn alzu
alte Leute in alzu großen nutzlosen Autos durch dafür allzu klein gebaute
Straßen in Zeitlupentempo0 fahen.....

um mobil zu bleiben äußerlich, weil sie ja schon alles im Leben hergegeben haben um jetzt auch mal ungestüm , unvernünftig Konsumpunk zu Sein....

Was juckt da die vermeindlich freche Elster , das treue Rotkehlchen, menschenaffin?
Ihr Kiosk und Supermarkt Typen rockt die Welt runter , so sehr das SIe voll im Arsch ist, just in dem Augenblick in dem Ihr ablebt...

Denoch spielt Ihr so gene den Granny, den Hyperdaddy, bastelt an Oldtimern und zähmt die Ps eures SUV der mit 3 KHM sich eine Bordsteinkante hochquält.

Es gibt mehr nach Euch, z.b. die Scharia, z.b. die Erderwärmung und das Kippen der Demokratie richtung Oligarchie, dessen Familienwappen Ihr stolz auf den Hütchen eurer Unvernunft zur schau stellt.

Leuchten in Interlektueller sicht seid Ihr nicht, Ferratistis, Harleyteufel und Porsche prollos...

Zu mehr reichte Pisa bei Euch nicht.....

Schönes Leben noch du Rheinhero..